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Wege

Teil 4 - Rückwärts

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„Du schon wieder?“, schien die Tür diesmal zu sagen.

War es wirklich erst gestern gewesen, dass Mic vor genau dieser Tür gestanden hatte, nervös und unsicher, mit Babs im Schlepptau? Dieses Gestern schien unendlich weit weg. Welten lagen dazwischen.

Für einen Moment war er versucht, einfach wieder zu gehen. „Genug!“, sagte eine innere Stimme. „Es ist genug für einen Tag. Geh nach Hause, schlaf dich aus und verdau‘ das alles erst mal.“

Das klang vernünftig, dennoch entschied Mic sich anders. Zu Hause würde er grübeln, ob er nicht hätte reingehen sollen. Nein, sein Entschluss stand fest. Die hartnäckige „Für heute reicht es!“-Stimme zum Schweigen bringend riss er die Tür auf und betrat den Laden.

Das Publikum schien ein wenig anders als am Abend zuvor. Im Schnitt jünger. Es war Samstag, vielleicht lag es daran. Ziemlich voll war es auch.

Mic kämpfte sich zur Theke durch, bestellte sich ein Wasser, sah sich um. Jörn schien nicht da zu sein, aber Richard entdeckte er, ins Gespräch vertieft mit einer Frau, die ein bisschen aussah wie Lysistrata aus dem Ralf-König-Comic, einer der Comics, die Babs ihm mal aufgeschwatzt hatte. Mic musste sich zurückhalten, um nicht loszukichern. Es lebe das Klischee!

Hier zu sein fühlte sich schon anders an als gestern, stellte er fest. Gestern um diese Zeit war noch alles anders gewesen. Was für ein Tag. Wie ein Film spulten sich die Ereignisse vor seinem inneren Auge noch einmal ab.

Dann tauchte ein sehr bekanntes Gesicht plötzlich vor seinem auf.

„Mic? Bist du es wirklich? Was machst DU denn hier?“

Mic stöhnte innerlich auf. Dieter, sein früherer Trainer.

Dieter schaute ihn dermaßen entgeistert an, dass Mic grinsen musste.

„Was trinken?“, versuchte er zu witzeln.

Dieter grinste nun ebenfalls.

„Ja, das seh ich auch. Die Frage, Liebes, sollte wohl lauten: Warum trinkst du denn HIER etwas?“

Mic war schon klar, worauf Dieter hinauswollte.

„Na–was glaubst du wohl?“

Dieter lachte, hüpfte dabei auf und ab.

„Ich hab‘s gewusst! Ich hab‘s doch die ganze Zeit gewusst!“

Mic verzog das Gesicht.

„Ach ja? Dann hättest du es mir ja sagen können. Vielleicht wär ich dann auch früher drauf gekommen.“

Dieter kräuselte die Lippen.

„Aber mein Lieber, das habe ich doch.“

„Hast du nicht!“

„Oh doch, das habe ich. Lass Taten sprechen.“

Mic schüttelte den Kopf bei Dieters Anspielung auf sein Rumgegrabsche.

„Das war allerdings nicht sehr hilfreich. Im Gegenteil…“

„Was denn? Hätte ich sagen sollen: Lieber Mic, da du es selbst nicht zu bemerken scheinst, fühle ich mich dazu berufen, dich darüber in Kenntnis zu setzen, dass du schwul bist? Das wäre sicher viel hilfreicher gewesen, nicht wahr?“

Der Punkt ging an Dieter, der nun Sekt bestellte.

„Magst du auch einen?“

Mic winkte ab.

„Danke, ich bleibe heute lieber bei Wasser.“

Dieter musterte Mic zum wiederholten Mal.

„Das ist ja wirklich eine nette Überraschung. Wie kommt der plötzliche Wandel? Gibt es jemanden?“

Mic seufzte. Was sollte er darauf sagen? Vor Dieter würde er sicher keinen Seelenstriptease hinlegen.

„Ja, aber leider will dieser jemand nichts von mir wissen“, antwortete er also unbestimmt.

„Nicht? Wer ist denn der Esel? Jemand den ich kenne? Oder ein Hetero? Aus der Tanzschule? Hast du deswegen aufgehört?“

„Nein. Um ehrlich zu sein warst du der Hauptgrund für mich aufzuhören. Dachte ich zumindest. Nein, kein Hetero und er heißt Jörn. Zufrieden? Können wir jetzt über was anderes reden?“

„Was? Etwa der Lockenkopf, der bei PickUp getanzt hat?“

Hätte Mic sich eigentlich denken können, dass Dieter ihn kannte. Jörn hatte ja auch erwähnt, Dieter zu kennen. War jetzt auch schon egal.

„Ja, genau der. Und du kennst ihn also“, stellte Mic mehr fest als zu fragen.

„Ja, mehr oder weniger. Eher weniger. Süßer Typ. Um ehrlich zu sein, ich konnte so gar nicht bei ihm landen.“

Mic erinnerte sich an das, was Jörn über Dieter gesagt hatte.

„Tja, du solltest vielleicht lernen, deine Hände ein bisschen mehr unter Kontrolle zu haben.“

Dieter sah Mic ein wenig beleidigt, so schien es, an.

„Findest du? Ach, ich weiß nicht. Ich bin wie ich bin. Und wenn du auch nicht bei ihm landen konntest, kann es daran ja wohl nicht gelegen haben.“

Dieter trank seinen Sekt leer.

„Außerdem fahre ich auch so ganz gut“, schob er noch hinterher.

„Gibt’s bei dir jemand? Ich mein irgendwas Ernstes oder so?“, fragte Mic nun, um das Gespräch noch ein wenig weiter von sich und Jörn wegzubringen. Und siehe da, Dieter lächelte sein strahlendstes Lächeln.

„Aber ja! Kannst du dich an Marc erinnern?“

„Etwa der Tanzpartner von Trixie?“

„Du hast es erfasst, Liebes. Die beiden tanzen übrigens noch immer zusammen. Und Marc und ich, wir sind letztes Jahr zusammengezogen. Er ist auch hier, da hinten, siehst du ihn? Willst du nicht mit rüber kommen zu uns?“

Dieter zeigte auf einen der Stehtische am anderen Ende und jetzt sah Mic ihn auch.

„Ein anders Mal, ja?“

Dieter zwinkerte Mic zu.

„Ich werd dann aber jetzt mal wieder zu ihm gehen. Wir sehen uns ja jetzt vermutlich mal öfter hier.“

Mic konnte Dieter förmlich ansehen, dass er platzen würde, wenn er Marc nicht bald die Neuigkeit berichten könnte. Immer noch die gleiche Tratschtante wie eh und je. Und tatsächlich zog Dieter Marc sofort zur Seite und begann mit ausschweifender Gestik zu reden. Immer wieder schaute er dabei zu Mic rüber, winkte ihm sogar zu. Verstellen war noch nie Dieters Art gewesen. Eigentlich doch ein recht sympathischer Zug an ihm.

Jemand löste sich von dem Tisch, an dem die beiden standen, und kam auf sie zu.

„Bald wird die ganze Bar wissen, dass du auf Jörn stehst.“

Richard grinste ihn breit an.

Mic freute sich, ihn zu sehen.

„Hey Richard! Ja, ich weiß. Dieter ist sooo ein Plappermaul.“

„Scheint dir aber nicht viel auszumachen?“

„Nicht wirklich. Dürfte hier nach gestern ja eh kein Geheimnis sein. Sorry, dass ich dich eben nicht begrüßt hab, aber du warst so in ein Gespräch mit Lysistrata vertieft … da wollt ich nicht stören.“

Richard lachte herzhaft.

„Ja, es ging um den CSD nächsten Sommer. Sie ist im Orga-Team und eigentlich ganz nett. Jedenfalls gar nicht wie Lysistrata.“

Dann nach einer kurzen Pause: „Du machst ernst, was? Wenn du heute schon wieder hier bist? Nimm dir das mit Jörn nicht so zu Herzen, ja? Das bedeutet nichts.“

Was sollte das denn nun heißen?

„Bedeutet nichts? Wie meinst du das? Da hast du gestern aber noch was anderes gesagt. Ich dachte, ich könnte Jörn vielleicht zu einem Gespräch überreden, aber er ist ja nicht hier.“

„Eigentlich wollte ich dich nur ein bisschen aufmuntern, aber … Du hast Jörn noch gar nicht gesehen?“

„Nein. Ist er doch hier?“

Richard schien zu zögern, dann sagte er: „Na ja, schon, ja.“

„Wo?“

Suchend schaute Mic sich um.

„Wenn du es wirklich wissen willst … er ist da hinten, wo die Sofas sind.“

Sofort schlug Mics Herz ein paar Takte schneller. Er kniff die Augen zusammen, aber da hinten war es viel zu schummerig, um von hier jemanden erkennen zu können.

Entschlossen stand er auf.

„Na dann geh ich da mal hin.“

Richard hielt ihn am Arm fest.

„Ehm … solltest du vielleicht besser nicht tun.“

„Wieso?“

„Na ja, er ist da … wie soll ich sagen … nicht allein?“

„Du meinst … ich könnte stören?“

Richards Gesichtsausdruck war einigermaßen zerknirscht.

„Ja. Also … wär wahrscheinlich nicht … äh … schlimm. Er ist da mit Andi, das bedeutet nichts, wie schon gesagt, aber ich weiß jetzt echt nicht, ob du das sehen willst.“

Mic brauchte ein paar Momente um zu begreifen, was Richard da gesagt hatte.

Nicht allein? So war das also? Nun, er würde sie hier ja wohl kaum in aller Öffentlichkeit beim Sex überraschen. Was sollte es also schon zu sehen geben? Trotzdem … Nein, er wollte es ganz sicher nicht sehen, was auch immer es zu sehen geben mochte. Noch während er das dachte, hatte er sich in die Ecke durchgequetscht und langsam gewöhnten seine Augen sich an das spärliche Licht.

Ein knutschender Jörn mit irgendeinem Blondie.

Bloß weg hier, bevor Jörn ihn sehen würde, aber vielleicht war doch etwas dran an dem Gerede, dass Menschen es spüren konnten, wenn sie beobachtet wurden. Jedenfalls sah Jörn plötzlich auf, schien genau in Mics Augen zu schauen. Oder bildete er sich das nur ein? Es war zu dunkel, um wirklich einen Gesichtsausdruck erkennen zu können, aber Jörn hielt in jeder Bewegung inne, schien zu erstarren, und auch Blondie drehte seinen Kopf nun in Mics Richtung.

Wie nach einer Ohrfeige fühlte Mic sich, drehte sich um und ging. Das war es dann wohl endgültig. Erledigt. Alle Christians, Roberts, Daniels und auch Jörns dieser Welt konnten ihm gestohlen bleiben. Es war wirklich immer dasselbe. Mic schnappte sich im Vorbeigehen an der Theke seine Jacke und ging.

Draußen begann er zu laufen. Einfach nur laufen, weg von all dem! Weg von dieser Bar, von Jörn, doch das Bild der sich küssenden Männer war wie eingebrannt, er wurde es nicht los. Da konnte er laufen, so viel er wollte. Trotzdem lief er weiter. Vielleicht lief er einfach weg vor sich selber. Das hatte schließlich immer funktioniert und da würde er auch schon wieder hinkommen.

Keuchend ließ er sich irgendwann auf eine Bank fallen. Wie ferngesteuert hatten seine Beine ihn zu „seinem“ Tümpel getragen. Eine Weile saß er einfach nur da, nach Luft ringend. Er schaute nach oben, ein Himmel voller Sterne, klar und kalt. Mics Atem beruhigte sich langsam. Er war völlig verschwitzt von der Rennerei und die Oktobernacht war eisig. Jetzt spiegelte sich die Mondsichel im Tümpel. Nicht mehr das warme Oktoberlicht der untergehenden Sonne wie am Nachmittag, sondern kaltes Mondlicht. Eine Gänsehaut ließ ihn erschauern, er begann zu frieren, aber er begrüßte die Kälte, blieb eine ganze Weile so sitzen.

Langsam machte er sich auf den Heimweg und als er zu Hause ankam, sah er, dass bei Babs Licht brannte. Er wollte schon bei ihr klingeln, ließ es aber dann. Das sollte sich ja nicht zur Gewohnheit auswachsen. Außerdem … vielleicht war Heather ja bei ihr, und selbst wenn nicht, würde sie ihm Fragen stellen. Fragen, die er jetzt weder beantworten konnte noch wollte. Eigentlich wollte er gar nicht mehr denken. Einfach vergessen, die letzten beiden Tage aus seinem Gedächtnis streichen. Nur wie er das anfangen sollte, war ihm noch nicht ganz klar.

Er ging duschen, holte sich eine Wolldecke aus dem Schrank und warf sich resigniert aufs Sofa, schaltete den Fernseher ein, zappte eine Weile herum. Nur Schrott. Auf Arte dann eine Wiederholung: Lang Lang, inzwischen ja ein richtiger Medienstar, spielte Beethovens Klavierkonzert Nr. 1, eines der frühen Werke Beethovens und noch nicht ganz so schwer und nicht enden wollend wie spätere Konzerte. Die Musik hatte noch eine gewisse Leichtigkeit und war heute Balsam für seine Seele, und irgendwann schlief er tatsächlich bei laufendem Fernseher ein.

Es war hell. Viel zu hell. Geradezu höhnisch strahlte die Sonne ihm ins Gesicht, als er wach wurde. Mic zog sich die Decke über sich. Was bildete sie sich ein, diese Sonne, ihn so strahlend und gutgelaunt zu wecken? Von irgendwo hörte Mic Kirchenglocken läuten, es war Sonntag. Er hasste Sonntage, und heute hasste er sie ganz besonders.

Seufzend schaltete er den Fernseher aus, der noch immer lief, schlurfte in die Küche, setzte die Kaffeemaschine in Gang. Kaffee und Zigarette, das perfekte Sonntagsfrühstück. Danach fing er an, die Wohnung aufzuräumen. Kehren und wischen sollte er auch mal wieder, stellte er mit einem Blick auf den zugekrümelten Boden fest, also ran. Mit Stöpseln in den Ohren und Linkin Park bis zum Anschlag aufgedreht, schnappte er sich Besen und Putzeimer. Verbissen räumte und putzte er, als könne er durch Beseitigen des äußeren Chaos auch das innere wieder in Ordnung bringen. Küche, Wohnzimmer, Bad, Diele … schließlich blieb nur noch das Schlafzimmer übrig. Er öffnete die Tür, nur um sie gleich wieder zu schließen, als säßen dort irgendwelche Monster, die ihn anfallen könnten.

Kurze Pause, beschloss er. Neuer Kaffee, noch eine Zigarette. Im Wohnzimmer öffnete er die Flügeltüren zum Balkon. Es war inzwischen Mittag, die Luft war frisch, aber nicht kalt, roch nach Herbst. Tja … goldener Oktober. Scheiß goldener Oktober.

Mics Blick fiel auf den blinkenden AB. Bestimmt seine Mutter, weil er nicht zurückgerufen hatte wegen des Grillens. Grillen im Oktober, was war das überhaupt für eine bescheuerte Idee? Hätte sie nicht angerufen und auf den AB gesprochen und hätte er das nicht am Freitag abgehört … wenn, wenn, wenn. Mic schaltete den IPod ab, um den AB abzuhören.

„Richard hier. Ich wollt hören, ob du ok bist nach eben. Sorry, ich hätt dir das gar nicht sagen sollen. Tut mir echt leid, dass dich das so mitnimmt. Also wenn du jemand zum quatschen brauchst … kannst dich ja melden.“

Das war noch von gestern Abend, ging Mic auf.

Dann noch drei Schweige-Nachrichten, sowas „liebte“ er ja ganz besonders.

Schließlich seine Mutter, das war von heute Vormittag. Klar, mit den Stöpseln in den Ohren hatte er kein Klingeln gehört.

„Hallo mein Schatz, mal wieder deine Mutter. Du hast ja gar nicht zurückgerufen. Ich will ja nicht nerven, aber wie wär es heute zum Kaffee? Wir würden dich einfach gern mal wieder sehen. Du hast immer so viel zu tun, du arbeitest dich noch kaputt. Überleg es dir, ja? Küsschen!“

Sie klang schon wieder besorgt. Er musste sie wohl zurückrufen.

„Hi Mama.“

„Hallo mein Schatz!“, kam es freudig zurück.

„Und? Hast du es dir überlegt? Es ist auch sonst niemand hier.“

„Du, gestern war Theaterprobe. Da konnte ich nicht und ich hab total verschwitzt zurückzurufen. In zwei Wochen ist Premiere. Wollt ihr nicht auch kommen?“

„In zwei Wochen? Wann denn?“

„Am Sonntag.“

„Aber Schatz, da sind wir doch schon unterwegs. Kegeltour, erinnerst du dich? Aber was ist mit heute? Du klingst übrigens nicht gut, mein Schatz. Du arbeitest zu viel.“

„Mir geht’s heut auch nicht so gut. Ein anderes Mal, ja?“

„Wir machen uns Sorgen, weißt du das eigentlich? Du vergräbst dich in deine Arbeit …“

„Mama, meine Arbeit macht mir Spaß. Sie macht mich glücklich.“

„Arbeiten macht nicht glücklich, mein Schatz. Du endest noch als einsamer, verbitterter Eigenbrötler, wenn du so weitermachst.“

„Mama, bitte. Das hatten wir doch schon.“

„Ja, ich weiß. Aber so sind wir Mütter nun mal. Ich möchte, dass es dir gut geht, dass du glücklich bist. Ist das denn so ein Verbrechen?“

„Mama, ich bin glücklich.“

„Nein, das glaube ich dir nicht. Du bist beschäftigt, aber doch nicht glücklich. Du … du … du hast dich verändert. Wo ist dein Lachen geblieben?“

„Oh bitte, nicht die Tour!  Lass uns nicht streiten, ja?“

„Na gut, mein Schatz, es ist ja auch dein Leben, aber ich wäre eine schlechte Mutter, wenn ich nicht sagen würde, was ich sehe. Also kein Kaffee heute?“

„Nicht heute. Bald. Versprochen.“

Mic konnte die Enttäuschung hören, als seine Mutter antwortete.

„Na gut. Pass auf dich auf, ja? Und melde dich. Wenn was ist, wir sind immer für dich da, hörst du?“

„Danke Mama. Bye.“

Seine Mutter schien ja einen 7. Sinn dafür zu haben, wenn es ihm mies ging. Das war nicht zum ersten Mal so. Vielleicht irgendein Mütter-Gen oder sowas.

Und jetzt? Richard anrufen? Er schaute sich erst mal die Nummer der drei sprachlosen Nachrichten an. Kannte er nicht. Ob das … wo hatte er denn die Visitenkarte hingetan? Die hatte er doch vorhin beim Aufräumen in der Hand gehabt. Schließlich fand er sie.

Ja, das war Jörns Nummer, und zwar nicht die vom Handy, sondern vom Festnetz.

Die Anrufzeit … auch heute Vormittag. Jörn hatte angerufen!

Aber nach einem ersten freudigen Schreck hatte Mic sofort wieder das Bild von gestern Abend vor Augen: Jörn und dieser Blondie knutschend auf dem Sofa. Was wollte der denn noch? Und dann anrufen und nichts sagen. Wieder dieses Kindergarten-Getue. Wie ein Kleinkind. Dabei fiel Mic auf, dass er nicht mal wusste, wie alt Jörn war. Das hatte natürlich im Ausweis gestanden, aber Mic hatte nicht darauf geachtet. Er schätzte, dass er etwa in seinem Alter war, und eigentlich war das doch auch nicht mehr wichtig. Es sollte zumindest nicht mehr wichtig sein.

„Schluss damit!“, befahl Mic sich selbst.

Richard rief er zurück. Der konnte schließlich gar nichts für das Ganze und irgendwie rührte es Mic, dass er anrief um zu fragen, wie es ihm ging. Er wählte seine Nummer und wanderte mit dem Telefon in die Küche, wo er sich, das Mobilteil zwischen Ohr und Schulter geklemmt, ein Brot schmieren wollte. Inzwischen hatte er richtig Hunger. Na toll. Schimmel. Mics Hass auf Sonntage vertiefte sich. Er hatte völlig vergessen, einzukaufen. Na wunderbar. „Was bin ich nur für ein Idiot!“, schimpfte er laut mit sich selbst.

„Wenn du es sagst …“, kam Richards Stimme am anderen Ende zurück.

„Oh … hallo … ich hab nicht gehört, dass du schon dran bist.“

„Ja, ganz danach klang es“, kam seine amüsierte Stimme zurück. „Was hat dich denn zu dieser Selbsterkenntnis gebracht?“

„Ich hab vergessen, einzukaufen und hab Hunger. Irgendwie ist das nicht mein Wochenende.“

Richard schien immer noch amüsiert, kicherte.

„Na, gegen Hunger wüsste ich was. Geh mit mir essen. Ich lad dich ein.“

Wie bitte?

Versuchte Richard da gerade, sich mit ihm zu verabreden?

„Äh …“ Mehr brachte Mic nicht heraus.

„Pizza? Bei dir zwei Straßen weiter gibt’s diesen Italiener. Bella Italia oder so. Wie ist denn da die Pizza?“

Mic kannte den Laden, war schon öfter mit Babs dort gewesen. Eine kleine, gemütliche Pizzeria mit einem Wirt, dem man ansah, dass er gerne aß, was er kochte.

„Die Pizza ist klasse, aber … äh …“

„Schön, dann treffen wir uns in einer halben Stunde da.“

Klick.

Richard hatte aufgelegt.

Wie angewurzelt stand Mic da und starrte den Hörer an. Wie dreist war das denn?! Andererseits, ein bisschen Ablenkung konnte ihm nun wirklich nicht schaden, und Hunger hatte er auch.

Ein winzig kleiner Joint, bevor er sich aufmachte? Vielleicht den halben, der noch rumlag? Der war ja wohl eh kaum der Rede wert …

Richard wartete schon draußen, als Mic beim Italiener ankam.

„Cool, dass du hier bist. Ich hatte eh nichts vor. Ich hasse Sonntage!“, begrüßte er Mic.

„Na ja, ein bisschen überrumpelt fühl ich mich schon …“, erwiderte Mic.

Richard lachte, winkte dann ab.

„Ach, sonst wärst du jetzt vielleicht gar nicht hier. Ich schätze, der Purche ist ein Widerporst. Du darfst auch den Platz aussuchen, ok?“

Mic suchte einen Platz am Fenster in einer der drei kleinen Nischen aus, die es hier gab.

„Gute Wahl“, grinste Richard und setzte sich.

„Na du bist ja ausgesprochen gut gelaunt!“, grummelte Mic zurück. „Was wird denn das hier?“

Richard sah ihn mit unschuldigem Augenaufschlag an.

„Na … du hattest Hunger und ich auch. Ist doch naheliegend, zusammen zu essen, oder? Oder hattest du jetzt was Spannenderes erwartet? Kannst du auch haben.“

„Ehm … ich bin grad dezent überfordert, glaub ich. Was Spannenderes?“

Richard verdrehte die Augen.

„Das war ein Scherz. Verstehst du? Einer sagt was, der andere lacht. Scherz. Schon mal davon gehört? Ich will dich einfach ein bisschen aufmuntern.“

„Aha …“

Gianni, der Wirt, erlöste Mic kurzfristig, indem er ihnen die Karten brachte, hinter einer von denen Mic sich nun verkroch. So viel gute Laune auf einen Haufen war ihm zu viel. Das war ja wie die Sonne heute Morgen …

„Die Sonne? Hast du gesagt ich wär wie die Sonne?“

Richard schaute ihn mit schräg gelegtem Kopf erwartungsvoll an, als Mic klar wurde, dass er wohl mal wieder laut gedacht hatte.

„Ehm … ich war wohl grad in Gedanken …“

Damit vergrub er sich wieder hinter der Karte, wo er blieb, bis Gianni kam, um die Bestellung aufzunehmen und die Speisekarten dann mitnahm.

Richard schaute sich um.

„Ein Glück, Zeitungen gibt’s hier keine.“

„War das auch wieder ein Scherz?“

„Nein. Wenn du könntest, würdest du dich sicher gern hinter eine Zeitung verkrümeln, stimmt‘s? Aber dann hättest du auch alleine herkommen können. One day you'll realize there's more to life than culture. There's dirt, and smoke, and good honest sweat! Lass uns draußen eine rauchen gehen, wir müssen ja eh warten, ok?“

Schon stand Richard auf und zog Mic einfach hinter sich her, ohne seine Antwort abzuwarten.

Mic wurde neben aller Verwirrung auch ein wenig ärgerlich.

„Sag mal, plagt dich ein schlechtes Gewissen oder was veranstaltest du hier?“

Schon wieder dieses freche Grinsen von Richard.

„Nein, ist so ´ne Art Hobby von mir, unglücklich Verliebte aufzumuntern.  No, no sir, it's not dead. It's resting.“

Dann, wohl merkend, dass sein Rumgeflachse nicht die gewünschte Wirkung hatte: „Im Ernst, ich hab mir … na ja … Gedanken um dich gemacht. Wenn du reden willst – ich hör dir zu.“

„Unglücklich Verliebte? Meinst du damit etwa mich? Und außerdem … ich dachte, du wolltest dich da raushalten?“

„Ja, wollte ich auch, aber … ach, ich weiß auch nicht.“

Nun war es Richard, der plötzlich unsicher wirkte.

„Dann lass uns nicht über Jörn reden“, beschloss Mic, die Zigarette austretend. „Erzähl mir lieber was von dir.“

Diesmal war es Mic, der Richard hinter sich her schleifte, zurück in die Pizzeria.

„Siehste, kann ich auch“, freute er sich über Richards verdatterten Gesichtsausdruck.

Es tat wirklich gut, mal an was anderes zu denken. Sie redeten über sich, ihre Jobs, Filme, die sie gut fanden, Musik … Richard lebte in einer WG und erzählte ein paar Geschichten aus dem WG-Leben, und zwar so lebendig, dass Mic alles quasi vor sich sah. Er vergaß vor lauter Lachen zwischendurch sogar das Essen. Außerdem war Richard ein Monty-Python-Fan und durchsetze ständig alles mit irgendwelchen Zitaten, von denen Mic die meisten allerdings nicht kannte. Richard war wirklich amüsant, es machte richtig Spaß, mit ihm zu reden und rumzualbern. Jede Sommersprosse in seinem Gesicht schien Fröhlichkeit auszustrahlen, alles an diesem Typen schien lebendig und fröhlich: die leuchtenden grünen Augen, die blonden Stoppelhaare, das ganze Gesicht. Selten hatte Mic ein Gesicht mit so ausgeprägter Mimik gesehen.

Nach der Pizza und einer Riesenportion Tiramisu waren sie papp satt, Mic stöhnte.

„Nicht mal ein einziges Minzplätzchen passt noch in meinen Magen“, versuchte er sich auch mal an Monty Python.

Richard ging darauf ein.

„And finally, monsieur, a wafer-thin mint.“

Richard bezahlte trotz Mics Widerspruch.

„Ich hatte gesagt, ich lad dich ein, und das tu ich jetzt auch. And now for something completely different. Gehen wir noch eine Runde spazieren? Könnte den Eimer ersparen.”

„Klar, warum nicht?“

Sie gingen durch den Park. Mic mochte den Herbst nicht besonders, aber jetzt, wo die Nachmittagssonne noch schien und die bunt verfärbten Blätter der Bäume strahlen ließ, konnte er nicht umhin, zu sehen, wie schön der Park auch im Herbst war. Sie fanden ein Sonnenplätzchen mit einer Bank, setzten sich eine Weile.

„Das gestern mit Jörn …“, fing Richard unvermittelt an, „… nimm das nicht so ernst, ja? Ich glaub, der wollte sich nur was beweisen.“

„Von mir aus kann er sich beweisen, was er will. Das Thema ist gegessen“, knurrte Mic zurück.

Er wollte jetzt nicht an Jörn denken.

„Ist das wirklich so oder hättest du das nur gerne?“

Richard ließ nicht locker.

„Richard, ich hab keine Lust auf solche Spielchen. Jörn hat mich heute drei Mal angerufen. Ich hab Musik gehört über Kopfhörer, deswegen hab ich‘s nicht gehört. Der AB ist jedes Mal angegangen, aber gesagt hat er nichts. Was soll denn sowas?“

Stirnrunzelnd beäugte Richard ihn.

„Woher weißt du dann, dass es Jörn war?“

Mic wurde ein wenig rot.

„Die Jacke. Ich hab mir eine von seinen Visitenkarten genommen.“

Richard grinste, knuffte Mic in die Seite.

„Hätte ich dir gar nicht zugetraut, dass du ein gemeiner Dieb bist. Zur Kreuzigung bitte links. Jeder nur ein Kreuz.“

Dann wieder ernster: „Sprich trotzdem mal mit ihm. No loose ends … tu dir selbst den Gefallen, ja?“

„Sind wir deswegen hier, weil du mir das sagen wolltest?“

„Nein, du Schwachkopf, natürlich nicht.“

„Warum dann?“

Wieder dieses unverschämte Grinsen.

„Ich sagte doch, ist so eine Art Hobby. Aber genug für heute. Ich muss nach Hause, hab noch ein bisschen was zu tun.“

Als Mic zu Hause ankam, klingelte gerade das Telefon, noch mit Jacke an ging Mic dran.

„Hallo Mic. Na endlich. Hier ist Jörn. Können wir reden?“

Sofort schlug Mic das Herz bis zum Hals, wo er das Pochen förmlich fühlte. Am liebsten hätte Mic einfach „Nein!“ geschrien und aufgelegt. Statt dessen sagte er erst mal gar nichts.

„Bist du noch da?“

Irgendetwas in Mic veränderte sich plötzlich. Ganz ruhig wurde er innerlich, geradezu gelassen. Diese Ruhe kroch durch seinen ganzen Körper. Kein schnellerer Herzschlag mehr, keine zitternden Hände. Und er fand seine Sprache wieder.

„Warte mal ´nen Moment.“

Mic legte das Mobilteil neben das Telefon, zog erst mal in aller Ruhe Jacke und Schuhe aus, dann nahm er das Telefon mit ins Wohnzimmer, schmiss sich auf das Sofa. Er fühlte sich ganz klar, keine lästigen Emotionen, fast kalt.

„So, Jörn. Ich weiß nicht, was es da zu bereden gäbe, also streich am besten erst mal das „wir“. Wenn du aber etwas zu sagen hast, kannst du das jetzt gerne tun.“

„Das gestern … Mic, es tut mir leid. Ich … ich möchte wirklich gerne mit dir reden über alles, was passiert ist.“

„Das mit dem Blondie gestern meinst du? Geschenkt. Was noch?“

„Ok, ich versteh, du bist verletzt. Kann ich dich sehen?“

„Was noch?“, wiederholte Mic.

„Wegen Freitag …“, kam es zögernd von Jörn. „Richard hat dir was dazu gesagt und mir übrigens auch. Können wir nicht darüber reden? Das wolltest du doch, oder?“

„Ich sagte ja, streich das wir. Wenn du was zu sagen hast, dann rede.“

„Ok, ich hab Scheiße gebaut und es tut mir leid. Aber hey, ich hab den ganzen Tag versucht, dich zu erreichen. Kannst du mal aufhören, den Coolen zu spielen?“

„Ich spiele nicht. Ich bin grad absolut authentisch. Also? Was ist jetzt? Hast du was zu sagen oder nicht?“

„Mic, bitte …“

„Bitte was?“

„Nee, so geht das nicht. Jetzt mach ich DIR einen Vorschlag. Solltest du doch noch mit mir reden wollen, dann ruf DU mich an. Meine Nummer hast du ja jetzt.“

Klick.

Jörn hatte aufgelegt.

Das war es dann wohl wirklich, Mic fühlte sich immer noch ruhig und irgendwie auch richtig erleichtert.

„And now for something completely different“, dachte er, während er sich an seinen PC setzte, um den Unterricht für den nächsten Tag vorzubereiten. Konzentriert arbeitete er eine ganze Weile und verbrachte die Nacht anschließend wieder vor laufendem Fernseher auf dem Sofa.

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