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Liberation

Teil 2

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Dies ist der zweite (und letzte) Teil von Liberation – viel Spaß beim Lesen!

1. Kapitel

„Give me hope. Give me all your love

Tell me now my luck is in tonight

Is this real? Can I learn to trust

how I feel? Does darkness end in light?

Never been closer to heaven

Never been closer to heaven”

(Pet Shop Boys – Closer to heaven (slow version)*)

Am nächsten Morgen verabredete ich mich mit Simon vor dem Unterricht. Wir trafen uns an der U-Bahn und gingen dann gemeinsam den Weg zur Schule. In der Öffentlichkeit verhielten wir uns natürlich so als wären wir nach wie vor nur Freunde, auch wenn es mir wirklich schwerfiel, ihm nicht näher kommen zu können. Wir wussten aber beide, dass es notwendig war, denn wenn uns jemand erwischt hätte, wäre die Wahrscheinlichkeit, dass es bald jeder wusste, nicht gerade gering.

„Stell dir nur mal vor, Jan würde davon erfahren.“ witzelte Simon gerade. Auch Jan kannten wir seit zwei Jahren, er war mit uns in der Klasse, allerdings waren wir mit ihm nicht befreundet. Er konnte ganz nett tun, aber in erster Linie war er leider ziemlich nervig, da er sich bei jedem einschleimte, um dann mit diesem über andere zu lästern. Das Wichtigste überhaupt waren für ihn Informationen. Er wusste alles, was an dieser Schule bei Lehrern oder Schülern gerade abging und machte sich in der Regel auch sogleich daran, diese Neuigkeiten jedem zu erzählen, der sie wissen wollte oder auch nicht. Vor einigen Jahrzehnten hätte er bestimmt einen perfekten Stasi-Mitarbeiter abgegeben, nur an seiner Unauffälligkeit hätte man noch etwas arbeiten müssen. Wenn er also Wind von uns bekommen hätte, wären wir wahrscheinlich wirklich innerhalb von fünf Minuten vor der kompletten Schule geoutet. Fast zumindest.

„Oh ja, ein Grund mehr, aufzupassen. Die Genugtuung gönne ich ihm nicht.“ antwortete ich und grinste ihn dabei an. Ein unauffälliges „unter-Kumpels“-Grinsen, doch in Wahrheit stellte ich mir bereits vor, was wir heute Nachmittag alles tun könnten, wenn wir uns wieder zum Deutschlernen treffen wollten. Er war wirklich zum Anbeißen.

Als wir gemeinsam das Klassenzimmer betraten, schien keiner Verdacht zu schöpfen. War ja nicht ungewöhnlich, wenn zwei Freunde gemeinsam reinkamen, auch wenn wir das zuvor eigentlich nie gemacht hatten. Nur Felix betrachtete uns mit einem leicht misstrauischen Blick, als wir ihn begrüßten, nachdem wir aufgehört hatten, uns gegenseitig zu necken.

„Na ihr seid ja gut drauf.“ meinte er nur. Dann zog er sein Handy aus der Tasche, tippte kurz darauf herum und präsentierte mir schließlich ein Instagram-Bild von einem Mädchen in unserem Alter, das mir vage bekannt vorkam.

„Schau mal, die sieht doch voll gut aus, oder?“ grinste er mich an. Naja, ehrlich gesagt konnte ich ihr nicht allzu viel abgewinnen, eventuell lag es daran, dass sie kein Junge war. Aber das durfte er natürlich nicht erfahren. Noch nicht zumindest.

„Joa, geht. Wer ist das?“

„Wie, geht? Paul, das meinst du doch nicht ernst, oder?“ lachte er jetzt, doch bevor ich darauf antworten konnte, redete er schon weiter. Wahrscheinlich war er ganz froh, dass ich offensichtlich nicht auf sie stand. „Das ist Alina, sie war in der Realschule in unserer Parallelklasse.“

„Ah, stimmt, jetzt wo du es sagst. Was ist mit ihr?“

„Naja, ich hab sie gestern zufällig beim Einkaufen getroffen und wir haben uns wiedererkannt und ein bisschen geredet. Und dann hat sie mich am Abend plötzlich auf Instagram angeschrieben. Vielleicht wird das ja was…“

„Cool, viel Glück wünsch ich dir.“ meinte ich und freute mich wirklich für ihn. Solange er mich nicht ständig fragen würde, wie hübsch ich sie fand.

Dieses Gespräch hatte mich ganz schön lang davon abgehalten, Simon anzulächeln, aber das war wahrscheinlich gut so, denn sonst würde es doch irgendwann auffallen. Auch er hatte sich etwas Ablenkung gesucht, indem er mit Lukas über die Bundesligaspiele am letzten Wochenende diskutierte. Dabei schaute er aber immer noch in meine Richtung, und als sich unsere Blicke kurz kreuzten, lächelte er mich heimlich an und ich schmolz nur so dahin.

„Every time I see you something happens to me

like a chain reaction between you and me

My heart starts missing a beat

every time”

(Pet Shop Boys – Heart*)

„Paul? Paul!” riss mich Felix plötzlich aus meinen Gedanken. Verwirrt sah ich ihn an. Was war los?

„Sorry, um was geht es? Ich habe gerade wohl nicht aufgepasst…“ stammelte ich.

„Das ist mir aufgefallen, so wie du Löcher in die Luft gestarrt hast.“

Ups, war das so offensichtlich?

„Was ist eigentlich los mit dir? Du bist schon seit ein paar Tagen irgendwie seltsam drauf.“ meinte Felix jetzt und sah mich dabei prüfend an. Blöd, wenn man sich schon so lange kennt, es wird zunehmend schwieriger, etwas vor dem anderen zu verheimlichen.

„Alles okay, keine Sorge.“ antwortete ich etwas abweisend.

„Wirklich? Du kannst mit mir reden, wenn irgendwas ist, okay?“ Felix Miene war dabei ungewöhnlich ernst und für einen kurzen Moment hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihm etwas verheimlichte.

„Danke“ meinte ich nur. Irgendwann würde ich sowieso nicht darum herumkommen, es ihm zu erzählen, aber noch nicht jetzt.

Der Schultag begann mit einer Stunde Englisch, die sich mal wieder ewig zog. In der Pause schaute ich kurz nach, ob ich neue Nachrichten auf DBNA bekommen hatte, wo ich seit einigen Tagen angemeldet war, um mich mit Gleichgesinnten über Probleme austauschen zu können. Natürlich war ich vorsichtig und prüfte vorher, ob mich jemand im Klassenzimmer beobachtete, bevor ich die Seite auf meinem Handy aufrief. Danach beteiligte ich mich an einer Unterhaltung zwischen den anderen dreien, in der Simon und ich es ganz gut hinbekamen, uns nicht ständig anzugrinsen. Wir waren einfach gut.

Nach einigen weiteren Stunden war es endlich an der Zeit, nach Hause zu gehen. Simon kam auch heute wieder mit mir mit, um Deutsch zu machen. Zu ihm konnten wir nicht, da einige aus seiner Familie daheim waren und da hätten wir uns natürlich deutlich schlechter konzentrieren können.

„Seid ihr gestern noch nicht fertig geworden?“ fragte Felix uns auf dem Heimweg überrascht. Er und Lukas hatten ihre Aufgabe bereits gestern erledigt, was darauf hindeutete, dass sie nicht mal halb so viel Spaß dabei gehabt hatten wie wir.

„Nein, leider noch nicht, wir haben uns gestern ein bisschen ablenken lassen.“ gestand Simon, allerdings erwähnte er schlauerweise nicht, wodurch.

Daheim angekommen konnten wir es kaum erwarten, aus dem „Kumpel-Modus“ herauszukommen und fielen uns in die Arme, sobald die Tür geschlossen war. Wir küssten uns leidenschaftlich und hätten es beinahe im Flur getrieben, aber dann konnten wir uns doch noch für einen Moment voneinander losreißen und in mein Zimmer gehen. Dort angekommen gab es aber kein Halten mehr und wir wälzten uns auf meinem Bett, küssten uns, berührten uns leidenschaftlich und zogen uns langsam gegenseitig aus, bis wir wieder nackt nebeneinanderlagen. Es endete ungefähr so wie gestern und es war mindestens genauso schön.

Danach rissen wir uns zusammen und erledigten schnell unsere Deutschsachen. Wir waren dann aber ziemlich schnell fertig und ich gebe offen zu, dass ich in meiner Schulkarriere schon deutlich bessere Referate vorbereitet hatte, aber das war uns ehrlich gesagt egal.

Nachdem wir die Pflicht erledigt hatten, verzogen wir uns wieder aufs Bett, da meine Schwester und meine Eltern allerdings bald wieder heimkommen würden, kuschelten wir uns nur angezogen aneinander und begannen, noch offene Fragen zu klären.

„Seit wann weißt du eigentlich, dass du schwul bist?“ fragte ich Simon, nachdem wir kurz aufgehört hatten, uns zu küssen.

„Seit ungefähr einem Jahr. Hat aber eine Weile gedauert, bis ich so weit war und es akzeptieren konnte.“

„Ja, ging mir auch so. So wirklich konnte ich es mir ehrlich gesagt erst letzte Woche eingestehen, davor hatte ich es zwei Jahre lang so gut wie möglich verdrängt.“

„Letzte Woche? Dann ging das ja ziemlich schnell bei dir?“ grinste er mich an. Wie ich diesen Blick liebte.

„Stimmt. Ich kann mein Glück auch immer noch nicht fassen!“ lachte ich.

„Ich bin wirklich froh, dass es so gekommen ist. Ich war erst ziemlich schockiert, als ich dich in der Schule ständig anstarren musste und du mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen bist, aber ich mochte dich einfach zu gerne, als dass ich es hätte vergessen können.“ meinte er plötzlich wieder ernst.

„Ging mir auch so. Im Prinzip bist du schuld, dass ich mir überhaupt eingestanden habe, schwul zu sein. Ich war ständig abgelenkt, weil du vor mir saßt und immer, wenn du dich umgedreht hast, hat es sich so seltsam angefühlt.“ Wir mussten beide lachen.

Ich rollte mich auf ihn und küsste ihn, und dabei merkte ich, dass er schon wieder genauso steif war wie ich. Wirklich anstrengend ist das als Jugendlicher. Da von meiner Familie bisher noch nichts zu hören war, fuhr ich mit meiner Hand in seine Unterhose und streichelte ihn dort.

„Bist du sicher, dass das jetzt eine gute Idee ist? Wenn du so weitermachst, wird es schwer, plötzlich aufzuhören.“ stöhnte Simon erregt.

Leider hatte er recht, aber in manchen Momenten ist es nun mal unglaublich schwer, vernünftig zu bleiben. Tja…

„The night, the stars. A light shone through the dark

All the way back home at midnight, you were sleeping on my shoulder

Take my hand, don’t think of hesitation

Now, right now, your love is liberation”

(Pet Shop Boys – Liberation*)

2. Kapitel

„You can sneer or disappear behind a veneer of self-control

But for all of those who don’t fit it

who follow their instincts and are told they sin

this is a prayer for a different way”

(Pet Shop Boys – A red letter day*)

Als ich am nächsten Morgen erwachte, wurde mir eine neue WhatsApp von Lena angezeigt.

„Hey, wie geht’s so? Gibt’s was Neues?“ fragte sie. Ich antwortete, dass dem in der Tat so war, dass ich ihr das aber persönlich sagen wollte, so dass ich sie auf diese Art noch ein bisschen hängen lies. Was vielleicht doch ein bisschen fies war, ich gebe es zu, aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass es einfach noch viel zu früh am Morgen war. Da lässt man andere gerne leiden, der Gerechtigkeit wegen. Außerdem wollte ich ihr das mit Simon und mir wirklich persönlich und unter vier Augen erzählen, alleine schon, um ihn zu schützen.

Beim Frühstück fühlte ich mich, als würde dieser Tag ziemlich gut werden. Es kam nicht oft vor, dass ich mit guter Laune in die Schule fuhr, aber heute war ausnahmsweise einmal so ein Tag, was im Nachhinein betrachtet besonders gemein war, denn so wurde ich noch unsanfter auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt.

Als ich das Klassenzimmer betrat, fühlte es sich an, als wären alle Augen auf mich gerichtet. Etwas verwirrt ging ich zu meinem Platz. Felix wartete bereits auf mich und sah mich mit einer Mischung aus Enttäuschung, Ärger und Mitleid an, was mich gleich noch mehr verunsicherte.

„Ist es wahr?“ begrüßte er mich gleich. Seine Stimme klang distanziert und schwer zu deuten.

„Was?“, fragte ich, doch innerlich überkam mich Entsetzen. Nein. Das konnte nicht sein. Bitte nicht.

Am anderen Ende des Raumes hörte ich jemanden kichern, Jan tuschelte gerade mit einer Freundin, die beiden sahen verstohlen zu mir herüber und drehten sich grinsend weg, als sie merkten, dass ich sie verwirrt ansah.

„Jan sagt, du bist schwul. Irgendjemand den er kennt hat dein Profil auf so einer Schwulenplattform gefunden.“, klärte Felix mich nun auf. Er klang vorwurfsvoll.

In mir drehte sich alles, mir wurde heiß und schwindlig. Nein, nein, nein, das konnte nicht sein. Nicht jetzt. Nicht so. Ich musste hier raus, egal was die anderen dann denken würden, Hauptsache weg von hier.

Ohne Felix zu antworten drehte ich mich um und eilte zur Tür. Endlich auf dem Gang hörte ich hinter mir Gelächter. Ich wusste, dass es besser gewesen wäre, zu bleiben und mich zu erklären, denn dann hätte ich die Situation vielleicht noch zu meinen Gunsten drehen und meine Würde behalten können, aber ich konnte das nicht. Draußen angekommen rannte ich in den kleinen Park in der Nähe der Schule und lies mich verzweifelt auf einer der Bänke nieder.

Ich war den Tränen nahe und traurig, da ich mich von der Klasse verraten fühlte, gleichzeitig war ich wütend auf Jan. Wie konnte er nur? Diesmal war er zu weit gegangen.

Meine Uhr zeigte mir an, dass es acht Uhr war, aber ich konnte mich nicht aufraffen, ins Klassenzimmer zurückzugehen, also blieb ich in der Kälte sitzen und versuchte, mich zu beruhigen. Was konnte ich tun? Heimgehen und nie wiederkommen? Verlockend, aber zumindest letzteres schied aus, das wurde mir ziemlich schnell klar, denn ich konnte nicht für immer vor meinen Problemen weglaufen. Und wenn ich jetzt heimfuhr, dann verging ein Tag, an dem die Neuigkeit ihre Runde machte, ohne, dass ich mich irgendwie hätte wehren können. Aber was sollte ich schon dagegen tun, es würde doch sowieso passieren?

Und wenn ich jetzt reinginge und ihnen allen gestehen würde, dass es stimmte; dass ich schwul bin? Was würde passieren. Bestimmt gäbe es den ein oder anderen, der ein Problem damit hätte, aber auf Solche legte ich keinen Wert. Die meisten in der Klasse hatten grundsätzlich nichts gegen Schwule, dass wusste ich inzwischen aus verschiedenen Diskussionen über das Thema im Unterricht. Wenn ich reinging und mich erklärte, hätten sie wahrscheinlich kein Problem damit, wenn ich hingegen abhauen würde, würden sie mich vielleicht als Feigling abstempeln, und dann würde es in Zukunft umso schwerer werden. Nüchtern betrachtet, war eigentlich klar, dass es nur eine sinnvolle Möglichkeit gab, aber dafür brauchte ich Mut. Und ich hatte Angst.

Und was war mit Simon? Wenn ich mich vor der Klasse outete und er danach immer noch so viel mit mir zusammen war, könnten schnell Gerüchte aufkommen, dass er auch schwul ist. Was ja auch stimmte, aber das ging erstens niemanden etwas an und zweitens würde es schrecklich für ihn werden.

Während ich weiter über das Problem grübelte, merkte ich zunächst nicht, wie sich jemand mir näherte und sich neben mich auf die Bank setzte. Erschrocken drehte ich mich um. Es war Simon.

„Hey“ sagte er vorsichtig.

Als ich in sein besorgtes Gesicht blickte, überkam mich plötzlich alles und ich begann leise zu weinen. Ich wollte das nicht, nicht vor ihm, doch ich konnte die Tränen nicht mehr unterdrücken. Er nahm mich in den Arm und tröstete mich, wodurch es mir gleich wieder besserging.

„Was willst du tun?“ fragte er mich ernst, als ich mich wieder beruhigt hatte.

„Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich sollte ich mich ihnen stellen, aber ich habe Angst davor. Ich will einfach nur weg von hier.“

„Ich denke, du solltest wieder reinkommen. Es hilft sowieso nichts mehr, du musst dich ihnen stellen und sie auf deine Seite bringen, sonst gewinnt Jan.“ Ich war überrascht, dass Simon das so eindeutig sah.

„Meinst du? Habe ich mir auch gedacht, aber was ist dann mit dir? Was, wenn sie dich danach auch für schwul halten, wenn wir weiterhin so viel zusammen sind?“

„Wenn, dann fragen wir sie eben, ob sie noch nie etwas von Freundschaft gehört haben.“ antwortete er frech. „Nein, im Ernst, ich denke nicht, dass das passieren wird. Zumindest wird es keiner öffentlich aussprechen. Und vielleicht werde ich es ihnen auch irgendwann sagen, wenn ich dazu bereit bin. Aber jetzt erstmal geht es um dich, lass die möglichen Folgen für mich also mal mein Problem sein!“

„Danke.“ murmelte ich. Simon hatte recht, ich konnte das nicht länger aufschieben, ob ich wollte oder nicht. Ich stand auf und gemeinsam gingen wir zurück zur Schule.

„Tonight the streets are full of actors, I don’t know why

Oh take these dogs away from me, before they, they bite

Tonight I fought and made my mind up, I know it’s right

I know these dogs still snap around us, but I can, I can fight

If I was you, if I was you, I wouldn’t treat me the way you do

If I was you, if I was you, I wouldn’t treat me the way you do, you

I’m not scared, baby, I don’t care

I’d go anywhere, baby, I’m not scared”

(Pet Shop Boys – I’m not scared*)

Als Simon und ich das Klassenzimmer betraten, richteten sich alle Augen auf uns. Keiner sagte ein Wort, sie starrten einfach nur. Auch Felix, Lukas und einige andere Leute, mit denen ich mich sehr gut verstand. Das tat am meisten weh. Ich war unendlich dankbar, dass wenigstens Simon an meiner Seite war.

„Paul, wo warst du denn?“ begrüßte mich Herr Bergmüller, unser Wirtschaftslehrer. „Ist etwas passiert?“

Jetzt wäre vielleicht der richtige Zeitpunkt gewesen, um die Flucht nach vorne anzutreten und das Gerücht zu bestätigen, aber ich konnte das plötzlich nicht mehr. Also nickte ich stumm und ging schnell zu meinem Platz, ohne dabei die Blicke meiner Mitschüler zu kreuzen. Herr Bergmüller beobachtete mich stirnrunzelnd und sah besorgt aus. Ich wollte einfach nur noch im Boden versinken, der Mut, den ich mir auf dem Weg zurück nach drinnen zugeredet hatte, war plötzlich verschwunden. Ich merkte, dass ich am gesamten Körper zitterte. Um den neugierigen Blicken um mich herum zu entgehen, starrte ich mit versteinerter Miene die Wand an.

„Paul, es geht mich ja wirklich nichts an und ich will dir nicht zu nahetreten, aber ich habe vorhin mitbekommen, was hier für ein Gerücht umgeht. Du musst dazu nichts sagen, denn wenn es stimmen würde, geht es niemanden hier etwas an, aber du kannst es von mir aus sehr gerne tun.“ Er blickte mich verständnisvoll an und mir wurde mal wieder bewusst, warum er seit einiger Zeit zu meinen Lieblingslehrern zählte.

Jetzt oder nie dachte ich mir. Ich nickte ihm zu, stand auf und stellte mich vor die Klasse. Alle Augenpaare waren auf mich gerichtet, manche Blicke wirkten neugierig, andere hämisch und viele mitleidig. Ich sah kurz zu Simon und er lächelte mir aufmunternd zu.

„Ja, also Leute, ich denke mal, es hat jeder gehört, was Jan zu erzählen hatte.“ begann ich vorsichtig. Zu gerne hätte ich diesen jetzt wütend angestarrt und ihm ins Gesicht gesagt, wie sehr ich ihn dafür verachtete, aber das konnte ich nicht, denn dann hätte ich wahrscheinlich vor der ganzen Klasse zu weinen angefangen. Also richtete ich meinen Blick nach draußen aus dem Fenster, beobachtete einen kleinen Vogel, der gerade in den Ästen des Baumes vor dem Schulgebäude gelandet war und dort munter herumhüpfte. Schon seltsam, egal wie schlecht es einem selber gerade geht, die Welt dreht sich immer weiter, als sei nichts geschehen.

„Mal abgesehen davon, dass es absolut scheiße ist, so etwas einfach so weiterzuerzählen, hat er recht. Ich… bin schwul.“ Die letzten Worte stammelte ich nur so vor mich hin, obwohl ich mich bemüht hatte, meine Stimme möglichst fest klingen zu lassen. Ein Raunen ging durch die Klasse. „Und wenn das jemandem nicht passt, dann soll er es bitte jetzt sagen, denn ich werde mich sicher nicht verleugnen in Zukunft.“ fügte ich noch hinzu. Na bitte, das klang doch zumindest ein bisschen kämpferisch und ich traute mich bei diesen Worten sogar, meinen Blick auf die Klasse zu richten.

Danach machte ich mich schnell auf den Rückweg zu meinem Platz, denn mir war gerade klargeworden, was ich getan hatte. Ich wollte im Erdboden versinken, so peinlich war mir die Situation auf einmal.

Die Klasse saß immer noch stumm da, doch plötzlich begannen die ersten Leute, langsam Beifall zu klatschen. Ich verstand erst nicht, was da gerade passierte und wollte einfach nur noch weg, als Herr Bergmüller plötzlich seine Stimme erhob.

„Danke Paul für deine ehrlichen Worte, das war wirklich mutig von dir, auch wenn du mehr oder weniger dazu gezwungen wurdest.“ sagte er. Dann wandte er sich an die Klasse. „Ich sehe schon, die meisten hier scheinen ihn zu unterstützen, und sollte es trotzdem noch Leute geben, denen Homosexualität immer noch seltsam vorkommt, dann bitte ich diejenigen, erstmal in Ruhe darüber nachzudenken. Keiner sucht sich so etwas freiwillig aus und es ist auch nichts Unnatürliches! Ich bin mir sicher, Paul hatte es nicht immer leicht damit, also macht ihm das Leben doch nicht noch schwerer.“

Erneut klatschte die Klasse Beifall und ich begriff so langsam, was das bedeutete. Langsam hob ich den Blick, schaute mich um und sah in viele freundliche und aufmunternde Gesichter. Anna, die unsere Klassensprecherin war, stand nun ebenfalls auf.

„Ich finde es mutig von dir, dass du dich der Klasse gestellt hast, obwohl es sicherlich nicht einfach war. Und ich denke, ich spreche für den Großteil von uns, wenn ich sage, dass wir auch weiterhin hinter dir stehen werden, denn du bist weiterhin ein Teil dieser Klasse und hast dich ja auch nicht plötzlich verändert, du bist ja immer noch der gleiche wie gestern auch.“ sagte sie. „Und auch ich möchte noch einmal betonen, dass es absolut nicht in Ordnung ist, jemanden gegen seinen Willen vor allen bloßzustellen. Denn es geht eigentlich nur ihn selbst etwas an, ob und wann er es wem erzählt.“ Anna sah bei diesen Worten niemanden bestimmten an, doch es war offensichtlich, dass sie Jan meinte, der die ganze Zeit still auf seinem Platz saß und dessen dämliches und sensationsgeiles Grinsen nach und nach verblasste. Ich konnte nicht anders, für einen kurzen Moment musste ich grinsen, egal wie unangenehm mir die Situation eigentlich war.

„Danke“ sagte ich dann und konnte es noch nicht so ganz fassen, dass die Reaktion der meisten so positiv war. Auch Felix und Lukas, deren Reaktion mir am wichtigsten war, sahen mich freundlich an. Allerdings war Felix Blick immer noch leicht distanziert und mir wurde klar, dass ich mit ihm auf jeden Fall nach der Schule darüber reden musste.

Danach hatten sich die meisten Leute wieder beruhigt und wir fuhren irgendwann mit dem Unterricht fort. Immer noch spürte ich die Blicke meiner Mitschüler auf mir, doch ich tat so, als würde ich das nicht merken und starrte konzentriert an die Tafel. Auf diese Art ging der Schultag auch mehr oder weniger schnell vorüber. In den Pausen verschanzte ich mich hinter meinem Handy – es war offensichtlich, dass einige Leute gerne mit mir geredet hätten, doch ich war noch nicht bereit dazu. Simon lächelte mir ein paar Mal liebevoll zu, doch ansonsten redete ich auch mit ihm nicht, auch weil ich mögliches Getuschel über ihn vermeiden wollte, zumindest am ersten Tag noch.

Nach der Schule packte ich mein Zeug zusammen und wartete auf Felix, nachdem ich mich von Lukas und Simon kurz verabschiedet hatte. Letzterer würde natürlich heute noch zu mir kommen, allerdings hatten wir zuvor in der Pause über WhatsApp heimlich ausgemacht, dass er mich nach dem Unterricht erstmal in Ruhe mit Felix reden lassen musste. Mir war es wichtig, die Probleme mit ihm zu klären, denn er war einer meiner besten Freunde und ich könnte es nicht ertragen, wenn sich zwischen uns nun etwas ändern würde.

Als Felix fertig gepackt hatte, hatten die meisten anderen das Klassenzimmer bereits verlassen, was mir ganz recht war. Felix sah mich an, als wäre ihm jetzt erst aufgefallen, dass ich auf ihn gewartet hatte. Er wirkte überrascht, schließlich wollte ich in den Pausen zuvor noch mit niemandem reden.

Ich lächelte ihn traurig an, wusste aber nicht so genau, wie ich das Gespräch beginnen sollte. Ich hatte irgendwie Angst davor. Was, wenn es schiefging? Was würde dann mit unserer Freundschaft passieren?

„Ich finde es nicht schlimm, dass du schwul bist.“ kam er mir plötzlich zuvor. „Im Gegenteil, so kannst du mir immerhin nicht die Freundin ausspannen.“ fügte er jetzt noch hinzu und grinste mich an. Na das ging ja zumindest schon mal ganz gut los. Etwas entspannter lächelte ich zurück.

„Weißt du, ich war heute Morgen ziemlich geschockt, als dieser Depp von Jan gleich nachdem ich angekommen bin zu mir kam und es mir auf die Nase binden musste. Und ich war etwas enttäuscht, dass du es mir bisher nicht erzählt hast, ich dachte, wir sind Freunde und können uns alles sagen, daher kam es mir so vor, als hättest du kein Vertrauen in mich gehabt. Aber ich habe jetzt ein bisschen darüber nachdenken können und mir ist klargeworden, dass du einfach Angst davor hattest und es nicht leicht ist, den richtigen Zeitpunkt dafür zu finden. Deswegen habe ich im ersten Moment vielleicht nicht so reagiert, wie ich es hätte tun sollen, tut mir leid!“

Ich war einen Moment sprachlos. Niemals hätte ich gedacht, dass es ihn so gar nicht interessierte, ob ich schwul bin oder nicht und dass sein einziges Problem darin gelegen hatte, dass ich es ihm nicht früher anvertraut hatte. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach lächeln, so sehr freute ich mich über seine Worte.

„Danke! Das ist nicht selbstverständlich, dass du so gelassen damit umgehst. Das bedeutet mir wirklich viel!“ brachte ich etwas verlegen heraus. „Und ja, vielleicht wäre es besser gewesen, früher mit dir darüber zu reden, aber wie du schon gesagt hast hatte ich einfach Angst. Und außerdem habe ich es mir selber bis vor kurzem nicht eingestehen können, ich wollte einfach nicht schwul sein, ich wollte es nicht wahrhaben. Aber ich hätte es dir irgendwann erzählt, wenn ich mich noch mehr daran gewöhnt hätte, versprochen!“

„Komm her, Paul!“ antwortete er nur, grinste und drückte mich an sich. Wow, das musste echt was heißen, normalerweise umarmten wir uns nie, weil Jungs sowas eben einfach nicht machten. Es fühlte sich so an, als wäre unsere Freundschaft gerade stärker als je zuvor.

„Du musst übrigens in Zukunft keine Angst vor mir haben, okay? Ich steh nicht auf euch oder so und selbst wenn es doch so wäre, wäre mir die Freundschaft viel wichtiger!“ Das war mir noch wichtig, denn ich konnte verstehen, dass viele Jungs vielleicht sowas in der Art befürchtet hätten, selbst wenn sie es niemals zugeben würden.

„Ach komm schon, natürlich habe ich keine Angst vor dir, oder hätte ich dich sonst gerade umarmt?“ grinste er mich an.

Danach machten wir uns erstaunlich gut gelaunt auf den Heimweg, was ich noch wenige Stunden vorher niemals für möglich gehalten hätte. Auf dem Weg fragte er mich noch alle möglichen Dinge, die ihn zum Thema interessierten, zum Beispiel, wie man denn herausfindet, dass man schwul ist oder seit wann ich es wusste. Wie schon zuvor bei Lena tat es irgendwie gut, so offen und ehrlich mit ihm darüber reden zu können.

„If I’d had my way, this would have happened much sooner

but until that day, it was only a rumour

All at once, you changed my life

and led me in to paradise

where I had to do, what I wanted to

I react when I hear people ask

Was it worth it? Yes, it’s worth living for

Was it worth it? Yes, it’s worth giving more

I reserve the right to live

my life this way and I don’t give

a damn when I hear people say

I’ll pay the price that others pay

‘Cause it’s worth it! Yes, it’s worth living for

‘Cause it’s worth it! Yes, it’s worth giving more”

(Pet Shop Boys – Was it worth it?*)

3. Kapitel

„You may think I’m strong and I can do no wrong

but I’m vulnerable, so vulnerable without you

I may be hard to take but you can’t call me fake

‘cause I’m vulnerable, so vulnerable, without you”

(Pet Shop Boys – Vulnerable*)

Als ich daheim ankam, ging ich meiner Mutter, die heute frei hatte, aus dem Weg. Ja, es war, zumindest was meine Klassenkameraden anging, am Ende überraschend gut gelaufen und gerade über die Reaktion von Felix hatte ich mich sehr gefreut, aber trotzdem machte sich jetzt wieder eine gewisse Verzweiflung in mir breit. Ich selbst könnte ihnen bestimmt nie wieder so unbeschwert wie früher gegenübertreten, denn ich würde wohl immer das Gefühl haben, dass sie mich ab jetzt nur noch als „den Schwulen“ und nicht mehr als Paul wahrnahmen, egal, was die anderen denn nun wirklich dachten.

Dieser Gedanke machte mir Angst und so verkroch ich mich in mein Zimmer, legte mich auf mein Bett, und hörte über meine Kopfhörer Lieder, die zu meiner Stimmung passten und nach denen mir jetzt einfach war. Nach „Happiness is an option“ von den Pet Shop Boys war ich zumindest nicht mehr ganz so bedrückt und ich begann, über meine Situation nachzudenken.

Die ganze Zeit über hatte sich mir ein Gedanke aufgedrängt, doch erst jetzt traute ich mich, ihn zuzulassen: Wie sollte ich mit meinen Eltern umgehen? Klar, ich könnte einfach so weitermachen wie bisher und mich wie geplant erst dann bei ihnen outen, wenn ich es für passend hielt, doch andererseits wussten es inzwischen einfach zu viele Leute. Lena, Felix, Lukas und Simon vertraute ich auf jeden Fall, dass sie nichts sagen würden, aber was war, wenn meine Eltern bei irgendeinem Elternabend oder sonstigen Event jemandem über den Weg laufen würden, der sich mehr oder weniger unabsichtlich verplapperte? Oder wenn sie es sonst wie über Umwege erfahren würden? Klar, die Chance, dass das passierte, war gering, aber sie war da. Und dann? Wäre ich nochmal genauso in die Ecke gedrängt wie schon heute Morgen in der Schule, und das wollte ich auf keinen Fall nochmal erleben.

Die Alternative wäre, es ihnen möglichst bald zu erzählen, was zwar auch unangenehm werden würde, aber wenigstens tat ich es dann freiwillig und konnte die Rahmenbedingungen zumindest halbwegs selbst festlegen.

Ich schrieb Lena eine WhatsApp und fragte sie, ob wir uns heute Abend nochmal treffen könnten, da ich mit ihr reden musste. Ich hatte das Gefühl, dass sie genau wissen würde, was jetzt zu tun war.

Vorher würde allerdings mal wieder Simon zu mir kommen und auch ihn würde ich gerne zu seiner Meinung fragen. Falls denn Zeit fürs Reden blieb…

„Why do you want to sit alone in gothic gloom

surrounded by the ghosts of love that haunt your room?

Somewhere there’s a different door to open wide

You gotta throw those skeletons out of your closet and come outside”

(Pet Shop Boys – Se a vida é (That’s the way life is)*)

Nachdem Simon und ich gut eine Stunde später für heute mit der Triebbefriedigung fertig waren, sprach ich ihn auf das Thema an.

„Ja, ich denke auch, dass du es deinen Eltern bald sagen solltest, nach dem, was heute passiert ist.“ meinte Simon ernst. „Jan bringt es am Ende noch fertig, irgendwann auch noch deine Eltern zu besuchen um sie zu fragen, ob sie es schon wüssten.“ fügte er mit einem leichten Grinsen hinzu.

„Oh Gott, sag sowas nicht, am Ende macht er das noch.“ stöhnte ich. „Das ist nicht witzig.“

„Nein, eher traurig. Aber dadurch fast schon wieder lustig.“ erwiderte Simon und lächelte mich dann aufmunternd an. „Komm schon, du musst positiver denken. Was passiert ist, ist passiert und du kannst es nicht mehr ändern. Aber du kannst froh darüber sein, dass die Klasse so sehr hinter dir steht. Und auch deine Eltern werden hinter dir stehen, da bin ich mir ganz sicher. Und wenn du es erst einmal hinter dir hast, wird sich vieles zum Guten wandeln – du kannst zum Beispiel viel offener mit ihnen sprechen.“

„Hm, wahrscheinlich hast du recht.“ meinte ich und starrte dabei nachdenklich die Deckenlampe an.

„Wie immer halt.“ zog Simon mich jetzt auf und knuffte mich sanft in die Seite.

„Hey, was soll das jetzt heißen?“ antwortete ich gespielt empört und rollte mich auf ihn, bereit, ihn bei einem erneuten frechen Kommentar sofort durchzukitzeln.

„Nichts“ grinste er mich an und küsste mich. Er wusste offensichtlich, wie er seiner gerechten Strafe entgehen konnte.

„Summer sands have lost their charm, let ‘em go

Autumn winds will do no harm, let ‘em blow

Save up all your dreams, oh save them, save them

Live beyond your means but keep your dreams

Won’t you?

You go from A to B to C, on demand

like algebra or geometry, diagrammed

Your resolution’s weak, but we’re not all damned

The future’s not so bleak in this wasteland

when always, always

summer comes, always”

(Pet Shop Boys – Always*)

Am Abend ging ich mit Lena wieder spazieren.

Sie freute sich, mich zu sehen und fragte, warum ich sie treffen wollte.

„Es ist kompliziert…“ begann ich.

„Keine Sorge, ich habe Zeit.“

Also erzählte ich ihr alles. Von Simon, wie eine Sache zur nächsten geführt hatte und wir inzwischen zusammen waren. „Ich wusste doch, dass zwischen euch mehr ist! Das habe ich von Anfang an gespürt.“ grinste sie mich an. „Freut mich für dich!“

„Danke.“ Ein bisschen ein schlechtes Gewissen hatte ich ihr gegenüber doch noch, aber ihre Freude schien echt zu sein. Und genau dafür mochte ich sie so.

„Wie läuft es denn bei dir so? Gibt’s irgendwen…?“ fragte ich jetzt. Eigentlich wollte ich ja noch von den etwas unschöneren Wendungen des heutigen Schultags erzählen, aber ich wollte auf einmal nicht mehr die ganze Zeit nur über meine Probleme reden und außerdem interessierte es mich wirklich.

„Hm, ich glaube nicht.“ meinte Lena. „Aber das ist auch nicht schlimm. Ich mochte dich echt gerne, deswegen brauche ich gerade erstmal etwas Zeit um darüber nachzudenken. Alles andere kommt schon wieder früh genug.“

„Es tut mir wirklich leid. Du weißt, wenn ich jemals eine Freundin hätte haben wollen, dann wärest es du!“

„Och du, sag mal sowas nicht. Wer weiß, wie du so drauf wärest, wenn du auf Mädchen stehen würdest…“ neckte sie mich nun. „Und außerdem muss es dir nicht leidtun, du hast nichts falsch gemacht. Ja, es war für mich erstmal nicht einfach, aber das ist mein Problem. Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr weiß ich es zu schätzen, dass wir dafür so gute Freunde sind. Das ist langfristig vielleicht wertvoller als so manche Beziehung.“

„Ich bin auch froh, dich als Freundin zu haben.“ meinte ich und sah sie dankbar an. „Wem sollte ich denn sonst von meinen ganzen Problemen erzählen?“ grinste ich sie an.

„Du mich auch.“ Lenas Augen funkelten spöttisch, während sie das sagte. Dann schwieg sie kurz und fragte wieder etwas ernster: „Gibt es denn gerade Probleme?“

Das war der richtige Zeitpunkt, um ihr von den Ereignissen heute in der Schule zu berichten. Sie schien sichtlich geschockt darüber. Am Ende erzählte ich ihr von meiner Überlegung, es meinen Eltern zu sagen.

„Ja, ich denke auch, dass du das bald tun solltest.“ meinte sie. „Es könnte sein, dass du Glück hast und sie nie etwas davon erfahren würden, aber sollte es doch passieren…“ Sie beendete diesen Satz nicht.

„Ja. Wenn ich es ihnen selber sage, dann kann ich wenigstens die Rahmenbedingungen, unter denen ich mich oute, bestimmen. Wenn sie es irgendwann zufällig herausbekommen, geht es mir wieder so wie heute in der Schule.“

„Wenn du willst, kann ich auch mal vorbeikommen und dich dabei unterstützen.“ bot Lena mir noch an.

„Danke für das Angebot! Ich werde darüber nachdenken.“ Allerdings wusste ich, dass ich da vermutlich allein durchmusste.

Danach redeten wir noch eine Weile über sonstige Neuigkeiten, bevor wir uns voneinander verabschieden. Habe ich schon mal erwähnt, dass der Sommer einfach die coolere Jahreszeit ist? Alleine schon, dass man draußen sein kann, ohne dabei Angst haben zu müssen, zu erfrieren…

Zuhause angekommen ging ich relativ bald ins Bett, nachdem ich noch kurz geduscht hatte. Im Dunkeln ließ ich nochmal die heutigen Ereignisse Revue passieren. Der Tag hatte als der vielleicht schlimmste meines Lebens begonnen, doch am Ende hatten sich die Dinge eigentlich gar nicht schlecht entwickelt. Und Lena hatte mich gerade nochmal darin bestärkt, mich bald bei meinen Eltern zu outen. Überraschend zufrieden schlief ich schließlich ein.

„And we were never holding back or worried that

time would come to an end

We were always hoping that, looking back

you could always rely on a friend”

(Pet Shop Boys – Being boring*)

4. Kapitel

Der nächste Tag war ein Donnerstag, das Wochenende nahte also mit schnellen Schritten. Grundsätzlich ja etwas sehr Positives, jedoch hatte ich mir für dieses fest vorgenommen, mit meinen Eltern zu reden.

Diese hatten wohl schon bemerkt, dass irgendwas vorgefallen war, denn gestern beim Abendessen war ich verständlicherweise eher schweigsam und nachdenklich gewesen, selbst für meine Verhältnisse.

„Ist was?“ fragte mich meine Mutter deswegen, als ich ihr heute Morgen kurz bevor ich los musste über den Weg lief. Ich schien wohl einigermaßen deprimiert auszusehen, denn sie nahm mich erstmal in den Arm, bevor sie weitersprach: „Geht’s dir nicht gut, Paul? Du weißt, dass du immer zu uns kommen kannst, okay Großer?“ sagte sie und sah mir dabei in die Augen. Inzwischen musste sie dabei leicht nach oben schauen, da ich sie was die Körpergröße anging in den letzten Jahren bereits überholt hatte. Wie praktisch, dass ich sowieso schon den Kopf hängen lies, so hatte ich bereits den richtigen Blickwinkel.

Ich lächelte sie etwas gequält an. „Ich weiß, Mama.“ meinte ich nur knapp. Klar, dass wäre jetzt vielleicht die perfekte Gelegenheit gewesen, ihr die Wahrheit zu sagen, aber ich wollte das nicht machen, wenn ich gleich zur Schule musste. Zumindest sagte ich mir, dass es daran lag. Die Wahrheit war wohl eher, dass mich mein gestern Abend neugewonnener Mut über Nacht bereits wieder verlassen hatte.

„Good luck, bad luck, waiting in a line

It takes more than the matter of time

Someone told me Monday, someone told me Saturday

Wait until tomorrow and there’s still no way

Read it in a book, or write it in a letter

Wake up in the morning and there’s still no guarantee

There is still no guarantee”

(Pet Shop Boys – King’s Cross*)

Als ich die Schule erreichte, wurde ich wieder etwas nervös. Ja, die Klasse hatte mein Zwangs-Outing gestern positiv aufgenommen und ich wusste, dass ich mich auf die meisten von ihnen verlassen konnte. Doch natürlich gab es auch den ein oder anderen Mitschüler, bei dem ich mir da nicht so sicher war, allen voran natürlich Jan. Ich hielt ihn nicht für böse oder so und ich glaube, er hatte auch überhaupt kein Problem damit, dass ich schwul war, darum ging es gar nicht. Er lebte nur eben davon, mit Informationen zu prahlen, sie zu gewinnen und dann zu verbreiten. Musste für ihn so eine Art Hobby sein.

Dreimal dürft ihr raten, wie groß die Wahrscheinlichkeit war, dass er es nach gestern niemandem mehr erzählt hatte. Richtig, gegen null. Und nein, es gibt keinen Preis für diejenigen, die richtig lagen…

Daher ist es wohl durchaus verständlich, dass ich angespannt war, als ich durch den Pulk an Schülern ging, die vor dem Eingang warteten, immer mit dem Gefühl, von allen Seiten heimlich angestarrt zu werden. Zugegeben, die meisten anderen an dieser Schule kannten mich sowieso nicht, dafür war sie einfach viel zu groß, aber trotzdem kam es mir so vor.

Als ich das Klassenzimmer betrat, senkte ich meinen Blick und versuchte, möglichst unauffällig zu wirken. An meinem Platz angekommen begrüßte ich Felix mit einem Nicken, bevor ich mich hinter meinem Handy verschanzte. Eigentlich weiß ich gar nicht so genau, warum ich so nervös war und keinen großen Kontakt zu den anderen wollte, aber wahrscheinlich wollte ich erstmal warten, bis sie es irgendwann alle vergessen würden. Ganz tolle Strategie, wirklich.

Ich musste dann aber doch mal aufschauen, als Simon das Klassenzimmer betrat, denn er sah einfach zu gut aus, als dass ich hätte wegschauen können. Er lächelte mich an und als ich an das dachte, was wir gestern noch gemeinsam gemacht hatten, wovon aber keiner hier etwas ahnte, konnte ich nicht anders, ich musste einfach grinsen.

„Und ich hatte schon Angst, du wärest durch einen Roboter ausgetauscht worden, aber scheinbar zeigst du ja doch Emotionen…“ kam daraufhin ein Kommentar von Felix neben mir, der wohl nur auf eine Gelegenheit gewartet hatte, mich anzusprechen. Na gut, wozu sich noch verstecken, es ist sowieso egal, dachte ich mir.

„Tatsächlich bin ich ein sehr hoch entwickeltes Robotermodel, deswegen kann ich täuschend echt verschiedene menschliche Emotionen darstellen.“ erwiderte ich gespielt ernst. Felix sah mich daraufhin beruhigt an – zwischen uns war alles beim Alten.

„Achso, ja, da hätte ich natürlich draufkommen können. Mein Fehler.“ meinte er nur, bevor er mich amüsiert angrinste. „Du musst dich nicht verstecken, Paul, es ist okay, glaub mir. Sei einfach du selbst, sei so wie du es bis gestern immer warst, dann wird dich niemand hier plötzlich mit anderen Augen sehen.“ flüsterte er, plötzlich wieder ernst – offenbar war er etwas besorgt gewesen. „Okay, fast niemand zumindest…“ fügte er noch hinzu.

„Danke“ erwiderte ich und meinte es auch so. Er schien genau zu wissen, was mich beschäftigt hatte, noch bevor ich mir selbst so wirklich darüber im Klaren war. „Du hast recht!“

„Immer wieder gerne, dafür sind Freunde doch da. Und natürlich habe ich recht, wie meistens eben…“

„Du mich auch.“ antwortete ich gespielt eingeschnappt, doch tatsächlich ging es mir nach diesem kurzen Gespräch schon wieder deutlich besser. Simon, der uns heimlich von seinem Platz aus beobachtet hatte, hob kaum sichtbar den Daumen und lächelte mir aufmunternd zu.

„It’s a long way to happiness, a long way to go

but I’m gonna get there, boy, the only way I know”

(Pet Shop Boys – Happiness*)

Bis der Unterricht begann, unterhielt ich mich noch weiter mit Felix über alle möglichen alltäglichen Dinge, so wie früher eben auch. Den gestrigen Tag und alles was damit zusammenhing sprachen wir nicht mehr an, wir hatten ein stilles Übereinkommen geschlossen, dass dazu vorerst alles gesagt war, dass Felix kein Problem damit hatte und dass zwischen uns alles so blieb wie vorher auch.

Auch Lukas und Simon beteiligten sich irgendwann an unserem Gespräch, wobei auch Lukas nichts mehr dazu sagte, dass ich schwul war, er ging einfach ganz normal damit um, worüber ich insgeheim sehr froh war.

Und Simon grinste mich zwischendurch immer mal wieder verschwörerisch an – heimlich natürlich, trotzdem machte ich mir am Ende Sorgen, ob es nicht langsam etwas zu offensichtlich wurde, dass da mehr lief.

Der Rest des Schultages verlief recht ereignislos, der Unterricht war ungefähr genauso spannend wie eh und je und auch in den Pausen versuchte ich, mich so zu verhalten wie sonst auch, was mir meistens auch gut gelang. Wir unterhielten uns teilweise auch mit anderen Mitschülern, so wie bisher eben auch, und keiner von ihnen schien plötzlich anders mit mir umzugehen. Zumindest zeigte es keiner offensichtlich.

Jan hingegen war heute für seine Verhältnisse überraschend schweigsam, er versuchte nicht wie sonst meistens irgendwelchen anderen Leuten ein Gespräch auf die Nase zu binden, sondern saß die meiste Zeit auf seinem Platz. Er schaute mich dabei auch kein einziges Mal an, was mir aber auch ganz recht war. Eigentlich konnte er einem fast schon leidtun, dachte ich mir zwischendurch. Jan war noch nie wirklich beliebt gewesen, dafür hatte er leider eine viel zu nervige Art. Gut, möglicherweise konnte er da nichts dafür, aber konnten wir denn etwas dafür, dass wir sein Getue eben nicht aushielten? Ich fragte mich, ob es eine Möglichkeit gab, wie die Klasse ihr Verhalten ihm gegenüber verändern könnte, so dass er weniger ausgeschlossen war. Andererseits, warum sollten wir das tun? Muss man Leute mögen, die man aus guten Gründen nicht leiden kann? Eine schwierige Frage, und je länger ich darüber nachdachte, desto weniger konnte ich es Jan übelnehmen, dass er mich geoutet hatte. Was sollte er schon tun. Fast keiner mochte ihn, aufgrund seines nervigen Verhaltens, das ein einziges Ringen um Aufmerksamkeit zu sein schien, und darauf antwortete er mit einer Steigerung dieses Verhaltens, damit er von uns wahrgenommen wurde. Ein Teufelskreis, wurde mir bewusst, der scheinbar aber auch nicht durchbrochen werden konnte.

Ich grübelte noch eine Weile über das Problem nach, kam aber zu dem Schluss, dass er mir zwar irgendwie schon leidtat, es andererseits auch nicht meine Aufgabe war, die Dinge zu ändern. Nicht nach gestern. Ich nahm mir aber auch vor, mit ihm vernünftig zu reden, sollte er irgendwann mal wegen der Sache auf mich zukommen, und ihn nicht von jetzt an zu hassen.

„I don’t speak the language

I can’t understand a word

Where angels fear to tread

I’ve sometimes walked, and tried to talk

but how can I be heard, in such a world

when I am lost?

I’m doing what I do, to see me through

I’m going out, and carrying on as normal”

(Pet Shop Boys – Discoteca*)

Da wir donnerstags keinen Nachmittagsunterricht hatten, ging es recht früh nach Hause. Da Simon heute ausnahmsweise einmal nicht zu mir kam, hatte ich mal wieder ausreichend Zeit, um nötige Schulsachen zu erledigen und Dinge in meiner Freizeit zu tun, die nichts mit den Themen schwul sein und Outing zu tun hatten.

Ich versuchte auch, mein geplantes Gespräch mit meinen Eltern zu verdrängen, darum würde ich mich morgen kümmern. Alles in allem war ich an diesem Nachmittag überraschend glücklich und ich fragte mich, ob dieser Zustand wohl bald dauerhaft anhalten könnte? Wenn ja, dann würden sich die Anstrengungen lohnen.

Zum Abendessen erschien ich im Gegensatz zu gestern mit einem Lächeln, was Mama und Papa zu beruhigen schien. Ich bemerkte, wie sie einen leicht erstaunten Blick austauschten, bevor sie zurücklächelten, offensichtlich zufrieden.

Wie immer übernahm meine Schwester Marie die Gesprächsführung bei Tisch, während wir anderen die meiste Zeit amüsiert ihren Ausführungen über ihren Schultag folgten.

„Und Paul, jetzt erzähl doch mal, wie war dein Schultag?“ fragte meine Mutter irgendwann. „Du wirkst so fröhlich…“ begründete sie ihre Frage. Also wirklich, als ob ich sonst nie fröhlich wäre…

„Och, es gab eigentlich nichts Besonderes, alles gut soweit.“ meinte ich nur knapp, was ja streng genommen auch der Wahrheit entsprach – heute war ja wirklich alles wieder normal gewesen. Und das war Lektion eins aus der Rubrik „Wie ich meine Eltern anlüge ohne sie anzulügen.“

Meine Mutter warf mir noch einen misstrauischen Blick zu – offensichtlich kaufte sie mir das nicht so ganz ab – beließ es dann aber dabei. Ich nahm mir für morgen fest vor, mit den beiden zu sprechen.

Später an diesem Abend dachte ich darüber nach, wie sehr mein Leben sich in den letzten zwei Wochen verändert hatte. Es war erst ein paar Tage her, dass ich mir überhaupt eigestehen konnte, dass ich schwul war, und jetzt hatte ich durch Zufall einen Freund gefunden und war vor der ganzen Klasse geoutet. Sowas passierte sonst eigentlich immer nur in Büchern oder Filmen, dachte ich noch, bevor ich schließlich einschlief.

„Shadows start to fall, bringing on the night

We’re sitting in the dark, let’s not turn on the light

It feels so good to be, just the two of us

Anyone else around would be superfluous

Although the dark is leaving its mark, it’s not gonna last

So let’s enjoy the night, until it gets light, it happens so fast

Don’t be scared, for only the dark, can show you the stars

I’ll be there, the moment the dark, reopens your heart”

(Pet Shop Boys – Only the dark*)

5. Kapitel

Endlich Freitag. Obwohl ich bereits wusste, dass mein Wochenende stressig werden könnte, freute ich mich wie jeder normale Schüler darauf, und sei es nur, weil ich nun zwei Tage lang nicht mehr früh aufstehen musste.

Heute musste ich diesbezüglich allerdings nochmal in den sauren Apfel beißen, also brachte ich es kurz und schmerzlos hinter mich. Und auch die ersten beiden Schulstunden vergingen angenehm schnell, hauptsächlich da Herr Krämer, unser Mathelehrer, selber nicht so recht Lust auf Unterricht hatte.

In der Pause wollte ich dann kurz etwas im Lehrerzimmer abgeben. Da wir in einem Nebengebäude untergebracht waren, dass etwas vom Schulgelände entfernt stand, musste ich dafür ein kurzes Stück laufen. Ich war gerade von der Straße auf den Sportplatz vor dem Schulgebäude abgebogen, als mich hinter mir jemand ansprach.

„Paul, warte kurz…“ Es war Jan.

Ich drehte mich langsam zu ihm um. Er stand ein paar Schritte von mir entfernt, so als wolle er sich mir nicht zu sehr aufdrängen. Sein Gesichtsausdruck wirkte verunsichert und zeigte eine gewisse Scham. Gut so, denn obwohl er mir hauptsächlich leidtat, wollte ich trotzdem, dass ihm klar wurde, was er getan hatte.

„Was gibt’s, Jan?“ fragte ich knapp und bemühte mich dabei, meine Stimme kalt klingen zu lassen.

„Du, Paul, ich weiß, du willst wahrscheinlich nicht mit mir reden, aber ich habe nachgedacht…“ stammelte er sichtlich nervös.

„So, hast du das? Vielleicht hättest du das mal tun sollen, bevor du mich vor der ganzen Klasse outest!“ fuhr ich ihn aggressiver als eigentlich beabsichtigt an. Ich wollte eigentlich nicht so mit ihm reden, aber jetzt, wo ich darüber nachdachte, kam wieder eine gewisse Wut in mir hoch. Ich war bereit ihm zu verzeihen, aber ich wollte es ihm dabei nicht zu einfach machen.

„Ja, sorry. Verdammt, du hast recht, ich hätte das nicht tun sollen. Ich weiß du bist sauer und ich weiß, dass das hier nichts daran ändern wird, aber ich wollte dir zumindest sagen, dass es mir wirklich leidtut.“ Ich war erstaunt, normalerweise war Jan nicht der Typ, der anderen gegenüber zugab, einen Fehler gemacht zu haben. Offensichtlich meinte er es wirklich ernst. Und im Nachhinein war es ja sogar ganz gut gelaufen, auch wenn er daran keinen Anteil hatte. Trotzdem wog das, was er getan hatte, schwer.

„Weißt du Jan, eigentlich sollte ich dich dafür hassen, dass du mich so vor allen bloßgestellt hast. Und ich denke, viele in meiner Lage würden genau das jetzt tun. Aber wie du ja vielleicht weißt, ist es überraschend gut gelaufen, die meisten aus der Klasse scheinen zu akzeptieren, dass ich schwul bin, und auch meine Freunde gehen mit mir nicht anders um als vorher. Das hätte ganz anders kommen können, das weißt du sicherlich, und ich glaube, dann würde ich jetzt nie wieder mit dir reden wollen. Aber so… Ich habe darüber nachgedacht Jan, und ich glaube, wir als Klasse haben eine gewisse Mitschuld an dem, was passiert ist. Es hat jetzt zufällig mich getroffen, aber ich glaube, das Problem ist einfach, das viele von uns nicht immer nett zu dir waren. Und irgendwie verstehe ich dann auch, warum du es getan hast – um Aufmerksamkeit zu bekommen, um anderen zu zeigen, wie cool du bist, oder vielleicht auch einfach nur, um dich zu rächen, keine Ahnung. Das macht es nicht besser, aber es hat mir trotzdem gezeigt, dass wir alle nicht ganz unschuldig sind.“ Während ich diese Worte sagte, studierte ich intensiv die Häuserfassade gegenüber dem Schuldgelände, weil ich mich irgendwie schämte, ihn dabei anzusehen. Am Ende blickte ich ihm aber doch in die Augen.

„Hm, ja, vielleicht hast du recht, aber trotzdem war es nicht fair dir gegenüber. Du kannst ja auch nicht wirklich was dafür. Eigentlich habe ich auch gar nicht darüber nachgedacht, was ich da gerade tue, ich wollte es einfach nur weitererzählen. Manchmal kann ich einfach nicht still sein, wenn es um solche Sachen geht…“

„Das habe ich gemerkt, Jan.“ meinte ich, einerseits etwas mürrisch, andererseits aber mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht. Es ist ihm selbst aufgefallen, dachte ich mir. Das ist doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.

„Wie gesagt, ich erwarte nicht, dass du mir jetzt verzeihst, aber ich wollte es dir mal gesagt haben, dass es mir leidtut, okay?“ schloss Jan jetzt und sah mich dabei fragend an.

„Du hast Glück, ich denke, ich kann dir verzeihen…“ murmelte ich daraufhin.

„Danke, Paul. Das ist nach all dem nicht selbstverständlich.“

Nein, das war es natürlich nicht, aber mal ganz ehrlich, was würde es mir bringen, für den Rest meines Lebens sauer auf ihn zu sein. Ich mochte ihn vorher nicht und ich mochte ihn auch jetzt nicht wirklich, deswegen hatte es mich nicht mal überrascht, dass er sowas tun würde. Jetzt aber krampfhaft auf ihn böse zu sein war mir ehrlich gesagt viel zu anstrengend. Freunde würden wir jetzt nie mehr werden, aber das war ja ehrlich gesagt auch schon vorher so. Ich betrachtete die Sache deswegen recht nüchtern.

„Did you ever give a thought for someone else’s pride?

Your actions prove that actually you did

and threw it out the door as opportunity came through

I’d been betrayed by you”

(Pet Shop Boys – Betrayed*)

Nach dem kurzen Gespräch mit Jan trennte ich mich wieder von ihm und ging noch schnell zum Lehrerzimmer, bevor ich mich auf den Rückweg ins Klassenzimmer machte. Vor der Tür traf ich Simon, der sich schnell vergewisserte, dass uns niemand beobachtete, bevor er für einen kurzen Moment meine Hand nahm.

„Was ist los?“ lächelte ich ihn fragend an.

„Nichts, du fehlst mir einfach jetzt schon, nachdem wir uns gestern nicht getroffen hatten.“ erwiderte er und sah mich verführerisch an, woraufhin wir beide grinsen mussten.

„Aber wir haben uns doch die ganze Zeit in der Schule gesehen?“

„Ja, klar, aber das ist ja etwas ganz Anderes. Hier muss ich so tun, als wären wir einfach nur Kumpels, dabei kann ich nicht aufhören, darüber nachzudenken, was ich jetzt gerne mit dir tun würde…“ erklärte Simon.

„Was würdest du denn jetzt gerade gerne mit mir tun?“ fragte ich neugierig und bemühte mich, dabei möglichst naiv zu klingen.

„Das, was du auch gerne tun würdest, wenn ich mir deine Hose so ansehe…“ neckte er mich und deutete nach unten, wo in meiner Jeans eine leichte Beule zu sehen war.

„Ups.“ murmelte ich verlegen. Er hatte recht, mir würden gerade auch ein paar Dinge einfallen, die ich gerne mit ihm tun würde. Simon zu küssen wäre dabei ein guter Anfang gewesen, aber ich konnte mich gerade so zurückhalten, schließlich hielt man ihn noch für hetero.

Jetzt kam Felix aus der Tür und störte ohne es zu ahnen unseren Moment der Zweisamkeit.

„Na ihr zwei, was macht ihr denn Schönes?“ fragte er, während wir uns wiederrum fragten, ob er etwas ahnen konnte. Nein, eigentlich nicht, es soll ja vorkommen, dass Freunde sich zu zweit unterhalten, oder?

„Paul, hast du schon gehört, dass Anna der Klasse gerade vorgeschlagen hat, mit Herrn Bergmüller eine Infostunde über das Thema Homosexualität zu veranstalten? Sie meinte, um Leuten, die sich damit nicht auskennen, ihre Vorurteile zu nehmen und ‚den Betroffenen‘ zu helfen. Genau so hat sie es gesagt.“ grinste er mich an, offensichtlich amüsierte er sich sehr darüber.

„Öhm, nein, okay…“ meinte ich etwas zaghaft.

„Nicht okay, das ist doch super. Ich meine, offensichtlich würde sie das hauptsächlich für dich organisieren…“ versuchte Felix, etwas mehr Begeisterung in mir zu wecken.

Simon, der die ganze Zeit nur zugehört hatte, zwinkerte mir jetzt zu. Offensichtlich fand auch er die Vorstellung unglaublich witzig, vermutlich aber aus einem anderen Grund als Felix.

„Hm, nett von ihr.“ antwortete ich nun Felix. „Könnte vielleicht ein bisschen peinlich werden, aber da es für einen guten Zweck ist, kann ich das ertragen, denke ich.“ lächelte ich nun leicht verlegen.

Plötzlich wurden wir vom Schulgong unterbrochen, die Pause war also mal wieder vorbei.

„Zu früh.“ beschwerte ich mich noch, dann gingen wir drei zurück ins Klassenzimmer. Wir hatten jetzt Wirtschaft und damit zufälligerweise Herrn Bergmüller.

Er grinste uns verschmitzt an und bei diesem Blick konnte ich ihn mir plötzlich als Jugendlichen in unserem Alter vorstellen. Da ich diese Vorstellung irgendwie lustig fand – fragt mich nicht warum, aber es gibt eben Leute, von denen glaubt man nicht, dass sie auch mal jung waren – musste ich auch grinsen.

„So, guten Morgen. Freut ihr euch schon aufs Wochenende?“ begann er seinen Unterricht, woraufhin er viel Nicken erntete. „Gut, dann wird es euch sicherlich freuen, dass wir heute mal eine etwas andere Stunde machen…“ fuhr er jetzt fort, woraufhin ich ihn etwas verwirrt anstarrte. Etwa DIESE Stunde? Och nö, bitte nicht jetzt, dachte ich mir. Andererseits, besser als Wirtschaft…

Offensichtlich war ich fast der einzige, der von nichts wusste, denn alle anderen schauten mich nun belustigt an. Einschließlich Herrn Bergmüller selbst übrigens.

„Na, Paul, hast du es etwa noch nicht mitbekommen?“ grinste er mich nun schon wieder an. Irgendwie kam ich mir gerade nicht ganz ernst genommen vor.

„Öhm…“ brachte ich sehr geistreich hervor, bevor Anna, unsere Klassensprecherin, mich schließlich dankenswerterweise rettete.

„Sorry Paul, ich hab extra abgewartet, bis du mal kurz weg warst, bevor ich die Klasse gefragt habe, ob wir mal eine Stunde über Homosexualität machen wollen. Sollte eine Überraschung sein…“ zwinkerte sie mir zu. „Mit Herrn Bergmüller hatte ich das schon vorgestern abgesprochen, gleich nachdem du… du weißt schon.“

„Na gut, Anna hat es ja gerade schon erzählt, um was es heute geht.“ fuhr Herr Bergmüller nun fort. „Was wisst ihr denn so zu dem Thema?“ fragte er nun in die Runde, woraufhin sich einige Leute meldeten. Offensichtlich hatten sie sich felsenfest vorgenommen, Wirtschaft heute keine Chance zu lassen.

Die Stunde gestaltete sich tatsächlich als ganz angenehm, viele Klassenkameraden konnten etwas zu dem Thema beitragen, und da das ganze schön allgemein gehalten wurde, fühlte es sich auch nicht so an, als würde es dabei nur um mich gehen, was mir eher peinlich gewesen wäre.

„Schön, dass ihr alle so toll informiert seid, das ist vielleicht mit das Wichtigste. Vorurteile und Klischees haben nur dann eine Chance, wenn die Leute sich mit dem Thema nicht auskennen.“ erklärte Herr Bergmüller nun. „Und es ist vor allem wichtig zu wissen, dass es keine Entscheidung ist, schwul oder lesbisch zu sein. Nicht wahr, Paul?“ sah er mich nun fragend an. Ich hasste es wirklich, während dem Unterricht einfach aus dem nichts aufgerufen zu werden, aber wenigstens wusste ich diesmal die Antwort.

„Nein, ist es nicht. Im Gegenteil, es braucht teilweise viel Zeit, bis man es sich überhaupt selbst eingestehen kann. Zumindest war es bei mir so…“ antwortete ich ihm.

„Magst du uns vielleicht ein bisschen was davon erzählen, damit sich die anderen besser vorstellen können, wie es einem dann so geht?“ fragte er mich nun. Warum müssen Lehrer eigentlich immer solche fiesen Tricks anwenden, um einen zum Reden zu bringen? Aber gut, warum nicht, eigentlich war das sogar eine gute Gelegenheit.

Ich erzählte also, wie ich zwei Jahre lang versucht hatte, mir einzureden, ich würde auf Mädchen stehen, obwohl es die ganze Zeit ziemlich eindeutig war, dass dem nicht so ist. Wie ich mir immer absurdere Argumente ausgedacht hatte, warum ich gar nicht schwul sein konnte und wie ich mich selbst dazu gezwungen hatte, den Mädchen statt den Jungs hinterher zu schauen.

„Und erst, als es irgendwann so eindeutig war, dass ich es wirklich nicht mehr vor mir selbst leugnen konnte, habe ich angefangen, mich über das Thema zu informieren, und ganz langsam habe ich dabei meine Angst verloren. Vor kurzem war ich dann so weit, dass ich es für mich akzeptieren konnte, dass ich schwul bin.“ schloss ich schließlich.

„Danke, Paul.“ antwortete Herr Bergmüller wohlwollend. „Seht ihr, es war für ihn selbst vermutlich am schwierigsten, es zu akzeptieren – viele ahnen sowas noch nicht einmal, sie denken, es wäre eine bewusste Entscheidung und verstehen nicht, wie man nur schwul sein kann. Naja, möchte sonst noch jemand hier von seinen Erfahrungen damit berichten?“

Wie bitte? Hatte er gerade ernsthaft gefragt, ob sich hier im Klassenzimmer jemand befand, der bisher ungeoutet war und der gerne von seinen Erfahrungen als Homosexueller erzählen wollte? Na das konnte ja noch interessant werden. Ich spürte, wie die komplette Klasse in eine neugierige Stille verfiel, um bloß nichts zu verpassen.

Heimlich blickte ich zu Simon, um seine Reaktion zu sehen. Es sah so aus, als würde er nachdenken. Ich konnte mir denken, was in ihm vorging, denn einerseits war das hier die Gelegenheit schlechthin, sich vor der Klasse zu outen. Aber andererseits, wozu eigentlich? Wir hatten nur noch dieses eine Schuljahr und eigentlich ging es ja niemanden hier etwas an, auf wen man stand. Ich persönlich glaube nicht, dass ich mich freiwillig in der Schule geoutet hätte, wenn das nicht jemand anderes für mich übernommen hätte.

Jedoch ist auch etwas dran an der Tatsache, dass man sich geoutet deutlich befreiter fühlt, man kann so sein, wie man wirklich ist. Und Simon und ich hätten unsere Beziehung nicht mehr verheimlichen müssen…

Ich glaube, mit den Vor- und Nachteilen eines Coming-Outs an verschiedenen Orten und vor verschiedenen Leuten könnte man stundenlange Vorträge füllen, doch Simon schien sich entschieden zu haben.

„Bei mir war es eigentlich ähnlich wie bei Paul…“ antwortete er betont beiläufig auf Herrn Bergmüllers Frage, woraufhin ihn die ganze Klasse einschließlich Lehrer erstaunt, sprachlos, fast entgeistert ansah. Ich konnte sie verstehen, es passiert ja nicht oft, dass sich innerhalb einer Woche zwei Klassenkameraden als schwul outen. Es war trotzdem ein lustiger Anblick. Herr Bergmüller gewann seine Fassung als erster zurück und lächelte wissend. Felix hingegen war noch nicht ganz so weit, er sah mich nur verdutzt an, nach dem Motto „hast du das gewusst?“. Ich konnte nicht anders, ich musste einfach grinsen. Lukas hingegen, mit dem Simon auch schon während der Realschule lange in einer Klasse und befreundet gewesen war, schien wenig erstaunt. „Ich habe mich schon gefragt, wann du es mir endlich mal sagst…“ grinste er seinen Kumpel nur an, woraufhin es an Simon war, ihn fragend anzuschauen.

Der Rest der Klasse schien sich auch so langsam wieder zu fangen und die verblüffte Stille schwang in viel Gerede, Gelächter und allgemeine Heiterkeit um. Es ging dabei wenig überraschenderweise sehr entspannt zu, was mich sehr für Simon freute. Schließlich drehte er sich zu mir um und lächelte mich breit an, sichtlich erleichtert über alles. Danach drehte er sich wieder zu Lukas, offensichtlich um sich erklären zu lassen, woher dieser wusste, dass er schwul war.

Währenddessen startete auch Felix einen Versuch, mich über diese überraschende Wendung zu befragen. „Das hast du gewusst, oder?“ begann er, offensichtlich immer noch sehr erstaunt. Tja, bis vor einer Woche bestand unsere Freundesgruppe in der Klasse für ihn noch aus vier Hetero-Jungs, und jetzt hatte er gelernt, dass zwei davon ziemlich schwul waren, ohne dass er es je geahnt hatte.

„Ja, ehrlich gesagt schon…“ gestand ich. „Und noch ein bisschen mehr…“ setzte ich noch einen drauf, weil es mir gerade Spaß machte, ihn sprachlos zu sehen. Außerdem gab es für Simon und mich jetzt sowieso keinen wirklichen Grund mehr, unsere Beziehung vor unseren Freunden geheim zu halten.

Bevor ich es aber schaffte, weiterzuerzählen und Felix somit vollständig von den Socken zu hauen, kam Herr Bergmüller zu uns. Seinen Unterricht, wenn man diese Stunde denn so nennen wollte, konnte er inzwischen sowieso vergessen, denn dazu waren wir alle viel zu durcheinander. Offensichtlich war er da nicht böse drum, die Stunde schien auch für ihn ein voller Erfolg, ging es doch hauptsächlich darum, uns für dieses Thema zu sensibilisieren. Das war wohl spätestens jetzt eindeutig geschafft. Stattdessen wollte er jetzt wohl noch ein Gespräch mit uns führen, in seiner Eigenschaft als Klassenleiter natürlich und ganz sicher nicht, weil er neugierig war.

„Na, Jungs?“ setzte er an und setzte sich auf einen der Tische, die neben uns standen.

„Sollen Felix und ich kurz woanders hingehen?“ fragte Lukas schnell, wovon Felix offensichtlich nicht begeistert war, schließlich wollte er ja alles mithören. Wäre mir andersrum auch so gegangen…

„Von mir aus eigentlich nicht, außer die beiden wollen gerne in Ruhe mit mir reden.“ antwortete Herr Bergmüller. „Falls ihr denn überhaupt reden wollt?“ fügte er noch schnell hinzu, er wollte uns scheinbar zu nichts drängen.

„Schon okay.“ beantwortete Simon gleich beide Fragen.

„Gut. Also, viel zu sagen gibt es ja eigentlich nicht mehr, denn offensichtlich scheint hier in der Klasse niemand ein Problem damit zu haben. Ich wollte euch nur bitten, wenn es an der Schule irgendwann mal Schwierigkeiten geben sollte, dass ihr zu mir kommt und mir davon erzählt. Es ist wichtig, dass ihr Unterstützung habt, denn ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht immer so einfach sein wird wie hier und heute. Umso mehr bin ich stolz auf euch und auch auf die Klasse, dass ihr hier den Mut hattet, euch zu outen!“ Mit einem Nicken deutete Herr Bergmüller an, dass sein Vortrag beendet war. Er lächelte uns nochmal aufmunternd zu, wir bedankten uns für die angebotene Hilfe, dann lies er uns wieder allein mit unseren neugierigen Freunden.

Ich brach als erster das Schweigen: „Sag mal Lukas, woher wusstest du es bei Simon eigentlich?“ Ja, ich gebe es zu, ich bin nicht weniger neugierig als die anderen…

„Ach du, ich kenn ihn ja schon ein paar Jahre und mir ist einfach aufgefallen, dass er nicht nur nie über Mädchen redet oder eine Freundin hatte, sondern ihnen auch nie mal interessiert hinterhergeschaut hat wie jeder andere Junge in unserem Alter auch. Von da an war es nicht schwer, seinen Blicken zu folgen. Und wie er dich im Unterricht immer angehimmelt hat, Paul…“ erzählte Lukas mit einem Grinsen, woraufhin Simon ihn nochmal entgeistert anstarrte.

„Das hast du gemerkt?“ stotterte er sichtlich verlegen und wurde rot. Schon süß…

„Klar. Und auch, wie Paul ebenso fasziniert zurückgestarrt hat…“ zwinkerte mir Lukas nun zu, woraufhin es an mir war, rot zu werden. Lukas schien ein deutlich besserer Beobachter zu sein, als ich gedacht hätte.

„Pauls Outing hat mich wenig überrascht und bei Simon war ich mir fast zu hundert Prozent sicher.“ schloss unser neu entdeckter Klassen-Sherlock seinen Bericht. Während Simon und ich uns etwas verlegen angrinsten, fand auch Felix seine Sprache wieder.

„Krass, das wäre mir nie aufgefallen.“ meinte er. „Warum hast du mir nie etwas gesagt?“

„Ich heiß ja nicht Jan.“ grinste Lukas ihn an, woraufhin wir alle vier anfangen mussten zu lachen.

„So ihr beiden, jetzt hört aber mal auf so gespielt unschuldig zu schauen und rückt mal lieber mit der Wahrheit raus…“ wandte sich Felix jetzt mit einem Lächeln an uns.

„Najaaaa, also…“ druckste ich etwas unsicher herum, doch Simon schien da etwas weniger zimperlich zu sein.

„Wir wissen es ehrlich gesagt erst seit Montag voneinander.“ gestand er. „Und wir haben herausgefunden, dass wir tatsächlich jeweils auf den anderen standen…“ Jetzt wurde er doch etwas unsicher, wie weit er erzählen sollte.

„Jetzt kommt schon, macht es nicht so spannend! Ihr seid zusammen, oder?“ griff Lukas jetzt ein, wobei er so klang, als wüsste er auch das schon längst. So wie er uns angrinste war es jedenfalls nicht als Frage gemeint.

Dagegen waren wir machtlos. „Ja.“ gab ich zu. „Aber nicht so laut, es muss ja nicht gleich jeder wissen, okay?“ Dass die ganze Klasse wissen könnte, dass wir ein Liebespaar waren, stellte ich mir deutlich peinlicher vor, als ihnen nur zu sagen, dass man schwul war. Ich vermutete mal, dass sowieso schon über uns gemunkelt wurde, aber man musste es ja nicht gleich bestätigen.

„Klar. Und Glückwunsch.“ grinste Felix mich daraufhin an. Offensichtlich meinte er es auch so, was mich extrem freute. „Voll cool, da muss ich mir nie wieder sorgen machen, dass einer von euch beiden mir ein Mädel wegschnappen könnte.“ fügte er noch mit einem Augenzwinkern hinzu.

Den verbleibenden Rest der Stunde herrschte weiterhin etwas Chaos in der Klasse, überall wurde untereinander geredet und gelacht, Herr Bergmüller machte auch keine Anstalten mehr, seinen Unterricht fortzuführen. Er hatte ja erreicht, was er erreichen wollte.

Als wir uns schließlich zu viert auf den Weg in Richtung U-Bahn machen, war bereits wieder eine gewisse Normalität eingekehrt, wir waren gut drauf und lachten viel, es schien Felix und Lukas aber nicht mehr groß zu interessieren, was jetzt mit Simon und mir war. So soll es doch sein, dachte ich mir und lächelte Simon glücklich an. Als Antwort nahm er kurz meine Hand und drückte sie – es fühlte sich gut an, dies einfach so tun zu können, ohne Angst haben zu müssen, dass uns jemand entdecken könnte.

„Ihr könnt euch meinetwegen auch gerne küssen…“ grinste uns Felix direkt wie immer an, als er uns sah. Naja, man muss es ja nicht gleich übertreiben, weswegen ich ihm zur Antwort nur freundschaftlich in die Schulter boxte.

„It’s something, that look in your eyes tonight

Like magic, it’s changing everything in sight

I hear it, all around me everyday

in the music that you play

This is a song about boys and girls

You hear it playing all over the world”

(Pet Shop Boys – All over the world*)

Zuhause angekommen warf ich mich erstmal auf mein Bett und hörte eine Runde Musik. Endlich Wochenende! Ich war einerseits glücklich, denn was heute in der Schule passiert war, fühlte sich einfach nur befreiend an. Unsere Freunde hatten unser Schwulsein akzeptiert und hatten auch keinerlei Probleme damit, dass Simon und ich zusammen waren. Wir konnten in Zukunft sein, wer wir wirklich sind.

Andererseits hatte ich ein wenig Angst vor dem, was jetzt kommen musste. Bisher war es immer gut gegangen, wenn ich einem mir wichtigen Menschen erzählt hatte, dass ich schwul bin. Doch was wäre schon passiert, wenn es schiefgegangen wäre? Im schlimmsten Fall wäre eine Freundschaft daran zerbrochen, das wäre natürlich schade gewesen. Aber andererseits hätte ich auf Freunde, die damit Probleme gehabt hätten, sowieso verzichten können.

Mit meinen Eltern ist das etwas ganz Anderes. Mit ihnen konnte ich nicht einfach den Kontakt abbrechen oder die Freundschaft kündigen, wenn es schiefgehen würde. Ich war an sie gebunden, sie waren meine Familie und sie bedeuteten mir logischerweise noch viel mehr als die besten Freundschaften. Ich hoffte in diesem Moment so sehr, dass auch diesmal alles gut gehen würde und dass sie es akzeptieren konnten.

6. Kapitel

„It hurts too much to face the truth

To face the truth”

(Pet Shop Boys – To face the truth*)

Es war Freitagabend, wir hatten gerade gegessen und meine Schwester Marie war soeben zurück in ihr Zimmer gegangen. Am liebsten hätte ich es ihr gleichgetan und alles auf den nächsten Tag verschoben, aber ich wusste, dass jetzt der richtige Moment war. Wenn ich es jetzt nicht durchziehen würde, würde ich es nie tun.

Ich bemühte mich, gleichmäßig zu atmen und mich zu beruhigen, doch ich zitterte trotzdem weiterhin. Na das konnte was werden.

„Ist noch was, Paul?“ fragte meine Mutter jetzt, nachdem sie bemerkt hatte, dass ich noch nicht gegangen war. Sie lächelte mich fragend an. Mir wurde schlecht.

„Ja, also… ich wollte noch mit euch reden…“ stammelte ich.

Mein Vater setzte sich auf die Couch und forderte meine Mutter und mich mit einer Handbewegung auf, uns ebenfalls zu setzen. „Erzähl!“ forderte er mich mit einer gewissen Neugier in seiner Stimme auf.

Ich starrte auf die Kerze, die auf dem Couchtisch vor sich hin brannte. Sie kam mir plötzlich wahnsinnig interessant vor. Ich brachte es einfach nicht fertig, ihnen dabei in die Augen zu sehen.

„Ich… also... ich bin schwul.“ Die Worte waren kaum mehr als ein Flüstern, trotzdem waren sie deutlich zu verstehen gewesen, denn im Wohnzimmer war es plötzlich mucksmäuschenstill. Ich schaute immer noch stur geradeaus und beobachtete das unregelmäßige Flackern der Kerzenflamme.

Meine Eltern hatten noch immer kein Wort gesagt, und auch wenn es nur wenige Sekunden waren, fühlte es sich an, als würde sich die Stille über Minuten hinziehen. Dann standen die beiden plötzlich auf, kamen zu mir rüber, zogen mich vom Sofa hoch und umarmten mich einfach. Wir schwiegen noch immer und standen eine Weile einfach nur zu dritt so da. Ich hörte, wie meine Mutter leise zu weinen anfing. Ich merkte, wie ich durch die Umarmung langsam wieder ruhiger wurde und aufhörte zu zittern. Mein Vater begann, mir langsam über den Rücken zu streichen. „Es ist okay.“ murmelte er – auch seine Stimme klang brüchig. Es dauerte ein paar Minuten, bevor wir die Umarmung auflösten und uns wieder setzten.

„After all that we’ve been through

only tears can tell the truth

I’m not crying just for you

I’m crying for me

Look around and see

I’m crying for all of us”

(Pet Shop Boys – For all of us*)

Wir saßen an diesem Abend noch lange zusammen und redeten. Nach einer Weile war ich auch wieder soweit, dass ich mich normal unterhalten konnte, ohne dabei zu zittern und zu stottern. Meinen Eltern hingegen kamen immer wieder die Tränen. Sie sagten mir, dass sie immer hinter mir stehen würden und dass es für sie okay wäre, dass sie aber einfach nicht damit gerechnet hatten und daher in gewisser Weise all ihre Pläne und Vorstellungen für meine Zukunft von einem Moment auf den anderen über den Haufen geworfen wurden. Ich konnte mir vorstellen, dass das hart war – sie brauchten offensichtlich Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden. Ich nahm es ihnen nicht übel, schließlich hatte ich selbst zwei Jahre dafür gebraucht, es zu akzeptieren.

Ansonsten lief es aber recht gut, sie hatten natürlich viele Fragen, wie das eigentlich so ist und wie ich es gemerkt hatte, die ich aber alle gut beantworten konnte. Nur bei der Frage, ob ich denn in jemanden verliebt war, zögerte ich ein wenig. Wäre es arg schockierend, ihnen jetzt auch noch zu sagen, dass ich schon einen Freund gefunden hatte? Schließlich erzählte ich ihnen aber von Simon und mir. Meine Eltern kannten Simon bereits, da er ja in letzter Zeit oft bei mir gewesen war, deswegen waren sie gar nicht mehr so überrascht, dass da mehr dahintersteckte. Der Kommentar von meiner Mutter: „Immerhin hast du einen guten Geschmack, mein Sohn!“ Ich war trotzdem erleichtert, dass meine Eltern Simon zuerst als normalen Freund von mir kennengelernt hatten und er damals schon einen guten ersten Eindruck auf sie gemacht hatte – wer weiß, wie das gewesen wäre, wenn sie ihn von Anfang an als Schwulen gesehen hätten…

Nach drei Stunden Gespräch mit Mama und Papa ging ich dann ziemlich erschöpft aber glücklich ins Bett. Ja, es war am Anfang komisch gewesen und natürlich waren sie auch nicht begeistert, doch sie akzeptierten es trotzdem und am Ende hatten wir sogar schon wieder gemeinsam Witze darüber machen können.

Ich konnte es selbst noch nicht fassen: Vor weniger als zwei Tagen konnte ich mir selbst gegenüber erst zugeben, dass ich schwul war und inzwischen wussten es sowohl meine Freunde und Klassenkameraden als auch meine Eltern – und niemand hatte wirklich ein Problem damit. Und dann war da noch Simon, der Junge meiner Träume, mit dem ich so überraschend zusammengefunden hatte. All das war fast zu schön, um wahr zu sein!

„See the tension in your face

Feel the nerves when we embrace

What emotions do you hide?

All those years of silent thought

betrayed by those whose help you sought

exiled, lost and forced inside

If you want me, I will listen to your words

The dreams you have deferred, the battles fought

If it helps to take me to those dark extremes

the meaning of your dreams, the way you’ve thought

Just talk, I’m listening”

(Pet Shop Boys – Listening*)

Am nächsten Morgen erwartete mich eine WhatsApp von Simon. Gespannt öffnete ich sie und war extrem erstaunt über das, was ich zu lesen bekam.

„Wahnsinn! Hab mich gerade auch bei meinen Eltern geoutet, kanns immer noch nicht so ganz glauben! Wie liefs bei dir?“

War das gerade alles nur ein Traum oder konnte es wirklich sein, dass es zurzeit eine positive Nachricht nach der nächsten gab? Ich freute mich wirklich für Simon und war begeistert, dass wir uns jetzt endgültig nicht mehr vor irgendwem verstecken mussten.

„Wow, sehr cool! Glückwunsch! Bei mir wars auch gut!“ schrieb ich ihm zurück.

„Freut mich! Meine Eltern wollen dich übrigens kennenlernen! ;)“ kam es daraufhin als Antwort. Tja, nicht nur seine Eltern, auch meine brannten darauf, ihn ganz genau unter die Lupe zu nehmen, jetzt wo sie wussten, wer er wirklich war. Das konnte noch lustig werden.

Wir schrieben noch eine Weile, bevor ich mich schließlich überwinden konnte, aufzustehen und ins Bad zu gehen. Als ich zurückkam, wurde mir nochmal eine Nachricht von Simon angezeigt.

„Magst du heute mal zu mir kommen?“ stand darin nur, zusammen mit einem Herz. Ich lächelte, bevor ich ein kurzes „Ja“ zurückschrieb. Bisher hatten wir uns immer nur bei mir getroffen, da meine Eltern tagsüber meistens nicht zuhause waren, daher freute ich mich umso mehr, dass wir uns nun problemlos auch bei ihm treffen konnten, ohne uns zu verstellen.

Es wurde noch ein toller Tag, das Kennenlernen mit Simons Eltern würde ich mal als sehr erfolgreich beschreiben. Die beiden waren total nett zu mir gewesen, und wenn sie irgendwelche Probleme damit gehabt hätten, dass ihr Sohn seinen Freund anschleppte, nur wenige Stunden nach dem Outing, dann konnten sie es zumindest extrem gut verbergen. Ich als Laie würde aber mal sagen, dass ihre Gesichtsausdrücke und Körpersprache ausschließlich Freude und positive Neugier ausdrückten. Vielleicht hatten sie es ja auch schon länger vermutet – soll bei manchen Leuten ja vorkommen wie wir in den letzten Tagen erfahren hatten.

Tja, und dann waren da noch die Momente, die Simon und ich zu zweit verbrachten, die erheblich dazu beitrugen, dass dieser Tag ganz besonders schön wurde. Dabei belasse ich es mal.

Wie auch immer, in meinem Gesicht hatte sich irgendwann jedenfalls ein gewisses Dauergrinsen festgesetzt, welches von dort auch nicht mehr so schnell wieder verschwinden würde.

„Sometimes someone gets upset

doesn‘t hear the laughter

takes it as a threat

but it’s different after

After the event

looks like someone’s smiling

happy to be here

Blue skies, heaven-sent

(Pet Shop Boys – After the event*)

Epilog

„Clouds drift away when they see you

Rain wouldn’t dare to fall near you here

Miracles happen when you’re around

Somehow the grass is much greener

Rivers flow faster and cleaner

Being with you, no matter where

sunlight breaks through and suddenly there’s

a bluer sky, whenever you’re around

You always bring a bluer sky, a brighter day”

(Pet Shop Boys – Miracles*)

Ein paar Wochen später – inzwischen war es Frühling geworden. Die Nachmittagssonne strahlte vom Himmel und die Natur schien dabei endlich aufzutauen, nach der langen Kältestarre, die hinter uns allen lag. Die ersten Frühjahrsblüher waren zu sehen und streckten ihre Köpfe nun begierig der Sonne entgegen. Viele verschiedene Vögel waren unterwegs, flatterten von einem Ast zum nächsten, suchten auf dem Boden nach Futter und zwitscherten dabei lautstark, wie um für extra gute Stimmung sorgen zu wollen. An den Büschen und Bäumen waren die ersten Knospen zu sehen und natürlich zog es die Menschen an diesem Tag in Massen an die frische Luft, um diesem Schauspiel beizuwohnen und Sonne zu tanken.

Simon und ich hatten uns in München getroffen, hatten bereits das erste Eis des Jahres verputzt und spazierten nun unter den Bäumen an der Isar entlang. Die positive Stimmung überall um uns herum war so stark, dass auch wir uns davon anstecken ließen und nochmal deutlich besser gelaunt waren als sonst schon. Mal redeten wir viel, dann waren wir plötzlich wieder ruhig und lauschten fast andächtig den verschiedenen Geräuschen, die uns hier umgaben und sich zu einer einzigen Symphonie zusammensetzte. Das Rauschen der Isar, das Zwitschern der Vögel, das Lachen der Menschen und etwas weiter entfernt die Geräusche der Großstadt – hupende Autos, die Trambahnen, die über die Maximiliansbrücke rumpelten, verschiedene Laute, die aus den umliegenden Straßencafés kamen, ab und zu ein Flugzeug. Immer wieder sahen wir uns in die Augen und konnten uns dabei ein Grinsen nicht verkneifen.

In diesen Momenten, in denen ich Simon so ansah, mit seinen Grübchen, wenn er lachte, den vom leichten Wind etwas zerzausten Haaren und den aufgeweckt funkelnden Augen, die mich sanft anblickten, wurde mir klar, dass ich diesen Jungen wirklich liebte.

Nach den sehr ereignisreichen Tagen, in denen wir zusammengefunden und uns geoutet hatten, folgte zum Glück wieder eine etwas ruhigere Zeit. Der Positivtrend setzte sich erstmal weiter fort, denn auch meine Eltern schienen Simon zu sehr zu mögen. Sie brauchten zwar noch ein bisschen Zeit, um sich an alles zu gewöhnen, doch seitdem ist unser Verhältnis fast noch besser als zuvor.

Auch in der Schule nahm alles wieder seinen gewohnten Gang, niemand von den Leuten, die uns wichtig waren, verhielt sich uns beiden gegenüber irgendwie zurückhaltender. Klar, ab und an wurden wir auf dem Gang mal schief angeschaut, aber das war uns ziemlich egal.

Felix hatte es tatsächlich geschafft, mit Alina – dem Mädchen, von dem er mir vorgeschwärmt hatte – zusammenzukommen. Irgendwie. Ich freute mich sehr für Felix, denn die beiden passten gut zueinander. Ab und zu trafen wir uns zu viert miteinander – Felix und Alina sowie Simon und ich – doch irgendwie war das etwas seltsam, da jedes Pärchen irgendwann mehr mit sich selber beschäftigt war.

Da mochte ich es lieber, wenn wir Alina gegen Lukas austauschten und wir in unserer Vierergruppe aus der Schule zusammen waren. Simon und ich schafften es dann sogar ganz gut, unsere Gefühle zueinander nicht zu offensichtlich zu zeigen, so dass es sich noch genauso unbeschwert und lustig anfühlte wie früher.

Auch mit Lena traf ich mich öfter. Sie schien sehr gut darüber hinweggekommen zu sein, dass aus uns beiden nie etwas werden würde und schien es inzwischen sogar sehr cool zu finden, dass ich schwul war. Irgendwie sind Frauen da doch alle gleich und schwule Freunde sind immer ganz besonders toll. Aber solange sie mich nie fragt, ob ich mit ihr shoppen gehen will, ist mir das relativ egal.

Alles in allem könnte es zurzeit also kaum besser laufen und manchmal liege ich abends im Bett und habe Angst, dass irgendwann alles von einem Tag auf den anderen wieder zusammenbrechen könnte, schließlich ist es fast schon zu schön um wahr zu sein. Allerdings mache ich mir solche Sorgen meistens nur sehr kurz, denn im nächsten Moment wird mir meistens klar, dass wir nie sicher davor sein werden, alles zu verlieren, solange man etwas hat, was einem etwas bedeutet. Umso wichtiger ist es denke ich also, die guten Zeiten zu genießen. Und das tue ich zurzeit so oft wie möglich.

„Was ist?“ fragt mich Simon belustigt, nachdem ich ihn wohl etwas zu lang verträumt angehimmelt hatte. Wir sind mitten auf dem Weg stehen geblieben, während links und rechts von uns die Menschen vorbeispazieren. Kurz brauche ich einen Moment, um mich zu sammeln, dann bin ich wieder im Hier und Jetzt angekommen.

„Nichts.“ grinse ich ihn an. Dann blicke ich ihm wieder etwas ernster in die Augen. „Ich liebe dich!“

Er lächelt. „Ich dich auch!“

Ich lege meinen Arm um ihn und gemeinsam laufen wir weiter an der Isar entlang, der Sonne und einer goldenen Zukunft entgegen.

„It’s like a drug. It‘s like a dream

A European film we could have seen

I can feel the sunshine warmer

And every bird in the sky’s a performer

A tingle-tangle chittering and chattering

By the fountain spluttering and splattering

On and on all through the summer night

then taking flight

You are the one

You are the one I want

The one”

(Pet Shop Boys – You are the one*)

Ende

„Take my hand, I’ve changed my mind again

Really I believed it true that all who fell in love were foolish

But I was wrong, I’ve learned that lesson well

All the way back home at midnight

you were sleeping on my shoulder

Take my hand. Don’t think of obligations

Now, right now, your love is liberation

To free in me the trust I never dared

I always thought the risk too great but suddenly I don’t hesitate so

Take my hand. Don’t think of complications

Now, right now, your love is liberation

Liberation

The night, the stars. A light shone through the dark

All the way back home at midnight, you were sleeping on my shoulder

Take my hand. Don’t think of hesitation

Now, right now, your love is liberation

Liberation

Back home at midnight

All the way back home at midnight”

(Pet Shop Boys – Liberation*)

Nachwort

Das war Liberation, ich hoffe sehr, dass die Geschichte dem ein oder anderen Leser gefallen hat!

Eine Sache, die mir ehrlich gesagt erst beim Korrekturlesen kurz vor der Veröffentlichung aufgefallen ist, sind einige Parallelen zum Film und teilweise auch zum Buch „Love, Simon“. Da wäre zuerst mal eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Jan aus dieser Geschichte und Martin aus „Love, Simon“ – beide outen die jeweilige Hauptfigur vor der Klasse beziehungsweise vor der Schule, und auch charakterlich scheinen die beiden nicht unähnlich zu sein. Außerdem spielen beide Geschichten in einem schulischen Umfeld, beide sind eine Kombination aus Coming-Out- und Lovestory und außerdem heißt eine meiner Hauptfiguren Simon.

Eigentlich vergleiche ich meine Geschichte nur sehr ungerne mit einem Meisterwerk (meiner Meinung nach zumindest) wie „Love, Simon“, denn es ist vollkommen eindeutig, dass „Liberation“ nicht mal ansatzweise diese Qualität besitzt und sie auch niemals hätte erreichen können – die beiden Geschichten spielen einfach in zwei ganz unterschiedlichen Ligen. Ich möchte mit diesem Absatz nur kurz versichern, dass meine Story kein billiger Abklatsch von „Love, Simon“ sein sollte, falls irgendwer beim Lesen diesen Eindruck hatte. Ja, es gibt inhaltliche Ähnlichkeiten, vor allem beim Thema „Zwangsouting“, aber ich habe damals beim Schreiben wirklich in keinster Weise in diese Richtung gedacht. Ich kannte den Film zwar schon und mochte ihn auch damals schon sehr, aber es war nie meine Absicht, in dieser Story irgendwelche Parallelen in diese Richtung einzubauen. Und außerdem muss man auch sagen, dass sich die beiden Handlungen zu einem sehr großen Teil auch stark unterscheiden.

Gewisse Parallelen bei Coming-Out-Geschichten werden sich allgemein vermutlich nie ganz vermeiden lassen, schließlich beschäftigen sie sich ja alle wie der Name schon vermuten lässt mit dem gleichen Thema. Das ist eben manchmal etwas limitierend.

Abschließend möchte ich hier außerdem nochmal festhalten, wie unglaublich kitschig und teilweise unrealistisch ich die Story selbst beim Korrekturlesen fand. Wenn all diese Glücksgefühle in Geschichten nicht immer so schön zum Lesen wären, hätte ich vor lauter glücklichen Zufällen fast schon selbst die Augen verdrehen müssen. Nennt mich ruhig Rosamunde Pilcher 2.0 wenn ihr möchtet – es fehlen eigentlich nur noch die englischen Landschaften, eine kleine Prise zwischenzeitlicher Herzschmerz, der ein oder andere Adelstitel und ein wenig heterosexueller hätte die Story vielleicht auch noch sein müssen. (Achtung, dieser Absatz kann Spuren von Selbstironie und Sarkasmus enthalten – bitte nicht ganz ernst nehmen!)

Nein, Spaß beiseite, ich hoffe, dass dem ein oder anderen Leser die Geschichte trotzdem gefallen hat, obwohl sie inhaltlich vielleicht nicht allzu oft überraschen konnte. Gleichzeitig hoffe ich, dass die Songzitate niemanden gestört haben – vielleicht gab es ja sogar den ein oder anderen, der ihnen etwas abgewinnen konnte und sie mitgelesen hat. Hört euch auch gerne die passenden Lieder dazu an, es lohnt sich… ;)

Vielen Dank fürs Lesen an dieser Stelle – wer sich eine Fortsetzung mit Paul und Simon wünscht, der kann mir das sehr gerne schreiben, vielleicht werde ich diese dann ja eines Tages schreiben.

*

Pet Shop Boys – Closer to heaven (slow version)

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Heart

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Liberation

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – A red letter day

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – I’m not scared

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Was it worth it?

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Vulnerable

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Se a vida é (That’s the way life is)

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe / Ademario / Negra / Do Barbalho

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Always

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Being boring

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – King’s Cross

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Happiness

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: x2 Recordings Ltd under exclusive licence to Kobalt Label Services

Pet Shop Boys – Discoteca

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Only the dark

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: x2 Recordings Ltd under exclusive licence to Kobalt Label Services

Pet Shop Boys – Betrayed

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – All over the world

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – To face the truth

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – For all of us

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Listening

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – After the event

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – Miracles

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe / Adam Fenton / Daniel Stein

Verleger: Parlophone Records Ltd

Pet Shop Boys – You are the one

Songwriter: Neil Tennant / Chris Lowe

Verleger: x2 Recordings Ltd under exclusive licence to Kobalt Label Services

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