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Jason

Teil 2

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Inhaltsverzeichnis

4. Call me

Gerade, als ich zu einem weiteren Kuss ansetzte, klingelte hinter mir das Telefon. »Erwartest du einen Anruf?«, fragte Jason. Ich schüttelte den Kopf. »Nein. Kannst du 'ne Nummer erkennen?« Er lag so, dass er das Display im Blick hatte. »Irgendwas ausländisches, aber weder USA noch Deutschland.« »Hm.« Ich griff blind nach dem Hörer und meldete mich dann. »Richie Masters, wer stört?« »Hi Richie, ich bin's - Elvis.«

Am anderen Ende war natürlich nicht Elvis Presley, sondern mein ältester Cousin, der, seit wir uns kannten, diesen Spitznamen hatte. »Hey, Kleiner, wie geht's dir?« »Hm ... naja, es geht so.« »Wo bist du gerade?« »Ich bin in Sydney.« Ich war überrascht. »Sydney? Ich denke, da wolltet ihr schon vor zwei Wochen wieder abgefahren sein.« »Ja, die anderen sind auch schon weg, aber ich hab' mir noch ein paar Tage Urlaub genommen«, erklärte er müde. »Und was ist mit eurem Tourplan?« »Der ist sowieso mal wieder völlig durcheinander geraten. Die Tour durch die Staaten ist erst mal abgesagt worden und wir werden demnächst nochmal in Deutschland unterwegs sein.«

»Hm. Nicht, dass ich dir jetzt folgen könnte ... aber ich denke mal, deswegen rufst du auch nicht an, oder?« »Nein, Richie, das ist wirklich nicht der Grund. Hast du etwas Zeit? Ich würde gern mal mit dir reden.« Ich löste mich zwar nur ungern von Jason, aber ich hörte deutlich an der Stimme meines lieben Cousins, dass irgendwas ganz und gar nicht mit ihm in Ordnung war. »Also los, wo drückt bei dir der Schuh? Hängst du jetzt etwa allein in Sydney 'rum?« »Naja ... so ganz allein nun auch wieder nicht.«

»Und wer ist bei dir, wenn man fragen darf?« Er seufzte resigniert. »Richie, das glaubst du mir sowieso nicht, wenn ich dir das erzähle.« »Das werden wir dann ja sehen. Also, schieß' los.« »Sagen wir mal ... derjenige, den ich vor ein paar Wochen noch ungespitzt in den Boden stampfen wollte.« »Elvis, das ist doch nicht ....« »Doch, Richie, ist es - mein voller Ernst.« Es ging um einen Bekannten der Jungs, den ich bei ihrem letzten Aufenthalt in Hamburg auch kennengelernt hatte. Die Jungs waren Kollegen und die Situation an diesem Abend eine ziemlich blöde gewesen ...

»Du willst ihm doch wohl nicht schon wieder das Gesicht demolieren, oder?«, fragte ich Elvis. »Nein, garantiert nicht ...« Er klang unsicher. Sehr unsicher, vielleicht sogar verängstigt? Jason fing an, sanft meine Schultern zu massieren, während ich endlich versuchte herauszubekommen, was los war. »Elvis, es ist jetzt in Sydney ungefähr drei Uhr morgens und du wirst kaum angerufen haben, um mir zu erzählen, mit wem du unterwegs bist. Also was ist los mit dir?«

Er schwieg einige Sekunden und sagte dann langsam: »Richie, wenn ich dir jetzt eine völlig ernstgemeinte Frage stelle, versprichst du mir dann, nicht wütend zu werden?« Ich war skeptisch - normalerweise war ich bei solchen Fragen sehr vorsichtig, aber ich kannte meinen lieben Cousin. Und außerdem war mir mittlerweile klar, dass da irgendwas im Busch war. Also versuchte ich, wenigstens diesen Teil des Gespräches nicht noch weiter zu verkomplizieren. »Ja, ich verspreche es dir - aber nur weil du es bist.«

»Okay. Richie, reg' dich bitte nicht auf, aber diese Frage ist wichtig für mich - sehr wichtig sogar.« »Okay. Dann frag' endlich.« Er holte tief Luft. »Richie ... bist du schwul?« Ich schluckte - ich hatte mit fast allem gerechnet, aber nicht damit. Ich wusste zwar nicht, wie das ganze weitergehen sollte, aber ich antwortete nur knapp mit: »Ja.« Bei seiner nächsten Frage klang Elvis, als ob ihm ein riesiger Stein vom Herzen gefallen wäre. »Kann ich dir hundertprozentig vertrauen, Richie?« »Ja - aber das solltest du eigentlich wissen.«

»Wie hast du herausgefunden, dass du schwul bist?«, bombardierte Elvis mich gleich weiter. »Hmmmm ... warte mal einen Moment ... ich war knapp fünfzehn, als ich mich in einen wundervollen Typen verliebt hatte. Er war ein wenig älter als ich und natürlich hatte er eine Freundin. Ich war einige Wochen lang völlig wahnsinnig ... zum einen wegen diesen Jungen und zum anderen wegen der Tatsache, dass ich mich überhaupt in einen Jungen verliebt hatte.«

Elvis' Antwort bestand aus Schweigen, bis ich ihn fragte: »Warum willst du das alles wissen?« Aber er beantwortete diese Frage wiederum mit einer Gegenfrage: »Richie, wer außer mir weiß sonst noch, dass Du schwul bist?« »Einige sehr gute Freunde von mir wissen es, sonst niemand.« »Jemand aus der Familie?« »Nein, nur du. Aber jetzt bin ich dran mit Fragen stellen. Wie bist du darauf gekommen, dass ich schwul bin? Ich habs niemandem von euch davon erzählt - weder dir, noch C.T., noch Duke, noch Dave.«

»Richtig. Aber so wie du C.T. die letzten Male gemustert hast ... Richie, ich bitte dich, das hätte selbst ein Blinder mit Krückstock bemerkt. Du hast ihn doch fast mit Deinen Augen ausgezogen. Außerdem warst du ziemlich enttäuscht, weil er beim letzten Mal nicht mit dabei war, als wir euch besucht haben.« C.T. war nicht mit dabeigewesen, weil er sich beim Basketballspielen den Knöchel verstaucht hatte. »Ja und? Elvis, ich bitte dich ... er ist 15, ich bin 18 - außerdem ist er mein Cousin. Das passt nicht, selbst wenn er was von mir gewollt hätte. Und ein bisschen träumen wird doch wohl noch erlaubt sein? Außerdem, war das so offensichtlich?«

»Ja, für mich war es das. War er derjenige, von dem du gerade gesprochen hast - als du gemerkt hast, dass du schwul bist?« Elvis klang mit jedem Satz nervöser. »Nein, definitiv nicht - das kam erst später. Würdest du mir jetzt bitte mal erklären, was diese Fragerei soll?« »Du weißt noch, mit wem ich hier bin?« »Ja.« »Richie ... wir beide sind zusammen«, sagte er atemlos.

Jetzt fiel mir fast der Telefonhörer aus der Hand ... als die zwei sich beim letzten Mal gesehen hatte, war im wahrsten Sinne des Wortes Blut geflossen. Aber diese Geschichte hier zu erzählen, würde jetzt zu weit führen. »Weiß das bisher irgendjemand?« »Außer dir, ihm und mir niemand.« »Er weiß es schon? Das vereinfacht die Sache. Wie hat er reagiert?« »Frag' mich lieber, wie ich reagiert habe. Ich traf ihn gestern ... nein, es war vorgestern - am Strand. Ungefähr abends um neun kam er in mein Zimmer und fragte mich, ob wir mal miteinander reden könnten. Das haben wir dann auch getan und dabei festgestellt, dass wir beide einige Fehler gemacht hatten. Ungefähr gegen zwölf ging er dann wieder in sein Zimmer, nachdem wir ausgemacht hatten, dass wir uns am nächsten Tag wieder treffen würden, um an den Strand zu gehen oder etwas miteinander zu unternehmen.«

»Gestern morgen kam er herein und weckte mich, so gegen acht. Ich wollte noch schnell unter die Dusche springen. Als ich schon unter der Dusche stand, fiel mir ein, dass die Handtücher noch auf meinem Bett lagen. Also musste ich wieder ins Wohnzimmer zurück. Er sah mich. Mir war gestern im Laufe des Tages schon mehrfach der Gedanke gekommen, dass er eigentlich ganz gut aussah. Tja und dann kam er auf mich zu und wollte mich küssen. Ich war so perplex, dass ich ihn im ersten Moment ohne zu überlegen weggestoßen habe. Er drehte sich wortlos um und rannte nach draußen.«

»Mir wurde erst einige Sekunden später klar, was ich getan hatte, also zog ich mir schnell ein paar Klamotten über und rannte hinter ihm her. Er lag auf seinem Bett und war in Tränen aufgelöst. Ich setzte mich zu ihm und legte ihm meine Hand auf die Schulter, aber er schrie mich nur an, ich sollte 'rausgehen. Ich fragte ihn, was los sei. Ich denke im Nachhinein, dass ich ihn durch die Abweisung mehr verletzt habe, als damals durch den Schlag ins Gesicht. Naja, er meinte nur, jetzt könnte ich ja allen erzählen, dass er versucht hat, mich zu küssen. Daraufhin habe ich ihn in den Arm genommen und ihn auf dieselbe Weise zum Schweigen gebracht, wie er es vorher mit mir versucht hatte. Er war völlig überrascht, hat sich dann aber nach kurzem Zögern darauf eingelassen. Naja und es blieb halt nicht bei diesem einen Kuss.«

Um es noch einmal zu betonen: Ich kannte Elvis ziemlich gut. Und aus diesem Grund war ich mir - spätestens nach seiner Erzählung - 100%ig sicher, dass er wusste, was er sagte. »Und wie soll es jetzt mit euch beiden weitergehen?«, fragte ich ihn. »Ich weiß es nicht, Richard.« Wenn er mich 'Richard' nannte, meinte er es wirklich ernst - wie alle, die mich bei meinem richtigen Vornamen riefen und nicht bei der Kurzfassung. »Willst du C.T. und den anderen davon erzählen? Euren Eltern?« »Ich weiß nicht, was ich machen soll...« Seine letzten Worte wurden von Tränen erstickt. Er war verzweifelt. Ich kannte das Gefühl aus eigener, schmerzlicher Erfahrung nur zu gut. Ich hatte damals auch niemanden gehabt, der mir - wenn auch nur mit ein paar tröstenden Worten - zur Seite stand. Elvis wusste nicht, wie er mit sich selbst, mit seinem Freund und überhaupt der Tatsache, dass er schwul war, umgehen sollte.

»Wann kommst du aus Sydney wieder weg?«, fragte ich ihn. »Ich denke, am Mittwoch werde ich abfliegen.« »Was hast du danach vor?« »Bisher noch nichts.« »Was hältst du von der Idee, wenn du dann - oder ihr alle, also du und deine Brüder - dann mal vorbeikommt?« »Und dann?« »Dann können wir mal in Ruhe über alles reden. Du machst auf mich im Moment den Eindruck, als wüsstest du nicht, wo dir der Kopf steht.« »Wirklich? Ist das so extrem?« »Ja, ist es. Aber mir ging es damals genauso, mit dem Unterschied, dass ich keinen Freund hatte.« »Wieso? Hast Du jetzt einen?« Ich grinste. »Ja. Er sitzt gerade auf meinem Bett und versucht, einen deutschen Artikel über euch zu lesen.« Der Kleine erschrak merklich. »Über UNS?«

»Keine Panik - über die Band, nicht über euch zwei. So aktuell ist die Presse dann ja doch nicht.« »Richie, das muss auf jeden Fall unter uns bleiben, hörst du?«, bat er mich noch einmal eindringlich. »Das ist mir völlig klar, Kleiner und das geht mir hier nicht anders.« »Wieso, mit wem bist du denn zusammen?« »Wirst du ja sehen, wenn ihr kommt. Im Moment ist noch nichts offiziell - für uns beide - aber ich bin mir ziemlich sicher, dass das eine langwierige Sache werden wird. Hoffe ich jedenfalls. Und ... noch was, Elvis. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Schatz der richtige für dich ist und das auf Gegenseitigkeit beruht, dann versucht auf jeden Fall, für eine Weile zusammenzubleiben. Wenn ihr gemeinsam auf Tour seid, fällt das der Presse sowieso nicht auf, wenn ihr viel Zeit miteinander verbringt.«

»Meinst du wirklich? Ich denke schon, dass das auf Gegenseitigkeit beruht - schließlich war er ja derjenige, der die Initiative ergriffen hat.« »Siehst du - dann ist doch alles perfekt. Und daran, dass du schwul bist, daran gewöhnst du dich recht schnell. Wenn du dir selbst gegenüber offen bist, kannst du auch wieder ohne schlechtes Gewissen in den Spiegel sehen. Und wenn du so weit bist, hast du das Schlimmste überstanden.« Jason hatte zwischendurch aufgesehen und natürlich hatte er den größten Teil des Gespräches mitbekommen. Jetzt lächelte und sagte leise: »Oh ja, das stimmt auf jeden Fall....« Ich lächelte ihm zu.

»Alles klar, Elvis? Wie gesagt, ich werde mal mit Rip reden, ob es ihm recht ist, wenn ihr kommt. Er wird bestimmt nichts dagegen haben. Gib' mir doch mal deine Telefonnummer im Hotel. Ich rufe dich nachher nochmal an.« Der Kleine gab mir die Telefonnummer von seinem Zimmer. »Ich denke, ich sollte erst mal ein paar Stunden schlafen.« »Gute Idee. Ich melde mich heute abend so gegen elf oder halb zwölf noch mal bei dir. Hast du heute nach überhaupt schon mal geschlafen?« »Naja - mehr wachgelegen. Und dann kam mir die Idee, dich anzurufen. Danke für deine Hilfe, Richie.«

»Keine Ursache, gern geschehen. Und wenn noch was ist, Kleiner - du kannst mich zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen, okay?« »Alles klar. Gute Nacht, Richie.« »Gute Nacht, Elvis. Schlaf gut.« »Das werde ich. Bye.« Ich legte den Hörer auf und ließ das Gespräch noch einmal Revue passieren. Ich war nicht schockiert, aber doch etwas verwundert. Ausgerechnet Elvis. Ich weiß nicht warum, aber von ihm hätte ich es eigentlich nicht erwartet. »Wer war das denn?«, fragte Jason und riss mich aus meinen Gedanken. »Mein Cousin.«

»Aha.« Jason merkte, dass ich im Moment nicht viel mehr dazu sagen würde, also fragte er nicht weiter. Ich hörte, wie unten ein Wagen vorfuhr - Ripleys neuer BMW. »Jason, ist es dir recht, wenn ich dich mal für eine halbe Stunde allein lasse? Ich muss etwas mit meinem Vater besprechen.« »Klar, kein Problem.« »Ich denke, für mich ist langsam die Zeit gekommen, ihm die Wahrheit zu sagen. Er wird mit Sicherheit auch fragen, was du damit zu tun hast. Soll ich ihm die Wahrheit sagen, oder ist es dir lieber, wenn ich dich erst mal da raus halte?« Jason sah mir in die Augen. »Richie, es wäre ziemlich unsinnig, wenn du meinetwegen lügen würdest. Wenn du meinst, dass er das für sich behält, dann sag' ihm auf jeden Fall die Wahrheit.« Er stand auf und nahm mich in den Arm.

»Über kurz oder lang wird er sich sowieso daran gewöhnen müssen - hoffe ich jedenfalls. Und im Gegensatz zu meinen Eltern wird er dich ja nicht gleich vor die Tür setzen, oder?« »Nein, das auf keinen Fall. Ich denke, er wird zwar etwas überrascht sein, aber im Großen und Ganzen wird er es gut verkraften.« »Okay. Dann .... halt' die Ohren steif.« Ich grinste. »Nur die Ohren?« »Alles andere kommt später. Wenn ich mich nicht irre, lautet ein deutsches Sprichwort: 'Erst die Arbeit, dann das Vergnügen' - oder wenigstens so ähnlich.« »Nicht nur so ähnlich, sondern genau so.« Ich gab ihm noch einen Kuss auf die Wange und ging dann nach unten.

Rip war in seinem Arbeitszimmer. »Hast du einen Moment Zeit für mich?«, fragte ich ihn. »Klar, was ist los? Setz' dich.« Er deutete mit der Hand auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch und legte dann den Ordner aus der Hand, in dem er gerade geblättert hatte. Es folgte der obligatorische Griff in die rechte Hemdtasche. »Mist, wo habe ich denn meine Kippen gelassen? Hast du zufällig welche dabei?« Ich warf die Schachtel in seine Richtung und er fing sie auf. »Danke. Was ist denn los?«

Ich räusperte mich zweimal, bevor ich anfing. »Rip, ich würde dir gerne etwas sagen. Allerdings nichts alltägliches. Ich hoffe, dass du nicht wütend wirst, oder - noch schlimmer - enttäuscht von mir bist.« Er runzelte fragend die Stirn. »Wenn du nicht mein Sohn wärst, dann würde ich dich jetzt fragen, ob du irgendwas angestellt hast.« »Nein, das nun nicht gerade. Ich bin eher etwas .... naja, wie soll ich sagen .... aus der Art geschlagen.« »Richie, was bitteschön versuchst du mir zu sagen?« Es hatte keinen Sinn, noch länger um den heißen Brei herumzureden. »Dad, ich bin schwul.« Einen Moment lang sah er mich etwas verwundert an.

»Ja, und? Wo ist da das Problem?« Ich war völlig verblüfft. Ich hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit, dass er so reagieren würde. »Richie, ich habe mir schon länger Gedanken darüber gemacht. Und nachdem ich gestern gesehen habe, wie du auf Jason reagiert hast, war es für mich fast klar. Allein seine Anwesenheit hat dich ja ganz verrückt gemacht.« »Echt?« Er lächelte. »Du hast dich fast genauso benommen wie Anne, als sie Elijah kennengelernt hat. Es war völlig offensichtlich, dass du Schmetterlinge im Bauch hattest. Ein klassischer Fall von Liebe auf den ersten Blick.« Ich war völlig überrascht - und zwar angenehm.

»Schön, dass du kein Problem damit hast«, sagte ich. Ich war wirklich froh darüber. »Was ist mit Jason?« Ich grinste. »Volltreffer.« Dad sah mich überrascht an. »Wirklich?« »Ja.« »Na, das nenne ich doch einen echten Glücksfall.« »Und ich erst. Er ist genau der Typ, auf den ich immer gewartet habe.« »Wie lange weißt du es eigentlich selbst schon?«, fragte Rip. »Hmm... seit knapp zwei Jahren. Ich habe mich damals in jemanden verknallt....« »Als du drüben warst?« Ich nickte. »Ja.« »War derjenige der Grund, dass du eher zurückgekommen bist?« »Ja, genau.« »Hast du es ihm gesagt?« »Nein. Er hatte damals eine Freundin.« »Ziemlich beschissene Situation.« »Könnte man so sagen. Aber jetzt habe ich ja Jason.«

Eine Weile schwiegen wir beide. Dann fragte Dad: »Denkt ihr eigentlich an Safer Sex?« »Ja und nein. Wir denken dran, aber ich denke, momentan sind wir noch nicht so weit. Wir wollen es ruhig angehen lassen. Ansonsten werden wir uns das in diesem Fall wohl schenken können.« Dad zog die Augenbrauen hoch. Eine typische Geste für ihn, wenn er verwundert war. »Und warum nicht?« »Ganz einfach: Ich hatte vorher noch Sex mit jemandem. Mein letzter Aids-Test war negativ. Bei Jason war das Ergebnis genauso.« Dad bestand darauf, dass alle, die in der Praxis arbeiteten, sich regelmäßig einem HIV-Test untersuchten. In dieser Beziehung war er mehr als vorsichtig. Jason hatte nach einem Unfall vor kurzem Test einen machen lassen. »Na gut. Aber überlegt euch das ganze trotzdem noch mal. Schließlich kennt ihr euch erst seit gestern.«

Ich nickte. »Klar, das weiß ich. Aber ich habe es noch nie erlebt, dass ich einem Menschen beim ersten Treffen so sehr vertraut habe wie Jason. Du kannst es dir nicht vorstellen - es ist einfach Wahnsinn. Wir haben gestern abend lange miteinander gesprochen. Irgendwann haben wir uns in die Augen gesehen und das Vertrauen war einfach da.« Dad nickte zustimmend. »Das passiert wirklich selten. Aber wenn es passiert, dann kannst du dich auch drauf verlassen. Wenn du ein Gefühl hast, das so extrem ist, dann täuscht dich das in der Regel nicht. Also mach' dir darüber keine Sorgen.« »Ich mache mir darüber keine Sorgen, Dad«, sagte ich und ein leises Lächeln umspielte dabei meine Lippen.

»Okay. Du bist alt genug, um zu wissen, was du tust.« Rip zwinkerte mir zu. »Mal was ganz anderes: Ist es dir recht, wenn Jason noch ein paar Tage bei uns bleibt? Sein Gepäck hat er mittlerweile wieder.« Dad grinste. »Schön. Platz haben wir ja genug. Von mir aus kann er gerne hierbleiben.« »Okay, danke. Ach ja, noch was: Sag' seinen Eltern bitte nichts, falls du mit ihnen sprechen solltest. Die sind anscheinend etwas konservativ eingestellt. Jason hat jedenfalls noch nicht mit ihnen gesprochen.« »Alles klar. Das sollte er aber vielleicht langsam mal machen.« Ich nickte. »Klar, aber die Entscheidung überlasse ich ihm.« »Alles klar.« Ich stand auf und nahm meinen Vater in die Arme. Ich war froh darüber, dass alles so glatt gelaufen war.

Wir sprachen noch über verschiedene andere Dinge. Ich nutzte die Gelegenheit, um Dad den Autoschlüssel und die Fahrzeugpapiere zurückzugeben. »Wie war es denn in der Stadt?« »Ganz nett. Allerdings ist Jason zweimal von Fans angesprochen worden.« Dad grinste. »Und?« »Naja, besonders beim ersten Mal war es ganz hilfreich. Ich hatte gerade den Wagen geparkt, als ein anderer Typ wutschnaubend auf mich zugelaufen kam und mich angebrüllt hat, es wäre ja wohl eine Unverschämtheit, dass ich ihm den Parkplatz vor der Nase weggeschnappt hätte. Dann hat seine Tochter Jason erkannt und war sofort hin und weg. Naja, er selbst hat sich dann auch recht schnell wieder beruhigt und sich anschließend sogar für sein Verhalten bei mir entschuldigt.«

»Richie, mal was anderes: Wie wollt ihr das ganze eigentlich vor der Presse geheimhalten? Ich meine, über Jason war zwar in letzter Zeit nicht so besonders viel in den Zeitschriften zu lesen, aber ich denke, wenn das herauskäme, würden sich diese Bluthunde darauf stürzen wie nichts gutes. Und wenn seine Eltern das auf diesem Wege erfahren, dann ist der nächste Ärger vorprogrammiert.« Ich nickte. »Klar, das weiß ich Dad. Aber im Moment geht es ja. Hier im Haus sind wir unter uns und in der Stadt halten wir uns natürlich zurück - da sind wir nicht mehr als nur gute Freunde. Also ist das schon mal kein Grund zur Sorge. Allerdings weiß ich auch nicht, wie das auf längere Sicht aussehen soll...« »Darüber solltet ihr euch auch mal Gedanken machen, Richie.« »Ist mir schon klar.« »Gut. Sprich' mal mit Jason darüber, was er dazu meint. Er scheint mir recht vernünftig zu sein, nicht so abgehoben wie andere Teenstars in seinem Alter.« Ich grinste. »Glaub' mir, das ist er auf keinen Fall.« Auch Dad lächelte. »Was ist er nicht? Vernünftig oder abgehoben?« »Abgehoben. Er ist normaler als macher andere, den ich kenne.« »Schön. Den Eindruck hatte ich eigentlich auch von ihm.«

5. Kapitel - Here comes the rain again

Nach unserem Gespräch war ich nach oben gegangen und hatte Jason erst mal erzählt, was unsere Unterhaltung ergeben hatte. Er war sich mit mir in dem Punkt einig, dass seine Eltern auf keinen Fall aus der Presse erfahren durften, was los war. Wir unterhielten uns noch eine Weile über das Thema, bis es schließlich an meine Tür klopfte. »Herein.« Es war Dad. »Hi. Ich hoffe, ich störe nicht?« »Bisher noch nicht. What's up?«, fragte ich grinsend. »Richie, ich wollte eigentlich nur wissen, ob du schon mit Anne und Julian gesprochen hast.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, bisher noch nicht.« »Wolltest du sie überhaupt einweihen?« »Doch, ich denke schon. Das bin ich ihnen einfach schuldig.«

»Okay. Nur, damit ich mich nicht vorher verquatsche.« »Keine Sorge. Und selbst wenn - dann würde die Erklärung eben etwas eher fällig werden. Jason, kommst du mit? Ich werde direkt zu Anne und Elijah gehen.« Dad grinste. »Vielleicht können euch die beiden noch ein paar Tips geben, wie man sich in der Öffentlichkeit verhalten sollte.« »Ich denke mal, wenn wir in der Öffentlichkeit etwas halten sollten, dann sollten wir uns höchstens fernhalten.«

Einige Minuten später klopfte ich bei Anne an die Tür. Es dauerte einen Moment, bis eine Antwort kam. »Wer stört?« »Jason und Richie«, sagte ich und warf Jason einen vielsagenden Blick zu. »Kommt 'rein.« Das erste, was mir auffiel, war, dass Elijah kein T-Shirt an hatte. Einen Moment lang sah ich ihn nur an, bis ich von Jason unauffällig einen Stoß in die Rippengegend bekam. »Was können wir gegen euch tun?«, fragte Anne. »Wir würden gerne mal mit euch reden.« »Soll ich 'rausgehen?«, fragte Elijah. »Nein, brauchst du nicht. Ich sagte ja: mit euch beiden.« Anne machte es sich auf dem Sofa bequem. »Was ist denn los, Bruderherz?«, fragte sie. Ich schluckte.

»Äh... ich weiß nicht so richtig, wie ich anfangen soll... Wie lange seid ihr beide jetzt schon zusammen?« »Hm... ungefähr ein Jahr. Wieso?« »Könntet Ihr euch vorstellen, euch zu trennen?« Anne schüttelte entschieden den Kopf und Elijah sagte nur: »Auf gar keinen Fall.« Gut. Dann könnt ihr euch ja vorstellen, wie es mir mit der Person geht, mit der ich bis an mein Lebensende zusammenbleiben will.» Beide grinsten. «Ja, klar.» «Gut. Leute, ich habe diese Person gefunden - und bin überglücklich.» Anne lächelte - sie freute sich offensichtlich. «Und - wer ist es? Und warum hast du Jason mitgebracht?» «Ganz einfach: Weil ich mir gedacht habe, dass ihr denjenigen gleich mal kennenlernen solltet. Wir beide sind zusammen.» Mit diesen Worten zog ich Jason zu mir heran und gab ihm einen liebevollen Kuss auf die Wange.

Sowohl Anne als auch Elijah klappten die Kinnladen herunter. Sie waren beide verblüfft - das war ihnen deutlich anzusehen. »Äh... mit anderen Worten - ihr seid schwul?«, fragte Elijah. »Ja«, sagten wir beide gleichzeitig. Wäre die Situation nicht so ernst gewesen, dann wäre es fast komisch gewesen. »Ah ... ja«, sagte Anne. Ich weiß bis heute nicht, wie dieses 'Ah ja' gemeint war. »Ich hoffe, ihr seid nicht zu sehr geschockt?« Anne sagte gar nichts. Elijah sagte: »Geschockt nicht, nur etwas verblüfft.« »Ehrlich?« »Ja, ehrlich. Sorry, Richie - und du auch, Jason - aber ich muss mich erst mal an den Gedanken gewöhnen. Und ich denke, Anne geht es nicht anders, oder Schatz?« Anne nickte. »Richie, warum hast du nicht schon eher etwas gesagt? Wir haben doch früher über alles gesprochen.«

»Tja, haben wir .... aber Dad hatte eine Freundin, Julian hatte eine Freundin und du warst mit Elijah zusammen. Ich wusste einfach nicht, wie ihr reagiert, wenn ich so aus der Art geschlagen bin.« Anne stand auf und nahm mich in den Arm. »Ja, und? Richie, nur weil das vielleicht nicht die Norm ist, bist du deswegen noch lange kein schlechterer Mensch, oder?« Elijah nickte zustimmend. »Eben. Das gilt natürlich auch für dich, Jason.« Jason lächelte dankbar - auch er konnte etwas moralische Unterstützung gebrauchen. Elijah zögerte noch einen Moment, dann nahm er Jason in den Arm (immer noch ohne T-Shirt, wie mir allerdings erst im Nachhinein auffiel). Dieser war etwas verblüfft. Anne legte Jason ihren Arm auf die Schulter, Elijah tat dasselbe bei mir, so dass wir einen kleinen Kreis bildeten. »Jungs, wir halten zu euch - egal, was passiert. Hey - ich freue mich für euch«, sagte Anne. »Ich auch«, schloß Elijah sich an. Ich war sehr froh, dass alles so gelaufen war. Es ging wesentlich glatter, als ich gedacht hatte.

Wir vier saßen noch eine Weile beisammen. Elijah und Anne gaben uns noch einige Tips, wie wir uns am besten in der Öffentlichkeit verhalten konnten - soweit das in unserer Situation überhaupt ging. Aber die beiden hatten ja nun schon fast ein Jahr Erfahrung. Und bisher war noch kein Foto von Elijah mit Anne zusammen in irgendeiner Zeitung erschienen. Elijah wurde zwar in irgendwelchen Interviews regelmäßig gefragt, ob er eine Freundin hatte und er beantwortete diese Frage ebenso regelmäßig mit einem klaren 'Ja', aber mehr sagte er dazu nicht.

»Wie willst du eigentlich in Zukunft auf solche Fragen reagieren, Jason?«, fragte er. »Naja, das ist etwas schwierig. Nein, wieso - ist es ja gar nicht. Wenn ich gefragt werde, ob ich eine Freundin habe, kann ich, ohne zu lügen, 'Nein' sagen.« Ich nickte zustimmend und grinste. »Alles andere würde ich dir auch sehr übelnehmen.« In dieser Art verlief der Rest des Gespräches auch und gegen sieben gingen wir alle zusammen nach unten, um zu essen. Julian war nicht dad und so blieben Jason und ich das Gesprächsthema des Abends.

Anne und Elijah wollten abends noch ins Kino und Dad hatte noch einige Unterlagen, an denen er arbeiten musste. Also waren Jason und ich uns selbst überlassen. Wir gingen nach oben und suchten uns einen Film aus. Da ich die meisten Videos auf Englisch hatte, war das auch für Jason kein Problem. Wir entschieden uns für »The Outsiders«. Ich persönlich war ja mehr für eines von Jasons frühen Werken, aber das konnte der beim besten Willen nicht nachvollziehen. »Warum eigentlich nicht?«, fragte ich ihn. »Naja, das wäre ganz einfach unfair, finde ich. Du sollst dich auf mich konzentrieren und nicht auf den Film, Mensch!« Das musste er mir selbstverständlich nicht zweimal sagen.

Bei jedem anderen hätte sich dieser Satz ziemlich arrogant angehört, aber nicht bei Jason - es klang einfach nur offen und sehr ehrlich. Aber so ganz verstehen konnte ich ihn immer noch nicht: »Wieso? Wenn wir uns den Film ansehen, konzentriere ich mich doch in jedem Fall auf dich.« Er lachte und gab mir einen liebevollen Stoß in die Rippen. »Du weißt doch ganz genau, wie das gemeint war, oder etwa nicht? Schließlich ...« Weiter kam er nicht, denn ich verschloss seine Lippen mit einem zärtlichen Kuss.

Von dem Film bekamen wir sowieso nicht besonders viel mit. Wir kannten ihn beide schon und so beschäftigten wir uns mehr mit uns selbst als mit dem Film. Gerade, als Jason seine Hand unter meinem Shirt und seinen Kopf auf meiner Schulter plaziert hatte, klopfte es, die Tür ging auf und Julian kam herein. »Richie, kannst .... äh ....«, fing er an und dann blieb ihm das Wort im Hals stecken.

Er bekam einen knallroten Kopf und ging langsam rückwärts zur Tür heraus. Ich schob Jasons Hand weg und stand auf. »Kann ich was?«, fragte ich ihn. »Äh ... eigentlich ... ja ... äh ... «, stotterte er herum. Er sah an mir vorbei und starrte Jason an, mit einem Blick, den ich bis dahin bei ihm noch nie gesehen hatte. Es war eine Mischung aus Peinlichkeit, Panik, Enttäuschung ... und Wut? Ich glaube, so etwas wie Wut in seinen Augen zu sehen. »Äh ... ist schon in Ordnung. Ich ... ich wollte euch nicht stören. Ich komme später noch mal wieder.« Mit diesen Worten drehte er sich um und ging. »Äh ... Jason, du wolltest doch sowieso noch bei deinen Eltern anrufen? Da steht das Telefon. Ich bin gleich wieder da.«

Ich lief hinter Julian her und holte ihn ein, als er gerade in sein Zimmer ging. »Julian, stört dich irgendwas?« Er drehte sich um und sah mich mit einem seltsam leeren Blick an. »Wieso mich? Anscheinend habe ich euch ja bei 'irgendwas' gestört.« »Ja, und?« Ich sah ihm in die Augen und er wich meinem Blick aus. Dann setzte er sich langsam auf sein Bett. Ich setzte mich zu ihm. »Julian, sorry. Aber es hat sich nicht eher ergeben.« Er sah mich an und spuckte mir die nächsten Worte fast ins Gesicht. »Was hat sich eher ergeben? Weißt du etwa erst seit heute morgen, dass du schwul bist? Oder hatte Jason nicht eher die Gelegenheit, sich an dich 'ranzuschmeißen?«

Das war nicht nett und langsam wurde ich wütend. »Vorsicht, ja! Jason hat sich nicht an mich 'rangeschmissen. Das beruhte völlig auf Gegenseitigkeit.« »Und?« »Was und? Was erwartest du? Wenn ich sehe, wie du dich jetzt verhältst - nenn' mir einen vernünftigen Grund, warum ich dir das eher hätte erzählen sollen.« »Ach ja? Vielleicht hätte ich mich ja anders verhalten, wenn du mir eher etwas gesagt hättest!« »Ach, ja?« Jetzt fauchte ich wirklich. »Und was hätte das geändert? Julian, was ist los mit dir? Warum reagierst du so?«

Er wandte den Blick ab und senkte die Stimme. »Ach, Richie. Ich bin ... ich bin einfach enttäuscht.« Er war traurig, ich hörte es an seiner Stimme. Ich wurde auch wieder etwas ruhiger. »Und warum?« »Wir haben früher über alles gesprochen, wirklich alles, oder?« Das stimmte. Ich war der einzige, mit dem er über seinen ersten Liebeskummer gesprochen hatte. Und ich hatte ihm ebenfalls alles erzählt - bis auf diese eine Sache.

»Julian, bitte. Kannst du dir vorstellen, dass das auch für mich nicht einfach war? Ich hatte noch nie einen Freund. Anne hat Elijah. Dad hat Patricia. Du hattest auch fast immer jemanden. Und ich hatte niemanden. Jason ist der erste, mit dem ich glücklich bin. Wir kennen uns zwar erst seit gestern, aber ich habe das Gefühl, als würde es nie zu Ende gehen. Anne und Dad haben es auch erst heute erfahren.« Er schluckte, dann legte er mir seinen Arm um die Schultern, wie er es früher immer getan hatte, wenn er sich für irgendwas entschuldigen wollte oder ihm irgend etwas peinlich war. »Richie ... es tut mir leid. Ich war nur überrascht und auch etwas entäuscht. Sei mir bitte nicht böse, aber ich musste mich erst mal an den Gedanken gewöhnen, okay?« Ich konnte mir ein Lächeln abringen. »Na, das scheint aber recht schnell gegangen zu sein.« »Hey, du bist schließlich mein Bruder!« »Tut mir leid, dass ich dich nicht eher ... naja, 'gewarnt', habe.« »Ich kann schon verstehen, dass dir das ganze nicht leichtgefallen ist. Und außerdem: Du hattest recht. Wir waren dir gegenüber etwas im Vorteil.«

Wir beide schwiegen eine Weile und dann fragte er: »Was ist Jason eigentlich so für ein Typ?« »Mein absoluter Traum in Person. Er hat Humor und er macht auf mich einen sehr sensiblen Eindruck. Außerdem scheint er sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Und er sieht verdammt gut aus - aber das ist ja nicht zu übersehen.« Julian grinste. »Hm. Ich denke, das siehst du aus einem etwas anderen Blickwinkel als ich. Aber trotzdem muss ich dir in dem Punkt recht geben.« »Schön. Alles andere hätte mich auch sehr gewundert.« Es klopfte. »Herein«, antwortete Julian. Elijah kam herein. »Störe ich?«, fragte er. Ich grinste. »Siehst du, Bruderherz - du solltest dir ein Beispiel an deinem zukünftigen Schwager nehmen.« Elijah klappte die Kinnlade herunter, während Anne hinter ihm in der Tür erschien. »W-W-W-Woher weißt du das denn?«, fragte er verblüfft.

»Ist doch klar, woher ich das weiß. Schließlich war ich ja auch betroffen.« Während Elijah noch etwas herumstotterte, fragte Anne: »Wovon betroffen?« »Ach, ist nicht so wichtig.« Mittlerweile hatte Elijah seine Sprache wiedergefunden. »Nicht so wichtig? Anne, ich glaube, das können wir uns sparen - die beiden wissen schon Bescheid.« Julian mischte sich ein. »Was wissen wir?« »Dass ich bald euer Schwager bin...« »Quatsch, das war doch nur ein Scherz«, warf ich ein. Jetzt lächelte Anne. »Dann hast du hellseherische Fähigkeiten.« Mit diesen Worten hielt sie mir ihre Hand unter die Nase. Sie trug einen schmalen, goldenen Ring mit zwei kleinen Diamanten. »Ist der neu?«, fragte ich - natürlich hatte ich mal wieder gar nichts kapiert. Julian sah abwechselnd zu Anne und ihrem Freund. »Ist ... ist das wahr?« Beide nickten. »Ja.« Ich verstand immer noch nicht.

»WAS ist wahr?«. Julian setzte schon zu einer Antwort an, aber Anne brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Richie, hol' Jason doch auch mal her, dann verraten wir dir mehr.« »Okay.« Ich ging los. »Richie, warte mal!«, rief sie mir hinterher. »Ja?« »Sag' Dad doch bitte auch Bescheid, wir treffen uns dann im Wohnzimmer, ja?« »Alles klar.« Gar nichts war klar, aber Anne würde schon ihren Grund haben.

»Jason!« Keine Antwort. Ich ging in mein Zimmer. Jason saß auf meinem Bett, die Hände zu Fäusten geballt und vor dem Gesicht. »Jason? Was ist los?« »Nichts.« Seine Stimme zitterte. Ich setzte mich neben ihn aufs Bett und legte ihm meinen Arm um die Schultern. Er zitterte. »Was ist passiert?« Einige Sekunden lang behielt er die Fassung, dann fing er an zu weinen. Er legte seinen Kopf auf meine Schulter. Ich strich ihm sanft darüber, versuchte, ihn zu beruhigen. Einige Minuten lang heulte er einfach nur, ohne irgend etwas zu sagen. Ich nahm ein Taschentuch von meinem Nachttisch und gab es ihm.

Er trocknete seine Tränen ab und sagte dann, immer noch mit zitternder Stimme: »Ich hatte Streit mit meinen Eltern.« »War es so schlimm?«, fragte ich. »Ja.« Eine Weile schwiegen wir. »Willst du darüber reden?«, fragte ich ihn dann. »Sie haben sich nur darüber aufgeregt, dass ich mich nicht an die Absprachen gehalten habe. Mein ... mein Vater hatte wohl wieder ordentlich was getrunken.« »Moment, langsam. Welche Absprachen?« Er schniefte. »Dass ich mir ein Hotelzimmer nehmen sollte.« »Ja, und?« »Es passte ihm mal wieder nicht, dass ich mich anders entschieden habe. Ich konnte ihm schließlich nicht die Wahrheit sagen - erst recht nicht am Telefon.« »Trinkt er öfter?« »Ja. In letzter Zeit ist er fast ständig betrunken.« »Und deine Mutter?« »Pah. Sie hält bedingungslos zu ihm. Wenn er zu ihr sagen würde, dass sie von der Golden Gate Bridge springen sollte, würde sie sogar das machen.« Aus seiner Stimme klangen tiefe Trauer und gleichzeitig blanker Hass. »Geht das schon länger so?« Er nickte. »Ja. Seit ungefähr drei Jahren.«

Es klopfte und Anne kam herein. »Kommt ihr?« »Nein, jetzt nicht. Lässt Du uns bitte allein?« »Okay.« Sie fragte nicht weiter und machte die Tür wieder zu. Sie hatte ein hervorragendes Gespür dafür, wann sie besser keine Fragen stellt. Und das hier war so eine Situation. Ich ging nicht davon aus, dass Jason seine Probleme gleich vor meiner ganzen Familie ausbreiten wollte. »Seit drei Jahren? Also kurz nachdem du deine erste Rolle hattest?«, fragte ich ihn und dann fing er an, zu erzählen. »Ja. Ich war für einige Tage in Deutschland - damals, als wir an diesem Film gearbeitet haben, der ja auch teilweise hier spielte. Die Produktionsgesellschaft wollte nur für einen von beiden Hotel und Flug bezahlen, also ist meine Mutter mitgekommen.«

»Als wir wiederkamen, habe ich meinen Vater zum ersten Mal wirklich betrunken erlebt. Erst hat er sie sinnlos angebrüllt dann hat er mir eine 'runtergehauen. Ich weiß bis heute nicht, warum. Er hat mich vorher nie geschlagen. Am nächsten Tag kam er zu mir und entschuldigte sich. Er versprach mir, dass das nie wieder passieren würde. Einige Tage ging alles gut, aber dann trank er immer häufiger. Er kam abends oft sternhagelvoll nach Hause und randalierte. Meine Mutter hat schnell gemerkt, dass sie gegen ihn nichts ausrichten kann, und hat sich auf seine Seite gestellt. Daraufhin hat er sie einigermaßen in Ruhe gelassen. Vor ein paar Tagen kam er dann bei mir an. Er war wieder völlig betrunken und ließ all seine Wut an mir aus. Schließlich machte er mir sogar zum Vorwurf, dass ich mit dreizehn schon mehr Geld verdient hätte, als er mit 23. Dann fing er an, auf mich einzuschlagen. Er hat mich mit seinem Ring am Mund getroffen - daher der abgebrochene Zahn.«

»Schließlich habe ich mir eine leere Flasche gegriffen und sie ihm in den Magen gerammt. Einen Moment lang war er völlig verblüfft, dass ich es gewagt hatte, mich gegen ihn zur Wehr zu setzen, dann ist er wortlos 'rausgegangen. Ich habe mir ein paar Sachen zusammengepackt und bin zu Jeremy gefahren. Dort konnte ich ein paar Tage bleiben. Jeremy hat auch den Termin mit deinem Vater ausgemacht und jetzt bin ich hier.« Ich war völlig schockiert. Jason hatte das alles in einem Ton erzählt, in dem ein Nachrichtensprecher die neuesten Katastrophen der Welt verlas - völlig unbeteiligt, als wenn er nur ein Anwesender und kein Betroffener wäre.

Jason stand auf und zog sein Shirt aus. »Hier - falls du mir nicht glaubst.« Er drehte sich um, so dass ich seinen Rücken sehen konnte. Dort waren ein paar deutliche Striemen zu erkennen, jeweils ungefähr drei Zentimeter breit - eindeutig von einem Gürtel. Ich schluckte. Das hätte ich niemals geahnt. Er zog sein Shirt über und setzte sich wieder aufs Bett. »Das ... ist mir vorhin gar nicht aufgefallen.« »Kein Wunder - du hast mich ja auch nur von vorne gesehen.« »Jason, es ... es tut mir so leid.« »Richie, du bist nicht derjenige, dem ich das zu verdanken habe. Im Gegenteil. Ich habe mich lange nicht mehr so wohl gefühlt wie in deiner Nähe.« Er umarmte mich. Normalerweise hätte ich diese Umarmung sofort erwidert, aber im Moment gingen mir mindestens hunderttausend Dinge gleichzeitig durch den Kopf.

»Jason, gibt es für dich irgendeinen Grund, in nächster Zeit wieder nach Hause zu fahren?« Er sah mich überrascht an. »Meine Eltern werden das wollen. Wieso?« »Wenn du willst, kannst du erst mal bei uns bleiben - auch für länger. Ich bin mir sicher, dass Dad damit einverstanden ist. Willst du mit ihm darüber reden?« »Naja, ich weiß nicht so richtig. Obwohl Jeremy meinte, dass ich das ruhig mal tun sollte.« »Welchen Jeremy meinst du eigentlich?«, fragte ich dazwischen. Ich hatte da schon so meinen Verdacht, der sich auch sehr bald bestätigen sollte.

»Jeremy Anderson, kennst du bestimmt auch. Der aus ...« »Klar, hätte ich mir ja denken können.« »Wieso?« »Weil die beiden einen recht guten Draht zueinander haben. Dad und Corinna, Jeremys Mutter, waren eine Weile zusammen.« Auch das war etwas, das kaum jemand wusste - und das auch nicht bekannt werden sollte. Aber darum brauchte ich mir bei Jason ja keine Gedanken zu machen. »Echt? Das hat er mir gar nicht erzählt.« »Wenn es dich beruhigt: Er hat mir auch nie gesagt, dass er schwul ist. Ich gehe doch wohl recht in der Annahme, dass du gestern abend von ihm gesprochen hast?«

Jason nickte. »Ja, habe ich.« »Seltsam.« »Wieso?« »Weil er eine Zeitlang ziemlich oft hier übernachtet hat, aber er hat nie was erwähnt - weder davon, dass er auch schwul ist, noch, dass ihr befreundet seid.« »Wie lange ist das denn her, dass Rip und Corinna sich getrennt haben?«, fragte er. »Ungefähr zweieinhalb Jahre.« »Alles klar, dann kann er dir ja auch noch nichts erzählt haben. Da kannten wir uns noch gar nicht.« »Wann habt ihr euch denn kennengelernt?« »Im letzten Frühjahr, bei der Verleihung des Young Star Award. Wir saßen zufällig nebeneinander und sind miteinander ins Gespräch gekommen.« »So kreuzen sich die Wege dann wieder....«, sagte ich gedankenverloren. »Wie meinst du das jetzt?« »Naja ... der Typ, in den ich mich damals verknallt hatte - das war Jeremy.«

6. Kapitel - Save tonight

Wir saßen noch eine Weile beisammen und unterhielten uns über verschiedene Dinge. Jason erwähnte seine Eltern nicht mehr - ich denke, er wollte in dem Moment einfach nicht darüber reden. Wir sprachen unter anderem noch über Jeremy. Nach und nach fiel uns auf, dass wir noch mehr gemeinsame Bekannte hatten - ein paar, nicht viele. Und wir hatten einige gemeinsame Interessen. Irgendwann stand ich auf und wollte eine CD auflegen, als es wieder klopfte. »Wer stört?«, fragte ich. Dad kam herein.

»Hallo, Jungs. Was ist denn bei euch los?« »Was soll los sein? Wir waren doch wohl nicht etwa zu laut, oder?« Dad lachte. »Als ob mich das schon mal gestört hätte. Nein, im Gegenteil - es war überhaupt nichts von euch zu hören.« »Naja, wir haben uns einfach unterhalten.« »Naja, anscheinend recht lange«, sagte er mit einem Blick auf die Uhr. Ich sah ebenfalls auf die Uhr und stellte fest, dass fast drei Stunden vergangen waren, seit ich wieder in mein Zimmer gekommen war. »Ach herrjeh. Anne wollte doch vorhin irgendwas?« Dad nickte. »Ja, wir warten immer noch auf euch - übrigens auf euch beide, das hat Anne extra dazugesagt. Was war denn los?« »Nichts außergewöhnliches, wir brauchten nur etwas Zeit für uns. Habt ihr extra auf uns gewartet?« »Ja. Wenn ihr fertig seid...« Ich warf Jason einen fragenden Blick zu. »Klar, von mir aus können wir.« »Okay, wir kommen.«

Wir folgten Dad ins Wohnzimmer, wo Julian, Anne und Elijah dabei waren, eine Runde Rommé zu spielen. »So, wir sind komplett«, sagte Rip. »Alles klar. Jetzt haben wir so lange gewartet, dann können wir auch noch die eine Runde zu Ende spielen«, meinte Anne. Elijah zwinkerte ihr zu. »Meinst du, dass das fair ist?« Anne nickte. »Klar.« Nach ein paar Minuten war die Runde beendet und die drei setzten sich zu uns an den Wohnzimmertisch, wobei sich Anne und Elijah wie immer das kleine Sofa teilten. »Also, nachdem wir jetzt alle vollzählig wären, wollen wir euch nicht mehr länger auf die Folter spannen«, sagte Anne und überließ damit Elijah das Wort. »Tja ... auch, wenn es vielleicht etwas altmodisch klingt: Lieber Ripley, ich bitte dich hiermit um die Hand deiner Tochter.«

Einen Moment lang blieb es ruhig und dann wurde es richtig laut. Julian, Jason und ich klatschten Beifall, Anne und Elijah erröteten beide ein wenig verlegen und Dad klappte schlicht und einfach die Kinnlade herunter - damit hatte er nicht gerechnet. Jetzt wurde mir auch schlagartig klar, was Julian vorhin gemeint hatte, als Anne uns den Ring gezeigt hatte. »Äh... ja.« Rip räusperte sich erst mal, bevor er weitersprach. »Also, nachdem ich euch beide mittlerweile gut genug kenne, gehe ich davon aus, dass ihr euch diese Entscheidung reiflich überlegt habt und von daher - meinen Segen habt ihr.«

Nun wurden natürlich erst mal allgemeine Glückwünsche ausgetauscht und wir hörten erst damit auf, als Rip schließlich mir zur Hochzeit gratulieren wollte. »Ups... da habe ich wohl was durcheinandergebracht«, meinte er etwas verlegen. »Ach, wer weiß, was sich bei uns beiden noch ergibt«, sagte ich lächelnd. Bevor noch jemand etwas dazu sagen konnte, meldete sich Anne noch einmal zu Wort. »Also, wir haben ja auch schon etwas weitergeplant. Jason und Richie ... Richard! Hörst du mir bitte mal einen Moment zu?« »Ja, Schwesterherz, liebend gern.« Eiljah gab mir einen freundschaftlichen Stoß in die Rippen. »Hey, du sollst meine Frau nicht auf den Arm nehmen«, sagte er. »Und du sollst deinen Schwager nicht schlagen. Und jetzt hört mir doch bitte mal zu«, versuchte Anne es noch einmal. Wir setzten uns wieder hin. »Jason und Richard, wir wollten euch beide fragen, ob ihr Trauzeugen sein wollt.«

»Also, ich gerne«, sagte ich und sah Jason an. Der überlegte einen Moment, bevor er antwortete. »Hm. Euer Vertrauen ehrt mich, aber lasst mich dazu bitte erst noch mal was sagen. Ich denke, dass die Treuzeugen enge Freunde oder Bekannte sein sollten. Elijah, wir kennen uns vom sehen und dich, Anne, habe ich gestern zum ersten Mal getroffen. Es ist nicht so, dass ich das nicht machen will, aber ....« Anne rückte zu ihm herüber und nahm seine Hand. »Klar, da hast du recht, Jason. Aber erstens kennst du Elijah ja doch etwas besser als nur vom Sehen, zweitens werden wir nicht gleich morgen heiraten - wir haben also noch genügend Zeit, um uns richtig kennenzulernen. Und außerdem bin ich mit Richies Freunden und Bekannten bisher immer gut zurecht gekommen - warum sollte das dann bei dir anders sein? Und ich mag ehrliche Menschen - ich denke, da bist du genau der Richtige.« »Okay.« »Heißt das, du bist dabei?«, fragte Anne erwartungsvoll. »Ja, bin ich«, antwortete Jason. »Schön.« Sie nahm ihn in den Arm.

»Habt ihr euch eigentlich schon einen Termin überlegt?«, fragte Dad. »Ja - den 1. Februar nächstes Jahr«, antwortete Elijah. »Wieso ausgerechnet den?«, fragte Julian verwundert. »Das ist ja mitten im Winter.« Anne nickte. »Ja. Aber Elijah hat am 28. Januar Geburtstag, ich am 30. Da liegen zwei Tage dazwischen. Also heiraten wir noch mal zwei Tage später.« »Und warum nicht genau dawischen, am 29.?« »Weil ich dann noch nicht volljährig bin.« »Ja und?«, warf Dad ein. »Das ist doch kein Problem - die Unterschrift bekommst du gerne von mir.« Jason grinste etwas verlegen. »Moment mal«, sagte Elijah, »ist das nicht dein Geburtstag, Jason?« Anne und Elijah sahen sich an. »Wir heiraten am 1. Februar.«

»Langsam.« Jason hob beschwichtigend die Hände. »Moment mal. Wegen mir braucht ihr nicht eure ganzen Pläne umwerfen. Ich gehöre noch nicht mal richtig zur Familie. Außerdem habe ich meinen Geburtstag in den letzten Jahren nicht gefeiert und dachte auch in Zukunft nicht daran, das zu tun.« »Halt, Jason, einen Moment bitte. Richie und Jason, ihr zwei seid doch wohl fest zusammen, oder nicht?«, unterbrach Julian. Wir sahen uns an und antworteten dann beide übereinstimmend: »Ja.« Dad nickte. »Na also. Jason, dann heiße ich dich hiermit offiziell als neues Famlienmitglied willkommen.« Jason errötete etwas.

»Äh ... ja ... vielen Dank, mehr fällt mir dazu irgendwie im Moment nicht ein.« Julian zwinkerte ihm zu. »Keine Sorge, das muß es auch nicht. Aber du weißt ja, was das für dich bedeutet?« Jason sah ihn fragend an. »Was meinst du?« »Na, ganz einfach ... « - Julian senkte die Stimme zu dem was er als bedrohliches Grollen definierte - »... solltest du je ein Geheimnis aus dieser Familie, oder gar die Identität unseres Paten bekannt geben, wirst du dich mit Schuhen aus Zement auf dem Grunde des Meeres wiederfinden.« Jason sah aus, als ob er im ersten Moment nicht wusste ob er erstaunt sein, oder einfach nur loslachen sollte. Er entschied sich für letzteres und wir alle fielen mit ein. Julians grinste verlegen. »Hey, oder hab' ich da etwas mit der Familie falsch verstanden?«

Rip klopfte meinem großen Bruder dann auf die Schulter. »Julian, Sohn, Ältester, meine Nachkommen, lass mich dir eine Kleinigkeit erklären. Ich bin nicht Robert DeNiro, du bist nicht Al Pacino, und ich sehe hier auch nirgendwo Francis Ford Coppola in der Gegend herumstehen. Ich kann mich nicht erinnern, zu euren Lebzeiten schon einmal einen schwarzen Nadelstreifenanzug getragen zu haben und ich war auch noch nie im Besitz eines Citroën. Aus diesen und diversen anderen Gründen, die ich hier jetzt nicht aufzählen möchte, ist wohl die Vermutung naheliegend, dass du in der Tat etwas falsch verstanden hast, möchte ich meinen. Oder sieht das einer der hier Anwesenden anders?«

Dieser Auftritt war schon fast theaterreif. Julian ging vor Rip in klassischer Drama-Haltung auf die Knie, legte eine Hand auf seine Brust und sagte - nein, 'sprach' wäre hier wohl richtig: »Ripley, Vater, ältestes hier anwesendes Mitglied der Familie, ich bitte Euch von ganzem Herzen darum, mir noch einmal Eure Gnade zuteil werden zu lassen und mir diesen Fehler, der mir unterlief, zu verzeihen und ich verspreche Euch, diesen Fehler zu beseitigen, so koste es, was es wolle.« Rip grinste immer breiter und Elijah schnappte schon nach Luft. »Leute, bitte hört auf - ich kann nicht mehr.«

»Also, wenn wir heute soviel Grund zum Feiern haben, sollten wir eine Flasche Sekt köpfen, denke ich«, schlug Dad vor. Wir alle nickten zustimmend. »Gute Idee.« Dabei versuchte ich, Jasons Stimmung abzuschätzen. Ich konnte mir vorstellen, dass ihm nicht nach Feiern zumute war, aber er ließ sich nichts anmerken. Dad holte eine Flasche und ein paar Gläser aus dem Barfach. Dann gab er Elijah die Flasche. »Ich denke, der Bräutigam sollte die Flasche öffnen.« Anscheinend war ein dezentes Rot heute die Farbe der Wahl - Elijah hatte sie auf jeden Fall schon wieder im Gesicht. Natürlich war er aufgeregt ...

Seine Hände zitterten etwas. Er brauchte fast fünf Minuten, um die Flasche zu öffnen. Schließlich flog der Korken mit einem lauten Knall in den Raum. Anne hielt schnell ein Glas unter die Flasche, denn natürlich tropfte das Zeug sofort auf den Boden. Nachdem alle Gläser gefüllt waren, stießen wir miteinander an. Es gelang uns sogar, dabei kein einziges Glas zu zerbrechen, was Julian sonst normalerweise regelmäßig schaffte.Er konnte problemlos einen PC zerlegen, oder in der Praxis bei einer Behandlung assistieren, ohne dabei auch nur einen Millimeter danebenzugreifen, aber manchmal stellte er sich einfach zu ungeschickt an. Wie gesagt, diesmal ging jedoch alles gut ... und ich schweife schon wieder völlig vom eigentlichen Thema ab.

Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile über die bevorstehende Hochzeit. Natürlich wurden dabei auch einige Pläne geschmiedet.... Doch eines stand für die beiden bereits fest: Auf jeden Fall würden sie klassisch heiraten - Anne in weiß und Elijah im schwarzen Anzug. Alles andere dagegen war noch in der Planung. Gegen ein Uhr beschlossen wir, ins Bett zu gehen. »Sag' mal, Richie, wolltest du nicht noch bei Elvis anrufen?«, flüsterte Jason mir zu. Ich schlug mir einmal mit der flachen Hand vor die Stirn - Scott hatte ich in dem ganzen Trubel einfach vergessen. »Okay«, flüsterte ich zurück. »Ich muss aber vorher noch mit Dad sprechen.«

Ich ging zu Dad und verschaffte mir dann allgemeines Gehör. »Ich soll euch übrigens allen einen schönen Gruß von Elvis bestellen - er hat mich vorhin angerufen.« »Nanu«, wunderte sich Dad, »warum ruft er denn an?« »Er ist im Moment in Australien - alleine - und wollte einfach mal mit jemandem reden.« Mit einem Blick beschwor ich Jason, der ja den größten Teil des Gespräches mitbekommen hatte, nichts weiter dazu zu sagen. »Sag' mal, Richie, wann waren die Jungs eigentlich zum letzten Mal da?«, fragte Julian. Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung - aber das ist schon eine Weile her.«

»Dann wird es doch höchste Zeit, dass sie mal wieder zu uns kommen, meint ihr nicht auch?«, fragte Dad in die Runde. Bis jetzt hatten wir mit ihnen immer viel Spaß gehabt. Dad und ich hatten uns auch schon ein paar Mal mit ihnen zusammengetan und die anderen unterhalten - ich mit meiner Gitarre im Duett mit Scott und Dad und Clint hatten sich am Bass abgewechselt. Natürlich fand Dads Vorschlag dementsprechend sofort rege Zustimmung. »Hast du seine Nummer im Hotel, Richie?« »Klar.« »Dann ruf' ihn doch noch mal an und lad' ihn und die anderen zu uns ein. Dann können wir sie auch gleich über die neueste Entwicklung in der Familie informieren.« Ich nickte zustimmend. »Gut. Dann werde ich ihn gleich mal anrufen.«

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