zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Kann Sehnsucht krank machen?

Fünfter Teil

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

Vorwort

Hey Leute! Nun möchte ich Euch den fünften Teil präsentieren. Es ist mit Abstand der Längste bis hierher, aber bitte lasst Euch Zeit beim Lesen – nicht dass ich ne Stunde später schon die ersten „Fragemails“ nach dem nächsten Teil bekomme *fg*. Die Spekulationen waren bisher von Euch ja ziemlich reichhaltig. Vielleicht wird ja die eine oder andere Frage mit den nächsten Zeilen beantwortet, aber versprechen kann ich es nicht ;-). Auf jeden Fall wünsche ich Euch viel Spaß beim Lesen Euer jR

 

Meine Tränen flossen ungehindert über mein Gesicht. Ich stolperte den Weg entlang, hatte arge Mühe nicht hinzufallen. Ein Gedanke hämmerte in meinem Schädel ohne Unterlass auf meine Gefühle ein.

‚Warum hat er das gemacht!!!‘

‚Ich hatte ihm grenzenlos vertraut und ER hat mich so hintergangen!!!‘

Die nächsten zwei Stunden irrte ich ziel- und sinnlos durch die große Stadt. Die Passanten schauten mich recht komisch an, denn wer sah schon einen Teenager, dem hemmungslos die Tränen über das Gesicht rannen. Tim schickte ich eine kurze SMS.

‚Raphael hat mich verraten!‘ Und schaltete dann mein Handy aus. Ich wusste wirklich nicht weiter. Es war mir einfach nicht möglich, einen vernünftigen Gedanken zu fassen. So verletzt hatte ich mich noch nie gefühlt – nicht mal bei der vorübergehenden Trennung von Tim.

Ich hatte angenommen, dass ich vor zwei Tagen bei Felix meinen Tiefpunkt erreicht hatte, aber …

… jetzt und hier stürzte ich noch einmal endgültig ab!

Mein Unterbewusstsein übernahm die Führung und lenkte meine Schritte wieder zurück zur Jugendherberge. Es sorgte dafür, dass ich mich in den richtigen Bus setzte und halbwegs sicher an meinem Ziel ankam. Die Anderen waren noch nicht zurück, aber ich hatte überhaupt keine Lust auf irgendwelche Gesellschaft.

Eine halbe Stunde später fand ich mich auf diesem Findling wieder. Die Schönheit der Landschaft hatte diesmal keine Wirkung auf mich. Ich sah einfach keinen Sinn in seinem Handeln.

Wen hatte ich in Hannover getroffen??

Haben sie sich herrlich über mich amüsiert???

Nichts auf der Welt gab jemandem das Recht, so zu LÜGEN!!!

Ich konnte mich einfach nicht beruhigen. Ständig schwankte ich zwischen unendlicher Trauer, die sich in vielen Tränen äußerte und Wut/Hass auf Raphael hin und her. In solcher Hassphase nahm ich zwei Leute wahr, die sich durch den Weinberg näherten.

„Haut ab – lasst mich einfach alle zufrieden!“, schleuderte ich ihnen laut entgegen. Sofort blieben sie stehen und der Junge redete auf das Mädchen ein. Nach einer Weile verschwand sie mit gesenktem Kopf – jedoch der Junge blieb.

Wer sollte es schon sein? Wer wusste am Besten, wo er mich finden könnte??

Tim setzte sich an Ort und Stelle hin. Er blieb einfach und musterte mich aus der Ferne. Meine Hassperiode schwang langsam wieder in Trauer um.

„Tim bitte lass mich alleine, bitte …“, schluchzte ich auf. Er blieb. Wir wussten beide ganz genau, dass ich ihn in Wirklichkeit jetzt brauchte, dringender denn je. Resigniert sackte ich in mich zusammen.

„Warum hat er das getan?“, fragte ich mich immer wieder. Diesmal formulierte ich meinen Gedanken laut. Mein Zwilling war aufgestanden und langsam näher gekommen. Direkt vor dem Stein blieb er stehen. Mit tränenverschmiertem Gesicht, wie durch einen Schleier sah ich meinen Freund an.

„Warum??“, stieß ich mit erstickter Stimme hervor.

„Willst Du darüber reden?“, hörte ich ihn nach einer Weile leise fragen. Heftig schüttelte ich den Kopf und fing an zu zittern – noch einmal alles durchleben, neeeeeiiiiiin!!! Er kletterte zu mir auf den Stein und dann tat er etwas, was mich endgültig in ein Gefühlschaos schlittern ließ. Tim nahm mich in seine Arme und zog mich fest an sich. Seine Wärme, seine Stärke floss ungehindert zu mir herüber und langsam beruhigte ich mich. Nein, von Beruhigen konnte keine Rede sein – ich hörte jedoch auf zu zittern.

„He Jean, red mit mir darüber“, versuchte er mich mit leiser Stimme umzustimmen. Als Reaktion presste ich meinen Kopf noch tiefer zwischen seinen Hals und Schulter.

Dies hier, genau DAS wollte ich die ganzen letzten Jahre …

… meinen Tim in den Armen halten, ihn spüren, fühlen …

… ihn Küssen …

Erschrocken riss ich mich von ihm los. Verwundert sah er mich an.

Mit Entsetzen merkte ich, welchen Weg ich gerade beschritten hatte – nein, das durfte nicht sein. Tim war mein Freund und ich durfte sein Vertrauen nicht missbrauchen!

„Entschuldige!!“, schluchzte ich auf. Tim musterte mich und dann ahnte er wohl, was gerade in mir vorging.

„Moment Jean, dass ich nicht schwul bin, heißt nicht, dass wir uns nicht umarmen dürfen und uns gegenseitig in schweren Phasen Halt geben können. Du bist mein Freund, nein Du bist ein Bestandteil meines Lebens und wenn es Dir schlecht geht, geht es mir auch schlecht. Mein Vertrauen in Dich ist grenzenlos und ich weiß, dass Du mir nie wehtun könntest!“

Verdammt, das habe ich jetzt bestimmt nicht gebraucht. Das war eine Liebeserklärung an mich. Nein Stopp, es war eine Liebeserklärung an unsere Freundschaft und dieser feine Unterschied war mir sehr wohl bewusst.

Wie sollte ich dieses Chaos in meinem Herzen und Kopf jemals bewältigen?? Wo war ein Ausweg? Müde schloss ich meine Augen, viel Kraft, um ihn zu suchen, hatte ich nicht mehr.

„Und genau aus diesem Grund, mein lieber Twin, möchte ich jetzt etwas probieren, was mir schon seit Tagen durch den Kopf schwirrt!“, hörte ich Tim leise, fast schüchtern sagen. Leicht öffnete ich meine Lider und sah einen verlegen lächelnden Zwilling.

Und dann geschah das Unglaubliche!!!

Seine herrlichen Lippen näherten sich meinen. Ich war wie erstarrt, riss meine Augen auf und sah sie immer näher kommen, immer näher …

… sie berührten sacht meine heißen Lippen. Wie von einem Stromschlag zuckte ich überrascht etwas zurück, doch Tim ließ sich nicht beirren und drückte seinen Mund auf meinen. Millionen Ameisen wanderten über meinen Körper, sämtliche Härchen richteten sich auf und ich ergab mich diesem Kuss. Als seine Zunge zärtlich an meine Lippen klopfte, öffnete ich sie und schloss meine Augen. Sanft spielten unsere Zungenspitzen miteinander, mein Herz fing an zu rasen. Ein Traum, Blödsinn, der Traum war wahr geworden! Meinetwegen könnte dieser Augenblick ewig dauern …

Nach einer Weile löste sich Tim von mir. Ich behielt meine Augen geschlossen, um diesen Moment in meinem Gehirn für immer festzuhalten, ihn einzubrennen.

„Wow“, flüsterte Tim überrascht.

‚Ja, wow, mein süßer kleiner Freund, das könnten wir immer haben!‘, schrie alles in mir, aber ich war mir über die Einzigartigkeit dieses Kusses bewusst. Ich ließ meine Augen geschlossen und genoss diesen Augenblick in vollen Zügen – all meine Sorgen waren wie weggewischt.

„Bist Du böse?“, hörte ich ihn unsicher fragen. So sehr er sich in mich hineinversetzen und meine Gedanken lesen konnte, aber alles was mit ihm zu tun hatte, das konnte er nicht verstehen.

„Böse??“, hauchte ich entrüstet. Ich öffnete meine Augen einen kleinen Spalt und sah einen leicht rötlichen Tim, der mich schüchtern aber mit leuchtenden Augen fragend ansah. Seit Stunden zauberte dieser Anblick bei mir ein kleines Lächeln auf das Face.

„Das war unglaublich!“, gestand ich ihm. Hatte er überhaupt eine Ahnung, was er da gerade getan hatte??

„Danke!“, flüsterte ich. Schweigend saßen wir uns minutenlang gegenüber und beobachteten uns. Jede Einzelheit wurde registriert, jede Regung wahrgenommen.

„Lass uns zurückgehen!“, unterbrach ich unser Schweigen nach einer Weile. Ein leichtes Nicken zeigte mir seine Zustimmung.

„Und dann erzähle ich Euch Beiden, was heute passiert ist!“, eröffnete ich Tim einen Augenblick später. Sein erstaunter Gesichtsausdruck veranlasste mich, eine kleine Erklärung abzugeben.

„Na ja, die Versöhnung mit Svenja ist schon eine Weile fällig und sie geht es genauso was an wie Dich. Immerhin kennt sie meine Ansichten zu Raphael schon länger!“

„Okay“, sagte er und damit war die Sache zunächst einmal erledigt. In der Jugendherberge fanden wir Svenja relativ schnell. War ja auch kein Wunder, denn sie lungerte vor dem Eingang herum. Wir verschanzten uns in unser Zimmer und die Versöhnung ging ebenfalls zügig über die Bühne. Wir wollten es ja Beide und Minuten später mussten wir über unsere Eigensinnigkeit nur noch verwundert die Köpfe schütteln.

Dann kam der weitaus schwierigere Teil. Ich musste die Ereignisse des Tags aus meinem Hirn hervorkramen und versuchen, alles einigermaßen objektiv zu erzählen. Ich fing ganz locker mit dem Seniorenstift an und die Beiden fanden den älteren Herrn auch sehr amüsant. Tim hakte sofort noch einmal nach, ob mir die Reaktion auf Raphaels Namen logisch erschien oder ob ich es mir eventuell nur eingebildet hätte. Ich grübelte eine Weile drüber nach, verwarf es dann aber als Einbildung. Weiter ging es zur zweiten Adresse. Svenja verteidigte hier natürlich das weibliche Geschlecht.

Jetzt war ich an dem Punkt angekommen, vor dem ich mich gefürchtet hatte. Ich musste noch einmal alles durchleben. Tonlos gab ich die Ereignisse wieder. Trotzdem ging es mir wieder an die Nieren. Obwohl ich es nicht wollte, baute sich vor meinem geistigen Auge das Bild von Raphael auf – es war einfach so unglaublich. Dieser Junge war das genaue Abbild meiner Träume und er wusste es!

War das das Problem?

Ich hatte ihm genau geschildert, wie ich mir meinen Traumtypen vorstellte und da saß in Frankfurt jemand vor dem Bildschirm, der diesem Boy hundertprozentig entsprach! Lachte er vielleicht sogar über mich und meine Träume??

Scheiße!

Kaum hatte ich meine Schilderung beendet, da schüttelte Svenja den Kopf.

„Jean, Jean!“, hörte ich nachdenklich von ihr und bekam sofort ein schlechtes Gewissen.

Warum bekam ICH ein schlechtes Gewissen? Man hatte mich belogen!!

„Was ist?“, fauchte ich sie an. Sie ließ sich jedoch von meinem unfreundlichen Ton nicht beirren und was machte Tim?? Er griente still vor sich hin – nen tollen Zwilling hatte ich.

„Du hast ihm ja nicht mal die Chance gegeben, sich zu verteidigen!“, antwortete sie in einem besänftigenden Ton.

‚Was sollte das denn jetzt?‘

„Auf welcher Seite stehst Du eigentlich?“, fragte ich sie ziemlich angefressen.

„Auf Deiner!“, hörte ich sie bestimmt sagen, um dann aber noch nachzuschieben.

„Aber das hält mich nicht davon ab, Dir meine Meinung zu sagen! Du hast mir viel über Raphael erzählt und ich habe ihn durch Dich ganz gut kennen gelernt. Und ich weigere mich, daran zu glauben, dass er Dich so böse mit Absicht hintergangen hat! Erst wenn du seine Seite kennst, kannst Du abschließend darüber urteilen. Ich verstehe aber Deine Wut über seine Unehrlichkeit, denke jedoch einmal über meine Worte nach, wenn Deine Wut etwas verraucht ist.“

„Und was denkst Du?“, wandte ich mich knurrend an Tim, meine Wut war nicht verraucht, aber es hatte sich eine gehörige Portion Unsicherheit dazugesellt.

„Lass uns nachher in die Stadt gehen!“, kam es von Tim. Verwundert sah ich ihn an, denn diese Antwort passte nun gar nicht in unser Gespräch.

„He??“

„Wie bitte?“ Svenja und ich machten unserem Erstaunen beide mit mehr oder weniger vernünftigen Kommentaren Luft. Mein Zwilling griente uns an.

„Na ja, erstens können wir ein wenig Abwechslung vertragen!“

„Ich hatte für heute wahrlich genug Abwechslung.“, murmelte ich vor mich hin.

„Und Jean hätte die Möglichkeit, in einem Internetcafe seine Mails zu checken. So wie ich das sehe, hat er Post.“

„Nein!“

Das kam überhaupt nicht in Frage. Ich war sogar ziemlich sicher, dass ich Post hatte. Was sollte ich aber mit seinen Zeilen anfangen – wie viel war Wahrheit, was war Lüge??

„Jean“, fing mein Zwilling sanft an. „Das wird solange an Dir nagen, bis Du zu einem Ergebnis gekommen bist. Dafür musst Du Dir aber anhören, was er zu sagen hat. Wenn Du ihm schon keine Chance gibst, dann geb sie Dir!“

„Ich habe keine Lust dazu!!“, ablehnender konnte ich mich wirklich nicht ausdrücken.

„Blödsinn, Du kommst mit und wenn ich Dich mit schleife, basta!“ Tims Stimme war leiser geworden, aber ich wusste, wenn er sich so ausdrückte, dann half kein Bitten und Flehen.

„Tolle Freunde habe ich, wirklich spitzenmäßig!“, brubbelte ich weiter vor mich hin. Svenja wollte wohl noch etwas darauf erwidern, aber Tim hielt sie mit einem verschwörerischen Lächeln zurück.

Eine halbe Stunde später befanden wir uns auf dem Weg nach Mainz. Ich hatte echt keine Lust darauf, denn soviel fuhr mir im Kopf herum. Ich sah nach wie vor keinen Sinn in dem Verhalten von Raphael. So wütend ich auch auf ihn war, von seinem Erscheinungsbild war ich mehr als eingenommen. Das war ein absoluter süßer Boy. Schade, dass ich seine Augen nicht gesehen hatte. Leise seufzte ich auf. Es hatte alles so perfekt sein können, schei… .

Fast übergangslos spürte ich Tims Lippen auf meinen, das war auch so ein Highlight, welches ich nie vergessen würde. Ich hatte mir diesen Kuss so sehnsüchtig gewünscht, dass mir dieser Traum so unerreichbar schien – und dann ist es einfach heute passiert. Ich ging tief in mich und fragte mich.

‚Erwartete ich mehr von meinem Zwilling?? War da eventuell doch etwas mehr als eine Freundschaft zwischen uns möglich?‘

Entschlossen schüttelte ich den Kopf. Nein, dieser Kuss war nichts anderes als die Erfüllung eines Traumes und mehr würde da nicht draus erwachsen. Ich würde noch einmal mit ihm darüber reden müssen. Ich wollte einfach wissen, was er sich dabei gedacht und vor allem was er gefühlt hatte.

Ob ich bis in den letzten Winkel meines Hirns und vor allem meines Herzen akzeptiert hatte, dass Tim nur ein Bruder für mich war, das konnte ich nicht mit Gewissheit sagen, aber über eins war ich mir seit heute sehr sicher. Die fast krankhafte Sehnsucht, ihn als meinen Boyfriend an meiner Seite haben zu wollen, die hatte ich besiegt!

Na ja besiegt war nicht der richtige Ausdruck dafür, denn sie war noch da – nur hatte sich da eine ganz andere Person in mein Herz geschlichen und diese hatte mich heute zutiefst verletzt!

Während der Fahrt ließen mich Tim und Svenja zufrieden und so konnte ich in meinen düsteren Gedanken schwelgen. Jetzt hatten sie aber ein Internetcafe ausfindig gemacht und schleiften mich in die Örtlichkeit. Mit großen Augen sahen sie mich an – ich stand einfach mich verschränkten Armen da.

„Jeeeeeeeeaaaaaannnnn, käs Dich aus!“, grummelte Tim mit mir herum.

„Ich wollte nicht hierher“, brummte ich missmutig zurück.

„Bitte“, hörte ich ihn sanft sagen.

„Gut, aber lasst mich alleine!“, forderte ich sie auf. Kommentarlos trollten sie sich. Also ließ ich mir einen Platz zuweisen und loggte mich bei meinem Anbieter ein. Eigentlich war ich mir sicher, dass ich eine Mail von ihm hatte, aber als ich sie dann in meinem Postfach liegen sah, wurde mein Hals sehr eng. Sie war an mich um 18.22 Uhr abgeschickt worden. Ich überschlug schnell den Zeitpunkt unseres Zusammentreffens – das war nicht mal 15 Minuten später.

Jetzt starrte ich schon zwei Minuten auf mein Postfach und konnte mich nicht dazu entschließen, diese Mail zu öffnen.

Einerseits sehnte ich mich danach, Raphaels Zeilen zu lesen, anderseits wollte ich nicht wieder der Mystik unser Mailerei verfallen. Ich wollte ihm keine Möglichkeit geben, mich zu verzaubern. Somit schloss ich mein Postfach und schlich mit gesenktem Kopf aus dem Cafe. Svenja stand mit meinem Zwilling unweit der Tür und schwatzte auf ihn ein. Als sie mich kommen sahen, hörten sie schlagartig auf und ein Schweigen senkte sich über uns. Beide sprachen sie mich an und es war eindeutig, wer mich sofort durchschaut hatte.

„Du hast keine Mail bekommen?“, hörte ich Svenja.

„Du hast sie nicht gelesen, stimmts?“, flüsterte Tim ernst. Beide Fragen kamen fast gleichzeitig.

„Ich konnte nicht“, murmelte ich.

„Man Jean, das ist doch nur eine Mail. Was soll denn da schon passieren?“, fragte mich Svenja nun doch erstaunt.

„Verdammt!“, brummte Tim, griff meine Hand und zog mich hinter sich her.

„He?“

„Du kommst jetzt mit. Wir klären das an Ort und Stelle!“, sagte er energisch.

„Waaaaaaaaaaaaaaass???“, rief ich erschrocken aus.

„Ja, Du hast ganz richtig verstanden. Wir gehen jetzt zu Raphael und dann will ich hören, was er dazu zu sagen hat!“ Entsetzt entriss ich ihm die Hand.

„Bist Du bescheuert??“, fuhr ich ihn an.

„Ich kann seine Mail nicht lesen, da will ich ihn bestimmt nicht sehen!“, schrie ich ihn an.

„Tim, wenn Jean nicht möchte, dann …“, mischte sich Svenja ein, aber weiter kam sie nicht. Mit funkelnden Augen fuhr mein Zwilling zu ihr herum.

„Misch Dich nicht ein!“, watschte er sie ab.

„Wie bitte??“, fragte sie erstaunt, hielt aber dann ihren Mund.

„Jean, Du machst mir nichts vor. Natürlich willst Du ihn wieder sehen, Du sehnst es regelrecht herbei, aber Du bist zurzeit sehr tief verletzt und hast Angst. Du hast Angst, dass Dich Raphael mit seinen Zeilen wieder in seinen Bann ziehst, aber auch, dass er Dir keine plausible Erklärung bietet und Du somit kein Vertrauen mehr zu ihm fassen kannst. Ich werde jedoch nicht zu lassen, dass Du Dich zerfleischt und manchmal musst Du zu Deinem Glück gezwungen werden!“ Tim hatte sich in Rage geredet und funkelte mich jetzt mit seinen herrlichen Augen an. Ich war sprachlos, denn er hatte mein innerstes Seelenleben eben gerade vor mir ausgebreitet. Wortlos drehte ich mich um und stiefelte wieder zurück in das Cafe. Der Zähler an meinem PC tickte ja immer noch, denn ich hatte vorneweg für eine Viertelstunde gebucht.

Mit zusammengekniffenen Lippen klickte ich mich wieder bis zu meinem Postfach und diesmal öffnete ich nach einem kurzem Zögern Raphaels Mail. Allein die Anrede ließ mich schon die Luft scharf einziehen.

Lieber Jean!

Ich sitze hier vor meinem PC und weiß nicht wie ich beginnen soll. Eben war meine große Liebe hier und geblieben ist die Verzweiflung …

Wie soll ich Dir das erklären? Wie soll ich jemandem so etwas persönliches erklären, der gerade sämtliches Vertrauen in mich verloren hat.

Ich habe diesen Schutzschild um mich herum aufgebaut, weil ich rettungslos in Dich verliebt bin – seit unseren ersten persönlichen Mails. Ich wollte mir meinen Traum erhalten, wollte ihn weiter im Verborgenen leben, denn nur da hat er die Chance zu überleben.

Jean, Du hast mein Herz verzaubert und erobert – ich habe Deins verwundet.

Ich hasse mich! Ich weiß nicht weiter …

Bitte verzeih mir, rede mit mir …

Dein Raphael

Scheiße!!

Aufgelöst saß ich vor dem Computer und zitterte am ganzen Körper. Dieser Junge, der Inbegriff meiner Träume, hatte mir gerade seine Liebe gestanden. Bat mich um Verzeihung, aber Erklären tat er gar nichts. Kein bisschen wurde seine Lüge für mich durch diese Mail verständlich.

Ich hasste ihn …

Nein, ich liebte ihn …

Verdammt!

Ich zwang mich zu einer Antwort. Sie war aber mit dem Kopf geschrieben, nicht mit meinem Herzen.

Hey Raphael!

Wie soll ich mir Deiner Liebe sicher sein, wo ich doch noch nicht einmal weiß, wer DU bist!

Was kann ich glauben? Wie soll ich Dir vertrauen?

Ich weiß keinen Rat – ich brauche Zeit.

Bye Jean

Nachdem ich die Mail auf Reisen geschickt hatte, saß ich noch lange an meinem Platz und starrte auf den Bildschirm. Meine Zeit war schon ewig abgelaufen und ein Bildschirmschoner zierte den Monitor. Ich war noch immer fassungslos über das Geständnis von Raphael. Nein das traf es nicht richtig, ich war zutiefst erschüttert.

Natürlich hatten unsere Mails das gewisse Flair und ich hatte ein paar Mal meine Fantasie spielen lassen. Durch das Treffen mit ihm, nein mit irgendjemand, war diese aber wieder nur zu einem Traum geworden. Es war eine Art Schwärmerei gewesen, nur genährt durch seine Mails. Den nächsten Schritt war ich nie gegangen!

Die erste Wandlung unserer Verbindung war mir heute bei unserem Treffen widerfahren. Da hatte ich das erste Mal den verworrenen Gedanken, dass da mehr sein könnte. Dies wurde zwar unterdrückt durch meine Entdeckung, aber sie war da. Hatte sich wie ein vergifteter Pfeil in meine Seele gebrannt.

Und jetzt das!

Er liebte mich! Aber warum?

Er kannte mich doch gar nicht. Wie konnte er sich in eine virtuelle Figur verlieben?

‚Weil es Dir doch gar nicht anders erging!‘ Da war sie wieder, diese unangenehme weil besserwisserische Stimme.

„Jean, alles klar?“, hörte ich Tim leise hinter mir. Schweigend drehte ich mich um. Svenja zog scharf die Luft ein.

„Mist, so schlimm?“, fragte er. Verzweifelt zuckte ich mit den Schultern.

„Viel schlimmer“, murmelte ich. Ich stand einfach auf und ging an den Beiden vorbei nach draußen. Ich brauchte frische Luft. Wir verloren kein weiteres Wort, gingen einfach so durch die Strassen.

Das Komische war – ich grübelte nicht. Nein, ich konnte an gar nichts denken, ich war einfach leer …

Irgendwann am Abend wachte ich in einer Kneipe aus meinem Zustand auf. Svenja und Tim unterhielten sich leise, eigentlich schienen sie sich gut zu verstehen. Vielleicht …

… still lächelte ich in mich hinein. Mir war wirklich nicht nach Lachen, aber dieser Gedanke war einfach lustig.

„Ah, zurückgekehrt in unsere Welt“, hörte ich meinen Zwilling sagen, dem entging einfach nichts.

„Noch nicht so richtig“, antwortete ich ehrlich.

„Und was machen wir nun?“, versuchte ich es mit einer kleinen Ablenkung und gespielter Fröhlichkeit.

„Ne, ne mein kleiner schwuler Twin, Du wirst uns jetzt beichten, was Dich schon den ganzen Abend beschäftigt. Die Mail muss der Hammer gewesen sein, denn Du hast mehrmals seinen Namen geflüstert!“, brummte Tim.

„Welchen Namen?“, fragte ich nun verwundert. Tim verdrehte nur seine Augen.

„Okay, Ihr gebt ja doch keine Ruhe. Er hat mir seine Liebe gestanden! Zufrieden?“, brachte ich die Sache gleich auf den Punkt.

„Er hat was?“, kiekste Svenja überrascht, Tim zog nur scharf die Luft ein.

„Aber sonst keine weitere Erklärung zu seinem Verhalten“, seufzte ich enttäuscht.

„Hast Du geantwortet?“, fragte mich Svenja.

„Ja.“

„Leute bevor Ihr jetzt weiter in mich dringt“, unterdrückte ich ihre nächste Frage.

„Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich bin total zerrissen und musste mir eingestehen, dass ich diesen Jungen mag. Nein nicht mag … .“ Verunsichert ließ ich meinen Blick über meine Freunde gleiten.

„… aber ohne Vertrauen. Wie soll das funktionieren? Wie kann ich jemanden lieben, der lügt?“ Verzweiflung machte sich wieder bei mir breit.

„Jean, gebt Euch noch eine Chance!“, hörte ich Svenja sagen und Tim nickte leicht.

„Ich brauch ein wenig Zeit, das habe ich ihm auch geschrieben.“ Sie musterten mich beide auf unterschiedliche Art. Svenja war mehr als skeptisch und wollte das Ganze noch gerne vertiefen. Mein Zwilling sah, dass ich mir schon genug Gedanken machte, sah sie an und schüttelte leicht mit dem Kopf. Ich war erleichtert, dass sie sich an den Wink von Tim hielt.

Den Abend versuchte ich dann krampfhaft an etwas anderes zu denken. Tim fing damit an, Episoden aus unserer Kindheit zu erzählen und ich ging darauf ein. So unterhielten wir uns sehr locker den Abend über und Svenja standen oft genug die Tränen in den Augen. Manchmal schaute sie doch ziemlich ungläubig, wie gut Tim und ich uns ergänzten. Der Eine fing den Satz an und der Andere konnte ihn ohne Probleme fortführen. Ich glaube, jetzt verstand sie erst, wie gut wir uns wirklich kannten.

Aber irgendwann ist jeder Abend mal vorbei und die Nacht begann. Da lag ich nun im Bett und grübelte über den Wahnsinn, der sich meiner bemächtigt hatte. Und auch jetzt fand ich keinen Ausweg.

Die Tage in der Jugendherberge schleppten sich so hin. Mit Tims Hilfe schaffte ich es, einigermaßen locker zu sein und nach außen hin normal zu wirken. In mir brodelte es aber nach wie vor. Ich schwankte immer noch zwischen sofortiger Beendigung unserer Mailfreundschaft bis zum sofortigen Versöhnungstreffen. Ein, zweimal erwischte ich mich, wie ich den Weg zu ihm plante, um mich danach selbst rund zu machen. Mir fiel letztendlich ein Stein vom Herzen, als wir uns auf den Rückweg machten. Diese örtliche Nähe zu Raphael gab der ganzen Sachen eine zusätzliche Brisanz.

Meine Eltern merkten sehr wohl, dass wieder mal mit mir etwas nicht stimmte, aber sie ließen mich in Ruhe. Wohl auch aus dem einen Grund, weil Tim oft um mich herum war und sie somit sahen, dass sich mein Zwilling um mich kümmerte.

Mit einem sehr nervösen Kribbeln schaltete ich meinen PC wieder ein, als wir nach Hause kamen. Meine Mail hatte ich ja vor vier Tagen an ihn abgesendet. Ich gestand mir ein, dass mir seine Mails fehlten. Mit ihm konnte ich intensiv genau über solche Probleme schreiben, aber dieses Mal betraf es uns Beide.

Ich hatte drei Mails von ihm. Von Mail zu Mail wurde sein Flehen nach Antwort von mir heftiger. Er bot mir an, dass wir telefonieren sollten. Er wollte mit mir sprechen. Eine Erklärung für sein Verhalten enthielten seine Zeilen nach wie vor nicht.

Und da traf er einen wunden Punkt bei mir. Ich hatte zwar ein Handy, trug es aber zur Belustigung meines Zwillings nur als Briefbeschwerer mit mir herum. Mir war das Telefonieren ein Graus! Ich musste meinen Gesprächspartner sehen, wollte seine Reaktionen erspähen – mir war der Dialog von Angesicht zu Angesicht 100mal lieber. Und nun wollte er mit mir telefonieren.

Natürlich antwortete ich ihm. Ich hielt meinen Ton aber bewusst kühl und erklärte ihm sachlich, wieso ich nicht mit ihm telefonieren wollte. Auf meine ganze Zerrissenheit ging ich überhaupt nicht ein. Dann schaltete ich die Kiste aus, obwohl ich mir sicher war, dass Raphael in der nächsten Stunde meine Mail beantwortet hatte.

Zum Glück holte mich am nächsten Tag der Schulalltag wieder ein. Meinen beiden Kletten fiel immer wieder ein neues Bespaßungsprogramm ein, so hielten sich meine Grübelphasen in Grenzen. Raphaels Antwort war pessimistisch genug, um mich so langsam mit dem Ende unserer Freundschaft anzufreunden. Auf Grund meiner „Unlust“, so wie er sich ausdrückte, zum Telefonieren, unterstellte er mir mehr oder weniger deutlich, dass ich die Sache beenden wollte. Mittlerweile waren nach meiner letzten Mail anderthalb Wochen vergangen und ich hatte in dieser Zeit einen großen Bogen um meinen PC gemacht. Na ja eigentlich waren schon wieder 10 Tage vergangen, ich hätte sogar die Minuten vorbeten können, seit dem ich die letzte Mail von Raphael gelesen hatte. Ich war nach wie vor süchtig nach seinen Zeilen, nein ich war süchtig nach IHM.

Am Donnerstag hielt ich es nicht mehr aus und klickte mich in mein Postfach.

Scheiße!!!

Da tummelten sich sechs Mails von ihm rum. Sein Ton wurde von Mail zu Mail trauriger. Er bat mich um Verzeihung, er bettelte, er flehte. Recht nebulös kam ein Teil einer Erklärung. In der Vergangenheit war er ein paar Mal sehr enttäuscht worden und aus irgendeinem Grund musste er seine Identität verbergen. Nur warum, das schrieb er nicht. Ich saß vor meinem Computer und war den Tränen nahe. Dieser Junge berührte mein Herz nach wie vor.

Mir fiel keine passende Antwort ein. Aus irgendeinem Grunde wollte er mir nicht vertrauen.

‚Nein, das war nicht richtig!‘, schalt ich mich. Er wollte mit mir darüber reden, aber genau dazu konnte ich mich nicht durchringen. Etwas riss mich aus meinen Gedanken – ein Geräusch.

Da war es wieder.

An unserer Haustür klingelte es Sturm. Eigentlich war meine Mutter ja da, aber irgendetwas hielt sie auf. Also trottete ich nach unten, denn der Störenfried gab nicht auf. Genervt rief ich noch.

„Ich komm doch schon!“ Wurde aber von einer erneuten Klingelattacke zu mehr Eile aufgefordert. Jetzt reichte es aber wirklich. Angefressen riss ich die Tür auf und prallte zurück.

Vor unserer Haustür stand eine Person, die ich sehr wohl schon mal gesehen hatte – der unechte Raphael! Seine Augen funkelten und er beherrschte sich wohl nur mühsam.

„Genau zu Dir wollte ich!“, fauchte er mich sofort an. Ich war nach wie vor zu perplex, um überhaupt reagieren zu können geschweige denn etwas zu sagen.

„Du bist ein riesengroßes Arschloch!“, knurrte er mich weiter an. Es waren nicht nur die Worte, die mich aus der Erstarrung rissen, nein es war vielmehr seine Haltung, die mich zurückzucken ließ. Er sah so aus, als wollte er sich jeden Moment auf mich stürzen. Meine körperliche Reaktion gab mir auch mein Sprachzentrum wieder.

„Was willst Du?“, fragte ich und wurde zusehends wütend.

„Was ICH will? Du gottverdammter Idiot, weißt Du überhaupt, was Du angerichtet hast???“ Sein Ton war immer lauter geworden.

„Was ich angerichtet habe? Du hast Dich doch als Raphael ausgegeben und so den ganzen Scheiß erst ins Rollen gebracht, DU ARSCH!“ Ja ich konnte viel lauter Schreien. Das hatte er wohl nicht erwartet, denn er schluckte den nächsten Satz hinunter und da ich gerade so schön in Fahrt war …

„Ich wollte noch einmal mit Dir reden und bin nach Frankfurt gefahren, um festzustellen, dass DU nicht Raphael bist! Wahrscheinlich habt Ihr Euch darüber auch noch köstlich amüsiert!“ Man war ich jetzt gut drauf, den ganzen Frust brüllte ich raus. Wenn ich aber darauf wartete, dass er wieder zurückbrüllte, dann wurde ich enttäuscht. Seine Augen wurden nachdenklich.

„Wer bist Du eigentlich?“, versuchte ich es wieder in einer halbwegs normalen Lautstärke.

„Raphael ist mein kleiner Bruder. Ich bin Dominik.“, antwortete er ruhiger.

„Und da machst Du solch einen Scheiß mit?“, knurrte ich sofort, so viel zu meiner Beruhigung. Ich köchelte schon wieder vor mich hin.

„Das Warum geht Dich einen Scheiß an. Ich will nur eins von Dir. Melde Dich bei meinem Bruder!“, kam in relativ sachlichem Ton von ihm. Nur der Inhalt ließ zu wünschen übrig.

„Aber genau um das „Warum“ geht es mir. Dein ach so kleiner Bruder hat mich belogen, mein Vertrauen missbraucht!“

„Ja Jean, und genau da ist der Haken! Das geht ihm auch verdammt nahe. Raphael ist nur noch ein Häufchen Unglück und das kann ICH nicht zulassen. Warum er nicht mit der Wahrheit herausgerückt ist, muss er Dir selbst erzählen. Aber warum ich es gemacht habe, kann ich Dir sagen.“ Dominik machte eine Pause und sah mich fest an.

„Ich wollte meinem Bruder helfen und ich würde ihn beschützen, wo es geht!“

„Ist er ein Kleinkind oder was?“

Man langsam bekam ich hier einen Koller. Wir waren doch beide fast erwachsen und seine Mails machten einen mehr als vernünftigen Eindruck und sein Bruder laberte hier einen echten Scheiß. Erstaunt sah er mich an.

„Du weißt es nicht!?“, fragte er ungläubig.

„Waaaasss?“, grummelte ich zurück. Das wurde mir nun doch zu doof.

„Oh man – Du hast keine Ahnung!“ Was sollte ich darauf antworten? Resignierend zuckte er mit den Schultern.

„Raphael ist blind!“

‚Wie bitte?‘ Ungläubiges Erstaunen eroberte mein Gesicht. Nein, das konnte nicht sein.

„Seit dem dritten Lebensjahr kann mein Bruder nichts mehr sehen“, murmelte Dominik traurig.

‚Da, er hatte es wiederholt. Es war keine Halluzination – es war wahr!‘, durchfuhr es mich. Ich war überhaupt nicht fähig, irgendwie zu reagieren.

„Jean, bitte melde Dich bei ihm. Mein Bruder verzehrt sich nach Dir, Du hast gar keine Ahnung, wie sehr. Aber wenn Du einen Schlussstrich ziehen willst, dann teile ihm dies mit.“

Mit diesen Worten drehte er sich um, und ging einfach. Ich lehnte mich an die Tür und rutschte an ihr hinunter. Ich umschlang meine Knie und mein Kopf sackte auf sie.

Scheiße!

‚Wieso hat er mir das nie geschrieben?‘, murmelte ich vor mich hin.

‚Nein, das war alles nur ein böser Traum! Aber warum saß ich dann vor der Haustür und starrte auf den Boden?‘ Das Seltsame an der ganzen Sache war, dass ich es in meinem tiefsten Inneren sofort glaubte und das hatte einen Grund. Ich hatte das Bild in Frankfurt vor meinen Augen. Raphael stand mir gegenüber und „sah“ mich an, seine Augen hinter einer sehr dunklen Sonnenbrille versteckt. Er reagierte überhaupt nicht, als ich so vor seiner Tür stand, dabei hatte er ein Foto von mir und sehr verändert hatte ich mich nicht – seine Reaktion kam erst, als ich ihm meinen Namen nannte.

‚Oh man, was machte ich denn nun?? Mein Traumjunge war behindert!‘ Bei dem Wort „behindert“ zuckte ich zurück – da hatte ich irgendwie einen Krüppel vor meinen Augen.

‚Wie war das ohne Augenlicht?‘ Ich versuchte, es mir vorzustellen, aber DAS konnte ich einfach nicht – nie mehr was sehen?! Nie mehr Tim sehen? Das war einfach der blanke Horror! Dies brachte mich aber zwangsläufig zur nächsten Frage. Was war so besonderes an mir, dass er sich in mich verliebt hatte – das Visuelle konnte es ja nicht sein. Über meine ganzen Zweifel, meiner Zerrissenheit legte sich jetzt ein Mantel der Unsicherheit.

‚Wie sollte ich jetzt mit ihm umgehen? Musste ich behutsamer sein?‘ – Ich wusste es nicht, ich hatte nicht mal eine Idee.

„Jean?“, hörte ich jemand leise fragen. Diese Stimme kannte ich zur Genüge.

„Ja, Tim?“

„Was ist mit Dir?“

„Raphael ist blind!“

„Nein!“, rief mein Zwilling erschrocken auf. Meine betrübte Miene belehrte ihn aber eines Besseren.

„Hammer“

„Das kannste wohl laut sagen“, murmelte ich und stemmte mich mühsam hoch.

„Du hattest doch heute was vor“, versuchte ich meine Gedanken erst einmal in eine andere Richtung zu lenken.

„Ja, schon“

‚Wieso druckste mein Zwilling auf einmal herum?‘

„Und das heißt?“, fragte ich ihn auf den Kopf zu.

„Irgendwie hatte ich gespürt, dass bei Dir was nicht stimmt“, murmelte er leise.

„Irgendwas nicht stimmt, eine ziemliche Untertreibung. Da oben sind mehrere Mails von einem der süßesten Jungs, die ich je gesehen habe und sie flehen geradezu um meine Liebe – nur kann ich ihm nach wie vor kein Vertrauen schenken. Und so ganz nebenbei erfahre ich, dass er blind ist. Man ich hab keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll!“ Tims Antwort war Schweigen. Er ahnte wohl, dass ich noch nicht fertig war.

„Warum muss bei mir nur immer alles so kompliziert verlaufen? Seit einiger Zeit wünsche ich mir, dass ich einfach den Schalter umlegen könnte und ‚Flopp‘ – der arme Jean ist hetero, findet ne nette Freundin und alle sind glücklich!“

„Blödsinn!“, knurrte mich mein Zwilling an. Verdutzt sah ich ihn an. Seine Augen glitzerten.

„Du bist, was Du bist. Und für mich bist Du der beste Freund, den man sich vorstellen kann. Wer Dich als Partner erobert, hat das große Los gezogen. Schau mich doch an. Ich hatte eine Freundin und zurzeit bin ich wieder solo. Mir geht’s nicht besser als Dir – bin auch auf der Suche!“

„Ja toll, DU bist ja auch normal und bei Deinem Aussehen rennen Dir die Schnecken nur so hinterher!“

„Also erstens bist Du genauso normal wie ich, über dieses Thema, glaube ich, brauchen wir beide nicht zu philosophieren! Und zweitens hast Du gerade ein klassisches Eigentor geschossen!“ Tim lächelte mich listig an.

‚Oh man, was geht denn nun wieder in seinem Kopf vor??‘

„Na ja, wenn sie mir die Tür einrennen, wegen meinem Aussehen, frage ich Dich mal, warum sie uns Zwillinge nennen??“ Okay, ja schön, dann hatte er mich eben mit eigenen Waffen geschlagen, aber so einfach klein beigeben wollte ich nun auch nicht.

„Was soll ich denn bloß mit Mädels?“, fragte ich ihn süffisant. Tim verdrehte nur seine Augen.

„So, Jean ich muss dann los. Kommst Du klar?“, kam vorsichtig seine Gegenfrage.

„Glaub schon. Muss ja bloß nur irgendwie eine Mail verfassen“, seufzte ich.

„Schreib, was Du fühlst“, gab er mir noch abschließend einen Rat und schon war er verschwunden.

Tja und eine Stunde später klickte ich auf den Knopf „Email senden“ und da fiel mir sein letzter Satz wieder ein.

Mist – zu spät, denn genau das hatte ich nicht befolgt. Ich hatte mehr oder weniger herumgeschwafelt. Und ich hatte es nicht lassen können, seine Blindheit anzusprechen. Warf ihm aber auch gleichzeitig vor, dass er mir damit noch weniger Vertrauen entgegenbrachte als ich schon angenommen hatte.

Als ich mir die Mail noch einmal so durchlas, hätte ich mir in den Arsch beißen können. Ich behandelte ihn wie einen Krüppel, obwohl ich genau das nicht machen wollte.

‚Aber wie sollte ich mit ihm nur umgehen?‘, grübelte ich. So ganz weit hinten in meinem überforderten Gehirn bildete sich so langsam ein Gedanke, der immer mal wieder aufblitzte.

‚Du kannst der ganzen Sache aus dem Weg gehen, indem Du den Kontakt abbrichst!‘ Noch schob ich diesen Gedanken immer wieder entrüstet beiseite, aber gewisse Vorzüge beinhaltete dieser Satz schon …

Raphaels Antwort kam eigentlich innerhalb von Minuten. Okay, es hatte schon eine halbe Stunde gedauert, aber ich war wieder einmal perplex, wie schnell er auf meine Mails reagierte. Sie war nicht lang, aber die Zeilen waren wie Hammerschläge!

Lieber Jean!

Was spielt es für eine Rolle, ob ich blind bin?

Ich will Deine Liebe und nicht Dein Mitleid!

Genau wegen dieser Reaktion von Dir, hatte ich nichts davon geschrieben. Ich kann nicht sehen, aber ich bin nicht dumm – warum behandelst Du mich jetzt wie ein Kleinkind, wie einen Idioten.

Ich werde nie die Chance haben, Dich zu sehen – aber darf ich deshalb nicht lieben?

Raphael

Diese Mail war schon echt harter Tobak, aber es erklärte immer noch nicht, warum er mich in Bezug seines Aussehens angelogen hatte und wieso er seinen Bruder vorgeschoben hatte. So sehr mir auch die Tränen in den Augen standen und ich mich nach seinen Zeilen verzehrte – mein Vertrauen in ihn war zerstört.

Was konnte ich ihm glauben?

Vor allem – konnte ich ihm je wieder was glauben???

Ich brauchte jemanden zum Reden – auf der Stelle! Mir war auch augenblicklich klar mit wem. Zwei Telefongespräche später war ich auf dem Weg. Ich hatte mir bei Felix die Nummer von Flo besorgt und der war zum Glück zu Hause. Ohne groß zu überlegen, lud er mich sofort zum Kaffee ein und so fuhr ich mit meinem Fahrrad zu ihm.

Die frische Luft und die körperliche Betätigung verschafften mir einen einigermaßen klaren Kopf. Der Weg war mit dem Auto damals nicht so weit gewesen, aber so mit dem Fahrrad – oh man.

An der Haustür empfing mich ein grinsender Florian. Schnaufend stieg ich von meinem Rad und stellte es in den Hausflur.

„Hey mein kleiner Herzensbrecher“, empfing er mich lächelnd.

‚Was, wie? Was war das denn für ein Empfang?‘

„Ähm“, keuchte ich, die Luft war mir immer noch knapp.

„Oh, Du kommst nicht wegen Felix?“, fragte er erstaunt.

‚Verdammt, dieses Thema gab es ja auch noch. Mit Flo hatte ich seit der Trennung von Felix noch nicht gesprochen.‘

„Ähm“ Meine Wortwahl war heute unerschöpflich, richtig abwechslungsreich.

„Komm erst einmal rein und dann sehen wir weiter. Möchtest Du was trinken?“, lotste er mich in seine Wohnung.

Er führte mich kurz durch eine kleine saubere Zwei-Raum Wohnung und platzierte mich auf einer gemütlichen Couch. Mit zwei Gläsern und einer Flasche Sprudel kam er nach einigen Augenblicken wieder und setze sich mir gegenüber in einen Sessel. Ich konnte nicht umhin, Flo anzustarren. Er sah einfach toll aus.

„He, ich bin vergeben!“, riss er mich aus meinen Träumen. Verlegen lächelte ich ihn an.

„Entschuldige“

„So, was bedrückt Dich denn?“

„Wie kommst Du eigentlich auf Herzensbrecher?“, nahm ich den Faden von der Begrüßung wieder auf.

„He, Felix rennt nach fast vier Wochen immer noch deprimiert durch die Gegend und das gabs früher nicht mal stundenweise!“

„Oh.“ Mein Gewissen plagte mich sofort. Um Felix hatte ich mir in der letzten Zeit wenig Gedanken gemacht, ich hatte den Kopf ja schon mehr als voll. Außerdem hatte Felix ja unsere Beziehung beendet und sich von mir zurückgezogen. Diese Gedanken äußerte ich auch laut. Flo schaute mich nachdenklich an.

„Machst Du es Dir nicht ein wenig einfach?“, fragte er mich dann auch ernst.

„Nein mache ich mir nicht. Ich habe sehr wohl kapiert, dass mein Zwilling die Messlatte sehr hoch gelegt hat, aber Felix hat nicht zu unrecht kapituliert. Es lag nicht an Tim, es lag an mir!“, gestand ich ihm freimütig. Verwundert hob er die Augenbraue hoch.

„Du liebst Felix, aber ich habe ihn nicht geliebt. Versteh mich nicht falsch, er ist eine absolute Sahneschnitte und die Zeit mit ihm war echt schön, aber …“

„… mehr als Schwärmerei war es nicht und ich war irgendwie froh, dass er einen Schlussstrich gezogen hat!“

„Ich weiß!“, Flo schmunzelte über mein Geständnis.

„Wie bitte?“

„Na was glaubst Du denn, wer hier Seelenmassage in den letzten Wochen betreiben musste? Ich habe mit ihm alles von vorn nach hinten und wieder zurück durchdiskutiert und wir sind immer zu demselben Ergebnis gekommen. Das änderte aber nichts an dem, dass mein Großer in Dich verliebt ist und so ein süßer Kerl wie Du wächst nun mal nicht einfach so auf jedem Baum!“ Da flirtete er doch ein wenig mit mir und ich lief sofort rosa an.

„Soll ich mit Felix noch einmal reden?“, fragte ich, aber ich wusste echt nicht, ob ich Nerven für ein weiteres Problem hatte.

„Das ist lieb von Dir gemeint, aber lass ihm mal ein wenig Zeit. Du hast auf jeden Fall einen Freund gewonnen, der alles für Dich machen würde – nur muss er die Rolle erst einmal akzeptieren!“

„So und nun lass mal hören, was Dich eigentlich zu mir führt!“, forderte mich Flo auf.

‚Tja, wie fang ich an?‘, grübelte ich. Am Anfang druckste ich ein wenig herum, aber Florian stellte an der richtigen Stelle immer eine Frage und so kam ich in den Erzählfluss. Mit Raphaels Reaktion in Form der letzten Mail schloss ich dann.

„Das ist heftig!“, entfuhr es Flo.

„Magst Du ihn?“, fragte er mich nach einer kurzen Pause vorsichtig.

„Ja“

„Aber Du vertraust ihm nicht mehr?“

„Wie sollte ich?“

„Kannst Du ihm verzeihen und von vorne anfangen?“

„Ich weiß es nicht! Immer wenn ich denke, ich könnte es, kommt der nächste Hammer …“ Ich musste den Satz abbrechen, denn ein Kloß machte sich in meiner Kehle breit. Trotz allem konnte ich sein Bild nicht aus meinem Kopf verbannen.

„ … was wird noch alles ans Tageslicht kommen? Wie viele Geheimnisse hat der Junge noch?“, murmelte ich traurig vor mich hin.

„Dann kann ich Dir nur einen Rat geben!“ Erwartungsvoll sah ich ihn an – wollte ich das wirklich hören??

„Zieh einen Schlussstrich und beende die Sache mit Stil, aber lass ihn nicht länger im Ungewissen. Bisher hast Du Dir immer noch ein Hintertürchen offen gelassen, aber das ist nicht fair Raphael gegenüber!“

‚Nein, diesen Rat wollte ich definitiv nicht hören!‘ Dementsprechend schüttelte ich auch leicht den Kopf.

„Ich weiß, dass Dir diese Worte nicht in den Kram passen, aber was nützt es, wenn ich Dir nach dem Mund rede“, hörte ich dann auch seinen Kommentar.

„Und noch einen Tipp von mir. Ich kann da ein wenig aus Erfahrung reden, weil ich einen guten Freund habe, der im Rollstuhl sitzt. Sieh in Raphael den Menschen, der er vorher auch war und fass ihn bloß nicht mit Samthandschuhen an. Diese Personen reagieren sehr sensibel was Mitleid betrifft – sie wollen ein gleichberechtigter Teil unserer Gesellschaft sein und keine Sonderbehandlung bekommen.“

‚Na toll, das ist ja blendend gelaufen!!!‘ Schnell verabschiedete ich mich von Flo, der dann wegen meines abrupten Aufbruches etwas verwundert war. Nicht mal ein Dank gab es von mir, was mir peinlich auf meinem Nachhauseweg bewusst wurde. Ich zermarterte mir auf dem Heimweg den Kopf, zu einem klaren Ergebnis kam ich nicht. So langsam stahl sich der Gedanke von vorhin wieder in meine Überlegungen.

Schluss machen?

Eine halbe Stunde später saß ich an meinem PC und stierte auf den leeren Bildschirm. Seufzend fasste ich einen Entschluss – nein den Entschluss. Dementsprechend hielt ich meine Antwort an Raphael kurz.

Hey Raphael!

Es tut mir leid – ich weiß nicht mehr, was ich Dir glauben soll!

Das hatte nix mit Mitleid zu tun.

Ich hatte Dir total vertraut, habe Dir alles über mich erzählt und Du hast es nicht mal für nötig befunden, mir Dein wahres Äußeres zu offenbaren.

Am besten wir beenden die ganze Angelegenheit. Ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll.

Jean

Und senden …

Computer aus und ins Bett verkrochen. Dieser Abend wurde mal wieder mit Tränen beendet.

Ich hatte zu fünfzig Prozent nicht das Richtige getan …

… vielleicht kam ich mit der Zeit ja drüber hinweg.

Die nächsten zwei Wochen waren kaum zum aushalten - der reinste Horror. Raphael hatte mir noch dreimal geschrieben, aber ich war so konsequent, dass ich sie nicht mal las.

Und schimpfte mich dafür das letzte Arschloch.

Seit einer Woche schrieb er nicht mehr. Vielleicht wurde es jetzt besser – Zeit sollte ja Wunden heilen. Nur warum fühlte ich mich dann so beschissen. Ich verzehrte mich regelrecht nach ihm – so einen Jungen fand ich nie wieder. Dementsprechend wurde ich mit den Tagen immer ungenießbarer. Zum Glück hatten wir nur noch zwei Wochen Schule und danach waren Ferien angesagt. Einfach toll, da konnte ich mich dann den ganzen Tag in meinem Zimmer vergraben und rumheulen!!

Meine Freunde waren auch keine echte Hilfe. Seit Tagen tuschelten sie beide nur noch miteinander herum und wenn ich in ihre Nähe kam, dann suchten sie krampfhaft ein anderes Gesprächthema. Hielten die mich für beknackt?

Und wieder ein Freitag tat sich vor mir auf mit einem bescheuerten Wochenende im Anschluss. Meinen Platz neben Svenja hatte ich behalten, das war ich ihr einfach schuldig, obwohl in letzter Zeit … So grübelnd sehnte ich die große Pause herbei, um wenigstens ein wenig frische Luft zu schnappen.

Endlich klingelte es und ich raste aufs Klo, meine Blase meldete sich schon seit dem Anfang der Stunde. Danach schlenderte ich zu unserem Lieblingsplatz, Tim und Svenja waren nicht zu sehen.

Moment, war das dahinten nicht Tim. Neugierig pirschte ich mich heran. Warum war er nicht an unsrer Eiche? Und bei ihm, das war doch Svenja und sie …

… ich strauchelte, der Hammer hätte nicht größer sein können, der wie aus dem Nix auf mich nieder raste …

… Svenja und Tim waren in einer innigen Umarmung vereint und küssten sich!!!

Einfach toll – hatten die nicht mehr alle! Und ich flippte aus, all mein Frust, all meine Anspannung entlud sich.

„Seid ihr total bescheuert!!“, schrie ich sie beide an. Ertappt fuhren sie auseinander und liefen beide knallrot an.

„Wie lange treibt ihr es denn schon hinter meinem Rücken???“, brüllte ich weiter. Das waren also die Nächsten, die mich verrieten. Tim wurde immer kleiner und sah mich traurig an. Svenja bekam sich langsam wieder in den Griff.

„Jean, ich wollte Dir …“, war es doch Tim, der das Wort ergriff.

„Klar, genauso wie bei Corinna, was??“ Ich war auf hundertachtzig.

„Jetzt bekomm Dich mal wieder ein“, murmelte Svenja leise.

„Nein, so langsam habe ich keine Lust mehr, immer wieder eine vor den Latz geknallt zu bekommen. Und Du hältst es auch nicht für nötig, mir reinen Wein einzuschenken?“ Ich drehte mich um und stürzte in die Klasse – solche Idioten!!

‚Warum ging nur alles in die Brüche? Wieso konnte nicht einmal eine zeitlang alles normal verlaufen??‘ Wütend suchte ich mir einen Platz in der hinteren Reihe – ich wollte einfach meine Ruhe haben. Nach einer Weile kam das Turtelpärchen und Tim suchte meinen Blick. Was er da sah, ließ ihn Svenja zurückhalten, die mich wohl zur Rede stellen wollte.

Die nächste Doppelstunde schmiedete ich Pläne, wie ich den Beiden nachher entgehen konnte. Ich hatte keine Lust auf irgendwelche Erklärungen. Jetzt konnten sie sich die auch sparen.

Kaum klingelte es, stürzte ich los. Meine Sachen hatte ich schon vorher leise zusammengepackt. In der Tür hörte ich noch ein:

„Jean, warte bitte …“ Die Stimme war eindeutig von Tim.

Pah, das konnte er sich sparen, aber ein kurzes Zögern war nicht zu unterdrücken. Das reichte jemandem, um meinen Ärmel kurz vor dem Ausgang zu erwischen. Wütend fuhr ich herum. Mir stand Svenja gegenüber, Tim war auf ihren Fersen.

„Was wollt Ihr?“, schrie ich wieder.

„Beruhig Dich bitte, wir müssen mit Dir reden!“

„Ich bin die Ruhe selbst“, kiekste ich mit hysterischer Stimme.

„Lass mich endlich los und popp doch mit Tim rum!“ So langsam verlor ich die Kontrolle, aber mein erhofftes Ergebnis hatte ich trotzdem – sie ließ mich los.

Platsch – ihre Hand landete laut auf meine Backe. Erschrocken sah ich sie an. Hatte sie mich eben wirklich geschlagen? Meine brennende Wange sagte eindeutig JA. Schweigend sahen wir uns an, Tim schien genauso entsetzt wie ich zu sein.

„Können wir jetzt mal in Ruhe reden?“, hörte ich die Schlägerbraut fragen.

„Nach der Aktion, keine Chance Frau Schüttler!“, funkelte ich sie an. Eins hatte die Ohrfeige aber bewirkt, ich war wieder auf eine normale Geräuschkulisse zurückgekehrt.

„Jean, hör mich bitte an. Es geht nicht um Svenja und mich“, sprach mich Tim jetzt sanft an. Der Ton wirkte bei mir immer Wunder, mein Zwilling wusste ganz genau, wie er an mich herankommen konnte.

„Und damit Du es weißt, der Kuss vorhin war unser Erster, aber egal.“

‚Ja klar und der Papst war Buddhist!‘, knurrte ich sehr leise.

„Komm ich muss Dir was zeigen!“, forderte Tim mich auf und schob mich vor sich her. Svenja ging voraus und öffnete die große Tür. Dann traten wir ins Freie und das Sonnenlicht blendete mich. Tim unterließ weiteres Vorwärtsschieben.

„Und nun?“, brummte ich. Tim zeigte schweigend auf die Fahrradständer. Da befanden sich unter den großen Bäumen ein paar Bänke. Und auf den Bänken …

… wie viele Schocks kann mein Herz vertragen, bis es mal nicht mehr will? Es waren über 100 Meter bis dahin und Einzelheiten konnte ich nicht erkennen, meine Knie gaben trotzdem nach. Tim stützte mich von hinten. Ich sah nur eine schwarz gekleidete Person, aber …

… das schwarze Ungetüm zwischen seinen Beinen kam mir sehr bekannt vor. Ich wusste augenblicklich, wer dort saß!

Er – Raphael!

Wie aus dem Nichts tauchte mein Alptraum hier auf, hier in meiner Stadt …

Nein, ein Alptraum war es schon lange nicht mehr! Dazu hatte ich ihn nur durch mein bescheuertes Handeln gemacht und was machte ich jetzt???

Ich war zu keiner Handlung fähig und ich hatte auf einmal Angst.

„Los geh zu ihm!“, hörte ich meinen Zwilling sagen und zu allem Überfluss gab er mir auch noch einen Schubs.

Mit zitternden Knien machte ich die ersten Schritte. Zu meiner Angst kam jetzt noch Nervosität und als Krönung fing das Kribbeln in der Magengegend auch noch an.

‚Jean, reiß Dich zusammen!‘ redete ich mir zu, was mich aber nicht davon abhielt, gleichzeitig zu schwitzen und zu frieren. Der Weg war doch sonst nicht so lang! Ich kam nur langsam näher. Der Hund spitzte die Ohren und erhob sich aus seiner liegenden Position. Dies bekam ich aber nur zwangsläufig mit, weil mein Blick auf die Person gerichtet war. Dieser Junge saß zusammengesunken wie ein Häufchen Unglück auf der Bank und hatte seinen Kopf gesenkt. Seine Finger spielten nervös miteinander.

Je näher ich kam, desto nervöser wurde der Hund. Er schien ein sehr gutes Gedächtnis zu haben, denn er fing leicht an zu knurren. Der Hundebesitzer flüsterte etwas zu ihm und sofort beruhigte sich der Köter. Ca. fünf Meter vor dem seltsamen Paar blieb ich stehen. Langsam hob der Junge den Kopf. Ich war wie erschlagen von diesem Anblick – und er hatte keine Ahnung, wie schön er aussah. Diese undurchdringliche Sonnenbrille verdeckte zwar wieder seine Augen, aber sein ganzes Gesicht drückte Trauer und Schmerz aus.

Endlich war sein Kopf ganz oben und ich konnte unter der Brille Tränen hervorquellen sehen. Der Kloß in meiner Kehle hätte nicht größer sein können.

„Jean???“ Aus seiner glockenhellen wunderschönen Stimme war ein unterdrücktes heiseres Flüstern geworden.

„Ja?“ So richtig verständlich war meine Antwort auch nicht.

„Ich halt das nicht mehr aus. Ich möchte nur mit Dir reden, bitte“, flehte er mich an und in seiner Stimme war soviel Verzweiflung. Der Hund wurde wieder unruhig. Er schien genau zu spüren, wenn es seinem Herrchen nicht so blendend ging.

„Aber ich möchte Dir nichts aufzwingen, wenn Du jetzt gehst, dann werde ich Dich nie wieder behelligen!“ Die Verzweiflung in der Stimme blieb, aber die Ernsthaftigkeit in seiner Aussage war offensichtlich.

‚Als ob ich gehen könnte!‘ Ich würde diesen Jungen nicht noch einmal von mir stoßen. Wir würden reden und dann weitersehen.

„Nein, ich bleibe hier!“, flüsterte ich mit belegter Stimme.

„Wirklich?“, fragte er ungläubig. Er hatte wohl so sehr mit meiner Ablehnung gerechnet, dass ihn meine Zusage jetzt überraschte. Meine Augen glitten zu seinen Händen. Die Finger krallten sich in das Fell des Hundes, ganz konnte er das Zittern jedoch nicht unterdrücken.

Eins wurde mir immer mehr klar – Raphael war fix und fertig und er hatte genauso viel Angst wie ich vor diesem Treffen.

Und wir schwiegen uns an. Aus Sekunden wurden Minuten, ohne dass einer von uns das Wort ergriff. Es war jedoch kein Schweigen der unangenehmen Sorte – nein! In der Gegenwart von Raphael fühlte ich mich wohl. Die Schweißausbrüche hatten sich gelegt, die Nervosität und das Kribbeln waren geblieben. Auch ihm schien es etwas besser zu gehen, denn aus dem Festkrallen war ein sanftes Streicheln geworden. Fasziniert starrte ich auf die schmalen Hände, seine langen Finger gingen so behutsam mit seinem Hund um, dass ich mich an seine Stelle wünschte …

… Moment Herr Neumann, zuerst mussten wir miteinander klären, wie wir zueinander standen.

„Oh man, wie fange ich nur an?“, hörte ich ihn leise seufzen.

„Jean …“, flüsterte er meinen Namen und seltsamerweise stahl sich ein kleines Lächeln in sein Gesicht.

‚Sollte ich jetzt antworten und wenn ja, was sollte ich sagen?‘ So sprachlos habe ich mich selten gefühlt.

„Weißt Du, was für einen schönen Namen Du hast? Ich lag fast jeden Abend in meinem Bett und habe ihn vor mich hin gesprochen. Und das Unerklärliche an der Situation war, dass ich mich dann ein wenig besser gefühlt habe…“

„Ich habe einen riesengroßen Fehler gemacht und mich immer wieder selbst gefragt, was ich an Deiner Stelle gemacht hätte…“

„Und?“, rutschte mir dann doch raus.

„Ich wäre nicht so fair gewesen“, gestand er mir leise.

„Trotz allem wollte ich Dich nicht aufgeben … Hast Du überhaupt eine Ahnung, wie Deine Zeilen immer wieder mein Herz berührt haben … Ich hatte mich von Anfang an hoffnungslos in Dich verliebt…“ Seine Worte waren immer leiser geworden, zum Schluss war es nicht mal mehr ein Flüstern.

Dass er mich liebte, hatte er mir ja schon geschrieben, aber es jetzt real von ihm zu hören, war doch etwas ganz anderes. Zum Glück hatte ich mich vor ihm hingehockt, so konnten mich meine butterweichen Knie nicht in eine unangenehme Situation bringen. Aus meinem Bauchkribbeln wurde ein ausgewachsener Vulkan.

„Hoffnungslos?“, wisperte ich tonlos.

„Ja.“

„Ich sah einfach keinen Ausweg, sah keine Lösung für unsere Liebe und ich …“ Wiederholt brach seine Stimme ab.

„… und ich seh sie immer noch nicht“ Da war seine Verzweiflung sofort wieder greifbar.

Ich konnte diesen Jungen nicht leiden sehen und verfluchte mich für mein bescheuertes Verhalten. Am liebsten hätte ich ihn in meine Arme genommen, um ihm zu zeigen, was er mir bedeutete.

„Ich hätte es selbst beenden sollen, immer wieder betete ich das vor mir her, aber ich konnte nicht. Nein, ich wollte es nicht!“ Seine Stimme hatte einen entschlossenen energischen Klang angenommen. Ich war verwundert, was für eine Kraft auf einmal aus ihm sprach.

„Raphael, ich mache Dir einen Vorschlag!“ Dieser Gedanke war mir ganz plötzlich gekommen und ließ mich nicht mehr los.

„Ja?“

„Bleib über das Wochenende hier. Wir reden miteinander, lernen uns kennen und dann schauen wir weiter“, unterbreitete ich ihm meine Idee. Ein kurzer Schatten flog über sein Gesicht, aber dann erhellte es sich zusehends. Noch ein anderer Ausdruck war jedoch ebenso in seinem Face zu sehen – Ungläubigkeit.

„Du lädst mich über das Wochenende zu Dir ein?“, musste er dann doch noch einmal verwundert nachhaken, aber die freudige Erwartung konnte er nicht ganz aus seinen Worten verbannen.

„Klar, aber nur wenn Du willst!“, versuchte ich meiner Stimme die nötige Festigkeit zu geben, aber davon war ich weit entfernt. Unabhängig davon, dass Raphael bestimmt nicht Nein sagen würde, was würden meine Eltern über den unerwarteten Besuch sagen – sie wussten nicht, wer er war. Okay, so ganz stimmte das auch nicht, aber sie hatten keine Ahnung, wie nahe mir diese Mailfreundschaft wirklich ging.

‚Was soll’s? Heute würden sie es so oder so erfahren!‘

„Ob ich will? Oh Mann!“, flüsterte er leise. Nachdenklich saß er vor mir und in seinem hübschen Köpfchen rotierten die Zahnräder.

„Mal sehen, ob wir das was organisieren können!“, hörte ich auf einmal einen ganz anderen Raphael. Geschäftsmäßig, nachdenklich, aber bestimmt nicht mehr, wie ein verunsicherter Teenager. Diese Wandlung war unglaublich, aber sie weckte mein Interesse umso mehr, diesen Jungen richtig kennen zu lernen.

„Nik?“, hörte ich ihn rufen. Der Hund zwischen uns richtete sich wieder auf.

‚Wen meinte er wohl?‘ Ich ließ meinen Blick schweifen. Unweit von uns parkte eine große schwarze Limousine und vor dieser stand ein Grüppchen aus drei Personen. Sie schienen sich angeregt zu unterhalten. Tja und ich kannte sie alle drei. Svenja, Tim und Raphaels Bruder, Dominik. Sie schienen sich zu kennen. Mir fiel es wie Schuppen von den Augen und ich würde meinen Zwilling in nächster Zeit einem Verhör unterziehen müssen. Da sie sich jedoch unterhielten, hatte Dominik wohl seinen Bruder nicht gehört. Ich wollte Raphael gerade zur Hilfe kommen und auf uns aufmerksam machen.

Der Kleine hatte meine Hilfe aber gar nicht nötig. Er wandte sich an seinen Hund.

„Hondo, hol Nik!“ Und schon düste das Monster ab. Jetzt, wo er sich in voller Größe erhob und zu der Gruppe lief, musste ich doch heftig schlucken. Unter die Kategorie „Rehpinscher“ fiel dieser Hund bestimmt nicht mehr.

„Keine Sorge, er tut Dir nichts!“, hörte ich Raphael beruhigend auf mich einreden. Er musste ein sehr feines Gespür haben, dass er mein Unwohlsein mit bekam.

„Das sah aber ein paar Mal ganz anders aus“, gestand ich ihm freimütig.

„Hondo ist mein bester Freund. Eigentlich ist er mein Blindenhund, aber für mich ist er schon lange viel mehr. Er erkennt meine Stimmungsschwankungen manchmal schon vor mir und er beschützt mich. Außerdem …“, Raphael brach unvermittelt ab, was mich meinen Blick auf ihn richten ließ. Er lächelte leicht in meine Richtung und das verschmitzte Gesicht sah tausendmal besser aus, als seine Tränen.

„… weiß er alles über Dich!“

„Nein, er weiß, dass ich schwul bin??“, antwortete ich gespielt entsetzt und sein glockenhelles Lachen erschall.

„Was für ein Zufall. Ich bin es auch“, murmelte er im verschwörerischen Tonfall. Man jetzt wurde ich doch echt rot und wandte mich schnell ab – was für ein Blödsinn, er konnte es ja gar nicht sehen. Der Hund hatte mittlerweile die volle Aufmerksamkeit auf sich gezogen und führte die drei Personen in seinem Schlepptau zu uns. Dominiks Gesicht zeigte keine wahre Begeisterung und die anderen Beiden liefen auch immer noch wie begossene Pudel herum.

Langsam stand ich auf und merkte, dass Raphael dasselbe machte.

„Bevor ich Euch den Kopf abreiße, will ich Euch jemanden vorstellen“, grummelte ich in ihre Richtung. Dieser Jemand stand nun mittlerweile neben mir.

„Das ist Raphael“, sagte ich und in meiner Stimme lag wohl etwas mehr, als ein neutraler Ton. Tim zog verwundert die Augenbrauen hoch und Svenja, die schon wieder auffahren wollte, verstummte.

„Wow“, entfuhr es beiden fast gleichzeitig und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Nik?“, hörte ich Raphael fragen.

„Entschuldige Raphael“, wandte ich mich wieder an ihn. „Das sind meine besten Freunde, die ich mir vorstellen kann, auch wenn sie heute für mächtige Aufregung gesorgt haben.“

„Tim und Svenja?“ Diese Worte kamen nicht von mir sondern von Raphael.

„Ja, mein Zwilling und die Frau, die sich endlich einen der Twins geangelt hat!“ Das konnte ich mir nun nicht verkneifen. Die Reaktionen waren recht unterschiedlich. Tim und Svenja entglitten die Gesichtszüge, Dominik schaute nur verwundert drein und Raphael grinste.

„Jean Neumann, Du fängst Dir gleich noch eine!“, fauchte mich Svenja an und meine Wange glühte wieder von der vorherigen Misshandlung auf.

„Oh, Eure Freundschaft beruht auf körperlicher Zuneigung?“, hörte ich Raphael amüsiert fragen. Svenja lief vor Verlegenheit rosa an und musste mehrmals schlucken.

„Nein, na ja manchmal …“, stotterte sie unglücklich herum.

„Auf jeden Fall ist das Gleichgewicht nun wieder hergestellt“, plauderte Raphael weiter.

„He?“ Aber nicht nur Svenja sah ihn fragend an.

„Na, erst Tim und heute Jean. Du scheinst eine ziemlich lockere Hand zu haben!“, lachte er laut los.

„Und Du ein lockeres Mundwerk“, konterte Svenja, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie wandte sich an Dominik.

„Ist er immer so?“

„Viel schlimmer“, grinste dieser uns an.

„Dominik!“, knurrte der Kleine sichtlich verlegen.

„Du wirst schon sehen, was Du davon hast.“ Diese Worte waren eindeutig von dem älteren Bruder an mich gerichtet.

„Wo wir auch schon beim Thema wären!“, versuchte Raphael abzulenken und das Thema in eine andere Richtung zu steuern.

„Ja, Bruderherz?“

„Jean hat mich für das Wochenende eingeladen, damit wir uns kennen lernen!“, redete er eindringlich auf Dominik ein. Die Reaktionen hätten nicht unterschiedlicher sein können. Tim und Svenja schauten ziemlich triumphierend. Dominik sah sehr abweisend aus.

„Und wie ich Dich kenne, hast Du auch schon einen Plan!“, hörte ich ihn fragen.

„Ja, habe ich, aber nur wenn Du zustimmst!“ Raphaels Stimme hatte einen leicht flehenden Ton angenommen.

„Raph, das kann nur Ärger geben und das weißt Du!“, beschwor Dominik seinen Bruder. Mir wurde langsam klar, wer hier das Sagen bei den Brüdern hatte. Nicht der große ältere Bruder, nein, das kleine so verletzlich wirkende Exemplar.

„Bitte.“

„Trainingslager?“, fragte Dominik.

„Yeb, Thomas deckt mich!“ Ich verstand nur böhmische Dörfer, und den anderen Beiden ging es nicht anders.

„Okay“, gab Dominik mehr als widerwillig sein Zugeständnis.

„Ich hole Dich am Montagmorgen gegen 8 Uhr bei ihm zu Hause ab!“ Damit schien die Sache erledigt. Er wandte sich wort- und grußlos zum Gehen. Diese ganze Angelegenheit schien ihm nicht zu passen. Dann drehte er sich noch einmal zu uns um und fixierte mich.

„Ich rate Dir nur, auf meinen kleinen Bruder gut aufzupassen. Geschieht ihm auch nur das Geringste, dann …“ Weiter kam er nicht.

„DOMINIK!“ Raphael hatte diesen Namen nicht geschrien, nein nur gezischt. Augenblicklich verstummte dieser.

„Er wird mir nichts tun“, kam es dann umso sanfter von ihm. Richtig überzeugt sah Dominik nicht aus, aber er nickte leicht.

„Einen schönen Tag noch“, grummelte er und verschwand in Richtung Wagen. Kurz bevor er dort anlangte, wurde die Beifahrertür aufgerissen, ein breitschultriger Mann entstieg dem Fond des Fahrzeuges und öffnete Dominik die hintere Tür. Dominik nickte ihm zu und nachdem alle Türen wieder geschlossen waren, rauschte der Wagen davon.

„Nimms ihm nicht übel“, bat mich Raphael in meinem Rücken. Langsam drehte ich mich um.

„Er passt, seit dem es passiert ist, auf mich auf und vertraut kaum jemand anderem meine Wenigkeit an! Also darfst Du Dich sehr wohl geehrt fühlen“, lächelte er bei den letzten Worten.

„Und Ihr Beide habt das also hier eingerührt?“, wandte er sich dann an Tim und Svenja.

„Ähm …“, kam es von meinem wortgewandten Tim.

„Ja, also …“, stand ihm Svenja in nix nach.

„Sind die Beiden immer so schlagfertig?“, grinste er mich an.

„Bei mir nicht“, antwortete ich ihm verschwörerisch.

„Ich wollte mich nur bei Euch bedanken, denn alleine hätte ich das nie gewagt und wer …“, wieder brach er im Satz einfach ab. Tim hatte sein Sprachzentrum wohl wieder gefunden.

„Raphael, ich kannte Dich nicht, habe aber gesehen, wie schlecht es meinem Zwilling ging. Da musste ich irgendetwas tun, denn Jean ist für mich was ganz Besonderes“, antwortete Tim offen und frei.

„Nicht nur für Dich“, hörte ich Raphael flüstern. Oh man wie rot konnte man eigentlich werden? Diese Zuneigungsbekundungen war ich in dieser Form nicht gewohnt.

„Du bist also der niedliche Twin von diesem Starautor?“, sagte Raphael und grinste bis zu den Ohren.

‚Oh je, was hatte ich mir da nur eingehandelt?‘, grübelte ich. Hatte ich mir überhaupt schon was „eingehandelt“?? Das eigentliche Thema hatten wir noch gar nicht besprochen, aber da musste schon verdammt viel passieren, damit ich diesen Boy wieder losließ.

„Ähm, Raphael also …, ja Du …, Jean hat Dir doch bestimmt gesagt, dass ich nicht schwul bin?“, stotterte Tim und man merkte ihm an, dass ihm dieser Satz immer noch nicht so leicht von den Lippen kam. Und die Tomate in unserer Runde war nun er!

„Klar, und das ist ja auch meine Chance. Hm, und außerdem weiß ich bestimmt mehr als Dir so lieb ist!“, hauchte er ihm lüstern zu.

‚Ach Du je, das wurde ja immer besser. Also auf dem Mund gefallen war mein Kleiner definitiv nicht!‘ Bei diesen Gedanken musste ich ein wenig grinsen – „mein Kleiner“, das hörte sich gut an, sooo gut.

„Mann oh Mann Jean, da hast Du Dir ja einen Teufelsbraten geangelt!“, brummte Tim, konnte sich das Lachen aber nicht verkneifen. Soviel zum Thema, Tim in meinem Kopf. Grrr, ich hasste es, wenn er meine Gedanken aussprach.

„Und die Dame in der Runde enthält sich der Diskussion?“

‚Ups, konnte der vornehm reden!‘

„Nein, ich beobachte nur aus dem Hintergrund die Hahnenkämpfe pubertierender Jungs. Und das Schöne daran ist, das es diesmal um einen Kerl geht, um den gerungen wird. Außerdem bewundere ich auch diesen wunderschönen Hund hier!“

Jetzt wurde es aber langsam Zeit, dass ich mich hier aus der Schusslinie brachte – soviel Geschmalze musste ja zu Schäden führen. Die letzte Bemerkung von Svenja gab mir den passenden Ansatz dafür.

„Du weißt ja, dass sie auch einen Hund hat“, wandte ich mich an Raphael.

„Ach ja, das war ein Golden Retriever nicht?“, fragte er zu Sicherheit noch einmal nach.

„Ja, und ich habe für Dich schon ein wenig vorgearbeitet. Unser lieber Jean ist nämlich ein ziemlicher Angsthase, was große Hunde betrifft.“ Schön, quatsch doch weiter aus dem Nähkästchen.

„Ah, das wusste ich noch nicht. Deshalb Dein Unbehagen vorhin. Na, da müssen wir doch was tun. Hondo, Fuß!“, befahl er dem Hund. Dieser gehorchte aufs Wort und stellte sich links neben Raphael.

„Sitz.“ Prompt befolgte er diesen Befehl und sein Herrchen hockte sich neben den Hund.

„Wollen wir dem süßen Jean mal zeigen, dass Du ein ganz Braver bist!“, murmelte er verschwörerisch zu seinem Begleiter.

Mann oh Mann, der flirtete in einer Tour mit mir. Wie sollte ich das Wochenende nur überstehen, ohne nachher gleich über ihn herzufallen? Der ganze Typ machte mich an, das Kribbeln in der Magengegend hatte nicht eine Minute nachgelassen und was viel schlimmer war – ich war überhaupt nicht mehr schlagfertig, eher überlegte ich ständig nach den passenden Worten.

„Jean, komm mal bitte zu mir!“, forderte er mich auf und brav befolgte ich natürlich seinen Befehl. Ich hockte mich vorsichtig neben die Beiden und der Hund schaute von Raphael zu mir und zurück.

„So, das ist Jean. Ein Freund, den Du jetzt vielleicht öfter sehen wirst. Der tut Deinem Herrchen bestimmt nichts!“

Da hockte ich nun neben ihm, ziemlich dicht. Ich hatte so ein kleines Faible für Gerüche. Und hier so nahe bei Raphael stieg mir sein Geruch in die Nase. Und wie sollte es anders sein, einfach betörend. Ein wenig nach Deodorant, ein wenig nach Schweiß, denn wir hatten ja einen warmen Sommertag, aber es war eine Mischung, die mir sofort gefiel.

„Halte ihm bitte Deine Handfläche mit der Innenseite nach oben zum Beschnuppern hin“, sagte er zu mir. Etwas zögerlich befolgte ich diese Aufforderung. Ich spürte eine warme feuchte Nase an meinen Fingern.

„Und wenn er nicht lieb zu mir ist, dann darfst Du ein wenig an ihm herumknabbern, aber nur ein bisschen!“, hörte ich ihn leise zu dem Hund sagen, dabei grinste er wieder so schelmisch, dass ich ihm am liebsten die Hammelbeine lang gezogen hätte, jedoch …

… meine Hand befand sich immer noch in der Reichweite der „Bestie“ und dann passierte es …

Eine raue warme Hundezunge schleckte meine Hand ab und ich hockte starr da. Svenja gackerte los und nach und nach fielen die anderen ein. Ich wäre schon glücklich, wenn ich meine Hand wieder mein eigen nennen könnte. Zu allem Überfluss hörte ich jetzt auch noch ein tiefes grollendes

„Wuff“

Wenn ich es nicht genau wissen würde, könnte ich annehmen, der Köter lachte mich aus. Etwas treudoof schaute er mich ja aus seinen großen braunen Hundeaugen an, aber meine Hand war jetzt vollkommen in seinem Maul verschwunden.

„Ähm, Raphael???“, fragte ich den Besitzer vorsichtig. Jetzt nur nicht hysterisch werden!!!

„Jaaaaaaaaa???“

„Hatte Dein Hund heute schon sein Fressen?“ Meine Stimme klang eindeutig nicht mehr ruhig, da - jetzt spürte ich auch noch seine nicht geraden stumpfen Zähne. Svenja verschluckte sich nun endgültig und war mir überhaupt keine Hilfe. Und mein Zwilling? Der schüttelte grinsend seinen Kopf, hatte aber sehr wohl auch einen gewissen Sicherheitsabstand eingenommen.

„Wieso?“, fragte Raphael unschuldig.

„Er hat mit dem Knabbern schon angefangen!! Au!“ Ganz vorsichtig hatte ich versucht meine Hand dem Maul zu entziehen, aber dieses Ungetüm ließ sein Opfer nicht so einfach ziehen. Je mehr ich zog, desto mehr schloss er das Maul.

„Hondo, Pfui!“, kam der kurze Befehl und blitzschnell öffnete sich die Schnauze und genauso schnell brachte ich meine Hand in Sicherheit. Eine kleine Spitze konnte ich mir doch nicht verkneifen, jedoch mehr, um mir zu beweisen, dass ich nicht ganz sprachlos war.

„Ich bin also Pfui???“

„Nöööö, aber ich würde vielleicht lieber selber dran knabbern!“, rutschte Raphael raus und zu seinem Grinsen gesellte sich eine sehr gesunde Gesichtsfarbe.

„So, kommt Leute, lasst uns nach Hause gehen“, sagte mein Zwilling und half mir so auch ein wenig aus meiner Verlegenheit. Raphael stand auf, befestigte eine Leine an Hondo und wie aus dem Nichts zauberte er einen kleinen länglichen Gegenstand aus seiner Tasche, der sich nach dem Ausziehen als Blindenstock entpuppte.

„Wo geht’s lang?“ Wir waren alle drei ein wenig von den Socken, denn jetzt erst wurde uns wohl wieder bewusst, dass er blind war. Bis eben erschein alles so normal und nun …

‚Was heißt hier bis jetzt?? Genau das ist Raphael – ein ganz normaler Junge!!‘, schalt ich mich und schob noch in Gedanken hinterher. ‚Dazu noch ein verdammt süßer!‘

„Es geht da lang!“, kam es von Tim.

„Ähm, Tim?“, wandte sich Raphael an ihn.

„Yeb?“

„Mit da lang und hier geht’s hin, kann ich nicht soviel anfangen. Am Besten ist, Du sagst links, rechts oder gerade aus und ideal wäre es noch mit einer Weitenangabe. Aber nur, wenn Du Links von Rechts unterscheiden kannst!“ Bei diesen Worten grinste er so unwiderstehlich, dass man ihm einfach nicht böse sein konnte.

‚Mann ist der Kleine spitz. Nie um einen Spruch verlegen!‘, dachte ich so bei mir und Tim waren genau diese Worte auf die Stirn geschrieben.

„Also lieber Raphael“, fing Svenja nun an. „Zuerst müssen wir 50 Meter geradeaus und dann geht es nach links!“ Sie sprach langsam und deutlich zu Raphael. Ein Gedanke blitzte sofort in meinem Kopf auf.

‚Das war ein Fehler, Svenja!‘

„Svenjaaa, iiiccccchhh biiiiinnnn bliiinddd, aaaaabeeeer niiiccchhht bekloppt!“, sprach dieser nun noch langsamer und deutlicher zu Svenja. Das erlebte man auch nicht alle Tage – sie war sprachlos! Diesmal hatte ich mich rausgehalten.

„Und mein Großer, hast du auch noch irgendetwas anzumerken?“, wandte er sich an mich. Er wusste genau, wo ich stand, obwohl ich mich gerade bewegt hatte und nichts von mir gegeben hatte. Eins machte mich jedoch trotzdem sprachlos. Er hatte „mein Großer“ gesagt – oh Mann, mein Herz bummerte doch eh die ganze Zeit schon an der verträglichen Höchstgrenze!

„Nein.“ Mehr bekam ich erst mal nicht raus.

„Raphael, Du bist ganz schön frech“, konnte sich Svenja nun doch nicht zurückhalten.

„Nööööö“, feixte er und dabei grinste er so schelmisch, dass die Antwort durchaus auch anders hätte ausfallen können. Svenja verdrehte die Augen und murmelte.

„Oh je, womit habe ich das nur verdient! Drei solche Gören zu beaufsichtigen ist ja schlimmer als einen Sack Flöhe zu hüten. Wenn Ihr nicht solche Schnuckels wärt, hätte ich schon längst das Weite gesucht!“ Und ihr Grinsen zum Ende ihrer Ausführungen war so anzüglich, dass nicht nur ich verlegen aus der Wäsche schaute. Bewegung kam in die Sache, als Raphael los marschierte. Ich kam nicht umhin, ihn zu beobachten. Seine Schritte waren nicht vorsichtig, eher kraftvoll federnd. Den Stock ließ er spielerisch über den Boden wandern, keine Unebenheit entging ihm. Man konnte seine Bewegungen geschmeidig nennen, dieser Junge war einfach …

„Träumer kommst Du?“, riss mich Tim aus meinen Gedanken und ich sah in ein grinsendes Gesicht.

„Den würd ich nicht mehr loslassen!“, flüsterte er mir zu. Leise seufzte ich. Klar war ich fasziniert von diesem Jungen, seinem Auftreten, seiner Schlagfertigkeit, aber auch seiner Verletzlichkeit, die ich vorhin sehen durfte. Aber geklärt war noch lange nichts. Das Gespräch stand nach wie vor aus!

Schweigend schlossen wir zu den anderen Beiden auf. Raphael war mit Svenja in eine Unterhaltung über Hunde vertieft. Somit konnte ich einem meiner liebsten Hobbys frönen – süße Boys beobachten. Das vorrangige Ziel war früher immer mein Zwilling gewesen, jetzt hatte Raphael ohne Probleme diese Position eingenommen. Dadurch verging die Zeit wie nichts und wir standen auf einmal vor meiner Haustür.

„Also wir sehen uns dann morgen Nachmittag, okay?“, fragte Svenja noch einmal nach. Wir hatten ausgemacht, dass ich heute mit Raphael den Nachmittag und Abend alleine verbringen sollte und morgen würden wir gemeinsam etwas unternehmen.

„Brauchst Du Hilfe bei den Eltern?“, kam es von meinem Zwilling. Ich zuckte mit den Schultern.

„Probleme könnte nur die Unterbringung von Hundi bereiten, aber ansonsten dürfte dem Wochenende nichts entgegenstehen.“, antwortete ich ihm.

„Kümmer Dich mal um unsere Freundin!“, grinste ich ihn anzüglich an. Svenja verzog schon wieder entrüstet das Gesicht, aber Tim steckte mir die Zunge raus. Sekunden später stand ich mit Raphael alleine vor der Haustür.

„Sind die Beiden ein Paar?“, fragte er mit einer Verzögerung.

„Ja, was ich aber auch erst heute erfahren habe“, grollte ich schon wieder vor mich hin.

„Hm, warum bist Du sauer? Das Glück Deiner Freunde sollte Dich doch fröhlich stimmen.“

„Mittlerweile ja, aber vorhin war die Situation ein klein wenig anders.“

„Oh und diesen Umstand hab ich geändert, stimmts!“ Er brauchte keine Antwort, denn er lächelte schon wieder so verschmitzt.

„Außerdem hat Svenja ja nun doch einen der Zwillinge und Dein Tim eine hübsche gescheite Freundin. So hat jeder bekommen was er will“, sprach er weiter. Ein wenig später und um einiges leiser:

„Fast jeder.“

Ich hatte es sehr wohl gehört, ging jedoch nicht darauf ein.

„Nun komm, ich möchte Dich meinen Eltern vorstellen und schauen, ob wir nicht eine Schlafmöglichkeit für Dich finden“, sagte ich zu ihm und schloss die Tür auf. Gehorsam folgte er mir.

„Mutti, Vati“, rief ich quer durch den Flur, meine Schuhe flogen in die Ecke und schon stürzte ich in Richtung Küche. Irgendetwas war komisch und ich stutzte. Langsam drehte ich mich um und sah einen verlegenen Raphael, der ziemlich hilflos im Flur herumstand.

„Rechts kannst Du Deine Schuhe hinstellen, aber stolper bitte nicht über meine. Dann kommst Du mir einfach nach – immer den Stimmen entgegen, okay?“, versuchte ich mich in einer Erklärung, mit der er etwas anfangen konnte. Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Danke“, murmelte er.

Meine Eltern saßen am Küchentisch und tranken einen Kaffee. Am Freitag waren sie beide schon gegen Mittag zu Hause und somit war ich immer der Letzte, der das Wochenende einläuten konnte.

„Hallo Sohnemann“, begrüßte mich mein Vater und meine Mutter nickte mir nur kurz zu.

„Mit wem hast Du denn da eben geredet? Ist Tim mitgekommen?“ Die Fragen kamen jetzt von ihr, sie war mit Abstand das neugierigste Familienmitglied.

„Nein, Tim ist es nicht“, machte ich einen auf geheimnisvoll.

„Okay, dann ist es Svenja“, legte sich meine Mutter fest. Ha, da dachte wohl eine, sie kannte meine zugegebenermaßen geringe Anzahl von Freunden, die mich zu Hause besuchten.

„Nö.“

„Guten Tag.“

Fast gleichzeitig machten sich die beiden Aussagen auf die Reise. Meine Mutter schaute überrascht zur Tür, um den höflichen Besucher zu taxieren und was machte mein Vater? Wieso hatte ich das Gefühl, dass ihn nichts überraschen konnte, denn er lächelte leise vor sich hin.

„Jean?“, kam es dann folgerichtig von meiner Ma.

„Darf ich Euch Raphael vorstellen und der schwarze Schatten an seiner Seite ist Hondo“, machte ich meine Eltern mit den Beiden bekannt. Der Hund hatte sich vor Raphael hingesetzt und beäugte die Umgebung neugierig. Tja und Raphael – so frech, wie er vorhin mit meinen Freunden umgegangen war, so schüchtern stand er jetzt in der Tür.

„Dein Mailfreund?“, fragte neugierig mein Vater. Soviel wussten meine Eltern immerhin, aber das ganze Drumherum, Besuch, Vertrauensbruch, und so weiter, davon hatten sie keine Ahnung.

„Ja“, antwortete ich wahrheitsgemäß.

„Kommen Sie doch rein und setzen sich mit uns an den Tisch. Schön, dass Sie Jean mal besuchen“, lud meine Mutter ihn ein.

„Bitte lassen Sie doch das Sie. Mein Name ist Raphael, Frau Neumann!“, lächelte er schüchtern in ihre Richtung.

„Kein Problem, aber nur wenn Du zu mir Inge sagst“, entgegnete meine Mutter, wobei ihre Augen ihn weiter neugierig musterten.

„Und was möchtest Du trinken? Kaffee? Nun setz Dich doch bitte, wir sehen zwar streng aus, beißen aber nicht!“, versuchte mein Vater die Situation etwas aufzulockern. Hm ich sag nur, Fettnäpfchen.

„Jean?“, kam prompt die leise Bitte von Raphael.

„Gerade 2 Meter, dann ist linker Hand ein leerer Stuhl“, gab ich ihm den heißersehnten Tipp. Verwundert sahen mich meine Eltern an und Raphael bewegte sich jetzt so zielsicher vorwärts, man bekam es wirklich nicht mit. Erst als er nach der Lehne tastete und die Tischkante suchte, dämmerte bei Beiden wohl die Erkenntnis.

„Oh“, entfuhr es meiner Mutter, mein Vater schluckte gerade seine Überraschung hinunter.

„Damit wäre das auch geklärt“, konnte ich mir einen Kommentar nicht ersparen. Daraufhin sah mich meine Ma tadelnd an. Sie wollte gerade die Frage stellen, aber ich schüttelte leicht mit dem Kopf.

„Jean, sie wussten nicht, dass ich blind bin?“, kam mehr oder weniger die Antwort auf ihre nicht gestellte Frage von Raphael.

„Nein“

„Wissen sie, dass ich …?“, begann er die nächste Frage, um dann aber den Rest zu verschlucken. Jetzt trat mein Vater auf den Plan.

„Das Du schwul bist und wenn ich meinen Sohn so glühen sehe, etwas mehr als eine Mailfreundschaft zwischen Euch steht?“

„Vattiiiiiii“, entfuhr es mir entrüstet und lief knallrot an. Wie konnte er mich so bloß stellen?

„Was ist denn Jean? Dein Freund dort soll ruhig erfahren, wie es um Dich bestellt ist, denn da ist er Dir etwas im Nachteil.“

„Danke, Herr Neumann. Jetzt sind Sie über alle meine Makel informiert und meine Wünsche scheinen Sie ja auch schon zu kennen“, murmelte Raphael leise vor sich hin.

„Moment mal, was heißt hier Makel? Unser Sohn ist auch schwul und darf trotzdem noch an unserem Tisch sitzen“, knurrte mein Vater, aber seine Stimme hatte einen lustigen Unterton und dann fuhr er fort.

„Dass Du blind bist, darüber warst Du bestimmt schon selbst oft genug verzweifelt und uns steht es definitiv nicht zu, darüber zu richten. Mein Sohn lässt Dich keine Minute aus den Augen und schon das ist für mich Grund genug, Dich in unserem Haus auf das Herzlichste willkommen zu heißen. Und mein Name ist übrigens Gerd!“ Auch wenn sich meine Gesichtstönung noch steigerte, war ich meinem Vater dankbar. Auch Raphael war die Erleichterung anzusehen.

„Und möchtest Du nun einen Kaffee und ein Stück Kuchen?“, fragte meine Mutter nochmals.

„Bitte keinen Kaffee, mein Herz rast eh schon genug, aber ein Glas Wasser und ein Stückchen Kuchen nehme ich gerne“, antwortete er.

‚Oh, was musste ich da hören? War ich also nicht der Einzige hier, der mit bummerndem Herzen zu kämpfen hatte?‘

Die folgende Stunde verging rasend schnell. Wen meine Eltern erst einmal in ihren Fingern hatten, der entkam ihnen so schnell nicht. Die Neugierde meiner Mutter war berüchtigt, aber gefährlicher waren die Fragen meines Vaters. Er wusste genau, wo er wie anzusetzen hatte – deshalb hatte ich mir das Lügen zu Hause relativ schnell abgewöhnt. Okay, eine kleine Notlüge ab und zu sollte schon erlaubt sein, aber das ging dann meistens auch noch in die Hose.

Was mich total überraschte war, wie routiniert sich Raphael der Situation stellte. Er war ein mehr als angenehmer Gesprächspartner und blieb keine Antwort schuldig. Man könnte den Eindruck gewinnen, er beherrschte die Lage vollkommen. Ich überließ mehr oder weniger meinen Eltern das Feld, so konnte ich Raphael beobachten und erfuhr zudem auch noch ein paar unbekannte Fakten. Er ging auf so eine Art Privatschule, hatte dazu aber noch Unterricht zu Hause. Wenn ich so sein Tagesprogramm mitbekam, dann befiel mich der blanke Horror. Sein Tag war mehr als ausgefüllt. Eine Frage meiner Mutter, die wieder an das Praktische dachte, riss mich aus den Gedanken.

„Jean, wie ist Raphael eigentlich da und wann muss er wieder los?“

„Hm, ja wisst Ihr …“, stotterte ich los. Das war aber auch fies, mich so kalt zu erwischen.

„Wolltest Du uns noch etwas sagen?“ Da hatte ich es nicht gerade gedacht, mein Vater stellte die unangenehmen Fragen!

„Jean, hast Du mit Deinen Eltern noch nicht darüber gesprochen?“, fragte Raphael ungläubig. Jetzt fing der auch noch an und sein Grinsen sprach Bände. Warum grienten die denn alle so?

„Mein lieber Sohn“, fing mein Vater an. Da galt es jetzt in Deckung zu gehen und immer brav zu nicken.

„Für wie verkalkt hältst Du eigentlich Deine alten Herrschaften? He???“ Nein, mich lockte er nicht aus der Reserve, ich sagte nix.

„Raphael kommt aus Frankfurt, ein Fahrer ist weit und breit nicht zu sehen. Ihr fresst Euch fast gegenseitig auf, wobei ich da nur für die Blicke meines Sohnes sprechen kann und ein Wochenende steht vor der Tür! Da fällt sogar bei mir der Groschen.“

Also das mit den Blicken und auffressen, war ja nun wieder total daneben – ich hielt mich wirklich sehr zurück, was mich aber nicht davon abhielt, ertappt zurückzuschrecken und rot zu werden. Aber noch einer fühlte sich erwischt – Raphael schaute mehr als verlegen aus.

„Was mir nur ein wenig Sorgen bereitet - Raphael scheint keine Sachen dabei zu haben!“

„Hm, also …, ja …“, gab ich mein Schweigegelöbnis auf und stotterte munter drauf los.

„Das kam alles ein wenig überraschend. Jean hat mich vorhin über das Wochenende zu sich eingeladen und er hatte keine Möglichkeit zum Fragen. Ich hoffe, ihr habt nichts dagegen???“, vollendete Raphael meinen Satz mit äußerster Höflichkeit. Der Schlingel hatte meine Eltern schon lange im Sack, da brauchte er gar nicht so rumzuschleimen.

„Natürlich haben wir nichts dagegen“, antwortete meine Mutter und Raphael schaute zufrieden aus der Wäsche.

„Nur mein lieber Raphael, wir leben nicht im Mittelalter, auch wenn wir für Euch wie Grufties erscheinen. Unser Sohn hat ein Handy und meine Handynummer ist da ganz sicher gespeichert, da ich es selbst gemacht habe. Also stand einem klärenden Anruf nichts entgegen!“, holte mein Vater den kleinen „Schleimer“ wieder zurück auf den harten Boden der Tatsachen. Dieser fühlte sich auch prompt erwischt und lächelte verlegen zu meinem Vater. Soviel nur zu kleinen Notlügen!

„Bis wann bleibst Du?“, wollte meine Mutter nun noch wissen.

„Ich werde am Montag früh abgeholt“, kam seine Antwort.

„Okay, dann werd ich mal das Gästezimmer neben Jeans Zimmer richten. Jean kann Dir dann nachher alles zeigen und mit ein paar Sachen kann er Dir bestimmt aushelfen.“ Und Schwupps war sie schon verschwunden.

„So und ihr geht am besten zu Jean ins Zimmer. Die peinliche Fragestunde ist hiermit beendet und ich muss sagen, Raphael, Du weißt, wie man Leute um den Finger wickelt!“, grinste mein Pa ihm zu.

„Wenn Du nichts dagegen hast, würde ich Deinen Hund eine Runde um den Block führen. Wir beide haben wohl etwas Bewegung nötig, vorher bringe ich Dich aber noch nach oben, denn mein Sohn muss sich jetzt sputen, wenn er in seinem Chaos noch ein wenig für Ordnung sorgen will!“ Ups, ganz richtig – und schon war ich verschwunden. Hondo hatte die ganze Zeit bewegungslos neben dem Stuhl von Raphael gelegen und erhob sich jetzt wegen der allgemeinen Unruhe, die gerade vorherrschte.

Eigentlich war es ja widersinnig, hier Ordnung zu schaffen – Raphael konnte es ja eh nicht sehen, aber den Stuhl und die Couch sollte ich schon freiräumen.

Schon schwang die Tür auf und mein Vater schob ihn in meine heiligen vier Wände. Raphael ging ein, zwei Schritte und blieb dann mitten im Raum stehen. Tief atmete er ein und wieder aus.

„Es riecht nach Dir“, flüsterte er leise.

So selbstsicher und keck er mit meinen Eltern und Freunden umgegangen war, so verlegen stand er jetzt hier vor mir. Jedoch mir ging es kaum anders, ich suchte nach Worten, aber dieser Junge verzauberte mich. Langsam tastete er sich vorwärts und fand meinen Drehstuhl. Unsicher ließ er sich nieder. Seine Aktionen sahen nicht hilflos aus, nein. Vielmehr hatte ich hier einen echt schüchternden Boy vor mir und er traf auf einen Gesinnungsgenossen. Mir fiel nichts ein, aber ich wollte mir auch nichts einfallen lassen, um diesen Zauber zu brechen. Ich hätte ihn stundenlang betrachten können. Seine widerspenstigen schwarzen Haare standen in alle Richtungen, eine Locke hing über sein linkes Auge vor der Sonnenbrille. Auf der anderen Seite hatte er die etwas längeren Haare hinter das Ohr geschoben, so konnte ich einen kleinen goldenen Ohrring sehen. Mein Blick wanderte weiter über seine schmale Nase zu seinen vollen Lippen. Sie waren zu einem kleinen verlegenden Lächeln verzogen, welches wiederum kleine Grübchen auf seine Wangen zauberte.

„Das ist nicht fair!“, hörte ich ihn heiser sagen.

„Was?“

„Du beobachtest mich seit Stunden, Deine Blicke waren kaum einen Moment nicht auf mich gerichtet und ich …?“

„Du hast gewusst, dass ich Dich die ganze Zeit beobachtet habe?“, fragte ich erstaunt.

„Jean, Du hast seitdem wir uns getroffen haben, nicht mehr als zehn Sätze gesagt, warst sehr schweigsam und durch mein Handicap habe ich es gelernt, aus Gesten und Andeutungen ein wenig herauszulesen!“

„Oh.“

„Und …?“, kam es leise von ihm.

„Was?“

„Bist Du entsetzt über das, was Du siehst?“, fragte er lächelnd. Nur hinter diesem Lächeln war so viel mehr. Dahinter verbarg er seine Unsicherheit und seine Angst.

„Raphael, hast Du eigentlich einen Schimmer, wie schön Du bist? Du bist mein absoluter Traum“, gestand ich ihm nervös.

„Wow.“

„Jetzt fehlt nur noch eins“, murmelte ich weiter.

„Und was?“

„Ich würde gerne Deine Augen sehen“, offenbarte ich ihm meinen Wunsch. Ein kleiner Schatten huschte über sein Gesicht.

„Diese unnützen Dinger?“, hörte ich ihn frustriert ausstoßen.

„An Dir ist für mich nichts unnütz.“

„Okay, aber nur unter einer Bedingung …“, murmelte er.

„Und die wäre?“, fragte ich ihn unsicher.

„Ich darf Dich auch sehen!“ Diese Bitte machte keinen Sinn. Wie wollte er mich sehen?

„Meine Augen sind meine Finger“, schob er als Erklärung hinterher.

Mir wurde heiß und kalt. Obwohl wir nun schon seit mehr als zwei Stunden zusammen waren, hatten wir uns noch nicht berührt. Ich sehnte mich nach einem körperlichen Kontakt mit ihm, aber hatte es bisher nicht über mein Herz gebracht, ihn einfach und wenn auch nur rein zufällig, anzufassen. Und nun wollte er mein Gesicht mit seinen Fingern ertasten? Das überstand ich nicht!

„Natürlich, gleiches Recht für alle!“, antwortete ich ihm und mein Mund hatte mir die Entscheidung abgenommen. Raphael seufzte erleichtert auf, führte seine rechte Hand zu seinen Augen und nahm seine Sonnenbrille ab und ich sah …

… nichts - außer langen herrlichen schwarzen Wimpern, denn der Schlingel hatte seine Augen geschlossen. Aber er hielt Wort und öffnete die Augenlider und ich blickte …

… in die schönsten grünen Augen, die ich je gesehen hatte. Smaragdgrün leuchteten sie mir entgegen – sie waren nicht leer oder tot, nein sie sprühten vor Leben. Ich war sprachlos, fassungslos – verliebt?

„Jean?“, hörte ich seine zittrige Stimme.

„Du bist unglaublich!“, krächzte ich völlig von der Rolle. Das hier konnte doch nicht real sein – das musste ich träumen, aber wenn das so wäre, dann wollte ich nie aufwachen, niemals!!!!

„Bitte komm her“, forderte er mich auf, denn nun war ich dran, meinen Teil der Abmachung einzuhalten. Ich stand von der Couch auf und ging die paar Meter unsicher zu ihm hinüber. Dann setzte ich mich vor ihm auf den Boden. Raphael legte seine Hand sanft auf meine Schulter. Obwohl ich noch ein T-Shirt anhatte, spürte ich, wie mich von dort eine Gänsehaut erfasste. Dann spürte ich seine schlanken Finger auf meiner Wange und mir war, als würde diese Stelle vor Sehnsucht aufglühen. Seine Hände huschten leicht wie Federn zart über mein Gesicht, ertasteten jede Kleinigkeit, an manchen Stellen verweilten sie länger, wo anders war es kaum mehr als ein kleiner Windhauch – ich wollte, das es nie aufhört. Dann huschten sie über meinen Hals und blieben einen Moment auf meinen Schultern liegen. Kurze Zeit später war der körperliche Kontakt zwischen uns wieder abgebrochen und er lehnte sich zurück. Sein Gesicht war gerötet und seine Augen leuchteten noch mehr als vorher. Ich ahnte, was in ihm vorging, da mich diese Art von Stimmung schon seit unserem Aufeinandertreffen beherrschte.

„Danke“, hauchte er heiser.

„Und?“, fragte ich genauso heiser.

„Genau wie in meinen Träumen“

„Bei Dir auch?“, fragte ich ihn verblüfft.

„Oh ja, viel mehr als Du ahnst und ich hab nur meine Träume, um visuell zu leben!“

Schweigend saßen wir beide in unseren Gedanken versunken minutenlang da. Es passte einfach alles. War das die Erfüllung meiner Träume? Sein Aussehen und sein Charakter waren einfach zu ideal! Wie passte da nur sein mangelndes Vertrauen zu mir hinein? Konnte ich mit einem Kompromiss leben?

Nein!

Nur wenn er mir vertraute, hatte es überhaupt einen Sinn!

„Kannst Du mir jemals verzeihen?“, hörte ich seine flehende Stimme.

„Ich würde es verdammt gerne, aber ich weiß es wirklich nicht!“

„Ich habe keine Ahnung, was ich machen soll, wenn Du mir nicht mehr vergibst!“ Seine Stimme zitterte und er musste sich sehr beherrschen, damit sie nicht kippte.

„Du bist so sehr der Junge aus meinen Träumen, fast zu ideal, dass ich manchmal Angst habe, aus diesem Traum zu erwachen.“ Die Augen, die vor Minuten noch so geglänzt hatten, waren jetzt gefüllt mit Tränen. Hatte er eigentlich eine Ahnung, wie sehr er mir aus dem Herzen sprach?

„Und ich bin mir ziemlich sicher, dass es Dir ähnlich geht. Dein ganzes Handeln, Deine Worte drücken genau das aus!“

Ja, er hatte Recht!

„Jean, bitte!?“ Das Flehen eines Ertrinkenden hätte nicht dringender sein können.

„Versuch mir Dein Verhalten zu erklären, denn ich versteh es nicht“, flüsterte ich heiser.

Langsam fing er an zu erzählen. Erst kamen die Worte nur stockend von seinen Lippen, aber dann sprudelten sie nur so heraus und ich saß fassungslos da. Die Welt, die er mir offenbarte, war kalt, herzlos und fast ohne Höhepunkte. Seine Welt waren die Bücher und das Internet, sein Fluchtpunkt war der Traum von einem Freund, der Wärme und Vertrauen ausstrahlte. Haarklein erzählte er mir von den drei Treffen, die er bisher mit Gleichgesinnten hatte – so dachte er wenigstens. Zwei waren ältere Herren jenseits der 40, die sich hinter falschen Identitäten versteckten. Der Dritte wollte ihm sogar an die Wäsche. Alle drei Begegnungen hatte er heil jedoch nur mit Hilfe seines Hundes überstanden. Danach verbot ihm sein Bruder, solche Treffen alleine abzuhalten – er wehrte sich nicht gegen diese Bitte von Dominik, denn Raphael hatte eh jede Illusion verloren. Wo er mir ziemlich genau schilderte, was so bei den Treffen abgelaufen war, so schwammig blieb er bei seiner Familie. Ich erfuhr nur Eckpunkte seines Familienlebens und mir wurde mit jedem Wort, was er nicht sagte, klar, dass hier das eigentliche Problem lag. Seine Eltern liebten ihn, aber öfter als ein oder zweimal im Monat sah er sie nicht. Sein großer Rückhalt war sein älterer Bruder, der ihn abgöttisch liebte aber ihn genau damit manchmal fast erdrückte. Den Haushalt und die Familienführung hatte seine Großmutter und bei der Erwähnung dieser Person verfinsterte sich sein Gesicht, zwar nur kurz, aber ich hatte es sehr wohl mitbekommen. Dann verschloss er mir wieder diesen Teil seines Lebens. Voller Reue schilderte er seinen Einfall, seinen Bruder als sich auszugeben – auch hier vermutete ich, dass Dominik einen weit größeren Anteil daran hatte, als Raphael ihm zugestand. Sehr eindeutig wurden seine Ausführungen, was er von mir hielt und was er bei jeder Mail empfand, wenn sie in seinem Postfach landete. Es war nicht sehr viel anders als meine Gefühle – er liebte mich.

„Und Jean?“, fragte er mich unsicher, nachdem wir nach seinen Ausführungen eine Weile geschwiegen hatten. Ich wollte ihm gerade sagen, dass dies nicht alles sein könnte und er mir etwas, wenn nicht gar das Wichtigste verschwiegen hätte. Da sah ich seine Augen – sie waren nicht ganz auf mich gerichtet, sie schauten so ängstlich, flehentlich, aber auch voller Hoffnung in den Raum.

Ich konnte nicht! Er hatte mir immer noch nicht sein Vertrauen geschenkt, aber er flehte um Verzeihung. Konnte ich das akzeptieren – konnte ich warten??

„Danke, Raphael“, antwortete ich ihm. Seine Augen leuchteten kurz auf, aber er spürte, dass das nicht alles war. Das Schweigen senkte sich wieder über uns und es war diesmal keins der angenehmen Sorte. Jeder wusste vom anderen, dass ihn etwas bewegte, aber keiner sprach es aus. Mein Vater erlöste uns aus dieser Zwickmühle und holte uns zum Essen. In der Küche wurde Raphael von Hondo freudig begrüßt. Der Hund hatte wohl schon mit der gesamten Familie Freundschaft geschlossen, denn vom Essen fiel ab und zu ein Happen für ihn ab. Raphael behagte das überhaupt nicht, aber außer ein paar Ermahnungen an Hondo, das Betteln sein zu lassen, hielt er sich zurück. Dafür widerfuhr der Person van Dahlen wieder eine atemberaubende Wandlung. Aus Raphael wurde, nachdem wir die Küche betreten hatten, der äußerst unterhaltsame Gesellschafter und er erzählte eine Anekdote nach der anderen.

Ich war verblüfft. Wie konnte sich ein Mensch so verstellen? Meine Gefühle, meine Gedanken sah man mir meistens an und meine Eltern und Freunde hatten das im letzten Jahr zur Genüge kennen gelernt. Aber Raphael …

Ich hielt mich aus den Gesprächen meistens raus und zu meinem Beobachten gesellten sich meine Gedanken. Ich stand mal wieder an einem Wegpunkt und wusste wirklich nicht, wie es weitergehen sollte. Dieser Junge hier in der Küche, der so herzhaft lachen konnte, so unterhaltsam war und so umwerfend aussah, war derselbe, wie der schüchternde von Selbstzweifeln zerfressende Kerl, dessen Augen so um Liebe bettelten.

Raphael versuchte mich in die Gespräche mit einzubinden, aber ich blieb einsilbig. Nach ein paar Mal gab er verlegen auf und ich konnte seinen unsicheren Blick spüren. Meine Gedanken wurden nicht klarer und meiner Gefühle war ich mir nicht mehr so sicher. Ich fühlte mich zu Raphael so hingezogen, anderseits war da etwas wie eine riesige Mauer …

Völlig durch den Wind machte ich etwas, was für mich so abwegig war, dass meine Eltern mich entsetzt ansahen. Auf einmal stand ich in der Tür und meinte:

„Ich geh mal eine Runde mit Hondo um den Block.“ Ich, der Angsthase, ging mit diesem Ungeheuer alleine aus dem Haus.

„Jean, wie kannst Du Deinen Besuch …?“, fing meine Mutter an.

„Hondo geh mit Jean“, hörte ich einen traurigen Raphael. Der Hund schaute ihn nur groß an, aber einen kleinen Schubser in meine Richtung und seine Leine in meiner Hand ließ ihn wohl das Richtige erahnen. Fast eine Stunde lief ich ziellos mit dem Hund in der Gegend herum. Er trottete brav an meiner Seite und wenigstens mit einem Familienmitglied der van Dahlens schloss ich heute noch meinen Frieden. Und mit mir selbst oder noch besser mit Raphael? – davon war ich meilenweit entfernt. Da stand ich wieder vor unserer Haustür und war genauso schlau wie vorher.

„Na, mein Sohn“, hörte ich jemanden aus der Dunkelheit sagen.

„Vati?“

„Da drin ist jemand, der Deine Hilfe braucht!“

„Ich kann nicht“, schluchzte ich. „Er vertraut mir immer noch nicht.“

„Ich habe noch keinen Menschen gesehen, der sich so meinem Sohn in die Hände gegeben hat, wie dieser Junge da drinnen und da schließe ich Deinen Zwilling mit ein!“

„Was soll ich nur tun?“

„Versuch seine Schutzhülle zu knacken und hilf ihm, wo Du kannst. Raphael ist es mehr als wert!“

Hondo zerrte mich in das Haus, denn er hatte wohl Wind von seinem Herrchen bekommen und die Worte meines Vaters hallten in mir nach. Raphael nahm seinen Hund freudig in Empfang. Sein Auftreten mir gegenüber war etwas kühler, aber auch unsicherer geworden.

Das Wochenende entwickelte sich zu einer Katastrophe – na ja fast. Wir unternahmen einiges und redeten mit den Anderen, nur redeten wir nicht mehr miteinander. Außerdem achteten wir immer schön darauf, dass wir nicht alleine waren.

Trotz aller Ungereimtheiten genoss ich seine Nähe, sehnte mich nach einer Berührung von ihm, an mehr mochte ich gar nicht denken – es war einfach pervers. Raphael schien es ähnlich zu gehen, aber er traute sich genauso viel wie ich Versager.

Svenja und Tim waren fasziniert von Raphael. Verwundert registrierte Tim, dass ich in seltsamer Stimmung war. Der Nachmittag und Abend mit den Beiden war herrlich, aber ich sehnte mich nach der Zweisamkeit nur mit meinem Kleinen.

Sonntags, am Mittagstisch hatte ich eine absurde Idee. Ich bat meinen Vater uns an einen gewissen Platz zu bringen. Normalerweise fuhr ich mit meinem Fahrrad dahin, wenn ich alleine sein wollte. Jetzt wollte ich ihn Raphael zeigen. Gut, er konnte es nicht sehen, aber er konnte es fühlen. Mein Vater setzte uns unweit des Ortes ab und schnappte sich selbst den Hund. Schweigend gingen wir den Feldweg entlang, Raphael benutzte nur seinen Blindenstock. Zweimal kam er ins Straucheln, aber meine helfende Hand stieß er jedes Mal unwirsch beiseite. Auf meinem kleinen Hügel setzte ich mich hin und ließ meinen Blick schweifen. Raphael blieb einfach stehen – er schien von meiner Idee nicht so begeistert. Diese kleine Erhebung befand sich in einer Biegung der Elbe, das Wasser floss träge an uns vorbei. Es war die Ruhe des Wassers, die mir die besten Eingebungen schenkte.

„Setz Dich bitte“, forderte ich ihn höflich auf.

„Warum?“, kam es genervt zurück.

„Raphael, was hast Du?“

„Du schleppst mich irgendwo hin, dabei weißt Du ganz genau, dass ich nicht das sehen kann wie Du!“

„Raphael, diesen Platz kennt nur Tim. Hier verkriech ich mich immer, wenn ich nicht mehr weiter weiß“, gestand ich ihm.

„Oh.“

„Ich habe Dich hierher mitgenommen, damit Du merkst wie ich bin. Ja, Du kannst es nicht sehen, aber Du kannst es fühlen. Ich weiß nicht, wie das hier weitergeht, aber ich möchte nicht, dass Du morgen im Zorn von mir fortfährst!“ Aus dem selbstsicheren Jungen war wieder ein schüchterner Boy geworden, welcher sich jetzt langsam neben mich setzte.

„Ich wollte Dich mit meinem Verhalten nicht verletzen, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich damit umgehen soll.“

Mir fiel das Eingeständnis ihm gegenüber schwer, aber wenn ich es hier nicht konnte, dann nirgendwo.

„Wow, dieser Ort ist wirklich etwas Besonderes!“, murmelte er.

„Kannst Du es mir beschreiben?“, bat er mich.

„Natürlich“, stimmte ich sofort zu. Jedoch so locker, wie ich mir das vorstellte, war es bei weiten nicht. Versuche mal jemanden die Farben zu erklären, der nicht wusste was rot, blau, gelb oder weiß ist. Wie stelle ich den langsam fließenden Fluss dar, der in seiner Trägheit solch majestätische Ruhe ausstrahlte? Ich suchte wirklich nach Worten und Formulierungen.

„Du kannst gut erklären“, meinte Raphael nach einer Weile.

„Warum?“ Diese Frage war jetzt total aus dem Zusammenhang gerissen, aber er zuckte zurück. Er wusste sofort, was ich meinte.

„Jean, ich habe Dir schon mehr erzählt als irgendeinem Menschen je zuvor. Ich will ja, aber ich kann nicht …“, unvermittelt brach er ab, seine Finger strichen nervös über seine Oberschenkel.

„Lass mich nicht fallen … Gib mir Zeit … Bitte…“ Seine Stimme war immer leiser geworden, wieder war dieses Flehen in seiner ganzen Haltung.

„Denkst Du wirklich, ich würde Dich so einfach wieder los lassen, mein Kleiner?“, wandte ich mich jetzt endgültig an ihn.

„Mein Kleiner?“, hauchte er fassungslos.

„Ja, genau das bist Du. Seitdem Du da bist, wälze ich einen Gedanken hin und her. Gibt es für uns wenigstens ein bisschen Hoffnung?“

Wir konnten beide diese Frage nicht beantworten und so hingen wir wieder unseren Gedanken nach. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen, meine Finger durch seine Haare spielen lassen. Aber so strichen meine Hände durch das trockene Gras. Verträumt schaute ich, wie sie kleine Kreise in den Boden zeichneten, verspielt am Klee zupften.

‚Oh, was sah ich da?‘ Ein vierblättriges Kleeblatt – wenn das kein Zeichen war. Leise lachte ich auf.

„Was ist?“, hörte ich ihn fragen.

„Darf ich Dir was schenken?“, stellte ich eine Gegenfrage mit einem lachenden Unterton.

„Ja!“

„Was denn?“, kam es sehr neugierig einen Moment später.

„Nix besonderes!“

„Das werden wir ja sehen“, kam es ernst von ihm.

„Ich habe gerade etwas gefunden, was wir gut gebrauchen können.“

„Hier Raphael, ich möchte Dir dieses vierblättrige Kleeblatt schenken, als Erinnerung an diesen schönen Nachmittag und als Talisman, damit uns das Glück weiter hold bleibt.“ Mit diesen Worten legte ich das kleine Blatt in seine Hand. Sanft, fast nur mit den Fingerspitzen glitt er über das Kleeblatt, so als hätte er Angst es zu beschädigen.

„Danke“, flüsterte er mit zittriger Stimme.

„Das bedeutet mir sehr viel!“ In seinen Worten schwang soviel mit. Suchend streckte er seine andere Hand aus – er wollte mich berühren. Vorsichtig rückte ich ihm näher, wollte ihn spüren, wollte ihn …

„Wuff, wuff“ Ein schwarzer Vierbeiner kam auf uns zugestürmt, mein Vater folgte ihm in einiger Entfernung. Ertappt fuhren wir auseinander und die Verlegenheit breitete sich wieder wie ein Mantel über uns. Hondo schien davon nix zu merken, übermütig tollte er zwischen uns herum. Zusammen machten wir uns auf den Rückweg und dieses Mal ließ er sich helfen. Als sich unsere Hände berührten, war es wie kleine Stromschläge – fest umschlangen sich unsere Finger, jeder von uns Beiden ließ seine Sehnsucht den Anderen spüren. Mein Vater lächelte leicht, als er uns so Hand in Hand den Weg entgegen kommen sah. Bis zum Ende der Welt wäre ich mit ihm gelaufen, aber schneller als erwartet standen wir am Auto. Nur zögernd ließen wir uns wieder los. Die Fahrt nach Hause verlief schweigend.

Am Nachmittag standen dann Svenja und Tim unerwartet vor der Tür – mit einem schiefen Grinsen von Tims Seite und einer fadenscheinigen Ausrede von Svenja später saßen wir zu viert in meinem Zimmer. Nicht nur ich schien von Raphael fasziniert zu sein. Jedoch war ich von dem Besuch nicht so begeistert – langsam waren wir uns vorhin näher gekommen und nun das!

Trotz allem konnte ich meinen Freunden nicht böse sein, sie meinten es ja nur gut. Jedoch reichten die paar Stunden, um zwischen uns wieder eine kleine Mauer aufzubauen. Als wir am Abend dann alleine waren, flüchtete er sich ziemlich schnell in das Gästezimmer und ich war zu feige, ihm zu folgen.

Was war nur mit mir los? Dieser Boy ließ meinen ganzen Mut wie einen Keks zerbröseln. Ich kam mir so hilflos vor. Wie konnte jemand so nah und doch so fern sein?

Die Nacht verbrachte ich mehr im wachen Zustand als zu schlafen. Ich wälzte mich hin und her und der Gedanke, dass ich nur durch eine dünne Mauer von Raphael getrennt war, verschaffte mir einen Schweißausbruch nach dem anderen. Dementsprechend gerädert stand ich am Montagmorgen weit vor der Zeit auf. So saß ich weiter vor mich hingrübelnd in unserer Küche. Ich durfte gar nicht an den Abschied denken. Gut, es war nichts passiert zwischen uns, nicht mal ein klitzekleines Küsschen, aber ich vermisste ihn jetzt schon. Er hatte sich in meinen Leben geschlichen – einfach so.

Langsam schwang die Küchentür auf und dort stand mein Kleiner. Schon komplett bekleidet, nicht so wie ich, der hier noch in Schlafshorts herum sprang. Schlagartig bekam ich einen roten Kopf, als mir bewusst wurde, wie ich mich hier vor ihm repräsentierte.

‚Man bist Du durch den Wind! Er kann es doch nicht sehen!‘, schüttelte ich amüsiert den Kopf. Dafür sah Raphael nicht gerade wie das blühende Leben aus, für ihn war die Nacht wohl genauso erholsam verlaufen wie für mich.

„Jean, Du bist auch schon wach?“, fragte er müde.

„Woher weißt Du, dass ich hier bin?“ Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Ich rieche Dich!“

„Oh somit stinke ich?“, kam es verblüfft von mir. Vehement schüttelte er den Kopf.

„Nein, nein, Dein Geruch ist für mich genauso elementar wie für Dich mein Anblick!“, sagte er und etwas leiser schob er noch hinterher. „Ich hoffe, ich kann ihn lange genug in Erinnerung behalten.“ Ich wollte den Abschied nicht jetzt schon einleiten, wollte die letzten Minuten mit ihm genießen.

„Möchtest Du einen Kaffee trinken?“

„Klar, den haben wir wohl Beide nötig!“ Als wir dann jeder mit einer Tasse bewaffnet am Küchentisch saßen, schubste mich Hondo freundschaftlich an – er wollte eine Streicheleinheit haben. Auch er merkte wohl, dass der Abschied bevor stand.

„He, verwöhn mir nicht meinen Hund so sehr. Schlimm genug, dass er hier schon immer etwas vom Tisch abgegrast hat“, grummelte Raphael.

„Dir wäre es wohl lieber gewesen, ich hätte Dich gefüttert??“

‚Huch, wo hatte ich denn auf einmal mein vorlautes Mundwerk wieder her??‘, durchfuhr es mich. Auf jeden Fall grinste er anzüglich.

„Oh ja, das hätte mir gefallen!“

„Anderseits wäre es interessant gewesen, mitzubekommen, womit Du mich gefüttert hättest?“, entfuhr es ihm und er wurde knallrot.

‚He, diese Unschuld aus der großen Stadt war ja richtig versaut!‘ dachte ich bei mir und prustete den halben Kaffee quer über den Tisch.

„Raphaeeeel“, brummte ich zwischen meinem Hustenanfall entrüstet.

„Ja, Jeaaaaaaaan?“ Und schon hatte er wieder Oberwasser.

In dieser Form ging es dann noch eine Stunde weiter. Meine Eltern stießen zu uns und amüsierten sich köstlich über unsere Neckereien. Dann ertönte die Haustürklingel und wir schraken Beide zusammen.

‚Warum musste er jetzt los? Gerade jetzt, wo wir endlich locker wurden!‘

„Scheiße!“, musste ich auch laut geäußert haben, denn meine Mutter sah mich strafend an.

„Das kannst Du aber laut sagen“, kam es ziemlich trotzig von Raphael. Mein Vater hatte die Tür geöffnet und da hörten wir auch schon Dominik rufen.

„Kommst Du bitte, Raphael?“

‚Was war das denn für eine Art? Konnte der nicht erst einmal höflich „Guten Morgen“ sagen?‘

„Ja, ja“, seufzte er. Dann stand er auf und er kannte sich schon so gut hier aus, dass er ohne weitere Hilfe gefahrlos zum Ausgang fand. Im Gehen drehte er sich leicht zum Tisch um.

„Jean?“

„Ich komme mit raus!“ Hinter ihm trat ich ins Freie. Seinen Bruder ignorierte ich, wer so unhöflich war, durfte am frühen Morgen von mir keine Jubelarien erwarten, außerdem …

… entführte er mir den Jungen, nach dem sich mein Herz verzehrte!

Verlegen standen wir vor der schwarzen Limousine, mehr als zwei Meter voneinander entfernt.

„Bye Jean.“

„Cu mein Kleiner!“, lächelte ich ihm zu, seine Mundwinkel wanderten von unten nach oben.

„Großer, wir hören und lesen uns“, hörte ich ihn und flugs war er in dem Wagen verschwunden. Sekunden später sah ich nur noch die roten Bremslichter, als er um die Kurve fuhr. Enttäuscht sackten meine Schultern nach unten. Ich hatte es in der Hand gehabt, hätte nur einen Schritt gehen brauchen und was mache ich????

Ich stieß ihn von mir! Sagte ihm nicht, was ich für ihn empfand!

Verdammt!

Gefrustet nahm ich meine Schulsachen und machte mich auf den Weg zur Schule. Da war endlich jemand, der es locker mit meinem Zwilling aufnahm – nein, das war nicht richtig, der nicht mit Tim zu vergleichen war, weil so anders.

In der Schule löcherten mich Svenja und Tim mit Fragen über Raphael, über unseren Abend, halt über alles. Wieso fragten sie mich eigentlich? Sie hatten doch fast genauso viel Zeit mit ihm verbracht, wie meinereiner. Außerdem waren ihre Fragen nicht gerade dazu angetan, meine Sehnsucht nach ihm zu mindern.

Ich erwischte mich immer öfter dabei, wie ich nach Wegen suchte, um ein wenig Zeit mit ihm zu verbringen – ihn mehr kennen zu lernen. Er war soweit weg!

Aber es blieben alles nur Träume. Außer das wir uns jeden Tag mailten, ein bis zweimal die Woche telefonierten, passierte nichts. Ich bekam es nicht mal in den Griff, in meinen Mails ihm meine Sehnsucht zu beschreiben. Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen – somit sagte ich gar nichts. Seine Zeilen waren nur noch sehr selten lustig, ich konnte seine Traurigkeit regelrecht spüren. So langsam hatte ich das Gefühl, alles entglitt mir und ich hatte keine Möglichkeit es aufzuhalten.

Und wie immer in solchen Situation fing ich an mich zu verkriechen. Tim und Svenja hatten eh genug mit sich selbst zu tun, aber es störte mich nicht – nein, ich war sogar froh, denn so hatte ich meine Ruhe. Mit Grausen dachte ich an die Ferien, die in drei Tagen beginnen würden, wenn er doch wenigstens reagieren würde …

So depri saß ich mal wieder auf dem Schulhof an unsere Eiche gelehnt, als das Musterpärchen sich mir näherte.

„Jean, sitz nicht so niedergeschlagen hier rum“, forderte mich Svenja auf.

„Ihr habt gut reden“, grummelte ich.

„Hast Du Dir nun schon überlegt, was Du Anfang der Ferien machst?“

Wieso ließ mich die Stimme von meinem Zwilling misstrauisch werden? Der hatte doch was im Sinn.

„Denkt nicht, dass ich bei Euch das dritte Rad am Wagen spiele!“, stellte ich gleich klar.

„Hm wir dachten eher, wir begleiten Dich!“, rutschte Svenja raus.

„Ähm, was?“

„Sag mal, Du hast wirklich keine Ahnung?“, fragte mich mein Zwilling verwundert.

„Sorry, mir wird das zu dumm. Sucht Euch doch ein anderes Opfer!“, fauchte ich sie jetzt an. Sollten sie doch den Anderen auf den Nerven herumtrampeln. Verärgert stand ich auf und wollte mir wieder einen ruhigen Platz suchen.

„Jean, bitte“, hörte ich Tim sanft sagen, dabei legte er seine Hand auf meinen Unterarm. „Es tut mir leid!“ Früher hätte das gezogen, aber mittlerweile hatte sich doch einiges verändert.

„Ach wirklich, Du hast doch Dein perfektes Glück gefunden, oder?!“, fuhr ich herum und jetzt war kein Halten mehr, meine Unzufriedenheit brach endgültig durch. „Glaubt Ihr denn, ich habe Bock, Euch ständig rumturteln zu sehen. Küsschen hier und Küsschen da. Und dann Eure Fragen nach IHM. Begreift es endlich – ER ist nicht hier. Ich hab es satt und ich will nur noch meine Ruhe!“ Dann riss ich mich los und stiefelte davon. Mein Weg führte mich in die Klasse und ich setzte mich in die letzte Reihe. Ein paar Minuten später stand Tim suchend in der Tür. Langsam kam er näher.

„Was willst Du denn noch?“

Mein Zwilling antwortete nicht und setzte sich auf den Tisch gegenüber. Sein Blick ruhte eine ganze Weile prüfend auf mir.

„Das man Dich immer zu Deinem Glück zwingen muss“, sagte er dann kopfschüttelnd, aber seine Stimme war traurig. Stirnrunzelnd sah ich ihn an.

„Tim, bitte rede nicht um den heißen Brei herum. Ich hab dafür zurzeit wirklich keinen Nerv.“ Ich hatte mich etwas beruhigt, äußerte mein Anliegen trotzdem mürrisch – so leicht wollte ich es ihm nicht machen.

„Okay, wir fahren am Samstag nach Frankfurt!“

„Waaaaassss?“

„Samstag ist der 2. Juli und ich glaube, da gehörst Du nach Frankfurt!“

„Dadurch wird für mich auch nicht klarer, warum ich an diesem Wochenende dort sein sollte!“ Das Einzige, was ich Tim darauf entlocken konnte, war ein verwundertes Kopfschütteln.

„Worüber unterhältst Du Dich eigentlich mit Deinem Kleinen so?“

Tim wusste natürlich, wie ich Raphael in meinen Träumen nannte. Verzweifelt durchforstete ich mein Gehirn. Hatte ich irgendetwas übersehen?? Als ob ich etwas von Raphael vergessen könnte!! Meine Miene musste wieder Bände sprechen.

„Jean, Du weißt es wirklich nicht?“ Jetzt wurde aus seiner Verwunderung Fassungslosigkeit. Wenn er nicht sofort mit der Sprache rausrückte, musste ich gewalttätig werden.

„Raphael wird am Samstag 18!“

„Waaaaas????“ Entsetzt sah ich ihn an. Ich wusste, dass er 17 war, aber über unsere Geburtstage hatten wir nie was geschrieben bzw. Raphael hatte meine Frage in einer der ersten Mails nie beantwortet.

„Ich glaubs nicht, Du hättest den Geburtstag von Deinem Schatz verschwitzt!!!!“

„Wenn es mal mein Schatz wäre?“, murmelte ich niedergeschlagen.

„Tja dafür hast Du Deinen Zwilling. Ich kümmere mich um die Daten, für den Rest musst Du sorgen.“

„Begleitest Du uns nun am Samstag nach Frankfurt?“, fragte der Schlingel auch noch süffisant. Sein Grinsen war einfach ansteckend, aber viel schöner war – ich hatte endlich ein klares Ziel vor Augen und sah Raphael bald wieder.

Bald?

In genau vier Tagen, kaum noch 96 Stunden!!!

„Und das plant Ihr alles so schön hinter meinen Rücken?“, fragte ich dann doch gespielt entrüstet.

„Tim war dagegen, aber wir Frauen haben nun mal so etwas geheimnisvolles!“, kam von Svenja, die leise zu uns getreten war. Glücklich sah sie nicht gerade aus.

„Entschuldigt bitte, dass ich Euch vorhin so angefahren habe, aber …“, setzte ich zu einer Erklärung an.

„Nein Jean, wir müssen uns bei Dir entschuldigen!“, sagten beide fast gleichzeitig.

„Wir haben hinter Deinem Rücken Raphael hergeholt und nun wieder etwas gemacht, ohne Dich zu fragen. Doch wir stehen mit Dominik in Kontakt. Als er damals bei Dir war, ist er danach Tim über den Weg gelaufen und sie sind ins Gespräch gekommen. Tja und da konnte sich Dein Zwilling nicht mehr zurückhalten …“ Svenja schaute jetzt ein wenig verlegen aus der Wäsche und somit setzte Tim fort.

„Vor einer Woche hat er mich dann wieder angerufen und mir von Raphaels Geburtstag erzählt. Er kannte seinen Bruder so gut, dass er vermutete, dass Du davon nichts weißt und er sah seinen Bruder jeden Tag ein wenig mehr leiden. Auch wenn er sich damit ein bisschen schwer tut, sieht er genau, was seinem Bruder fehlt – nämlich Deine Person. Sein Bruder steht ihm über alles, so wie Du mir und somit haben wir beide einen guten Draht zueinander gefunden. Da Ihr Beiden nun nicht zu Potte kommt, haben wir es halt ein wenig in die Hand genommen. Und wehe ich muss Dich auch noch in sein Bett schleifen!!!“, schloss Tim seinen Vortrag mit einem diabolischen Grinsen.

„Ach Tim, wenn das doch nur so einfach wäre“, rutschte mir es dann doch mit einem Seufzen heraus.

„Und bei der ganzen Organisationsmaßnahmen haben sich Eure Lippen einfach so gefunden?“, konnte ich mir einen kleinen Scherz nun auch nicht verkneifen. Auf jeden Fall war ich den Beiden schon eine ganze Zeit nicht mehr böse, das wäre eh ziemlich ungerecht gewesen und zu guter Letzt hatten sie ja nur mein Glück im Auge. Als Reaktion auf meine Worte liefen sie rosa an und drucksten nun ein wenig herum.

„Na ja, …, ähm …, also …“

„Ohm …, irgendwie hat es bei mir dann sehr gefunkt“, beichtete Tim mir leise.

„Wann?“, fragte ich neugierig. Svenja kicherte kurz auf und Tim wurde noch dunkler.

„DAS glaubst Du mir nun wirklich nicht!“, entfuhr es meinem Zwilling. Ich stutzte kurz und gackerte dann los. Ich hatte so eine ganz bestimmte Ahnung.

„Bei … haha, der Ohrfeige, hihi …?“, prustete ich. Tim schaute so verlegen und Svenja so verwundert, dass ich keine Antwort benötigte.

„Also von Tim bin ich ja schon einiges gewohnt aus den letzten vier Wochen, was Deine Gefühlswelt angeht, Jean und er lag meistens richtig, aber das scheint wirklich in beiden Richtungen zu funktionieren. Ihr wisst wirklich, was der andere denkt und fühlt“, immer noch erstaunt schüttelte sie den Kopf.

Ich konnte den nächsten Satz einfach nicht unterdrücken. „Du stehst also auf SM, das wusste ich noch nicht!“

„Jeeeeeeeaaaaaaaaaaaaannnnn, ich warne Dich!“ Trotz des ernsten Warnrufes brauchte ich eine Weile bis ich mich beruhigte, meine Freunde mussten auch grinsen.

„Also um das mal klarzustellen, weil es vielleicht vorhin falsch rübergekommen ist. Ich freue mich, dass Ihr beide zusammengefunden habt. Ihr passt fast ideal zusammen!“

„Fast?“, kam es von Tim.

‚Ha, mein Zwilling fiel auf den ausgelegten Köder sofort herein!‘

„Naaaa jaaaaaaaa“, fing ich langsam an. „Mit dem kleinen Makel, dass Du eigentlich in meinem Bett landen solltest und Svenja mich wieder umpolen wollte!“

„Jetzt bist Du fällig“, stieß Tim aus und stürzte sich auf mich. Eigentlich wäre ich schnell genug weg gewesen, denn ich hatte mit solch einer Reaktion gerechnet, aber diesmal hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht und dieser hatte den Namen Svenja. Sie stellte sich einfach in den Weg und ich konnte doch kein Mädel umrennen. Somit schnappte mich mein Zwilling von hinten und fand zielsicher mit seinen Fingern meine kitzligsten Stellen. Schwer nach Luft japsend und immer noch in mich hinein kichernd, saß ich Minuten später wieder auf meinem Platz.

„Kommst du nun am Samstag mit?“, fragte mich Tim süffisant. Meine Zunge musste ihm Antwort genug sein.

„Mann, der Bengel ist drei Monate älter als ich“, murmelte ich dann zu mir.

„He verrate ihm aber nichts, Du sollst die Überraschung sein“, beschwor mich Svenja.

„Solange ich nicht nackt aus der Torte springen muss“, bekam sie als Antwort.

„Och, na ja“, grinste sie anzüglich zurück.

„Mist“, rief ich erschrocken aus.

„Was hast Du?“, Tims Frage kam einen Moment eher.

„Was schenke ich meinem Kleinen nur?“, fragte ich ein wenig unsicher.

„Also Dominik hat uns gesagt, dass es keine Geschenke zum Geburtstag gibt. Die Familie scheint ein wenig komisch – auf der offiziellen Einladung, ja schau nicht so entgeistert, die gibt es – da gibt es wohl eine Riesenparty, bei der sich die Familie van Dahlen der gehobenen Gesellschaft präsentiert, steht nur etwas, das man von Geschenken absehen soll und an folgende Organisationen spenden möchte.“

„Du glaubst doch wohl echt nicht, dass ich Raphael nix schenke??“, fragte ich Tim baff. Dieser zuckte nur mit seinen Schultern.

Da saß ich dann die letzten Stunden in der Schule und hatte ein fast unlösbares Problem zu knacken. Was schenkte ich meinem Freund, meinem Boyfriend?? War er das denn?

Eins war mir in den letzten Tagen trotz allem klar geworden – so wie jetzt ging es nicht weiter, für uns Beide nicht! Ich würde an diesem Wochenende mit ihm zusammen zu einer Entscheidung kommen, so oder so. Über das „oder so“ wollte ich nicht mal in meinem tiefsten Inneren nachdenken.

Zu Hause lichtete sich dann der Schleier endgültig. Meine Eltern waren ebenfalls in die ganze Sache eingeweiht und würden uns drei nach Frankfurt fahren. Dominik hatte für alle Unterkunft besorgt.

In meinem Zimmer schaltete ich dann meinen PC ein, natürlich würde ich ein paar Zeilen von meinem Kleinen vorfinden. In meinem Postfach fand ich dann noch eine weitere Überraschung. Ich hatte eine Mail von „Max1926“ – wer war das denn? Ein Klick später war ich schlauer. Maximilian aus dem Seniorenstift hatte mir eine kurze Mail geschrieben. Er hatte mir natürlich nicht nur seine Addy gegeben sondern auch meine eingefordert. Mein schlechtes Gewissen schlug unbarmherzig zu – ich hatte ganz vergessen, ihm über meine Erlebnisse zu berichten, obwohl ich es versprochen hatte.

Da kam mir eine Blitzidee. Ich mailte nur kurz zurück, dass ich am Wochenende in Frankfurt wäre und am Samstag oder Sonntag einfach gern vorbei schauen würde, wenn er Interesse hätte und auch da wäre.

Seine Antwort kam sehr schnell und war kurz und bündig. Er würde sich sehr über einen Besuch freuen und zu dem Thema, ob er da sei, schrieb er wortwörtlich:

Ich lauf hier bestimmt nicht weg.

Ein Grinsen konnte ich mir bei dem Satz nicht verkneifen. Maximilian gefiel mir einfach und auch auf diesen Besuch freute ich mich.

Trotz allem grübelte ich weiter über mein Geschenk. Zwei Tage vor dem großen Tag hatte mein Vater eine glänzende Idee, nur die Umsetzung gestaltete sich sehr schwierig. Mit viel Suchen und seiner Hilfe, vor allem finanziell, konnte ich die Idee letztendlich doch noch in die Tat umsetzen, zwar knapp aber doch noch rechtzeitig. Auch Tim und Svenja taten auf einmal so geheimnisvoll, sie hatten wohl ebenfalls etwas gefunden.

Am Samstag saßen wir dann schon um 6 Uhr im Auto – mein Gott, das war ja mitten in der Nacht, aber was tat man nicht alles für einen Freund!

Tim und Svenja schlummerten fast die ganze Fahrt, aber ich war viel zu aufgeregt, um nur ein Auge schließen zu können. In Wirklichkeit war ich schon seit 2 Uhr wach gewesen und habe hin und her überlegt, wie ich das heute anstellen sollte. Ich war in den letzten Tagen so in Vorfreude und Gedanken, dass ich nicht mal wusste, wo es jetzt konkret hinging.

Okay, Frankfurt, aber direkt zu ihm nach Hause?

„Vati, wo geht’s eigentlich hin?“

„Lass Dich überraschen, Sohnemann“, zwinkerte er mir über den Rückspiegel zu. Na toll, aber was hatte ich auch erwartet? So schaute ich in die Landschaft und wurde stündlich nervöser.

Gegen 10 Uhr hielt mein Vater auf einem großen Parkplatz an, der definitiv nicht zur Villa von Raphaels Eltern gehörte.

„Wo sind wir denn hier?“

„Frankfurt?!“, antwortete Tim mir gähnend.

„Grrrr“, knurrte ich ihn an.

„Keine Bange mein Zwilling, DAS wird Dir hundertprozentig gefallen“, lachte er mich an und zückte sein Handy. Einen Anruf später sah ich Dominik auf uns zukommen.

„Hey Leute“, lachte er uns munter entgegen.

‚Oh, der konnte ja auch freundlich sein!‘ Fast gleichzeitig mit meinen Gedanken musterte er mich grimmig. Ich glaubte, hier herrschte schnellstens Klärungsbedarf.

„Dominik, alles vorbereitet?“, fragte Svenja schnell, denn sie hatte sehr wohl seinen Blick gesehen.

„Wenn Ihr damit meint, dass mein Bruder von nix ne Ahnung hat, ja! Die Zimmer für Euch sind in einem Hotel um die Ecke bestellt. Und wie wir das heute Abend bei dem Empfang machen, das entscheiden wir nachher.“

„Wollen wir erst ins Hotel?“, hörte ich meinen Vater in unserem Rücken fragen.

„Bist Du wahnsinnig??“, entfuhr es mir nervös. Warum grinsten mich nur alle an?? Und meine Mutter brubbelte noch etwas von „ach ja das junge Glück“. Tim hakte mich lachend unter und sagte amüsiert zu den Anderen.

„Macht mal keine Scherze mit meinen kleinen schwulen Twin. Wir schauen jetzt mal, ob wir seine zweite bessere Hälfte finden!“ Mein Kribbeln war schon wieder so stark, dass ich nicht einmal gegen das Wort „klein“ aufbegehrte. Ich fieberte der Begegnung mit Raphael regelrecht entgegen. Wir passierten eine Art Foyer, die anderen waren uns auf den Fersen. Dann wandten wir uns einer Art Aufgang zu und ich hörte Menschen jubeln und kreischen. Vor mir öffnete sich ein weites Rund, dass von einem Schwimmbecken beherrscht wurde. Verwundert schaute ich Tim an.

„Manchmal frage ich mich wirklich, wer Raphael besser kennt, Du oder ich?“, schüttelte er amüsiert den Kopf.

„He, ich weiß sehr wohl, dass er sehr sportlich ist und auch gerne ein wenig schwimmt“, murmelte ich entrüstet, aber ließ meinen Blick schweifen. Man, meinen Kleinen in Badehose, das war ja wie Weihnachten und Ostern an einem Tag. Hinter mir hörte ich jemanden unterdrückt lachen.

„Hat mein kleiner Bruder also wieder etwas untertrieben, was? Er ist der Star der Schwimmmannschaft – sie wollten ihn sogar schon in eine normale Trainingsgruppe des Leistungszentrums aufnehmen“, erklärte Dominik uns, der Stolz war sehr deutlich herauszuhören.

„Kommt, ich habe uns ein paar Plätze reserviert“, sagte er noch weiter und führte uns an eine wirklich gute Stelle.

‚Mist, ich konnte ihn immer noch nicht erspähen!!!!‘ Da tippte mir einer auf meine Schulter. Genervt fuhr ich herum, ich war ein echtes Nervenbündel. Dominik hob abwehrend die Hände und sein grimmiges Gesicht entspannte sich.

„Keine Bange er kommt gleich, bereitet sich mit seinem Trainer nur in der Kabine vor. Ich will ehrlich zu Dir sein, ich bin immer noch nicht so gut auf Dich zu sprechen, denn ich habe meinen Bruder noch nie so leiden sehen. Ich bin aber auch nicht so verbohrt, um zu erkennen, wie mein Bruder bei Nennung Deines Namens erstrahlt. Den Rest klären wir noch, aber nicht jetzt. Nach dem Vorlauf, der gleich ansteht, würde ich Dich gerne in die Kabine bringen. Sein Trainer weiß Bescheid und bringt ihn direkt danach zurück. So kannst Du Raphael ein wenig überraschen und ihr habt ein paar Minuten für Euch.“

Ich wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, da flüsterte Svenja neben mir.

„Wooooow!!“

Schnell drehte ich mich wieder um und folgte ihren Augen. Nicht einmal 15 Meter von uns entfernt stand ER am Startblock. Augenblicklich war mein Hals staubtrocken.

„Ist das ein süßer Kerl!“, murmelte meine Nachbarin weiter, was ihr einen Knuff von meinem Zwilling einbrachte, aber sie sprach mir aus dem Herzen. Bei dem Jungen passte einfach alles, wie frisch aus dem Bademodenkatalog entstiegen. Seine schönen Haare waren zwar unter einer Badekappe versteckt und die für ihn unnützen, aber für mich wunderschönen grünen Augen wurden von einer Schwimmbrille versteckt, aber der Rest – oh Mann, mir wurde verdammt heiß.

Und das lag nicht mal an der mehr als knappen Badehose, die er trug. Bis dahin kam ich gar nicht. Verträumt schaute ich den Oberkörper an. Ob unbehaart oder rasiert, das war nicht zu erspähen, aber er war wohlproportioniert. Kein breites aber sehr wohl sichtbares Kreuz, leicht angedeutete Brustmuskeln und kein angedeutetes sondern ein ziemliches sichtbares Sixpack. Lange schlanke muskulöse Beine, einfach eine wahnsinnig gute Figur und das war nicht irgendeine Werbefigur, das war mein Kleiner.

Der Starter rief die Sportler zum Wettkampf auf. Raphaels Finger glitten zu seinem Hals. Erst jetzt bemerkte ich dort ein schmales Lederband, dessen Anhänger seine Hand umschloss. Er schien einen kurzen Moment in sich gekehrt, dann glitt er ins Wasser. Dominik erklärte uns von hinten, dass sie aus dem Wasser starten würden, denn das hineinspringen vom Startblock konnte gefährlich sein. Weiterhin hatte Raphael, wie alle anderen blinden Schwimmer auch, einen kleinen Ohrstöpsel, über den der Trainer ihm Richtungsänderungen und Entfernung zur Wende ansagen konnte. Während seiner Erklärungen erfolgte der Start und sofort brach die Hölle los. Die Tribüne war gut besucht, wohl hauptsächlich durch Angehörige und die trieben ihre Schützlinge lautstark voran. Geschwommen wurde 200 m Brust und laut Dominik eine der schwächeren Disziplinen von Raphael. Das konnte man aber nun wirklich nicht sehen, denn mein Kleiner führte nach 40 Metern fast um eine Länge. Nach drei Bahnen waren es schon über zwei Längen und auf einmal kamen die anderen näher. Ich hörte Dominik hinter mir etwas von „Kräfte sparen“ brubbeln und so rettete Raphael einen knappen Vorsprung ins Ziel. Dann spürte ich Dominiks Hand auf meiner Schulter und er schob mich vor sich her in den Umkleidetrakt. Eine kurze Zeit später stand ich in einer größeren Mannschaftskabine und er war wieder verschwunden.

„Nik, ich muss noch zu den Anderen. Wir müssen über die Staffel reden“, hörte ich die für mich unverwechselbare glockenhelle Stimme, die jetzt etwas unwirsch klang.

„He Raph, ich muss Dir doch noch mein Geburtstagsgeschenk geben“, hörte ich ihn besänftigend auf seinen Bruder einreden.

„Das kannst Du auch noch heute Abend machen. Ich hab jetzt keine Zeit“, knurrte mein Kleiner. Dominik ließ sich wohl nicht beirren, denn auf einmal schwang die Tür auf und er schob Raphael in die Kabine. Jetzt so ca. drei Meter von mir entfernt, verschlug es mir bei dem Anblick die Sprache. Sein Gesicht war ein wenig gerötet, wohl noch durch die Anstrengung, seine schwarzen Haare hingen ihm wirr in der Stirn und seine grünen Augen leuchteten intensiv. Ich hatte mir soviel zu Recht gelegt, soviel überlegt und immer wieder vor mir hergesagt – jetzt bekam ich keinen Ton heraus. Die Tür schloss sich hinter Raphael, was diesen wohl verwunderte.

„Dominik, wo ist nun …“, begann er ungeduldig, dann brach er ab und schnüffelte.

„Jean?“, kam es leise und so vorsichtig, wie ungläubig von ihm. Langsam ging ich auf ihn zu, bis ich einen Meter vor ihm zum Stehen kam.

„Happy Birthday, mein Kleiner“, hauchte ich ihm zu. Juchzend fiel Raphael mir um den Hals und drückte mich ganz fest an sich. Dabei flüsterte er mir immer noch fassungslos ins Ohr.

„Du bist es wirklich … Du bist hier …“ Vorsichtig löste ich mich von ihm. Nur widerstrebend gab er mich frei. Mein Blick erforschte sein Gesicht. Seine Freude war so echt, seine Augen leuchteten und er lächelte verlegen – da wusste ich, dass ich meinen Traum nicht nur gesehen sondern auch gefunden hatte.

„Darf ich Dir mein Geburtstagsgeschenk geben?“, fragte ich ihn leise.

„Was denn, mein Großer?“

Sanft legte ich meine Finger unter sein Kinn und hob es ein wenig an. Zärtlich rieb ich dabei mit meinem Daumen darüber. Dann nahm ich meinen ganzen Mut zusammen und senkte meine Lippen seinem Mund entgegen. Ich wollte endlich seine Lippen spüren, ihn schmecken. Schüchtern legte ich meine auf die Seinen, sie waren leicht warm und feucht, mein ganzer Körper fing an zu vibrieren. Mir wurde schummrig, kleine Glücksraketen explodierten in meinem Kopf, das Gefühl war unbeschreiblich. Raphael kam mir etwas entgegen und sein Mund presste sich auf meinen. Er übernahm die Initiative und klopfte mit der Zunge an meine geschlossenen Lippen, bereitwillig öffnete ich sie und unsere Zungenspitzen berührten sich zärtlich. Zeit war in diesem Moment nicht wichtig, diese warmen Lippen, diese verspielte Zunge waren gerade mein Leben – nichts kam da heran. Atemlos lösten wir uns voneinander.

„Unglaublich“, hörte ich Raphael flüstern.

„Ja, das bist Du!“, antwortete ich ihm.

„Oh nein, DU!“

Ich konnte nicht an mir halten und ließ meine Finger über seine nackte Brust gleiten, so glatt, so zart. Lächelnd musste ich sehen, wie sich unter meiner Berührung eine leichte Gänsehaut bildete. Sanft streichelnd fuhr ich über seine Bauchmuskeln, die Gänsehaut wanderte mit.

„Ist Dir kalt mein Kleiner?“, fragte ich ihn neckend.

„KALT??? Fühl, wie mein Herz rast und Du weißt, wie es um mich bestellt ist!“ Dieser Aufforderung kam ich nur zu gerne nach, und legte meine rechte Hand auf seine linke Brust. Unter meinen Fingern erhärtete sich sofort seine Brustwarze. Da fiel mein Blick auf das Lederhalsband und den Anhänger.

„Oh?“, stieß ich überrascht aus und ließ die Hand wieder höher gleiten.

„Du trägst unser Glück immer bei Dir?“, fragte ich ihn.

„Ein schöneres Geschenk habe ich bis zu diesen Kuss eben noch von Keinem bekommen“, murmelte Raphael heiser. Ich nahm den Anhänger in die Hand. Es war das vierblättrige Kleeblatt, eingefasst in Glas, so dass es für ewig erhalten blieb. Die Rückseite schein eine Gravur zu enthalten.

„Da steht ja noch was drauf“, stellte ich erstaunt fest.

„Ja“, hauchte er sehr leise und lief rot an.

„Darf ich es sehen?“, fragte ich ihn sanft. Ich wollte es natürlich wissen, aber nur wenn er es freiwillig preisgab.

„Ja“

Vorsichtig drehte ich den Anhänger um und musste schlucken, als ich die vier Buchstaben entzifferte. Da stand in verschnörkelter Schrift

JEAN

„Wow“

„Bist Du sauer?“, fragte er spürbar nervös.

„Nein, Du kleiner Dummkopf. Du trägst mich also immer bei Dir“, stellte ich melancholisch fest.

„Ja, und das hat mir in der Zeit seitdem ich aus Magdeburg abgefahren bin, sehr geholfen. Es gab mir die meiste Hoffnung, denn Du hattest von unserem Glück gesprochen!“

Verträumt sah ich meinen Freund an. Dieses hübsche Köpfchen war nicht nur zum Badekappentragen gut. Auf einmal konnte ich seine Grübchen in den Wangen erkennen, denn er lächelte mich an.

„Kann ich mein Geburtstagsgeschenk für das nächste Jahr auch schon heute haben??“, bettelte er.

„Haben Sie das denn verdient, Herr van Dahlen?“

„Quatsch nicht und küss mich“ So konnte man es auch ausdrücken. Diesmal war unser Kuss fordernder, Raphael zog mich an sich heran und ich spürte seinen sportlichen Körper an meinem. Seine Hände wanderten über meinen Rücken und verkrallten sich in meinen Hintern. Meine Finger fuhren durch sein dichtes schwarzes Haar und streichelten seinen Hals. Was seine Zunge in meinen Mund alles anstellte, ich konnte es nicht nachvollziehen.

Irgendwann brauchte ich etwas mehr Luft und löste meine Lippen von seinen. Und was machte Raphael, er knurrte!

„He, es war von EINEM weiteren Kuss die Rede und nicht von einer Knutschorgie“, grinste ich ihn an, dabei fanden meine Finger keine Ruhe. Sein herrlicher Oberkörper hatte es mir aber auch angetan.

„Oh Mann, oh Mann, so kann ich nicht unter die Leute und ich muss doch gleich wieder schwimmen“, seufzte er nach einer Weile.

„Warum? Weißt Du eigentlich, wie hübsch Du bist?“, fragte ich ihn verwundert.

„Ach wirklich? Vielleicht sollte ich Dich weiter machen lassen, dann bräuchte ich jetzt nicht kalt zu duschen!“, murmelte er mir zu und löste sich endgültig von mir. Mein Blick wanderte tiefer und ich musste mir echt ein lüsternes Stöhnen verdrücken. Die Badehose, die vorhin schon mehr zeigte als versteckte, beulte sich unglaublich. Okay so entspannt sah es bei mir auch nicht mehr in meiner langen Jeans aus, aber das hier war eindeutig. Raphael hatte auch hier was zu bieten, das konnte man durch den dünnen knappen Stoff sehr gut erahnen. Mich musste der Teufel geritten haben, denn meine Finger strichen auf einmal zärtlich über die Beule.

„Hm, da scheint jemand aber sehr heiß zu sein!“

„Ooohhhh, Jeaaaaaaan, bitte nicht“, entgegnete er, aber es war eher ein Keuchen. Ich wollte ihn wirklich nicht in Schwierigkeiten bringen, zog meine Hand zurück, drehte ihn um und mit einem Klaps auf sein knackiges Hinterteil sowie den Worten „Ab Duschen“, scheuchte ich ihn unter die Dusche. Kurz darauf hörte ich ihn Juchzen. Gefolgt war ich ihm nicht – denn diesen Bengel jetzt nackt zu sehen, ich wäre gestorben oder hätte mich voll bekleidet unter die Dusche gestellt.

Ein paar Minuten später kam er bibbernd wieder in die Kabine. Seine Wangen waren immer noch gerötet, wobei es diesmal wohl nicht vom Vorlauf war. Das Wasser perlte über diesen Wahnsinnskörper und ich stellte mir vor, wie ich jeden einzelnen Tropfen von seiner Haut küsste.

„Soll ich Dich wärmen?“, fragte ich ihn lächelnd.

„Liebend gerne, aber danach müsste ich wieder kalt duschen“, grinste er mich an.

„Komm, bring mich zu den anderen“, forderte er mich auf. Dabei legte er seine Hand federleicht auf meinen Unterarm und zusammen gingen wir in die Schwimmhalle. Immer wenn ich ihm so nahe war, dann ging ich wie auf Wolken. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, etwas, dem ich lange nachgejagt war. Vor unseren Plätzen hielten wir an. Mit großem Hallo wurde mein Freund nun offiziell begrüßt und ihm natürlich zu seinem Ehrentag gratuliert. Die vielen Glückwünsche schienen ihm irgendwie peinlich – er schien nicht gerne im Mittelpunkt zu stehen. Dominik schaute etwas verwundert, als er meine Eltern duzte, aber sagte nix dazu.

„Danke an Euch alle. Das größte Geschenk ist, dass Ihr mir meinen Jean hergebracht habt. Wir beide sind viel zu schüchtern und kopfgesteuert, als das wir das zu Wege gebracht hätten.“

„Wenn ich gewusst hätte, was mich hier erwartet, wäre ich nur alleine gekommen!“, feixte Svenja, die schon ein Begrüßungsküsschen abgefasst hatte, bei dem nicht nur Tim nervös geworden war.

„Svenjaaaaaa!“, kam dann auch folgerichtig von meinem Zwilling. Sein weiterer Kommentar wurde mit einem langen Kuss erstickt und meine Eltern schüttelten nur amüsiert die Köpfe.

„Aber Du musst schon zugeben mein Schatz, Raphael ist ne echte Granate!“, musste sie wohl doch noch loswerden, nachdem sie sich wieder getrennt hatten.

„Das musst Du dann wohl eher seinen Schatz, der zufällig mein Zwilling ist, fragen“, kam der Konter von Tim. Raphael, der dem Zwiegespräch gefolgt war, wurde immer verlegener.

„Svenja?“, wandte ich mich an meine Freundin.

„Ja Jeany?“, hörte ich sie wispern – mein Kleiner musste sich ein Kieksen verkneifen.

„Dieser Junge ist mir! Du kannst Dich glücklich schätzen, dass ich Dir zähneknirschend meinen Zwilling überlasse“, belehrte ich sie streng und als Reaktion sah ich ihre wirklich lange Zunge.

Raphael musste zum nächsten Rennen und Dominik führte ihn zu seinem Startplatz. Bevor er ins Wasser sprang, berührte er wieder den Anhänger und linste zu uns rüber. Und dann passierte es …

… er hauchte uns einen Kuss herüber. Es war zwar nur ansatzweise, aber für mich deutlich genug. Wohl nicht nur für mich, sondern auch für ein paar andere Personen.

„Na, für wen der wohl war?“, hörte ich meinen Zwilling flüstern. Ich drehte mich ihm zu und da grinsten mich Svenja und Tim wissend an.

„Sag mal mein Sohn, was hast Du eigentlich so lange vorhin in der Kabine gemacht?“, wollte meine Mutter von hinten neugierig wissen. Aha, sie hatte es wohl auch gerade registriert.

„Raphael sein Geburtstagsgeschenk gegeben“, antwortete ich postwendend.

„Achso“, murmelte sie. Meine Antwort brachte jetzt jedoch meinen Vater auf den Plan.

„Und was für eins?“ Verwundert drehte ich mich um und sah in seinen Händen mein eingepacktes Geschenk. Das erkennen und knallrot werden war eine Aktion von mir.

„Einen Kuss“, murmelte ich. Ich wusste, die anwesenden Personen würden solange keine Ruhe geben bis sie genau das wussten. Und mein Rot musste noch dunkler werden, denn mir wurde verdammt heiß.

„Na endlich“, seufzte mein Zwilling auf. Auch meine Eltern grinsten ziemlich flegelhaft.

So und ähnlich ging es dann den ganzen Tag. Sein Bruder schüttelte ein ums andere Mal den Kopf und als ich ihn dann einmal in einer ruhigen Minute ansprach, meinte er nur, so würden sie in ihren Kreisen nicht miteinander umgehen. Jedoch es schien ihm zu gefallen, denn er beteiligte sich rege an der Unterhaltung. Das Schönste für mich war, Raphael suchte zunehmend den Kontakt mit mir. Mal lag seine Hand auf meinem Schenkel, mal berührten sich unsere Finger, ab und an lehnte er sich sogar an mich. An seinen Rennen interessierte mich nur, dass ich ihn in Ruhe bewundern konnte. Die Ergebnisse waren für mich nebensächlich, was nicht hieß, dass ich ihn für seine Leistungen nicht bewunderte. Gegen 16 Uhr war der Wettkampf beendet und Raphaels Mannschaft hatte den Pokal gewonnen. Mein Kleiner strahlte über das ganze Gesicht, denn er hatte nicht unwesentlich dazu beigetragen.

Jetzt stand der Abschied auf dem Programm, wenn auch nur ein kurzer. Raphael machte trotzdem ein trauriges Gesicht.

„He Dark, schau nicht so traurig. In paar Stunden bin ich ja wieder bei Dir!“, murmelte ich nicht minder niedergeschlagen. Erstaunt wandte er mir sein Gesicht zu, leider waren seine Augen wieder von der unsäglichen Brille verdeckt.

„Wie hast Du mich eben genannt?“

„Dark, die Abkürzung von TheDarkness“, antwortete ich ihm. Sein Mund verzog sich spitzbübisch.

„Okay meine liebenswerte Jeany, damit wären die Namensfronten geklärt“, flüsterte er mir zu und grinste über beide Backen.

„Umpf, den Namen vergisst Du mal schnell wieder“, knurrte ich ihn an. Sein Lachen wurde breiter.

„Nöööööö!“

„Also dann bis nachher“, verabschiedete ich mich von ihm, denn Dominik drängelte ein wenig.

„Ich freu mich, aber nur auf Deine Familie, Freunde und Dich, der Rest von der Gesellschaft kann mir gestohlen bleiben“, hörte ich ihn ernst, fast zornig sagen. Nachdenklich schaute ich dem Wagen hinterher. So locker schien das nachher nicht zu werden.

„Vati kannst Du mich am Seniorenstift rauslassen. Die Hotelzimmer begutachten könnt Ihr auch alleine. Ich möchte Maximilian noch vorher sehen“, wandte ich mich an meinen Vater. Svenja und Tim hätten mich gerne begleitet, aber ich wollte ihn nicht mit der ganzen Bande überfallen. Dafür versprach ich ihnen, dass ich das klären würde und beim nächsten Mal, sein Einverständnis vorausgesetzt, konnten sie gerne mitkommen.

Dann stand ich vor dem Eingang und bereitete mich geistig und körperlich auf die Auseinandersetzung mit dem Empfangsdrachen vor. Dort saß jedoch ein älterer Herr und als ich nach Herrn van Dahlen fragte, wurde ich sofort auf die Terrasse begleitet. Maximilian befand sich wieder etwas abseits und spielte mit dem Konsul Schach. Ich wurde mit einem großen Hallo begrüßt, so als wäre ich ein Familienangehöriger. Dies brachte mich zwangsläufig zu der Frage, ob Maximilian noch Familie besaß. Die beiden älteren Herren war so was von herrlich drauf, sie hatten mich sofort in ihren Bann gezogen und redeten auf mich ein.

„Friedrich, kannst Du mich mal einen Moment mit Jean alleine lassen – Geschäfte“, murmelte Maximilian auf einmal geheimnisvoll. Sie zwinkerten sich zu und Friedrich brüllte laut.

„Senator, Sie schummeln immer. Das mache ich nicht mehr mit!“

„Bummeln, wieso soll ich mit Ihnen bummeln gehen?“ Wortlos stampfte Friedrich wütend davon und ich musste mir sehr das Lachen verkneifen.

„Na, nun erzähl mal von Deiner Suche. Hast Du den richtigen van Dahlen gefunden?“, fragte er mich neugierig. Als Antwort strahlte ich nur.

„Also ein Treffer!“ In den nächsten Minuten erzählte ich ihm von meiner Suche und dem Treffen. Ich musste ganz schön überlegen, wie ich was formuliere, denn ich hielt wohlweißlich heraus, dass wir beide schwul waren. Ich hatte ihn als netten Menschen kennen gelernt, aber ich war mir unsicher, wie er darauf reagieren würde. Was mich verwunderte, war, dass er nicht überrascht schien, als ich davon sprach, dass Raphael blind war. Er hielt sich eh mit Fragen sehr zurück, obwohl einige von meinen Erlebnissen so umformuliert sehr fragwürdig erschienen. Warum sollte wohl ein Teenie einem anderen hinterher reisen?

„So, so, so, dann bist Du also heute zur Geburtstagsfete bei ihm eingeladen?“

„Ja“, antwortete ich ihm, obwohl Maximilian es eher nur festgestellt hatte.

„Darf ich Dich mal etwas persönliches fragen?“, fing ich vorsichtig an, denn so langsam fraß mich die Neugierde auf.

„Immerzu, wenn es mir nicht passt, kann ich ja schweigen“, hörte ich ihn.

„Hast Du noch Familie und kommt Dich da ab und zu Jemand besuchen?“

Maximilians Gesichtsausdruck wurde sehr neutral und seine Augen blitzten kurz auf.

„Darauf möchte ich Dir nur kurz eine Antwort geben. Zum ersten Teil Deiner Frage Ja und danach ein klares Nein!“ Mich juckte es, denn hier hätte ich gerne noch etwas nachgebohrt, aber seine ganze Haltung machte mir klar, dass ich es lieber bleiben lassen sollte. Kurze Zeit später tauchte der Konsul wieder grummelnd auf und teilte ihm mit, dass die Fehde beendet sei und er durchaus zu einer Revanche bereit wäre. So saß ich mit den beiden älteren Herrn unter einem Sonnenschirm und vergaß die Zeit.

Wie aus dem Nichts hörte ich jemand hinter mir sich räuspern.

„Jean?“ Das war eindeutig die Stimme von meinem Vater. Erstaunt sah ich mich um, lächelnd stand er hinter mir. Meine beiden Gesprächspartner waren flink auf den Beinen, was man ihnen in dem Alter gar nicht zugetraut hätte. Sie begrüßten sich gegenseitig und mein Vater schaute eindeutig belustigt in die Runde.

„Jean, wir sollten los, denn Du musst Dich noch ein wenig frisch machen“, forderte mich mein Vater auf.

„Entschuldigen Sie, Herr Neumann, aber die Unterhaltung mit Ihrem Sohn ist so kurzweilig, da haben wir glatt die Zeit vergessen.“

„Kein Problem, ich sollte ihn ja eh abholen. Also verabschiede Dich bitte und dann geht’s los“, antwortete mein Vater. Er schüttelte den Beiden noch freundlich die Hand und ging schon vor. Maximilian nahm mir das Versprechen ab, dass ich mich wieder sehen lassen sollte. Das war in Zukunft kein Problem, denn ich würde mich jetzt ja wohl öfter in Frankfurt herumtreiben. Beim Abschied überraschte er mich noch.

„Jean, viel Spaß heute und lass Dich nicht aus dem Konzept bringen, bleib der, der Du bist“, fing er freundlich an, um dann noch ziemlich ernst nachzuschieben. „Und manchmal muss man auch um seine Liebe kämpfen!“ Verdattert stand ich auf der großen Terrasse und hatte auf einmal eine Menge Fragen an Maximilian. Der zwinkerte mir jedoch nur noch zum Abschied kurz zu und wandte sich an den Konsul. Meinen Vater hörte ich nun auch drängender rufen. Im Auto grübelte ich über die letzten Worte nach – ahnte Herr van Dahlen etwas?

Kurze Zeit später trafen wir bei dem Hotel ein, nur das es mehr eine Villa, wenn auch eine sehr große, war. Verwundert sah ich meinen Pa an und er schüttelte nur schmunzelnd den Kopf.

„Du wirst schon sehen“, murmelte er vor sich hin. Svenja und Tim empfingen mich schon an der Treppe und redeten begeistert auf mich ein. Dies war so eine Art Gästehaus für erlesene Mitglieder der Society. Wir wohnten im puren Luxus. Das Personal war fast unsichtbar, las einem jedoch trotzdem fast jeden Wunsch von den Augen ab. Ich setzte meine Freunde kurz über den Nachmittag in das Bild, wobei ich die kurze Episode am Ende weg ließ. Auf jeden Fall wollten sie beim nächsten Mal dabei sein.

Dann galt es für mich, schnell unter die Dusche zu springen und nach einer halben Stunde war ich mehr oder weniger gerichtet. Wir hatten ja alle keine Ahnung, was uns so dort erwartete und somit war die Anzugsordnung auch nicht so klar. Meine Eltern hatten sich konservativ für ein Kleid und Anzug entschieden, wobei mein Vater nicht das Kleid trug. Tim und ich waren wieder mal fast identisch gekleidet – dunkle Cordhose, dunkelrotes Hemd, zu einem Anzug hatte ich mich nun wirklich nicht durchringen können. Beim Anblick Svenjas verschlug es uns dann doch die Sprache und mein Zwilling strahlte Sekunden später. Sie sah einfach umwerfend aus – zumal wir sie auch noch nie im langen Abendkleid gesehen hatten. Etwas verlegen nahm sie unsere Begeisterungsstürme auf, aber man sah ihr an, dass sie sich sehr freute.

Eigentlich hatte uns Dominik ja abholen lassen wollen, aber mein Vater bevorzugte es, lieber selbst zu fahren. So hatten wir von ihm eine Einladung erhalten, die uns auch kurze Zeit später den Einlass auf das Anwesen erlaubte. Vor uns fuhr ein Bentley und an der Treppe hielten Pagen die Türen auf. Der Eine war nicht davon abzubringen, unseren Wagen wegzufahren, was meinem Vater wiederum gar nicht passte. Geschlossen erklommen wir dann die Treppe, an deren Ende ein Herr wartete, dem das Pärchen vor uns die Einladung reichte. Sie wurden sehr zuvorkommend begrüßt. Dann waren wir an der Reihe und der abschätzende Blick glitt über uns. Seine Miene war eindeutig – wir gehörten nicht hierher!

„Sie wünschen?“, hörten wir, obwohl am Tonfall der Stimme klar zu erkennen war, dass wir nichts zu wünschen hatten. Mein Vater hielt ihm unsere Einladung vor die Nase und meinte.

„Die Familien Lindner, Schüttler und Neumann möchten gern dem Gastgeber seine Aufwartung machen.“ Puh, wo hatte mein Pa denn diese gestelzte Aussprache gelernt?

„Tut mir leid, Sie stehen nicht auf der offiziellen Liste.“ Ich wurde langsam ärgerlich. Dieser aufgeblasene Knilch stand hier und machte einen auf wichtig. Sein süffisantes Grinsen sagte mir genau, wie leid es ihm wirklich tat. Es waren nur noch ein paar Meter zu meinem Kleinen und dann das!!

„Ich möchte Sie bitten, das Gelände wieder zu verlassen“, kam jetzt der nächste Hammer von ihm.

„Das glaube ich nicht, denn diese Einladung spricht für sich“, antwortete mein Vater und er war sehr leise geworden. Tim und ich schauten uns sofort alarmiert an, denn wenn er diesen Tonfall auflegte, dann hieß es all seine Wünsche schnellstmöglich zu erfüllen. Diese wandelnde Statur schien es jedoch als Schwäche auszulegen, denn er winkte nach einem der Pagen, die die Autos wegfuhren.

„Holen Sie für diese Herrschaften das Auto. Sie wollen uns wieder verlassen.“ Ich fing an zu kochen, aber Tim legte mir zur Beruhigung die Hand auf die Schulter.

„Tomas, Sie wollen doch wohl nicht etwa die Ehrengäste meines Bruders wieder nach Hause schicken?“ Diese hochnäsige Person fuhr wie von einer Tarantel gestochen zur Tür herum und sah verdattert zu Dominik.

„Warum hat man mir nicht Bescheid gesagt, Mister Dominik. Dann hätte ich sie persönlich zu Ihnen gebracht“, kam es in einen unterwürfigen Ton von Tomas. Solch ein schmieriger Typ, jetzt schleimte er so offensichtlich herum.

„Ja, sicher“, sagte Dominik und lächelte höhnisch. Dann wandte er sich an uns und forderte uns auf, ihn zu begleiten. Er führte uns durch die Eingangstür durch eine lange Empfangshalle, die sich hinten mit einer großen Glasfront zum Garten hin öffnete. Ich nahm die Feinheiten der Villa gar nicht so richtig in mich auf, denn ich suchte mit meinen Blicken nur eine Person. Im Garten befanden sich eine Unmenge von Leuten und alle in feinster Abendgarderobe. Irgendwie fand ich mich hier deplaziert. Dominik führte meine Leute in den Garten und ich blieb einfach in der Tür stehen. Mir kamen Zweifel – mein Freund war Bestandteil dieser Gesellschaft, aber ich konnte ihr hier schon nach ein paar Sekunden nichts abgewinnen.

Dann sah ich ihn und Raphael sah einfach fantastisch aus. Ihm schien jedes Kleidungsstück auf eine besondere Art zu stehen. Heute Vormittag in der Badehose, da ließ er seinen Körper wirken – jetzt in dem Zweireiher wirkte ganz alleine seine Persönlichkeit. Hatte ich so einen Menschen überhaupt verdient?

Raphael stand zwischen zwei älteren Herren und lauschte ihren Ausführungen. Es waren zwischen uns bestimmt 50 Meter, aber auf einmal hob er seinen Kopf und wandte sich mir zu. Es war offensichtlich, er wusste, dass ich da war und er lächelte. Er verabschiedete sich und schlenderte mir entgegen. Er bewegte sich so sicher über den Rasen, dass seine Blindheit überhaupt nicht auffiel. Zwei Meter vor mir blieb er stehen und lächelte mich so spitzbübisch an.

„Na, meine Jeany, entsetzt?“

„He, Du hast meine Welt kennen gelernt – jetzt will ich mir einen Einblick in Deine holen“, antwortete ich ihm leise. Sein Gesichtsausdruck wandelte sich.

„Meine Welt ist Dunkelheit, Jean – ich wünsche mir, dass Du diese Welt nie kennen lernst. Und das hier …“, sagte er ebenso leise in einem traurigen Ton. Bei den letzten Worten machte er eine Handbewegung, der den Garten umfasste.

„… ist mehr Schein als Sein. Viele Speichellecker, keine Freunde – wenn Du nicht hier wärst, hätte ich mich schon längst zurückgezogen.“

„Hey mein Kleiner, wenn ich nicht Deine Welt kennen lernen soll, darf ich Dich dann näher kennen lernen?“, fragte ich vorsichtig. Ich war hypernervös, denn darüber hatten wir noch nicht gesprochen. Irgendwie manövrierten wir um das Thema herum. Heute hatte ich jedoch gemerkt, dass ich diesen Jungen als Boyfriend haben wollte – nur das musste ich ihm auch sagen. Raphaels Gesicht heiterte sich auf und nahm einen verträumten Ausdruck an.

„Du hast es wirklich getan“, hauchte er leise.

„Ich hätte es mich nie gewagt, noch einmal um Dein Vertrauen zu bitten. Ich hatte es mir so gewünscht, aber eher wäre ich daran kaputtgegangen. Das ist das schönste Geschenk, dass Du mir überhaupt machen kannst“, sichtbar verlegen sagte er diese Worte und ich war wiederum erschlagen, wie sich hinter diesem jungen, selbstbewussten Kerl so ein schüchterner Boy verstecken konnte. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und ihn geküsst, aber ich wusste, dass er zwar bei seinem Bruder und Eltern geoutet war, dies jedoch in der Familie geblieben war.

„Komm, ich bring meinen Schatz, der einfach zum Anbeißen ausschaut, zu Deinen anderen neuen Gästen“, flüsterte ich ihm zu und legte mir seine Hand auf meinen Unterarm. Raphael hatte eine leicht rosarote Färbung angenommen und wirkte noch verlegener – ich sagte ja, einfach zum Anbeißen!

Meine Eltern, Svenja und Tim überschütteten ihn dann ebenfalls mit Komplimenten und mein Kleiner wusste gar nicht mehr, wie ihm geschah. Svenja überreichte ihm, als die allgemeine Begrüßung vorüber war, ein Päckchen.

„Ich bekomme ein Geschenk von Euch?“, murmelte er erstaunt.

„Natürlich, hat uns zwar ein bisschen Mühe bereitet, aber mit leeren Händen konnten wir doch nicht kommen“, meinte Svenja ein wenig entrüstet.

„Entschuldige, aber das bin ich nicht gewohnt. So was ist bei uns nicht üblich“, kam es schüchtern über seine Lippen. Dann öffnete er das Päckchen jedoch gleich an Ort und Stelle. Ich selbst war genauso neugierig wie Raphael, denn ich hatte keine Ahnung, was sich Svenja und Tim ausgedacht hatten. Zum Vorschein kam ein Bilderrahmen – nur war kein Bild in diesem, na ja nicht im üblichen Sinne. Raphaels Finger huschten über den Bilderinhalt und ein kleines Lächeln stahl sich in sein Gesicht.

„Vielen Dank, das ist wunderschön“, hörte ich ihn heiser sagen.

„Du weißt, was das ist?“ fragte Tim vorsichtig.

„Oh ja, das seid Ihr drei als Relief“, sagte er und seine ehrliche Freude war offensichtlich.

„Mein Kleiner, ich habe auch noch etwas für Dich“, wandte ich mich nun an Raphael.

„Hat er Dein Geschenk nicht heute Vormittag schon bekommen?“, mischte sich nun mein Vater mit einem schiefen Grinsen ein. Die Reaktion von Raphael und mir unterschied sich nur in Nuancen, denn die Gesichter erstrahlten in einem satten Rot. Nichtsdestotrotz nahm ich mein Geschenk und legte es in seine Hände, nachdem Svenja ihres erst mal wieder an sich genommen hatte. Seine Finger glitten über das Geschenkpapier. In fliehender Hast riss er es fast herunter und kurze Zeit später wanderten seine Hände über den Einband. Zuerst stutzte er, dann öffnete er das kleine Buch und seine Finger flogen nur so über die erste Seite.

„Du bist verrückt“, hörte ich ihn bewegt sagen.

„Gefällt es Dir?“

„So eine blöde Frage, na klar meiner großer Starautor!“ Schmunzelnd sah er mich an.

Was ich ihm geschenkt hatte? Mein Vater hatte die Idee, ihm meine Geschichte, also unseren Anfang zu schenken. Probleme bereiteten nur, diese Zeilen in Buchform und dann auch noch in Blindenschrift herauszubringen. Mit ein wenig Hilfe von ihm, gelang es mir gerade noch rechtzeitig. Natürlich konnte ich es nicht unterlassen, auf der ersten Seite eine kleine persönliche Widmung für Raphael zu verfassen.

„Komm, ich zeig Dir mein Reich“, kam die Aufforderung auf einmal von ihm, so total aus dem Zusammenhang gerissen. Warum grinsten mich die Anderen nur so unverschämt an? Meinem Zwilling streckte ich auf die Frage, die ihm so offensichtlich auf die Stirn geschrieben stand, die Zunge raus.

Dann führte mich Raphael zielsicher durch das große Gebäude. In der obersten Etage stieß er eine Türe auf und zog mich hinter sich her.

„Willkommen in meinen vier Wänden“, hörte ich ihn sagen, war aber immer noch total baff. Denn dieser Raum war nur mit einem Wort zu umschreiben – Chaos. Alles lag irgendwie durcheinander, die Regale an den Wänden waren voll gestopft – Ordnung schien hier ein Fremdwort.

„Räum bloß nix weg – für einen Blinden muss immer alles so bleiben wie es ist“, grinste er mich breit an. Dann trat er dicht an mich heran und schnüffelte provozierend.

„Du riechst gut, mein süßer Jean“, murmelte er. Seine Finger strichen sanft über mein Gesicht, sogen jede Regung von mir auf. Ich zog ihn in meine Arme, wollte ihn spüren. Dann nahm ich diese bescheuerte Brille von seinen Augen und versank in dieses herrliche Grün. Es leuchtete so satt und glitzerte mich verliebt an. Ich würde diesen Jungen nicht mehr hergeben – wollte diesen Traum endlich leben. Meine Lippen senkten sich auf seine und sofort schob er mir seine Zunge in den Mund. Verspielt schlangen sie sich ineinander und ich konnte fühlen, wie die Anspannung von ihm wich und er sich in meinen Armen fallen ließ.

„Raphael Maximilian van Dahlen!“ Eine unangenehme fast keifende Stimme platzte in unser vollkommenes Glück. Raphael löste sich fast augenblicklich von mir und sah wie ein verschrecktes Kaninchen aus.

„Ja, Großmutter?“

„Du wirst Dich sofort wieder zu Deinen Gästen begeben und diese Abartigkeiten unterlassen!“, kam postwendend der Befehl von ihr.

„Abartigkeiten?“, stieß ich genervt hervor, nur ging diese Frau gar nicht darauf ein. Ihre Erscheinung flößte einem schon Respekt ein – herrische Gouvernante traf es am ehesten. Nur umwehte sie ein eisiger Hauch.

„Wie lange brauchst Du noch?“, fragte sie in einem sehr unangenehmen Ton. Man sah Raphael mehr als deutlich an, was er davon hielt.

„Wieso lassen Sie ihm nicht noch zwei Minuten und ich werde meinen Freund nachher wieder in den Garten bringen“, versuchte ich es mal höflich. Diese Person tat so, als würde sie mich jetzt erst wahrnehmen und funkelte mich an.

„Sie Perversling werden meinen Enkel nicht noch einmal anfassen. Ich habe schon den Sicherheitsdienst gerufen und die werden Sie hinaus begleiten. Wagen Sie sich nie wieder in seine Nähe!“, schrie sie mich an.

„Waaasss …, wiee sooolll ….“, fing ich an zu stottern. Da tauchte in der Tür der Widerling vom Eingang auf und im Schlepptau hatte er zwei ziemlich bullige Typen.

„Tomas sorgen Sie dafür, dass dieses Subjekt mein Grundstück verlässt und zwar auf der Stelle!“, befahl sie den Neuankömmlingen. Ich war wie erschlagen über soviel Abneigung, nein eigentlich Hass, der aus ihren Worten sprach. Dieser Tomas stürzte an ihr vorbei und zerrte mich an meinen Arm in Richtung Tür. Ich konnte mich nicht mal wehren. Mein Blick ruhte jetzt auf Raphael und der stand wie ein Häufchen Unglück im Zimmer, mit hängenden Schultern, Tränen liefen über seine Wange.

„Lassen Sie sofort meinen Sohn los!“ Die Stimme meines Vaters war nicht laut, aber die Drohung war nicht zu überhören.

„Dieser Abschaum ist also Ihr Soooohn?“, kam die Frage von der älteren Dame mit soviel Ekel in der Stimme.

„Wer hier der Abschaum ist, sei noch dahin gestellt!“, antwortete ihr mein Vater mit harter Stimme und wandte sich leicht mir zu. „Und wenn Sie was an den Ohren haben, muss ich wohl deutlicher werden!“ Mit drei Schritten war er bei uns, und entfernte die Hand von Tomas mit einem Ruck von meinem Arm. Der schrie leicht auf, aber eher vor Schreck als vor Schmerz. Das wiederum rief die beiden Gorillas auf den Plan und sie bauten sich drohend auf. Mein Pa schob mich hinter sich und wandte sich an die Wortführerin.

„Madam, wenn Ihre Leute meiner Familie nur ein Haar krümmen, dann bin ich morgen bei der Zeitung mit den vier großen Buchstaben und werde denen sagen, wie Sie mit geladenen Gästen umgehen. Und Ihnen scheint das Ansehen in dieser Gesellschaft sehr viel wert zu sein.“ Die Worte waren leise gesprochen, aber sie schlugen wie eine Bombe ein. Die Frau erstarrte und rief krächzend ihre Gorillas zurück.

„Wenn Sie nicht sofort mit Ihrem perversen Nachkömmling das Grundstück verlassen, hole ich die Polizei und lasse Sie wegen Hausfriedensbruch verhaften“, kam nach einigen Sekunden ihr Konter. Durch die Tür kam Dominik gestürzt und erfasste die Situation wohl mit einem Blick. Er nahm, Raphael in die Arme und sah mich bittend an, leicht schüttelte er dabei den Kopf. Mein Vater zog mich hinter sich her, ich konnte das Ganze immer noch nicht begreifen. Auf einmal schluchzte Raphael auf und wimmerte unverständlich. Mir lief es eiskalt den Rücken runter, ich konnte ihn doch hier nicht zurücklassen. Ich zerrte meinen Vater wieder in seine Richtung, aber er war kräftiger.

„Nein, mein Sohn, wir müssen gehen“, sprach er ruhig auf mich ein.

„Jean, bitte …“ Mir schossen die Tränen in die Augen.

„Jean“, kam es so flehend von Raphael, dass ich den Schmerz fast körperlich spüren konnte. Mein Pa war unerbittlich und zog mich fort.

Und wieder ließ ich einen verstörten Raphael zurück …

… genau wie vor ein paar Wochen …

… Fortsetzung folgt

Nachwort

Irgendwie scheinen sich meine Cliffhanger zu wiederholen oder ist es gar ein Déjà vu?? Na ja ich glaube die Handlung dazwischen lässt den Cliff in einem anderen Licht erscheinen – nur wie geht’s weiter?? Jetzt muss ich doch ein wenig um Geduld bitten, denn der 6. und höchstwahrscheinlich letzte Teil existiert nur in meinem Kopf und muss noch zu Papier gebracht werden – mein Ziel ist der Jahreswechsel, nur kommt drauf an, was mir noch alles zu der Story einfällt ;-). Wünsch Euch ein schöne Zeit bis dahin und liebe Grüsse jR

Lesemodus deaktivieren (?)