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Wege

Teil 12 - Kreisverkehr

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Mic warf das Aspirin zu seinen restlichen Einkäufen in den Rucksack. Am liebsten hätte er sofort eine genommen, aber das musste eben warten, bis er wieder zu Hause war. Danach würde er versuchen, noch ein wenig zu schlafen und dann zu Babs raufgehen. Und dann … er war sich keineswegs sicher, was er dann tun würde, und machte es einfach davon abhängig, wie es ihm dann gehen würde. Für ein Gespräch mit Richard, Jörn oder gar beiden fühlte er sich noch nicht bereit, wobei er hinter das „noch“ ein gedankliches Fragezeichen stellte.

Am Vormittag hatte Richard angerufen, aber es war ein kurzes Gespräch gewesen. Traurig hatte Richard geklungen, und Mic hatte gespürt, was er hören wollte, aber da war nichts gewesen, was er hätte sagen können. Schließlich hatte Richard gefragt, ob sie das wieder in Ordnung bringen könnten zwischen ihnen, und Mic hatte ehrlich geantwortet, dass er das gerade nicht wisse. Im Moment wusste er nicht einmal, ob er Richard überhaupt nochmal sehen wollte. Taub fühlte er sich, einfach wie innerlich abgestorben.

Er hatte nur funktioniert, hatte gefrühstückt, aufgeräumt, die zerwühlte Bettwäsche gewechselt, ein wenig an der Klausurvorbereitung gearbeitet, war jetzt einkaufen gegangen, aber all das war, als würde er jemand anders dabei beobachten. Irgendwie stand er neben sich bei all dem. Das einzige, was er jetzt deutlich spürte, war mal wieder hämmerndes Kopfweh.

Seufzend verräumte Mic seine Einkäufe, löste sich ein Aspirin auf und schmiss sich dann müde in sein Bett. Er war wirklich müde, wahrscheinlich saß ihm die Erkältung doch noch in den Knochen. Schlafen konnte er dennoch nicht, und das lag nur bedingt daran, dass der Schleimlöser wohl endlich wirkte und dem damit einhergehenden, ständigen Husten. Nach einer halben Stunde gab er entnervt auf. Immerhin war das Kopfweh fast völlig verschwunden.

Kurz nach fünf. Es war noch zu früh, um zu Babs raufzugehen, also setzte er sich an den PC, schaute seine Mails nach. Erstaunt zog Mic die Augenbrauen nach oben. Levin hatte ihm geschrieben, gestern Abend schon. Schnell hatte Mic die wenigen Zeilen überflogen.

„hey kleiner, wollt mal hören, wies dir geht. alles wieder ok zwischen dir und deinem richard? sorry nochmal, ich wollts echt nicht noch schlimmer machen.

ich bin durch mit der pantomime-sache, die kids waren echt cool. jetzt schreib ich an der projektarbeit.

ruf mal an, wenn dir nach quatschen ist. levin“

In der Signatur dann Adresse und Telefonnummern.

Mic grinste. Erstens war er größer als Levin und zweitens ein paar Jahre älter, aber Levin nannte ihn trotzdem „Kleiner“.

Bevor er es sich anders überlegen konnte, griff er zum Telefon, wählte die Nummer. Es dauerte eine Weile, bis Levin sich meldete. Im Hintergrund war Musik zu hören.

„Hallo Levin, hier ist Mic. Stör ich?“

„Hey, wart mal, ich mach mal Musik leiser.“

Dann:

„So, jetzt versteh ich dich. Wie is‘ bei dir?“

„Ich habe deine Mail bekommen.“

„Und? Alles wieder ok?“

„Nein, nichts ist ok.“

„Oh … Shit … Aber nicht wegen mir, oder?“

„Nein, nicht deswegen. Wie lief dein Projekt?“

„Ey, du lenkst ab. Sind die zwei wieder zusammen? Dein Richard und sein Ex? Wie hieß der Lockenkopf noch?“

„Nein … also ja … aber nicht so.“

Mic verdrehte die Augen, erzählte dann aber doch in kurzen Zügen, was geschehen war und was er erfahren hatte.

Levin lachte immer wieder mal, aber was hatte Mic auch erwartet? Levin hatte sich ja an jenem denkwürdigen Wochenende bereits köstlich über das amüsiert, was Mic so beschäftigte.

„Was hab ich gesagt?“, konstatierte er dann. „Ihr seid zu dritt.“

„Sind wir nicht. Sollen die zwei sich doch jemand anders suchen.“

„Hey, hey, langsam. Is‘ jetzt nich so geil, wenn du das übers Knie brichst.“

Mic schwieg. War ja klar, dass Levin die Idee toll fand. „Du Glückspilz!“, hatte er in Köln zu Mic gesagt.

„Ey, du klingst echt Scheiße, weißt du das?“

„Mir geht’s auch nicht besonders …“

„Nee, is‘ klar, denk ich mir.“

Und nach einer kurzen Pause:

„Sag mal … ich hab da ne Idee. Was hast denn du am Wochenende so vor?“

„Nichts, außer, dass ich ein Chamäleon zu betreuen hab. Meine Nachbarin fährt in Urlaub.“

„Ok … dann besser ich. Kannst du mich nachher vom Bahnhof abholen?“

„Hä?“

„Ich hab mich grad bei dir eingeladen. Dann können wir quatschen. Wart mal …“

Das leise Klackern einer Tastatur war zu hören.

„21:13 in Frankfurt. Geht das klar? Ich hab das Wochenende frei. Kannst auch zu mir kommen nach Bergisch Gladbach, aber wenn du Tierzeugs versorgen musst …“

Für einen Moment war Mic sprachlos. Levin wollte ihn besuchen? Andererseits – warum eigentlich nicht? Allerdings …

„Mir ist aber nicht nach Sex“, meinte Mic klarstellen zu müssen, was am anderen Ende der Verbindung ein lautes Prusten auslöste.

„Vergiss es. Dann komm ich nicht. Ey, hab ich was von Sex gesagt?“

„Ich wollt ja nur …“

„Hey, keine Panik. Dann holst du mich ab? Lass mich nicht wie blöd am Bahnhof rumstehen!“

„Ok. Danke. Ich freu mich. Eigentlich.“

„Yup, ich auch. Ich pack dann mal meinen Rucksack. 21:13, nicht vergessen. Bis heut Abend.“

Ziemlich überrumpelt legte Mic das Telefon zur Seite. Er würde also Besuch haben übers Wochenende. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er noch eine gute halbe Stunde Zeit hätte bis zur Drachenübergabe. Zeit genug, wenigstens noch schnell eine Kiste Bier zu besorgen. Und vielleicht irgendwas Essbares, das sich auf die Schnelle warm machen ließ.

Irgendwie freute er sich ja doch, Levin wiederzusehen. Da kannten sie sich schon das ganze Studium und hatten nie mehr als drei Worte gewechselt. Und jetzt, nach dem Wochenende in Köln, wollte er ihm Gesellschaft leisten, weil er gemerkt hatte, dass es Mic nicht gut ging. Irgendwie war Mic ganz gerührt, auch wenn er sich von dem Besuch nicht versprach, über seine Situation neue Erkenntnisse zu gewinnen. Levin schien ihm doch ein ziemlicher Kindskopf zu sein, aber Gesellschaft und Ablenkung waren ihm mehr als willkommen.

Vorher wollte er aber noch rausfinden, was mit Babs los war. Sie war wirklich komisch gewesen … ob sie wohl Streit mit Heather hatte?

 

Es roch nach Kaffee, als Mic Babs‘ Küche betrat.

„Na? Alles gepackt? Aufgeregt?“, begrüßte er sie betont locker.

Babs nickte nur.

„Kaffee?“, kam es dann ziemlich kurz angebunden.

„Gern.“

Mic beobachtete Babs, wie sie mit den Tassen rumhantierte. Eindeutig, sie sah irgendwie abweisend aus.

„Was ist los mit dir, Babs? Setzen dir die Teenies so zu?“, fragte er dann auch sofort, als sie zusammen am Tisch saßen.

„Du warst vorgestern schon so komisch. Stress mit Sofia?“

„Nein. Aber was war das für ein Mist mit dem Typen da in Köln? Richard war total fertig. Erst lässt du ihn am ausgestreckten Arm verhungern und dann krallst du dir direkt jemand anders? Und da fragst du mich, was mit MIR los ist? Was ist mit DIR los, Mic?“

Mic spürte Wut in sich aufsteigen.

„Ach ja? Deswegen war er fertig? Der Arme. Das tut mir aber leid. Ich bin auch fertig. Mit ihm.“

Platsch. Ein Müslikeks fiel Babs aus der Hand in den Kaffee, welcher sich in feinen Spritzern auf ihr, dem Tisch und auf Mic verteilte. Mit offenem Mund starrte sie ihn an.

„Wegen diesem Typen?“, fragte sie schließlich.

„Nein. Weil Richard mich die ganze Zeit belogen hat. Er und Jörn hatten vor, sich mich zu teilen. Die ganze Zeit. Das hab ich dann gestern auch gnädiger Weise mal erfahren.“

Mic wischte mit einem Taschentuch die schlimmsten Spritzer weg. Babs starrte ihn ungläubig an.

„Mach den Mund zu, Babs. So hab ich auch geguckt gestern.“

Schnell hatte Babs sich wieder gefangen.

„Na ja, dass er sich das vorstellen könnte, hat er ja wohl schon mal angedeutet.“

„Hätte man so verstehen können, ja, aber nicht, dass das Ganze so geplant war. Und vor allem nicht, dass sie nur jemanden suchen, der … wie hat Jörn das so romantisch ausgedrückt? Jemand, der gern den Arsch hinhält.“

Babs schüttelte heftig den Kopf.

„Ich glaub dir kein Wort. Kann ich mir absolut nicht vorstellen. Da hast du irgendwas in den falschen Hals bekommen.“

Mic lachte hart.

„Glaub mir, Jörn spricht eine sehr deutliche Sprache. Da war nichts falsch zu verstehen.“

„Jörn hat dir das erzählt? Und du glaubst ihm?“

„Richard hat es bestätigt. Er war schließlich dabei. Lass gut sein, Babs. Das Ungeziefer an Predo verfüttern schaff ich auch alleine. Sind noch genug von diesen Krabbeltieren da?“

„Mic, sorry, tut mir leid … aber ich kann mir echt nicht vorstellen, dass es Richard nur um deinen Arsch geht. Hast du da vielleicht grad nen Tunnelblick? Ich bin sicher, dass du Richard eine Menge bedeutest.“

Mic sah sich zu einer weiteren Erklärung gezwungen, so wie Babs seinen Versuch, das Thema zu wechseln, einfach ignorierte.

„Aber genau DAS war Richards und Jörns Plan. Tunnelblick … dass die sich nicht jemanden suchen, den sie zum Kotzen finden, ist doch klar. Das ändert aber nichts … Was ist jetzt mit den Heuschrecken? Muss ich die noch besorgen?“

„Ich fass es nicht. Und ich war echt sauer auf dich … tut mir leid.“

„Ich sag doch, lass es gut sein. Konntest du ja nicht wissen. Und das mit Levin … das war ein Ausrutscher. Kannst du mir ruhig glauben, da ist weiter nichts. Können wir jetzt bitte von was anderem reden?“

Babs schien zu zögern.

„Kommst du klar, Mic? Oder stürzt du jetzt wieder ab und knallst dich von morgens bis abends zu?“

„Ich komm klar. Und übers Wochenende hab ich Besuch von Levin.“

Babs Mine verfinsterte sich augenblicklich, als sie diesen Namen hörte.

„Also doch …“

„Nein. Nicht was du denkst. Nur zum Reden und ablenken. Ist ein lustiger Typ, ein bisschen schräg. Du würdest ihn mögen, glaub ich. Vielleicht können wir sowas wie … Freunde werden.“

„Hm. Wenn du meinst … versteh einer die Männer. Ich nicht.“

„Musst du ja auch nicht“, grinste Mic zurück.

Babs schüttelte noch immer den Kopf.

„Ich kann mir das einfach nicht vorstellen. Dann … hat Richard dir die ganze Zeit was vorgemacht?“

„Sieht so aus, oder? Ich habs gestern erst erfahren und brauche selbst noch ein bisschen Zeit, das alles zu verstehen. Also … muss ich noch Futter für Predo einkaufen?“

Babs drückte Mics Hand.

„Aber Richard wirkte so … wenn ich euch zusammen gesehen hab, dann kam da was rüber. Ich meine …“

„Babs!“, unterbrach Mic sie.

„Bitte. Mir fällt es auch so schon schwer genug, die Realität zu akzeptieren, aber ich komm schon klar. Wenn du willst, schick ich dir jeden Tag eine SMS, damit du dir keine Sorgen machst, aber lass uns jetzt davon aufhören, ja?“

„Jeden Tag? Ich will nicht, dass du wieder so abschmierst.“

„Jeden Tag. Versprochen. Ok? Babs? Genieß lieber deinen Urlaub. Das musst du mir versprechen, ok?“

Ein wenig widerwillig wirkte Babs‘ Nicken, fand Mic, aber immerhin, sie nickte.

„Hey, ich will ein Versprechen hören.“

„Na gut. Versprochen.“

Dann grinste Mic.

„Und genieß auch den Tantra-Kurs mit Heather.“

Nach einer kurzen Schrecksekunde grinste nun auch Babs.

„Hüte deine Zunge! Keinen Spott, bitte!“

Babs‘ Augen leuchteten.

„Ich freu mich wirklich darauf. Mich hat‘s sowas von erwischt … volle Breitseite. Ups … sorry … toll, dir ausgerechnet jetzt was vorzuschwärmen.“

Mic wurde ganz warm ums Herz, als er Babs so selig vor sich hin leuchten sah. Sie hatte vor lauter Leuchten doch glatt vergessen, sich über Heather aufzuregen. Da würde er sich wohl was Neues einfallen lassen müssen.

„Richtig, das IST toll. Ich freu mich total für dich, Babs. Wirklich. Genieß es.“

„Das tu ich, worauf du dich verlassen kannst. Aber sag mal …“

Babs machte ein Gesicht, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

„… du könntest uns nicht vielleicht nachher nach Frankfurt zum Bahnhof bringen? Wir wollten ja eigentlich mit der S-Bahn, aber … na ja, mit den großen Rucksäcken und so … und es ist so Scheiße kalt … und mein Auto am Bahnhof lassen ist auch blöd …“

„Wann müsst ihr denn da sein?“

„Gegen neuen. Unser Zug geht um halb, dann haben wir genug Zeit.“

Mic grinste.

„Das trifft sich doch gut. Um Viertel nach hol ich Levin in Frankfurt ab, das sollte dann sogar dein grünes Gewissen beruhigen. Kannst Heather anrufen und ihr sagen, das geht in Ordnung.“

„S-O-F-I-A!!!“

Sehr gut. Babs reagierte wieder normal.

 

Mic stand mit seinem Caramel Macchiato am Eingang von Starbucks und wärmte seine Hände daran, als er lange Beine in quietsch grünen Hosen unter einer dicken, orangen Jacke, gekrönt von einer knallroten Ballonmütze wie wandelnde Kapuzinerkresse, auf sich zukommen sah. Eindeutig, das war Levin, der ihm unter den Fransen, die ihm ins Gesicht hingen, entgegen lachte. Mic konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er daran denken musste, dass Babs bestimmt sehr angetan gewesen wäre, hätte sie Levin noch gesehen, aber sie und Heather hatten sich lieber schon mal am Bahnsteig platzieren wollen. Eine gute Entscheidung, denn Levin war fast eine halbe Stunde zu spät.

Auf der Fahrt zum Bahnhof hatte Mic überlegt, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, Levin am Wochenende herkommen zu lassen. Er hatte zum einen die diffuse Befürchtung, sich das nächste Problem an Land zu ziehen, und Levin schien ihm außerdem eine Spur zu entspannt naiv, als dass es wirklich sinnvoll sein könnte, ausgerechnet mit ihm seine Beziehungsprobleme zu besprechen. Er fand es mehr als zweifelhaft, dass ihn das auch nur einen Millimeter vorwärts bringen könnte.

Andererseits … war es auch toll, dass Levin sich die Zeit nahm und ihn besuchen kam. Sich mal auf andere Gedanken bringen, ein bisschen rumalbern, einfach ein wenig Zerstreuung, das konnte sicher nicht schaden. Er sollte wirklich aufhören, immer überall nach Problemen Ausschau zu halten, ermahnte Mic sich, und umarmte Levin jetzt mit ehrlicher Herzlichkeit zur Begrüßung.

Auf der über halbstündigen Fahrt erzählte Levin ausführlich von seinem Pantomime-Projekt, wie gut es angekommen sei und dass sie sich als Teilnehmer an dem Kleinkunstfestival Comedy & Arts in der Nähe von Hamburg beworben hätten. Nicht, dass sie da eine reelle Chance hätten, meinte er, aber das Bewerbungsverfahren mal kennenzulernen sei sicher spannend.

Levin hatte das Projekt in Köln bereits vorgestellt gehabt, und so konnte Mic ihm ganz gut folgen. Er war eigentlich sogar ganz froh, nicht selbst reden zu müssen. Ab und an mal „Hmhm“ oder auch ein „Ach!“ in Levins Redefluss zu werfen war völlig ausreichend.

„Da sind wir“, unterbrach er Levin schließlich doch, als Mic fast direkt vor dem Haus eine Parklücke gefunden hatte. Bibbernd trug Levin seinen Rucksack ins Haus, schälte sich in der Wohnung aus seiner Jacke und begab sich direkt auf einen selbstständigen Rundgang.

„Mann, ist das kalt hier bei euch. Ich dachte, Frankfurt hätte so mildes Klima?“

Mic lachte.

„Wir sind nicht mehr in Frankfurt, sondern südlich davon, und wir sind quasi nur bergauf gefahren. Willkommen im Odenwald. Von wegen mildes Klima … nicht hier. Hast du Hunger? Ich habe so eine Fertiglasagne gekauft und muss nur den Ofen noch für eine halbe Stunde einschalten.“

„Wie ein Wolf“, grinste Levin und folgte Mic wieder in die Küche, wo er sofort die Bierkiste inspizierte.

„Kellerbier? Noch nie gehört.“

„Von einer hiesigen Brauerei. Probier es mal, ich mag es.“

Mic stellte den Timer des Ofens und hörte hinter sich, wie Levin zischend zwei Bierflaschen öffnete. Eine davon reichte er Mic und prostete ihm zu.

„Danke für die Einladung. Nett, deine Hütte. Hier kann ich‘s ein Wochenende aushalten.“

Mic nickte.

„Schön. Ich glaub, ich kann wirklich Gesellschaft brauchen.“

Mic brachte die Kaffeemaschine in Gang und deckte dann den Tisch, erzählte ein wenig von Babs und ging mit Levin nach oben in ihre Wohnung, um Predo vorzustellen. Erfreut stellte er fest, dass Levin das Tier mit der gleichen misstrauischen Skepsis betrachtete wie Mic selbst.

Wieder in Mics Wohnung öffnete Levin zwei weitere Bierflaschen.

„Keine Chance, dass deine beiden Lover hier auftauchen?“

„Meine was? Also wirklich, Levin … Wie schmeckt dir das Bier?“

„Was denn? Ist doch so. Es sei denn, du machst jetzt auf sturer Sack.“

„Stur? Du findest es stur, wenn ich mich total verarscht fühle von den beiden? Ich komme mir vor wie … wie … ich weiß auch nicht wie. Aber es fühlt sich nicht gut an. Das Bier? Magst du es?“

Levin gab Mic mit einer Kopfbewegung zu verstehen, dass er ins Wohnzimmer wollte, wo er sich ein paar Kissen auf den Boden warf und sich darauf lümmelte, den Rücken an einen Sessel gelehnt.

„Besser. Womit haben die beiden dich denn, glaubst du, verarscht?“

Irgendwas schien er falsch zu machen, stellte Mic fest – oder die Welt hatte sich heute entschlossen, jeden seiner Ausweichversuche zu boykottieren. Mic, der mit angezogenen Beinen auf dem Sofa saß, nahm einen großen Schluck Bier und ergab sich in sein Schicksal.

„Damit, dass das alles von Anfang an so geplant war, dass sie so getan haben, als wäre da nichts mehr zwischen ihnen, dass sie mich belogen haben.“

„Wart mal, ich hol mal grad was …“

Levin sprang auf, verließ das Zimmer, kam mit Block und Kugelschreiber zurück und begann zu schreiben.

„Langfristig geplant … ok, hab ich. Aber belogen und so getan, ist das nicht dasselbe?“

Mic beugte sich vor und schielte auf Levins Gekritzel.

„Sag mal, was machst du denn da?“

Levin grinste.

„Na, eine Entscheidungshilfe. Alle Punkte aufschreiben, Realitätscheck, gewichten und auszählen.“

„So ein Quatsch!“

Levin lachte.

„Vielleicht, aber schaden kann es auch nicht. Also? Womit belogen?“

Oha, eine Seite an Levin, mit der Mic nicht gerechnet hatte: Hartnäckigkeit.

„Dass sie nur noch Freunde sind stimmt nicht.“

„Ok. Womit noch?“

„Levin, das ist albern.“

„Womit noch?“

„Nicht gelogen, aber dass das alles so geplant war, haben sie verschwiegen“, gab Mic widerwillig zu Protokoll.

„Ok, hab ich. Weiter.“

Mic verdrehte die Augen.

„Das bringt doch nichts. Die wollen nur jemanden, den sie vögeln können.“

Levins helles Auflachen irritierte Mic sehr.

„Ja, irre witzig, das alles. Bist du hier, um dich über mich lustig zu machen?“

Levin grinste ihn nur kurz an, schrieb dann wieder.

„Nur zum Vögeln. Hab ich. Was noch?“

„Was noch was?“

„Was spricht noch dagegen?“

Mic sah auf seine Uhr. Bald müsste der Timer des Ofens ihn doch erlösen? Wann war die verdammte Lasagne endlich fertig?

„Eifersucht“, quetschte er wie in die Enge getrieben hervor.

„Geht’s auch genauer? Wer auf wen?“

„Jeder auf jeden, vermute ich. Ich glaube, eine Beziehung zu dritt ist kompliziert.“

Levin warf demonstrativ seine Stirn in Falten, grinste aber noch immer.

„Beziehung zu dritt? Ich denk, die brauchen dich nur zum Vögeln? Also kompliziert find ich vögeln jetzt nicht … und wer wann und wie oft können sie ja absprechen. Haben die bestimmt schon, wenn‘s ja eh nur darum geht.“

Inzwischen war Mic fast schon genervt.

„Schreib es trotzdem auf.“

„Dann streiche ich dafür Nur zum Vögeln?“

„Nein, du streichst bitte nichts davon.“

„Total unlogisch. Das schließt sich doch aus.“

„Das kommt auf die Definition von Beziehung an.“

Mic riss Levin den Block aus der Hand und schrieb selbst darauf: „Dreierbeziehung kompliziert“, warf Levin dann die sogenannte Entscheidungshilfe wieder zu. Levin entpuppte sich als geschickter Fänger. Kein Wunder, Mic hatte ihn in Köln mit 6 Apfelsinen jonglieren sehen.

„Sonst noch was?“

Und als Mic nichts sagte:

„Ok, vielleicht fällt dir später noch was ein. Und jetzt: Was spricht dafür?“

Auch das noch!

„Nichts“, antwortete Mic ein wenig borstig, was bei Levin mal wieder nur ein amüsiertes Grinsen auslöste.

„Ey, fällt dir echt so gar nix ein?“

Endlich klingelte der Timer. So nervig Mic den quakenden Ton sonst fand, so wunderbar klang er jetzt in seinen Ohren. Er sprang auf.

„Wir können essen!“, frohlockte er, aber Levin grinste ihn wissend an.

„Cool. Lehrer können doch Multitasking, oder?“

 

Die Lasagne war ganz ok. Nicht vergleichbar mit Mics selbstgemachter Variante, aber er hatte schon schlimmere Fertiggerichte gegessen, und außerdem hatte er wirklich Hunger. Eine Weile saßen Mic und Levin schweigend und kauend am Küchentisch, jeder mit einem weiteren Bier, aber nachdem Levin offensichtlich seinen ersten Hunger gestillt hatte, begann er, Mic über Richard und Jörn auszufragen, und Mic antwortete zähneknirschend. Dann aber, längst wieder im Wohnzimmer und mittlerweile beim fünften Bier, kamen die Worte wie von selbst. Mic erzählte, wie er Jörn und Richard kennengelernt hatte, wie sich alles entwickelt hatte und beim sechsten Bier schließlich sogar kleine Geschichten und Begebenheiten. Beim siebten Bier wurde er ziemlich plötzlich bleimüde, und auch Levin sah bettreif aus.

„Kannst du dir 1,60 zum Schlafen mit mir teilen?“, fragte Mic schließlich, und Levin lachte.

„Kein Schnarchen, kein Furzen. Dann geht das klar.“

Zu müde, um beleidigt zu sein, schlief Mic nach schneller Katzenwäsche ein. Er merkte nicht mal mehr, ob und wenn, wann Levin sich neben ihn legte.

 

Als Mic wach wurde, sagte ihm ein Blinzeln in Richtung Uhr, dass es keineswegs mehr morgens war, eher früher Nachmittag. Unwillig rollte er sich auf die Seite, weg vom Fenster, durch das gräuliches Tageslicht kam. Sein Blick fiel auf ein Paar bunt karierter Schuhe, die definitiv nicht seine waren, und schlagartig erinnerte er sich an seinen Wochenendgast.

Mic setzte sich auf, nahm erst jetzt das Wasserrauschen wahr, welches durch die offene Tür zu ihm drang. Levin war offensichtlich duschen, und Mic ließ sich seufzend wieder rückwärts fallen, nur um gleich darauf aufzuspringen. Predo! Es war schon fast 15 Uhr und Predo war noch nicht versorgt!

Als Mic Babs‘ Wohnung wieder verließ und die seine betrat, roch es nach Kaffee. Ein wunderbarer Duft, der ihn fast mit der vorausgegangenen und erwartungsgemäß unerfreulichen Begegnung mit Babs‘ Haustier entschädigte. Predo hatte wohl sein gewohntes Frühstück vermisst, was ihn scheinbar besonders ungeduldig gemacht hatte. Dementsprechend hatte er wenig wählerisch versucht, sich Mics Finger zu schnappen. Solche Begegnungen brauchte doch wohl kein Mensch, schon gar nicht direkt nach dem Aufstehen.

Aus dem Wohnzimmer war ein leises, mechanisches Geräusch zu hören. Der Drucker?

Tatsächlich saß Levin mit seinem Laptop an Mics Schreibtisch und druckte etwas aus.

„Morgen!“, tönte es gut gelaunt aus Levins Richtung. Wenigstens einer, der gute Laune hatte.

„Ich hab mir schon mal ne Dröhnung genommen. Ohne Kaffee geht bei mir gar nix. Komm mal sehen, was ich dir ausgedruckt hab. Ich hab nämlich schon mal ein paar Sachen aufgeschrieben und getippt, als du noch faul gepennt hast.“

„Morgen“, grummelte Mic zurück, leicht überfordert von dem gefühlt frühmorgendlichen, de facto jedoch nachmittäglichen Redeschwall und holte sich auch erst mal einen Kaffee aus der Küche. Ein Aspirin löste er sich auch direkt auf. Sein derzeitig besonders anhänglicher Begleiter hatte sich nämlich wieder an ihn rangemacht: Kopfweh. Mit beidem schlurfte er wieder ins Wohnzimmer, wo er es sich erst mal auf dem Sofa bequem machte.

„Von wegen faul. Ich habe schon einen Drachen gefüttert. Gut geschlafen?“

Levin kam mit ein paar bedruckten Blättern zu ihm aufs Sofa.

„Du hast geschnarcht heut Morgen“, lachte er.

„Und weil ich so eh nicht mehr pennen konnte, bin ich schon auf. Aber bis dahin hab ich gut geschlafen, ja.“

„Hunger? Frühstück?“

Levin schüttelte den Kopf.

„Ich hab mir den Rest Lasagne in die Mikrowelle geworfen.“

„Ist ja widerlich … du hast Lasagne gefrühstückt?“

„Klar. Warum nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht? Passte eigentlich zu Levin, der ohnehin auf jegliche Konventionen zu pfeifen schien. So wie Babs – und doch ganz anders. Und plötzlich musste Mic grinsen, als er sich so vorstellte, wie Levin und Babs zusammen frühstücken würden. Deutlich hatte er das Bild vor Augen: Levin, der eine Currywurst mit Pommes in sich hineinschaufelt und Babs mit einem Demeter-Müsli mit Milch von glücklichen Sojabohnen, einen Vortrag darüber haltend, wie wichtig gründliches Kauen ist.

Aus dem Grinsen wurde ein Lachen. Langsam, aber unaufhaltsam bahnte es sich den Weg zu seinem Mund, und irgendein Knoten, irgendeine Spannung löste sich, als es schließlich aus ihm herausbrach. Mic lachte, laut und heftig. Gleichzeitig beschlich ihn der Verdacht, dass er genauso gut hätte heulen können, aber das spielte gerade keine Rolle. Mic lachte und konnte gar nicht mehr aufhören damit.

Levin schaute ein wenig verstört drein.

„Ey … wenn dich Lasagne zum Frühstück so gackern lässt, dann hab ich hier nen leichten Job.“

Mic versuchte, sich zusammenzureißen, aber es wollte ihm nicht gelingen, und schließlich grinste auch Levin.

„Ey – egal was du da eben geraucht hast, als ich duschen war, ich will auch was davon.“

„Nix geraucht …“, presste Mic heraus und lachte noch immer, als das Telefon klingelte.

Levin verdrehte die Augen und griff nach dem Sprechteil.

„Hier ist der Anschluss von Mic, der gerade wegen eines akuten Lachanfalls nicht sprechen kann. Ich kann etwas ausrichten oder sie versuchen es später noch einmal.“

Noch immer unterdrückt lachend nahm Mic Levin das Teil aus der Hand.

„Natürlich kann ich sprechen“, prustete er in den Hörer.

„Wer ist denn da?“

Schweigen am anderen Ende.

„Hallooohoooo!“

„Mic?“

Schlagartig wurde Mic ganz ruhig.

„Richard?“

„Ja. Ich wollt hören, wies dir geht, aber das hab ich ja jetzt.“

„Richard, ich …“

„Schon gut. Freut mich, dass du Gesellschaft hast und es dir gut geht.“

Der ironische Unterton war unmissverständlich.

„Levin lenkt mich nur ein wenig ab.“

„Aaah. Levin, der Typ, mit dem du in Köln gevögelt hast. Na … dann lass dich mal schön weiter ablenken. Ich stör bestimmt nicht mehr.“

„Nein, Richard, so ist das nicht. Ich … wir … also gestern, da hab ich …“

„Schon gut, Mic. Spar dir das, ok?“

„Richard, da ist nichts. Ich brauch nur auch mal jemanden zum Reden.“

„Klar, Mic. Genau danach hört es sich an.“

Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wie sollte er das jetzt erklären?

„Richard, bitte …“, flüsterte Mic nun fast schon, als Levin ihm das Telefon mit einem schnellen Griff entwendete.

„Hi Richard, hier ist Levin. Wir ficken nicht, falls du das denken solltest. Ich find ja eher, Mic sollte mit euch ficken, aber jetzt lacht er sich erst mal darüber kaputt, dass ich Lasagne gefrühstückt hab.“

Stirnrunzelnd presste Levin das Gerät an sein Ohr, während er Mic auswich, der den Hörer wieder an sich zu reißen versuchte.

„Ich glaub dir kein Wort. Klar interessiert es dich, ob wir ficken. Erzähl doch keine Scheiße. Und wo wir grad bei Scheiße sind – beweg mal lieber deinen Arsch hierher und den von deinem ExEx auch, diesem Jörn …“

Wieder wehrte Levin sich erfolgreich gegen Mics Übernahmeversuche, indem er sich auf dem Klo einschloss. Mic tobte vor Wut und hämmerte gegen die Tür, aber es half nichts.

„Weil euer Mic hier grad austickt“, hörte Mic Levin schreien.

„Komm da raus, Levin! Das ist meine Sache! Wie kannst du nur … Raus!“

Erneut trommelte Mic gegen die Tür.

„Komm da raus und gib mir das Telefon, sonst tret ich die Tür ein. Ich schwöre, ich trete sie ein!“

„Ja doch! Keep cool, ich komm ja schon raus.“

Mic hörte, wie Levin leise weitersprach, während der Schlüssel gedreht wurde. Die Tür öffnete sich einen Spalt breit und eine Hand streckte ihm das Telefon entgegen.

„Richard?“

„Ja, Mic. Ich bin noch da. Vielleicht sollten wir wirklich zu dir …“

„Nein!“

Das rutsche Mic einfach so raus.

„Nicht heute, Richard. Ich weiß, wir müssen reden, aber bitte …“

„Ich würde es dir aber so gern erklären, Mic. Was Jörn gesagt hat, hat sich bestimmt schlimm angehört für dich. Aber hey, ich will mit dir zusammen sein. Ob mit oder ohne Jörn.“

„Ist das so?“

„Ja. Das ist so. Du hast Jörn schließlich wieder ins Boot geholt. Du hattest Sex mit ihm, nicht ich. Aber … ach Mist. Müssen wir da echt am Telefon drüber reden? Ich kann ja verstehen, wie du dich fühlst, aber …“

„Du hast keine Ahnung, wie ich mich fühle, Richard.“

Mic ließ sich wieder auf das Sofa fallen, nahm aus dem Augenwinkel wahr, dass Levin im Türrahmen stehen blieb.

„Dann erzähl es mir. Rede mit mir.“

Mic seufzte, nickte dann ergeben.

„Morgen? Am Nachmittag? Hier?“

„Wann und wo auch immer du willst.“

„Ok dann. Morgen.“

„Danke. Wir sind dann um drei da. Mit Kuchen. Für die Nerven.“

„Wir?“

„Was dachtest du denn? Bis morgen, Mic.“

Und schon hörte Mic jenes Geräusch, das deutlich machte, dass die Person am anderen Ende aufgelegt hatte.

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