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Meine vier Leben (Eine fiktive Geschichte)

Teil 6 - Das vierte Leben - Hoffnung

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Informationen

Das Vierte Leben - Hoffnung

Irgendwann war Carsten gekommen. Er hatte mich genommen und zu sich ins Zimmer gebracht. Er legte mich in sein Bett, sagte noch etwas und ging wieder.

Ich fühlte mich einsamer als vorher... einsam, wie noch nie in meinem Leben. Ich merkte erst gar nicht, wie sich ein Arm um mich legte und eine Stimme sagte:

»Ja weine ruhig. Komm, ich halte dich fest!«

Jetzt fiel mir auch wieder ein, was ich geträumt hatte. Die Weißen, die Weißen kommen hatte er gesagt. Hatte er das gesagt? Oder hatte ich es geträumt?

Nach einer Stunde kam Carsten wieder. Er setzte sich zu mir und fragte:

»Geht's wieder? Wir haben Max ins Abschiedszimmer gelegt. Der Heimleitung hat seine Eltern angerufen. Sie sind in einer Stunde da.«

»Warum ist er so einfach gegangen?«

»Ich hab ihn doch so geliebt!«

Brach es erneut aus mir heraus. Da registrierte ich erst den jungen Mann neben mir denn er sprach:

»Kleiner, du weißt doch wo du hier bist? Ich glaub dir, dass es schlimm für dich ist.«

Und Carsten sagte:

»Bei allem was passiert ist, solltest du nicht vergessen, dass ein Freund bei ihm war, als er ging. Ein wirklicher Freund! Wer hat das schon.«

Ich wusste, was er damit meinte. Er stellte mir seinen Freund Stephan vor. Er meinte nur es brauche niemand zu wissen, dass er manchmal bei ihm übernachtet.

Die darauf folgende Woche war eine Qual. Ich hatte wieder einmal für mich beschlossen, lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende. Ich trat in den Hungerstreik!

Carsten und Stephan, der mich jetzt ab und an besuchte, hatten ganz schnell meinen Hungerstreik beendet. Der Deal war, ich bemühte mich normal zu essen und zu trinken, dafür nahmen sie mich mit zur Beerdigung von Max.

Dies war mir absolut wichtig, drum hatte ich gleich zugestimmt.


Carsten schob mich zur Trauerhalle, die sehr voll war, viele im Alter von Max waren da, seine Eltern und Geschwister, die kleinen sah ich. Dann bemerkte ich auch den großen Boy, der neben der Mutter saß. Das musste sein Bruder sein. Just in dem Moment, da ich ihn ansah, blickte er zurück und seine Augen fixierten mich. Ich sah in ihm gleich seinen kleinen Bruder und ich musste meinen Blick abwenden. Ich drehte den Rolli um und rollte aus der Halle.

»Was ist los?«

Fragte Carsten der nachgekommen war.

»Nichts, bitte geh wieder hinein, ich warte hier. Ich möchte auch erst Abschied nehmen, wenn alle weg sind. Bitte!«

Carsten sah mich an und in seinem Blick sah ich, dass er mich verstand. Er nickte und ging zurück.

Später, ich hatte der Beisetzung aus 100 m Entfernung zugeschaut, als alle weg waren kam Carsten und schob mich nun zum Grab. Ein Holzkreuz war aufgestellt. Maximilian Mittler geb. 11.04.1983 gest. 23.08.1997. Ich blickte hinein und sah unter den vielen Blumen den kleinen weißen Sarg. So einfach war das nun, schnipp, da war man in der Kiste.

Die Tränen liefen mir herunter und ich sprach:

»Hier mein kleiner Freund. Hier hab ich dir deinen Löwen Simba mitgebracht, ohne den du nie, nie schlafen wolltest. Ade!«

Ich warf den Plüschlöwen hinunter und drehte den Rolli um, ich musste weg von hier, nur weg.

Erschrocken blickte ich auf, denn dort, wo der Weg war, stand jemand. Nein, kein Jemand, dort stand der Bruder von Max.

Er sah verheult aus. Er blickte mich an und wieder überkam mich ein unheimliches Gefühl, es war, als ob mich Max ansehen würde. Ich wollte weg, an ihm vorbei. Er hielt den Rolli fest.

»Du bist Kai, nicht war?«

Ich sah ihn an, woher wusste er? Ich nickte.

»Max hat mir alles über euch geschrieben!«, sagte er mit einer warmen Stimme.

»Darf ich dich besuchen? Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.«

Ja, wollte ich sagen, doch es kam nur ein Gekrächtse aus meinem Hals.

Er hatte es aber verstanden und lächelte mich an. Wie sein Bruder. Ich dachte, ich werde verrückt. Carsten und Stephan fuhren mich zurück. In meinem Kopf überschlug sich alles.

Irgendwie wartete ich und gleichzeitig fürchtete ich mich auf den Augenblick, wenn er kommen würde. Ob er überhaupt kommen würde. Carsten überraschte mich damit, dass mich Andi besuchen wollte. Er hatte angerufen. Ich wollte das nicht, sagte ich zu Carsten, doch der antwortete nur:

»Du brauchst etwas Abwechselung und ich hab ihm gesagt, dass er gerne kommen kann.«

Ich war wohl kurz eingenickt, als ich aufwachte und auf den Bruder von Max sah, der auf einem Stuhl vorm Bett saß.

Er lächelte mich an.

»Hey Kai! Alles klar?«

Ich nickte. Langsam kam eine Unterhaltung in Gang. So erfuhr ich, dass es großen Ärger gegeben hatte, als er, Frank, erfahren hatte, was mit seinem kleinen Bruder geschehen war. Er sagte, es hätte nicht viel gefehlt und er hätte seinen Stiefvater verprügelt. Ich erzählte ihm, wie oft sein Bruder sich gewünscht hätte, ihn noch mal zu sehen und zu sprechen. Er weinte und ich zog ihn aufs Bett und wir nahmen uns in den Arm und versuchten uns gegenseitig zu trösten.

»In seinem letzten Brief stand, dass du mir was von ihm geben sollst. Was ist das?«

Fragte er und ich sah ihn an. Ich schüttelte leicht den Kopf.

Da viel vom Regal die DVD »Nachricht von Sam« herunter. Nein, das war ein Film. Ich schüttelte erneut den Kopf. Frank sah mich verwundert an. Peng, das Sonnenrollo hatte sich selbstständig gemacht und rollte sich oben langsam zusammen. Nein das konnte doch wirklich nicht sein, aber ich wagte nicht noch einmal den Kopf zu schütteln.

»Ja, er hat mir war gegeben, aber……«

Er sah mich fragend an.

»Nun ja, was GANZ persönliches halt.«

»Ja was dann?«

Ich schloss die Augen und sagte:

»Einen Kuss!«

Ich öffnete die Augen und er war immer noch neben mir auf meinem Bett. Langsam wurde es mir mulmig. Ich bekam wieder so Gefühle, aber diese wollte ich nicht mehr, aus ganz klarem Grund.

»Was ist?« sagte er und sah mich an.

Ich näherte mich seinen Lippen. Wieder geschah es, in dem Moment, wo ich seine Lippen berührte, war es um mich, nein um uns geschehen. Innerlich schrie ich auf, nein, doch mein anderes ich, verschlang ihn. Tausend Sterne explodierten in meinem Kopf. Ich weiß nicht wie lange es dauerte, ein Räuspern holte mich in die Wirklichkeit zurück. Carsten stand an der Tür.

»Andi ist da…..«

Andi! Kinderdorf! Unfall! Eltern! Phillip! Simon! Jan! Benny!

»Geh!« sagte ich zu Frank.

»Nimm alles mit, aber bitte geh!«

»Lasst mich allein!« schrie ich fast.

»Geht! Alle!«


Ich hatte mich herumgedreht und weinte. Wenn es einen Gott gab, warum strafte er mich so? Warum?


Frank schlich nach draußen. Carsten machte die Türe zu.

»Warum macht er so was? Erst küsste er mich und dann schmeißt er mich raus!«,

fragte er Carsten. Aber noch ehe der antworten konnte sprach er weiter.

»Wegen Andi? Ist das sein Freund? Hat er mich deshalb rausgeschmissen?«

»Nein!«, sagte Carsten »Ich glaube er hat sich in dich verliebt. Er hat Angst davor. Er wird sterben und du hättest den nächsten Verlust zu ertragen!«

Andi war hinzugetreten.

»Ich kenne Kai aus dem Kinderdorf. Dort bin ich Zivi. Ich wollte ihn noch mal sehen.«

»Kann man dann gar nichts mehr machen? Meinem Stiefvater hab ich den Tod von Max auch vorgeworfen! Vielleicht hätte ich spenden können, vielleicht wäre ich der richtige Spender gewesen! Vielleicht bin ich der richtige für Kai?« sagte Frank.

Carsten: »Nein, ich denke nicht. Ein naher Verwandter vielleicht, du sicher nicht, trotzdem, lass dich testen! Wenn nicht für deinen Bruder oder Kai, vielleicht für jemanden anderen.«

»Warum haben sich die Verwandten nicht testen lassen?« fragte Frank.

»Es gibt keine. Mir hat Kai gesagt, dass es keine Verwandten mehr gibt.« sagte Andi.

»Das stimmt nicht! Ich hab in den Krankenakten gelesen, dass er noch einen Onkel hat!«

kam von Carsten.

»Sag mir den Namen. Bitte! Und die Adresse.«

»Es hat keinen Zweck, es stand dabei, dass er sich nicht testen lassen wollte!«

Frank war völlig aufgelöst, konnte er nichts mehr für seinen Bruder tun, so wollte er doch wenigstens für den Menschen alles versuchen, in den er sich innerhalb weniger Stunden unsterblich verliebt hatte.

Frank: »Egal, ich versuchs. Bitte gib mir die Adresse!«

Carsten: »Das kann ich nicht. Du weißt doch, Datenschutz!«

Frank: »Scheiß auf den Datenschutz, hier geht es um ein Leben!«

Carsten: »Ja, wenn ich mich recht erinnere, sprach er mal von seinem Onkel Gustl aus Osnabrück. Gustl Schlösser.«

Frank: »Pass mir auf meinen Kai auf, ich komme wieder!«

Franks Geschichte

Ich stürmte aus dem Krankenhaus und fuhr mit Mamas Auto zum nächsten Postamt.

Dort lagen alle Telefonbücher aus und ich suchte das von Osnabrück.

Schlösser, die hatte ich schnell gefunden. Wenn er noch dort wohnte:

Kein Gustl zu finden. Ich konnte doch nicht alle anrufen. Mir kamen die Tränen und ich kam mir so hilflos vor.

»Kann ich dir helfen?« Sprach ein älterer Herr mich an.

Mit meinem verheulten Gesicht schüttelte ich den Kopf.

»Na sag schon, was ist?«

»Mein Freund braucht Hilfe und ich finde seinen Verwandten nicht. Einen Gustl Schlösser in Osnabrück.«

Der Mann sah in das Telefonbuch.

»Hier gibt es 3 Adressen!«

Ich sah ihn erstaunt an und folgte seinem Finger: Gustav Schlösser. Klar Gustl war eine Abkürzung. Ich bedankte mich und schrieb die Adressen und Telefonnummern auf.

Als erstes rief ich an. Bei 2 Nummern meldete sich niemand. Enttäuscht hängte ich ein. Bei der nächste Nummer war ‚Kein Anschuss' unter der Nummer. Was sollte ich machen?

Warten konnte und wollte ich nicht. Ich schaute mir die Adressen auf der Karte an und setzte mich ins Auto.

Osnabrück und Gustl Schlösser ich komme.

Gegen 15:00 Uhr erreichte ich den Stadtrand und fand den Weg zur ersten Adresse auf dem Stadtplan. Eine viertel Stunde später stand ich vor dem Haus, ein Einfamiliehaus in einer Siedlung. Ich überlegte, was ich sagen sollte und traute mich fast nicht zu klingeln. Dann dachte ich an Kai und drückte den Knopf.

Es dauerte einen Moment und ich dachte, es wäre niemand zu Hause, da hörte ich ein gepolter und die Tür wurde aufgerissen. Ein Junge von etwa 13 oder 14 Jahren stand in der Tür. Er schaute mich an und ehe ich etwas sagen konnte, rief er in einer Lautstärke, die einem fast das Trommelfell platzen ließ:

»Daniel für dich!«,

drehte sich um und verschwand, rechts in einem Flur.

»Ja, was ist?«,

fragte ein Junge, so im Alter von Kai oder ein Jahr älter.

»Willst du was von mir?«

Ich nickte, war vielleicht einfacher für mich mit Gustav Schlösser's Sohn zu sprechen.

»Kennst du einen Kai Schlösser? Vielleicht ein Cousin von dir?«

Er verzog den Mund und schüttelte den Kopf.

»Nein, ist mir nicht bekannt.«

»Hans Schlösser?« Der Vater von Kai.

Immer noch schüttelte er den Kopf. Meine Enttäuschung war riesengroß und er merkte es mir auch an.

»Tut mir leid, aber ich kenne keinen, vielleicht mein Vater. Er kommt jeden Moment von der Arbeit. Komm rein und warte. Wer bist du überhaupt und warum suchst du die?«

Ich kam mit herein und erzählte ihm alles. Auch, dass ich in Kai verliebt war.

Er hörte sich alles an, auch sein Bruder Bernd hatte sich zu uns gesetzt. Wie ich das von meinem Bruder erzählte, liefen ihm ein paar Tränen herunter.

Wir hörten auf einmal einen Schlüssel und die Tür ging auf.

Daniel stand auf.

»Papa kennst du jemanden mit Namen Hans oder Kai Schlösser aus Köln?«

»Wer will das wissen?«

»Der Junge im Wohnzimmer. Er heißt Frank Mittler.«

»Geht in euer Zimmer, sofort!«, herrschte er die Jungs an.

Als die beiden draußen waren sagte er zu mir:

»Warum schnüffelst du in meiner Vergangenheit herum?«

»Ja Hans war mal mein Bruder, war! Ich hab nichts mehr mit ihm zu tun und nun raus hier, mach dich fort.

Er ließ mich überhaupt nicht zu Wort kommen und ehe ich mich versah, stand ich wieder draußen.

Versagt! Ich hatte versagt! Die vielleicht letzte Chance war vertan.

Wie in Trance stieg ich ins Auto. Ich legte den Kopf auf das Lenkrad und flennte.

Auf einmal wurde die Beifahrertür geöffnet.

»Ich hab geklopft, du hast nichts gehört.«

Daniel stand neben der geöffneten Tür. Ich sah ihn fragend an.

Der schmiss eine Tasche auf den Rücksitz und setze sich neben mich.

»Ich hab gelauscht. Glaub mir, ich versteh meinen Alten nicht. An sich ist er in Ordnung aber jetzt das, das er dich einfach so rausgeschmissen hat. Ich hab ihm auch noch versucht alles zu erklären. Wie er hörte, dass ihr schwul seid, war alles aus. Wir, Bernd und ich haben Stubenarrest. Ich hab mir einige Sachen eingepackt und raus aus dem Fenster. Nun fahr schon. Ich lass mich testen!«

Es war das schönste, was ich je gehört hatte und die Hoffnung wuchs wieder. Ich startete das Auto und wie ich herausfuhr aus der Parklücke, sprang mir Bernd vors Auto.

»Ihr fahrt nicht allein. Ich komme mit.«

Daniel sah mich an.

»Die Chancen verdoppeln sich. Komm Brüderchen, so kenne ich dich gar nicht. Was wird dein geliebter Papa dazu sagen?«

Auf einmal fiel mir ein, sie brauchten eine Einverständniserklärung. Wieder schwand meine Hoffnung.

Mittlerweile war Bernd nach hinten durchgeklettert, Daniel schloss die Tür.

»Fahr zu!«

Ich konnte nicht.

»Ihr braucht eine Einverständniserklärung.«

Sagte ich.

Bernd darauf:

»Ist klar, aber Daniel ist sehr gut darin Einverständniserklärungen zu unterschreiben. Nicht war? Ist auch nichts anderes wie blaue Briefe und Krankmeldungen!«

Daniel nickte und grinste.

»Fahr ruhig, das andere machen wir schon. Unsere Alten rufen wir nachher an und erzählen ihnen, dass wir aus Frust über den Stubenarrest zu unseren Freunden wären.

Es war fast 24:00 Uhr, als wir bei uns zu Hause ankamen. Meine Mutter bestürmte mich mit Fragen und sah die Jungs an. Ich erklärte ihr alles und ließ auch nicht aus, dass ich mich in Kai verliebt hatte und ich hoffte, ihm mit Hilfe seiner Cousins, helfen zu können. Sie sah mir an, dass es mir bitter ernst war und sagte...

»Ich hab fast so was geahnt. Dr. Müller, der Arzt deines Bruders, erwartet dich in seiner Praxis. Ihr kommt sofort dran.«

Mit dem Pennen musste noch geregelt werden. Sie konnten sich aussuchen Couch oder Matratze bei mir. Sie entschieden sich für die Matratze bei mir. Eine kurze Dusche noch, dann ab in die Falle. Ich schlief sofort ein.

Am nächsten Morgen wachte ich auf und spürte einen Druck auf meinen Bauch. Etwas verwirrt öffnete ich meine Augen und sah den schlafenden Bernd neben mir, an mich gekuschelt. Ein Arm von mir lag unter ihm. Er musste in der Nacht in mein Bett gekommen sein. Ich sah ihn an. Zugegeben das erste Mal intensiv. Jetzt erst fiel mir die ungeheure Ähnlichkeit mit Kai auf. Das sie Verwandte waren, war nicht zu leugnen. Mein Blick fiel auf den, auf der Matratze liegenden Daniel. Er hatte weder viel Ähnlichkeit mit Kai noch mit seinem Bruder. Abgelenkt wurde ich nunmehr durch Bernd, der doch intensiv träumte und mit seiner kleinen Morgenlatte an meinem Bauch rieb. Ich sah ihn an. Ich sah Kai. Ich streichelte ihn. Auf einmal wurde mein Bauch warm und ich sah den Grund. Ein feuchter Traum hatte sich entladen. Darüber wurde Bernd wach und schaute mich ängstlich an. Ich grinste, wuselte ihm durch die Haare und flüsterte ihm ins Ohr, dass wir leise, ohne seinen Bruder zu wecken, ins Bad gehen sollten, was wir auch taten. Er zierte sich etwas, als ich ihn unter die Dusche schickte, zog sich dann aber doch aus und duschte sich. Ich säuberte in der Zeit ein wenig unsere Schlafanzüge. Als er fertig war ging ich duschen. Er wartete auf mich. Nackt standen wir uns gegenüber...

»Du sagst doch nichts Daniel?«

»Über deinen feuchten Traum? Nein.«

»Nein, ich meine darüber, dass ich zu dir ins Bett gekrochen ……«

»Brüderchen.«, sagte da auf einmal Daniel, der in der Türe stand, »Brüderchen, glaubst du ich bin blöd? Ich weiß doch, dass du auf Jungs stehst. Ja und? Aber du weißt, Frank hat Kai, daran solltest du denken.«

»Wir haben doch gar nichts gemacht, außer...«, zerknirscht gab Bernd es zu, »außen mir ist im Traum einer abgegangen. Aber woher weißt du das von mir?«

»Wenn du mit deinem Herzblatt, dem Streber, anstatt Hausaufgaben zu üben, Körperflüssigkeiten austauschst, dann sollest du dich vergewissern, dass ihr alleine seid. Ich war letzten Montag nicht in der Schule und hab alles mitbekommen, wollte aber nicht unhöflich sein und hab nicht gestört.«

Etwas erschüttert stand Bernd, mit im wahrsten Sinne heruntergelassener Hose vor Daniel.

»Danke. Du sagst den Alten doch nichts?«

»Wenn ich das gewollt hätte, hätte ich es schon längst getan. Ich hab gemerkt, du bist als Bruder doch nicht so schlecht. Immerhin hast du mich auch nicht verpfiffen wegen der blauen Briefe.«

Er nahm seinen Bruder in den Arm und drückte ihn.

»Aber wag nicht mich zu küssen!«

Nach dem Frühstück machten wir uns auf in die Praxis von Dr. Müller. Er erwartete uns. Er fragte nach den Einverständniserklärungen.

Er sagte, dass er von meiner Mutter erfahren hatte, um wen es sich handelte und hat die Unterlagen kommen lassen und dem Hospiz Bescheid gegeben, wenn die Typisierung erfolgreich war, dass man Kai sofort in die Klink bringen würde. Ja, wenn der Spender damit einverstanden war.

Bernd fragte wie das funktioniert mit der Typisierung

»Für die Typisierung werden dir einige ml Blut entnommen und im Labor der Leukozytengehalt bestimmt. Es gibt Millionen Kombinationsmöglichkeiten. Stimmen sie aber zum großen Teil überein, so kannst du der Spender sein.«

»Das Labor ist informiert und wird binnen 2 Stunden ein Ergebnis haben. Ihr könnte also warten.«

Daniel fragte noch, während wir im Sprechzimmer Platz nahmen...

»Wie funktioniert die Entnahme der Stammzellen?«

»Es gibt zwei Möglichkeiten, Stammzellen zu gewinnen. Die klassische Form der Knochenmarkspende wird in Vollnarkose durchgeführt. In einer einstündigen Operation wird dem Spender ca. ein Liter Blut-Knochenmarkgemisch aus dem Beckenknochen entnommen. Zur Sicherheit muss er danach 2-3 Tage stationär bleiben.

Eine andere Methode ist für den Spender angenehmer. Nach dreitägiger Einnahme eines Wachstumsfaktors, wird Blut entnommen. Daraus werden die Stammzellen erstellt. Der Rest des Blutes wird dem Patienten zurückgegeben. Diese Methode wird mittlerweile bei über der Hälfte der Stammzellspender angewandt.

Die Risiken beider Methoden sind gering. Es können grippeähnliche Nebenwirkungen und Knochenschmerzen auftreten.«

»Aber dazu muss ich vorher noch mit euren Eltern sprechen!«

Die beiden schauten sich an und grinsten.

»Kein Problem.«

Die Proben wurden entnommen. Klar bei mir auch. Dann warteten wir.

Gegen Mittag kam Dr. Müller. Er war ganz aufgeregt und ich schöpfte neue Hoffnung.

»Eine Probe war ein voller Erfolg!«

»Wer ist es?«, rief ich aufgeregt.

»Bernd!«

Bernd schaute erschrocken hoch.

»Ich?«, fragte er etwas ängstlich.

»Ja du. Ich verstehe aber nicht, warum einen so große Übereinstimmung da ist. Ihr seid Cousins?«

Daniel nickte.

»Ich rufe meine Eltern an. Bernd, du machst doch jetzt keinen Rückzieher?«

Ich schaue zu Bernd, ich konnte verstehen, wenn er Muffe bekam. Er rührte sich einen Moment nicht, schloss die Augen und dann sagte er...

»Wenn ich das jetzt nicht mache, kann ich nie mehr in einen Spiegel sehen, ohne dass ich spucken müsste. Ich würde Kai aber gerne vorher kennen lernen, ich das möglich? Und das mit den Eltern? Daniel Du?......«

»Das mit dem kennen lernen, ist zwar vorher nicht üblich, ich denke aber es ist eine Motivation für Kai und erhöht seinen Lebenswillen, denn der wird noch gebraucht. Ihr fahrt ins Hospiz und kommt mit ihm heute Nachmittag ins Krankenhaus. Ein Carsten weiß Bescheid.«

Daniel holte das Handy heraus und rief seine Mutter an. Ich ging in eine andere Ecke. Wenn die Eltern es nicht erlaubten? Was dann?

Ich hörte wie Daniel einmal sehr laut wurde und dann hörte er nur noch zu.

Er machte das Handy aus und blieb eine Weile sitzen. Er wischte sich die Augen. Weinte er? Mir fiel das Herz in die Hose. Kai. Beim dem Gedanken, kamen mir auch die Tränen. Daniel stand auf und kam zu uns. Ja er hatte geweint.

»Geht in Ordnung. Meine Eltern faxen die Einverständniserklärung an Dr. Müller.«

»Und warum weinst du?«

»Nichts, es ist mir was ins Auge geflogen. Kommt wir fahren zu Kai. Ich möchte sehen wer er ist.«

Wir alle ins Auto und zu Kai.

Carsten erwartete uns.

»Es geht ihm nicht gut. Und Hoffnung? Gibt es einen Spender?«

»Ja Bernd, hier der Kleine. Er macht es. Wir fahren mit Kai ins Krankenhaus.«

»Gut ich erledige alles Nötige. Bitte sprich du erst mit Kai und er muss noch viel trinken!«

Ich ging in sein Zimmer. Halbdunkel, ich konnte Kai kaum sehen.

»Hallo Kai, ich bin's Frank.«

»Du? Danke, dass du noch mal gekommen bist. Ich war gemein zu dir, aber ich hatte solche Angst.«

»Schon vergessen. Ich hab eine Überraschung für dich.«

Er schaute mich an.

»Wir haben einen Spender für dich.«

Er schaute mich nur an.

»He Kai, einen Spender. Du kommst gleich nachher mit ins Krankenhaus!«

Er schaute mich immer noch an, dann schüttelte er langsam den Kopf. Dabei liefen ihm die Tränen herunter...

»Nein. Es ist zu spät. Und überhaupt, wo sollte der denn herkommen? Du?«

»Nein Kai, es ist nicht zu spät und der Spender ist dein kleiner Cousin Bernd!«

Immer noch schüttelte er den Kopf. Aber in seinen Augen war wieder etwas Glanz.

»Ich hab einen Cousin?«

»Nein, du hast zwei und sie warten draußen und möchten dich kennen lernen. Darf ich sie hereinholen?«

Kai nickte und ich holte die Beiden.

Langsam gingen sie auf das Bett zu.

»Ich bin Daniel und das ist Bernd, mein Bruder.«

»Und ihr seid meine Cousins?«

Sie nickten und während alles erzählt wurde, hatte sich Bernd aufs Bett gesetzt und lag auf einmal neben Kai. Er weinte und drückte Kai an sich.

»Du wirst wieder gesund werden, das weiß ich. Ich werde dir helfen. Immer!«

Während der Fahrt, Bernd hatte Kai nicht mehr losgelassen und fuhr im Krankenwagen mit, erklärte uns Carsten wie die Transplantation bei dem Empfänger funktioniert.

»Zunächst wird das gesamte eigene Mark des Patienten mittels Chemo- und/ oder Strahlentherapie zerstört. Bis zur Transplantation hat der Patient keine körpereigene Abwehr. Er muss isoliert und streng überwacht werden. Springt der Spender in diesen Tagen doch noch ab, hat der Empfänger wenig Chancen, ohne sein Abwehrsystem zu überleben.

Dann werden die Spenderstammzellen gereinigt und dem Patienten ähnlich wie eine Bluttransfusion infundiert. Sie suchen sich selbst den Weg ins Knochenmark und wachsen dort an.«


-

Ja das war's.

Frank hatte mich gerettet indem er meine Verwandten suchte.

Bernd hatte mich gerettet indem er mir sein Knochenmark spendete.

Ach seine Eltern durch die Zustimmung.

Als Daniel anrief, wollte seine Mutter zunächst nichts davon wissen, erst auf den lauten und erbitterten Protest und Drohungen von Daniel, lenkte sie ein. Dann sagte sie ihm, dass sie sich scheiden lassen würde. Sein Vater hatte heimlich einen Vaterschaftstest machen lassen. Bernd war nicht sein Sohn. Auf die Frage von Daniel, wer der Vater war, antwortete sie, Hans Schösser. Kai und Bernd haben den gleichen Vater. Ihr seid alle Stiefbrüder. Verzeih mir.

Nun ist aber endgültig Schluss, denn Frank kann seine Hände nicht aus meiner Hose lassen. Es ist schön zu spüren, wenn man geliebt wird. Ich liebe ihn auch, von ganzem Herzen...

Kai

Einen besonders lieben Dank an Micha, der sich die Mühe gemacht hat und alle Geschichten korrigiert hat.

(Anm. der Red.: medizinische Details entnommen von: www.thieme.de)

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