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Hart wie Stahl

Teil 2 - Ein Aufbruch

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Ich denke ein Held ist jemand, der das Maß an Verantwortung kennt, das seine Freiheit fordert. Bob Dylan

13. Kapitel

Mit kleinen hastigen Bewegungen strich Peter Dickeis, der Ältere der beiden Gebrüder Dickeis, unsichtbare Falten aus der Schreibunterlage.

Sein Blick hastete über den Tisch, dann durch den Raum, verharrte kurz auf Alberich und jagte dann wieder über den Tisch. „Ich hätte es mir denken können.“ sagte er und trommelte mit den Fingern auf die Tischkante.

„Ich“, begann er, stockte kurz, „habe es mir eigentlich gedacht. Bobbys Geschmack ist doch bekannt, nicht? Ich bin schließlich sein Bruder, nicht?“

Das fahrige Trommeln seiner Finger steigerte sich zu einem Crescendo, dann brach es abrupt ab und Peter Dickeis sank in sich zusammen.

„Ich habe immer einen Plan, nicht?“ flüsterte er fast. „Ich weiß doch immer, was zu tun ist, nicht? Aber für so einen Fall habe ich keinen Plan, nicht? Ich...“

Er japste nach Luft als müsse er ersticken. „Ich weiß absolut nicht, was ich tun soll!“ brach es aus ihm heraus und seine schmalen Hände ballten sich zu Fäusten und krachten auf die Tischplatte.

Alberich zog seine buschigen Augenbrauen hoch und fummelte eine Zigarette aus der Tasche.

„Ist rauchen nicht verboten?“ fragte Peter Dickeis mit vor Schreck geweiteten Augen als sein Schweißer sich die Kippe anbrannte.

„Natürlich ist es das“, knurrte Alberich durch die Zähne, „genau so wie Homosexualität oder das Fluchen, verdammte Scheiße. Auf diesem Planeten ist so ziemlich alles verboten.“

Er zog den Rauch tief ein und stieß ihn heftig wieder aus.

„Und unter der Oberfläche dürfen sich manche alles erlauben. Jene“, er machte eine theatralische Geste mit dem Zeigefinger, „die oben stehen, die sich einen Gesetzesbruch leisten können. Wie Ihr Bruder!“

Peter Dickeis ließ den Kopf noch tiefer sinken. „Sie und ihre kommunistischen Phrasen, aber Sie haben ja eigentlich Recht, nicht?“ stammelte er.

„So? Habe ich das? Und was werden Sie tun? Wie werden Sie dem Jungen helfen?“ zischte Alberich und stapfte mit dem Fuß auf, wie um zu unterstreichen wie ernst es ihm war.

„Er muß hier raus, nicht?“ Ingenieur Dickeis straffte sich wieder.

„Er muss hier raus und am besten ganz von diesem Planeten weg, nicht? Auf homosexuellen Verkehr steht Todesstrafe, ob man ihn nun freiwillig macht oder nicht.“ sagte Dickeis und versuchte seine Stimme zu zügeln.

Er kramte in den Schubladen seines Schreibtischs und riss einige Papiere daraus hervor.

„Er muss verschwinden und Sie begleiten ihn am besten, nicht? Er braucht doch jemand der ihm hilft, nicht?“ Er sah Alberich an.

„Moment“, unterbrach ihn der Schweißer, „Ihnen geht es dabei doch nicht um den Jungen, oder? Ich soll verschwinden weil ich ein Zeuge bin, richtig?“

Peter Dickeis zuckte mit den Schultern:

„Teilweise. Aber Sie wollen doch auch weg, nicht? Oder wollen Sie den Rest ihres Lebens Stahlteile schweißen müssen? Das wäre doch auch nicht schön, nicht?“

Alberich schüttelte den Kopf. „Nein, ganz sicher nicht. Ich will mich aber auch nicht als Gesetzloser ohne Arbeit verstecken müssen. Ich bin noch auf Bewährung. Ich kann hier nicht weg.“

Peter Dickeis fand seine Selbstsicherheit wieder und sagte lächelnd:

„Nicht lebend. Aber wenn Sie tot sind, wird Sie keiner suchen, nicht? Um einen toten Vorbestraften und einen toten Waisen sorgt sich kein Mensch, nicht?“

Der Arbeiter wurde blass im Gesicht. „Was haben Sie vor?“ stammelte er.

Peter Dickeis grinste schief und sagte: „Ich werde Sie sterben lassen, zumindest offiziell.“ Er wählte auf den OnCom-Gerät eine Nummer, ließ es ein Mal klingeln und legte dann wieder auf.

„Holen Sie den Jungen“, befahl er barsch, „und sehen Sie zu, dass Sie keiner sieht!“

„Und wenn ich nicht gehen will?“ fragte Alberich barsch.

„Nun machen Sie sofort, was ich sage, verdammt noch mal. Niemand wird Sie suchen, nicht? Man wird Sie für tot halten. Sie haben ihre Freiheit und ich meine verdammte Ruhe!“ Peter Dickeis Stimme überschlug sich schrill.

„Und was machen Sie, damit sich das nicht wiederholt? Wie verhindern Sie, dass ihr nächster Auszubildender für ihren feinen Bruder wieder die Hosen runter lassen muss?“

„Das“, antwortete Peter Dickeis in einem gefährlich kalten Ton, „lassen Sie meine Sorge sein. Aber ich versichere Ihnen, Herr Kollege Simon Berliner, dass manchmal die Gerechtigkeit siegt.“

Alberich fuhr bei der Nennung seines Namens ein kalter Schauer über den Rücken. „Ich will aber wissen wie!“ sagte er leise.

14. Kapitel

„In sechs Tagen haben wie einen wichtigen Auftrag und Du musst dringend zur Erde?“ fragte Maria erstaunt. „Ja, was ist daran so schlimm?“ antwortete Petra und klappte ihren Koffer zu.

Sie blickte sich in der großzügigen fensterlosen Kabine um und prüfte, ob sie nicht in den großen Schränken oder auf dem geräumigen Ehebett in der Mitte etwas vergessen hatte.

„Was daran so schlimm ist?“ sagte Maria mit scharfer Stimme. „Du bekommst einen Anruf, sagst mir nicht was los ist und fährst einfach zur Erde, wo wir hier so viel zu regeln haben? Schon mal was von Vertrauen in einer Beziehung gehört?“

Das warme Licht der Deckenlampe ließ das rot ihrer Wangen noch deutlicher erscheinen.

Die Kapitänin der Atman schüttelte den Kopf. „Ich liebe Dich, Maria. Ich liebe Dich wirklich. Deshalb musst Du doch gerade nicht alles wissen.“

Sie hauchte ihrer Lebensgefährtin einen Kuss auf die Wange und wollte zur Tür ihrer Kabine gehen.

Maria aber hielt sie am Arm fest, drehte sie herum und blickte ihr ins Gesicht. „Dann behandele mich nicht wie ein Kind, sondern wie deine Frau verdammt. Sag mir was los ist? Meinst Du, dass ich Dich beim ersten Problem verlassen werde?“

Plötzlich schwanden Petra Rockenberger alle Kräfte. „Was weißt Du schon von Problemen?“ wimmerte sie und sank kraftlos auf den Hocker neben der Tür.

„Weißt Du, wovon wir gelebt haben, als wir noch das alte Schiff hatten, als es wochenlang keine Aufträge gab? Weißt Du das?“

Maria hatte so eine Ahnung aber sie schüttelte den Kopf. „Weißt Du“, fuhr Petra keuchend fort, „was außer der offiziellen Ladung sonst noch in den Containern war?“

Maria versuchte zu sprechen, aber aus ihrem Mund kam nur ein versiegendes Röcheln.

„Ich kann es Dir sagen. Drogen, Waffen, alles was Du willst. All das hat uns das Leben finanziert. Nur noch ein einziges Mal müssen wir das machen. Nur ein einziges Mal, damit keiner was merkt.“

„Wer soll nichts merken?“ fragte Maria tonlos, wusste aber selbst die Antwort: „Die Kinder und Karl, richtig? Sie sollen nicht merken, was Du alles für sie getan hast, richtig?“

Nass lief es Petra die Wangen herunter als sie nickte.

„Warum diese Lieferung? Hast Du, haben wir noch Schulden?“ wollte Maria wissen. Petra versuchte zu erklären: „Ich schulde einem Auftraggeber noch Geld wegen...“

Maria legte ihr einen Finger auf die Lippen und sagte: „Die ‚Diamond‘, stimmts? Es war noch Schmuggelgut darauf und die Auftraggeber wollen Geld von Dir, richtig?“ Als Antwort klammerte Petra sich an sie.

„Es ist gut“, sprach Maria ihr zu wie einem traurigen Kind, “ich verstehe Dich und ich mache alles mit, was du planst, weil ich Dir vertraue. Was ist es denn diesmal?“

„Ich habe keine Ahnung“, wimmerte Petra, „aber auf der Erde werde ich es erfahren. Es ist der gleiche Auftraggeber. Er hat ein Einsehen und will nur eine Lieferung umsonst haben. Ich erzähle es Dir bestimmt sofort, wenn ich wiederkomme.“

Maria ließ sie los und ging zum Kleiderschrank: „Das wirst Du nicht müssen.“ Petra stockte der Atem, aber ihre Geliebte fuhr fort: „Weil ich mit Dir zur Erde fahre. Wenn wir schon krumme Dinger drehen, dann gemeinsam. Wie Bonny...“ und Petra setzte ein: „...und Clyde.

Wenig später rauschte ein Shuttle zur Erde und in seiner Fahrgastkabine saßen zwei Frauen, verliebt wie am ersten Tag.

„Ich weiß nicht“, sagte Maria, „ich habe immer ein schlechtes Gewissen, wenn ich zur Erde zurück komme.“ Dabei sah sie aus dem Fenster auf den sich nähernden Europäischen Kontinent.

Die Insel von „Neu Rom“, die über dem Meer vor Italien schwebte, war als kleiner Punkt im Ozean zu erkennen. Dort war der Sitz der Päpste, die über Sitte, Moral und die Erde herrschten.

„Ich habe immer den Eindruck“, fuhr sie fort, „ich müsste ein Gefühl von Zuhause und Heimkehr haben. Aber nichts“, sie machte eine wischende Geste, „da ist nur Leere und etwas Verachtung und Abscheu.“

Petra drückte ihre Hand während sie fortfuhr: „Ich bin im Gegensatz zu Dir hier aufgewachsen. Ich müsste etwas für diesen Ort empfinden.

Aber seit ich vor den Päpsten und ihrer Scheinheiligkeit geflohen bin, habe ich keine Sekunde Heimweh gehabt. Dabei muss ein Mensch doch seine Heimat lieben, oder? Was stimmt mit mir nicht?“

Petra schüttelte den Kopf und fragte: „Ist die Erde denn Deine Heimat? Wo würdest Du hingehen, wenn Du krank bist? Wo fühlst Du dich sicher?“

„Auf der Atman!“ kam die Antwort prompt und überzeugt.

„Siehst Du“, sagte die Kapitänin mit einem leichten Lächeln, „das ist also Deine Heimat. Heimat ist nicht der Ort, wo Du geboren oder aufgewachsen bist. Das ist der Ort, an dem Du einfach Du bist, an dem Dein Herz hängt.“

„Aber“, entgegnete Maria, „ist eine Heimat, die durchs All fliegt, nicht ein wenig seltsam?“

Petra schüttelte entschlossen den Kopf und erwiderte: „Auch nicht seltsamer als Männer, die lange Röcke tragen und gleichzeitig auf Homos und Lesben schimpfen und nicht seltsamer als gerne süß-sauer zu essen.“

Maria lachte kurz auf, dann sah sie wieder aus dem Fenster. „Manchmal muss ich an die alten Zeiten denken. Unglaublich, dass es mal eine Zeit gab, in der Frauen auch Frauen heiraten durften und die Leute sich ihre Regierung selbst aussuchten.“

„Ich weiß nicht“, murmelte Petra, „das muss das Paradies gewesen sein.“

„Aber“, fuhr die Sicherheitsoffizierin auf, „warum haben unsere Eltern diese Welt dann nicht beschützt? Warum hat keiner darauf geachtet, dass man ihnen diese Rechte nicht wegnimmt?“

Ihre Freundin guckte auf den Boden und meinte: „Ich fürchte, zu viel Glück macht faul und bequem.“

15. Kapitel

Klaus Feinmann, Doktor der Medizin, war das, was man pragmatisch nennt: Er wusste sich mit jeder Situation, jeder Wendung des Schicksals zu arrangieren.

Sein Rauswurf aus der Gesellschaft der Wissenschaften und die Entziehung seiner Approbation hatten ihn nicht sonderlich aus der Bahn geworfen.

Damit offiziell nicht mehr praktizieren zu können, arrangierte er sich auf seine Weise: Er praktizierte schwarz und machte Eingriffe, die seinen offiziell lizensierten Kollegen verboten waren.

So hatte er aus der Not eine Tugend und aus seinem mageren Gehalt in der Universitätsklinik ein stattliches Einkommen gemacht.

Trotz seiner Angewohnheit auch krumme Wege zu gehen, war er aber ein treuer Mensch, auf den sich seine Freunde in jeder Notlage verlassen konnten.

Manche übertrieben das, aber Peter Dickeis nahm die Hilfe seines Freundes zum ersten Mal in Anspruch.

Als nachts Feinmanns OnCom-Gerät einmal klingelte und er unter „Nicht angenommene Kommunikation“ den Anschluss der Firma Dickeis sah, wusste er, dass er dringend benötigt wurde.

Er setzte sich in seinen Wagen und war nur eine halbe Stunde später in eine dunkle Straße etwa einen Kilometer entfernt vom Betriebsgelände der Firma Dickeis eingebogen.

Weitere fünfzehn Minuten später stand er nach einem gesunden Fußmarsch vor dem Büro seines Freundes, den Operationskoffer in der Hand.

Vorsichtig klopfte er an. Als er Dickeis Stimme hörte, trat er ein.

Mit Erstaunen sah er seinen alten Bekannten, dessen fast pathologische Ordentlichkeit ihn immer fasziniert hatte, mit wirrem Haar und aufgezogener Krawatte hinter dem Schreibtisch sitzen.

Vor dem Schreibtisch saßen zwei ihm unbekannte Personen: Ein kleiner Arbeiter mit stechendem Blick und ein etwa sechzehn Jahre alter Junge mit wachen schwarzen Augen.

Dickeis erhob sich hastig und ging auf den Arzt zu. „Klaus, ich danke dir, dass du schnell erschienen bist.“

Er drehte sich halb zu dem Jungen und dem Arbeiter und sagte zu Feinmann: „Darf ich Dir Tobias und Herrn Ingenieur Berliner vorstellen?“

Feinmann gab artig die Hand und hörte sich schweigend an, was Dickeis von ihm wollte. Er zog die Augenbrauen hoch und legte die Stirn in Falten.

„Einen ID-Chip zu entfernen, ist keine große Sache“, sagte er, „aber was machst Du mit den Chips und wie erklärst Du, wohin die Besitzer der Chips sind?“

Er holte tief Luft und trug seine weiteren Bedenken vor:

„Du bekommst einen Haufen Ärger. Die Chips können auch im halb zerstörten Zustand geortet werden, sind feuerfest und fast unzerbrechlich. Wenn die Bullen die Chips ohne Menschen finden, bist du erledigt.“

Jetzt hatte Dickeis wieder Oberwasser. Er entspannte sich und begann zu lächeln. Sein Plan arbeitete schließlich genau mit diesen Problemen.

„Ich will hoffen“, sagte er, „dass die Chips wirklich so unzerstörbar sind, sonst funktioniert mein Plan nicht. Du baust die Chips aus und wir werfen sie in den Schmelzofen. Offiziell sind die beiden dort hinein gefallen.“

Er blickte Feinmann triumphierend an und erklärte weiter: „Nach Toten wird keiner suchen. Und ich kann sie problemlos vom Planeten schmuggeln lassen.“

Feinmann gab zu bedenken: „Aber sie werden die Stahlschmelze untersuchen. Man kann feststellen, ob jemand darin verbrannt ist, indem man den Kohlenstoffgehalt...“

Dickeis grinste ihn, zum ersten Mal seit sie sich kannten, breit an. Er deutete auf einen Haufen Müllsäcke der sich im Vorzimmer stapelte.

„Aber sie werden nie feststellen“, gluckste er, „dass die beiden verbrannten Arbeiter in Wirklichkeit zwei delikate Schweinehälften waren. Kohlenstoff ist Kohlenstoff und bei den Temperaturen bleibt von der DNS kein bisschen mehr.“

Anerkennend nickte Feinmann. Dickeis war ein Perfektionist feinster Sorte. Wenn es jemandem gelang die päpstliche Polizei auszutricksen, dann diesem gerissenen Ingenieur.

„Ich gebe zu“, murmelte Feinmann, „Du hast an alle Kleinigkeiten gedacht, Du altes Genie.“ Er stellte seinen Koffer ab und schickte sich an, den Schreibtisch zur OP-Liege umzufunktionieren.

Nach nur einer Stunde lagen in den geschickten Händen von Dr. Feinmann die beiden Chips. In den Sesseln lagen ein betäubter Junge und ein weggetretener Arbeiter, die langsam wieder anfingen, sich zu regen.

Sie hörten Dickeis Stimme: „So, nun wollen wir Sie mal ganz offiziell versterben lassen, meine Herren!“

16. Kapitel

Durch die Luft zog ein herber Geruch nach abgestandenem Urin. Das Weiß der gekachelten Wände war unter einem Wust von Schmierereien und dem Dreck von Jahren verschwunden.

Diese Toilette war so wenig einladend, dass hier nicht einmal die Kameras der päpstlichen Polizei hingen. Und genau das machte den Ort für jene gemütlich, die der Polizei aus dem Weg gehen wollten.

Maria sah sich schaudernd um und betrachtete die lose in den Angeln hängenden Türen der Kabinen, die zwei Waschbecken mit den verbogenen Wasserhähnen und darüber die zersplitterten Reste zweier Spiegel.

„Kein schöner Ort für ein Geschäftstreffen.“ bemerkte sie, nur um etwas zu sagen. Wohl war ihr bei der Sache nicht.

Sicherheit war ihr Beruf und dieser Ort schien alles andere als sicher zu sein. Es gab nur einen Ausgang, wenn man drin war, saß man in der Falle.

Sie blickte in die Kabinen und atmete auf. Durch ein kleines Fenster an der Rückseite der rechten Kabine konnte man im Notfall entwischen.

Plötzlich bemerkte sie an der Eingangstür eine Bewegung. Im Reflex zog sie sofort Petra zu sich.

In der Tür stand ein Mann mittleren Alters, gekleidet in einen grauen Anzug. Der einzige Farbtupfer in seinem grauen Gesicht war der ordentlich gestutzte rötliche Schnurrbart.

Das Haupthaar gleicher Farbe wurde an den Schläfen grau. In der linken Hand hielt er einen Aktenkoffer, die rechte steckte in der Tasche und hielt offensichtlich eine Waffe.

„Hallo“, sagte der Fremde mit staubtrockener Stimme die keine Gefühlsregung verriet, „ich hoffe, dass Sie diesmal zuverlässiger arbeiten. Diesmal transportieren Sie etwas, das auf jeden Fall ankommen muss.“

Petra straffte sich und antwortete: „Es wird ankommen, glauben Sie mir. Diesmal wird es ankommen.“

„Das will ich für Sie hoffen“, sagte der graue Mann, „ansonsten werden wir Sie finden, glauben Sie mir. Das Syndikat hatte Mitleid mit Ihnen. Ein zweites Mal werden wir nicht so gnädig sein.“

Er blickte Maria an und blaffte: „Ihren Sicherheitsoffizier mitzubringen war unnötig. Wenn wir Ihnen was antun wollen, kann uns auch diese Frau nicht davon abhalten.“

Petra drückte Maria beruhigend die Hand. „Frau Grand ist nur dabei, um die Sicherheit Ihrer Waren zu gewährleisten.“ antwortete sie. Der Graue hob zweifelnd eine Augenbraue.

Er nahm die Hand aus der Tasche, öffnete seinen Koffer und nahm einen Umschlag heraus.

„Hier“, erklärte er, „ist ein Flugticket zur Handelsstation und zwei Gepäckscheine drin. Wir haben unter Ihrem Namen zwei Schrankkoffer aufgegeben. Die offiziellen Zollsiegel sind schon drauf. Sie dürften sie also auch problemlos auf Ihr Schiff bekommen.“

Er holte Luft und fuhr fort: „Auf Frontier 13 wird unser Mann auf Sie zukommen. Versuchen Sie nicht Kontakt mit uns aufzunehmen, wir werden auf Sie zukommen. Bringen Sie die Koffer einfach hin und öffnen Sie auf keinen Fall die Siegel.“

Petra nickte. „Wir geben Ihnen noch eine Chance, verderben Sie sie nicht.“ sagte der graue Mann und verschwand in das Dunkel der Nacht.

Fast eine Minute herrschte Schweigen, dann fragte Maria: „Wer zum Teufel war das?“

Petra hob die Schultern und meinte ratlos: „Er nennt sich ‚der Vertreter‘ und kommt jedes Mal, wenn ich mit dem Syndikat Geschäfte mache.“

„Und wer ist das Syndikat?“ wollte Maria wissen.

„Irgendwelche Geschäftsleute“, antwortete Maria, „was sie genau machen, weiß ich nicht, nur dass sie pünktlich zahlen.“

17. Kapitel

Was Besucher von der Erde an der Weltraumstation der Welthandelsorganisation schätzten, war, dass hier manche Dinge möglich waren, die auf der Erde nicht gingen.

Auch hier galten dieselben Gesetze. Da sie aber nicht von der päpstlichen Polizei, sondern vom Sicherheitsdienst der Welthandelsorganisation überwacht wurden, legte man sie liberaler aus als auf der Erde.

Manchmal „vergaß“ man sogar ganz sie einzuhalten, wenn die Sicherheitsbeamten für ihr schlechtes Gedächtnis entsprechend belohnt wurden.

Die Station war zwar kein rechtsfreier Bereich wie der offene Weltraum, aber die Gesetze wurden hier dünner.

Und so wurde in den Kneipen geraucht, man schlief miteinander, ohne Kinder zeugen zu wollen und manchmal schliefen sogar Menschen desselben Geschlechts miteinander.

Kurz, es war nicht Sodom und Gomorrha, aber immerhin die Sparausgabe davon. Man lebte, amüsierte sich und kümmerte sich möglichst wenig um die Gesetze, die einem den Spaß verderben konnten.

Und genau so hielten es Oliver und Andreas. Sie konnten hier ihren Spaß haben, so lange sie sich nicht dabei erwischen ließen.

Mit möglichst gelangweilten Mienen hingen die beiden an der Theke des „Dreamland“, einer Tanzbar, deren bessere Zeiten schon vorbei waren.

Die Einrichtung war leicht abgeschabt, die Getränke waren anderswo besser und das Lächeln des Barkeepers war genau so falsch wie die Blumen auf den Tischen.

Den Gästen des „Dreamland“ war das egal. Es war etwas anderes, was die Gäste in den Laden lockte.

Fast jeder der durch die gepolsterte Schwingtür in den kleinen schummerigen Gastraum mit der winzigen Tanzfläche trat, wusste, was er hier suchte und finden würde.

Sehnsüchtige Blicke wurden durch den Raum geworfen. Blicke, für die man auf der Erde mindestens im Gefängnis gelandet wäre.

Nicht alles, was hier Busen trug, war zwangsweise auch eine Frau, nicht jeder der mit einer Frau am Arm den Laden betrat verließ ihn auch wieder am Arm einer Frau.

Und jetzt, um zwölf in der Nacht war Hochbetrieb. Um eins war Sperrstunde und wer sich noch für die Nacht versorgen wollte, musste es jetzt und möglichst schnell tun.

Heiße Blicke, Sätze voller Andeutungen und ausdrücklich nicht ausgesprochener Aufforderungen beherrschten die Atmosphäre. Jeder nahm, was er bekommen konnte.

Nur die beiden Jungs von der Atman hingen starr an der Theke. Auf ihnen ruhten die hoffnungsvollen und gierigen Blicke einiger Herren um sie herum.

„Ich weiß nicht“, stotterte Oliver, „ob ich das wirklich tun soll.“ Er nippte an seinem Bier und blickte seinen Bruder fragend an.

Der hob die Augenbrauen und antwortete: „Warum soll ich Dir sagen, was Du tun sollst? Mensch, stell Dich nicht wie ein Kind an. Geh hin, frag einen Kerl, ob er schon was vor hat und lass es Dir endlich mal richtig besorgen.“

„Aber“, warf Oliver ein, „findest Du das nicht ein bisschen herzlos, so was einfach wie ein Geschäftsessen zu verabreden?“

Andreas zuckte mit den Schultern und meinte: „Ich fände es hirnlos, es nicht zu tun. Du lebst nur einmal und Du bist nur einmal jung. Also sieh zu, dass Du was davon hast.“

Oliver stotterte: „Aber wenn es nun schlecht ist? Wenn ich mehr Zeit verschwende als...“

Sein Bruder sah ihn zweifelnd an und meinte: „Aber auf Deiner Kabine zu hocken und dem Traumprinzen nach zu seufzen, das ist gut genutzte Zeit, oder wie? Mensch, wach auf!“

Oliver sah in sein Bierglas, legte etwas Geld auf den Tresen und wandte sich zum gehen. „Ich bin halt nicht wie Du!“ sagte er, während er aus dem Dreamland schlich.

„Nein“, murmelte Andreas und kippte sich den Rest seines Biers in den Hals, „Du bist ein Feigling!“

Er stellte das Glas ab und schlenderte locker zu dem schwarzhaarigen Mann, den er schon seit einigen Minuten beobachtet hatte.

„So alleine hier?“ fragte er.

18. Kapitel

„Auf den Jungen können wir verzichten“, sagte Peter Dickeis und sah den Inspektor der päpstlichen Polizei aus dem Augenwinkel an, „aber der Mann war einer unseren besten Schweißer.“

Der bullige Polizist machte auf ihn den Eindruck eines korrekten, aber zum Glück völlig phantasielosen Menschen.

In nur zehn Minuten hatte dieser Inspektor Steinheim den Tatort abriegeln lassen, Proben aus dem Stahl genommen und die ersten Sätze des Protokolls in sein PDA diktiert.

„Wissen Sie“, fragte Steinheim, „dass Ihr verunglückter Mitarbeiter ein konvertierter Jude war?“

Dickeis zwang sich nicht die Augen zu verdrehen. „Ja, aber Sie glauben doch nicht etwa...“ sagte er mit gespielter Überraschung.

„Doch“, gab Steinheim wichtig zurück, „diese Menschen haben bösartige und dunkle Rituale. Und man kann bei Ihnen nie wissen. Ich sage immer, man sollte ihnen nicht die Chance geben, zu konvertieren. Man sollte das Übel an der Wurzel ausreißen!“

Peter Dickeis wurde schlecht. „Hoffentlich“, dachte er, „glaubt er den hirnrissigen Unsinn, den er redet, nicht auch noch.“ Aber er war sich sicher, dass der Beamte es ernst meinte.

„Wie grauenvoll!“ gab er zurück und versuchte entsetzt zu wirken. In den folgenden Minuten gab Steinheim seine Überzeugung über den Tathergang, wie er ihn sah, Juden im Allgemeinen und Alberich im Besonderen und seine Ansicht über Gott und die Welt preis.

Peter Dickeis zwang sich, dem Beamten zuzustimmen und dachte dabei: „Peter, was machst Du noch auf diesem Planeten? Warum machst Du diesen Unsinn noch mit?“

Auch wenn er, während er seine Aussage abgab, darüber grübelte, wollte ihm keine Antwort auf diese Fragen einfallen. Zumindest war es keine Antwort, die seinem Gewissen gefiel.

Nach nur 45 Minuten waren alle von Dickeis sorgfältig gelegten Spuren gesichert, das Protokoll geschrieben und unterzeichnet und der angebliche schreckliche Tod zweier Menschen zur Zufriedenheit der Staatsorgane zu einer Akte verarbeitet.

Diese Akte würde morgen von einem Beamten abstempelt und als erledigt abgelegt werden.

Mit einem kleinen zufriedenen Lächeln sah Peter Dickeis zu, wie sich die Wagen der Polizei entfernten. „Wenigstens einmal“, dachte er zufrieden, „ gewinnen die Schlauen über die Starken, nicht wahr?“

Dann drehte er sich um und ging mit zögerlichem Schritt zum Büro seines Bruders. Der Polizist war kein ebenbürtiger Gegner gewesen, sein Bruder aber war gerissener.

Bobby war sicher nicht der Höhepunkt der menschlichen Intelligenz, aber er konnte gerissen sein. Seine Hinterlist und die Verleugnung aller Regeln menschlichen Anstands machten ihm zu einem unangenehmen Gegner.

Diese Eigenschaft hatte Peter Dickeis, zumindest was das Geschäft anging, jahrelang genutzt. Nicht zuletzt Bobbys Gerissenheit war es zu verdanken, dass sie aus dem maroden Betrieb ein angesehenes Unternehmen hatten machen können.

Aber jetzt war er zum Problem geworden. Eigentlich war er es schon länger gewesen, aber Peter hatte sich geweigert das zu sehen.

Nun, da das Problem sich hatte so entfalten können, musste er eine Menge Mühe aufbringen, es zu regeln und alle familiären Gefühle ignorieren.

Er seufzte, straffte sich und atmete einmal tief durch. Durch seinen Kopf raste noch einmal präzise der Plan, wie er gleich vorgehen wollte. Schritt für Schritt ging sein Gehirn jede einzelne Handlung, jedes einzelne Argument durch.

Dann öffnete er ohne anzuklopfen das Büro seines Bruders. Bobby saß hinter seinem Schreibtisch und kaute an den Fingernägeln. Verwirrt blickte der gepflegte junge Mann auf und sah seinen Bruder an.

„Sind sie weg?“ fragte er. Peter nickte und wollte etwas sagen, aber Bobby schnitt ihm das Wort ab: „Arbeitsunfälle sind ja kein Problem, aber es sieht nicht gut aus, wenn wir die Polizei im Hause haben, findest Du nicht auch?“

Er probiert ein kleines belustigtes Lachen, mit dem er die Einigkeit zwischen ihm und seinem älteren Bruder demonstrieren wollte. Es sollte ein verschwörerisches Lachen sein, um zu zeigen, dass sie gemeinsam die Sache abhakten.

Aber Peter lachte nicht, sein Gesicht blieb so versteinert wie vorher. Bobby war offensichtlich nervös, dass die Polizei bei ihren Ermittlungen hätte auf sein Geheimnis stoßen können. Aber genau darüber wollte Peter nicht sprechen.

Deshalb überhörte er diesen Unterton und wischte die Bemerkung seines Bruders und zukünftig ehemaligen Geschäftspartners beiseite.

„Nicht wir haben die Polizei im Haus“, sagte Peter trocken, „sondern ich. Du hast mich sicher für dumm gehalten, nicht?“ Bobby fing an zu schwitzen, und starrte den Älteren noch nervöser an.

„Spielschulden, Bobby“, fuhr der fort, „Hunderttausende. Ein Haufen voller Schuldscheine lautet auf Deinen Namen. Bei all Deinen Geschäftsreisen zu irgendwelchen Siedlungen und Raumstationen, wo es legal ist, hast Du gespielt, nicht?“

Er griff in die Jackentasche und holte einen Stapel ordentlich gefalteter Zettel daraus hervor. „Teure Essen, die Du nie bezahlt hast, Rechnungen für luxuriöse Hotels, Anzüge, Krawatten, Hemden, Maniküre, Friseure. Du hast zwei Millionen Schulden, nicht?“

Bobby sank in sich zusammen und senkte den Blick auf seinen Schreibtisch. Dieses Thema war ihm fast so unangenehm wie seine geheime Vorliebe. Und es hing, was die Kleidung und die Hotels anging, zumindest damit zusammen.

„Ich wollte doch nur einen guten Eindruck machen, wenn ich unsere Firma vertrete!“ versuchte er seinem Bruder zu erklären. „Ich bin doch ein Geschäftsmann.“

„Gar nichts bist Du mehr.“ sagte Peter trocken. „Was meinst Du wohl hätten die Gläubiger in naher Zukunft gemacht? Sie hätten wohl Deinen Anteil an der Firma gepfändet, nicht?“ Er blickte über den Rand seiner Brille und wedelte mit den Schuldscheinen in seiner Hand.

„Bevor ich hier irgendwen im Betrieb habe, der Deine Anteile gepfändet hat, mache ich das lieber selbst.“ schnarrte er trocken.

„Ich habe alle Schuldscheine gekauft. Du kannst Dir vorstellen, dass das nicht ganz billig war, nicht? Und heute habe ich mit diesen Scheinen eine Pfändung auf Deinen Anteil an der Firma beantragt. Du bist raus!“

Aus Bobby Dickeis Gesicht wich jede Farbe, auf seiner Stirn bildete sich Schweiß und seine Gedärme zogen sich zu einem harten kleinen Klumpen zusammen. „Was bin ich?“ hauchte er tonlos.

„Du bist raus aus der Firma“, erklärte Peter, „und hast eine halbe Stunde Deine privaten Sachen zusammen zu packen und zu gehen, nicht?“

Er wandte sich zu Tür und hörte wie Bobby ächzte: „Peter, wir sind Brüder.“

Mit einem schmalen Lächeln drehte sich Peter um und sagte in einem unangenehm weichen Tonfall: „Bobby, die Zeitform ist falsch. Wir waren Brüder. Und jetzt verlass sofort meine Firma.“

Wankend stand Bobby auf, und rannte hinaus. „Das wirst Du bereuen!“ brüllte er und schlug die Tür so fest zu, dass die Scheibe klirrend zerbrach.

19. Kapitel

„Wie lange sitzen wir eigentlich hier schon drin?“ dachte Tobias. Aber sein Zeitgefühl hatte ihn schon lange verlassen. War es Tag oder Nacht? Saß er einige Stunden oder schon Tage hier in der Dunkelheit und Enge?

Eingeklemmt zwischen Bauteilen und irgendwelchen Edelhölzern saßen sie in einem belüfteten Container, der irgendwohin in die Galaxis geliefert werden würde. Irgendwohin, wo die kirchlichen Herrscher der Erde keine Macht besaßen.

Neben sich spürte er Alberich. Am Anfang der Reise, als Peter Dickeis sie hier hinein gesetzt hatte, hatte er sich vor der körperlichen Nähe geekelt.

Zu sehr musste er an Bobby Dickeis denken. Jetzt aber ließ er kraftlos den Kopf gegen die Schulter des Mannes sinken und genoss den Halt, den sie bot.

„Bist wohl müde?“ fragte der Arbeiter und strich dem Jungen vorsichtig übers Haar. Der zuckte erst zusammen, nickte dann aber leicht und ließ sich das Streicheln gefallen.

„Ich hatte auch einmal einen Sohn.“ flüsterte Alberich. „Er ist zwei Jahre älter als Du. Ich frage mich jeden Tag wo er jetzt wohl ist, was er macht und was er von mit weiß.“

Tobias tippte auf seinem Gerät und zeigte Alberich die beleuchtete Anzeige: „Jedenfalls bist Du ein Vater, auf den man stolz sein muss.“ Er hörte ein Seufzen neben sich.

„Ich hätte gerne einen Vater wie Dich!“ tippte er. Alberich sagte nichts. Er legte den Arm um die Schultern des Jungen und zog ihn an sich.

„Darf ich was fragen?“ tippte der Junge. Alberich seufzte: „Wenn Du nach ihm fragen willst, dann lass es lieber.“ Rasch flog Tobias Finger über die Tasten und auf dem Bildschirm erschien: „Du willst nur schweigen?“

Tief sog der Ältere die Luft ein und begann mit brüchiger Stimme: „Verurteilten Irrgläubigen nimmt man die Kinder weg. Ich habe ihn das letzte Mal an dem Tag gesehen, als sie mich verhafteten. Und ich sehe immer noch das kleine Gesicht mit den runden Babyaugen vor mir. Ich sehe immer noch, wie ihn die Beamtin aus dem Haus trägt.“

Eine kurze Pause entstand und Tobias hörte Alberich schluchzen: „Jetzt weine ich. Bist Du zufrieden?“ Tobias schüttelte den Kopf, aber der Arbeiter unterbrach ihn: „Aber ich. Nach 17 Jahren kann ich weinen.“

Er klammerte sich an Tobias wie an ein rettendes Floß in einem Wasserwirbel und der Junge hielt ihn fest.

Langsam wandelte sich Alberichs Schluchzen in ein Kichern und dann in ein dröhnendes Lachen. „Sie haben mir alles genommen, sie haben Dir alles genommen. Aber weißt Du was?“ fragte er.

Tobias zuckte mit den Achseln und Alberich dröhnte: „Wir haben ihnen uns genommen. Sie können uns nichts mehr befehlen! Wir haben uns das genommen, was uns zusteht: Die Freiheit, dahin zu gehen, wo wir so sein können wie wir sind!“

20. Kapitel

Bruder Johannes hasste die Vatikaninsel aus mehreren Gründen. Erstens hatte sie das langweiligste Klima der Welt. Es war warm und zweitens regnete es nie.

Dazu kam, dass sie drittens komplett mit weißem Marmor bebaut war, was bei der dauernden Sonne in seinen empfindlichen Augen schmerzte.

Aber es gab etwas, was er liebte. Die elektronische Gehirnbeichte war das Beste, was die universelle Kirche geschaffen hatte, seit sich in der großen Ökumene alle Kirchen unter den vier Päpsten zusammengeschlossen hatten.

Automatisch erfuhr das Gerät alles, was man seit der letzten Beichte gesündigt hatte und gegen den Einwurf eines entsprechenden Betrages wurden nicht nur die Sünden vergeben, sondern sogar die Erinnerung an sie gelöscht.

Und noch viel besser war, dass sogar der Wunsch sie wieder zu begehen verschwand. Die Kirche war einfach ein guter Hirte, der an seine Schäflein dachte und ihnen half, auf den rechten Weg zu kommen.

Dabei konnte er als Bruder des Ordens des heiligen Dyba sogar den Geldeinwurf sparen, da er sich zur Besitzlosigkeit verpflichtet hatte. Er musste nur kleinere Aufträge der heiligen Mutter Kirche übernehmen, was ihm Pflicht und Ehre zugleich war.

Mit festen Schritten ging er die Treppe zur Kathedrale St. Benedikt hinauf und betete auf jeder der hundert Stufen: „Credo in unam sanctam Ecclesiam!“ und wieder: „Credo in unam sanctam Ecclesiam!“

Er dachte daran, dass er einmal einen Löffel süße Marmelade begehrt hatte. Das war eine Sünde, wenigstens eine. Etwas musste er schließlich zu beichten haben. Und wieder formten seine Lippen: „Credo in unam sanctam Ecclesiam!“

Stufe für Stufe arbeiteten sich seine Füße vorwärts und er sagte für jede leise: „Credo in unam sanctam Ecclesiam!“

Als er das letzte Mal diese Worte formte, stand er vor dem bronzenen Tor zur Kathedrale, das sich lautlos vor ihm aufschob. Mit raschen Bewegungen zog er die schwarze Uniform zu Recht und die Kapuze der Jacke tiefer ins Gesicht.

Aufrecht schritt er in den gigantischen Innenraum. Mitglieder der Polizei der Päpste mussten Demut, Würde und Macht zeigen. Er tippte mit den Fingern in das Weihwasser und bekreuzigte sich. Mit flinken Bewegungen rückte er noch schnell den Orden an seiner Brust zurecht.

„Gladius Dei“, also „Schwert Gottes“, hieß die Auszeichnung. Dreißig Lesbierinnen und Homophile hatte er der Gnade der Gerichte überantwortet, drei Juden ausfindig gemacht und sechs Mohammedaner.

Unzählige Wollüstige, Faule und Staatsfeinde hatte er mit vorgehaltener Waffe der Inquisition zugeführt. Dafür durfte er sich mit Recht nun stolz als Schwert Gottes bezeichnen.

Und Gott wusste, was er in den zwanzig Jahren, seit der Machtübernahme der universellen Kirche, alles für ihn getan hatte. Er war ein guter Gläubiger und der Schrecken der Sünder, wenn er nicht auf dieser Insel saß, sondern seinen Dienst versah.

Er sah sich um und fand im Nu einen freien Beichtstuhl. Er ging hinein und schloß seinen Hirnchip an die Datenbank der Kirche an.

Oben, in den dunklen Höhen des Hauptschiffs stand auf der Empore ein kleiner Hagerer, der nervös mit seinen Spinnenfingern auf dem Geländer trommelte.

„Du solltest mehr Vertrauen in Gott und meine Planung haben, Bruder Ignatius!“ krächzte hinter ihm eine heisere Stimme. Der Kleine drehte sich um und sah den großen schlanken Schatten an, der hinter ihm stand.

„Er ist der Richtige für diesen Auftrag, ja sogar beinahe der einzig Wahre. Es wird keine Spuren, keinen Ärger geben, aber wir werden einige Probleme los sein, wenn er seinen kleine Auftrag zur Buße abgeleistet hat.“

Durch die Kuppel der Kathedrale schwebte ein heiseres Husten, das fast wie ein Lachen klang. Unten verließ Bruder Johannes den elektronischen Beichtstuhl, befreit von seinen Sünden.

Nur eine Sekunde dachte er daran, was er wohl an Sünden begangen hatte die nun aus seinem Gehirn gelöscht waren. Aber er dachte mit aller Entschlossenheit daran, wie er den Auftrag erfüllen konnte, mit dem er für diese Sünden büßte.

Durch ihn, das Schwert Gottes, würden Sünder sterben. Er war die Rache des Allmächtigen. Es war mehr eine Ehre als eine Aufgabe. Er dankte Gott, in solch segensreichen Zeiten zu leben.

21. Kapitel

Die Stille in der öffentlichen Herrentoilette wurde nur vom Klicken und Brummen einer nervös flackernden Neonröhre durchbrochen, bis sie mit einem kleinen Knall durchbrannte. Die Kabinen lagen nun in einem schummerigen Halbdunkel, das bestens zu dem Ort und seiner Benutzung passte.

Das einzige Geräusch war nun das einsame Summen einer Fliege, die über den verklebten Porzellanschüsseln dauernd ihre Kreise zog.

Dann wurde die Stille durch Schritte unterbrochen. Die Ledersohlen zweier Maßschuhe machten auf den Kacheln ein klackendes Geräusch. In den Schuhen steckte Bobby Dickeis.

Mit hastigen Bewegungen versuchte er die Haare wieder in Form zu bringen und seinen verknitterten Anzug glatt zu streichen. Seine Augen waren von dunklen Ringen umgeben und das Kinn hatte einen leichten Bartschatten.

Ruhelos hatte er sich schon die letzte Nacht durch die Stadt getrieben und war nun hierher zurückgekehrt um für einige Minuten Trost in verbotenen Dingen zu finden.

Aber zu seiner Enttäuschung war er der einzige, der auf der Toilette nach dem schnellen Vergnügen suchte. Er ging in eine der Kabinen, lehnte die Tür leicht an und wartete ob jemand kommen würde.

Plötzlich hörte er jemanden das Häuschen betreten. Die Schritte durchquerten den kleinen Raum und stoppten vor seiner Kabine. Sekundenlang geschah nichts, bis Bobby es nicht mehr aushielt und die Tür einige Zentimeter weit aufschob.

Durch den schmalen Spalt spähte er hinaus. Zu seinem Schrecken sah er in den Lauf einer altmodischen Pistole mit Schalldämpfer, wie man sie am Ende des 20. Jahrhunderts gebaut hatte.

„Hallo Herr Dickeis“, hörte er eine staubtrockene Stimme, „erschrecken Sie sich?“ Der Sprecher klang völlig humorlos und fast ein wenig gelangweilt.

„Sie haben Glück“, fuhr die unangenehm bekannte Stimme fort, „dass ihr Bruder ihre Schulden beglichen hat. Ansonsten hätte ich jetzt den Abzug betätigt und ihr Gehirn hinge an dieser schmuddeligen Toilettenwand. Ekelhafte Vorstellung, finden Sie nicht?“

Mit belegter Stimme fragte Bobby: „Wer sind Sie? Was wollen Sie?“ Die Tür schwang auf und vor ihm stand ein grauer Mann. Die einzige Farbe an ihm waren die rötlichen Haare und der rote Schnurrbart.

„Kennen Sie mich nicht mehr seit sie schuldenfrei sind? Fast wäre ich verletzt.“ höhnte der Graue.

„Sie waren doch lange Jahre so ein guter Kunde“, fuhr der Waffenträger fort, „und wir wollten mit Ihnen wieder ins Geschäft kommen.“ Bobby murmelte: „Was kann ich denn für sie tun?“

„Wir können etwas für sie tun“, sagte der Mann, den Bobby als den ‚Vertreter‘ kannte, „und möchten von Ihnen nur eine ganz kleine Gegenleistung. Sicher wird es Sie interessieren, dass auch ihr korrekter Bruder seine dunklen Stellen hat. Unsere Informanten haben uns heute etwas zugetragen, was sie interessieren wird.“

„Und was?“ fragte Dickeis rasch. „Das“, antwortete der Mann vom Syndikat, „erkläre ich ihnen, wenn sie den Auftrag erfüllt haben. Hier ist ein Ticket zur Raumstation der Welthandelsorganisation und etwas Geld damit sie sich ein Essen und so leisten können.“

Er überreichte Bobby einen Umschlag. „Nehmen sie das Hotel Intergalax“, sagte er und drehte sich zum Gehen, „man hat ihnen dort bereits ein Zimmer reserviert. Sie sollten den Portier fragen, ob es eine Nachricht für sie dort gibt.“

Bobby hörte, wie der Vertreter ging und vor dem Haus ein Wagen startete und abfuhr. Dann ging er mit tappenden und unsicheren Schritten hinaus.

22. Kapitel

„Schrankkoffer!“ ächzte Petra und wuchtete das mannshohe Teil in den Laderaum der Atman. „Warum Schrankkoffer? Könnten wir nicht Aktenkoffer schmuggeln?“ Sie stemmte sich mit voller Kraft gegen das braune Ungetüm und drückte es über den glatten Boden gegen die Wand.

Hinter ihr schob Maria den Koffer vor sich her, als sei er aus Papier und lachte: „Wer hätte gedacht, dass Schmuggel so viel körperliche Arbeit ist? Lass uns die Dinger vertäuen und dann nichts wie ab an die Arbeit. Wir haben noch vier Tage, dann geht es los.“

Zehn Minuten später hatte das eingespielte Team die großen Gepäckstücke gesichert und vor allen Augen, auch vor den elektronischen, gut verborgen. Das Schmuggelgut stand hinter Kisten und Kästen mit Munition.

Wenig später saß Petra auf der Brücke der Atman. Um sie herrschte Schweigen. Mit trübem Blick starrte sie auf den Bildschirm der das All vor dem Bug des Schiffes zeigte.

„Woran denkst du gerade?“ fragte Vincents Stimme aus den Lautsprechern. Sie drehte ihre Augen zur Kamera über dem Bildschirm und sagte: „Ach, nichts.“

„Komm schon“, drängelte Vincent, „ich kann zwar nicht Gedanken lesen wie meine große Schwester, aber auch ohne Sandras Begabung merke ich, dass irgendwas nicht stimmt. Man muss wirklich kein Hellseher sein, Mama.“

Die Kapitänin senkte den Kopf und ließ nachdenklich die Hand über die Armlehne ihres Sessels streichen. „Ich dachte an den Tag“, als ihr zu mir kamt und wie viel sich seit dem verändert hat.“

„Verändert?“ fragte Vincent. „Du meinst, den Unfall? Du meinst mich?“ Seine Adoptivmutter schüttelte zaghaft den Kopf.

Doch dann lenkte sie ein: „Ja, auch der Unfall. Wärst du damals nicht am Reaktor gewesen...“ Rüde unterbrach sie Vincents Stimme: „Was passiert ist war nicht Deine Schuld. Ich hätte dort nicht sein dürfen!“

Petra murmelte: „Aber ich hätte Dich dort nicht hingehen lassen dürfen!“ Vincent antwortete ruhig: „Aber ich bin da hin gegangen. Ich bin nicht mehr das kleine vernachlässigte Baby aus einem Waisenhaus in Frontier 10, ich bin alt genug für mich selbst zu entscheiden und meine eigenen Fehler zu machen.“

Nach einer kurzen Pause flüsterte er fast: „Was willst du machen, wenn meine Brüder mal Männer finden und auf andere Schiffe oder eine Station gehen? Irgendwann musst du uns loslassen können.“

Petra nickte und ihre Augen wurden feucht: „Aber ich liebe euch doch!“ Die Stimme ihres Sohnes bemerkte: „Und deshalb musst du uns unsere Freiheit lassen.“

Wieder war es still auf der Brücke. „Weißt du, wie lieb ich Euch habe?“ fragte Petra. „Ja, und das gibt mir Kraft.“ war die Antwort.

23. Kapitel

Tobias erwachte von einem Lufthauch. Er brauchte ein oder zwei Sekunden um zu realisieren, was das zu bedeuten hatte: Irgendjemand hatte die Luftschleuse des Containers in dem sie saßen geöffnet.

Sie saßen ganz in der Nähe der Schleuse. Er lauschte und hörte erst nur die sich öffnende Tür. Dann hörte er Schritte.

Er rüttelte Alberich wach und bedeutete ihm mit Zeichen was passiert war. Schnell verbargen sie sich hinter einigen Eisenträgern.

Die Schritte näherten sich, Alberichs Gesicht wurde fahl. Die Schritte waren jetzt fast vor ihnen und Tobias schnürte es die Brust zu.

„Raus kommen, ihr zwei!“ herrschte eine tiefe Männerstimme.

Langsam erhoben sich die beiden Flüchtlinge. Vor ihnen stand ein riesiger Mann mit langem, schwarzem Bart. Seine bloßen Arme und das Gesicht waren über und über von schwarzen tätowierten Mustern überzogen.

„Menschenfresser!“ keuchte Alberich. „Unser Transportschiff wurde von Menschenfressern gekapert!“

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