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Eingeständnis

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Flüchtig

Der Weg zur Schule. Mit dem Bus fuhr ich ihn schon seit 2 Jahren. 5 Mal die Woche. Tag ein Tag aus. Immer dieselbe Prozedur. Einsteigen und meinen Platz im hinteren Teil des Busses suchen, den iPod einstöpseln, um dann in meine Musik abzutauchen. Jetzt noch 30 Minuten abschalten, um dann in der Schule 7 Stunden Konzentration an den Tag zu legen. Das klingt jetzt so, als würde ich mich auf die Schule freuen, aber da bin ich wie jeder andere auch. Mitten in der Nacht aufstehen, also gefühlt ist es so, dann halb verschlafen auf den Weg zur Schule, um zu hoffen, dass man dort die noch fehlenden Stunden Schlaf nachholen könnte.

Ich weiß nicht, wann ich ihn das erste Mal war nahm. Es war auf jeden Fall kurz nach den Sommerferien. Er stieg ca. auf der halben Strecke zur Schule in MEINEN Bus. Mir blieb das Herz stehen. Richtig cool mit Ray-Ban Sonnenbrille. Lässig dem Busfahrer die Monatsmarke hingehalten. Die schon erwähnte Sonnenbrille nach dem abscannen der anderen Fahrgäste nach oben in seine halblangen blonden, lockigen Haare geschoben, um dann schnurstracks auf mich zuzugehen. Mir wurde kalt und heiß zugleich. Ich lauschte schon lange nicht mehr meiner Musik. Ich war wie elektrisiert. Ich wollte wegschauen, damit ich mich hier nicht gleich blamieren würde. Doch irgendwie fesselte er mich. Er kam immer näher, stoppte kurz vor mir ab und setzte sich schräg vor mir auf den noch freien Platz. Dann wühlte er in seiner Umhängetasche um dort irgendein Schriftstück rauszuziehen. Dieses fing er an ausgiebigst zu studieren. Ich konnte den Blick nicht von ihm abwenden. Seine schwarze Jeans hing auf Halbmast, eigentlich mochte ich diese Mode nicht. Aber bei ihm sah es einfach perfekt aus. Ob es daran lag, dass ich kurz bevor er sich setzte, seine Retro-Short zu sehen bekam? Dunkelblau mit hellen feinen Querstreifen. Diese Streifen betonten seinen wohlgeformten Hintern. Am liebsten hätte ich spontan zugegriffen. Jetzt war mir sicher, dass ich schwul bin. Dieser Anblick war definitiv 1000x besser als irgendein aufgetakeltes ‚Tittendekolleté‘ meiner vielen Mitschülerinnen, die das wohl so wie eine Bewerbung nach dem Motto ‚Nimm mich‘ vor sich her trugen.

Er kratzte sich beim Lesen des Briefes am Kinn. Aus meinem Blickwinkel konnte ich seine glatte und pickelfreie Haut bewundern. Und diese wohlgeformten Ohren waren zum Reinbeißen. Also nicht richtig beißen, aber knabbern und mit der Zunge die schöne Form nachzeichnen. Ich bemerkte nicht mal dass mein iPod keinen Laut mehr von sich gab. Akku leer. Egal, wer braucht in solch einer Situation schon einen Akku. Fast hätte ich meine Station zum Aussteigen verpasst. Nur schweren Herzens stand ich auf, ging den Gang zum Ausstieg, nicht ohne vorher nochmal tief einzuatmen um seinen lieblichen Geruch in mir aufzunehmen. Ich traute mich nicht, mich beim Aussteigen nochmals umzudrehen. Und schon war alles vorbei. Ich stand noch lange an der Haltestelle und schaute dem Bus hinterher. Wäre ich doch bloß nicht so feige….

In der Schule dachte ich nur an ihn. Ob er wohl jeden Tag diesen Bus nehmen würde? Ich dachte schon mit gemischten Gefühlen an den nächsten Schultag, beziehungsweise an die Busfahrt vor dem nächsten Schultag. Abends vorm zu Bett gehen stand ich vor meinem Kleiderschrank um zu überlegen, was ich morgen anziehen sollte. Bisher hat meine Mama das für mich getan. Aber plötzlich war ich erwachsen geworden und überlegte angestrengt was ich anziehen sollte. Sollte ich vor dem Schlafen gehen duschen oder ist es morgens besser, auch wenn die viel zu kurze Zeit dann noch kürzer wäre. Ich entschied mich für morgens und stellte meinen Wecker auf 20 Minuten früher nur um den Bus nicht zu verpassen. Ich glaube ich bin gerade dabei verrückt zu werden. Da lag ich wach im Bett und konnte nicht einschlafen weil ich mir ausmalte, dass er morgen hoffentlich wieder in den Bus steigen würde. Zielstrebig käme er dann wieder auf mich zu, um mir dann sein schönstes Lächeln zu zeigen und sich neben mich zu setzen...

Irgendwann war ich dann wohl doch eingeschlafen. Der Wecker bimmelt und ich schnauze ihn an. Dann sah ich sein Gesicht. Nein, nicht das des Weckers, obwohl, ich hab noch so ‘n ganz altes Ding mit ‘nem grinsenden Mondgesicht drauf. Ich sah IHN wie er in den Bus einsteigt. Erschrocken springe ich aus dem Bett, schnappe mir meine am Vortag bereit gelegten Klamotten und stürme Richtung Bad. Die Zimmertür von meiner Schwester ging auf und sie schaute mich an als wäre ich ein Einbrecher (meine Schwester, nicht die Tür). Dann fragte sie mich doch glatt ‚ob ich krank sei‘. Ohne eine Antwort stolperte ich ins Bad und schloss hinter mir ab. Ausgiebig Duschen und dann Eincremen. Die Creme hatte ich mir mal kurzerhand von meiner doofen Schwester ausgeliehen. Ich lächelte verschmitzt in den noch leicht beschlagenen Spiegel. Oh Gott, sieht das bei mir blöd aus. Ich brauche unbedingt eine so coole Sonnenbrille. Das Wummern an der Badtür schreckte mich aus meiner Grimassen-Show auf. Irgendwas wie Idiot nannte sie mich, meine blöde Schwester. Ich zog mich schnell an um das Bad zu verlassen. Oha, dieser Blick von ihr hätte mich glatt töten können. Sie stand dicht neben mir und fragte mich, tief einatmend, ob das ihre teure Creme wäre, die sie an mir roch. Ich schaute sie nur gelangweilt an, drehte mich um und stiefelte in mein Zimmer. Nur noch 30 Minuten für den Bus. Schnell in die restlichen Klamotten gestiegen und ab in Richtung Küche, wo es schon nach Kaffee roch. Mein Kakao und das obligatorische Nutellabrot lagen noch nicht auf ihrem Platz, als ich die Küche betrat. Erschrocken drehte sich meine Mutter um. Auf ihre blöde Frage was ich hier denn schon wolle antwortete ich leicht gestresst, dass ich hier schon seit 15 Jahre wohnen würde. Fassungslos über mein frühes Erscheinen machte mir meine Mutter jetzt hektisch mein Brot und den dringend benötigten Kakao. Ich stopfte mir das Brot so gut es ging in einem Stück in den Mund. Mit dem Kakao wollte ich nachspülen, aber der was zu heiß. Aua! Sonst ist der noch immer nur lauwarm beschwerte ich mich bei meiner Mutter. Sie antwortete nur ‚Nein, mein Sohn, sonst kommst du immer so spät in die Küche, dass er schon wieder kalt ist‘. Ich wollte gerade zum Bus aufbrechen, als plötzlich meine Schwester in der Tür stand und mir die leere Cremetube vors Gesicht hielt. „Was meinst du was so was kostet?“, fragte sie mich. „Geld vermutlich oder womit bezahlst du sonst für gewöhnlich?“, war meine Antwort. Sie holte gerade wütend aus, als meine Mutter dazwischen schrie. Diese Situation nutzte ich, um schnell meine Schultasche zu greifen um zu verschwinden. Draußen schien schon die Sonne. Ich atmete einmal tief durch und lief zum Bus. An der Haltestelle schaute ich auf meine Uhr und musste feststellen, dass ich noch über 10 Minuten Zeit hatte. Normalerweise erreiche ich den Bus total abgehetzt oder seh nur die Schlussleuchten. Können 10 Minuten lang sein.

Endlich im Bus setzte ich mich wie jeden Morgen auf meinen Platz und schaltete meinen wieder aufgeladenen iPod ein. Aufgeregt kaute ich auf meinen Fingernägeln und konnte es kaum erwarten, dass der Bus die Haltestelle anfahren würde, an der dieser gestern meinen Engel aufgegabelt hatte. Als der Bus die besagte Haltestelle ansteuerte, konnte ich ihn schon erkennen, wieder mit der Sonnenbrille auf der Nase. Wie gestern schon scannte er beim Einsteigen den Bus und setzte sich, zu meiner Begeisterung, wieder auf denselben Platz. Hier konnte ich ihn wieder heimlich anschmachten. Er holte ein Buch aus der Tasche. Dasselbe Mathebuch wie ich es in diesem Schuljahr benutzte. Er muss also in meinem Alter sein. Er ging allerdings auf eine andere Schule, sonst würde er ja an derselben Haltestelle aussteigen wie ich. Heute hatte er eine Andere, eine schwarz/weiß karierte Unterhose an. Ob ich wohl bald alle seine Unterhosen zu sehen bekam? Vertieft in seinem Schulbuch beobachtete ich ihn. Er strich immer wieder mit der Hand durch seine Haare um sie ein wenig zu bändigen. Sie fielen allerdings bei jeder Gelegenheit wieder in sein schönes Engelsgesicht. Er hatte eine niedliche Stupsnase und diese zuckte ab und zu wie bei einem Kaninchen. Leider war der Bus wieder viel zu schnell an meiner Schule angekommen. In Gedanken verabschiedete ich mich von ihm mit einem ‚bis Morgen‘ und verließ den Bus. Wieder schaute ich dem Bus noch lange nach.

So verging ein Tag nach dem anderen. Er hatte eine große Auswahl an sexy aussehenden Unterhosen. Seine Jeans waren alle ähnlich geschnitten. Auch hatte er eine gute Auswahl an verschiedenfarbigen Hoodies und darüber immer wieder seine schwarze Lederjacke. An ihm sah jedes Kleidungsstück super aus. Ich bemerkte ,dass ich beim Shoppen mit meiner Mutter nach denselben Unterhosen Ausschau hielt. War ich unbemerkt zu einem Retroshorts Fetischisten mutiert ohne dies zu bemerken? Meine Mutter meinte nur, dass es mir früher sehr peinlich war, als wir nach Unterhosen für mich schauten.

Ich bemerkte wie sich dieser Junge immer mehr in meine Gedanken einschlich. Ich träumte sogar hin und wieder von ihm.

Er steht dann immer vor mir mit seiner Sonnenbrille, schob sie langsam auf seine Nasenspitze herunter, schaute mich mit seinen schönen ozeanblauen Augen an, zwinkerte mir zu, um diese coole Brille dann mit dem Zeigefinger wieder hochzuschieben. Er verabredete sich mit mir.....

So oder ähnlich waren die Träume mit und über ihn.

Dann kamen die Herbstferien. 2 Wochen ohne meinen Sonnenschein. Schon die Wochenenden waren kaum auszuhalten und jetzt gleich 14 Tage. Oh mein Gott, das glaubte ich nicht überleben zu können. Ich fuhr auch in diesen Ferien hin und wieder mit dem Bus, allerdings um dann an der Haltestelle auszusteigen, an der er immer einstieg. Ich fing an die Gegend zu erkundigen. Ich wusste nicht wo er wohnte oder ob er überhaupt hier wohnte. Ich schlich durch die Straßen und sah mir alle Häuser an. Es waren schöne alte Häuser mit grünen Gärten drumherum. Die meisten hatten alte, geschmiedete Zäune und große alte Bäume. Ich ging gemütlich alle Grundstücke ab und las hier und da die Namensschilder und hoffte, dass er irgendwo hier wohnen würde. Ich wüsste allerdings nicht was ich getan hätte, wenn er plötzlich vor mir gestanden hätte. Ich hätte mich bestimmt ganz spontan eingenässt oder so. Auf jeden Fall hätte ich mich total blöd benommen. Hätte er mich überhaupt bemerkt, geschweige denn als den Jungen wieder erkannt, der ihn ständig im Bus heimlich anschmachtete? Nach gefühlten 10 Stunden machte ich mich wieder auf den Heimweg. Diese Prozedur wiederholte ich an mehreren Tagen bis ich mir dann einredete, dass er wohl mit seiner Familie in den Urlaub gefahren war.

Aufgeregt saß ich am ersten Tag nach den Ferien wieder im Bus und wartete auf die Haltestelle an der er wieder zu steigen würde. Ich war den Tränen nahe, als der Bus ohne anzuhalten die Haltestelle passierte. Ich konnte mich nicht auf die Schule konzentrieren. Ich verpasste sogar meine Haltestelle und musste die eine Station wieder zurücklaufen und kam prompt zu spät. Die Klassenarbeit setzte ich in den Sand und beim Sport bekam ich den Basketball voll ins Gesicht. Wer hatte mir bloß diesen gebrauchten Tag angedreht? Niedergeschlagen kam ich wieder zuhause an und verkroch mich gleich auf mein Zimmer. Die nächsten Tage liefen ähnlich ab. Niemand stieg an seiner Haltestelle zu. Ich glaubte ihn nie wieder zu sehen. Auch machte ich mir schreckliche Sorgen, was wohl passiert sein könnte. Ist er umgezogen, eine andere Schule oder einfach nur krank?

Am darauffolgenden Montag stand er wieder an seiner Haltestelle. Ich wäre am liebsten aufgesprungen und hätte ihn freudestrahlend in den Arm genommen. Glücklich ihn wieder zu sehen freute ich mich nach innen hinein. Er setzte sich wieder auf seinen Platz und hustete erst einmal, trank einen Schluck aus seiner Wasserflasche um sich anschließend die Nase zu putzen. Jetzt wäre ich zu gerne seine persönliche Krankenschwester und würde ihm beim Fieber messen behilflich sein. Nein, nein, nein ich hätte so ein modernes Thermometer, das man nur ans Ohr halten müsste, obwohl……

Es ging nach der Woche der Verzweiflung wieder alles seinen mittlerweile gewohnten Gang. Ich erwischte mich sogar mal dabei, wie ich für mich selbst anfing zu wetten, welche Unterhose er wohl anhatte. Tja, soweit ist es schon mit mir gekommen. Ich schleppte mich sogar mal mit einem leichten grippalen Infekt zur Schule, nur um meinen Schwarm heimlich im Bus anhimmeln zu können. Meine Mutter glaubte bestimmt, dass ich gerne zur Schule ging.

Es wurde kälter und die Weihnachtszeit brach ganz plötzlich über mich herein. Was könnte ich ihm wohl schenken. Nicht dass ich es getan hätte, einfach nur den Gedanken gedacht. Was hatte er wohl für Hobbys. Was hörte er für Musik. Was hat er für Freunde. Wie gut war er in der Schule. War er auch schwul? Alles Fragen auf die ich vielleicht eine Antworte bekommen hätte, wenn ich nicht so feige gewesen wäre.

Weihnachten und das neue Jahr waren Geschichte. Ich freute mich jeden Tag. Irgendwann im Frühjahr überraschte er mich mit einer neuen Frisur. Die blonden Locken waren einer feschen Kurzhaarfrisur gewichen, welche vorn mit etwas Gel in eine strubbelige Form gebracht wurde. Jetzt wo ich mich endlich dazu durchringen konnte, meine braune Haarpracht wachsen zu lassen, schnitt er sich seine schönen Locken ab. Wenn ich gewusst hätte bei welchem Frisör er war, hätte ich mein ganzes Taschengeld geopfert um seine Locken mein eigen nennen zu können. Nein, ich hätte sie mir nicht eingepflanzt, aber ich hätte mit denen einen ‚Dreamboy-Schrein‘ gebaut. Ich hätte sogar jedes Kaugummi welches er ausspuckte sofort aufgesammelt.

Nach Ostern wurde es wärmer und der Sommer stand mit wärmeren Temperaturen vor der Tür. So langsam ging das Schuljahr zu Ende. Ich strengte mich beim Lernen für ihn an, für den Fall, dass er mich mal im Bus ansprechen würde. Ich hätte ihn niemals angesprochen. Warum wisst ihr ja mittlerweile.

Dann kamen die Sommerferien. 6 (in Worte: sechs) lange Wochen kein heimliches anhimmeln. Ich hatte mir sogar mal überlegt, ihn heimlich zu fotografieren. Aber das wäre dann doch ein wenig übertrieben gewesen. Sogar dazu traute ich mich also auch nicht. Ich hoffte ihn in den Ferien mal zufällig irgendwo zu treffen. Im Schwimmbad oder so. Aber nichts war’s. Ich ging sogar hin und wieder in seinem Viertel spazieren ohne einen Blick von ihm zu erhaschen. 2 Wochen war ich mit meinen Eltern und meiner blöden Schwester an der Nordsee. Dort liefen auch so einige hübsche Bengels rum, aber keiner reichte an meinen Bus-Schwarm heran.

Neues Schuljahr, neues Glück. Ich musste mich einfach trauen. Ich nahm es mir am letzten Ferientag fest vor ihn anzusprechen. Nach der Uhrzeit fragen oder ihn einfach nur anzulächeln. Keine Ahnung.

Dererste Schultag im neuen Schuljahr. Alles wie gehabt. Ich saß im Bus und wartete auf die Bushaltestelle, seine Bushaltestelle. Hat er sich in den 6 Wochen Ferien verändert? Hat er sich wie ich auch eine gesunde Sommerbräune zugelegt? Gleich wäre es soweit. Ich sehe von weitem schon eine Gestalt am Buswartehäuschen stehen. Aber je dichter der Bus kam, umso anders sah diese Person aus. Es war nicht mein Junge der jetzt in den Bus stieg. Ich fand ihn nicht einmal interessant. Kurze schwarze, leicht fettige Haare. Eine picklige Gesichtshaut. Sogar seine platte Boxernase sah nicht ansprechend aus. Alle Klamotten an ihm sahen ein bis zwei Nummern zu groß aus. Er wollte da bestimmt noch reinwachsen. Zu allem Überfluss setzte er sich auch noch auf SEINEN Platz. Ich hätte ihn am liebsten von dem Platz verscheucht. Aber nicht Mal dazu traute ich mich.

Die nächsten Tage waren ähnlich. Zuerst dachte ich noch dass er nur die Ferien etwas verlängert hatte oder krank war. Aber eine Woche nach der anderen verging und ich wurde immer trauriger. Ich fing sogar an, mich für meine Feigheit zu hassen. Die Wahrscheinlichkeit auf einen schwulen Jungen zu treffen lagen so laut Statistik bei 1:10. Ich hätte ihn ansprechen sollen, aber dazu war es jetzt wohl zu spät.

Zwei Monate später und ich trauerte immer noch. Meine Mutter machte sich schon Sorgen. Und sogar meiner Schwester fiel auf, das etwas mit mir nicht stimmte. Bei unseren üblichen Streitereien ließ ich sie einfach stehen und ging in mein Zimmer. „Was ist denn los? Mit dir kann man sich ja nicht mal mehr streiten“, rief sie mir noch hinterher.

Dann kam der Punkt als es nicht mehr ging. Auf die fürsorgliche Frage meiner Mutter beim sonntäglichem Essen, was denn mit mir los sei und dass sie sich Sorgen mache, fing ich einfach nur an zu weinen und hörte lange nicht wieder auf. Meine Mutter kam zu mir rüber und nahm mich einfach nur in den Arm und versuchte mich zu beruhigen. Gefühlte Stunden später hatte ich mich wieder im Griff. Ich blickte in die verwirrten Gesichter meines Vaters und meiner Schwester. Und wieder musste ich weinen. Meine Schwester entschuldigte sich sogar aus lauter Verzweiflung, weil sie dachte, dass der ewige Streit zwischen uns der Auslöser gewesen wäre. Ich schüttelte nur den Kopf und versuchte sie anzulächeln. Einige Minuten später hatte ich mich soweit wieder beruhigt, dass ich jetzt reden konnte. Langsam, leise und ein wenig um den heißen Brei herumredend gestand ich meiner Familie, dass ich schwul sei.

Mit den Reaktionen hätte ich jetzt nicht gerechnet. Meine Mutter, die die ganze Zeit neben mir gesessen hatte, nahm mich sofort wieder in den Arm. „Du bist und bleibst mein Lieblingssohn“, sagte sie mir. Verdattert antwortete ich nur fragend „du hast doch nur einen Sohn, oder?“ Das darauffolgende Lachen aller Anwesenden löste die Anspannung. Auch mein Vater sagte mir volle Unterstützung zu und sagte noch, dass er stolz auf mich sei, weil ich mich ihnen anvertraute. Am meisten freute ich mich allerdings über meine ehemals blöde Schwester, die sich bereiterklärte, dass sie eine Freundin interviewen wollte, da diese einen schwulen Bruder hatte. Ich fühlte mich nach langer Zeit mal wieder richtig gut. Wir haben nach dem denkwürdigen Mittagessen noch lange zusammengesessen und uns über alles Mögliche Unterhalten.

Nach einigen Tagen gab mir meine Schwester die Adresse einer schwulen Jugendgruppe in der Nähe. Mit Herzklopfen und auch ein wenig Angst betrat ich die Einrichtung und war angenehm überrascht. Zwar war von einer auf die andere Sekunde jegliche Aktivität in den Räumlichkeiten erstarrt und mich schauten viele Augenpaare neugierig an, aber ich fühlte mich sofort aufgehoben. Der Gruppenleiter kam auf mich zu begrüßte mich per Handschlag und führte mich unter neugierigen Blicken vieler Jungs durch die Einrichtung. Hier fand ich dann auch später meinen ersten Freund.

Das alles ist mittlerweile lange her. Heute engagiere ich mich selbst ehrenamtlich in der Jugendgruppe und versuche verzweifelten Jungs so gut wie möglich zu helfen. Auch denke ich hin und wieder an meinen unbekannten Dreamboy aus dem Bus zurück. Ich frage mich dann, was wohl aus ihm geworden sein mag. Ich hoffe, dass er auf jeden Fall glücklich ist, das wünsche ich ihm von ganzem Herzen.

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