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Teddy

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Teddy zögerte. Die Wärme zog ihn an. Das sanfte Leuchten umschmeichelte seinen Körper, das Gefühl war so wohlig wie schon lange nicht mehr. Hatte er überhaupt jemals etwas so wunderbares gefühlt? Hatte er sich jemals so geborgen und getragen gefühlt? Wie sanft konnten die Sonnenstrahlen sein, die sonst brannten, verbrannten und ihn schmerzten? Teddy war immer ein wenig neidisch auf Mario gewesen, wenn dieser keinen Sonnenbrand bekommen hatte, während Teddy nach kurzer Zeit schon in den Schatten musste. Mario. Wo war Mario eigentlich? Teddy sah sich um. Mario war wenige Schritte hinter ihm. Er lächelte unsicher und schien seinerseits zu zögern weiter zu gehen. Dann blieb er tatsächlich stehen. Teddy überlegte kurz, was er tun sollte. Weitergehen? Nach vorne sehen? Der Zwiespalt machte ihn traurig und wütend. Beides stieg in ihm hoch, bahnte sich seinen Weg, und kurz darauf entrang sich ihm ein tiefes Schluchzen. Dann wurde es dunkel.

 

Mario rüttelte Teddy sanft wach, bis dieser aufschreckte und die Augen öffnete. Mario tupfte ihm mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn.

Teddy atmete tief und spürte, wie sich sein rasendes Herz allmählich wieder beruhigte.

„War’s wieder so schlimm?“ Mario legte das Tuch zur Seite und strich Teddy über den verschwitzten Kopf.

Teddy nickte nur. Dann drehte er sich zu Mario, sah ihm tief in die Augen, legte einen Arm um ihn und schmiegte sich an ihn. So wollte er weiterschlafen.

 

Teddy hatte wieder Haare auf dem Kopf. Nach der letzten Chemotherapie waren sie fast alle ausgefallen. Nun war er froh, dass die hässliche Narbe von der Kopfoperation halbwegs verdeckt wurde. Ein wenig eitel war er ja doch. Im Nachhinein fragte er sich, warum er sich das überhaupt angetan hatte. Gut, der große Tumor war entfernt worden. Aber an den kleinen kam man nicht ran, ohne massive Schäden zu verursachen. Das wollte Teddy nicht.

„Die wollen eine sabbernde Halb-Leiche aus mir machen, Mario“, hatte er zu Mario gesagt. Mario hatte geschwiegen, was Teddy zunächst nicht verstand.

„Das will ich nicht, Mario.“

„Das verstehe ich.“ Mario starrte auf seine Hände.

„Was soll ich mit einem Jahr mehr, wenn ich davon nichts mehr mitkriege. Ich weigere mich, wie ein Zombie rumzuliegen und gewickelt werden zu müssen, Mario.“ Teddys Stimme ließ keinen Raum an seinem Entschluss zu zweifeln.

„Was ist die Alternative?“, fragte Mario, obschon er die Antwort nicht hören wollte.

Teddy legte ihm eine Hand auf die Schulter.

„Ich werde irgendwann umfallen oder so, sagen die. Wenn der Tumor irgend so ein Teil im Hirn erwischt hat, ist es vorbei. Einfach so. Peng!“ Er schnippte mit den Fingern.

Marios Augen begannen zu verschwimmen.

„Das ist doch eigentlich gut, oder?“ Konnte man so eine Frage ehrlich meinen? Vielleicht. Er konnte es gerade nicht. Denn es war nicht gut. Es war verdammt noch mal nicht gut. Nichts war daran gut.

Teddy sah ihn an. Langsam schüttelte er den Kopf.

„Nein, Schatz. Das ist nicht gut. Es ist nur eine scheiß Notlösung.“

Sie schlossen einander in die Arme und weinten gemeinsam. Sehr lange. Das taten sie öfter. Es war ein Abschied auf Raten. Immer wieder, wenn sie beide an diesem Punkt waren, wo sie den Tatsachen in die kalten Augen blicken mussten.

„Was sollen wir machen?“, fragte Mario leise und mit brüchiger Stimme.

„Wir fahren ans Meer“, entgegnete Teddy in überraschend festem Tonfall.

 

Teddy hieß natürlich nicht Teddy. Mario nannte ihn Teddy. Ihr gesamter Freundeskreis nannte ihn Teddy. Mario hatte Teddy schon als „Teddy“ kennen gelernt und erst irgendwann erfahren, dass Teddy eigentlich Bernd hieß. Er blieb bei „Teddy“. Der Name war passender. Teddy war knapp 1,70m groß, kräftig gebaut und stark behaart. Der dichte Bart kratzte zuweilen beim Küssen, aber das machte das Besondere für Mario aus. Er mochte das. Und er liebte Teddy. Auch nach der Diagnose. Auch, als Teddy fast haarlos vor ihm stand, ausgemergelt, ein Schatten seiner selbst war, müde, niedergeschlagen und erschöpft.

Inzwischen hatte Teddy fast seine vorherige Statur wieder. Auch die Haare waren wieder voll und kräftiger geworden. Umso weniger war der Umstand zu begreifen, dass dieser kleine aber stark wirkende Mann irgendwann plötzlich zusammenbrechen konnte. Vermutlich würde er tot sein, bevor der Kopf den Boden berührte. Wenn nicht doch noch ein Wunder geschehen sollte.

Das hoffte Mario jeden Tag. Zuweilen hatte er den Eindruck, dass er mehr Hoffnung hatte, als Teddy. Dieser wirkte häufig abgeklärt, ruhig und gelassen. Als wäre er schon dabei, seine Sachen zu packen. Dabei brauchte er doch gar nichts mitnehmen… Mario weinte viel wenn Teddy nebenan schlief. Immer in der Hoffnung, dass Teddy nicht mitbekam, wie sehr er litt. Mario wollte stark sein für Teddy. Ihn begleiten und stützen. Wenn es abends still in der Wohnung wurde und wenn Mario es zuließ tief in sein Innerstes zu blicken, dann konnte er sich eingestehen, dass es häufig Teddy war, der sie beide trug. Mario schämte sich dafür, machte sich Vorwürfe nicht stark genug zu sein, fühlte sich schwach und als Versager. Aber vielleicht schonte ihn Teddy nur, nahm ihm jetzt noch Arbeit ab, solange er es noch konnte. Damit Mario Reserven hatte, wenn er sie brauchte. Und er würde sie brauchen.

 

Jetzt fuhren sie ans Meer. Zum letzten Mal, das wussten beide. Kein Platz für Wehmut; nicht jetzt. Teddy wollte hin. Und Mario frage sich, warum sie das nicht früher gemacht hatten. Dann hätten sie das vielleicht öfter machen können. Jetzt war es nur noch einmal. Warum eigentlich? Es gab doch kein Datum für das Ende. Vielleicht blieben doch noch weitere Gelegenheiten. Nein. Mario schüttelte den Gedanken ab. Es war das letzte Mal. Nur mit dieser Gewissheit im Kopf würden sie das Erlebnis ehrlich und mit allen Sinnen aufnehmen können. Jede Sekunde war wichtig, zählte, sollte sich einbrennen ins Gedächtnis, in die Sammlung schöner Momente, die Mario brauchen würde, wenn er seine Reserven anzapfen müsste. Vielleicht war es ein Geschenk von Teddy, diese Momente, die kommen sollten am Meer. Schöne Momente, Leichtigkeit ebenso wie Schwermut. Verdammt ja, das durften sie. Sie durften schwermütig sein, sie durften traurig sein über ihre letzten gemeinsamen Tage am Meer. Sie durften sie aber auch genießen, gemeinsam noch einmal glücklich sein und sich dann davon verabschieden können. Müssen. Es können müssen. Loslassen. Können. Müssen.

 

Teddy zog seine Schuhe aus, band sie zusammen und hing sie sich über die Schulter. Mario tat es ihm gleich. Ihre Hände fanden sich blind, wie immer. Der Weg über den lockeren Sand war beschwerlich, beinahe fielen sie, doch sie hielten sich weiter fest, gaben sich Halt, lachten dabei. Leichtigkeit.

An der Wasserlinie war der Sand fester. Hier kann man gut gehen. Lange gingen sie.

„Fährst du Weihnachten zu Carola?“, fragte Teddy.

Mario sah auf die Wellen. „Ich denke schon.“ Er wusste instinktiv, dass er alleine fahren würde und dass es ein trauriges Fest werden würde.

„Das ist krank“, Mario schüttelte den Kopf.

„Was denn?“

„Wir sprechen darüber, was ich ohne dich machen werde, so als wärst du schon weg.“

Teddy drückte kurz Marios Hand.

„Ich bin dann weg, Schatz.“ Ein kurzes Zögern. „Also wie man es nimmt. Ich bin nicht mehr so hier wie jetzt. Anders.“

Er tippte mit der anderen Hand auf Marios Brust.

„Da drin bin ich dann. Hoffe ich mal.“

Tränen liefen über Marios Wangen.

„Du wirst immer da drin sein, Teddy. Das weißt du.“

„Weiß ich.“

Mario nahm ihn in den Arm.

„Mein Bärchen“, flüsterte er erstickt.

Teddy konnte es hören, trotz des Windes und dem ewigen Rauschen der See.

So standen sie da. Wieder einmal lange. So lange, wie sie konnten, so lange wie ihnen Zeit blieb. Sie hielten einander fest, weil es noch ging, weil sie es noch durften. Konnten.

„Nehmen wir uns noch ein Zimmer?“, fragte Teddy.

„Gute Idee.“ Mario nickte.

 

Eine Pension war schnell gefunden. Nachdem sie das Zimmer gebucht hatten, gingen sie zurück zum Strand. In den Dünen standen Bänke. Mario hatte Decken mitgenommen gegen die kühle Abendluft. Sie kuschelten sich in die Decken und an einander. Dann schwiegen und sprachen sie. Über Freunde, über Dinge, die anders sein würden. Dinge, die nicht mehr sein würden, Dinge, die neu sein würden. Erst einmal schmerzhaft neu und anders. Irgendwann würden sie Alltag sein. Das Vermissen würde zum Alltag dazugehören. Teddys körperliche Abwesenheit wird alltäglich sein. Nicht gut. Aber alltäglich. Darüber sprachen sie. Und es tröstete Mario. Die Aussicht, dass der Schmerz nicht ewig übermächtig sein würde, machte es aushaltbarer. Irgendwie vielleicht.

Es war längst dunkel, als sie den Strand verließen. Arm in Arm.

 

Das Frühstück in der Pension war gut und reichlich. Bevor sie die Heimfahrt antraten gingen sie noch einmal zum Strand. Die Sonne schien warm und kräftig. Teddy wollte ins Wasser.

Sie schwammen durch die Wellen, trugen einander auf den Armen, warfen sich in die See, ließen sich tragen vom Wasser, küssten sich das Salz von den Lippen und hielten einander fest.

Die Sonne und der Wind trockneten sie. Teddy legte den Kopf in den Nacken, so als wolle er alles an Kraft aufnehmen, was er bekommen konnte. Mario sah im zu. Ein letztes Mal, dachte er. Das macht Teddy jetzt ein letztes Mal. Mario kam kurz der Gedanke, was wäre, wenn Teddy jetzt umfiele. Hier und jetzt. Nach einem kurzen Schreck lächelte er. Für Teddy gäbe es keinen besseren Augenblick. Oder doch? Noch eine Frage, auf die es keine Antwort gibt. Mario schob sie fort und sah Teddy an. Ein Mann, wie ein Felsen. Ein kleiner Felsen, aber ein Felsen, dachte Mario. Aber ausgehöhlt von Innen und damit dennoch brüchig. Was man nicht sah, nur wusste. Mario wollte das gerade nicht wissen. Da stand Teddy in der Sonne. Ein Mann. Sein Mann. Sein schöner Mann, den er liebte.

 

Sie steigen die Stufen zum Dünenkamm hinauf. Oben angekommen, wandten sie sich um. Noch ein Blick auf die See hinaus. Mario trat von hinten an Teddy heran und wollte ihn umarmen, doch Teddy schob ihn sanft zurück.

„Bitte nicht. Lass mich das bitte alleine machen.“ Seine Stimme war belegt, ernst. Mario machte ein paar Schritte zurück. Teddy stand da, blickte zum Meer und schwieg.

Was konnte er dem Meer schon sagen? Ein unbedeutender Mensch im Angesicht einer Naturgewalt. Nicht einer der unzähligen Tropfen kannte Teddys Namen, keiner dieser Tropfen wusste, wie Teddy sich anfühlte oder kannte seinen ihm eigenen Duft, kannte seine Gedanken und Gefühle. Keiner dieser unzähligen Tropfen wusste, warum Teddy heute hier stand und dass er nie wieder zurückkehren würde. Aber Teddy kannte das Meer. Und er wollte es sehen, bevor er ging, um nie wieder zurückzukehren. Es war, als wartete er auf die letzte Welle, die den Strand herauf rollte, die richtige Welle, nach der nichts Besseres mehr kommen konnte, weil sie vollkommen war. Vollendet. Das würde niemals der Fall sein. Teddy wusste das. Und er war es, der sich abwenden musste. Das Meer würde es nicht tun. Also wandte er sich ab.

Hin zu Mario.

„Danke“, sagte Teddy und lehnte sich an ihn.

Mario strich ihm über den Rücken.

Er wollte das Meer jetzt nicht mehr anschauen.

Vielleicht würde er einmal zurückkehren und dann wieder hinsehen. Wenn alles anders ist.

 

Teddy streckte sich im Autositz, so gut es ging.

Mario klopfte ihm auf den Oberschenkel.

„Noch knapp zwei Stunden, dann sind wir zuhause.“

Teddy nickte. „Du hast uns immer gut überall hin gebracht, Schatz.“

Mario lachte leise. „Ja“.

„Ich danke dir dafür“, Teddy strich ihm über den Unterarm. Dann griff er Marios Hand, die auf seinem Oberschenkel lag und hielt sie fest.

So fuhren sie eine Weile dahin.

Mario schaute kurz zu Teddy. Seine waren Augen geschlossen.

„Soll ich mal anhalten, Teddy?“

Teddy lächelte.

Langsam lockerte sich der Griff um Marios Hand.

Und Teddys Augen blieben geschlossen.

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