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Anders als geplant

Teil 7

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Inhaltsverzeichnis

David

Nach ewigen Stunden hatten wir den Whirlpool verlassen und uns aufs Bett zurückgezogen, wo wir aufgrund der späten Stunde allerdings ziemlich schnell einschliefen.

Am nächsten Morgen wurde ich von den Sonnenstrahlen geweckt, die sich durch das Fenster ihren Weg ins Zimmer bahnten. Neben mir räkelte sich Chris, bevor er einen Blick auf die Uhr geworfen hatte und entsetzt aus dem Bett sprang.

„Scheiße, schon so spät“, grummelte er, während er hastig seine Unterhose anzog und ins Bad sprintete, um zu duschen.

Ich warf einen Blick auf die Uhr. Viertel nach Zehn. Wirklich nicht gerade früh. Wach war ich dennoch noch nicht, was vermutlich an der langen Nacht gelegen hatte. Rückblickend konnte ichs immer noch nicht glauben.

Chris spurtete aus dem Bad und sah mich, als er sah, dass ich noch immer im Bett lag, ungnädig an. „Los, raus da. Wir müssen uns beeilen!“

Ich richtete mich folgsam auf, schleppte mich ins Bad, ignorierte dort das graue Gesicht, das mich im Spiegel ansah und ging duschen. Danach fühlte ich mich ansatzweise besser, stieg in meine Kleider und verließ zusammen mit dem ungeduldig wartenden Chris mein Zimmer. Vor seinem Gemach wurden wir schon von einem nervös aussehenden Taxifahrer erwartet, der offensichtlich die Aufgabe hatte, Chris zum Drehort zu kutschieren.

"Guten Tag", sagte Chris artig und fing sich nur einen bösen Blick des Fahrers ein, der wortlos an uns vorbeiging und uns ein Zeichen gab, ihm zu folgen.

"Dicke Luft", grinste mein Schatz im Flüsterton zu mir herüber.

Ich nickte nur beflissen: "Wann hätteste denn los gemusst?"

"Ach, gar nicht soooo schlimm, eigentlich. Um viertel vor zehn."

"Na dann", grinste ich.

Chris grinste zurück. "Unsere Verspätung garantiert uns immerhin die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden."

Ich sagte gar nichts mehr. Der Zweifel, ob Chris es wirklich fertig bringen würde, mal eben sein Management mit mir zu konfrontieren, war zu groß. Und weil ich nicht für schlechte Stimmung sorgen wollte, schwieg ich lieber. Das Taxi hielt an einer T-Kreuzung in einem schäbigen Vorort. Es war einer dieser typisch hanseatischen Orte mit lauter roten Backsteinhäusern, in denen man sich als ortsunkundiger Besucher sofort verläuft, weil jedes Haus irgendwie gleich aussieht.

Chris sprang aus dem Wagen und ging zielstrebig die Straße hinunter, bis er an ihrem Ende angekommen war. Dort - nur durch Absperrband von der Aufmerksamkeit potenzieller Beobachter abgetrennt - standen drei silbern glänzende Wohnwagen vor einem etwas zurückliegenden Haus mit großem Garten; dem Drehort, wie ich vermutete.

"Wir drehen so ein boygroupmäßiges Video mit Tanzen im Regen auf offener Straße. Gleich da hinten is die Regenmaschine", sagte Chris und zeigt mit ausladender Bewegung auf einen schwarzen Kasten, aus dem mehrere gelbe Schläuche ragten.

Ich nickte verblüfft, weil mir der Drehort ziemlich klein vorkam und kam mir vor wie ein Besucher in einer Freakshow, als ich um die besagte Regenmaschine herumlief - wohl auch, weil ich in diesem Moment registrierte, dass ich genau so angeschaut wurde. Und zwar von Izzy und Mikel, die in diesem Moment die Tür des Band-Wohnwagens geöffnet hatten.

„Was machst du denn hier?“, fragten die Beiden kurz nacheinander zeitversetzt und in ihrer jeweiligen Muttersprache. Ich musste lachen, so seltsam klang dieses Sprachkuddelmuddel. Als ich mich wieder gefasst hatte, nahm Chris demonstrativ meine Hand, nickte den Beiden zu und sagte: „DAS macht er hier!“

„Ah....sozusagen psychosoziale Betreuung eines liebeskranken Herzens, oder wie?“, fragte eine Stimme hinter mir. Dort stand Jay und grinste. „Schade, dass Chris dich abbekommen hat, David. Du bist wirklich süß!“

Dazu fiel mir nun wirklich nix mehr ein - außer rot zu werden, was alle Umstehenden mit einem lauten Lachen quittierten.

„Sind denn hier eigentlich alle Männer schwul?“, zitierte Mikel mit gespielt gequältem Gesichtsausdruck den Film „In & Out“.

Jay ging auf ihn zu, zog ihn an sich und spielte den Schmachtenden: „Warum hast du das denn nicht früher gesagt, Baby, wir hätten doch....“, weiter kam er nicht, weil Mikel angefangen hatte zu lachen, kaum dass Jay ihn „Baby“ genannt hatte.

„Äh...ja“, grinste er, nachdem er sich beruhigt hatte. „Wenn Richie dann mal kommt, dann könnten wir direkt anfangen!“

Chris schaute ihn entgeistert an. „Richie ist noch nicht da?“

„Nein, er hat die Tür nicht geöffnet, als der Fahrer ihn abholen wollte“, sagte Jay überraschend ruhig. „Anjes ist gerade los, um nach dem Rechten zu sehen.“

In mir keimte Sorge. Warum waren die Beiden noch nicht hier? Ich hatte weder Lucas noch Richie nach unserem Abschied in der Hotellobby gesehen - und in unserem Zimmer hatten die Beiden noch keinen Fuß gesetzt, was logisch war, weil ich noch keine Gelegenheit gehabt hatte, ihnen mitzuteilen, wo wir überhaupt logierten.

Chris lenkte mich von diesen Gedanken dadurch ab, dass er mir den Rest des Stets zeigte. Den Wagen der Maskenbildner, das Cateringzelt, das versteckt im Garten des Hauses aufgebaut war und natürlich den Drehort selbst, der nichts anderes war als der Wendehammer einer Hamburger Einbahnstraße.

Wir hatten es uns gerade im Cateringzelt bequem gemacht, ich lag auf seinem Bauch und er fütterte mich mit Obststücken als die Richie und Lucas am Set ankamen. Also, zumindest hörte ich ein Auto kommen und warf Chris einen fragenden Blick zu. Der nickte kaum merklich und flüsterte: „Wir warten nur noch auf die. Jemand anders kanns kaum sein!“

Es war dann auch niemand anderes. Das hörten wir. Genauer gesagt hörten wir eine wütende Stimme, die - offenbar ziemlich vehement - auf jemanden einredete. Aus früheren Begegnungen war mir die Stimme natürlich recht gut bekannt: Es war Anjes. Wir konnten niemanden sehen, weil wir gerade am Cateringzelt standen, hörten aber dennoch ziemlich genau, was sie sagte. Wohl, weil sie immer näher kamen. Anscheinend hatte Anjes vor, ihre Wut mit einem Kaffee zu beruhigen. Denn das, was sie sagte, waren nicht eben Nettigkeiten.

Dann waren sie da. Noch bevor Chris und ich irgendwelche Sitzpositionen einnehmen konnten, die weniger eindeutig aussahen, stand Anjes im Zelteingang. Ihr folgten Lucas und Richie, beide eher genervt als betrübt aussehend und erduldeten ihre Schimpfkanonade, die Anjes allerdings so sehr in Beschlag zu nehmen schien, dass sie Chris und mich gar nicht bemerkte.

Sehr im Gegensatz zu den Beiden. Die hatten uns anscheinend sofort bemerkt und mussten sich zunehmend das Grinsen verkneifen. Anscheinend sahen Chris und ich wirklich niedlich aus, so ineinander verkeilt und mit aufmerksamen Blicken den Streit verfolgend. Ein bißchen wie beim Wrestling.

Ich wechselte einen Blick mit Lucas, der ingesamt ganz zufrieden wirkte und mir leicht zunickte.

Anjes hatte uns derweil immer noch nicht bemerkt. Erst als Chris zuerst mir und dann sich selbst eine Apfelspelte in den Mund schob und derweil mit großen Augen die Geschehnisse verfolgte, musste Richie derart lachen, dass Anjes ihn zuerst ungläubig ansah und dann brüllte:

„Hey, whats up? Listen to me!“

Jetzt lachte auch Lucas, weil Chris wohl noch größere Augen machte.

„Isch lache nischt übä disch“, japste Richie. Erst jetzt kam Anjes wohl in den Sinn, sich mal hinter ihr nach dem Grund für die unangebrachte Heiterkeit ihrer Schützlinge umzuschauen.

Noch während sie sich zu uns umdrehte, entgleiste ihr Gesicht.

Wirklich. Hatte ich geglaubt, Chris habe entgeistert geguckt, als ich unangemeldet vor seiner Tür stand, so hatte Anjes diesesn Anblick selbst noch einmal um das tausendfache überboten. Wäre die Lage nicht so ernst gewesen, dann hätte ich mich vor Lachen von der Bank geschmissen.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte Anjes mit der unverkennbaren Aggression eines Menschen in der Stimme, der kurz, wirklich ganz knapp, vor der Explosion steht.

„Haabrmpgf“, machte ich an Stelle einer Antwort, denn ich hatte vergessen, dass ich noch eine Apfelspalte im Mund hatte.

„Sitzen und Essen“, übersetze Chris.

Anjes starrte ihn an. Ich starrte ihn an. Die anderen beiden Jungs starrten ihn an. Chris war wirklich ganz schön frech, wenn er sich im Recht fühlte. Und irgendwie war ich ziemlich froh, dass er sich im Recht fühlte. Ich kannte ja auch die andere Seite.

Nachdenklich schluckte ich den letzten Rest Apfel herunter, richtete mich auf, und reichte ihr die Hand.

„Guten Tag“, sagte ich. Schließlich war ich ja gut erzogen.

„Danke. Den werd ich sicher nicht haben“, fauchte sie und sah mich angewidert an. Meine Hand nahm sie natürlich auch nicht. Und weil es seltsam aussieht, mit ausgestreckter Hand rumzustehen, legte ich sie ersatzweise auf Chris´ Schulter.

Anjes folgte der Bewegung mit den Augen und schien erst jetzt zu realisieren, was sie da eigentlich gerade gesehen hatte.

„Was tun Sie da?“, fragte sie und schöpfte damit das Maximum an blöden Fragen total aus.

Ich hingegen konnte förmlich sehen, wie Chris sich auf die Zunge biß, um keine allzu doofe Antwort zu geben.

„Ich lege meinem Freund die Hand auf die Schulter“, sagte ich.

„Wenn du willst, können wir uns auch küssen. Oder ficken!“, sekundierte Chris.

Anjes Blick wanderte von Chris zu mir und zurück. Er blieb bei mir haften und sie sah mich mindestens eine Minute lang durchdringend an. Währenddessen war es Totenstill im Zelt. Dann schluckte sie heftig, atmete einmal tief durch und sagte: „Jungs, ihr müsst zum Dreh!“

Und ging.

Lucas

Anjes musste resigniert haben an diesem Tag... sie ließ es einfach geschehen. Die Jungs brachten ihren Videodreh glatt über die Bühne - wenn sie dabei auch wirklich ziemlich nass wurden. Ich muss gestehen, meinen Liebsten so in durchnässten Klamotten zu sehen brachte mich schon wieder auf Gedanken...

Während sich die fünf in einem Garderobewagen trockneten und wieder in ihre normalen Klamotten stiegen, blieb ich mit David draußen auf der zunehmend einsam werdenden Straße zurück - das Drehequipment wurde schon eingepackt, und nach und nach rauschten die Wagen davon.

"Und", fragte mich David, "glaubst du, die lassen uns jetzt zusammenbleiben?"

"Nunja, zumindestens scheinen sie ihre offensiven Versuche abgebrochen zu haben, uns den Kontakt zu erschweren. Und scheinen sogar die Pannen zu ihrem Guten nutzen zu wollen." Ich erzählte ihm von meiner seltsamen Begegnung am Morgen, in der das unglückliche Foto schon als PR Masche diskutiert worden war.

"Und", fragte er weiter, "glaubst du auch... naja... es wird halten?"

Ich sah meinen besten Freund erstaunt an.

"Naja..." druckste der herum, "du weißt doch. Am Anfang ist alles immer ganz rosig, und später setzt dann die Realität ein. Und gerade in diesem Fall. Was wenn die mal... weit weg müssen, auf Welttournee oder so?" Er musste selber grinsen bei diesem Kommentar.

"Hat dich die Realität denn schon eingeholt?"

David grinste weiter. "Nee, noch nicht... Ich bin noch voll auf Drogen, wenn ich mit Chris bin, oder ihn sehe, oder an ihn denke."

"Na dann mach dir auch keine Gedanken, sondern genieß das. Wer weiß schon was wird. Aber jetzt ist es doch das beste was passieren konnte."

Wir setzten uns auf die kleine Mauer eines fremden Vorgartens, auf die noch ein Rest Hamburger Nachmittagssonne schien. Als wir in Richtung Set zurückblickten ging dort gerade die Tür des Wagens auf, in dem unsere Jungs verschwunden waren. Chris und Richie steckten ihre Köpfe raus und sahen sich suchend um. Ich streckte einen Arm nach oben und winkte, und sie kamen in unsere Richtung.

"Na, bist du schon wieder auf Drogen?" fragte ich. Davids Blick ließ von seinem Freund nicht ab. Er nickte nur leicht.

"Also los", sagte ich im Aufstehen, "dann nimm soviel von dem Zeug wie du kriegen kannst. Um den Entzug kannst du dir Sorgen machen, wenn es soweit sein sollte."

Epilog - Lucas

So oder so ähnlich ging es die nächsten Wochen weiter. Das Problem meiner spontanen Abreise nach Hamburg hatte ich meinen Eltern mit einer wirren Geschichte von David, einem schwerverletztem Freund und der Tatsache, dass ich ihn zur Unterstützung begleiten musste mehr schlecht als recht aber doch irgendwie einsichtig machen können. Davids Eltern, eingeweiht, hatten das dann auch unterstützt, so dass mich meine Mutter, oh Wunder, nichtmal zur Rückzahlung meiner "Reisekosten" verdonnerte, und mein Vater noch einen wohlwollenden Kommentar zum Thema Freundschaft abließ.

Wann immer es nun ging besuchten uns die Jungs, oder wir sorgten dafür, dass wir sie auf Terminen begleiten konnten – nur, mich meinen Eltern dann doch mal zu "offenbaren", das gelang mir irgendwie nie so recht.

Einige Zeit später erreichte mich mitten in der Nacht ein Anruf von Richie. Dass er mich zu ungewöhnlichen Zeiten anrief, kam schonmal vor, aber diesmal war etwas merkwürdges in seiner Stimme.

"Oh Lucas... du weißt isch liebe disch so sehr?"

"Ja... natürlich. Was ist denn los?"

"Oh Luc. Meina Eltern machen misch gehen zurück in die United States. Sie haban misch eine Flugzeugticket gekauft fur morgen fruh. Sie wollen nicht mehr dass isch so weit weg bin und Musik macha hier in Germany. Isch weiss nischt was ich soll machan. Isch will nischt weg von... von hier und von disch."

Ich wollte das sicher auch nicht, doch Richie erklärte mir, dass er jetzt erst einmal gehen müsse. Gemüter besänftigen, die Situation unter Kontrolle bringen.

"Isch rede mit ihnan. Isch komme zurück. Isch verschpresche."

Wir tauschten noch reihenweise Liebesbezeugungen aus, und dann war er irgendwann weg. Ich kletterte aus dem Bett, trottete in die Küche und fand dort etwas erkalteten Tee, der vom Abend noch über war. Während ich den zu mir nahm, begannen meine Gedanken zu schwirren.

Ich dachte an Davids Bedenken. Würden wir so eine räumliche Trennung auch durchstehen? Wie schnell würde er wirklich wieder hier sein können? Ich hatte Vertrauen in seine Absicht, und auch in meinen Willen, alle Hürden zu besiegen, um meinen Richie zu behalten. Und doch kamen wieder die bekannten Zweifel in mir auf.

Wer weiß schon was wird. Ich hatte es selber gesagt. Ich nahm einen letzten Schluck Tee und guckte in die Nacht hinaus. Ich nahm mir fest vor, alles zu tun, um hier gut rauszukommen. Von solchen Rückschlägen ließ man sich doch nicht einfach verjagen.

Ich stellte die Tasse weg und ging zurück in mein Zimmer. Es war wirklich spät und wirklich keine Zeit zum telefonieren. Und doch war mir klar, dass ich in so einer Situation nur eines tun konnte.

Ich rief David an.

Epilog - David

PR-Gags haben vor allem einen Nutzen: Sie sollen der Band hohe Aufmerksamkeit und damit dem Management viel Geld bescheren. Allen anderen - soll heißen: der Band, ihren Angehörigen und sogar den Fans - bescheren sie auch etwas. Eine ganze Menge Ärger nämlich.

Chris und meine Beziehung hätte ganz einfach sein können. Im Gegensatz zu vielen schwulen Jungs wohnen wir nicht wirklich weit auseinander, wir sind im selben Alter, haben unsere Outings ohne psychische Schäden überstanden und - naja - wir passen zusammen. Wie gesagt, es hätte alles ganz einfach sein können.

An das nichts-sagen-dürfen hatte ich mich gewöhnt und irgendwann sogar mal einen halbwegs netten Abend mit Anjes verbracht, an dem sie bekannte, sich sogar für uns zu freuen, aber eben ein wenig Angst vor den Konsequenzen zu haben. Viel schlimmer war, dass die Zeit, die ich mit Chris verbrachte, immer kürzer und verplanter wurde. Mehr als drei Stunden am Stück hatte er selten Zeit. Und das ist, wer ihn kennt, der weiß das, viel zu wenig für ihn, um sich entspannen zu können.

Und Lucas & Richie? Denen haben die PR-Tricks ja noch viel mehr mitgespielt. Da waren nicht nur diese Dementis, die Richie abgeben musste, als sie diese Klo-Bilder veröffentlichten. Welcher Beziehungspartner hört schon gerne, dass sein Mann gar nicht schwul ist. Und - welcher Mensch dementiert denn schon gerne das, was ihn glücklich macht.

Aber die PR-Geschichte schien zu funktionieren. Jedenfalls für das Management. So quetschten sie Richie weiter aus wie eine reife Orange. Und während die Band immer weniger Platten verkaufte, musste Richie die schwächelnde Band quasi alleine aus dem Dreck ziehen. Denn auch diese ganze „Ich darf aus den USA nicht weg“ Sache war wieder nichts, als eine billige Masche, um die Aufmerksamkeit der Fans zu bekommen. Und „der Glaubwürdigkeit halber“ hatte man Richie nichts davon gesagt.

Ich werde das Telefonat, das ich mit Lucas in der Nacht, nachdem Richie ihm erzählt hatte, dass sie sich wohl nicht wiedersehen könnten, nie vergessen. In dieser Nacht ist irgendetwas in mir kaputtgegangen. Ein Teil von mir war von Stund an gegen diese Beziehung. Und mit jeder flüchtigen Begegnung, mit jedem Telefonat, das von Chris mit einem „Du, ich muss los, hab dich lieb“ beendet wurde und mit jedem gescheiterten Versuch, mit ihm zusammen einfach nur so etwas ähnliches wie Privatleben zu genießen, wurde die Stimme in mir immer stärker, die sagte: Das geht so alles nicht.

Versuche, mit Chris darüber zu reden, scheiterten. Heute weiß ich, dass es ihm genauso ging und er nur Angst hatte, die Dinge würden schneller enden, wenn es erst einmal ausgesprochen war. So saßen wir irgendwann an jenem See, an dem das alles irgendwie begonnen hatte, nebeneinander am Ufer und sagten kein Wort. Als Chris zu seiner Band zurückmusste, sahen wir uns an und wussten - jeder für sich - dass es vorbei ist. Wir nahmen uns in die Arme, küssten uns und versuchten ein Lachen.

Die ganze Geschichte ist nun schon ein paar Monate her. Chris ist irgendwo in Australien unterwegs, touren. Promotion machen, für die neue Platte, die wohl überall ganz gut läuft, außer in Deutschland. Wären wir zusammen, wir hätten uns seit genau 10 Wochen nicht mehr gesehen. Wir schreiben uns regelmäßig. Und wenn es die Zeitverschiebung zulässt, dann versuchen wir, einmal die Woche zu telefonieren. Auf eine sehr schräge Art und Weise sind wir Freunde geworden. Und noch während ich unsere Geschichte hier zu Ende zu Papier bringe, merke ich, wie viel mir die Zeit mit ihm gegeben hat. Ich werde sie nie vergessen.

Es ist jetzt kurz nach Drei an einem Sonntag Morgen. Ich habe mich eben bei gayromeo angemeldet. Demnächst beginnt die Vorbereitung aufs Abitur. Was danach kommt? Keine Ahnung. Und ich habe auch keine Lust zu planen. Denn, auch das habe ich gelernt, es kommt immer anders. Anders als geplant.

ENDE

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