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Da war einst ein Traum

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Es gab ihn. Diesen Traum. Wir träumten ihn. Wir wollten ihn verwirklichen. Keiner konnte ihn uns nehmen, da unser Glaube ihn Wirklichkeit werden ließ. Es war die Vorstellung von einem Leben zu zweit, das wir leben wollten. Nichts stand uns im Weg, zumindest nichts Wichtiges.

Ich bog in die Große Allee ein, am fernen Himmel zogen dunkle Wolken auf. Es war unheimlich. Mein Ziel war nicht weit. Ich musste dorthin, koste es was es wolle. Selbst wenn die Hölle über mich hereinbrechen sollte. Wenn ich es jetzt nicht schaffen würde, dann vielleicht nie.

Es war immer wie ein Paradies, wenn du bei mir warst. War ich der Welt immer völlig entrückt, voll Erregung, voll Lust und Gier. Meine Sinne spielten verrückt, als du dich vereintest mit mir. Deine Berührungen konnte ich noch Stunden später spüren, deine Worte hallten noch Stunden später in mir nach. Ich liebte dich und du liebtest mich. Es war wie der siebte Himmel. Doch auch im Himmel musste man auf dem Boden bleiben. Eben dieser Boden der Tatsachen holte uns ein, viel zu schnell und härter als gedacht. Denn unser Traum konnte schnell ein Alptraum werden, es gab eine Winzigkeit, die uns alles zunichtemachen konnte. Unsere Hoffnung für ein schönes Leben war wie ein offenes Tor, welches viel zu schnell zugeschlagen werden konnte. Mein Herz, mein Alles, mein Schatz, war verheiratet. Seine Kinder gingen beide zur Schule. Ich wusste es...ich wusste es die ganze Zeit und hatte nichts dagegen getan. Was sollte ich auch tun, meine Liebe zu ihm machte mich blind für alles andere, ich sah nicht die Warnungen meiner Freunde oder meines Verstandes. Ich schob sie beiseite. Was sollte schon passieren?

Wir liebten uns und wir stritten uns. Ich machte ihm Vorwürfe, dass er seiner Frau nichts sagte und er war unglücklich über die ganze Situation. Er wollte seiner Frau alles beichten, aber ihm fehlte der Mut. Ich war egoistisch und stur, denn nur ich allein sollte ihn besitzen, niemand anders sonst.

Ich ging die Allee entlang, Baum um Baum. Jeder Meter, den ich ging, fiel mir schwerer. Die Last, die ich zu tragen hatte, wurde immer schwerer, das Gefühl, dass ich zusammenbrach, wurde immer stärker.

Eines Tages war meine Vernunft stärker als mein Gefühl. Ich bestellte ihn zu mir in die Wohnung. Er erschien, schon mit der Vorahnung, dass ich sauer auf ihn war. Mit dieser Vorahnung sollte er recht behalten, denn ich beendete die Sache zwischen uns. Er flehte, er bettelte, aber ich blieb hart. Den Harten gab ich aber nur äußerlich, in meinem Inneren wäre ich selber vor Traurigkeit zusammengebrochen. Irgendwann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ging er, weinend wie ein Baby oder jemand, dem man gerade das Herz gebrochen hatte. Die Tür war kaum zugeschlagen und ich sank dort, wo ich stand, zusammen und begann auch zu weinen.

Drei Stunden später klaubte ich meine Reste vom Boden und ging an die frische Luft, ich dachte, dass mir das guttäte, so ein kleiner Spaziergang würde meinen Kopf etwas freimachen. Aber lange hielt ich das nicht durch und ging zurück in meine Wohnung. Schon als ich dort ankam fiel mir auf, dass meine Wohnungstür nicht verschlossen war. Entweder ich hatte vergessen sie zuzusperren oder er war da. Ich hatte ihm einen Schlüssel gegeben, damit er auch so in meine Wohnung gehen konnte. So hatte er mir schon manche Überraschung bereitet.

Nun stand ich am Ende der Allee, vor einem großen, schmiedeeisernen Tor. Ich zog es auf und ging hindurch. Langsam, fast bedächtig, schritt ich den schmalen Kiesweg entlang, die Steine knirschten. Meine Stimmung sank immer mehr. Der Drang zum Umkehren wurde immer stärker, aber ich redete mir leise zu, dass ich das schaffen würde und so ging ich weiter. Auf einmal blieb ich stehen. Ich war angekommen, dort stand ich nun. Nun las ich was dort auf dem Grabstein stand

„Marcel Meier – Geliebter Vater und Ehemann, wir werden dich nie vergessen.“

Ich ging in die Wohnung hinein. Totenstille. Es regte sich nichts. Zuerst sah ich ins Wohnzimmer. Nichts. Im Schlafzimmer. Wieder nichts. Er war in der Küche, mit dem Rücken zu mir. So standen wir endlose Sekunden da. Bis er sich umdrehte und mir tief in die Augen sah. Er sah schrecklich aus, die Augen rot und geschwollen, er musste die ganze Zeit geweint haben. Ich wollte ihn in den Arm nehmen, ihn streicheln, küssen und trösten. Doch das alles tat ich nicht. Stattdessen fing er an zu reden. Er erzählte, dass er seiner Frau alles erzählt hatte, sie hatte daraufhin einen Wutausbruch und warf ihn hinaus. Sie wollte die Scheidung, sie schrie ihn an. Er blieb ruhig und sagte nichts. Nun waren sie getrennt. Er sah mich erwartungsvoll an. Er dachte, ich würde ihn mit offenen Armen trösten, wenn er es mir erzählte. Ich wollte aber nicht, dass er seine Frau verließ, dass er sich scheiden ließ und die Kinder leiden müssten. Vielleicht wollte ich das auch nicht ganz, denn ein großer Teil freute sich auch und wollte ihn wieder zurückhaben um den gemeinsamen Traum weiter zu leben. Ich wollte es ihm erklären, so wie ich die Dinge sah. Doch ich tat es nicht. Ich hielt meinen Mund, meine beschissene Fresse. Ich könnte mich noch heute dafür schlagen. Aus seinem erwartungsvollen Blick wurde bald Zorn. Mein Schweigen machte ihn rasend. Bis er seine Sachen packte und ging. Ich stand immer noch wie gelähmt da. Dabei wollte ich ihm hinterherlaufen, ihn aufhalten. Erst nach einer endlosen Zeit riss ich mich los und rannte ihm nach. Als ich aus der Haustür herauslief, sah ich, wie er gerade die Straße überquerte, ich rief ihm nach. Er drehte sich um und sah zu mir. Ich rief ihm zu, dass mir alles so leid täte. Er hatte sich zwar umgedreht, lief aber trotzdem rückwärts weiter. Ich gestand ihm meine Liebe, ich schrie sie förmlich aus mir heraus. Unsere ganze Nachbarschaft hörte mit, aber das machte mir nichts aus, sollten sie es ruhig hören. Auf einmal blieb er stehen und ich konnte ein Lächeln auf seinen Lippen erkennen. Dann ging er in meine Richtung....

Das war sein Fehler, er stand an einer unübersichtlichen Stelle und der entgegenkommende PKW sah ihn einfach zu spät. Reifenquietschen. Ein Knall. Und ein klatschendes Geräusch... Das Nächste, an das ich mich erinnern konnte, war, dass ich bei ihm war und seinen Kopf hielt. Die Augen halb geöffnet. Das Gesicht nass vom Blut einer Platzwunde und meinen Tränen. Ich konnte nicht mehr. Das war alles zuviel für mich. Einmal öffnete er noch seine Augen und sagte dann: „Ich liebe dich.“

Ich drückte ihn noch fester an mich.

„Und hey, vergiss nicht unseren Traum.“

Dann schloss Marcel die Augen und öffnete sie nie wieder. Ich schrie seinen Namen, wurde hysterisch. Die Sanitäter mussten mich richtig wegzerren von ihm. Ich stand unter Schock, hieß es dann. Zur Beerdigung ging ich nicht, das hätte ich nicht ausgehalten. Außerdem wollte ich nicht seiner Frau in die Augen sehen.

Als ich nun hier stand, musste ich wieder an die ganze Geschichte denken. Sie durchfuhr mich wie ein Blitz. Mir wurde übel, ich musste mich hinknien, um mich nicht zu übergeben.

“Marcel, wo bist du, kannst du mich hören. Mir ist so kalt, nimm mich in den Arm. Ich ließ dich im Stich, als du mich brauchtest und jetzt lässt du mich allein.”

Flüsterte ich leise schluchzend vor mich hin.

Eine einzelne Träne rann über meine Wange, verharrte einen Moment an meinem Kinn, um dann schließlich zu Boden zu fallen, dort versickerte sie in der Erde. Die Bäume wiegten sich langsam dazu und der Wind fuhr mir durchs Haar. Langsam stand ich wieder auf und fuhr mir mit meiner Hand durchs Gesicht. Die Sonne strahlte noch ein bisschen durch die Bäume, in mein Gesicht. Hinter mir bäumten sich immer mehr dunkle Wolken auf. Langsam ging ich wieder zurück. Vielleicht hatte ihn die Träne auf ihrem Weg durch das Reich der Erde schon erreicht. Sie sollte ihm sagen, dass ich ohne ihn das Träumen verlernt habe.

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