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Vom Knaben zum Straßenschild - geschichtliche Evolution

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Vorwort:

Dies ist der kreative Teil meiner Facharbeit. Da ich dachte, dass er von der Thematik her nicht einmal so unpassend für Nickstories ist, wollte ich ihn euch nicht vorenthalten :)

 

„Im Straßenverkehrsamt! Kannst du dir das vorstellen?!“ Wütend knallte Andreas die Tür hinter sich zu und lief wie ein wildgewordener Stier im Wohnzimmer auf und ab. „So eine Frechheit. Habe ich mit irgendeinem Wort erwähnt gehabt, mit einem Straßenschild den Bund der Ehe einzugehen? Ach Verzeihung, Lebenspartnerschaft.“ Er schnaubte verächtlich. „Das Straßenschild ist ja schließlich keine Frau!“

„Wie nett von dir, dass du mich als Neutrum bezeichnest“, erwiderte Mark nur sarkastisch. Er konnte nicht behaupten, dass er froh war über die Neuigkeiten, aber deswegen gleich die Wohnung in ihre Einzelteile zu zerlegen fand er doch etwas übertrieben.

„Doch nicht ich! Aber die in der Verwaltung scheinen das ja zu denken.“ Anklagend schaute Andreas ihn an, als wäre er plötzlich Schuld an diesem ‚Desaster‘.

„Dass ich ein Straßenschild bin? Sehe ich wirklich so unförmig aus?“ Er versuchte sich an einem gespielt erschrockenem Gesichtsausdruck, allerdings zwang sich ihm nur ein Grinsen auf.

„Du weißt, was ich meine.“ Andreas verzog beleidigt den Mund. Allerdings nur für vielleicht zwei Sekunden. Dann hatte ihn seine Wut wieder voll im Griff und er begann weiter durch den Raum zu tigern.

„Es ist ohnehin eine Frechheit, dass wir schon nicht dieselben Rechte wie in einer Heterosexuellen-Ehe bekommen. Hallo, von wegen Schutz der Familie … nicht jedes Heten-Paar kriegt Kinder! Zudem, sind wir keine Familie? Und überhaupt, warum muss ich für so eine bescheuerte Trauung auch noch mehr bezahlen? Und mich dann auf dem Straßenverkehrsamt, ich wiederhole Straßenverkehrsamt, abschieben lassen?! Selbst die Römer hatten schon gleichgeschlechtliche Ehen. Man könnte fast glauben, wir wären im Mittelalter und nicht im 21. Jahrhundert.“

„Ich glaube kaum, dass die Schwulen im alten Rom keine Probleme gehabt haben, vor allem nicht wenn sie auch noch heirateten.“

„Jedenfalls wurden sie nicht zum Straßenverkehrsamt geschickt.“

„Ja klar, vor allem weil es dort schon so etwas gab. Mach dich nicht lächerlich.“ Seufzend fuhr Mark sich durch die Haare. Eigentlich hatten sie ja besprechen wollen, wer alles auf die Gästeliste kam. Allerdings sah er für dieses Vorhaben heute eher schwarz, wenn er sich nicht bald etwas einfallen ließ.

„Wenigstens wurde man nicht schief angesehen, wenn herauskam, dass man schwul war. Nein! Eher anders herum. Es wurde ja schon von jedem erwartet, dass er zumindest teilweise schwul ist.“

„Teilweise? Du meinst bi?“

„Ja man“, genervt wischte Andreas seinen Einwurf fort. „Wenn ich nur daran denke, auf was für einen Stand der Toleranz die Gesellschaft damals war und dann zack bumm alles weg.“

„Zack bumm?“

„Ja! Wegen irgendwelchen Leuten wie dieser Heini gerade in der Kreisverwaltung oder was weiß ich. Die Kirche, das Mittelalter … ein Rückschritt den wir immer noch nicht wieder aufgeholt haben.“

„Du kannst das doch gar nicht so schwarz weiß vergleichen. Früher war auch nicht alles besser.“

„Ach“, trotzig verschränkte er die Arme vor der Brust und blieb auffordernd vor ihm stehen. „Und was denn zum Beispiel nicht?“

„Ach Schätzchen“, gespielt knickte er sein linkes Handgelenk ab und fuchtelte fast schon hysterisch mit seinem rechten Zeigefinger vor seinem Gesicht herum. „Hast du mein Mascara gesehen? Ich hatte mir gaaaaaaaaaaanz neuen gekauft, mit ganz viel Glitzer und das passt doch so gut zu meinen neuen Stiefelchen, du weißt schon die pinken da mit den Strasssteinen und ich mü …“

„Was soll das?“, entsetzt sprang Andreas zwei Meter zurück.

„Und ich müsste mal wieder dringend ins Nagelstudio.“ Er streckte seine Hand nach vorne, um sich seine Finger zu betrachten. Theatralisch schlug er sie keine Sekunde später an seine Stirn. „Nein, grausig, Liebster. Dass ich dir so einen Anblick überhaupt noch zumuten kann. Glaubst du, dass das neue Mittel für dauerhafte Haarentfernung diesmal wirkt??????“

„Mark, was machst du? Stiefel? Nagelstudio? Haarentfernung? Willst du mich verarschen?“ Wütend knurrte Andreas auf, um sein Missfallen noch einmal zu unterstreichen.

„Aber ich doch nicht, Schätzchen.“ Empört verzog Mark den Mund.

„Mensch Andreas!“, schnaubte er dann allerdings. „Glaubst du die in der Antike hätten nichts gegen uns beiden als Paar gesagt? Selbst wenn einer von uns ein Sklave gewesen wäre, wir also nicht beide freie Bürger … was an sich ja schon irgendwie ein Skandal gewesen wäre, aber nein, schau mich an! Oder dich! Du 1,90 Typ, breite Schultern, Drei-Tage-Bart, sexy Muskeln, knackiger Hi …“

„Wenn das eine Lobeshymne auf meinen Körper sein soll, kannst du sie dir sparen“, schmollte Andreas leicht verlegen. Süß.

„Gut, dann eben doch mich. Sehe ich aus wie ein sechzehn-jähriger Junge, der noch nicht einmal Bartflaum vorzuweisen hat und beim leichtesten Stoß umfliegt?“

„Was willst du überhaupt?“, verzweifelt warf Andreas die Hände in die Luft. „Soll ich deine körperlichen Vorzüge jetzt auch hochpreisen?“

„Nein, aber du wirst mir doch zustimmen, dass ich eindeutig ein Mann bin, hm? Und kein Straßenschild!“ Verärgert verengte er seine Augen.

„Ach das“, fast schon erleichtert seufzte Andreas auf. „Natürlich bist du keines und du siehst auch nicht wie eines aus. Dann hättest du ja einen Körper mit Maßen eines Strohhalms mit einem Würfel als Kopf, oder Dreieck oder so.“

„Nein, darauf wollte ich nicht unbedingt hinaus. Aber danke, dass du das noch einmal erwähnt hast.“ Spöttisch funkelte er ihn an. „Jedenfalls, gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Antike waren nur geduldet, wenn der eine ein Mann war“, dabei warf er Andreas einen bedeutungsvollen Blick zu, „und der andere noch … ein Junge eben. Einer, der noch keinen Bartwuchs hat, zierlich von der Gestalt her ist …“

„Pädophile?“ Verblüfft schüttelte Andreas den Kopf.

„Nein, das kann man nicht sagen. Ich meine nicht, dass das nicht auch vorkam. Aber ich nehme an, dass der Großteil der Jungen schon … jugendlich waren. Also keine kleinen Kinder.“

„Macht für mich keinen Unterschied“, grunzte er. „Ich bin doch schwul, weil ich Männer liebe und keine Frauen. Warum sollte ich dann auf Männer stehen, die Frauen ähneln?“

Mark musste daraufhin lachen, was ihm nur einen verständnislosen Blick von seinem Freund einbrachte. „Weißt du“, kicherte er, „du erinnerst mich gerade an Anna.“

„Anna?“, misstrauisch hob Andreas eine Augenbraue. „Du meinst doch nicht diese Schwulenfanatikerin?“

Mark musste immer noch lachen. „Doch, genau die. Über was hatte sie sich letztens bei mir aufgeregt? Achja!“ Er grinste über das ganze Gesicht. „Dass sie mal gelesen hatte, dass viele Schwulengeschichten von Frauen geschrieben sind … und zwar nicht nur von sondern auch für. In fast jeder Geschichte gäbe es einen passiven und einen aktiven, also einen sehr maskulinen Charakter und als sein Gegenstück einen zierlichen, sehr femininen. Diese beiden finden natürlich immer zusammen und sind restlos glücklich. Sie meinte, sie könne diese Behauptung nur bestätigen. Aber genau DAS wolle sie ja nicht lesen. Schließlich lese sie Schwulengeschichten, weil sie Liebesgeschnulze zwischen zwei Männern haben will und nicht zwischen einem Mann und irgendetwas Frauen-like-haftes. Und der absolute Liebesbeweis sei dann immer, wenn der maskuline mal NICHT die aktive Rolle übernähme, sondern die passive. Nein, so etwas ginge ja gar nicht, sei gegen alle moralischen Vorstellungen und könne deshalb nur DER Beweis für die Liebe schlechthin sein. Und weißt du was? Irgendwo hat sie recht …“

„Wo? Dass das der Liebesbeweis ist?“

„Nein, du Idiot. Das mit der klaren Rollenverteilung. Ich lese doch auch ab und zu diesen Kram … es stimmt schon, viele Geschichten sind so aufgebaut. Man merkt einfach, dass der feminine Kerl eigentlich die Rolle der Frau übernimmt. Zwar durchaus emanzipiert, aber dennoch.“

„Und auf was wolltest du jetzt hinaus?“, Andreas war verwirrt.

„Dass früher, auch in der Antike, eben nicht alles perfekt war. Da bevorzuge ich es immer noch, im 21. Jahrhundert zu leben. Hier können wir wengistens auf die Straße gehen und demonstrieren und gib es zu … in den letzten Jahren hat sich vieles verbessert und ich bin überzeugt, dass das auch so weitergehen wird.“

„Hmpf“, Andreas musste ihm irgendwo zustimmen. „Aber die Kirche ist immer noch genauso verbohrt. Ich glaube kaum, dass uns der katholische Priester hier in der Gemeinde trauen würde.“

„Alles braucht eben seine Zeit. Die Kirche manchmal etwas länger, aber auch sie wird sich noch wandeln. Und die Protestanten sind ja schon etwas … liberaler? Jedenfalls im Mittelalter, wie du ja schon erwähntest, wäre es auch unmöglich gewesen, den Priester überhaupt erst zu fragen. Da konntest du doch nur schwul sein, so lange keiner in der Öffentlichkeit davon wusste. So lange es geheim war, so lange war es auch schön und gut.“

„Jaja, ist ja schon gut. Du hast gewonnen okay?“ Andreas schaute sich hilfesuchend um, auf der Suche irgendwie Marks Predigten zu entgehen. Wenn er einmal in Fahrt war, war es schwer, ihn wieder zu bremsen.

„Ich weiß“, grinste Mark sich seines Sieges bewusst. „Also höre auf, dich wie ein Choleriker zu benehmen und setz dich endlich neben mich, damit wir die Gästeliste zusammenstellen können!“

„Oh…“, noch nie war Andreas schneller der Anweisung seines Freundes gefolgt wie jetzt. Bot dieser ihm ja geradezu die Fluchtmöglichkeit an.

„Weißt du … wer von uns trägt eigentlich das Brautkleid?“, schmunzelte auf einmal Mark vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen.

„Was?“, Andreas zuckte erschrocken zusammen. Dass Mark bloß nicht wieder so einen tuntigen Anfall bekam wie gerade eben!

„Nun ja … gehört das nicht irgendwie zu einer Hochzeit dazu?“ Verträumt starrte Mark aus dem Fenster. Andreas glaubte, einen Herzinfarkt zu bekommen. Das konnte doch nicht sein Ernst sein.

„Ich dachte, wir ziehen beide Anzüge an“, warf er somit auch schnell ein.

„Ach …“, nachdenklich runzelte Mark seine Stirn. „Das geht natürlich auch. Wer zieht aber dann den weißen an?“

„Wie wäre es wir beide?“, schlug Andreas panisch vor.

„Beide?“

„Ja“, er war begeistert von seinem Einfall. Es konnte doch nie und nimmer in Marks Ansinnen sein, dieses klischeehafte Hetenmodell zu übernehmen. Und da hatte er sich doch noch vor einigen Minuten selber über diese Rollenverteilungen aufgeregt!

Doch da grinste Mark auf einmal. „Ich wäre für beige. Wir beide. Oder … marineblaue.  Oder so ein dunkelgrün. Aber auf keinen Fall schwarz … schließlich heiraten wir und gehen nicht zu einer Beerdigung. Und auch nicht weiß … weiß macht dick.“

Andreas ließ sich geschlagen nach hinten auf den Rücken fallen. Als wäre Mark dick … und das wusste er selber. Nein, er wollte ihn einfach nur aufziehen. Wie dieser Mann ihn doch regelmäßig in den Wahnsinn trieb.

„Anna!“

„Hä?“, geschafft hob Andreas seinen Kopf von der Sofalehne.

„Wir sollten sie auch einladen.“ Und schon schrieb Mark geschäftig unzählige Namen auf das Papier.

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