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Ordinary

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Vorwort

Hallo, wollte nun auch hier die Story veröffentlichen. Der Titel ist Ordinary und so ist auch oftmals die Wortwahl. Dennoch hoffe ich, dass niemand daran Anstoß findet. Grüße Chris

Ordinary

"Morgen!”

Und schon wieder einer dieser gewöhnlichen Tage. In Gedanken lag ich noch im Bett und schlummerte vor mich dahin. Aber irgendwie bewegten sich auch meine Beine, so als würden sie gehen. Stimmte ja auch. Ich ging, und dieses wie jeden Tag, zur Arbeit.

Passiert euch das auch? Eigentlich schlaft ihr noch und plötzlich wacht ihr auf und steht irgendwo ganz anderes. So erging es mir nahezu täglich. Aber wer hat sich schließlich einfallen lassen, dass Zivis um 7:30 Uhr ihren Dienst beginnen müssen?

Unmenschlich so etwas. Aber eigentlich auch egal, man gewöhnt sich an alles. Selbst daran, dass man morgens schlafend unter die Dusche steigt, sich schlafend in die U-Bahn müht und letztendlich erst doch dann aufwacht, wenn die Kollegen vor einem stehen und einen begrüßen.

Ich finde es irgendwie auch immer schockierend, wenn ich dort ankomme und einige wie geleckt und putz munter aussehen. Um diese Uhrzeit, so was sollte verboten werden. Es gab da zum Glück auch noch ein paar, die wie ich wie-frisch-aus-dem-Bett-gefallen aussahen.

Und täglich grüßt das Murmeltier. Erst gab es wieder das Meeting mit unserem Chefarzt, bei dem der Tagesablauf durchgesprochen wurde und danach ging es direkt an die Arbeit. Es lief aber heute jedoch nicht ab wie jeden Tag. Ab jetzt hieß es für mich einfach fit sein, denn meine Kollegin hatte Urlaub genommen und so musste ich ihre Arbeit am Vormittag mit übernehmen.

Normalerweise hieß es sonst für mich morgens die Röntgenaufnahmen des Vortages zu den Patientenunterlagen zuzuordnen und diese dann den einzelnen Ärzten zum Diktat vorzulegen, damit zu jedem einzelnen Vorfall ein Befund geschrieben werden konnte. Danach hätte ich dann das Archiv in Ordnung halten müssen. Dies bedeutet einfach nur, dass ich nicht mehr gebrauchte Unterlagen entsprechend dem Geburtsdatum des Patienten wieder ins Archiv einordnen musste. Eine ziemlich stupide und auf Dauer nervenaufreibende Arbeit. Aber einer muss sie ja machen und das war letztendlich ich, der Zivi.

Und nachmittags hätte ich dann die Anmeldung der Röntgenabteilung übernehmen müssen. Dabei muss ich nur die Unterlagen von den eintreffenden Patienten aus dem Archiv holen und sie den Arbeitsstellen zuordnen.

Klingt einfach, wäre es auch, wenn alle Unterlagen immer im Archiv wären. Sind sie aber nicht und so muss man durch das ganze Krankenhaus telefonieren oder die eigene Station absuchen, bis man letztendlich die Unterlagen gefunden hat.

Und dieses durfte ich jetzt nicht nur nachmittags machen, dieses musste ich parallel zu den anderen Dingen auch noch vormittags machen. Irgendwie ging dies auch, am Ende war man dennoch ziemlich erledigt. Und so lief ich zu Anfang immer zwischen den Räumen hin und her, um einerseits die eintreffenden Patienten aufzunehmen und andererseits die Röntgenaufnahmen des Vortages zuzuordnen. Irgendwann war dieses ja zum Glück auch geschafft und ich lies mich erst mal in meinen Stuhl an der Anmeldung sinken und schnaufte erst mal tief durch.

Nebenbei überflog ich im PC, was denn noch alles von den Stationen des Krankenhauses für diesen Tag noch angemeldet worden war ...

"Guten Tag!", kam es in einem freundlichen und wie immer sehr lautem Ton an mein Trommelfell. Nicht einmal in Gedanken konnte man für 5 Sekunden schwelgen. Vor meinem Fenster stand wieder ein Patient, der unbedingt geröntgt werden wollte. Mit einem tiefen Seufzer arbeitete ich schließlich weiter. Parallel dazu ordnete ich dann auch immer wieder die nicht mehr gebrauchten Unterlagen ins Archiv, halt nur unterbrochen von den immer wieder neu ankommenden Patienten.

Und so raste die Zeit voran, ohne dass ich es wirklich merkte, bis schließlich irgendwann mein Blick auf die kleine Uhr auf dem PC Monitor fiel. 11:50 Uhr, was so viel bedeutete, dass ich in der Kantine wohl so schnell keinen Platz finden werde.

"Guten Morgen!" Und schon waren die Gedanken an Mittagessen in weite Ferne gerückt. Mit einem doch leicht genervten Blick schaute ich durch mein kleines Fenster hinaus. Man kann sich die Anmeldung schon fast wie einen kleinen Käfig vorstellen. Zwischen zwei Räumen ist einfach nur ein Pult exakt zwischen die Mauern eingepasst worden und auf diesem wurden dann Glasscheiben bis an die Decke installiert und nur durch ein kleines Loch konnten die Patienten zu mir sprechen. Manchmal fragte ich mich, ob ich nun der hinter den Gitterscheiben war oder doch derjenige der davor stand und die Gefangenen betrachtet.

Auf jeden Fall wandte ich mich dann doch wieder den Personen vor meinem kleinen Fensterchen zu.

"Guten Morgen", grüßte ich natürlich pflichtbewusst zurück. Vor mir standen diesmal nicht direkt die Patienten selbst, sondern das Personal eines Rettungswagens.

"Wir bringen Frau Schmidt aus dem Heilig-Geist-Krankenhaus zur Computertomographie. Hier schon mal die Unterlagen und wir bringen die Frau dann gleich direkt in den Untersuchungsraum." Wie immer in Zeitdruck wickelten sie ihre Arbeit ab, reichten mir schließlich noch einen Briefumschlag mit ihren Unterlagen durch das Fenster und waren dann schon mit der Frau im Untersuchungsraum verschwunden, um kurz darauf wieder rauszukommen, um ganz zu verschwinden.

Ich liebe derartige Arbeit, wo man noch nicht einmal selbst zu Wort kommt. Aber man muss damit leben. Geistig verabschiedete ich mich schon mal von meinem Mittagessen, denn so ein Fall bedeutet, dass ich diesen per Hand in die EDV eingeben muss und so was dauert dann durchaus einfach mal 15 Minuten.

Letztendlich war auch dieses erledigt und ich brachte die Unterlagen ins CT und meldete mich im Sekretariat zur Mittagspause ab. Jetzt durften sich die Sekretärinnen des Chefarztes nebenbei mit der Anmeldung abquälen ...

"Einmal Menu B", stand ich schließlich 2 Minuten später in der Kantine. Mit drei Klatschern, war dann auch mein Essen, zumindest wenn man es so bezeichnen wollte, auf einem Teller und dann auch schon der Teller auf meinem Tablett.

"Kannst dich ruhig zu uns setzen oder willst du Wurzeln schlagen?", kam es schließlich an mein Ohr. Anscheinend stand ich schon wieder ewig in der Gegend herum, ohne dass ich dieses bemerkte. Es lief bei mir heut einfach nicht alles rund.

Ich drehte meinen Kopf dann letztendlich doch und schaute in die Richtung, aus der die Stimmen gekommen waren. Es kam von dem Rettungswagensani aus dem Heilig-Geist-Krankenhaus, der erst vor ein paar Minuten noch eine Patientin bei mir abgeliefert hatte und an seinem Tisch war sogar noch ein Platz frei. Also einfach hinsetzen, danke sagen und sein Essen wegdrücken.

"Scheinst heut nicht ganz munter zu sein?!", kam es dann dennoch wieder vom Sani. Anscheinend wollte er für den Platz wohl etwas Kommunikation. Wenn ich also schon den Dienstleister spielen muss, dann kann ich dieses auch hier.

"Nicht wirklich, anscheinend etwas zu wenig geschlafen", erwiderte ich brav.

"Wohl gestern zu lange feiern gewesen?"

"Nicht wirklich, eigentlich gar nicht, wo auch an einem Mittwoch. Aber es schlaucht halt, den Job meiner Kollegin mitzumachen"

"Ach deswegen hab ich dich hier noch nie gesehen. Was machst du denn sonst?"

"Normalerweise halt einfache Zivi-Arbeiten. Röntgenbilder ordnen, das Archiv in Ordnung halten etc. etc."

"Ach so, nur Zivi, ich dachte schon du wärst hier fest beschäftigt."

"Klar bin ich hier fest beschäftigt, aber nur bis zum Ende meiner Dienstzeit!"

"Dennoch ist es ja was komplett anderes, als wenn da 'ne gelernte Kraft sitzen würde."

"Glaubst du Astrid ist 'ne gelernte Kraft? Das ist ein einfacher Job da vorne, dafür braucht man keine Ausbildung!", erwiderte ich ihm einfach nur.

"Wohnst du denn auch wie die anderen Zivis im Schwesternwohnheim?", fragte er.

"Nö. Ich hab schon noch meine eigene Wohnung. Ich war nur einmal da drüben und da würd ich es keine 2 Tage drin aushalten."

"Das glaub ich. War dort mal einen Freund besuchen und ich glaub, abgefuckter kann man nicht wirklich leben. Übrigens, eure Kantine könnte mal einen richtigen Koch vertragen, das ist ja grauenvoll."

"Wem sagst du das. Ich esse hier auch nur, weil ich nichts dafür bezahle. Anscheinend will man nicht nur die Patienten in Krankenhäusern quälen sondern auch das Personal."

Ich würgte noch einen letzten Bissen herunter, mehr war einfach nicht zu ertragen.

"So, ich werd dann mal wieder los."

"Wie, jetzt schon?", fragte erneut der Sani.

"Klar. Muss ja. Zum einen ist der Fraß heute echt nicht zu ertragen und zum anderen, wollen auch meine Kolleginnen in die Pause, um hier noch was zu essen, also muss ich sie jetzt ablösen und die Stellung oben halten."

"Na dann mach es mal gut. Bin übrigens Tim, falls man sich hier noch einmal über den Weg laufen sollte."

"Und ich Fritz-Daniel. Danke noch mal für den angebotenen Platz. Ich muss jetzt aber echt los. Bis denn", erwiderte ich nur und verschwand dann letztendlich in Richtung Arbeit. Vorher nur noch das Tablett abliefern und weiter ging es im typischen Rhythmus.

Der restliche Arbeitstag verlief wie erwartet relativ unspektakulär. Patienten aufnehmen, an die Arbeitsplätze verteilen und nebenbei immer wieder das Archiv in Ordnung halten. Aber ich merkte schon nebenbei, dass heute irgendwie nicht wirklich mein Tag war. Normalerweise gab es so zwischendurch immer wieder ein paar Plänkelein mit meinen Kolleginnen, aber selbst danach war mir heute auch nicht mehr. Und als ich dann endlich um 16 Uhr Feierabend machen konnte, erhielt ich nur von einer Kollegin den Ratschlag, mich heute mal auszuschlafen, damit ich morgen nicht derartig in der Luft hänge wie heute. Sie meinte es ja nicht böse, aber anscheinend ist es wohl doch aufgefallen, dass ich heute neben mir stand ...

Zum Glück war der Weg von der U-Bahnstation bis zu meiner Wohnung nicht wirklich weit. Um genau zu sein, er war lächerlich gering. Ich musste nur einmal über die Straße gehen und schon stand ich vor dem Eingang.

Meine Wohnung lag im Dachgeschoss eines typischen Altbaus in Köln. Jeder meiner Freunde und jeder Bekannte, der mich je besuchen kam, war sichtlich neidisch auf dieses Schnäppchen. Jeder weiß, wie rar die Wohnungen in Köln gesät sind. Und jeder fragte nach, ob es da nicht irgendwo einen Haken gäbe, ob ich reiche Eltern hätte, die mir eine derartige Wohnung finanzieren konnten etc. etc.

Aber es war nichts davon. Ich war einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ich hatte nur einmal der Vermieterin die Einkaufstüten ein Stück getragen. Sie war schon 76 Jahre alt und da geht das nicht mehr so gut.

Während ich ihr die Taschen trug, fragte sie mich natürlich aus. So wie es alte Damen halt gerne tun. Und so erzählte ich ihr von meiner Lage, dass ich in Köln für meinen Zivildienst noch eine Wohnung suchte, aber bisher nirgends auch nur den Hauch einer Chance bekommen habe. Nicht einmal bei den billigen Wohnungen in Chorweiler oder Kalk, wo ich sowieso eher ungern hingezogen wäre.

Ihre Augen wurden größer und neugieriger. Daraufhin fragte sie, was ich denn als Zivildienst machen wollte bzw. werde und so berichtete ich ihr von meinem Krankenhaus und von dem Dienst.

"Komisch ...", antwortete sie, "ich habe selbst bis zur Rente in dem Krankenhaus gearbeitet. Zwar nicht in der Radiologie, aber das ist ja auch egal, Hauptsache junge Menschen entscheiden sich auch mal dafür ,etwas Sinnvolles zu machen. Und apropos Wohnung, da könnte ich Ihnen vielleicht auch helfen. Ich besitze hier in Köln ein Haus und in diesem ist grad eine Wohnung freigeworden. Das war bis Ende letzten Monats noch die Wohnung meines Enkels, der jetzt aber aus beruflichen Gründen nach Berlin ziehen musste und so steht jetzt die Wohnung leer und ich bin bisher nicht dazu gekommen, eine Annonce in die Zeitung zu setzen. Falls sie Interesse hätten, können sie gleich mitkommen und sich die Wohnung anschauen ..."

Ich stutzte natürlich zu Anfang etwas. Man soll ja alten Damen nicht alles gleich glauben, doch ich hatte ja auch nichts zu verlieren und so ging ich einfach neben ihr her und stand mit einem Mal vor dem Haus. Wie schon erwähnt Altbau mit einer idealen Lage dazu. Innerlich hatte ich die Wohnung eigentlich schon abgeschrieben, da es entweder von innen eine Bruchbude sein müsste oder die Miete für mich unerschwinglich.

Ich ging dennoch mit der alten Dame zuerst in ihre Wohnung in der Parterre und danach ins Dachgeschoss. Und es war keine Bruchbude. Sicherlich es ist nicht die größte Wohnung, die ich je gesehen habe. Es war genaugenommen nur ein großer Raum, mit einer separaten Kochnische und einem kleinen separaten Bad. Alles in allem gerade mal 25m². Aber dafür mit einer grandiosen Dachterrasse zum Innenhof hinaus und einem wunderschönen Blick über die Dächer Kölns. Selbst der Dom war von hieraus schon klar zu erkennen.

"Ich brauch wohl nicht fragen, ob es Ihnen gefällt", grinste mich meine zukünftige Vermieterin an, als ich das erste Mal auf der Dachterrasse stand und die Aussicht genoss. Anscheinend waren über diesen Traum meine Gesichtszüge entglitten. Erst langsam kam ich wieder zu klaren Gedanken und bemerkte erst jetzt dieses Grinsen meiner Vermieterin. Sie wirkte damit so jung, schon fast kindlich. Aber vor allem eines, nicht so stur und verbittert wie so viele andere Damen.

"Sicherlich, dieser Ausblick hier allein ist schon überwältigend. Im Sommer muss das hier oben traumhaft sein. Mit ein paar Freunden und einem kleinen Tischgrill ... umwerfend. Ach ich träum schon wieder zu viel. Letztendlich muss ich mich für den Aufwand entschuldigen, aber die Miete ist von mir sicherlich nicht finanzierbar", erwiderte ich ihr.

"Wieso denn? Was gedachten Sie denn zu investieren?"

"Ich dachte so an 350 Euro im Monat, aber dafür weiß ich selbst, kann man keine derartige Traumwohnung bekommen. Die Wohnung bzw. das Zimmer ist zwar winzig, aber dennoch durch die Lage und die Terrasse können sie mindestens 700 Euro verlangen ..."

"... Ja und?", fiel sie mir daraufhin ins Wort "Was habe ich dann davon? Dann wohnt hier irgend so ein hochnäsiger Yuppie, der von Papa finanziert wird." Sie machte eine kurze Pause und ich schaute sie etwas fragend an. "Wissen sie, mir ist lieber zu wissen, dass in meinem Haus freundliche Menschen wohnen, als hiermit viel Geld zu verdienen. Hören sie junger Mann. Ich bin jetzt 76 Jahre alt und Geld zum Leben habe ich genügend. Meine Kinder und Enkel stehen alle fest im Leben und sind auch nicht auf mein Erbe angewiesen. Wozu also im Monat läppische 350 Euro mehr verdienen, wenn ich sie doch sowieso nicht ausgeben kann.

Dann doch lieber einen derartig freundlichen Mieter wie Sie."

In meinem Inneren begann es bei diesen Worten immer mehr zu kochen. Es fühlte sich an, als wenn tausend kleine Bienen drinnen hin und her flogen.

"Sie wollten also 350 Euro investieren. Bitte dann tun sie dieses. Sie bekommen diese Wohnung für 350 Euro im Monat warm."

"Aber ... Aber das kann ich doch nicht annehmen. Das wäre ja geschenkt."

"Na gut junger Mann, dann bezahlen sie halt mehr!", forderte mich die alte Dame jetzt heraus.

Mein Kartenhaus viel mit diesen Worten wieder zusammen.

"Aber das kann ich ja leider nicht", ließ ich den Kopf hängen.

"Na dann zahlen sie halt 350 Euro und helfen mir öfters mit den Einkaufstüten oder kommen mich ab und zu besuchen und unterhalten mich etwas bei Kaffee und Kuchen." Ihre Augen funkelten mich an und irgendwie wollte ich es nicht glauben. Aber sie reichte mir die Hand und anscheinend meinte sie es ernst.

"Falls sie es nicht glauben wollen, so können wir sofort zu meinem Anwalt und einen Mietvertrag aufsetzen."

"Um ehrlich zu sein. Ich brauch jetzt nicht sofort den Mietvertrag, sondern erst mal einen Kaffee um dieses hier zu realisieren", antwortete ich noch ungläubig und überwältigt zugleich.

"Na gut, damit Sie heute nicht im Ungewissen sind, bestelle ich gleich meinen Anwalt hier her und danach gibt’s dann Kaffee und frisch gebackenen Kuchen. Mögen sie russischen Zupfkuchen?"

Und so nahm es seinen Lauf. Nach der Vertragsunterzeichnung gab es wie versprochen den Kaffee und den Kuchen und sie erzählte mir, wie sie zu diesem Haus gekommen sei und vor allem wer hier alles wohnte.

"Weißt du Fritz …", in der Zwischenzeit hatten wir uns sogar schon geduzt ", mit der Zeit lernte ich einfach, dass es nicht wichtig ist, dass ich durch meine Immobilie reich werde, sondern hier ein gutes Klima herrscht und ich auf meine letzten Tage nicht mehr großen, nervenaufreibenden Streitereien ausgesetzt werde. Bisher hab ich nahezu jede Wohnung hier so vermietet, wie an sie. Jedes Mal durch einen Zufall." Sie nahm ihre Tasse Kaffee, trank einen Schluck und setzte dann an, weiter zu erzählen. "So zum Beispiel dieser Jugendtreff gegenüber von meiner eigenen Wohnung. Irgendwann kam mein Enkel mit einem Freund von der Universität zu mir, und sie wissen ja, Omas sind neugierig, und so fragte ich ihn, genauso wie sie aus, was er denn alles mache. So erfuhr ich von seinem Vorhaben einen Jugendtreff aufzubauen, um Jugendliche aus ihrem sozialen Umfeld wegzuholen. Gerade jugendliche deren Elternhaus vor allem aus Sozialhilfeempfängern bestand und wo sie nicht wirklich entsprechend menschlich behandelt wurden. Auf gut deutsch, zerrüttete Verhältnisse, in denen durchaus auch mal die Fäuste flogen. Und dafür suchte er jetzt einen Ort. Er hatte sogar schon finanzielle Mittel von der Stadt zugesprochen bekommen, aber noch keinen geeigneten und vor allem auch finanzierbaren Ort gefunden. Wie soll ich sagen, zu der Zeit stand die Wohnung gegenüber für ein paar Tage leer und ich bot ihm diese auch für seine Zwecke an. Für ihn sogar kostenlos, da es in meinen Augen sinnvoll war, das wenige Geld lieber für die Jugendlichen und das Inventar auszugeben. Ein paar Monate später zog dann dieser Jugendtreff hier ein und existiert jetzt schon seit 3 Jahren hier. Der Mitstudent beendigte ein Jahr später sein Studium in Sozialpädagogik und arbeitet seitdem Vollzeit dort und wird von der Stadt dafür bezahlt. Seit neustem bekomme ich sogar ein bisschen Miete von der Stadt erstattet, um meine Kosten zu decken, aber darauf kam es mir z.B. bei diesem Projekt nie an ... Oh entschuldige Fritz, ich halte hier schon wieder Endlosmonologe über Dinge die dich gar nicht interessieren …"

"Natürlich interessiert es mich ...", fiel ich ihr diesmal ins Wort. "Schließlich will ich ja auch wissen, wo ich wohne und vor allem was für eine geniale Vermieterin ich habe."

"Sag so etwas nicht, so genial bin ich gar nicht und wehe sie benutzen dieses komische Wort, wie die Kinder von da drüben. Wie sagen die doch gleich noch zu tollen dingen. Ach ja, das wäre FÄD. Wehe du nennst mich so. Dann käme ich mir eher vor, als hätte ich ein paar Pfunde zu viel auf den Rippen, als dass ich genial sei." Sie musste leicht schmunzeln und schaute auf ihre Uhr.

"So den Vertrag hast du ja schon unterschrieben und hier sind Ihre Schlüssel für die Wohnung und der Schlüssel für den Innenhof. Du kannst ab sofort einziehen, wann immer du wollst. Aber dennoch muss ich dich jetzt rauswerfen, denn ich muss mich noch schick machen. Ich habe nachher noch ein Rendez-Vous."

"Ein Rendez-Vous?", wiederholte ich etwas erstaunt.

"Natürlich. Glaubst du etwa, eine Frau in meinem Alter hat keine Bedürfnisse? Sicherlich nicht diese körperlichen Bedürfnisse wie ihr Jungvolk, aber dafür andere. Und seit mein Mann verstoben ist, muss ich mir halt irgendwo anders meine Streicheleinheiten suchen", erklärte sie und schob mich zwinkernd zur Tür. " Ich freue mich schon auf unsere Treffen zum Kaffeetrinken, aber jetzt mach es erst mal gut Fritz. Und noch einen schönen Tag."

"Auch dir einen schönen Tag, viel Spaß beim Rendez-Vous und vor allem einen großen Dank für alles." Und die Tür fiel ins Schloss. Eine komische Frau, schoss es mir damals durch den Kopf und bis heute hat sich daran nichts geändert.

Drei Tage später bin ich schließlich eingezogen und stehe dort nun seit 2 Monaten jeden Tag pünktlich um 16:30 Uhr nach der Arbeit vor der Haustür. So wie ja auch heut.

Ich hievte mich die Treppen bis zu meiner Wohnung hoch, schloss die Tür auf, ließ alles fallen und fiel einfach nur noch erschöpft in meinen Liegestuhl auf der Terrasse und genoss die letzten Sonnenstrahlen des Tages ...

Ich war natürlich eingeschlummert. Der Tag war einfach zu hart. Als ich wieder hochschrak, war die Sonne schon längst ganz hinter dem Horizont verschwunden. Aber irgendetwas anderes vibrierte in meiner Hosentasche. Nein nichts anrüchiges, nur mein Handy.

"Hallo Greta." Zum Glück gibt es ja Nummernerkennung.

"Hi Kleiner. Wie geht’s dir so und vor allem, bekomm ich dich heut noch dazu 'nen Kaffee mit mir zu trinken?"

"Bin erledigt und ok, ich gebe mich lieber gleich geschlagen, als mir nachher wieder anhören zu müssen, dass deine Telefonkosten wegen mir in die Höhe geschnellt sind. Wann und wo?"

"In 'ner halben Stunde auf dem Zülpicher?", kam es als Vorschlag von Greta.

"Sagen wir in 45 Minuten, so schnell bin ich dann doch nicht."

"Ok, also in 45 Minuten. Bis gleich." ... Tuuut ... tuuut ... tuuuut …

Und wieder hatte sie aufgelegt. Typisch Greta. Sie hatte nicht umsonst diesen Namen verdient. Eigentlich hieß sie ja Marie, aber sie war 'ne kleine Diva und da passte dieser Name einfach besser. Als ich von meinem Liegestuhl aufstand, fühlte ich die Kälte, die mir plötzlich in die Glieder fuhr und die Nackenhaare aufstellte. Es war zwar schon warm draußen, aber sobald die Sonne wieder weg war, wurde es ziemlich kalt. Wir hatten auch erst April.

Mit etwas steifen Gliedern quälte ich mich in die Wohnung. Machte mich noch etwas frisch, zog mich um und musste dann auch schon in die U-Bahn springen, damit ich die Zeit einhielt ...

"Hallo Kleiner", hauchte mir eine Stimme ins Ohr, während sich zwei Hände von hinten auf meine Augen legten.

"Ähm, Margret Thatcher?”, fragte ich dann doch etwas höhnisch.

"Also bitte ...", gab es daraufhin einen leichten Schlag auf den Hinterkopf, "so knochige Hände hab ich auch nicht und so frigide wie die bin ich schon gar nicht."

"Ich weiß, meine Süße", antwortete ich, drehte mich um, gab ihr einen Kuss und die obligatorische Umarmung. "Und welchem Kerl hast du dieses Mal den Kopf verdreht und dann doch wieder fallen lassen?", fragte ich sie gleich darauf spielerisch.

"Hey, was denkst du von mir?"

"Ich sag nur die Wahrheit. Also, wer ist es."

"Niemand!", spielte sie jetzt theatralisch beleidigt.

"Wirklich?"

"Niemanden den du kennst." Und sie konnte sich das Grinsen dann doch nicht mehr verkneifen.

"Wusste ich’s doch. Also wie alt, woher und was hatte gestört?"

"28 Jahre alt aus Los Angeles, Schauspieler aber sein Schwanz war zu klein ... Pah also wirklich Fritzchen, als wenn es immer einen Grund geben müsste."

"Gab es etwa keinen?"

"Nein. Ich dachte eigentlich, dass von Anfang an klar war, dass es nur ein One-Night-Stand wird. Aber anscheinend bildete sich die andere Seite da mehr ein."

"Ach und du hast ihn dann direkt wieder in die Realität zurück kehren lassen?", fragte ich etwas gelangweilt. Es war halt das übliche Geschichtchen.

"Klar. Weißt du doch, und tu nicht so gelangweilt. Er hat es sogar recht gefasst aufgenommen. Aber auch egal, dafür hab ich den Tag darauf 'nen richtigen Cutie kennen gelernt."

"Achso Mr. Right Nummer 101?"

"Blödmann. Nicht Mr. Right, nur Mr. Cute. Vielleicht wird er ja noch Mr. Right", zickte sie etwas. Aber das kannte man ja von meiner kleinen Diva.

Während dieses Gesprächs schlenderten wir die Straßen entlang Richtung Aachener Weiher und ließen uns dort auf einer Bank nieder. Für alle, die ihn nicht kennen, der Aachener Weiher ist einer der beliebtesten Parks in Köln in der Nähe der Universität. Aber eigentlich auch unwichtig.

"Und wie ist er im Bett?", fragte ich weiter.

"Keine Ahnung ich hatte noch keinen Sex mit ihm."

"Hui", jetzt war ich doch etwas überrascht.

"Nun tu nicht so. Das wirkt ja schon fast, als würde ich jeden sofort ins Bett ziehen! Ja ich weiß, ich hab kein Problem mit Sex, gerade die letzte Zeit nicht. Andere würden mich Schlampe nennen. Ich mache halt einfach wonach mir die Nase gewachsen ist. Aber bei ihm ist es doch schon ein bisschen anders. Er ist halt ... anders. Weiß nicht, wie ich es sagen soll."

"Ach, ist unsere kleine Greta nach ihrer Sturm-und-Drang-Phase wieder verliebt?"

"Verliebt noch nicht, aber er ist süß und macht mich unsicher."

"Dennoch schön ...", grinste ich sie jetzt gespielt hämisch an.

"Nun hör schon auf." Unsere Diva errötete und setzte ihren Kleine-Mädchen-Blick auf.

"Ist ja schon gut, ich freu mich ja für dich, aber nun erzähl mal ein bisschen von ihm!"

"Lieber nicht." Sie wurde jetzt noch roter und schaute in den Himmel hinauf.

"Wieso nicht?" Greta schwieg vor sich dahin und schaute weiter verträumt in den Himmel.

"Fangen wir also ganz klein an." Ich legte meinen Arm um sie und Greta lehnte ihren Kopf gegen meine Schulter. "Wie alt ist er denn?"

Nach einem kleinen stillen Moment fing sie dann doch an zu erzählen. "Das ist ja schon das Problem, er ist 18."

Oha. Damit hätte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Man muss dazu sagen, dass Greta 21 Jahre alt ist.

"Ich weiß, bisher hab ich immer heftigst darauf Wert gelegt, dass er älter ist. Aber ... Naja ... Ich weiß halt selbst nicht, was in mich gefahren ist." Sie vergrub ihr Gesicht in meiner Brust und stöhnte etwas.

"Was? Keine Ahnung. Aber es macht dich glücklich."

"Ja zumindest wenn ich bei ihm bin bzw. wenn wir beide alleine sind. Aber wenn ich dann mal alleine bin und über alles nachdenke, kommen mir immer wieder Gedanken, wie ich ihn wohl anderen vorstelle ... ‚ja er kommt gleich von der Schule, dann wirst du ihn kennenlernen’ ... oder noch schlimmer ist der Gedanke, dass er noch daheim wohnt, bei seinen Eltern und erst nächstes Jahr Abi macht ..."

"... Nun reg dich mal ab", fiel ich ihr ins Wort. "So schlimm ist das ja nun auch nicht. Und überleg mal, in schwulen Kreisen könntest du jetzt sogar angeben, dass du 'nen jüngeren, sogar noch 'nen Teenager hast."

"Arschgeige, ich bin aber nicht schwul und schon gar kein Mann."

"Stimmt sonst wärst du die beste Drag-Queen der Welt!", grinste ich sie an.

"Arschgeige auf ein erneutes", war ihre einzige Reaktion. Aber sie wusste, wie es gemeint war, schließlich kuschelte sie sich wie immer in solchen Momenten enger an mich heran.

Greta war schon faszinierend. Vor allem, wenn man sie kannte. Auf der einen Seite dieses kleine zerbrechliche Wesen und auf der anderen Seite konnte sie die arroganteste Schnepfe sein, die über den Globus in High-Heels stöckelt. Aber dafür hatte ich sie ja schließlich lieb.

"Arg. Sorry, ich muss jetzt schnell los. In 'ner halben Stunde will er bei mir anrufen." Sie drückte mir noch einen Kuss auf die Wange und sprang förmlich von der Bank, um nach Hause zu eilen.

"Wie heißt er eigentlich?"

"Tom!"

"Dann grüß Tom mal unbekannterweise von mir!", rief ich ihr noch nach.

"Klar, wird gemacht. Dir noch einen schönen Abend."

Ich blieb noch für ein paar Momente auf der Bank sitzen und starrte in die Sterne. Normalerweise war es nicht möglich, den Sternenhimmel so klar zu sehen, da die Stadt einfach zu hell ist, aber anscheinend war es heute möglich, wodurch auch immer. In mir machte sich ein wohliges Gefühl breit. Ich schaute in den Himmel und dachte im gleichen Moment daran, wie Greta jetzt wohl mit schweißnassen Händen den Telefonhörer abnimmt und mit zittriger Stimme Tom hallo sagt.

Ich blieb noch eine Weile einfach so sitzen und genoss dieses Gefühl der Zufriedenheit. Aber irgendwann schaute ich dann doch auf meine Uhr und machte mich einfach aus Vernunft auf den Heimweg, da ich morgen wieder arbeiten musste.

Ich schlenderte dennoch etwas verträumt die dunklen Wege des Weihers entlang Richtung Ausgang und schoss einen kleinen Stein vor mich hin. Es waren kaum noch Menschen unterwegs, nur ab und an hörte man ein leises Rascheln aus der Umgebung.

"Hallo. So spät noch unterwegs?", drang plötzlich eine Stimme von der Seite an mein Ohr und ich musste erst mal heftigst zusammenzucken. Ich drehte vorsichtig meinen Kopf nach links und sah die Umrisse eines Menschen, von dem wohl diese Worte gekommen waren.

In diesem Teil des Parks war es so dunkel, dass man nur die Umrisse des Mannes erkennen konnte. Mit Ausnahme einer glühenden Zigarettenspitze die bei näherem Hinschauen etwas Licht spendete. Als er dann auch an seiner Zigarette zog, viel durch diesen glühenden Punkt so viel Licht in sein Gesicht, dass ich zumindest erkennen konnte, wer das war.

"Tim?"

"Ah, er kennt meinen Namen noch."

Die Spannung durch den Schreck löste sich abrupt und meine Glieder gaben leicht nach. Und mit einem Satz war der Schatten dann plötzlich vor mir und stützte mich ab. Seine Zigarette ließ er dabei achtlos fallen.

"Hey, nicht schlappmachen", raunte mir Tim ins Ohr.

"Dann erschreck du mich nicht so!"

"Sorry, aber kann ich wissen, dass du so schreckhaft bist ... Ganz ruhig, setz dich erst mal hin!"

Tim schob mich in Richtung der nächstgelegenen Bank.

"Geht’s wieder?", fragte er mich nach einigen tiefen Atemzügen meinerseits.

"Ja geht schon." In diesem Moment griff ich gleichzeitig zu meinen Zigaretten und zündete mir jetzt eine an. Auf diesen Schock brauchte ich diese erst mal. Aber es dauerte noch ein paar Momente, bis ich wieder vollkommen gelöst war.

"Was machst du eigentlich so spät noch hier?", fragte mich Tim nach einigen Momenten der Stille.

"Ich komm von 'nem Treffen mit meiner besten Freundin. Aber ich bin ja schließlich nicht hier, um mich zu rechtfertigen. Dieses müsstest wohl eher du. Oder was versteckst du dich nachts im Park im dunkeln?"

"Um süße Jungs zu beobachten, wie sie Steinchen vor sich herkicken und träumend durch die Welt laufen, um sie daraufhin zu erschrecken!" Trotz der Dunkelheit konnte ich sein Lächeln erahnen und sah auch das süffisante Leuchten seiner dunklen Augen.

"Ach so, Steinchen kickende süße Jungs. Woher die wohl kommen?"

"Sicherlich vonm Treffen mit ihrer besten Freundin", antwortete er mit einem warmen, schmeichelnden Unterton in der Stimme. Viel wusste ich sicherlich nicht über ihn. Nur eines in diesem Moment, er konnte verdammt charmant sein.

Ich lehnte mich zurück und schloss für einen Moment die Augen, um auch den letzten Schrecken aus mir heraus zu bekommen.

In dem Moment als ich die Lider schloss, spürte ich weiche Lippen auf den meinigen und auch eine Zunge, die sich ihren Weg zu bahnen versuchte und ich ließ sie gewähren. Ich war zwar wieder leicht geschockt, aber diesmal angenehm. Erst waren seine Küsse noch zaghaft, wurden mit der Zeit aber immer fordernder und auch seine Hände gingen auf Wanderschaft. Auf meine Reaktion musste nicht lange gewartet werden. Ich genoss es und forderte genauso wie er ....

... Erschöpft lagen wir nebeneinander im Gras und starrten in den Himmel.

"So etwas machst du also nachts im Park? Arme Jungs erschrecken, um sie danach zu vernaschen", waren die ersten Worte die nach langer Zeit wieder fielen.

"Nein, nicht irgendwelche Jungs, nur süße Jungs", erwiderte Tim.

"Schleimer."

"Nö. Ich sage nichts als die Wahrheit", und kraulte mir parallel dazu durch die Haare.

Wir lagen noch eine undefinierbare Zeit nebeneinander und schauten den Sternen und ihrer Wanderschaft zu ...

"Kommst du noch mit?", fragte ich Tim, als wir im Aufbruch waren.

"Nein sorry, ich muss morgen arbeiten. Sei nicht böse, aber ein bisschen Schlaf brauch ich auch."

"Klar kein Problem."

"Aber dafür können wir morgen Nachmittag etwas unternehmen. Hast du Lust?"

"Klar, gerne und was?"

"Lass dich überraschen!" Mit diesen Worten zog er mich noch einmal schnell an sich und lief dann abrupt los.

"Und wann?", rief ich ihm noch hinterher.

"Halb 5 wieder hier", schallte es zurück und er bog um die nächste Ecke und war verschwunden.

Ich schaute noch einmal in den Himmel und fragte mich, was dieses wohl gewesen war, und ich hatte keine Ahnung, ob nun einfach ein One-Night-Stand oder mehr. Zumindest war es schön, jemandem mal wieder so nah gewesen zu sein.

Langsam und müde setzte ich meine steifen Glieder in Bewegung und tat es Tim gleich. Ich lief bloß nicht derartig schnell. Dazu war ich jetzt nicht mehr in der Lage. Stattdessen schlurfte ich in Gedanken vertieft zur U-Bahn und fuhr nach Hause ...

... Ich klapperte mit meinen Schlüsseln in der Tasche, als ich die letzten Meter in Richtung Haustür zurücklegte. Aber in dem Moment, als ich den Schlüssel ins Schloss stecken wollte, schnellte diese leise auf und Kai, der Sozialarbeiter aus dem Jugendtreff ,stand vor mir.

"Ah hallo. Hoffe hab dich nicht erschreckt", begrüßte er mich leise. Eines hatten wir dann doch gelernt. Unsere Vermieterin war zwar sonst ziemlich genial, außer nachts, wenn man sie durch etwas laute Konversation weckte. Party kein Problem, man musste nur vorher Bescheid sagen. Aber kein Geschnatter unter ihrem Fenster.

"Nein, kein Problem. Aber was machst du hier noch? Heute Nachmittag gar nicht hier gewesen und dafür jetzt mitten in der Nacht?"

"Jep, die Jugendgruppe war heute schon um 15 Uhr beendet. Wir hatten heute noch behördliche Termine wegen der Finanzierung etc. War jetzt nur noch einmal hier, da ich was vergessen hatte."

"Achso, na dann dir noch 'nen schönen Abend."

"Dir auch", antwortete Kai und ging den Weg in Richtung U-Bahn. Dies war so eben der bekannte Studienkollege meines Vormieters bzw. des Enkels der Vermieterin. Man sieht und grüßt sich regelmäßig, da man zu den selben Zeiten anfängt und aufhört zu Arbeiten und sich so regelmäßig über den Weg läuft. Sonst hat man jedoch nichts miteinander zu tun.

Ich schlurfte nur noch die Treppen bis in meine Wohnung hoch, stellte schon im Halbschlaf meinen Wecker, fiel auf die Mattratze und war innerhalb weniger Momente in die Arme Morpheus entglitten ...

... "Nöööq – Nöööq – Nöööq"

Mit einem Satz lag der Wecker am Boden. Ich hasse es, so unsanft geweckt zu werden, vor allem nach so einem Abend wie gestern. Wieso nicht eigentlich weiter ins Kissen kuscheln ...

Jeden Morgen der gleiche innere Kampf. Aufstehen und sich tot malochen oder liegen bleiben und 'ne Abmahnung erwarten.

Und was macht der Mensch? Er ist autoritätshörig und steht doch auf. Ob nun zum Glück oder leider weiß ich selbst nicht, aber ich bin und war nicht anders. So mühte ich mich also hoch, verschwand im Bad unter die heiße Dusche und stand kurze Zeit später vor der Tür.

"Gute Nacht!", grüßte dann auch die allseits bekannte Stimme von Kai.

"Hä? Wie?" Zu ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und Objekt war ich zu dieser Zeit natürlich noch nicht in der Lage.

"Genau deswegen!"

"Deinen Augen zu folge war die Nacht wohl doch etwas zu kurz für dich", grinste er mich an.

"Klar, Nächte sind immer zu kurz."

"In welcher Hinsicht das auch immer gemeint war!" Mein Gott war dieses Grinsen schmutzig.

"Nicht so wie du es gerne hättest und noch einen schönen Tag. Muss jetzt los, bis denne!"

"Jep, dir auch und arbeite nicht so viel." Kai schloss die Tür zum Jugendtreff auf, während ich das Haus in Richtung U-Bahn verließ.

Vor der Haustür erschlug mich dann auch gleich das Licht. Wie ein kleiner Vampir hielt ich schützend die Hand vor Augen und versuchte erst mal diese an das grelle Licht zu gewöhnen.

Ich bin zwar kein wirklicher Morgenmuffel, dennoch ziemlich empfindlich.

Die Sonne knallte nur so vom Himmel herab, so als hätten wir schon Hochsommer. Na gut, es hatte sich also doch gelohnt die Kissen zu verlassen und lieber die wärmende Sonne zu genießen, nur die Arbeit störte jetzt noch. Ich schlenderte weiter Richtung U-Bahn und fuhr letztendlich dann doch ins Krankenhaus, fern von jeder Sonne und jeglicher Entspannung. Eher stickige Luft und Anspannung.

Aber anscheinend hatten die Patienten heute mit uns Nachsicht, denn nach anfänglicher Hektik ebbte es schnell ab und den ganzen Nachmittag über war unser Wartezimmer leer. Irgendwie auch verständlich, wer will bei so einem Wetter auch im Haus bzw. bei einem Arzt hocken.

Der Nachteil dabei lag leider darin, dass so die Zeit ziemlich zäh und langsam dahin strich und ich Zeit hatte, um über den Tag gestern nachzudenken. Und so etwas hasse ich. Lieber genieße ich, als mir große, abstrakte Gedankenkonstrukte aufzubauen, die dann doch nicht erfüllt werden bzw. mir Fragen stelle, die sowieso nicht beantwortet werden.

Und so saß ich verträumt an der Anmeldung und ließ den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Und ich fragte mich selbst, was das eigentlich war?

Ein kleines Abenteuer? Der Anfang von etwas größerem? Oder einfach nur Sex? Und ich war mir selbst unschlüssig. Es war zwar gestern schön, aber ... Es war ja eigentlich auch egal, kein aber. Es war schön und man sollte lieber das Leben genießen. Zudem wer weiß was draus wird ...

"Ab nach Haus mit dir Fritz, bevor du uns hier ganz wegschläfst", schmiss mich irgendwann gegen 15 Uhr meine Kollegin aus der Abteilung. Es war so wenig los, dass sie mir einfach mal was Gutes tun wollte. Ziemlich verdattert nahm ich mir dann auch meine Sachen und spurtete mit einem "Tschöö" auf den Lippen zur Tür hinaus, bevor man sich es anders überlegte und doch da behielt.

Zum Glück strahlte draußen immer noch die Sonne unvermindert und der Himmel glänzte Azurfarben wie der indische Ozean. Statt mit der U-Bahn zu fahren schlenderte ich die paar Stationen lieber zu Fuß durch die Straßen. Das Wetter hatte nicht nur Einfluss auf mich, auch dir restlichen Menschen auf den vollen Straßen bewegten sich anders. Alles etwas langsamer, behäbiger und relaxter. Sie eilten zwar immer noch wie in einem Ameisenhaufen hin und her, aber jeder Schritt in der Sonne war ein Genuss und dieses entnahm man auch ihren Gesichtern.

Auch die Kleidung hatte sich dem Wetter angepasst und alles wurde etwas dünner, kürzer und körperbetonter. Letztendlich sollte ja auch jeder cm² Haut von der Sonne gekitzelt werden. Aus der Ferne sah ich dann schon wieder Kai, der auf der Treppe vor unserem Haus in der Sonne saß und noch mit einem seiner Schützlinge erzählte. Kurz darauf verabschiedete sich dieser und verschwand dann wohl auch heimwärts. Kai blieb sitzen, schloss die Augen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Haustür und ließ die Sonnenstrahlen noch etwas über seine Haut blitzen.

"Na du? Auch schon wieder frei?", begrüßte er mich, ohne die Augen zu öffnen.

"Klar, du ja auch!"

"Genau und das werd ich jetzt auch genießen!" Mit einem Satz war er aufgesprungen und lief davon. "Dir noch 'nen schönen Nachmittag, wohl wieder bis morgen früh!", rief er noch zurück und war dann auch hinter der nächsten Hausecke verschwunden.

Ich stiefelte in meine Wohnung hoch, warf meine Schuhe und Rücksack von mir. Schnappte mir ein Glas Champagner-Ersatz, also Prosecco, und ließ mich auf meinen Liegestuhl auf der Terrasse nieder, schloss die Augen und genoss einfach das Gefühl. Die Mischung aus dem süßherben Getränk, der wärmenden Sonne und der erfrischenden Briese, die über die Dächer Kölns wehte. Sachte schaukelte ich hin und her und konnte vor meinem imaginären Auge sehen, wie jetzt alle Kölner Feierabend machten und sich auch so niederlegten und einfach nur genossen.

Doch der Genuss blieb vorerst nur von kurzer Dauer. Mein Handy vibrierte und etwas widerwillig nahm ich ab, ohne auf das Display zu schauen und fuhr plötzlich hoch, als ich Tims Stimme hörte.

"Tach du."

"H ... Hi", verschluckte ich mich an meinem Prosecco.

"Ups, hab ich dich grad erschreckt?"

"Nein, nein, nicht wirklich. Ich hab bloß nicht so schnell mit einem Anruf von dir gerechnet!", erwiderte ich etwas stammelnd. Man darf ja schließlich nicht sein Gesicht verlieren und sofort zeigen, dass man sich eigentlich über den Anruf freut. Ich war in diesem Moment sogar über mich überrascht, da mich Tims Stimme doch so schnell aus dem Konzept bringen konnte.

"Hast du denn gleich Lust, noch etwas zu unternehmen?"

"Ähm. Jep klar, was denn und wo denn?", fragte ich etwas zittrig nach.

"Im Rheinpark und lass dich überraschen."

"Und wo treffen wir uns, der Rheinpark ist doch etwas größer?"

"Am Tanzbrunnen, bei dieser Unterführung? Weißt du wo das ist?", machte er den Vorschlag.

"Ok und wann?"

"In einer dreiviertel Stunde?"

"Kein Problem. Soll ich was mitbringen?"

"Nur dich!" Bei diesen Worten wurde ich etwas rot und kam leicht aus der Verfassung. Ich saß mit offenem Mund da, aus dem jedoch keine einzige Silbe heraus kam, bis Tim noch einmal nachfragte: "Also bis gleich?"

"K... Klar. Bis gleich."

"Ich freu mich!"

"Ich auch." Und wir legten auf.

‚Arg’ dachte ich nur. Jetzt hatte es doch wieder ein Typ geschafft, mich einfach so aus der Verfassung zu bringen. Genau das, was ich vorhin eigentlich geschworen hatte, nicht passieren sollte. Aber ich musste mich damit abfinden und begann im selben Moment zu genießen. Dieses Gefühl, dass es doch wieder wer schafft, mich sprachlos zu machen ...

In Gedanken vertieft, schrak ich einige Momente später hoch und bemerkte erst dann, dass ich mit einem debilen Grinsen da saß und die Zeit davon strich. Mit einem Satz hatte ich mich umgezogen und lief schon zur Tür hinaus und die Treppe hinunter, um dann doch noch einmal wieder hoch zu eilen, da ich vergessen hatte, die Tür abzuschließen.

Und diesmal sprintete ich die Treppe noch schneller hinunter, so dass ich mich fast hingelegt hätte. Unten vor der Treppe stand meine Vermieterin und schaute etwas entgeistert dem Poltern entgegen und wich gleich einen Schritt zur Seite, als der Wirbelsturm Namens Fritz an ihr vorbei zog.

"Nicht so stürmisch", wollte sie mich noch aufhalten, aber ich rief ihr nur zu, dass ich keine Zeit hätte.

"Ein Date?", fragte sie nach und ich nickte nur zurück.

"Dann viel Spaß und treib es nicht zu bunt." Jetzt verlangsamte sich dann doch mein Schritt. Ich hielt an und drehte mich mit hochrotem Kopf noch mal zu ihr um und sie grinste mich nur süffisant an. Hob die Hand zum Abschied und verschwand dann in ihrer Wohnung. Anscheinend hatten es heute alle darauf angelegt, mich aus der Verfassung zu bringen. Ich zuckte mit den Schultern und sagte zu mir selbst ‚passiert’. War ja letztendlich auch egal. Eigentlich war es sogar eher noch genial, so eine lockere Vermieterin zu haben.

Ich stieg in die U-Bahn, fuhr bis zum Hauptbahnhof und schlenderte dort über die Hohenzollernbrücke in Richtung Messe und direkt dahinter zum Tanzbrunnen. Ganz knapp, aber dennoch pünktlich auf die Minute, traf ich am verabredeten Ort auch ein, aber Tim war noch nicht zu sehen. Ich setzte mich erst mal auf die Ufermauer und wartete etwas, jedoch auch nach 5 Minuten war Tim immer noch nicht erschienen. Und so begann ich mir Gedanken zu machen, ob er doch vielleicht einen anderen Ort gemeint hatte als diesen oder vielleicht hatte ich auch einfach die Zeit verwechselt. Aber gerade als ich diese Gedanken weiter verfolgen wollte, bog Tim mit großen Schritten um die Ecke und kam keuchend auf mich zu.

"Sorry für die Verspätung, aber die U-Bahn hatte mal wieder Probleme!", stand er jetzt keuchend und schwitzend vor mir.

"Kein Problem, passiert ja nicht das erste Mal!"

"Was? Das ich zu spät komme?", fragte er nach.

"Nein, das mit der Bahn ... ähm U-Bahn ...", stammelte ich vor mich hin.

"Nicht unruhig werden Kleiner!" Bei diesen Worten strich er mit seinem Zeigefinger über meine Wange und ich kam mir irgendwie dämlich vor. Vor allem als er dazu dieses Grinsen aufsetzte. Ich fühlte mich wie ein kleines Kind von 4 Jahren und ich hasste es, wenn man mich so behandelte. Aber ich konnte diesmal nichts anderes machen als Grinsen und mit zulachen. Anscheinend sah ich wohl wirklich aus wie ein kleines Kind.

"Jetzt komm schon. Bleib nicht so angewurzelt stehen, sonst ist die Sonne gleich weg und wir haben nichts mehr vom Tag." Tim nahm mich an die Hand und zog mich hinter sich her auf eine der großen Wiesen im Rheinpark.

"So hier ist es ideal", blieb er plötzlich stehen und holte aus seinem Rucksack eine Decke heraus, die er auf dem Rasen ausbreitete.

"Sie dürfen Platz nehmen mein Herr." Immer noch etwas verunsichert setzte ich mich hin und wusste nicht, was er vor hatte. Tim griff wieder in seinen Rucksack und holte dort zwei Sektkelche und eine Flasche Prosecco hervor.

Mit einem Knall wurden auch diese entkorkt und die Sektkelche gefüllt. Einen drückte er mir in die Hand und mit dem anderen setzte er sich hinter mich und schlang einen Arm um mich.

"Auf uns!", stieß er mit mir an.

Schweigend schauten wir gemeinsam auf den Rhein, während er mich von hinten hielt, und jetzt begriff ich erst, warum er mich gerade hier her geführt hatte. Der Blick auf den Dom und die Kölner Skyline war von hier aus wunderschön, vor allem wenn wie in diesem Moment die Sonne unterging. Es war wahrscheinlich so schön, weil sich hier im Rheinpark nicht so viele Menschen umhertrieben, wie in der restlichen Stadt bei einem derartigen Wetter.

Es war eigentlich eine Kleinigkeit, die Tim vorgehabt hatte, aber sie wirkte auf mich. Sekt vor der Kölner Skyline.

"Und gefällt es dir?", raunte er mir dann ins Ohr und küsste dabei vorsichtig meinen Nacken.

"Ja klar", antwortete ich und bekam direkt eine Gänsehaut.

Ich sah förmlich, wie er hinter mir über meine Reaktion lachte. Tim zog mich jetzt noch enger an sich, legte seinen Kopf auf meine Schulter, ich legte meinen Kopf schief daneben und gemeinsam schauten wir in die Untergehende Sonne ...

... Es war schon dunkel geworden, die Flasche Prosecco war leer. Und wir lagen mit dem Rücken auf der Decke und starrten in den dunklen Himmel. Einzelne Sterne funkelten uns entgegen, so als wollten sie uns etwas lange Vergessenes mitteilen.

Tim lag mit seinem Kopf auf meinem Bauch. Plötzlich hob sich dieser und zwei funkelnde Augen schauten mich an.

"Weißt du ...?", begann er.

"Nein, was denn?"

"Weißt du, dass du irgendwie süß bist?"

"Irgendwie?", fragte ich etwas stutzig.

"Ja irgendwie. Man muss zum Glück nicht alles in Worte fassen können."

"Du hast es ja noch nicht einmal versucht!", gab ich nicht auf.

"Weil ich es nicht kann."

"A…" Das war jetzt gemein. Statt meine Widerworte anzuhören, küsste er mich einfach aus heiterem Himmel, so dass ich erst mal perplex da lag.

"Bist du jetzt still?", grinste Tim, als er sich wieder von mir löste?

"Wieso sollte ich? Wenn ..." Und wieder küsste er mich, " ... ich ..." und wieder "... so etwas als ...", und noch einmal, " ... Strafe bekomme!"

Und bei diesem Kuss ließ ich ihn dann nicht mehr von mir. Meine Hände umschlungen ihn und hielten ihn fest. Spielerisch wehrte Tim sich natürlich.

"Hey, was machst du hier mit mir?", raunte er mir schon fast heiser ins Ohr.

"Keine Ahnung!"

"Wieso keine Ahnung?"

"Weil man nicht alles in Worte fassen kann!", grinste ich ihn süffisant an.

"Arsch."

"Jep, den hab ich."

"Sogar einen süßen!"

"Von deinem gar nicht erst zu sprechen", reagierte ich und steckte ihm im gleichen Moment meine Hand in die Hose und strich über den selbigen.

"Hui was würd meine Ma jetzt wohl dazu sagen?", lächelte er mich an.

"Sie wäre neidisch."

"Stimmt ...", weiter kam er nicht mehr mit seinem Satz. Stattdessen verbot ich ihm diesmal den Mund. Um uns herum war es zum Glück schon menschenleer und nur noch der Mond schaute zu, was wir die nächste Zeit so miteinander machten ...

... Erschöpft saßen wir wieder nebeneinander, wie schon am Vortag, und schauten weiter in den Sternenhimmel.

"Ich glaub wir müssen los, die letzten U-Bahnen fahren gleich", war es diesmal Tim, der darauf aufmerksam machte. Wir packten schnell zusammen und flanierten nebeneinander am Rhein in Richtung Hohenzollernbrücke entlang, vor der wir dann stehen blieben.

"Und? Sehen wir uns morgen bzw. heute wieder?", fragte ich diesmal.

"Klar, wenn du magst."

"Ok, ich ruf dann morgen an."

"In Ordnung. So ich muss jetzt sprinten. Schlaf schön Kleiner." Tim drückte mir noch einen Kuss auf den Mund und verschwand dann in Richtung Deutz.

Und auch ich wanderte wie den Tag davor heimwärts, diesmal jedoch ohne auf Kai zu treffen. So fiel ich nur noch in mein Bett und schlief ein ...

... "Hopala, nicht ganz so schnell!" Mit einem lauten Poltern, war ich am nächsten Morgen die Treppe runtergekracht, genau in dem Moment wie auch Kai wieder zur Tür hinein kam. Er hielt mir die Hand hin und half mir dabei, wieder aufzustehen. Hob noch meinen Rucksack auf, während ich mit schmerzverzerrtem Gesicht da stand und meinen Allerwertesten rieb.

"Danke." Erwiderte ich nur kurz und knapp.

"Kein Problem. Immer wieder gerne und das nächste mal wartest du halt einfach noch 2 Momente, bis ich wirklich da bin. Dann fang ich dich das nächste mal auf, so bleibt wenigstens dein Hinterteil verschont."

"Hey, grins nicht so!"

"Wieso denn nicht? Hättest mal deinen Abflug sehen sollen."

"Das ist nicht witzig!", schnappte ich etwas unwirsch nach Luft.

"Nein natürlich nicht", erwiderte Kai in einem doch ziemlich ernsten Tonfall und mit dem passenden Gesichtsausdruck dazu, um genau 3 Sekunden später in schallendes Gelächter auszubrechen.

"Mach ruhig so weiter. Du liegst auch irgendwann noch mal vor mir und dann ist es an mir zu lachen!"

"Klar, ganz bestimmt. Schönen Tag noch, Quack du Bruchpilot", verabschiedete sich Kai und verschwand in seine Reiche und lies mich einfach so stehen. In diesen Momenten hätte ich alles und jeden zerreißen können. Am liebsten sogar Kai, aber nur gedanklich. Und im Kopf hämmerte und meißelte man schon an Racheplänen. Mit einem Schwung war mein Rucksack wieder dort, wo er hingehörte, nämlich auf dem Rücken und ich stolzierte zur Tür hinaus, immer noch kleine Giftblicke in Richtung Jugendtreff schleudernd.

Mit der U-Bahn fuhr ich meine übliche Strecke zur Arbeit und stand dort kurze Zeit später. Auch dort wollte heute irgendwie gar nichts laufen. Es kam alles auf einmal zusammen und ich fragte mich schon ob Freitag der 13. wäre. Es war zwar Freitag, aber schon längst über den 13. hinweg.

Zu Anfang vergaß ich 2 Patienten anzumelden, die dann statt 10 Minuten eine Stunde auf ihre Untersuchung warten mussten. Dann verwechselte ich 2 Patienten miteinander und gab jedem ein falsches Röntgenbild mit, und so weiter und so fort. Es lief alles daneben.

Es war dennoch irgendwie so gegen 16 Uhr geschafft und ich verschwand schnurstracks, um nicht noch mehr Unheil anzurichten.

Aber es wurde nicht besser. Mitten auf dem Weg zur U-Bahn begann es wie aus Kübeln zu regnen und in nur 2 Minuten war ich durchnässt bis auf die Haut und so stand ich dann klatschnass an der zugigen Haltestelle und fror mir alles ab. Mit blaugefärbten Lippen und klappernden Zähnen betrat ich dann endlich das Haus, während Kai im selben Moment, also wie immer, die Tür zum Jugendtreff abschloss, um sich selbst auf den Heimweg zu machen.

"Hui, was ist denn mit dir passiert?", fragte er mit besorgtem Blick. "Diesmal nicht die Treppe runter geplumpst? Diesmal direkt irgendwo in den Rhein?" Und wieder dieses dreckige Grinsen. Noch ein kurzer giftiger Blick von mir in Richtung Kai und ich war auch schon die Treppe hoch verschwunden.

In meiner Wohnung quälte ich mich erst mal aus den nassen Sachen heraus, lümmelte mich in eine dicke Wolldecke ein und verzog mich so mit einer Tasse heißem Kaffee in meinen Schaukelstuhl. Im Hintergrund spielten sanft die Klänge von Rosenstolz, während ich zum Fenster hinaus sah und meinen Gedanken nachhing. Gedanken größtenteils um Tim. Vor allem wie es gestern im Rheinpark war und ich malte mir mal wieder aus wie schön es doch noch werden könnte, wenn ... ja wenn!

Ich war eigentlich kaum in Gedanken versunken, da rief derjenige auch an, der mir in diesem Moment im Kopf herumgeisterte, Tim.

"Hi, wolltest du nicht anrufen?", fragte er am anderen Ende der Leitung.

"Oh sorry, aber ich bin grad erst von Arbeit." Besser einmal gelogen, als jemanden ungewollt zu enttäuschen.

"Und wie sieht es nun mit heute aus?"

"Tja es regnet ja leider ..."

"... und stört das irgendwie?", unterbrach er mich.

"Nein, nicht wirklich, wie wär es denn mit nem DVD-Abend?"

"Welchen Film denn?"

"Was hältst du von 2001 von Cubrik?", machte ich den Vorschlag.

"Sorry, aber ich find den Film etwas langweilig."

"Oder Dogma?", machte ich einen weiteren Vorschlag.

"Ne auch nicht mein Fall, obwohl Matt Damon nicht wirklich schlecht aussieht. Aber wie sieht es aus mit Titanic?"

"Klar, warum nicht", erwiderte ich.

"In Ordnung. Ich besorg den Film und du den Rest. Wie komme ich eigentlich am besten zu dir?"

Ich erklärte ihm also wie man am schnellsten zu mir kam, wir verabschiedeten uns und ich machte mich direkt daran, alles vorzubereiten. Auch wenn ich Titanic nicht wirklich mochte, so gefiel mir dennoch die Vorstellung, dabei wenigstens mit Tim angekuschelt auf dem Bett zu liegen. Ich stellte noch schnell den Prosecco kalt, räumte noch die letzten herumliegenden Sachen weg und machte mich etwas frisch.

In dem Moment, als ich das Bad verließ, klingelte es auch schon an der Tür und im gleichen Moment surrte auch mein Handy.

Ich drückte nur schnell den Türsummer und hielt das Handy ans Ohr.

"Hallo?"

"Hi Fritz, Greta hier. Na wie geht’s dir? Hast du Lust mit mir heut noch 'nen Kaffee irgendwo zu trinken?"

"Hi Kleines. Gut geht’s mir. Lust habe ich schon, aber ich bin schon verabredet ..."

"... Dann bring diesen jemand doch einfach ...", versuchte sie mir ins Wort zu fallen, doch ich fiel auch ihr dazwischen.

"... Sorry geht nicht. Wir haben eigentlich 'nen gemütlichen Abend zu zweit vor. Du würdest dich sowieso nur wie das dritte ..."

"... Wie heißt er?" Und wieder konnte sie es nicht lassen, mich nicht ausreden zu lassen.

"Ist doch egal."

"Nein, ist es nicht. Also wer ist es bzw. wie alt, woher und sieht er gut aus?" Und sie versuchte es mal wieder zu löchern.

Im selben Moment kam Tim zur angelehnten Wohnungstür herein.

"Du sorry, ich ruf dich morgen an. Mein Besuch ist grad da. Einen schönen Abend dir noch! Bis denn!", sagte ich noch schnell in den Hörer und legte im selben Moment auch auf. Tim musste nicht unbedingt mitbekommen, was ich über ihn zu erzählen hatte oder anders gesagt, wie ich über ihn schwärmen würde.

Tim runzelte fragend die Stirn. "Wer war das?"

"Ach niemand, nur 'ne gute Bekannte. Ist aber jetzt unwichtig."

"Wieso? Was wollte sie denn?", stocherte er weiter nach.

"Nur 'nen Kaffee trinken gehen, aber ich bin ja schon verabredet."

Tim runzelte immer noch fragend die Stirn, aber er fragte nicht weiter nach.

Statt dessen trat er weiter in meine Wohnung bzw. mein Zimmer ein und schaute sich erst mal um.

"Schön hast du es hier."

"War reiner Zufall, dass ich an so eine Wohnung herangekommen bin."

"Das glaub ich, normalerweise kommt man selbst nicht mal mit viel Geld so schnell an so etwas."

"Ich hatte halt einfach Glück, mehr nicht. Ab und an siegt halt doch die Freundlichkeit."

"Wie meinst du?", hakte er nach und ich erzählte ihm die Geschichte, während er durch meine Glasfront auf die Dächer Kölns schaute.

"Deine Vermieterin scheint 'ne nette alte Dame zu sein", kommentierte er kurz meine Ausführungen.

"Klar. Ich kann sie dir ja mal vorstellen. Sie wird dir garantiert gefallen."

"Sicher, wenn es mal dazu kommt. Aber muss ja nicht sofort sein,."

"Nein, sofort auf keinen Fall. Erst mal ist ja Titanic dran. Willst du auch ein Glas Prosecco?"

"Danke nein, heute mal nicht. Ich muss morgen früh wieder fit sein, da ich 48 Stunden Bereitschaftsdienst habe", lehnte der dankend ab, während er jetzt durch die Wohnung streifte und sich nach und nach die Einrichtung und kleine Einzelheiten anschaute, wie zum Beispiel meine Bilder von Freunden und mir an der Wand, ohne mich jedoch weiter danach auszufragen.

"Aua, 48 Stunden?"

"Kommt öfters mal vor. Das Leben als Sani ist halt nicht wirklich einfach. Aber wollten wir nicht Titanic gucken, als uns über meinen Job zu unterhalten?"

"Klar ... Klar kein Problem. Dann mach es dir schon mal bequem", antwortete ich ihm nur.

"Ja wo?"

"Einfach irgendwie auf dem Bett."

Etwas zögerlich setzte er sich mit dem Rücken an die Wand aufs Bett, während ich die DVD einlegte. Ich setzte mich direkt neben ihn, aber immer noch mit etwas Platz zwischen uns und lies den Film starrten. Und so saßen wir auch die ersten 10 Minuten stillschweigend und etwas steif nebeneinander. Irgendwas war anders als sonst, es lief nicht so ganz wie erhofft, aber genau in dem Moment, als ich mir begann Gedanken zu machen, spürte ich Tims Hände auf Wanderschaft.

Sie glitten um meine Hüfte und unter mein Shirt. Um ihm die Sache einfacher zu machen, rückte ich ihm etwas entgegen und kuschelte mich vorsichtig an ihn heran.

Seine Hände gaben jedoch keine Ruhe und wanderten immer weiter und irgendwann erlag ich auch ihrem Verlangen und auch ihrem Streicheln und ihren Liebkosungen. Ich wand mich Tim zu und wir versanken ineinander. Erst ganz zögernd, aber dann immer intensiver. Intensiver als die male an den Tagen zuvor.

Der Film war in diesem Moment schon ganz in den Hintergrund getreten. Ich nahm noch nicht einmal den Ton war. Nicht einmal das Aufprallen des Eisbergs. Statt dessen hörte ich das monotone Hämmern der Regentropfen gegen meine Fensterscheiben. Und es klang als würden sie ein Lied singen. Das Lied der Unendlichkeit und genau diese Unendlichkeit wollte ich in den folgenden Momenten herbeirufen. Ich wollte einfach die Momente der absoluten Hingabe festhalten und für immer und ewig erleben. Doch mit der letzten Szene des Films sanken auch wir erschöpft nebeneinander.

Der Regen hatte in der Zwischenzeit nachgelassen und es nieselte nur noch leicht. Statt dessen trat der Mond an den Himmel und sendete ein paar Lichtstrahlen durch die Fenster, die sanft auf Tims Körper schimmerten und nur seine Umrisse wiedergeben.

Sachte legte ich meinen Kopf auf seine Brust und fühlte das Schlagen seines Herzens an meinem Ohr.

Ich hatte zwar nichts mehr von dem Film mitbekommen, aber statt dessen dafür umso mehr selbst erlebt und gefühlt. Ich schloss die Augen und genoss die Ruhe, das Zusammensein und die Wärme die Tims Körper ausstrahlte. Doch plötzlich löste er sich vorsichtig von mir. Als ich mich aufrichtete und ihn ansah, schaute er mich etwas erschrocken an.

"Oh Entschuldigung", entfuhr es ihm. "Ich wollte dich nicht wecken, aber ich muss jetzt los!", flüsterte er mir zu.

"Kannst du nicht hier bleiben?", fragte ich mit belegter und rauer Stimme.

"Nein. Geht leider nicht, da ich morgen schon ziemlich früh raus muss ..."

"Ja ich weiß,", unterbrach ich ihn, "dein 48-Stunden-Dienst. Aber da kannst du doch von hier aus hin fahren", schlug ich vor.

"Könnte ich. Aber zum einen würde ich dich dann wahrscheinlich aus deinen süßen Träumen reißen ..."

"Das stört nicht, ich kann danach ja direkt wieder weiterschlafen!", entgegnete ich und schnitt ihm damit das Wort ab.

"Schon klar, aber ich hab ja auch nicht alle Sachen hier, die ich brauchen werd und morgen erst noch stundenlang in der Stadt hin und her fahren. Darauf hab ich auch keine Lust."

"Schon klar. Dennoch schade!", erwiderte ich resigniert.

"Hey sorry. Ich würd auch lieber hier mit dir bleiben, aber ..."

"Ist schon ok, ich versteh es ja. Job ist halt Job. Richtig!”

Während seiner Worte saß er auf meiner Bettkante und begann sich anzuziehen, während ich auf dem Rücken an die Wand starrte.

"So dann schlaf noch schön Süßer!", raunte Tim mir ins Ohr, bevor er sich dran machte, die Wohnung zu verlassen. Ich richtete meinen Blick jetzt von der Zimmerdecke zu ihm.

"Hey, schau mich nicht so an Kleiner. Ich kann ja nichts dafür."

"Klar, dennoch schade."

"Nimm es mir nicht übel, aber ich muss jetzt wirklich los." Er setzte jetzt seine härteste Waffe ein, den Dackelblick.

"Dann arbeite du nicht so viel. Ich will dich schließlich nicht ganz ausgepowert wieder haben."

"Mal schaun!" antwortete er mit seinem Lächeln darauf. Drückte mir noch einen Kuss auf die Wange und verschwand wie ein Schatten durch die Tür. Nur noch ein immer leiser werdendes Poltern hörte ich die Treppe hinunterlaufend.

Ich fiel wieder in meine Kissen zurück, schaute an die Decke und atmete erst mal tief durch. In diesem Moment war ich zum ersten Mal sicher, dass ich mich wieder verguckt hatte, und zwar in Tim. Irgendetwas in mir sagte, dass er der richtige sein würde und so schlief ich mit einem Lächeln auf den Lippen ein...

... "Halllooohoo!", schrie da irgendwer in meinen Traum hinein. Dabei lag ich immer noch angekuschelt und hielt mein Ohr auf seiner Brust, um das Herz zu hören und zu fühlen. Dies zumindest im Traum. Und nein, ich wollte aus diesem Traum nicht erwachen, aber irgendetwas schrie die ganze Zeit hinein. "HALLOOO!" und es hämmerte auch noch auf irgendetwas. Tims Körper wurde immer durchsichtiger und verschwand so langsam in der Ewigkeit. Er entglitt einfach aus meinen Händen und in diesem Moment hätte ich jeden dafür töten können, der dafür verantwortlich war. Und immer noch dieses "HALLOOO" aus der Ferne.

Irgendetwas helles strahlte mir auch im nächsten Moment ins Gesicht und erst Ewigkeiten später merkte ich, dass es meine Augen waren, die sich begonnen hatten zu öffnen und das erste Licht auf meinen Sehnerv fallen ließen. Im selben Moment, als ich dieses bemerkte, kniff ich die Augen wieder zusammen und versuchte krampfhaft in meinen Traum mit Tim zurück zu gelangen. Aber es gelang nicht, alles was ich sah, war nichts. Rein gar nichts, es war dunkel.

Missmutig gelaunt öffnete ich die Augen jetzt ganz und legte meine Stirn in Falten, als mich das Licht erneut blendete. Ich lag auf meinem Bett und war wieder in die Realität zurück gekehrt. Zwischen meinen Armen und Beinen lag nur die Bettdecke, um die ich mich geklammert hatte. Kein Tim, kein warmer Körper, nur eine billige Bedecke von Ikea. Aber eines war geblieben. Es rief immer noch irgendwer "Hallo" und hämmerte nicht gegen irgendetwas, sondern gegen meine Tür.

Etwas heiser antwortete ich nur "Moment.". Schlaftrunken rappelte ich mich auf und kroch, stolperte viel mehr als zu gehen zur Tür. Und wer stand dort hinter der Tür und muss wohl Ewigkeiten gehämmert haben? Niemand geringeres als Greta die mich mit einem teuflischen Grinsen ansah, so mit den Worten ‚Ach Entschuldigung, hab ich dich durch mein ewiges Klopfen etwas geweckt?’ Aber statt dessen entgegnete sie einfach nur. ‚Ach siehst du süß aus. Sei froh, dass du schwul bist, sonst würd ich über dich herfallen!"

Mein Blick viel in den Spiegel neben der Tür und ich sah nur mein müdes Gesicht und die zerzausten Haare auf meinem Kopf, der wiederum selbst auf meinem zerknautschten Körper saß, der nur von einer Boxer bekleidet war.

"Ja ja, ich wusste ja schon immer, du stehst auf abgefuckte Typen!"

"Nein, nur auf solche, mit einem süßen Schlafzimmerblick!", entgegnete sie.

"Ich wusste ja schon immer du hast keinen Geschmack. Was machst du überhaupt hier?"

"Na dich überraschen, was sonst!" Sie hielt mir einen großen Einkaufsbeutel unter die Nase, der voller Fressalien war.

Einen Moment später war sie auch schon an mir vorbei in die Wohnung geschossen und machte sich daran, alles vorzubereiten. Bei einer derartigen Frau konnte man sowieso nichts machen und so ließ ich mich die Zeit über in meinen Stuhl auf der Terrasse fallen.

"Wegen welchem Typen hast du mich eigentlich neulich am Telefon abgewürgt?", fragte sie so gleichgültig wie möglich, untermalt von Geschirrgeklapper. Daher wehte also der Wind, sie war wieder einmal einfach nur neugierig. Und dafür störte sie meine Nachtruhe. Mir war vom ersten Moment an sowieso bewusst, dass sie es irgendwie aus mir heraus gekitzelt bekommen würde, dennoch wollte ich sie erst mal zappeln lassen.

"Von was oder wem redest du?"

"Nun stell dich nicht blöd!", kam sie jetzt mit Tablett auf den Balkon und stellte dieses auf den kleinen runden Tisch in der Mitte. "Du weißt genau, wovon ich rede."

"Nein, nicht im geringsten", erwiderte ich unschuldig.

Ohne aufzuhören, den Frühstückstisch aufzubauen, bohrte sie weiter. "Du weißt doch! Als ich dich das letzte Mal anrief, warst du derartig kurz angebunden ... was soll das wohl bedeuten? Bei dir eigentlich nur, dass ein Typ im Anmarsch ist."

"Woher willst du das wissen? Als ob ich nur in Eile wäre, wenn es um Typen geht?", spielte ich leicht empört. "Vielleicht lief ja auch nur ein interessanter Film im Fernsehen oder aber ich musste noch einfach mal irgendwohin z.B. auf die Arbeit?"

Ein tiefes Seufzen kam mir entgegen und Gretas Arme fielen matt zur Seite, wobei das Geschirr durch den Ruck leicht klapperte.

"Das glaubst du doch selbst nicht!", sah sie mich jetzt direkt an. "Wie heißt er?"

"Menno, kann man vor dir gar nichts geheim halten?"

"Nein, überhaupt nichts. Deswegen raus mit der Sprache!"

"Tim!"

"Und weiter?", bohrte sie jetzt siegessicher weiter. "Willst du Kaffee?"

"Ja ... Ja ich will Kaffee und wie weiter?"

"Wie alt? Was arbeitet er? Wie und wann habt ihr euch kennen gelernt?" Ihre Stimme hellte sich so langsam auf und ihre Neugier gewann wieder Fuß. Nebenbei goss sie uns beiden Kaffee ein und schmierte sich selbst ein Brötchen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich Hunger und so nahm ich nur meine Kaffeetasse und schaute über die Dächer Kölns hinweg, die in der noch tief stehenden Sonne schimmerten.

"Er ist 21 und Sanitäter. Ich glaub das beantwortet die Frage, wie wir uns kennen gelernt haben." Antwortete ich verträumt.

"Und seit wann läuft dieses schon?"

"Erst seit Mittwoch!"

"Aber da haben wir uns das letzte Mal gesehen, am Aachener! Du weißt ja."

"Klar weiß ich", bestätigte ich sie.

"Und dann erzählst du mir davon nichts?"

"Wie auch, ich bin erst später auf ihn getroffen."

"Um die Uhrzeit?", wirkte sie jetzt etwas verdutzt.

"Klar!"

"Und wo?", jetzt konnte sie nicht mehr die Gleichgültige spielen. Sie ließ alle ihre Instrumente fallen und schaute mich nur noch neugierig an.

"Na auch am Aachener."

"Und dann seid ihr natürlich gleich übereinander hergefallen", wollte Greta einen Scherz machen.

"Jep", antwortete ich knapp und bei diesen Worten fielen ihr die Augen aus dem Kopf.

"Bitte was? Direkt vor Ort?", wurde sie jetzt ungläubig und ich nickte nur. "Du willst mich jetzt verarschen oder wie?"

"Nein, überhaupt nicht. Teilweise trifft man sich dort einfach auch nur für Sex. Wieso auch nicht."

"Ja, das ist mir schon klar, dass so was am Aachener ist. Aber das du da mit machst ...", schüttelte sie immer noch ungläubig den Kopf.

"Mache ich ja normalerweise auch nicht", entgegnete ich ruhig. "Es war auch erst das erste Mal auf diese Weise für mich. Und wäre es nicht Tim gewesen, wäre es wohl auch nie dazu gekommen."

"Wie, du hast dich gleich in ihn verliebt? Auf den ersten Blick?"

"Nein, gar nicht. Die erste Begegnung hatten wir ja Stunden vorher auf Arbeit und bis gestern war ich mir auch nicht sicher, ob ich wirklich mehr mit ihm wollen würde. Was ich damit eigentlich sagen will ... Es ging dabei wahrscheinlich nur um den Gedanken, dass ich Tim weit entfernt kannte und auf keinen absolut wild fremden Menschen traf, wo ich nichts über ihn wusste, nicht mal seinen Namen. Aber der war mir bei Tim ja bekannt. Und wie soll ich sagen, an einigen Abenden ist man einfach ‚notgeil’. Du auch, wenn du mal ehrlich bist. Und dann ist es halt einfacher jemanden zu nem One-Night-Stand zu bewegen."

"Klar ,weißt du ja. Männer habe ich noch nie wirklich verachtet. Solange sie mir gefielen."

"Tja und so einen Abend hatte ich."

"Also wars für dich eigentlich nur ein One-Night-Stand?", hakte sie nach.

"Zu Anfang ja. Besser 'nen One, als sich direkt in Gefühle zu stürzen und dann enttäuscht zu werden."

"Aber ...?"

"Wie aber?", richtete ich jetzt meinen Blick fragend auf sie, während ich dann an meinem Kaffee schlürfte.

"Naja, die Sache war ja dann noch lange nicht aus oder? Sonst hättest du mich wohl schlecht gestern so abgewürgt!", schaute sie mich jetzt wieder etwas beleidigt an.

"Ja ja, Entschuldigung. Aber in einigen Momenten will man einfach nicht telefonieren und dies war so ein Moment."

"Wieso? Seid ihr da gerade übereinander hergefallen?"

"Also bitte. Mehr Details willst du nicht wissen? Vielleicht noch in welchen Stellungen wir es getrieben haben?", schaute ich sie gereizt an.

"Warum eigentlich nicht und vielleicht auch wie er körperlich beschaffen ist?", fragte sie unschuldig weiter, bis sie in ein lautes Lachen ausbrach.

"Was ist?", fragte ich sie. "Was ist so zum Lachen?"

"Deine Gesichtszüge, die dir eben komplett entglitten sind."

"Was soll ich auf so eine Frage auch antworten?"

"Die Wahrheit? Nein Quatsch vergiss es, jetzt wollte ich dich nur hochnehmen. War es denn dennoch wenigstens schön?", wurde ihr Ton jetzt wieder versöhnlich.

"Klar! Hätte ich mich mit ihm sonst drei Mal getroffen?"

"Und jedes Mal direkt übereinander hergefallen?", jetzt meinte es Greta mit der Frage aber deutlichst ernst.

"Nein, überhaupt nicht. Nur das erste Mal. Beim zweiten Mal hat er mit mir den Sonnenuntergang am Rhein genossen und gestern haben wir Titanic geschaut."

"Titanic?", verzog Greta das Gesicht "Das ist doch so gar nicht dein Stil?"

"Ja und. Ihm gefiel es und mir machte es nichts aus. Na gut und so viel vom Film haben wir auch nicht mitbekommen. Eigentlich nur die ersten Szene und die letzten. Dazwischen fehlt eine ganze Menge ..."

"Oh ja, das kann ich mir lebhaft vorstellen. Also ging es doch nur um Sex!"

"Wie kommst du jetzt darauf?"

"Habt ihr denn auch mal was anderes gemacht? Gestern lief kaum der Film, da fielt ihr übereinander her, am Rhein garantiert auch und vom Aachener sprechen wir schon gar nicht mehr."

"Na gut, wenn du es so siehst, hast du natürlich recht. Aber ..", wollte ich dazwischen werfen.

"Es war guter Sex!", fiel sie mir lachend ins Wort.

"Oh ja, das auch", musste ich mitlachen. "Aber zu Anfang sollte es wohl auch nicht wirklich anders sein oder geht’s dir mit Tom da anders?", drehte ich den Spieß jetzt um.

Greta saß daraufhin einige Momente schweigend da. "Irgendwie ja, aber auch irgendwie nein."

"Wie meinst du das?", fragte ich irritiert.

"Wie soll ich das erklären. Ich bin tierisch verknallt, was ich mir jetzt immer mehr eingestehen muss. Ich hoffe er auch nur annähernd halb so viel in mich wie ich in ihn im Moment. Dennoch ist es anders. Vorher bin ich ja, wie du weißt ...", dabei kam ein vielsagender Blick in meine Richtung, "... nicht zimperlich gewesen, was den Sex betraf. Aber diesmal reicht es schon bei ihm zu sein. Es ist halt schwer zu beschreiben. Sex mit ihm ist geil, aber es muss nicht immer sein. Es reicht auch, wenn er mich einfach hält."

"Hui, wird die kleine Greta etwa erwachsen?", und konnte mir dabei das spöttische Grinsen nicht verkneifen.

"Blödmann!", ertappt.

"Freu dich doch erst mal und schau nicht so drein, als wenn das mit Tom so ein Unglück wäre!"

"Würde ich ja gern", seufzte sie tief, "aber da ist immer noch das Problem des Alters. Es ist einfach komisch, mit ihm durch die Straßen zu gehen und jeder schaut uns nach, da nun mal ich die ältere bin. Teilweise bekommt man ja schon dumme Sprüche um die Ohren. ‚Na haste nichts in deinem Alter mehr abbekommen?’ oder ‚Schon alles durch, dass du jetzt schon in den Kindergarten musst?’. Und wirklich angenehm ist das auf Dauer nicht!", wieder ein tiefer Seufzer. "Und jetzt komm mir nicht mit dem blöden Spruch ‚Da musst du drüber stehn’. Einmal kann man dieses sicherlich, aber nicht auf Dauer."

"Das klingt ja fast danach, als wenn du euch keine Zukunft gibst?", warf ich dazwischen.

"Irgendwie wünschte ich mir eine Zukunft, aber auf der anderen Seite ... Ach, ich weiß auch nicht wirklich!" Sie ließ sich in ihren Stuhl zurückfallen und nahm erst mal einen kräftigen Zug an ihrer Zigarette, die sie in der Zwischenzeit angezündet hatte.

"Aber wirklich sicher bist du dir auch nicht?"

"Doch schon, bloß ..."

"Was bloß?", schaute ich ihr fragend direkt in die Augen.

"Ich kann auch nicht wirklich Schluss machen. Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Ich glaube ich würde stink eifersüchtig werden, wenn ich ihn ein paar Wochen später mit einer jüngeren Hand in Hand durch die Stadt ziehen sehen würde. Aber genauso ist es mir schon jedes Mal unangenehm, wenn wir zusammen vor die Haustür treten und den Blicken der anderen ausgeliefert sind." Und wieder sog sie an ihrer Zigarette und inhalierte den Rauch tief in ihre Bronchien, um ihn dann kunstvoll wieder auszustoßen.

"Wirst du nicht so langsam ein bisschen paranoid?"

"Wahrscheinlich. Ich weiß selbst, dass nicht alle starren, aber es kommt mir halt so vor ..."

"Dir ist es also peinlich mit ihm gesehen zu werden?", hakte ich nach.

"Nein ... ähm ... Ja, irgendwie schon!", traurig sah sie auf ihre Zigarette, die sie im selben Moment wieder zum Mund führte.

"Tja, bei der Entscheidung kann dir keiner helfen. Tu nur das, was dein Bauch dir sagt. Und ich weiß selbst, so sehr man auch nicht auf das Tratschen der anderen Leute hören soll, so sehr greift es einen doch an. Aber man gewöhnt sich dran ...", zwinkerte ich ihr zu.

"Danke!"

"Wofür?", fragte ich nach.

"Dafür, dass du mir einen Schritt bei meiner Entscheidung geholfen hast."

"Wie denn das?"

"Du musst nicht alles wissen. Du meintest es vielleicht ganz anders, aber mir hat's geholfen. Danke."

"Was denn?", fragte ich jetzt ganz konfus nach.

"Ach, nicht so wichtig", sah sie mich betreten lächelnd an.

"Mein Gott, wann wird mal wer aus dir schlau?"

"Die Frage ist doch viel mehr, warum jemand aus mir schlau werden sollte?", grinste Greta mich an.

"Damit ..."

"... damit wir jetzt das Thema wechseln können. Wie sieht die Situation eigentlich dein Angebeteter?"

"Keine Ahnung. Ich hoffe doch ein bisschen wie ich. Aber ..."

"Was aber?", hakte sie dazwischen.

"Na ich weiß es halt nicht. Darüber gesprochen haben wir bisher nicht."

"Stimmt, wenn ihr die ganze Zeit sonst miteinander ... na du weißt schon was!", schaute sie mich höhnisch an.

"Ja ja ja. Ich weiß du wärst gerne dabei gewesen. Zwei Männer, da wärst selbst du endlich mal ausgelastet gewesen!", zickte ich zurück.

"Arsch!"

"Ja, den habe ich. Zwar nicht der absolute Knackarsch, aber immerhin."

"Schon gut, schon gut. Also zurück zu Tim. Was sagt dir denn dein Gefühl?", wurde sie jetzt wieder ernst.

"Das ist es ja. Ich habe diesbezüglich kein Gefühl. Weder positiv noch negativ und das ist ja das Schlimme. Man hängt so in der Luft. Wüsste ich, dass ich für ihn nur 'ne kleine Affäre zwischendrin bin, so müsste ich mich damit abfinden und könnte ihn zur Not in den Wind schießen. Wüsste ich, dass er mehr will, so ..."

"Was so?"

"So könnte ich riesige Luftsprünge vor Freude machen!" Ich musste wohl bei diesen Worten so verzückt und verträumt in die Gegend gestarrt haben, dass Greta mir direkt in die Schulter kniff.

"Aufwachen Kleiner. Red erst mal mit ihm!"

"Aua, das gibt garantiert 'nen blauen Fleck?", maulte ich und rieb mir über die Schulter.

"Ja und den haste für diese Träumerei auch verdient. Sprich lieber mit ihm, als dir jetzt wieder große Gedanken zu machen ..."

"Ja, ich weiß. Ich bin halt so, bei jedem gibt es im Vorhinein erst mal Gefühlsduselei, bis ich mich endlich aufraffe, dann frage und wieder 'ne Abfuhr bekomme. So wie immer, wahrscheinlich ..."

"Ja, träum erst ins Extatische und jetzt bemitleide dich selbst. Manchmal frag ich mich wer von uns beiden der anstrengendere ist", seufzte Greta.

"Hey, gib's zu, du bist nicht besser. Bloß in die andere Richtung. Du traust dir nicht so viel zu. Du weißt selbst nicht ob du eine Beziehung führen kannst oder ob ..."

"Stop Hase. Ich weiß ja, aber wir sind nun mal alles Pappnasen", seufzte Greta erneut und sah dabei über die gleißenden Dächer. Nebeneinander sitzend starrten wir Löcher in die Luft und hingen beide unseren Gedanken nach.

"Wann darf ich Tom eigentlich kennen lernen?", ergriff ich irgendwann das Wort und löste uns beide aus den Gedanken.

"Wenn ich mir sicher bin!"

"Das bist du dir längst. Du willst ihn doch, du musst nur noch über deinen Schatten springen und ..."

"Wenn das so einfach wäre!" und nach einem weiteren Seufzer fragte sie noch nach der Uhrzeit und mit einem Satz war sie aufgesprungen und machte sich daran zu verabschieden.

"Sorry, dass ich so schnell aufbreche, aber ich hab leider die Zeit vergessen und bin in eigentlich 10 Minuten mit Tom verabredet. Das werd ich jetzt zwar sowieso nicht mehr schaffen, aber ... man muss Männer ja nicht noch länger warten lassen!", grinste sie mich vielsagend an.

"Klar und wie war das doch gerade eben noch: ‚Wenn das so einfach wäre’", imitierte ich ihren Kommentar und erntete dafür einen leidenden Blick.

"Hey, das ist nicht wirklich einfach!"

"Wieso beeilst du dich dann jetzt auf einmal so, zu ihm zu kommen? Sonst hast du alle Männer immer Stunden warten lassen?"

"Ja ja, du hast es einfach, so zu reden. Also mach's gut Kleiner. Wir telefonieren." Noch einmal umarmen und sie war auch wie ein Blitz durch die Haustür verschwunden.

Als die Tür ins Schloss fiel, wollte ich auf den Balkon zurückschlurfen, um bei dem Wetter noch ein bisschen zu relaxen. Doch dabei fiel mein Blick aufs Telefon und ohne groß Nachzudenken, nahm ich es mit auf den Balkon, wählte mit zitterigem Finger Tims Nummer und lauschte in den Hörer.

... tut ... tut ... tu

"Hallo?", hörte ich Tims Stimme und konnte erst einmal nicht antworten, da mir schon dieses die Sprache verschlug.

"Hallo? Wer ist da?", fragte er noch einmal, nachdem eine Weile lang nichts gesagt hatte.

"Hi Tim?"

"Ja der bin ich. Wer ist denn dort?", fragte er schon leicht genervt.

"Hi. Hier ist Fritz-Daniel!", antwortete ich mit zitteriger Stimme. Wieso hatte ich diese Symptome eigentlich nicht vorher, wenn ich ihn sonst sah. Wieso erst jetzt?

"Ah Hallo", lichtete sich seine Stimme etwa.s "Was gibt es denn so dringendes, dass du mich anrufst. Du weißt doch, ich habe Dienst und muss arbeiten!"

"Es gibt eigentlich nichts besonderes. Ich wollte einfach nur deine Stimme hören oder ist das schlimm."

"Sorry, aber ich hab im Moment kaum Zeit, da hier noch so viel zu erledigen ist. Nicht böse sein ok?", versuchte er dann gleich, das Gespräch zu beenden.

"Klar kein Problem. Kenne das Problem ja bei uns im Krankenhaus. Wollte dich auch wirklich nicht stören oder ärgern. Hab dich einfach vermisst und wollte nur mal deine Stimme hören."

"Na denne. Wünsch dir noch 'nen schönen Samstag."

"Hab dich lieb!", säuselte ich verschüchtert zum Abschied in den Hörer.

"Danke."

tut ... tut ... tut ...

Und er hatte wieder aufgelegt. Ich hielt den Hörer noch 'ne Weile in der Hand, während ich wieder über die Dächer Kölns starrte. Es tat einfach gut, wieder seine Stimme gehört zu haben. Auch wenn er etwas reserviert wirkte, das lag aber wohl eher an seiner Arbeit und dass er wohl im Stress ist bzw. war.

Ich legte das Telefon auf den Tisch und machte es mir wieder im Liegestuhl bequem. Noch ein zwei Mal blinzelte ich der Sonne entgegen, bis ich wieder weggeschlummert war.

....

Einige Stunden vergingen so im Fluge. Es war schon früher Nachmittag, als ich wieder durch das Klingeln des Telefons aufwachte.

"Hallo?"

"Fritz?", klang mir eine durchaus bekannte Stimme entgegen.

"Ja. Hallo David. Was gibt’s?"

"Wollte eigentlich nur fragen, ob du heute Abend schon was vorhast?"

"Eigentlich nicht. Also soweit ich bis jetzt weiß. Wieso? Was hast du denn vor?"

"Wollte einfach mal wieder mit dir um die Häuser ziehen?"

"Klar kein Problem!" Wir machten beide noch schnell aus, wann und wo wir uns treffen würden und dann war das Gespräch auch schon beendet. David war ein guter Freund von mir, jedoch an sich etwas strange. Knapp 23 Jahre alt, aber sah durch seine Erscheinung eher wie 25 oder älter aus.

Und seine Erscheinung war ja nichts Schlimmes. Er war halt einfach nicht der Schlankste, aber dennoch verstand er nichts aus sich zu machen. Lief in weiten schlabberigen Karo-Hemden umher und einer etwas unförmigen Brille.

Ich wollte mal mit ihm einen Einkaufsbummel machen, um ihm mal ein paar neue Klamotten zu besorgen, die vielleicht mehr zu ihm passen würden, die aus ihm noch das Beste herausholen würden, aber dazu war er dann nicht bereit.

Es käme ja sowieso nur auf die inneren Werte bei einem Menschen an, war seine einzige Aussage.

Komisch nur, dass er dann jedem 16-jährigen Jüngelchen, mit Knackhintern und von oben bis unten auf gestylt, hinterher giert. Genau solchen Modepüppchen, wo ich meine Finger von lassen würde. Aber ihm gefallen sie. Jung und aufgedreht. Wenn sich dann mal jemand seines Kalibers entsprechend in der Nähe befindet, so nimmt er schnell Reißaus.

Aber das ist typisch für ihn, vom Gegenüber das absolute Nonplusultra verlangen, aber selbst war er nicht dazu bereit, an sich Veränderungen vorzunehmen.

Z mindest hatte ich es in den letzten Monaten geschafft, ihn dazu zu bewegen, auch mal mit mir in die Szene zu gehen. Früher war das ja das schlimmste schlechthin. Lauter weibische Kerle, die nichts anderes im Kopf haben, als Klamotten und Party.

Als ich ihn dann einmal dazu bewegte mitzukommen, war er dann doch überrascht, wie gemischt alles war. Es gibt in der Szene halt alles. Vom Hetero-Liken bis hin zur Leder-Trine. Und vor allem auch für ihn die süßen Jungs, die er sonst auf der Straße angierte, in real und vor allem auch schwul. Auch wenn sie ihn nicht beachteten. Er war halt nun mal nicht ihr Typ.

Aber er kam zumindest mal unter Leute und hatte nicht immer nur irreale Traumgestalten, wie irgendwelche wildfremden auf der Straße oder irgendwelche Schauspieler. Die Hoffnung, dass er noch mal jemanden für sich findet, hab ich nicht aufgegeben. Er müsste halt nur mal die Augen aufmachen und Leute ansprechen, die eher seinem Kaliber entsprächen.

Nach dem Telefonat mit David holte ich mir erst mal was zu trinken, um in der Sonne nicht ganz zu vertrocknen, legte mich danach aber unmittelbar wieder auf die Terrasse, um noch etwas zu relaxen. Diesmal spannte ich jedoch meinen Sonnenschirm auf, so langsam wurde es zu heiß, um es in der prallen Sonne auszuhalten. Mehr als auf der Terrasse zu liegen unternahm ich dann auch nicht. Es war endlich mal ganz angenehm nichts zu tun und vor sich dahin zu träumen. Und durch diese Träume streifte vor allem auch immer wieder Tim ...

Gegen 22 Uhr machte ich mich dann mit der U-Bahn in Richtung Kneipenviertel auf. In unserer Stammkneipe bestellte ich mir erst mal ein Kölsch und wartete etwas abseits auf David. So hatte ich zumindest die Möglichkeit den Raum und vor allem die Anwesenden ins Visier zu nehmen und zu schauen, ob noch irgendwelche anderen bekannten Gesichter da waren. Aber zu diesem Zeitpunkt, war der Laden noch relativ leer. Das sollte sich aber an einem Samstag schnell ändern, war ja schließlich auch noch recht früh.

David ließ auch nicht lange auf sich warten und stand mir dann mit zwei Kölsch gegenüber.

"Hi Fritz!"

"Nabend Kleiner!"

Und er sah aus wie nahezu jedes Mal. Schlabberiges Karo-Hemd, seine unförmige Brille und vor allem die platten Haare, die wohl eine Frisur darstellen sollten. Aber na ja, es war sein Leben und nicht meines und er war ja sonst ein absolut treuer Freund und das zählte mehr.

"Hier erst mal ein Kölsch für dich, und hast du den kleinen Süßen dahinten bemerkt ..." Ich konnte erahnen, wie seine Worte weitergingen, ohne wirklich zuhören zu müssen. Er hatte sich wieder irgendeinen 16jährigen raus gepickt, der sein Traummann werden könnte.

"Hey, verdreh nicht schon wieder du Augen. Tz. Stoß lieber mit mir an!" Hatte er es also doch bemerkt, dass er seine typischen Erzählungen begann. "Darf ich jetzt etwa nicht mehr für irgendwen schwärmen, bevor du ihn mir vor der Nase wegschnappst ..."

"Nicht schon wieder diese Geschichte", war ich in diesem Moment etwas genervt. "Ich hab ihn dir nie weggeschnappt. Er hat mich angeflirtet und ich nicht ihn."

"Ja, ist schon gut. Dennoch immer wieder nett, wie man dich damit auf die Palme bringen kann. Zumindest hab ich jetzt etwas, um dich ein Leben lang dran zu erinnern."

"Mach das ruhig. Und dann kann ich dich ja jetzt ein Leben lang daran erinnern, dass du ihn nie haben wirst und vor allem wie gut er im Bett war", grinste ich ihn diabolisch an.

Schuss, Treffer und Versenkt. Aus seinem Grinsen wurde ein mauliges Murren. Aber zum Glück nicht ernst gemeint. Dieser Dialog findet bei unseren Treffen nahezu immer in der gleichen Form statt und spielt auf eine uralte Geschichte an. Da waren wir auch hier in dieser Kneipe und David hatte damals den ganzen Abend einen Typen angestarrt. Es wirkte schon fast wie Besessenheit. Zum Glück war Greta an dem Abend auch mit unterwegs und so konnte ich mit ihr wenigstens noch ein bisschen feiern. Und so überließen wir David seinen Träumen.

Später am Abend zog er mich dann zu sich und zeigte unverwunden auf den Typen, den er die ganze Zeit anschmachtete. Dieser merkte dieses jedoch und kam im gleichen Moment auf uns zu. Als dieser jemand dann direkt vor uns stand, lief David rot an und schaute verschämt zu Boden. Der unbekannte musterte erst ihn und wanderte dann mit seinem Blick auf mich.

Komischerweise ließ er David dann links liegen, obwohl dieser eigentlich auf ihn gezeigt hatte, und begann stattdessen mit mir zu flirten. Und eigentlich hätte ich als guter Freund sofort abbrechen müssen, jedoch war ich an dem Abend schon soweit alkoholisiert, dass ich fast gar nichts mehr mitbekam und ging auf seine Flirtversuche ein. Irgendwann am späteren Abend bzw. am frühen Morgen verzogen wir beide uns dann aus der Kneipe und verbrachten die Nacht bei mir auf dem Sofa mit nicht ganz jugendfreien Dingen.

Als ich den Morgen danach aufwachte, war der Typ glücklicherweise verschwunden. Ich glaube nicht, dass ich langfristig was von dem wollen würde. Es war so ein typischer Schönling, auf den David stand und der mich nur durch meine Beschwipstheit herumbekommen hatte. Bis heute weiß ich nicht mal seinen Namen und ich lege auch nicht wirklich Wert darauf.

Sicherlich kein rühmliches Ereignis, aber jeder hat so seine Leichen im Keller. Das einzige was ich daran bereue, dass ich David so auf den Schlips getreten war.

Damals wäre fast die Freundschaft zu David ganz in die Brüche gegangen. Als ich diesen Morgen danach aufwachte, war mein Anrufbeantworter schon längst vollgesprochen und zwar von David. Dieser regte sich darüber auf, wie ich doch unsere Freundschaft und vor allem auch seine Gefühle so mit Füßen treten könnte.

Ich konnte es ja auch nachvollziehen, aber die Zeit zurückdrehen, war auch nicht möglich. Das einzige was also blieb, war mich zu entschuldigen. Trotz dieser Entschuldigung brauchten wir noch so einige Zeit, bis wir wieder sorglos miteinander umgehen konnten. Aber das einzig wichtige war dann doch, dass wir es im Endeffekt geschafft hatten, wieder miteinander auszukommen.

Seitdem hatten wir auch ein unausgesprochenes Abkommen. Die Typen, die er süß fand, waren seither tabu für mich und genauso umgekehrt. Im Grunde kamen wir uns auch nie in die Quere, da ich auf ganze andere Leute stand. Ich musste damals einfach einen schwachen Moment gepaart mit Alkohol gehabt haben. Aus heutiger Sicht absolut peinlich, aber geschehen ist geschehen und ich hab meine Erfahrung gemacht.

"Wie geht’s denne?", fragte David nach unserem üblichen anfänglichen Geplänkel.

"Soweit ganz gut, nur etwas geschlaucht. Aber das ist man ja von mir gewöhnt."

"Oh ja. Unter der Woche bekommt man dich ja kaum dazu, abends mal 'nen Kaffee trinken zu gehen."

"Was heißt für dich abends? Halb Zwölf? Ich bin nun mal kein Student, der erst um 2 Uhr am Nachmittag aufstehen muss, sondern jeden Morgen halb acht seinen Dienst antritt."

"Schon gut. Ich versteh es ja auch irgendwie. Ich hoffe nur nach deinem Zivi geht’s dann auch endlich mal wieder anders mit dir. Scheinst mir da zu viel zu arbeiten ..."

"Ach, so schlimm ist das gar nicht. Macht ja auch Spaß und sonst hab ich ja auch genügend zu tun. Geht ja nicht nur um die Arbeit ..."

"Egal, diese Diskussion hatten wir schon mal. Warum ist Greta diesmal eigentlich nicht mitgekommen?", fragte er diesmal berechtigt. Schließlich war sie sonst immer dabei gewesen.

"Sie hatte schon was anderes vor", antwortete ich nur knapp. Schließlich durfte ich ja noch nichts verraten, das war ihre Aufgabe irgendwann.

"Was denn?"

"Keine Ahnung!"

"Komm lüg nicht! Du weißt es genau!", fühlte er mir aufs Zahnfleisch.

"Sorry, ich darf dir darüber nichts erzählen. Das ist ihr Ding."

"Mein Gott, was kann denn so wichtig sein. Aus ihren Lovern hat sie sonst nie so ein Geheimnis gemacht. Oder ist es noch ganz was anderes, muss man sich Sorgen machen?", fragte er mit einmal etwas angespannt. Schließlich war sie auch eine sehr gute Freundin von ihm.

"Nein, mach dir mal keine Sorgen. So schlimm ist es auch nicht. Das bekommt sie schon selbst auf die Reihe. Musst dich halt nur etwas gedulden, bis sie auch dir davon erzählt", versuchte ich ihn etwas zu beruhigen.

"Wirklich nichts schlimmes?", fragte er nach.

"Wirklich nicht. Ihr geht’s blendend. Ich darf halt einfach nichts erzählen ..."

"Ups. Entschuldigung." Eine große gewachsene, etwas hagere Person stieß David von hinten an. "Hab dich leider nicht gesehen und musste jemandem ... ähm Platz machen ... ähm der vorüber ging", entschuldigte sich dieser jemand etwas schüchtern.

"Kein Problem", erwiderte David knapp. Es schien ihn gar nicht zu interessieren. Er wollte sich eigentlich wieder mir widmen und den Langen so stehen lassen, aber das ließ ich diesmal nicht zu.

"Bist du denn alleine hier?", fragte ich in Richtung Fremder. "Ich bin übrigens Fritz und das ist David." Und hielt ihm die Hand entgegen

"Thomas. Nein, ein Bekannter hat mich mit her geschleift. Der ist grad aber mit seinem Freund auf der Tanzfläche, wenn man dieses kleine Fleckchen da so nennen will. Und Tanzen ist nicht wirklich mein Fall."

"Nicht wirklich die feine Englische Art. Aber das macht Fritz mit Greta, einer Freundin, normalerweise auch immer und ich steh dumm in der Gegend umher", warf David ein.

"Was können wir denn dafür, dass du zu feige bist, mal die runderen Hüften zu bewegen", war meine einzige Reaktion auf diesen Vorwurf.

"So rund sind seine Hüften doch gar nicht!", protestierte Thomas auf seine schüchterne Art kaum hörbar. Und zum zweiten Mal am Abend: Treffer und versenkt. Mit einem Satz, waren Davids Augen auf einmal in Richtung Thomas gerichtet.

"Nein?", fragte dieser auf einmal schüchtern.

"Nein, finde ich gar nicht. Es kann schließlich nicht jeder so ein Hungerhaken wie ich sein. Und so angenehm ist das auch nicht", kommentierte dieser und ein Gespräch zwischen den beiden entwickelte sich. Beide passten aber auch irgendwie zusammen, aber irgendwie auch nicht.

Thomas war zwar nicht der schönste, aber auch nicht der hässlichste. Er versuchte im Gegensatz zu David etwas aus sich zu machen. Seine Schwachpunkte wurden gekonnt mit Klamotten kaschiert, aber irgendwann sind auch da die Grenzen erreicht. Thomas wirkte schon irgendwie süß, auch wenn er nicht mein Typ wäre, da ist er mit seinen schätzungsweise 18 Jahren viel zu jung. Davids Typ war er eigentlich auch nicht. Keiner dieser geschniegelten Typen, aber der erste, der sich seit langer Zeit wirklich für ihn interessierte. Und das war ja schon einmal ein Anfang.

Ich wollte beide jetzt auch bei ihrem Flirten nicht stören und so verzog ich mich auf die Toilette, wo ich sowieso mal hingemusst hätte. Noch mit einem vielsagenden Lächeln in Richtung David, der mit diesem gar nichts anfangen konnte.

Ich verzog mich also in eine der Kabinen und stand so da und verrichtete mein Geschäft, wie halt üblich und hörte nebenan wie üblich ein Pärchen, das nicht warten konnte, bis es zu Hause im eigenen Bett gelandet wäre. Und wie üblich musste ich dabei grinsen, wie klischeehaft diese Welt doch teilweise ist und wie viel davon sogar noch wirklich wahr ist.

Als ich vor dem Waschbecken stand und noch einmal in den Spiegel schaute, ging eine der Kabinen auf und das Pärchen kam wieder heraus. Beide etwas zerknittert und noch am Klamotten richten.

Ich drehte mich um, damit mir der Spiegel keine Täuschung lieferte. Aber es veränderte sich nichts. Einer dieser beiden Personen war ... mir viel die Kinnlade herunter ... da war ... meine Glieder wurden so langsam zu Pudding ... das war Tim ...

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