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Die Söhne des Horus

Teil 2

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Informationen

Vorwort

Es hat doch länger gedauert, als ich dachte, den zweiten Teil zu Ende zu schreiben. Ich hatte erstens kaum Zeit und zweitens auch noch ein Krea - Tief. Die Uni hat mich ziemlich in Anspruch genommen *seufz*

Aber das Warten hat sich gelohnt, hier nun also das nächste Kapitel?

Danke wie immer an Steffen für die Unterstützung bei der Storyline und geschichtlichen Hintergründen, sowie an Juke für das ausgiebige Korrekturlesen :)

Anmerkungen zu einzelnen Details findet ihr am Ende des Kapitels (ebenso einige Literaturangaben).

Viel Spaß.

 

2. Tag des ersten Monats der Überschwemmung im Jahr zwei des Sohnes des Re, Sethos I.

Die Nacht war alles andere als friedlich gewesen: Ameni war ständig wach und wusste eigentlich gar nicht warum. Er schlief erst kurz vor Sonnenaufgang ein und erinnerte sich kaum an seine wirren Träume, als er trotz allem pünktlich erwachte. Seiner inneren Uhr schien es egal zu sein, wie gut er in der Nacht schlief.

Gerädert, mit müdem Gesichtsausdruck schlich er in die offene Küche, in der trotz der gerade erst aufgegangenen Sonne eine schon fast unerträgliche Wärme herrschte.

Nach einem schnellen Frühstück machte er sich auf den Weg. Als er aus dem Haus trat, liefen mehr Menschen als sonst aufgeregt durch die Gegen. Die Frauen putzten die Häuser und einige Kinder rannten freudig auf und ab. Als Ameni sich umschaute, sah er glückliche und aufgeregte Gesichter. Es war lauter als sonst. Ameni grinste, als ein Kind glücklich lächelnd auf ihn zu rannte und rief: »Hast du es schon gehört?« Er lachte und wirbelte das Kind durch die Gegend. Die Eltern liefen herbei und nahmen es ihm ab, auch sie lachten. »Tut uns leid, es ist das erste Mal, dass er es bewusst erlebt.« »Schon gut!« Er lief die Straße hinab und ließ sich von der Fröhlichkeit der Leute anstecken.

Endlich war es soweit. Die jährliche Nilflut hatte eingesetzt!

Der Nil brachte den Menschen fruchtbares Ackerland und es gab große Feste zu Zeiten der Überschwemmung, die Mitte des Monats Paophi den Höchststand erreichte. Jedes Jahr freute sich Ameni auf diese Tage, denn hier waren die Menschen besonders fröhlich und es herrschte eine ausgelassenere Stimmung als sonst. Der Pharao selber war es, der bei diesem Fest unter das Volk ging und den Nil segnete sowie Khnum und anderen Göttern dankte.

Ameni dachte an die letzten Jahre, nie hatte es eine Flut gegeben, die unter oder über dem durchschnittlichen Wasserstand lag.

Eine dunkle Erinnerung an seine Kindheitstage kam ihm in den Sinn: In einem Jahr war die Überschwemmung so hoch, dass nicht nur das Ackerland überflutet wurde, sondern ganze Häuser und kleine Siedlungen weggerissen wurden. Seine Familie, die direkt in Theben lebte, war zwar nicht betroffen, doch war es trotzdem ein schlimmes Erlebnis gewesen?

Er wurde von bekannten Stimmen aus seinen Gedanken gerissen. »Ameni!« »Wie schön dich auch mal wieder zu sehen!«

Er drehte sich zu seinen beiden Freunden um. »Sopod, Hetnefer« Sie umarmten sich kurz. »Hast du es schon gehört, die Nilüberschwemmung beginnt!«, sagte Sopod ganz aufgeregt. Hetnefer und Ameni schauten sich an. Ameni grinste: »Wie sollte ich das überhören und übersehen? Die Menschen sind fröhlicher als sonst. Hoffentlich wird es eine gute Überschwemmung!«

Sopod zog ein langes Gesicht.

»Ja, wir hatten viel Glück in den letzten Jahren.«, meinte Hetnefer. »Aber sag, mein Freund, du siehst so übermüdet aus, hattest du keine angenehme Nacht?«

Ameni seufzte »Leider nicht? Ich weiß aber nicht genau warum.«

»Du arbeitest zuviel! Du warst schon lange nicht mehr mit uns unterwegs?«, warf Sopod ein, nicht ohne einen Funken Enttäuschung mitklingen zu lassen.

Der hellhäutige Ägypter dachte über seine letzten Wochen nach und es stimmte tatsächlich - er hatte seine Freunde ziemlich vernachlässigt.

»Es tut mir leid, ich habe wohl wirklich zuviel im Kopf gehabt!«

»Na ja, du siehst auch jetzt nicht so aus, als wären deine Gedanken klarer.«, sagte Hetnefer ein wenig besorgt.

Der in Memphis geborene Hetnefer war zwei Jahre älter als Ameni und arbeitete als königlicher Schreiber: Sethos hatte einige Posten nicht neu besetzt bei seinem Amtsantritt und Hetnefer gehörte zu den glücklichen, die bleiben durften. Er war ein sehr ruhiger und gewissenhafter Mensch und Ameni mochte seine Art, bei ihm brauchte er nie viel sagen, Hetnefer verstand ihn auch ohne Worte und konnte in ihm lesen wie in einem Buch. Was wohl aber auch nicht so schwierig war, denn Ameni fiel es oft schwer, seine Gefühle und Gemütsregungen zu verbergen.

Sopod war jünger als Hetnefer und Ameni, aber Ameni kannte ihn schon von klein auf, ihre Eltern waren befreundet gewesen. Der braunhaarige Junge war, wie Ameni selber, sehr offen und für jeden Spaß zu haben. Außerdem sah er so gut aus, dass alle jungen Frauen ihm sofort verfielen. Leider nutzte er das manchmal zu sehr aus. Er mochte die anerkennenden Blicke der Frauen und nicht nur einmal hatte er gebrochene Herzen zurückgelassen nach einer fröhlichen Nacht. Dies brachte ihm zwar immer wieder Kopfschütteln und mahnende Worte seiner beiden älteren Freunde ein, doch er lachte nur darüber und meinte, er wolle das Leben genießen, solange er noch nicht verheiratet war.

Trotz dieser Geschichten hielt Ameni ihn für einen zuverlässigen Freund.

Die Gedanken über die beiden so unterschiedlichen Männer geisterten während des Gespräches durch den Kopf.

»Ich habe jetzt leider nicht soviel Zeit, mein Vorgesetzter erwartet mich! Aber ich werde euch heute Abend berichten, was es neues gibt. Nur soviel: Ich ermittle gerade im Palast!«

Sopod bekam große Augen. Er beneidete Hetnefer um seine Stellung, er war fasziniert von dem prunkvollen Leben dort. Ameni ahnte, was der Jüngere nun dachte:

»Das ist gemein! Alle haben sich gegen mich verschworen! Versprich, dass du mir ganz viel erzählst? «

Ameni grinste. »Heute Abend«, versprach er, bevor er sich verabschiedete.

Nun musste er sich zwar beeilen, doch das störte ihn nicht so sehr. Er machte gerne Sport und nahm auch ab und zu mal an diversen Wettkämpfen teil, die ständig in der großen Stadt stattfanden.

Auf seinem Weg zur Arbeit dachte er noch eine Weile über seine Freunde und die Nilflut nach. Sopod's Eltern waren Bauern, ein schweres und hartes Leben und ihr Sohn arbeitete ebenfalls auf den Feldern. Während der Überschwemmungszeit konnten die Bauern ihre Felder natürlich nicht beackern und sie nahmen oft Arbeit in Steinbrüchen oder beim Tempelbau an. Als Entlohnung hierfür gab es Lebensmittel aus staatlichen Lagern. Sopod meinte, die Arbeit sei zwar schwer, aber auch eine willkommene Abwechslung zu der sonstigen Feldarbeit.

Als er sich schließlich mit Kamose und einigen anderen Medjai auf den Weg zum Palast machte, ließen die beiden Männer den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren und überlegten sich das genaue Vorgehen. Ameni erzählte von dem gemeinsamen Abendessen und auch, dass er Daya eigentlich als Täterin ausschloss. Kamose hatte zwar ebenso das Gefühl, dass Daya eine ehrliche Frau ist, war sich jedoch noch nicht so sicher wie Ameni.

Über ihnen krächzten ein paar Vögel und gedankenverloren schaute Ameni in den Himmel. Gegen die gleißende Sonne gerichtet, welche ihm für einige Augenblicke die Sicht nahm, konnte er die weißen Schwingen der Ibisse ausmachen. Er hatte sie die letzten Tage immer weniger gesehen; aber auch das war ganz normal. Sie zogen, einer inneren Uhr folgend, immer kurz vor der Flut über das Land, flussabwärts in Richtung Nildelta, um dort zu nisten.

Die Wachen erkannten Ameni und Kamose und ließen sie passieren. Die beiden Männer, gefolgt von den anderen Medjai, sollten sich zum Hauptteil des Palastes begeben, dort würde Daya auf sie warten, teilte man ihnen mit. Ameni freute sich schon, die Schwester des Pharaos zu sehen und folgte der Wache, die sie mit schnellen Schritten zum Treffpunkt geleitete.

Sie liefen durch den Garten im Innenhof, in dem auch Pani gefunden wurde, und Ameni hatte erst jetzt die Möglichkeit, sich den schönen grünen Raum genauer anzusehen. Auch die anderen Medjai sahen sich staunend um. In der Mitte des Hofes befand sich ein großes T -förmiges Wasserbecken, an dem sie gerade entlangliefen. Auf ihnen hatten die blauen Lotosblüten ihre Kelche geöffnet und verströmten einen wunderbaren Duft, ebenso wie die restlichen Blumen, die um den See gepflanzt worden waren. Ameni bemerkte, wie Kamose neben ihm die Luft tiefer einsog.

Gärten waren selten in den Städten, wenn überhaupt bestanden sie aus Obstbaumwiesen oder kleinen Gemüsegärten. Doch die Bewässerung war zu aufwendig, als dass sich jeder einen leisten konnte. Die meisten Grünanlagen, außer der wilden, rauen Natur, fand man in der Nähe des Nils, wo noch fruchtbarer Boden vorherrschte. Doch der König konnte sich natürlich die besten Gärten leisten. So war es ein kleines Erlebnis neben den restlichen schönen Sachen, welche die Männer im Inneren des Palastes bestaunen konnten.

Sie betraten den großen Raum, wo Daya schon wartete. Sie war königlich in ein langes Gewand gekleidet und ihre langen Haare fielen locker und glatt um ihren Körper.

Freudig kam sie auf die Männer zu, die sich tief vor ihr verneigten.

»Schön, dass ihr gekommen seid. Kamose, Ameni.« Sie nickte den beiden Männern zu.

»Ich nehme an, ihr habt eure Kollegen über den Vorfall informiert. Ich würde vorschlagen, die Vernehmung aufzuteilen. Es gibt einmal den kleinen Teil der engeren Vertrauten von Pani und die restliche, große Masse der Bewohner und Dienerschaft dieses Palastes. Euch steht außerdem ein königlicher Schreiber zur Verfügung, der bei der Vernehmung anwesend sein wird.«

Nach kurzer Beratung teilten sich die Männer und Kamose auf, um sich im Palast umzuhören. Kamose wurde außerdem vom Pharao erwartet.

Ameni und Daya machten sich auf den Weg zu dem Vernehmungsraum. Da die junge Frau selber eine potentielle Verdächtige war, würde auch sie eine Aussage abgeben. Dies war ihr aber nicht unangenehm und Ameni dankte ihr innerlich dafür, dass sie nicht auf die Stellung als Schwester des Pharaos pochte und die Aussage verweigerte.

Erfreut lachte Ameni über den Anblick des königlichen Schreibers. Es war niemand anderes als Hetnefer. Auch dieser grinste. Daya schaute erstaunt. »Ihr kennt euch?«

Hetnefer erklärte, sie seien schon eine ganze Weile sehr gute Freunde. Er war reservierter gegenüber Daya als Ameni und verbeugte sich tief vor ihr, bevor er sprach.

Die Vernehmung begann, nachdem die Drei es sich mehr oder minder bequem gemacht hatten: Diesmal hatten sie sogar einen Tisch und drei Stühle zur Verfügung. Ameni strich bewundernd über die schön verzierte Stuhllehne.

»Wie gut kanntest du den Ermordeten?«

»Was habt ihr zusammen am vorletzten Abend seines Todes zu besprechen gehabt?«

»Was hat er zu dir gesagt?«

»Hat er sich anders verhalten als sonst?

»Ist dir sonst noch etwas aufgefallen?«

Ameni schwirrte der Kopf von den vielen Fragen und stereotypen, desinteressierten, traurigen und entmutigenden Antworten, die die Menschen auf die Fragen gaben. Sein Mund war halb ausgetrocknet und er war dankbar, als Daya Wein kommen ließ. Sie saß während der ganzen Zeit einfach nur da, warf ab und zu mal eine Frage ein und diskutierte kurz nach dem Verhör mit Ameni über mögliche Täter. Ameni fand das eine große Hilfe, alles alleine zu bewältigen, schien ihm zu schwierig. Auf Hetnefer konnte er wenig zählen, er war mit dem Schreiben beschäftigt. Natürlich schrieb er nur die wichtigen Sachen mit, doch woher wusste man, was einem später helfen würde und was nicht?

»Hast du eine Vermutung, wer es gewesen sein könnte?«

»Ja! Ich habe nicht nur eine Vermutung! Dieser Userhat, einer der Diener? Ich habe genau gesehen, wie er an jenem Abend noch spät im Garten herumschlich. Natürlich habe ich erst nichts Böses geahnt und erst, als uns der Pharao gestern mitteilte, was geschehen ist, ist es mir später wieder eingefallen!«

»Es ist aber nicht verboten, nachts im Garten herumzulaufen. Warum meinst du, würde ein Diener Pani umbringen wollen?«, warf Daya ein.

Der Diener kam Ameni seltsam vor, aber er wusste nicht warum. Für seinen Geschmack war er außerdem zu vorlaut und zu sehr von sich selbst überzeugt. Aber vielleicht sprach er ja die Wahrheit. Leise seufzte er und lehnte sich zurück, um seine Antwort zu hören.

»Er war eifersüchtig, ist doch ganz klar. Pani hatte viele Neider. Er war bevorzugt vom Pharao, der Leibdiener und beste Freund. Wer würde diese Stellung nicht gerne innehaben? Böse Zungen behaupten sogar, dass sie ein Verhältnis gehabt haben, weil sie soviel alleine waren und der Pharao sich noch keine Frau genommen hat.« Er schien zu bemerken, dass er zu weit gegangen war und als er Daya's funkelnde Augen sah, fiel er auf die Knie. »Ich würde so etwas natürlich nie behaupten meine Herrin, ich habe es lediglich gehört. Natürlich ist da nichts Wahres dran!«

Ameni schnaubte. »Natürlich nicht! Steh wieder auf!«, fuhr Daya den Diener an.

Hetnefer zog eine Augenbraue hoch und schaute während des Gespräches kurz zu Ameni. Dieser konnte den Blick seines besten Freundes nicht deuten. Doch in seinem Kopf entstand ein Bild von Sethos und Pani? nein nicht Pani, er selber war es, der dort vor dem Pharao stand und seine Finger über die bronzene Haut gleiten ließ, die im Mondlicht glänzte. Die grünen Augen von Sethos sahen nicht wie bei der ersten Begegnung durch ihn durch, sondern

direkt in seine eigenen? Wärme stieg in Ameni hoch und er schnappte sich schnell seinen Weinbecher. Hetnefer hatte sich längst wieder seinem Papyrus zugewandt und Daya war noch mit dem Diener beschäftigt, so dass keiner Ameni's rotes Gesicht bemerkte.

Wie konnte er nur! Seufzend wandte er sich wieder der Befragung zu. Er verdrängte den Gedanken an den schönen Pharao, auch wenn es ihm schwer fiel. So richtig verstand er nicht, was mit ihm los war. Er hatte diesen Mann erst einmal gesehen, nicht mal gesprochen hatte er mit Sethos. Er verfiel doch sonst nicht so schnell einem Menschen. Aber Sethos hatte diese Ausstrahlung, die ihn so faszinierte. Einerseits das herrische, machtvolle Auftreten des Pharaos und dann? dieser kurze Blick hinter die Fassade, das kurze Aufflackern eines Menschen, der jemanden verloren hatte, trauerte, der so zerbrechlich wirkte und auf dessen 21 jährigen Schultern die Herrschaft eines ganzen Reiches lagen. Ameni wusste, dass Sethos ein starker Mensch war, sonst hätte er es gar nicht erst bis auf den Thron geschafft und doch hatte er das Gefühl, dass der Pharao einsam wirkte. Doch er durfte jetzt nicht daran denke, er verschob es lieber auf den Abend.

»?bin mir ganz sicher, dass er es war. Ja, er hatte auch mal erwähnt, dass er Pani am liebsten erwürgen würde, weil er sich so hochnäsig verhalten hat.«

Daya nickte und schaute zu Ameni. »Ich denke, wir werden mit Userhat sprechen. Hatten wir ihn schon im Verhör?«, richtete der Medjai seine Frage an Hetnefer. Dieser schüttelte den Kopf. »Gut. Du kannst gehen. Vielleicht greifen wir noch einmal auf dich zurück. Bitte entferne dich nicht weit vom Palast!«

Der Diener verneigte sich und verschwand aus der Tür.

Daya, Ameni und Hetnefer schauten sich an. »Ich traue ihm nicht.« Daya war die erste, die etwas sagte. Ameni stimmte ihr zu. »Aber wir müssen der Spur trotzdem nachgehen. Es kann sich um die Wahrheit handeln oder es ist einfach nur eine Intrige in der Dienerschaft.«

Währenddessen verzweifelten auch Kamose und seine Männer an der Befragung. Der Offizier wischte sich stöhnend den Schweiß von der Stirn und trank einen Schluck kühles Bier. Er wusste nicht, wie viele Männer und Frauen er nun schon gefragt hatte, ob sie etwas beobachtet hatten oder ihnen was Verdächtiges aufgefallen sei. Langsam wurde er müde, es war einfach zu zermürbend.

Trotz der groß angelegten Aktion hatten auch die anderen Medjai nur entmutigende Nachrichten. So würden sie den Tag noch mit der zermürbenden Arbeit verbringen, doch wenn es am Abend keine neuen Erkenntnisse gab, musste Kamose sich mit Ameni zusammen setzen, um das weitere Vorgehen zu planen.

Gerade als Kamose sich wieder der Arbeit zuwenden wollte, trat eine Wache neben ihn:

»Der Pharao erwartet dich!«

Kamose nickte und folgte dem breitschultrigen, kräftigen Mann. Überall sah man derzeit die Leibwächter und Soldaten Sethos, die offensichtlich einen Anschlag auf den Herrscher erwarteten, denn die Stimmung war mehr als angespannt.

Kamose kam sich eher wie in einem, wenn auch sehr prunkvollem, Gefängnis vor und nicht wie in einem Palast. Er war froh, dass er hier nicht leben musste, sondern nur arbeitete.

Er trat durch die Tür, welche die Wache ihm wies und fiel vor dem Pharao auf die Knie.

»Mein Gebieter?«, begann er.

»Steh auf, Kamose, Offizier der Medjai. Du hast mir gestern genug Ehrerbietung entgegengebracht, ich will die Zeit nicht mit Höflichkeitsfloskeln verschwenden, sondern sinnvoll mit dir reden!«

Kamose erhob sich und sah, wie Sethos mit einem Wink die Wachen hinausscheuchte. Der Raum war bis auf den Thron, auf dem Sethos saß, leer und Kamose sah aus den Augenwinkeln die prächtigen Gemälde an den Wänden, die zum größten Teil Pflanzen und Tiere darstellten, als wäre es ein künstlicher Garten.

»Ich muss euch enttäuschen, mein Gebieter, meine Männer und ich konnten bisher noch nichts neues in Erfahrung bringen!«, sprach er endlich.

Der König nickte. »So etwas habe ich mir fast gedacht! Nun denn, ich weiß, dass meine Schwester, Ameni und mein königlicher Schreiber Hetnefer die engeren Vertrauten von Pani verhören.«

»Das stimmt, doch habe ich noch nicht mit ihnen gesprochen. Ich kann zu ihnen gehen, um in Erfahrung zu bringen, was sie wissen und es euch berichten, mein Herrscher.«, bot Kamose sich an, doch Sethos winkte ab.

»Danke, Medjai, doch ich würde es wünschen, wenn ihr heute noch eurer Tätigkeit weiter nachgeht, auch wenn es fast aussichtslos scheint. Ich werde mich selber um die Angelegenheit kümmern!«

Kamose verneigte sich, bevor er den Saal verließ und die zermürbende Befragerei wieder aufnahm.

Ameni ließ Userhat kommen und war enttäuscht von seiner Erscheinung. Der Diener war klein und schmächtig, auch wenn seine Hakennase nicht zu einem freundlicheren Aussehen beitrug, so waren seine Augen klar und flink

»Userhat, du bist hier, weil uns zugetragen wurde, dass du uns vielleicht Auskunft über den stattgefundenen Mord erteilen kannst.«, begann Ameni das Gespräch.

Der Diener schüttelte entschieden den Kopf.

»Ich habe gar nichts gesehen, mein Herr, ich war an besagtem Abend mit meiner Frau zusammen in unserer Hütte. Ich lebe nicht hier im Palast und verbringe deswegen die Abende nicht hier, außer meine Pflicht erfordert dies.«

Ameni seufzte. »Es betrübt mich dir mitzuteilen, dass du unter Tatverdacht stehst.«

Die Augen von Userhat wurden groß. »Aber ich habe nichts gemacht, das wird meine Frau bezeugen können und ein Freund von mir, er hat uns ebenfalls noch am Abend besucht!«

Ameni glaubte dem Diener sofort, auch wenn er nicht beschreiben konnte, wieso, doch seine Menschenkenntnisse hatten ihn bisher nie betrogen.

Daya und Hetnefer wechselten einen schnellen Blick und Ameni sah, dass auch sie dem Diener glaubten.

»Wir werden es überprüfen. Du darfst gehen, musst aber weiterhin zur Verfügung stehen. Sonst wird es schwierig für dich!«

Userhat nickte hastig. »Ja mein Herr, mein Gewissen ist rein, ich habe nichts zu befürchten!« Mit diesen Worten entfernte er sich aus dem Raum.

»Dieser kleine Mann sieht nicht so aus, als würde er einen Mord begehen können.« Wieder war Daya die erste, die die Worte aussprach und Ameni und Hetnefers Gedanken damit bestätigte.

»Trotzdem müssen wir das nachprüfen. Ich persönlich glaube auch nicht daran, aber man kann nie wissen.«

Ameni schickte zwei Medjai zu der Hütte von Userhat, um seine Frau und den Freund zu befragen, von dem er gesprochen hatte. Erst dann würden sie weitersehen können. Inzwischen kümmerte sich außerdem einer der anderen Medjai um die Hintergründe des Dieners, der Userhat beschuldigt hat.

Sie hatten mittlerweile auch alle vernommen, die zu den engeren Bekannten von Pani zählten.

Daya verabschiedete sich von den beiden Männern, die sich vor ihr verneigten.

»Ich denke, wir werden uns morgen wieder sehen. Hetnefer, Ameni, ich wünsche euch eine geruhsame Nacht.«

»Ihr müsst nicht eure kostbare Zeit mit uns verbringen, Daya. Sicherlich habt ihr als Schwester des Königs wichtigere Dinge zu erledigen., sagte Hetnefer während seiner Verbeugung.

Daya lächelte ihn an und ihr Augen blitzten. »Soso, ihr wollt mich nicht dabeihaben, ich verstehe!«

Hetnefer schien bestürzt und nahm den Schalk in den Augen der Frau nicht wahr.

»N.. nein, ich wollte euch nicht beleidigen?«

Ameni grinste und klopfte seinem Freund auf den Rücken. »Nana, mein Lieber, mach dir mal keine Sorgen.«

Daya lachte ihn an. »Ich finde die Arbeit der Medjai interessant und bin außerdem an der Auflösung des Falles interessiert, deswegen würde ich gerne morgen wieder dabei sein. Ich danke dir trotzdem für deine Sorgen um mich, Hetnefer« Ohne die beiden Männer zu Wort kommen zu lassen, verschwand sie.

Hetnefer und Ameni schauten sich an, der Jüngere zuckte mit den Schultern. »Sie scheint recht frech.«

Der Schreiber nickte. »Ja, wie es scheint. Eine Schwester des Pharaos sollte sich angemessen verhalten, und nicht so ein loses Mundwerk haben.«

»Ach komm, sie ist eine kluge offene Frau, sie weiß, wie sie sich wem gegenüber verhalten muss. Außerdem solltest du sie besser kennen als ich, du arbeitest doch hier.«

Hetnefer nickte. »Ja, das stimmt, aber ich hatte bisher noch nicht viele Gelegenheiten mich ihrer Gegenwart zu erfreuen. Allerdings?«

Die Tür öffnete sich und Hetnefer unterbrach sich. Eine Wache trat ein.

»Daya teilte mir mit, dass sie ihre Befragung für heute beendet haben. Der Herrscher wünscht sie zu sehen, Ameni.«

Ameni nickte, sein Herz pochte einen Moment schneller.

»Ich werde auf dich warten, wir können uns gemeinsam auf den Weg machen, um uns mit Sopod zu treffen.«, schlug Hetnefer vor und Ameni stimmte zu, bevor er der Wache folgte.

Sethos saß noch immer auf seinem Thron, als sich die Tür, kurze Zeit nachdem Kamose sie verlassen hatte, wieder öffnete. Diesmal trat der junge Medjai, Ameni, ein.

Sein braungebrannter, muskulöser Körper bewegte sich geschmeidig auf den Thron zu und Sethos musste unwillkürlich an eine Raubkatze denken. Auch wenn das Gesicht des Mannes nicht so wild ausschaute, aber dennoch zeigten seine Züge Stolz. Hier war jemand, der wusste, wo er hingehörte und was er tat.

In Ameni sah es allerdings nicht so aus. Seine Augen blieben einige Sekunden auf dem König hängen, der, geschmückt mit der Doppelkrone Ober- und Unterägyptens und gekleidet in einem schlichten weißen Schurz mit Tunika auf dem Thron saß und ihn ansah. Dann fiel er auf die Knie.

»Mein Gebieter, ich grüße euch?.«

»Ich grüße dich auch Ameni.«, unterbrach Sethos den Mann. »Steh auf.«

Ameni erhob sich. Auch Sethos stand auf und ging auf Ameni zu, er wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl, ihm näher sein zu wollen. Schließlich stand er dem Medjai gegenüber und schaute in seine blauen Augen.

»Also, Medjai, hast du etwas erfahren bei deiner Befragung?«

»Nicht sehr viel mein Gebieter. Ein Diener wird von einem anderen beschuldigt, den Mord begangen zu haben, doch dieser hat ein Alibi. Außerdem scheint es eher eine Intrige unter der Dienerschaft zu sein, als eine nützliche Information, wenn ihr meine Meinung gestattet.«

Ameni sah Schmerz aufleuchten in Sethos Augen, doch dieser hatte sich schnell wieder unter Kontrolle. Er neigte den Kopf. »Es tut mir leid mein Pharao, fügte er leiser hinzu.

Sethos lächelte traurig und wandte sich ab, starrte auf die Wände des Saales. Die letzten Sonnenstrahlen, die durch ein Fenster in den Raum gelangten, bildeten Muster auf Sethos Haut, die Ameni befangen beobachtete.

»Auch du scheinst den Schmerz zu kennen, jemanden zu verlieren, Ameni. Ich sehe es in deinen Augen.«

Ameni schaute auf. Der Pharao schien in diesem Moment wieder der einsame junge Mann zu sein, den er auch am Tag zuvor kurz kennen gelernt hatte. Ameni ging nur zu gerne auf ein Gespräch mit Sethos ein, denn er war fasziniert von dem Mann. Das Profil des Pharaos brannte sich in sein Gehirn ein. Sein Herz schlug ein bisschen höher und er brauchte einen Moment, um sich an die Frage zu erinnern.

Dann verdunkelte sich sein Gesicht und Sethos, der sich in diesem Augenblick wieder dem blonden Mann zuwandte, bereute seine Entscheidung sofort, seine Gedanken laut ausgesprochen zu haben. »Entschuldige, Ameni, ich wollte dir nicht zu nahe treten.«

»Aber ihr habt Recht mein Gebieter, ich kenne diesen Schmerz in der Tat und ich weiß wie es ist, nicht zu wissen, warum so eine schreckliche Sache passieren konnte. Gerade deswegen werde ich mein bestmögliches tun, euch meine Dienste zu erbringen und den Mörder zu finden.« Er schob die Gedanken beiseite, die ihm sagten, dass er das nur wollte, um die Anerkennung des Pharaos zu erlangen. Vielleicht war das auch ein Grund, doch was er sagte, stimmte. Er hatte selber Menschen verloren, die ihm etwas bedeuteten und er wollte dem jungen Pharao helfen.

Sethos lächelte ein wenig. »Ich danke dir. Ich hoffe, meine Schwester hat bei eurer Arbeit nicht zu viele Umstände gemacht.«

Ameni lachte. »Oh nein mein Gebieter, sie ist eine wundervolle Frau. Sehr wissbegierig und auch sehr klug?« Er hielt sich zurück, mehr zu sagen, weil er nicht beleidigend klingen wollte. Er hatte Daya wirklich ins Herz geschlossen. Ihr Lachen war einfach ansteckend und außerdem war es schön, jemanden von seiner Arbeit zu überzeugen. Auch wenn sie heute sicher nichts Besonderes geleistet hatten.

»? aber ihr loses Mundwerk wird ihr zum Verhängnis werden.« beendete Sethos den Satz und beide grinsten sich an.

»Ich sehe, wir verstehen uns, Ameni.«

Als Ameni den Thronsaal wieder verließ und ins freie Trat, atmete er tief durch und versuchte seine zitternden Hände zu beruhigen. Dieser Mann brachte ihn um seinen Verstand. Die sanften grünen Augen, die ihm so nahe waren und das Lächeln zum Abschied brachten seine Knie zum wackeln. Aus den Augenwinkeln sah er ein paar Männer der Medjai auf ihn zukommen und hatte sich schnell wieder unter Kontrolle.

»Habt ihr Neuigkeiten?«, sprach er sie an.

»Ja, wir haben Userhats Alibi überprüft und auch den anderen Diener. Es gibt keine Zweifel.«

Aufmerksam hörte Ameni zu, bevor er sich niedergeschlagen auf den Weg machte, um zusammen mit Hetnefer den Heimweg anzutreten.

Nachwort

Anmerkungen

Was ich vergessen habe, beim ersten Mal zu erwähnen: Die Haare der Pharaonen bzw. vieler »Hohen Tiere« waren meistens abrasiert und wurden je nach Anlass durch verschiedene Perücken ersetzt. Ich finde diese Vorstellung seltsam und habe es deswegen außen vor gelassen.

Außerdem konnte ich's mir natürlich nicht verkneifen, hier mal eine Mini kleine Beschreibung von einem Palastgarten mit einzubringen (Ich hatte ne Prüfung in der Uni über das Thema.) *g* Die Teiche waren tatsächlich eckig oder t-förmig angelegt damals. Zu den wichtigsten (kultischen) Pflanzen gehörten Papyrus (Cyperus papyrus) und Lotus (in Ägypten vorherrschend der Blaue ( Nymphaea coerulea) und der Weiße (Nymphaea lotus, der seine Blüten, im Gegensatz zum Blauen, Abends öffnet und morgens erst wieder schließt.) Natürlich waren die meisten Gärten kultischen Charakters (man fand in den meisten Hinweise auf kleine Tempel), doch auch das Erholen und »Lustwandeln« (nicht selten mit erotischem Hintergrund) war ein wichtiger Teil der Palast bzw. Lustgärten.

Lektion beendet *doing*

Ebenfalls vergessen im ersten Teil:

Bisher verwendete Literatur (alles was ich nicht von Steffen weiß sozusagen ^^), für alle die es interessiert:

Reitz, Manfred (1999): Alltag im Alten Ägypten. Battenberg Verlag. Augsburg

Kerr-Jarrett, Andrew (1994): Lebensalltag zur Zeit der Pharaonen. Das Beste GmbH. Stuttgart

Gahlin, Lucia (2001): Ägypten: Götter, Mythen, Religionen. Edition XXL GmbH. Reichelsheim

Schoske, Reißl, Germer (1992): Anch, Blumen für das Leben - Pflanzen im alten Ägypten. Karl M. Lipp Verlag. München.

Diverse Artikel von www.archaeologie-online.de

Weitere Internetquellen sind leider untergegangen bei meiner Suche.

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Danke fürs Lesen und schon mal im Voraus für einen Kommentar ;)

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