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Lebensangst

Endspiel (Teil 2)

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Inhaltsverzeichnis

Endspiel Teil 2

Endspiel Teil 2

Die anderen beiden Glatzen sind wie gelähmt und starren auf die Stelle an der ihr Freund gerade noch gestanden ist. Die Tauben flattern aufgeschreckt durch die Halle und ein paar Federn sinken vor mir auf den Boden. Jetzt muss ich die Situation schnell unter Kontrolle bringen, bevor der Schock nachlässt.

„Da rüber! Und schnell, bitte!“ schnauze ich die beiden Glatzen an. Nach einem kurzen Zögern bewegen sie sich auch brav zu dem Tisch, an dem sie vorher gesessen sind. Ich drehe den Kopf und sehe wie sich mein Vater gerade aufrichtet und mich ungläubig anstarrt. Noch jemand, der mich anscheinend unterschätzt hat.

„Du auch, Vater“, sage ich bestimmt. Er sieht mich nur an und versucht wohl gerade heraus zu finden, wie weit ich gehen würde.

„JETZT SOFORT!“ schreie ich ihn an. Er zuckt zusammen, als hätte ich ihn geschlagen und bewegt sich dann zu den Glatzen an den Tisch.

Gott, tut das gut!

Ich habe die volle Kontrolle. Jeder hört auf mein Kommando. Es ist fast berauschend.

Ich gehe zu Chris hinüber, ohne meinen Vater und die Glatzen aus den Augen zu lassen. Mit der linken Hand befreie ich ihn von seiner rostigen Halskette.

„Wie geht’s dir?“ frage ich ihn besorgt.

„Ist mir schon mal besser gegangen“, antwortet er, aber er lächelt dabei. Mein Herz macht einen kleinen Sprung.

„Kannst du aufstehen?“

Er nickt und steht unsicher auf.

„Zeig mir mal deine Hände“, fordere ich ihn auf. Er dreht sich um und ich sehe, dass seine Hände mit Kabelbindern gefesselt sind.

Was haben die nur mit diesen Kabelbindern?!

Ich greife in meine Tasche und lasse Chris’ Messer aufschnappen. Vorsichtig durchtrenne ich das dünne Plastikband. Chris reibt sich die Handgelenke, an denen sich deutlich die Spuren der Fesseln abzeichnen.

„Danke.“

„Jederzeit, Großer. Ich war sowieso gerade in der Gegend“, antworte ich lächelnd.

„Laß uns verschwinden.“ Er nickt mir dankbar zu und legt erschöpft seinen rechten Arm um meinen Hals um sich auf mich zu stützen. Sein fantastischer Geruch umfängt mich und für einen kurzen Augenblick vergesse ich, wo wir sind. Chris neben mir, einen Arm um mich gelegt, das ist alles, was zählt. Doch der Moment geht vorbei und es wird Zeit zu gehen. Langsam bewegen wir uns zur Treppe. Die Glatzen und meinen Vater lasse ich dabei nicht aus den Augen.

Dann strauchelt Chris und ich muss ihn mit beiden Armen halten. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie eine der Glatzen einen Schritt nach vorne macht. Aber mein Vater packt ihn am Oberarm und schüttelt den Kopf. Schließlich schaffen wir es zur Treppe. Chris hält sich erschöpft am Geländer fest und ich halte unsere Freunde in Schach. Mein Vater hat sich inzwischen an die Tischkante gelehnt und sieht mich abschätzend an.

„Und wie hast du dir gedacht, dass das laufen wird?“ fragt er jetzt ruhig.

Gute Frage! Die hab’ ich mir auch schon gestellt, denke ich. Aber laut sage ich:

„Ich würde dir auf jeden Fall raten uns in Ruhe zu lassen.“

„Sonst passiert was?“

„Ich bin mir sicher, dass sich die Anwaltskammer brennend für deine Methoden interessieren wird. Die Presse wahrscheinlich auch. Und was glaubst du, wie die Koreaner reagieren werden, wenn sie ihre geheimen Pläne in der Zeitung lesen?“

Mein Vater zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich beeindruckt an, während ich weiter rede.

„Siehst du, es ist mir grundsätzlich scheißegal, in was für krumme Geschäfte du verwickelt bist, oder mit was für Leuten du dich einlässt. Das ist deine Sache.“ Ich richte die Waffe auf seine Brust. „Aber ich werde nicht zulassen, dass du Chris noch mal in Gefahr bringst. Sollte ihm irgendwas passieren, dann mach ich dich dafür verantwortlich... dann werde ich dich töten.“

Ein paar Sekunden lang stehen wir uns einfach nur gegenüber und sehen uns an. Es ist das erste mal, dass ich mich meinem Vater ebenbürtig fühle. Schade nur, dass ich dafür eine Waffe auf ihn richten muss.

„Stefan, ich muss schon sagen, es ist schön zu sehen, wie du dich für jemanden einsetzt. Das hab’ ich mir immer gewünscht. Dass du etwas findest, für das es sich etwas zu riskieren lohnt.“

„Dann kannst du ja jetzt beruhigt sein, denn ich habe jemanden gefunden, für den ich alles riskieren werde“, erwidere ich leidenschaftlich, während ich noch immer mit dem Revolver auf seine Brust ziele.

„Aber die Frage ist doch: Wie weit würdest du wirklich gehen?“ fragt mein Vater ruhig. „Würdest du deinen eigenen Vater töten um ihn zu schützen?“ Er neigt den Kopf ein wenig zur Seite und sieht mich fragend an. „Würdest du mich erschießen für einen Jungen, den du kaum kennst?“ Ich muss nicht lange überlegen, bevor ich ruhig antworte.

„Oh ja! Wenn es sein muss, dann würde ich dich töten.“

Eine Weile sieht mich mein Vater nur an.

„Ich glaube nicht, dass du das wirklich tun würdest.“ Damit stößt er sich von dem billigen Tisch ab und kommt langsam auf uns zu.

Unglaublich! Dieser Mistkerl unterschätzt mich noch immer!

Ich spanne den Hahn und ziele jetzt zwischen seine Augen. Er zögert.

Es wird wohl Zeit ein paar Dinge klar zu stellen.

„Weißt du, Vater, ich hatte einen echt beschissenen Tag heute. Und, wenn ich ehrlich bin, dann waren die Tage davor auch nicht viel besser. Das habe ich dir zu verdanken. Das einzig Positive, das einzig Schöne, in den letzten Tagen war, dass ich Chris getroffen habe. Ohne ihn wäre ich jetzt tot. Und auch das hätte ich dir zu verdanken. In dieser Situation würde ich dir also dringend raten mich nicht vor die Wahl zu stellen.“

Mein Vater sieht mich prüfend an und nickt dann.

„Wie du willst. Verschwinde mit deinem... Freund. Aber Eines sollte dir klar sein“,

er zeigt mit seinem perfekt manikürten Finger auf mich und fährt dann fort: „Wenn du jetzt gehst, dann bist du für mich gestorben. Dann bist du nicht mehr mein Sohn.“

Ein bitteres Lächeln legt sich auf mein Gesicht, als ich antworte:

„War ich das denn jemals? Ich konnte dir Sebastian doch nie ganz ersetzen.“ Ich schüttle den Kopf. „Komm schon, Chris. Verschwinden wir von hier.“

Auf der Treppe versuche ich Chris zu stützen und gleichzeitig meinen Vater und seine Glatzenfreunde im Auge zu behalten. Das gelingt mir nur bedingt und es wäre der ideale Zeitpunkt für meinen Vater etwas zu unternehmen. Aber wir kommen ohne Zwischenfälle am unteren Ende der Treppe an und niemand folgt uns. Ich stecke den Revolver in meinen Hosenbund, damit ich Chris besser halten kann. Dann machen wir uns auf den Weg zu dem Fabrik-Tor. Als wir fast die Hälfte des Weges hinter uns haben beschleicht mich ein seltsames Gefühl und meine Nackenhaare stellen sich auf.

‚Irgendwas stimmt hier nicht!’

Ich habe keine Ahnung was es ist, aber irgendwas ist nicht so, wie es sein sollte. Wir sind jetzt fast unter der rechteckigen Öffnung in der Decke, wo Chris Stuhl gestanden hat. Und dann weiß ich, was es ist.

„Scheiße!“

Ich bleibe stehen und greife nach dem Revolver. Aber bevor ich ihn herausziehen kann, rammt mich ein voll beladener Güterzug von der Seite. Ein dumpfer Schmerz explodiert in meinen rechten Oberarm und die Waffe gleitet mir aus der Hand. Chris und ich fallen nebeneinander auf den staubigen Betonboden und ich sehe Bernds massigen Körper über uns stehen. In der rechten Hand hält er eine schwere Brechstange. Sein linker Arm hängt schlapp herab und ein Rinnsal aus dunklem Blut windet sich dickflüssig von der Einschussstelle in seiner Schulter, über seinen gesamten Arm bis hinunter zu seiner Hand. Große Bluttropfen fallen von seinen Fingerspitzen und klatschen träge in den grauen Staub. Sein Gesicht ist verzerrt vor Wut und Schmerz.

„Du verdammter Mistkerl hast mich angeschossen!“ Seine Stimme zittert vor Zorn und er macht einen Schritt auf uns zu. Ich versuche nach der Waffe zu greifen, die nur einen halben Meter von meiner rechten Hand entfernt liegt. Aber nach dem Schlag ist mein rechter Arm wie gelähmt. Bernd wirft die Brechstange weg und hebt den Revolver auf. Dann richtet er ihn lächelnd auf mich.

„Jetzt bist du dran!“ Fast genießerisch spannt er den Hahn. Voller Angst sehe ich in die chromblitzende Mündung der Waffe, die genau auf mein Gesicht gerichtet ist. Die Öffnung ist groß wie ein Tunnel.

‚Das ist es also. Das ist das Ende.’ Geht es mir durch den Kopf. Eigentlich sagt man, dass in solchen Momenten das gesamte Leben an einem vorüber zieht, aber ich kann nur an die letzten Tage mit Chris denken.

Meine Hand macht sich selbstständig und wandert suchend durch den dicken Staub. Schließlich finde ich Chris’ Hand und drücke sie leidenschaftlich. Bernds Zeigefinger krümmt sich langsam um den Abzug.

Der Schuss hallt laut durch die staubige Leere der Fabrik.

Bernds Mund öffnet sich zu einem stummen Schrei. Seine Augen sind glasig und nach oben verdreht. Dann sackt er leblos in sich zusammen, als hätte ihn jemand ausgeschaltet.

Was zur Hölle...!?

Durch die rechteckige Öffnung in der Decke sehe ich meinen Vater, der langsam seine Pistole sinken lässt. Er sieht mich einfach nur an. Es ist mittlerweile zu dunkel um seinen Gesichtsausdruck auf diese Entfernung deuten zu können, aber ich glaube, dass er lächelt.

Ich widerstehe dem Drang ihm zu danken und nicke ihm stattdessen zu. Nach einem kurzen Zögern erwidert er die Geste. Mühsam sortiere ich meine Körperteile und stehe auf. Dann helfe ich Chris hoch und wir gehen aufeinander gestützt nach draußen.

Im schwindenden Licht der tief-roten Abendsonne, unter einem Himmel, der in Flammen zu stehen scheint, schleppen wir uns über den verlassenen Parkplatz und sind endlich auf dem Weg nach Hause.

Epilog

Wir liegen noch lange aneinander gekuschelt im Bett und versuchen das unvermeidliche Aufstehen so lange wie nur möglich hinaus zu zögern. Die Sonne scheint schon kräftig durch die orangen Gardinen. Ich schätze es ist kurz vor Mittag. Chris’ Kopf liegt auf meiner Brust und ich streichle sanft über seinen grünen Irokesen. Sein Atem ist tief und langsam. Ich weiß nicht genau, ob er schon wach ist. Ich will ihn nicht wecken.

Irgendwo am Fußende des Bettes liegt Wolf. Ab und zu spüre ich, wie er im Traum zuckt. Ein leichter Wind weht die orangen Gardinen ins Zimmer und bringt etwas Abkühlung. Sanft küsse ich Chris’ Kopf und streiche mit der Hand über seinen Rücken. Deutlich spüre ich die runden Narben unter meinen Fingern. Chris bewegt sich leicht und murmelt irgendwas. Dann kuschelt er sich stärker an mich.

Ich habe noch nie jemanden so geliebt wie Chris, in diesem perfekten Moment. Und ich bezweifle, dass ich jemals wieder so lieben werde.

Auf dem Heimweg gestern Abend und anschließend in Chris’ Wohnung haben wir nicht viel geredet. Und das Geschehene des gestrigen Tages haben wir in einer Art stillen Übereinkunft komplett ausgeklammert. Wir haben Wolf bei der älteren Frau abgeholt, die über Chris wohnt und sind dann fast sofort ins Bett gegangen. Wir haben fast 13 Stunden geschlafen. Und eigentlich könnte ich noch stundenlang so liegen bleiben, doch mittlerweile macht sich mein Magen lautstark bemerkbar. Und wenn ich Hunger habe, geht bei mir gar nichts mehr. Also schiebe ich vorsichtig Chris’ Kopf von meinem Bauch und schwinge die Beine aus dem Bett.

„Hey, was soll das?“ protestiert mein kleiner Punk schlaftrunken.

„Tut mir leid, aber ich brauch jetzt was zu essen. Du willst doch nicht, dass ich vom Fleisch falle?“

Chris mustert mich mit halboffenen Augen von oben bis unten und meint dann:

„Ach, da ist noch genug da.“

„Mistkerl! Sei froh, dass du verletzt bist und ich prinzipiell keine Schwächeren schlage. Was willst du denn zum Frühstück?“ Chris zieht fragend seine rechte Augenbraue hoch.

„Soll das heißen, du machst mir Frühstück?“

„Ja, genau das soll es heißen.“

„Warte mal. Also, das heißt, ich bleibe einfach liegen und du bringst mir das Frühstück ans Bett?“

„Ja, genau.“

„Gut, wenn das so ist, dann hätte ich gern Croissants, aber nicht die aufgebackenen, sondern frische. Zwei 4-Minuten-Eier. Bitte achte darauf, dass der Dotter noch flüssig ist. Drei Scheiben kross-gebratenen Speck, nicht zu fett und ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Dazu natürlich ein Kännchen frisch aufgebrühten, starken Kaffee. Arabica-Bohnen, Robusta mag ich nicht. Und zum Lesen die Financial Times, die SZ und vielleicht die neue Vogue. Ich möchte gern auf dem Laufenden bleiben.“

„Also Nutellatoast und Kaffee?“

„Genau.“

Chris lehnt sich zurück und schließt die Augen und ich mache mich auf den Weg in die Küche. Ich setze den Kaffee auf und mache den Toast, was sich als gar nicht mal so leicht erweist, weil ich meinen rechten Arm kaum bewegen kann. Ein riesiger, rot-blauer Bluterguss prangt auf meinem Oberarm, wo mich Bernd erwischt hat. Und ein gemeiner Schmerz durchzuckt mich jedes Mal, wenn ich versuche den Arm zu heben. Aber es ist okay. Chris liegt sicher nebenan im Bett und ich bin auch noch am Leben. Das war es wert.

Trotz meines Handicaps schaffe ich es den Kaffee und Toast unbeschadet ins Schlafzimmer zu schaffen. Ich stelle alles auf den kleinen Tisch neben Chris’ Bettseite.

„Ein Frühstück für Champions“, sage ich lächelnd.

„Danke. Das ist ja traumhaft.“

Nachdem wir unsere Nutellatoasts hatten, lehnen wir uns entspannt an das Kopfende des Bettes. Ich habe einen Arm um Chris gelegt und nippe an meinem herrlich tiefschwarzen Kaffee. Leise Rockmusik dringt aus dem schwarzen Radiowecker neben Chris Bett.

„Wieso bist du gestern eigentlich raus gegangen?“ stelle ich nach ein paar Minuten die Frage, die mich seit gestern beschäftigt hat.

„Gregor hat angerufen und gemeint, dass er in der Scheiße steckt und meine Hilfe braucht.“

„Gregor?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Ich hab’ Zeit“, erwidere ich gelassen und nippe an meinem Kaffee. Chris seufzt und fängt an zu erzählen.

„Nachdem ich damals von zuhause weg bin, hab’ ich einige Zeit auf der Straße gelebt. Ich dachte eigentlich, dass nichts schlimmer sein könnte, als bei meinem Vater zu leben. Aber schon nach ein paar Wochen war ich kurz davor aufzugeben. Mir war kalt, ich hatte ständig Hunger und ich war völlig allein. Ich stand immer öfter auf dem Dach eines großen Parkhauses und hab’ versucht den Mut aufzubringen, es zu beenden. Dort hab’ ich dann Gregor kennen gelernt. Er lebte damals schon über ein Jahr auf der Straße und er hat mir gezeigt wie man dort überlebt. Er war mein einziger Freund und wurde zu meinem großen Bruder.“

„Was ist passiert?“

„Das Leben. Das ist passiert.“ Chris schließt für einen Moment seine Augen, bevor er weitererzählt. „Meistens konnten wir uns das Geld zusammenschnorren, das wir zum Leben brauchten. Manchmal haben wir es uns auch anders organisieren müssen. Bei so einer Aktion bin ich dann erwischt worden. Ich hab’ versucht einen Polizisten in Zivil die Brieftasche zu klauen.“

„Autsch! Das nenn’ ich Pech.“

Chris schüttelt den Kopf.

„Im Gegenteil. Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Der Polizist war ein echt netter Kerl. Er hatte einen Sohn in meinem Alter und hatte wohl Mitleid. Deshalb hat er wohl auf eine Anzeige verzichtet und mich in einem anständigen Heim untergebracht. Ich hatte also ein Dach über dem Kopf und immer genug zu essen. Ich konnte sogar die Schule zu Ende machen. Die einzige Bedingung war, dass ich keinen Kontakt zu meinen Freunden von der Straße mehr haben durfte.“ Chris macht eine kurze Pause und seine Stimme zittert, als er leise fortfährt. „Und ich hab’ mich daran gehalten. Ich habe ihn einfach im Stich gelassen.“

„Du hattest doch keine Wahl“, versuche ich ihm zu helfen. „Es hätte Gregor auch nicht geholfen, wenn du wieder auf der Straße gelandet wärst. Du solltest kein schlechtes Gewissen haben, nur weil du mehr Glück hattest als er.“

Er schüttelt den Kopf und meint.

„Das sagt sich so leicht. Als ich 18 wurde konnte ich das Heim verlassen. Ich hatte eine Ausbildungsstelle und hab’ mir diese Wohnung genommen. Dann hab’ ich Gregor gesucht. Wochenlang hab’ ich alle Plätze, die mir einfielen, abgesucht. Schließlich hab’ ich ihn am Bahnhof gefunden. Er sah furchtbar aus, war total abgemagert und voll auf irgendeinem Trip. Seine Augen waren blutunterlaufen und er hat keinen zusammenhängenden Satz rausgebracht. Aber das Schlimmste war sein Blick. Resigniert. Kalt. Ohne jede Hoffnung.“

Chris schüttelt den Kopf und ich halte ihn etwas fester.

„Früher lag immer etwas Schelmisches in seinem Blick. So als wüsste er etwas Lustiges, was du nicht weißt. Aber als ich ihn da gesehen hab’, hätte ich ihn fast nicht wieder erkannt. Er war nur noch ein Geist. Ein Geist zwischen anderen Geistern. Ich hab’ ihm meine Nummer und Adresse zugesteckt. Aber er hat sich nie gemeldet... bis gestern. Du warst gerade mal fünf Minuten weg, da hat er angerufen. Er hörte sich schlimm an und hat mich angefleht ihm zu helfen. Ich sollte ihn am Bahnhof treffen. Also hab’ ich Wolf bei Frau Koslik über mir abgegeben und hab’ mich auf den Weg gemacht. Allerdings bin ich nicht weit gekommen. Unten vor dem Haus haben sie schon auf mich gewartet. Vier Glatzen und Gregor. Ich war total überrascht und weglaufen ging sowieso nicht. Sie haben mich in ihr Auto verfrachtet und dann haben sie Gregor 200 € zugesteckt. Das hat mir den Rest gegeben. Er hat mich für Geld verraten.“

„Ich schätze, irgendwann macht man alles um an Geld zu kommen“, werfe ich ein.

„Ja, aber wir haben immer zusammen gehalten. Jeder passt auf den Anderen auf. Das ist die einzige Regel, die es noch gibt, wenn du ganz unten bist. Und das ist manchmal das Einzige, was dich auf der Straße am Leben erhält. Und Gregor hat diese Regel gestern gebrochen. Niemand wird ihm jetzt noch helfen.“

Chris stellt seine Tasse auf den Nachttisch und legt seinen Kopf auf meinen Bauch.

„Lass uns das Thema wechseln.“

„Okay.“

„Wo sind eigentlich die Dokumente, von denen dein Vater geredet hat?“

Ich lächle ein wenig.

„Die müsstest du morgen bekommen.“

„Was?“

„Na ja, ich hab’ sie als Einschreiben an dich geschickt, so waren sie erstmal in Sicherheit.“

„Und wenn uns was passiert wäre?“

„Dann hätte sich die Polizei früher oder später deine Post angesehen und die Dokumente gefunden.“

„Du bist gut!“ meint Chris anerkennend.

„Danke. Ich hab’ meine lichten Momente.“

„Und was machen wir dann damit?“

Ja, diese Frage hab’ ich mir auch schon gestellt.

„Ich weiß es nicht“, antworte ich kopfschüttelnd. „Eigentlich möchte ich die ganze Sache einfach nur vergessen und weitermachen.“

„Aber...“, fordert mich Chris auf weiter zu reden.

„Aber wegen dieser Verträge sind mittlerweile zwei Menschen tot. Ganz zu schweigen von den ganzen Leuten, die aus ihren Wohnungen vertrieben worden sind. Das können wir doch nicht auf sich beruhen lassen, oder?“

„Nein, können wir nicht. Aber ich hoffe, du machst das nicht nur, um dich an deinem Vater zu rächen.“

„Rache hat damit nichts zu tun. Ich möchte nur, dass die Leute wissen, warum zwei Menschen sterben mussten.“

„Es ist deine Entscheidung. Was immer du tust, ich...“

„Dreh mal lauter“, unterbreche ich ihn mit einem Nicken zum Bettrand

Chris greift zur Seite und dreht an einem kleinen Rad des Radioweckers.

‚...in der alten Ziegelei am Stadtrand, die gestern Schauplatz eines schrecklichen Verbrechens geworden ist. Nach Polizeiangaben wurden heute Morgen in dieser verlassenen Fabrik zwei Leichen gefunden.

Zwei?! Oh Shit!

‚Unbestätigten Meldungen zufolge, handelt es sich bei einem der Toten um einen erfolgreichen Anwalt aus der Gegend. Die näheren Umstände dieser grausamen Tat sind bis jetzt völlig unklar. Aus ermittlungstechnischen Gründen gibt es bisher auch noch keine offizielle Stellungnahme der zuständigen Polizeibehörde. Sobald es etwas Neues gibt, melde ich mich wieder. Und jetzt zurück zu...“

„Schalt es bitte aus“, sage ich leise zu Chris.

Chris schaltet das Radio aus und sieht mich vorsichtig an.

„Tut mir leid.“

„Ja.“ Mehr fällt mir nicht ein. Ich weiß nicht, was ich denken oder fühlen soll.

Mein Vater ist tot.

Und ein Wort geht mir dabei nicht mehr aus dem Kopf: Gerechtigkeit.

Auf irgendeine verdrehte Art ist das Gerechtigkeit.

„Er hat uns gestern das Leben gerettet“, sagt Chris, als könne er meine Gedanken lesen.

„Ja, das hat er“, gebe ich zu. Er hat uns zwar erst in diese Situation gebracht, aber als es drauf ankam, hat er das Richtige getan. Vielleicht kann ich ihm eines Tages vergeben.

„Und ohne ihn hätten wir uns nie kennen gelernt“, gibt Chris zu Bedenken.

„Stimmt.“ Mein Kopf ist in dicke Watte gehüllt. Alle Gedanken wälzen sich nur träge durch meinen Schädel. Das war alles zu viel in den letzten Tagen. „Ich will jetzt nicht mehr darüber nachdenken.“

„Okay.“

Ein paar Minuten lang liegen wir einfach da und eine angenehme Stille breitet sich zwischen uns aus. Dann sagt Chris leise:

„Ich liebe dich.“

„Ich dich auch“, antworte ich ohne zu zögern und weiß, dass es wahr ist: ich liebe ihn.

Ein leichter Windhauch weht die Gardinen ins Zimmer und erzählt leise vom Ende dieses Sommers. Chris Kopf liegt wieder auf meinem Bauch. Ich kann seine Wärme und seinen gleichmäßigen Atem auf meiner Haut spüren. Sanft streichle ich über seinen Rücken. Ich bin mir nicht sicher, was ich im Augenblick fühle. Einerseits bin ich der glücklichste Mensch der Welt, weil ich Chris habe. Andererseits hat dieses Glück aber einen sehr bitteren Beigeschmack. Es ist fast so, als würde noch etwas von dem Blut und Schmerz daran kleben, mit dem es erkauft wurde. Und während ich so darüber nachdenke wird mir klar, dass dadurch dieses Glücksgefühl irgendwie viel realer und viel stärker ist. Ich habe dem reinen Glück nie vertraut. Ich habe immer, nach dem Haken dabei gesucht. Aber hier muss ich nicht lange suchen. Der Haken ist offensichtlich und es ist noch Blut dran. Das macht dieses Glück viel greifbarer für mich und ich kann es akzeptieren.

Die letzten Tage waren die Schlimmsten und gleichzeitig die Besten meines Lebens. Und jetzt, da ich hier neben Chris liege, weiß ich:

Es war es wert.

Ich lebe! Endlich lebe ich!

ENDE

Nachwort

Das war sie also, meine erste Geschichte. Ich hoffe, euch hat das Lesen so viel Spaß gemacht, wie mir das Schreiben. Es war auf jeden Fall eine wirklich interessante Erfahrung. Als ich anfing, dachte ich, dass ich alles schreiben kann, was ich will. Und dass ich die Figuren wie ein Marionetten-Spieler in der Hand habe. Gott, hab’ ich mich geirrt! Je mehr sich Chris und Stefan entwickelt haben, desto schwerer wurde es, sie das tun zu lassen, was ich wollte. Ich konnte sie eigentlich nur sanft in die Richtung lenken, wo ich sie hin haben wollte. Und dann habe ich aufgeschrieben, was sie tun würden. Aber es hat einen Heidenspaß gemacht sie zu beobachten. Zuletzt möchte ich mich bei allen bedanken, die mir Feedback gegeben haben. Ihr wisst gar nicht, wie wichtig mir das war. Manchmal konnte ich mich überhaupt nicht motivieren, weiter zu schreiben. Dann habe ich mir ein paar von euren Mails durchgelesen und ich wusste wieder, warum ich schreibe. Also: Danke! Ohne euch hätte ich die Geschichte wahrscheinlich nicht zu Ende geschrieben.

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