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Kopfgeister

Band 5 - Brüche

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkungen

1. Dies ist Band V von Kopfgeister. Steht ja oben drauf und zählen kann ich immerhin bis 10.

2. Orte, Personen, Handlungen und der ganze restliche Kram sind wie immer frei erfunden. Mancher Markenname mag geschützt sein. Ich empfehle jedem Juristen, der sich darüber aufregt: Schlaf mit deinem Freund (oder wenn es sich nicht vermeiden lässt, mit deiner Freundin) und vergiss es!

3. Rechtschreibung ... Tja, was soll ich dazu noch sagen?

4. Dieser Text ist exklusiv für Nickstories geschrieben. Auch daran, hat sich in den letzten fünf Bänden nix geändert. Warum auch?

5. Sex ist vorhanden, was bedeutet, dass dieser Text natürlich auf keinen Fall von Personen gelesen werden darf, die aus schwachsinnigen Gründen, denn Text nicht lesen dürfen.

6. Bitte benutzt Kondome!

7. Danke für das Feedback! Ich hab' mir wirklich jede Mail, ob nun lobend oder niederschmetternd, zu Herzen genommen. Ich habe auch wirklich versucht, mich auf die Kritik einzustellen. Ob es was gebracht hat? Ich hab' da so meine Zweifel. Kopfgeister liegt Lichtjahre von jeglicher Realität weg. Ich weiß, dass ich an manchen Stellen übers Ziel hinausgeschossen bin. Manche Dinge würden niemals in RL so funktionieren. Doch was soll's? Dies ist eine Story! So what?.

8. Habt Spaß!


Douglas Adams - 1952 - 2001

Wir vermissen dich. Wo immer du jetzt auch sein magst, so hoffe ich, dass du immer weißt, wo dein Handtuch ist und, dass dich dein Babelfisch niemals im Stich lässt. Oder, um es mit Deep Thought auszudrücken: »42 - Ich wusste, die Antwort würde euch nicht gefallen!« PS: Und danke für den Fisch!

5.1. Besprechung zur Lage der Nation

An der Ostsee, vermutlich auf Rügen

»Aber das ist doch Wahnsinn! Wer macht denn sowas?«, Nina war weder von Tims Vermutung, dass jemand uns verdammt noch mal nicht sonderlich mochte, noch von den dafür vorliegenden Beweisen überzeugt.

»Nina, sieh dir Kukis Fahrrad an. Oder besser das, was davon noch übrig ist. Sieh dir Svennis Mast an!«

»Ihr fantasiert doch! Mein Gott, die halbe Welt ist doch inzwischen schwul. Da kräht doch kein Hahn mehr danach. Zwei knutschende Jungs. Ja und? Wen interessiert's? Und da wollt ihr mir einreden, ein geheimnisvoller, unbekannter Schwulenhasser sägt heimlich an euren Sportgeräten rum? Sehr glaubwürdig. Vielleicht noch um euch umzubringen?«, ein effektvolles Ausschnauben, »Schwachsinn!«

»Ja, genau das versuchen wir dir einzureden. Weil nämlich auch genau das passiert ist! Von wegen, die halbe Welt ist schwul! Pah, so ein Quatsch!«, Kuki mischte sich ein und er war, mit Verlaub, stinksauer. So sauer, wie ich ihn bisher noch nie erlebt hatte. Seine Piercings klimperten hysterisch, als er mit totaler Wut im Bauch wie Rumpelstilzchen durchs Zimmer hüpfte.

»Meine liebe Nina, möglicherweise ist es momentan politisch korrekt, Verständnis und Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensentwürfen zu üben. Und es mag auch sein, dass ein paar Heten auf ganz cool machen. Ein bisschen Bi schadet nie! Aber in Wirklichkeit verachten sie uns! Und manche beschränken sich nicht darauf, ihre Abneigung nur mit Worten kundzutun. Rate mal, warum es in Berlin ein schwules Überfalltelefon gibt?«

»Möglicherweise hast du Recht. Aber ich hab' da meine Zweifel. Ihr seht euch ja immer gerne als Opfer. Aber nur weil ein paar Glatzen sich mit ihren Rasierklingen etwas zu tief in den Schädel rasiert haben und ihr IQ darunter gelitten hat, ist die ganze Welt doch nicht zu Schwulenhassern mutiert.«

»Hmm ... die ganze Welt nicht, aber ein Idiot reicht!«

»Drehen wir's doch mal um. Wer sollte es denn auf euch abgesehen haben? Und vor allem: warum?«

»Du suchst ein Motiv? Such dir eins aus: Neid, Missgunst, Eifersucht, Hass. Reicht das?«

»Nein. Wie wär„s mit einem Motiv?«

Timmy mischte sich ein: »Nina, lass das mal mit dem Motiv. Vielleicht kommen wir über eine andere Schiene darauf. Nämlich über das Wer. Ich denke, wir müssen in den Personenkreisen suchen, die wir kennen. Oder täusche ich mich da?«

Ich sah Kuki an, Kuki sah Timmy an, Timmy sah mich an, Holger sah Kuki an, jeder sah jeden an und alle zuckten mit den Schultern. Tims Frage war mehr als berechtigt. Irgendjemand wollte uns ans Leder und dieser jemand, musste in unserem Umfeld zu suchen sein. Konkret hieß das wohl, einer oder mehrere unser lieben Mitschüler hatten es auf uns abgesehen.

Wir hatten schon gut einer Stunde diskutiert. Nachdem Tim den Zettel mit der Botschaft präsentiert hatte, stürzte die Ferienstimmung erst einmal auf den absoluten Nullpunkt. Für mehrere Minuten sagte niemand etwas, bis schließlich diese Diskussion losbrach.

Wenn ich von mir selbst sprechen soll, so muss ich sagen, dass ich zuerst völlig neben mir stand. Gut, jedermann (und jederfrau) weiß, dass man nicht jedermanns Freund sein kann. In meiner alten Schule gab es eine ganze Reihe von Leuten, Männlein wie Weiblein, die ich nicht mochte oder mit denen ich nix anfangen konnte. Umgekehrt gab es das natürlich auch: Leute, die mich nicht mochten. Zu 95% deckte sich schätzungsweise die Gruppe der Leute, die ich nicht mochte mit der Gruppe der Leute, die mich nicht mochten. Die restlichen 5% bildete die von mir als tragische Menge bezeichnete Personengruppe, bei der die Abneigung nur einseitig war. Und so richtig dramatisch wurde es immer dann, wenn jemand zu der speziellen Gruppe von Leuten gehörte, die jemanden regelrecht anhimmelte, der- oder diejenige aber nur Verachtung oder, nicht ganz so schlimm, Gleichgültigkeit für einen übrig hatte. Ganz dumm gelaufen.

Trotzdem konnte ich mir beim besten Willen niemanden vorstellen, der mich so weit verabscheute, dass er mir meinen Mast ansägen würde. Sowas ist schließlich kein Scherz. Mitten auf dem Meer einen Mastbruch zu haben, kann recht fatale Folgen haben. Dass ich wieder an Land gekommen war, musste man im Endeffekt als verdammtes Glück bezeichnen. Ich hätte ebenso gut als Fischfutter enden können.

»So, wir haben alles was wir mitgebracht haben durchgesehen. Ich schlage vor, ihr macht das Gleiche noch mit euren persönlichen Sachen.«, Dirk, Nico und Biene hatten der Diskussion nicht beigewohnt, sondern waren unsere Sachen auf weitere Beschädigungen durchgegangen. »Wir haben noch zwei weitere Manipulationen entdeckt. Der Rahmen von Timmys Fahrrad ist beschädigt und Holgers Skates haben 'ne Macke. Wir haben auch noch zwei Grüße mit ähnlichem Wortlaut wie dem ersten entdeckt. Also ganz im Ernst, irgendjemand mag euch nicht.«

Na super! Sollten wir unsere Sachen gleich einpacken und zurückfahren, oder die restliche Woche mit beschissener Stimmung an der Ostsee verbringen? Die Meinung zu diesem Thema war nicht eindeutig und pendelte zwischen allen möglichen Extremen hin und her. Biene plädierte für eine sofortige Abreise. Kuki hingegen schlug vor, das beschädigte Schrottmaterial zu einem Scheiterhaufen aufzuschichten, um es feierlich den Flammen zu überantworten. Wie gesagt, die Meinungen lagen recht weit auseinander.

Im Verlauf der nun folgenden Diskussion drohte die Stimmung in Richtung Bienes Vorschlag abzudriften. Doch dann griff schließlich Timmy ein:

»Warum lassen wir uns unseren Urlaub von irgendwelchen Idioten versauen? Wir wissen ja nicht einmal, wer's war. So what? Mein Vorschlag: Wir gehen nochmal alles durch, damit wir nix übersehen haben und dann machen wir das, wozu wir hergekommen sind: Urlaub ...«

Und Kuscheln! Aber das sprach Tim nicht aus, er grinste mich nur anzüglich an. Diese alte Sau!

Dirk sah Biene fragend an: »Also eigentlich hat unser Timmy Recht. Warum sollen wir uns das hier kaputtmachen lassen. Du bist doch eigentlich auch nicht der Typ, der so leicht aufgibt?«

Biene knurrte etwas, wurde aber dann doch weich.

»Ok, aber nur, wenn wir wirklich alles durchgehen. Was ist mit unserem Essen und Getränken? Ich möchte kein Rattengift in meiner Cola erleben.«

So weit gingen dann die Manipulationen und Beschädigungen doch nicht. Die Frage stellte sich erst gar nicht, da alle Lebensmittel ihren Weg in die Autos erst am Morgen der Abreise gefunden hatten, während Fahrräder und Surfzeug die Nacht über bereits in und auf den Autos lagerten. Die Fahrzeuge standen mehr oder weniger öffentlich auf der Straße oder dem Parkplatz vor den Häusern unserer Eltern. Prinzipiell hätte sich jeder daran zu schaffen machen können und mindestens eine Person hatte das auch getan.

Gegen Abend kehrte dann tatsächlich sowas wie Urlaubsstimmung ein. Nachdem Holger auch noch zwei Flaschen Wein ausgepackt und Timmy, Holger, Kuki, Nina und ich sie genüsslich geleert hatten, wurde es richtig gemütlich. Die meisten Pärchen hatten sich aneinander gekuschelt. Die Beleuchtung war auf ein paar Kerzen reduziert worden.

»Ich habe da eine Idee ...«, Kuki nippte an seinem Weinglas und grinste hintersinnig. »Wie wär„s, wenn wir unserem unbekannten Freund eine Falle stellen?«

Alle Blicke richteten sich zu Kuki, doch der schmunzelte in sich hinein.

5.2. Nebenjobs, Alkoholiker und der Flügelschlag des Schmetterlings

Portland und Umgebung

»Du hast 'n Job?«, Marcel zog erstaunt seine Augenbrauen hoch.

»Ja, warum nicht? Ich hab' jetzt zwar ein Auto, aber Benzin und Versicherung will das Ding auch haben. Das kann ja nicht alles meine Mum bezahlen.«

»Aber das? Das hätte ich jetzt nicht gedacht. Mit sowas kennst du dich aus?«

Thimo machte auf beleidigt und musterte Marcel herablassend: »Was soll das denn heißen? Traust du mir sowas nicht zu?«

»Doch, schon. Nur ... naja, ich hätte niemals gedacht, dass dich Computer über die üblichen Spielereien und ein bisschen Surfen hinaus interessieren würden. Dass du jetzt bei einem Internetprovider jobbst, damit hätte ich nie gerechnet.«

Thimo massierte sich seinen Nasenrücken und versteckte dahinter seine aufkeimende Verlegenheit.

»Ich glaub', ich muss dir wohl noch etwas über meine Vergangenheit erzählen. Also, ich hab' das auch schon auf meiner kleinen Insel gemacht. Server installieren, Websites am Laufen halten, bisschen Webdesign und ähm ... speziellere Dinge ...«

»Speziellere Dinge?«, Marcels Neugier war geweckt.

»Naja, es gibt ja auch Mitmenschen, die sich nicht benehmen können. Du glaubst gar nicht, wie vielen Hackversuchen so ein ISP ausgesetzt ist.«

»Und weiter ...«, so schnell ließ Marcel Thimo nicht vom Haken.

»Wenn man sich gegen Hacker richtig verteidigen will, sollte man wissen, wie das geht. Ich meine Hacken. Also, während der ganzen Zeit, die ich für meinen Inselprovider gearbeitet habe, hat es keiner geschafft, bei uns einzubrechen ...«

Thimo grinste, während Marcel ungläubig seinen Kopf schüttelte.

»Mein neuer Chef hat meinem alten Chef gemailt und war mit dessen Antwort sehr zufrieden. Für 'nen Schülerjob werd' ich recht gut bezahlt.«

»Heißt das, dass wir uns jetzt weniger sehen?«, Marcel sah nicht richtig glücklich aus.

Thimo deutete mit seinem Zeigefinger in Richtung seines PCs: »Aber nicht doch, wir leben doch im Internetzeitalter. Die meiste Arbeit kann ich von zu Hause aus erledigen. Ich muss nur ins Büro, wenn was an der Hardware zu machen ist. Ich bekomme sogar mein eigenes Kabelmodem.«

»Was du auch immer sagst.«

»Es interessiert dich nicht wirklich, oder?«

»Ja und nein. Es sagt mir nicht viel. Ich hab' meinen PC und kann surfen, chatten und mailen, aber wie der wirklich funktioniert, hat mich noch nie interessiert. Bist du mir jetzt böse?«

»Nö, warum sollte ich? Es muss ja nicht jeder ein PC-Junkie sein. Aber mit dem Job, ist das ok für dich?«

»Klar! Wenn du den Job willst, ist das ok. Es ist ja nicht so, dass wir jetzt jede Sekunde unseres Lebens aufeinander hocken müssen. Ehrlich, ich bin sogar ganz froh darüber. Ich habe nämlich auch einen etwas erhöhten privaten Zeitbedarf anzumelden.«

»Ja?«

»Unser Leichtathletiktrainer will mich in den Leistungskader aufnehmen. Ganz konkret meint er, dass ich Chancen für eine Olympiateilnahme hätte. Nicht jetzt, aber in vier Jahren.«

»Wow, echt wahr? Ich mein, ich hab' dich laufen gesehen. Du bist einfach fantastisch. Endlich würdigt das mal jemand. Wow, ich fass es nicht, mein Babe rennt für Gold. Mein Goldjunge!«

»Holla, so weit ist das ja nun noch nicht. Mögliche Teilnahme und nicht Olympiagewinner!«

»Du machst das schon ...«

Es war Zeit, sich wieder einmal aneinander zu kuscheln. Thimo und Marcel saßen in Thimos Zimmer. Seit dem Angriff auf Thimo und seiner ausgedehnten Genesungszeit waren mehrere Wochen vergangen. Der erste Schultag nach seiner Abwesenheit war inzwischen Geschichte. Nachdem der allseits erwartete Showdown zwischen Thimo und Scott nicht stattgefunden hatte - es war nur zu einem kurzen Gespräch in der Kantine gekommen, das aber so leise geführt wurde, dass niemand mithören konnte - hatte sich die spannungsgeladene Atmosphäre an der Liberty High langsam beruhigt und man war zur alltäglichen Routine zurückgekehrt. Man konnte meinen, alles wäre in bester Ordnung.

Die ehemalige Loosergang um Tom, Peter, Jana, Rob und Marcel auf der einen Seite und die Gang um Brandon auf der anderen Seite gingen sich aus dem Weg. Amber verstreute ihr Gift wie eh und je und versuchte nach wie vor, Thimo an seine primären Geschlechtsorgane zu gehen. Scott blieb allein und schien mit seiner neuen Rolle als Außenseiter ganz glücklich zu sein.

Nach einer Woche Schule setzte Coach Skinner für Thimo die ersten Trainingseinheiten an. Thimos rekonvaleszierte sehr schnell. Innerhalb weniger Wochen erreichte er sein altes Leistungsniveau. Thimo wurde sogar mit der entscheidenden Stimme von Scott zum neuen Vice-Captain gewählt. Nachdem die Fronten geklärt waren, lief sogar das Spiel zwischen Scott und Thimo. Es lief sogar sehr gut. Beide ergänzten sich fast in idealer Weise. Nur privat konnten sich die Zwei nicht ausstehen. Aber das war keine wirkliche Überraschung.

Ein außenstehender Betrachter hätte bei einem kurzen Blick auf die Liberty High und ihren Insassen auf eine völlig normale Schule mit freundlichen, aggressionsfreien Schülern geschlossen.

Aber das war nur an der Oberfläche. Unterhalb einer dünnen Schicht vorgetäuschter Harmonie herrschten Intrige, Betrug, Falschheit, Neid und alle anderen Freundlichkeiten, die einem das Leben versüßen können.

Die Chaostheorie besagt, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings in Afrika einen Hurrikan über dem Golf von Mexiko auslösen kann. Wenn diese Theorie stimmt, dann hieß der Schmetterling in dieser Geschichte Amber Wilson. Amber war auf Männerfang. Das war sie eigentlich immer, doch diesmal hatte ihr hochprozentiger Freund Johnny Walker gewisse Restbestände noch vorhandener Hemmungen auf die Sondermülldeponie verfrachtet.

Als Profialkoholikerin hatte sich Amber so weit unter Kontrolle, dass sie im Unterricht nicht unangenehm auffiel. Nun ja, man sollte nicht gerade im Zirkulationsbereich ihres Atems sitzen. Normal konstituierten Menschen konnten ihre Abgase schnell auf die Leber gehen. Aus einer glücklichen Fügung heraus frönte Ambers Sitznachbarin und allerbeste Freundin dem gleichen Laster. Allerdings tendierte sie eher in Richtung der Gordonschen Ginfabrik - mit Tonic, man hat ja Stil!

Im Laufe der Jahre hatte sich Ambers Konsum ethanolhaltiger Genussmittel langsam gesteigert. Erst hatte sie nur abends etwas getrunken - um besser einzuschlafen - später dehnte sich die Verköstigung der flüssigen Seelentröster auf den Nachmittag aus. Doch heute war Premiere. Amber hatte bereits drei Doppelte gefrühstückt und war entsprechend munter.

Nach einem Kurs über amerikanische Geschichte nahm das Unheil seinen Lauf. Schmetterling Amber setzte sich in Richtung Kantine in Bewegung. Zufall? Vorhersehung? Thimos und Ambers Wege kreuzten sich. Der Schmetterling entfaltete seine Flügel. Merkwürdige Attraktoren brachten Milliarden von Wellengleichungen auf Quantenniveau zum Kollabieren, produzierten eine imaginäre Lösung und Schrödingers Katze hätte die Giftflasche freiwillig getrunken, um nicht länger im Schwebezustand zwischen tot und lebendig verharren zu müssen.

»Hallo Thimo! Endlich seh' ich dich mal wieder ...«

Man musste schon sehr genau hinhören, um das ganz leichte Lallen in Ambers Stimme zu erkennen. Thimo war zu entsetzt, um es wahrzunehmen. Er wusste zu genau, worauf Begegnungen mit Amber hinausliefen.

»Du bist mir immer noch was schuldig ...«, und schon hatte Amber ihre Hand auf Thimos Schritt geparkt. Sie langte ordentlich zu. Der alkoholbedingte Verlust der Feinmotorik verursachte signifikante Schmerzen in Thimos primären Geschlechtsorganen. Bis auf jene Körperregion versteifte sich bei Thimo einfach alles.

»Amber ich weiß nicht recht ...«

»Quatsch, alle Jungs wollen! Oder gefalle ich dir nicht?«

Aus Ambers Sicht ein völlig abwegiger und absurder Gedanke. Der Alkohol in Ambers Blut tat seine Wirkung. Amber wollte Thimo, und zwar sofort. Mit der einen Hand massierte sie Thimos Gemächt, während sie mit der anderen Hand seinen Kopf packte und zu sich heranzog. Ihre Lippen berührten seine.

Brechreiz! Thimo versuchte krampfhaft, einen Brechreiz zu unterdrücken. Es war ja nicht so, dass er allergisch auf Frauen reagierte. Nur weil er schwul war, war er noch lange kein Frauenhasser. Sie ließen ihn einfach nur kalt. Aber einen Mund zu küssen, der penetrant nach Alkohol im fortgeschrittenen Oxidationszustand roch, war einfach ekelhaft. Oder kurz: Brechreiz erregend.

Thimo hätte natürlich Amber wegstoßen können, doch dazu war er einfach zu konventionell erzogen. Er litt leise vor sich hin und hoffte, dass seine Qualen bald ein Ende haben würden. Neben der Alkoholfahne litt er zusätzlich unter Ambers Grobmotorik. Wenn Marcel ihm zärtlich zwischen die Beine griff, dann war das ausgesprochen stimulierend. Doch was Amber tat war eher schmerzhaft. Sie massierte seine Eier nicht, sie krallte sich an ihnen fest. Aua!

Thimos Qualen nahmen kein schnelles Ende. Ganz im Gegenteil. Sie wurden schlimmer. Amber versuchte, ihre Zunge zwischen ihren und Thimos Lippen hindurch in seinen Mund zu bugsieren. Bohrmeißelähnlich stößelte sich ihre Zunge Stück für Stück vor. Thimo konnte nicht mehr. Ambers Zunge schmeckte nach kaltem Aschenbecher und altem Alk. Man hätte einen versifften Bartresen ablecken können, es hätte nicht wesentlich anders geschmeckt. Thimo vergaß seine gute Kinderstube und stieß Amber von sich weg.

»Amber, es reicht! Ich mag das nicht!«

Der Alkohol hatte nicht nur enthemmt, er sorgte auf für abrupte Stimmungsänderungen. Amber kippte in Sekundenbruchteilen von geil auf wütend.

»Was?«, fauchte sie Thimo an, »Was magst du nicht?«

»Das!«

»Du wagst es, mich zurückzuweisen? Alle Jungs reißen sich darum, mit mir zusammen zu sein.«

»Ich nicht!«

»Hast du eine andere? Wer ist die Schlampe? Jana?«

»Nein! Außerdem geht dich das sowieso nichts an!«

»Also keine andere. Aahhh, hat unser Sportass Angst, er bekommt keinen hoch? War ja auch kaum was zu fühlen in deiner Hose.«

»Amber, vergiss es. Mit mir und meinem Körper ist alles in bester Ordnung. Du bist das Problem. Du hast eine mördermäßige Fahne. Bei deinem Alkoholpegel würde Boris Jelzin vor Neid erblassen.«

»Schlappschwanz!«

»Nein!«

»Beweis es ...«, sprach's und stürzte sich wieder auf Thimo. Amber war einfach unbelehrbar. Bevor Thimo sich wehren konnte, hatte sie bereits wieder ihre Lippen auf seine gepresst. Doch plötzlich stutzte Amber. Sie zog sich von Thimo zurück und musterte ihn von oben bis unten.

»Oder hast du etwa ...? Du hast nichts mit Frauen am Hut! Oh, ich war ja so blind! Du bist schwul!«, bei Amber schienen ein paar Hirnzellen die permanenten Angriffe des Alkohols überlebt zu haben.

»Und du bist eine Alkoholikerin.«

»Na und? Das weiß doch eh jeder«, Amber verschränkte triumphierend ihre Arme vor ihrer Brust, »Aber du, mein schwanzlutschender Freund, bist erledigt!«

Der Schmetterling hatte mit seinen Flügeln geschlagen und schwebte von dannen.

5.3. Trainingseinheiten

»Was ist dir denn über die Leber gelaufen?«

Thimo knallte sein Tablett auf den Tisch seines Stammplatzes. Rob, Peter, Tom und Marcel saßen bereits. Die schlechte Laune Thimos war nicht übersehbar. Er bemühte sich auch nicht sonderlich, seinen Ärger zu verstecken.

»Nicht was, sondern wer ! Ich hatte eben gerade eine unheimliche Begegnung der Amberschen Art.«

Jana grinste: »Ist sie dir wieder an die Wäsche gegangen?«

»Treffer! Meine Eier tun mir immer noch weh. Die Frau hat Hände wie Schraubzwingen. Aber rate mal, was bei mir in der Hose passiert ist?«

»Nichts?«

»Genau!«

»Ja und?«, Rob zuckte mit den Schultern. Warum sollte bei Thimo sich etwas in der Hose regen, wenn eine Frau, insbesondere, wenn es Amber war, ihn sich packen täte.

»Sie hat begriffen, warum sie auf mich nicht wirkt! Dabei ist das Quatsch, ich könnte mir schon eine Frau vorstellen, die ich erotisch finde.«

Marcel verschluckte sich an seinem Essen: »Amber weiß, dass du schwul bist?«

»Yap!«

»Cool!«, Rob lehnte sich vergnügt zurück.

»Rob, du bist krank!«

»Deswegen mögt ihr mich doch so!«

»Grrrrr!«

»Ey komm, früher oder später wär's doch eh rausgekommen. Also, was regst du dich auf?«

»Vielleicht hätten wir gerne den Zeitpunkt bestimmt?«, Thimo sah zu Marcel hinüber, der ihm schweigend zustimmend zunickte, »Ihr kennt doch Amber? Natürlich kennt ihr sie. Sogar besser als ich. Ihr wisst, wozu sie fähig ist. Spätestens in zwei Stunden weiß es die Schule. Seht mal, es fängt schon an.«

Amber saß an ihrem Tisch, oder besser, sie saß auf ihrem Thron. Ihre Hofschranzen, das heißt der Rest der Cheerleader, lauschten andächtig den Worten ihrer Fürstin. Was Amber von sich gab, war eindeutig. Die Blicke, die zu Thimo und Co herübergeflogen kamen, sprachen Bände. Die Informationskette war in Gang gebracht worden. Amber erzählte ihre Neuigkeiten an ihre Hofdamen, diese an ihre jeweiligen Footballprinzen, welche wiederum die spektakuläre Information an ihre Knappen weitergeben würden. Mathematisch gesehen würde sich die Information exponentiell innerhalb der Schülerschaft verbreiten. Gerüchte sind da nicht besser als Viren und manchmal genauso fatal in ihrer Wirkung.

Und irgendwo auf der Welt saß ein Schmetterling, wackelte mit den Flügen und kicherte ganz leise, als er den Wellengleichungen beim Kollabieren zusah.

Ambers Hofstaat schwärmte aus. Die unangefochtene Queen der Schule lehnte sich sichtlich zufrieden auf ihrem Plastikstuhl zurück und grinste zur guten alten Loosergang herüber. Diesen Triumph würde ihr niemand nehmen.

Die Mittagspause endete und die zweite Hälfte der alltäglichen Bildungsfolter stand bevor. Thimo war gerade dabei, die notwendigen Bücher und Hefte aus seinem Spind heraus zu kramen, als sein Blick auf das Foto von Sven fiel.

Ein Blick, der für einen kurzen Moment ein Schwindelgefühl bei Thimo auslöste. Ein emotionaler Flashback, der gleichzeitig in zwei Richtungen ging. Thimo sah das Bild fast täglich, aber diesmal löste es etwas bei ihm aus. Zum einen musste er an das erste Mal denken, als ihn der Anblick des Bildes ähnlich erwischt hatte. Das war nach der ersten Woche auf der Liberty High. Seitdem war viel geschehen. Sehr viel war geschehen.

Und dann war da noch die zweite Richtung, in die seine Gedanken wanderten. Svenni, du fehlst mir! Weniger als Liebhaber, aber umso mehr als Freund.

»Verdammt!«, aus Thimos Auge löste sich eine Träne.

In einer sentimentalen Geste strich Thimo über die Fotografie, über Svennis Gesicht. Er streichelte über Svennis Wangen. Und wie schon vorher gab ihm das Bild neue Kraft. Thimo nahm seine Sachen, schlug seinen Spind zu und trottete zum nächsten Kurs. Deutsch und Mrs. Klein.

Im Kursraum wurde er schon von Tom erwartet.

»Wo warst du?«

»Nirgendwo, ich hab' nur meine Bücher zusammengesucht.«

»Du sieht ziemlich fertig aus.«

»Danke, ich fühl mich auch nicht besonders. Und, wie weit ist das Gerücht schon rum?«

»Weiß nicht, hier ist es jedenfalls noch nicht angekommen.«

Thimo sah sich um. Bei seinen Mitschülern war kein besonders auffälliges Verhalten ihm gegenüber zu bemerken. Als Mrs. Klein eintrudelte, verlief der Unterricht in den üblichen langweiligen Bahnen. Nach 45 Minuten Halbschlaf war auch schon alles wieder vorbei.

»Und, was hast du nun?«

»Training! Die Meisterschaften stehen vor der Tür und Skinner hat ein paar extra Trainingseinheiten angesetzt. So wie es aussieht, haben wir dieses Jahr recht gute Chancen. Wenn wir die gewinnen, werden die kostbaren Eltern gegenüber Franklins kostspieligen Wünschen um Unterstützung wesentlich aufgeschlossener sein. Und Franklin hat ja bekanntlich immer nur einen Wunsch: viele grüne Scheine!«

Thimo schmiss seine Bücher in seinen Spind, packte seine Sporttasche und jagte in Richtung Umkleideräume am Rande der Sportanlagen. Dort herrschte schon das übliche Durcheinander der Footballspieler. Der appetitliche Geruch einer Horde adoleszenter Jungs, einem Iltisbau nicht unähnlich, hieß Thimo willkommen. Sein Spind für die Sportsachen in der Umkleide tat es nicht.

An der blau-grauen Blechtür klebte ein Foto. Genauer ein Farbausdruck einer Bilddatei. Einer Bilddatei, wie man sie auf schwulen Pornowebseiten findet.

Das Bild zeigte drei Typen, die intensiv miteinander beschäftigt waren. Recht klassisch und schon tausendmal gesehen. Ein Typ lag auf einer Trainingsbank und wurde von hinten gefickt, während er gleichzeitig einem anderen Typen einen blies.

Gähn!

Die Darstellung als solche löste bei Thimo nur ein mattes Lächeln und ernüchtertes Kopfschütteln aus. Typische amerikanische Muskelpakete - Beefcakes - nicht sonderlich erregend. Sowas soll Erotik sein?

Weniger witzig war die Botschaft, die mit dem Bild überbracht wurde. Das Bild sagte laut und deutlich: »Wir wissen über dich Bescheid.«

Thimo rupfte den Ausdruck von seinem Spind. Und auch wenn Thimo dabei seinen Teamkollegen den Rücken zuwandte, so konnte er spüren, wie die anwesende Mannschaft den Atem anhielt. Thimo spürte regelrecht ihre Blicke.

Wie reagieren?

Das Foto einfach zerknüllen und ignorieren? Würde er dann nicht genau als das da stehen, für was sie ihn alle hielten? Eine verweichlichte Schwuchtel ohne Mumm und Rückgrat? Bei Skinner beschweren? Das wäre noch schlimmer. Dann hätte er gleich nach seiner Mama schreien können.

Thimos Gehirn spielte in sekundenschnelle alle möglichen Optionen durch. Sollte er sich wütend umdrehen und auf den Nächstbesten eindreschen? Am besten auf Brandon, oder? Oder es leugnen und Amber als Lügnerin beschimpfen, die es nicht verkraften konnte, einmal nicht begehrt worden zu sein? Das wäre noch die einfachste Variante. Thimo schätze, dass der Hauptvorteil darin bestand, dass man ihm möglicherweise sogar glauben würde. Ambers ambivalente Einstellung zum Thema Ehrlichkeit war allgemein bekannt.

Der Nachteil dieser Lösung war allerdings auch nicht zu unterschätzen. Es hieße, sich selbst zu verleugnen. Eine Sache, die Thimo sich geschworen hatte, niemals zu tun.

Was blieb übrig? Thimo drehte sich um.

»Och Leute, hättet ihr nicht ein paar attraktive Modelle auswählen können? Oder soll ich das als Angebot verstehen?«

Die Reaktionen waren sehr unterschiedlich. Ein Teil der anwesenden Mannschaftsmitglieder ignorierte die ganze Geschichte. Eine ganze Reihe von Jungs unterdrückte einen Lachreiz und kiekste nur einmal kurz auf. Alle, denen dieser Reiz in der Nase juckte, richtete ihre Augen auf die Gruppe von Leuten, die nicht lachten - nicht mal lächelten. Ganz im Gegenteil. Diese Leute schauten eher mit Verachtung und Abscheu in Thimos Richtung. Wenn Blicke töten könnten ...

»Du ...«, einer von Brandons Schergen, Espen mit Namen, wollte gerade zu einem Satz ansetzen, als er vom hereinplatzenden Skinner unterbrochen wurde.

»Wo bleiben denn meine Primadonnen. Ich warte seit fünf Minuten auf euch. Raus aufs Feld, oder ihr werdet heute Abend zu müde zum Schlafen sein!«

Espens verbaler Angriff krepierte durch Skinners unerwartetes Auftreten. Ihm blieb nur noch übrig, böse zu gucken und mit ausgestrecktem Zeigefinger auf Thimo zu deuten, um ihm mitzuteilen, dass die Sache noch nicht zu Ende sei. Thimo nahm die Herausforderung an und entblößte seinerseits seinen Mittelfinger. Fick dich!

Skinners Methode, der Mannschaft die Wichtigkeit der bevorstehenden Meisterschaft zu verdeutlichen, bestand darin, sie einfach doppelt so hart ran zu nehmen, wie er es sonst tat. "Zurückhaltend", "gemäßigt" oder "moderat" waren Begriffe, die in Skinners Wortschatz fehlten. Überraschenderweise zeigten seine Trainingsmethoden Wirkung. Spielzüge, bei denen die Mannschaft bisher unsicher war, festigten sich. Lange Pässe über die Flanken. Trickmanöver mit angetäuschten Spielzügen klappten wie geschmiert. Sogar die Special Teams legten noch einen Zahn zu. Kevin Roderick, der Punter und Spezialist für field goals stellte mit 37 Yards für ein goal sogar einen neuen Schulrekord auf und wurde von der Mannschaft euphorisch gefeiert.

»Wenn ihr am Samstag in einer Woche so spielt wie heute, seid ihr in den Play-Offs. Dann steht dieser Schule das erste Mal der Weg zur Meisterschaft wirklich offen! Ihr seid das stärkste Team, das ich je trainiert habe. Also macht was draus. Denkt immer daran, ihr seid ein Team. Selbst Thimo und Scott haben das langsam begriffen. Seitdem sie nicht mehr gegeneinander sonder miteinander kämpfen, funktioniert ihr Spiel. Das erwarte ich von jedem von euch. Ihr müsst zueinander passen wie der Baseball zum Handschuh, um es mal in einer anderen Sportart auszudrücken.«

»Oder wie der Schwanz in den Arsch ...«

Jeder hatte die verstellte Stimme gehört, aber keiner, bis auf den Sprecher wusste, wem sie gehörte. Obwohl er es um jeden Preis vermeiden wollte, lief Thimo rot an. Die Sticheleien setzten ihm mehr zu, als er gedacht hatte.

»Notfalls auch das! Wenn's denn Spaß macht!«, Skinners Reaktion war cool. »Ab unter die Duschen!«

5.4. Das heterophobe Kamikazegeschwader

Skinner hatte den letzten Satz noch nicht vollständig ausgesprochen, als schon die halbe Mannschaft den ungeordneten Rückzug in Richtung Duschraum antrat. Eigentlich wollte Thimo ebenfalls losrennen, doch Skinner rief ihn, Scott und noch drei andere Spieler zu sich, um noch kurz über ein paar Spielzüge zu sprechen.

Als Thimo Minuten später schließlich im Umkleideraum ankam, schlug ihm schon der feuchte Dampf aus den Duschen entgegen. Er zog sich aus, schnappte sich Duschgel und ein frisches Handtuch und stapfte mit seinen Badelatschen in Richtung Dusche.

Der Duschraum hatte eine ganze Menge Brausen, doch waren alle belegt. Thimo war gerade dabei, sich auf eine Holzbank zu hocken, als auch schon die Stimme von Espen durch den Raum hallte.

»Jungs, lasst bloß eure Seife nicht fallen, unser Schwuli hat soeben den Raum betreten.«

Thimo schüttelte seinen Kopf. Es geht los!

»Na, Thi-Mo-Schätzchen, möchtest du den hier nicht mal lutschen?«

Espen hielt ihm seinen Schwanz entgegen. Ein durchaus ansehnliches Exemplar, wie übrigens auch der Mann, der an diesem Schwanz dran hing. Espen war attraktiv und durchaus Thimos Typ, nur leider schien der Inhalt seines Schädels zu 110% aus Scheiße zu bestehen.

»Hast du's so nötig?«, Thimos einzige Waffe war sein Mundwerk. »Ich warn dich! Wenn ich dir einen blasen würde, würdest du nie wieder eine Frau ansehen.«

Espens Grinsen erstarb. Mit dieser Antwort hatte er nicht gerechnet. Einfach gestrickt wie er war, reagierte er aggressiv und wollte gerade auf Thimo losstürzen, als er von Brandon zurückgehalten wurde. Die graue Eminenz mischte sich höchstpersönlich ein.

»Thimo, was der gute Espen dir gerade mitteilen wollte, war: ,Wir wollen hier keine Schwulen haben!` Und ich denke, er spricht damit die Meinung aller hier aus. Für Typen wie dich ist in dieser Mannschaft kein Platz.«

Der übliche Lärm im Duschraum war plötzlich einer gespannten Stille gewichen. Eine Brause nach der anderen stellte ihren Wasserstrahl ein, nachdem ihr Nutzer vergaß, auf den Duschknopf zu drücken.

»Wovor hast du Angst? Dass ich dir an den Arsch grabsche? Dass ich dir an deinen Schwanz fasse? Ist es das? Brandon, ich hätte dich für intelligenter gehalten. Bespringst du jede Frau, die dir vor dein Rohr läuft?«

»Das geht dich zwar nichts an, aber nein, ich bespringe nicht jede Frau. Aber das ist nicht der Punkt. Homosexualität ist krank, abartig, einfach widerlich. Du ekelst mich an. Du ekelst uns alle an. Dass du neben mir in der Dusche gestanden hast und mich nackt sehen konntest ... bäh!«

»Brandon, du hast eine Panne!«

»Ach, ich hab' eine Panne. Wer ist denn hier pervers? Ich oder du?«

»Im Zweifelsfall du!«

»Ich glaube, das sehen wir hier alle ganz anders. Thimo, ich bin kein Unmensch ...«

»Ach, bist du nicht?«

»... verschwinde einfach. Erzähl' Skinner einfach, dass du krank geworden bist. Z.B. AIDS, das habt ihr doch eh' alle. Denn hier will dich niemand in der Mannschaft haben!«

»Thimo, wärst du wohl so nett und seifst mir den Rücken ein? Ich komm' da selbst so schlecht ran.«

5.5. Ein Tag im Pool

Rügen

Nico hielt immer wieder eine Überraschung für mich parat. Es war unser zweiter Tag auf Rügen. Das Wetter war umgeschlagen. Es war kalt, fast windstill und regnete ständig. Kein Klima, bei dem Mann unbedingt einen Fuß vor die Tür setzten will - Frau natürlich auch nicht.

Nico spielte Schach und das verdammt gut. Der Reihe nach metzelte er jeden von uns nieder. Der Einzige, der mit Nico fast mithalten konnte, war Sven. Von 5 Partien gegen Sven hatte Nico drei gewonnen, eine verloren und eine ging remis aus.

»Scheiße, dieser Milchbubi spielt wie der Teufel!«, Svenni kippte seinen König um und signalisierte damit seine Kapitulation. »Das war jetzt die 6. Partie und diese Zecke hat schon wieder gewonnen.«

»Nochmal?«, Nico mit Haifischgrinsen.

»Knurr, ja, verdammt! Irgendwann bekomme ich dich auch noch klein!«

An diesem Sauwetter war jeder mit seiner Art und Weise des Abhängens beschäftigt. Während sich Svenni weiter von Nico vorführen ließ, waren die Ladies mit Lesen beschäftigt. Dirk saß vor dem Fernseher und amüsierte sich mit Kukis PS2. Mein Timmy war mit seinem Notebook beschäftigt, während ich mir wie die Damen die Zeit mit Lesen totschlug.

»Wo stecken eigentlich Kuki und Holger?«, Tim hatte sein Notebook zugeklappt.

»Ich glaub' die sind im Schwimmbad ...«, Dirks Antwort kam, ohne dass er auch nur für eine Mikrosekunde seinen Blick vom Geschehen auf dem Bildschirm abwandte.

Ich blickte von meinem Buch auf und sah Tim an. Der brauchte kein Wort sagen, seine Frage konnte ich von seinem Gesicht ablesen.

»Warum nicht?«, gegen etwas Schwimmen war nix einzuwenden. »Ich glaub' ich hab genug gelesen. Kommt noch jemand mit?«

Allgemeines Kopfschütteln und ein paar »Nö«-Laute waren die Antworten. Also blieben nur Timmy und ich. Wir gingen in unser Zimmer und holten unsere Schwimmsachen, Badehose und Handtuch.

Wie bereits erzählt, das Ferienhaus war groß, oder besser, es war riesig. Kukis Eltern hatten definitiv Kohle satt. Eine Schande, dass sie es nie nutzten. Das Schwimmbecken und die Sauna lagen im Keller. Obwohl es Keller nicht genau traf. Das Haus war an einen Hang gebaut, sodass das, was auf einer Seite der Keller war, sich auf der anderen Seite ebenerdig zur Terrasse auf der Südseite des Hauses öffnete. Der Raum mit dem Schwimmbecken lag direkt hinter der Terrassentür.

»Hallo, habt ihr was dagegen, wenn wir auch mit ins Wa... oh«

Ich brach meine Frage ab und errötete. Tim grinste mich provozierend an und schüttelte kichernd seinen Kopf. Ihm war das, was ich gerade sah, offensichtlich nicht peinlich. Was für ein Wunder, wenn ich an jenen Morgen erinnerte, an dem Tim das erste Mal bei mir übernachtet hatte. Kuki und Holger schwammen nackt. Jaja, dass das Timmy gefallen würde, hätte ich mir denken können. Naja, ich war da wohl etwas verklemmter, um nicht zu sagen: »prüder«. FKK war nie mein Ding gewesen. Um ehrlich zu sein, die meiste Zeit war„s auf Fehmarn einfach zu kalt dafür.

Tim pfefferte Badehose und Handtuch auf einen Liegestuhl, ließ seine textilen Hüllen fallen und sprang so, wie Mutter Natur ihn geschaffen hatte, in den Pool. Was für ein Anblick! Sabber!

Inzwischen waren Holger und Kuki auf uns aufmerksam geworden. Während Tim bereits seine Bahnen durch das Wasser zog, schwammen die anderen beiden Jungs an den Beckenrand und sahen mich auffordernd an.

»Ähm ...«, warum war mir das jetzt so verdammt peinlich?

»Das hätte ich jetzt nicht gedacht.«, Kuki strich sich das Wasser aus den Haaren, »Unser Inselboy kann ja richtig schüchtern sein.«

»Ach, ich kenn das schon ...«, Tim kraulte durch das Wasser, »Wenn ein nackter Mann vor ihm steht, ist er immer sprachlos.«

Ich streckte meinem Liebling die gepiercte Zunge raus: »Und du hast Probleme mit anderer Leuten Kleidung!«

Für diese Bemerkung durfte ich Timmys Zungenstift bewundern.

»Willst du jetzt den restlichen Tag am Beckenrand stehen bleiben und drei nackte Traumjungs bewundern, oder kommst du mit ins Wasser?«

»Ich seh' hier keine Traumjungs. Nur drei bekloppte Kindsköpfe!«

Das hätte ich definitiv nicht sagen sollen. Die drei bekloppten Kindsköpfe stellten sofort ihre Kindsköpfigkeit unter Beweis.

Ich hätte durch den kurzen aber vielsagenden Blickkontakt gewarnt sein sollen. Ich hätte auch bemerken müssen, dass Timmy zu Kuki an den Beckenrand schwamm. Aber ich bemerkte es nicht.

Plötzlich und von mir völlig unerwartet schnellten Kuki und Tim am Beckenrand empor, packten mich links und rechts an der Schulter und rissen mich samt meiner Klamotten mit in den Pool.

»Und nun werden wir dich auch noch deiner Bekleidung entledigen.«

Obwohl ich nur Jeans, T-Shirt und Slip anhatte, unter Wasser, werden diese Dinge verdammt schwer. Ich hatte alle Mühe mich über dem Wasser zu halten. Timmy knöpfte meine Hose aus, tauchte zu meinen Beinen und zog die Jeans herunter. Gleichzeitig zog mir Kuki das T-Shirt über den Kopf weg. Holger bewachte die ganze Aktion und lachte sich dabei scheckig.

»Ihr seid bekloppt, alle miteinander!«, mein Protest war nicht wirklich nachdrücklich.

»So, sind wir das?«, Tim schwamm zu mir heran und umarmte mich, küsste mich und schmiegte seinen Körper an meinen.

»Ja ... seid ihr ... hmmmm«, unsere Zungen erforschten den gegnerischen Mundraum, »hmmm, ich liebe bekloppte Jungs!«

Tims Hände glitten zu meinen Hüften, packten links und rechts den Bund des noch an meinem Körper verbliebenen Kleidungsstücks und schob den Slip nach unten. Er verlor seinen Halt und schwebte langsam an meinen Beinen hinunter, um schließlich auf den Boden des Pools abzusinken.

»Du Kuki, was machen die beiden Onkels da?«, Holger mimte einen auf Kleinkind.

»Die beiden Onkels machen sich gerade der Erregung öffentlichen Ärgernisses schuldig. Da müssen wir wohl beide eingreifen.«

Tim und ich waren selig am schmusen. Und was taten Kuki und Holger? Sie packten uns an den Beinen und zogen uns unter Wasser. Sowas ging doch nun wirklich nicht. Wer konnte Tim und mir verdenken, dass wir uns wehrten? In wenigen Sekunden entstand eine totale Wasserschlacht. Alles war erlaubt. Wir tobten wie die Wahnsinnigen im Pool umher. Jeder versuchte jeden unter Wasser zu drücken oder umgekehrt, aus dem Wasser zu stoßen. Gelegentlich war einer von uns vieren das Opfer einer massiven Spritzattacke. Unmengen von Wasser prallten von allen Seiten auf ihn ein.

Ich kann mich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, bei denen ich so viel Spaß hatte. Kuki heckte immer neue Ideen aus. Plötzlich kam er darauf, wie es wohl sei, jemanden unter Wasser durchzukitzeln. Es war einfach die Hölle!

Doch wer lässt sich schon freiwillig durchkitzeln? Ich jedenfalls nicht. Aus der Kitzelattacke entstand ein Wasserringkampf. Wenige Momente später bestanden wir vier nur noch aus einem wirren Knäuel von Armen, Beinen, Köpfen und Leibern. Jeder versuchte jeden zu erwischen und zu kitzeln. Regeln gab es natürlich (fast) keine.

Ich vermute, so genau kann ich das jetzt nicht mehr sagen, dass wir es alle gleichzeitig merkten. Aus einer harmlosen, unschuldigen Wasserschlacht hatte sich etwas ganz anderes entwickelt. Wir waren geil. Unsere Schwänze waren alle irgendwo zwischen halb und voll erigiert. Wir zuckten erschreckt auseinander. Unsere Blicke kreuzten sich. Jedem von uns war klar, womit wir da gerade im Begriff waren loszulegen. Ich sah die Unsicherheit in den Augen der anderen. Und ich sah die gleiche innere Zerrissenheit, die ich auch in mir spürte.

Ein Teil meines Egos wollte so schnell wie möglich zum Beckenrand schwimmen, die Treppe erklimmen und die Schwimmhalle verlassen. Nein, aus der Schwimmhalle rennen. Aber ein anderer, nicht unwesentlicher Teil wollte etwas ganz anderes. Ja, ich wollte Tim! Und ich wollte ihn jetzt! Und genauso wollte ich auch Holger und Kuki! Die drei anderen Körper zu fühlen, war so ein irre gutes Gefühl, das Wasser war warm und unsere Körper waren so heiß.

Shit, mir war gleichzeitig hundeelend und megageil! Ein beschissenes Gefühl! Ich schämte mich meiner Lust und gleichzeitig sagte ich mir: »Ach, scheiß drauf!«

Ich konnte sehen, dass den anderen Ähnliches durch den Kopf ging. Ich sah hilfesuchend zu Timmy, doch der sah zu seinem steifen Schniedel runter und zuckte entschuldigend mit seinen Schultern.

»Wir müssen es nicht!«, Tims Augen verengten sich, als sich unsere Blicke trafen. Tim blickte schnell auf einen fiktiven Punkt im Wasser. »... aber macht euch nichts vor. Ihr wollte es alle!«

Ich schwamm zu Tim, schlang meine Arme um ihn und presste seinen Körper an meinen.

»So, meinst du?«, mein Grinsen wurde von einem Kuss erwidert. In diesem Moment übernahm in meinem Gehirn das Lustzentrum die Regie und setzte die letzten moralischen Skrupel vor die Tür. Ich erwiderte den Kuss.

Den Rest kann man sich denken. Wir taten es. Wir taten es lange, intensiv und sehr gefühlvoll. Auch ich weiß jetzt, wo Kuki noch weitere Ringe und Stifte trägt, und dass er ein ausgesprochen gefühlvolles Kerlchen ist. Holger dagegen, den Tim als »Stilles Wasser« bezeichnete demonstrierte, wie tief solche Wässerchen sein können.

Nun, es hätte für uns alle ein wunderschönes Erlebnis und eine geile Erfahrung sein können. Ich will nicht von Liebe sprechen, denn es war nur Sex. Das sollte man niemals verwechseln. Es war wirklich schön, einfach überirdisch. Wenn nicht ...

»Hi, ist hier noch Platz im Pool. Ich würde ... oh!«

5.6. Risse

Von der Stimme aufgeschreckt lösten wir uns voneinander. Ich hatte gerade etwas im Mund, aber das flutschte genauso schnell raus, wie ich mich zur Stimme umdrehte.

Am Beckenrand stand Sven I. Stocksteif und kreidebleich. Er schaute starr auf uns herunter. Öffnete seinen Mund um etwas zu sagen, um dann aber doch stumm zu bleiben.

»Svenni ... Tim fand als Erster seine Stimme wieder. Sie klang gleichzeitig erschrocken, schuldbewusst und traurig, »wir ...«

Weiter kam er nicht. Was hätte er sagen sollen? Jeder konnte sehen, was wir gerade taten. Wir waren vier schwule Jungs, die eben gerade massiv Sex miteinander hatten. Diese Tatsache zu übersehen hieße zu behaupten, der Papst sei evangelisch.

Sven hatte gesehen und hatte es verstanden. Und es veränderte alles.

Wortlos drehte er sich um und ging. Mit hängenden Schultern. Keiner von uns brauchte darüber nachzudenken. Wir wussten es auch so. Wir hatten ihn verletzt.

Ich wollte sofort losstürmen und mit ihm reden, aber Kuki hielt mich zurück. Er schüttelte nur seinen Kopf und meinte: »Jetzt nicht. Später vielleicht ...«

Bisher hatte ich nur zweimal in meinem Leben zu viel getrunken. Wirklich zu viel getrunken. Die Quittung war in jedem Fall ein heftiger Würfelhusten, das Gefühl zu sterben und die wage Hoffnung, dass die Welt irgendwann wieder aufhört, sich zu drehen. Von den Kopfschmerzen will ich gar nicht erst anfangen.

Das Gefühl, das ich in dem Moment im Pool hatte, war um ein vielfaches schlimmer.

Ich schämte mich. Ich schämte mich, dass ich meine Geilheit nicht kontrollieren konnte und für einen billigen Sexkick eine weit wichtigere Freundschaft riskiert hatte. Ich ärgerte mich über mich selbst, dass ich es soweit kommen lassen hatte, dass mein Schwanz über meinen Verstand siegen konnte. Ich verfluchte mich dafür, dass ich genau gewusst hatte, dass so etwas passieren könnte. Dass jemand in die Schwimmhalle kommen könnte und uns beim Sex erwischen könnte und dass dieser oder diese jemand möglicherweise damit nicht klarkommen könnte. Und trotzdem hatte ich es getan. Toll gemacht du Idiot!

»Scheiße!«, Kukis Gedanken gingen in die gleiche Richtung. »Scheiße! Scheiße! Scheiße!«

Kukis Gesicht war nass und seine Augen rot. Nicht vom Poolwasser und dem Chlor darin, sondern von den Tränen.

»Scheiße! Verdammt, was machen wir denn jetzt?«

Holger hatte sich in der Flachwasserzone hingehockt und seinen Kopf in seinen Armen vergraben. Timmy hatte wieder einen fiktiven Punkt am Beckenboden fixiert, als er sprach: »Nichts. Wir können nichts machen. Was sollten wir denn überhaupt tun? Uns bei ihm entschuldigen? ,Hey, Sven, wir haben das nicht so gemeint. Wir haben es nur so ganz zufällig miteinander getrieben?` Shit! Das war kein Zufall. Wir wollten es alle. Und wir haben uns einen Scheißdreck darum gekümmert, ob jemand anderes, der zufällig nicht schwul ist, damit klarkommt.«

Holger schaute auf: »Ich versteh das alles nicht. Was hat denn Svenni I überhaupt. Warum ist er weggerannt? Tut mir leid, wenn das jetzt etwas hart klingt, aber ich versteh das Problem nicht.«

Holger sah sich hilfesuchend um: »Bitte, erklärt mir das! Ich bin neu bei euch. Gut, ich kenn Timmy vom Schwimmen und Kuki. Was ist hier gerade passiert?«

Ich spielte mit meinen Fingern im Wasser und malte irgendwelche abstrakten Figuren. So brauchte ich niemandem in die Augen sehen.

»Ausgeschlossenheit!«

Ich blickte auf und sah, dass Tim und Kuki zustimmend nickten. Also fuhr ich fort.

»Sven fühlt sich ausgeschlossen. Sven, Tim, Dirk, Kuki, Sabine und Nico sind seit sehr langer Zeit Freunde. Verdammt enge und verdammt gute Freunde. Aber das hat sich geändert. Nicht sofort und nicht schlagartig. Langsam, aber stetig. Bisher haben sie alles, wirklich fast alles gemeinsam gemacht. Freunde halt. Aber dann fanden Biene und Dirk zusammen. Sie sind immer noch Freunde, aber es ist halt etwas anderes zwischen Biene und Dirk, als zwischen Dirk und Sven. Sie sind immer noch Freunde. Von Svens Seite hat sich daran nichts geändert. Er empfindet für Biene und Dirk das Gleiche. Wer würde ihnen das verdenken, aber Dirk wird sicherlich mehr für Biene empfinden als für Sven. Das ist nicht böse gemeint. Es ist der normale Lauf der Dinge.«

»Und weiter?«

Ich seufzte und wischte mein virtuelles Bild, das ich ins Wasser gemalt hatte, mit der flachen Hand weg.

»Sven spürte das. Und er konnte das auch sicherlich Händeln ... solange es nur Dirk und Biene waren. Doch jetzt ... Kuki und du, Tim und ich ... das gleiche Problem, nur mit zusätzlichem Handicap. Wir sind schwul.«

»Ja und?«

»Sven ist hetero. Er weiß nicht, was es bedeutet schwul zu sein. Die Einsamkeit, der Wunsch nach der Nähe von jemandem, der genauso empfindet wie man selbst, wenn man die ganze Welt hasst und sich fragt: ,Warum ich?` Und weil er es nicht weiß, ist für ihn ,Schwulsein` eigentlich ein bedeutungsleerer Begriff. Ok, er kennt die Definition: ,Männer die Männer lieben.` Aber was bedeutet das schon? Irgendwo liebt er seine Freunde doch auch, oder? Wir tun es ja auch. Das ist jetzt nur so eine Vermutung, aber ich glaube, dass genau so wenig, wie ich mir Sex mit einer Frau vorstellen kann, sich Sven Sex mit einem Mann vorstellen kann. Immerhin, er war nie ein Schwulenhasser. Er hat sich nie abfällig geäußert. Nein, ich glaube auch nicht, dass er damit ein Problem hatte ... solange es nur eine abstrakte Sache war ... doch das haben wir geändert! Leider!«

Die nachfolgende Pause war drückend. Ich war mir zwar nicht hundertprozentig sicher, ob meine Analyse zutraf, doch da weder Tim noch Kuki protestierten, waren sie wohl zu einem ähnlichen Ergebnis gekommen.

»Was haben wir geändert?«

Holger war ein lieber, intelligenter Typ. Aber er war ein Einzelgänger. Kuki hatte mir erzählt, dass er nie viel mit anderen Leuten zusammen war. Erst in letzter Zeit hatte sich das geändert. Nicht zuletzt dadurch, dass er begonnen hatte, sich als Schwuler zu akzeptieren. Sprich, sein Coming Out lag ähnlich nah zurück, wie mein eigenes. Nur ich hatte damals Freunde, Holger nie. Aus diesem Grund konnte ihm niemand vorwerfen, dass er das Problem mit Sven nicht verstand. Er hatte nie gelernt, die Stimmungen in einer Gruppe von Freunden zu deuten.

Ich fuhr also mit meiner Erklärung fort:

»Wir haben uns einander hingegeben. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass es mir nicht gefallen hat. Es war eines der besten Dinge, die ich je erlebt habe. Nur ... wir waren rücksichtslos. Wir hatten unseren Spaß und haben uns einen Scheißdreck darum gekümmert, wie es auf andere Menschen, andere Freunde wirken könnte. Sven hat soeben schwulen Sex in all seiner Pracht und Schönheit gesehen. Ab sofort ist das das Bild, das er im Kopf hat, wenn er an Homosexualität denkt. Er reduziert es auf den sexuellen Akt. Nicht, weil es so ist, sondern weil wir es ihm vorgelebt haben. Und damit ist ihm noch etwas klar geworden. Die Freundschaft zwischen dir und Kuki oder Tim und mir ist eine andere als zwischen einem von uns und ihm. Genauso wie bei Dirk und Biene. Bisher konnte er die Tatsache ignorieren, dass Tim und ich zusammen sind. Aus seiner Sicht waren wir das ja auch mit ihm. Jetzt weiß er, dass dem nicht so ist. Zwischen Tim und mir ist mehr, viel mehr. Und bei aller Freundschaft zu Sven, auf diesen Weg wird er uns nicht folgen. Er ist hetero. Etwas, dass er und wir gleichermaßen verdrängt haben. Ich kann mir vorstellen, wie er sich jetzt fühlt. Ungefähr so wie ich, als Kai, ein Freund auf Fehmarn, mir stolz seine erste Freundin präsentierte. Ich fühlte mich verletzt und von ihm verraten. War ich nicht mehr gut für ihn? Warum braucht er eine Freundin. Nun, damals war ich noch recht asexuell. Aber trotzdem, Sven fühlt genau das.«

»Und was ist mit Nina?«

Ich zuckte mit meinen Schultern. Ich wusste es nicht. Dafür ergriff Kuki das Wort.

»Ich glaube nicht, dass das was Ernstes ist. Ich kann mich täuschen, aber ich geb' der Sache bestenfalls noch ein paar Wochen. Nina ist nett, aber nicht das Mädchen, das Sven braucht.«

Wir schwiegen eine Weile. Jeder hing seinen eigenen trüben Gedanken nach.

»Ich glaub, ich verstehe jetzt, was du meinst. Wie lange weißt du das alles schon?«

»Seit eben! Mir ist das auch erst jetzt klar geworden. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich bei allen Dingen so total richtig liege. Aber ich glaub, die grobe Richtung stimmt.«

»Was machen wir jetzt?«, Tim traf den wunden Punkt. Wir wussten, was passiert war, aber nicht, wie wir das wieder gerade rücken sollten.

»Was habt ihr denn mit Svenni gemacht?«, Biene kam in die Schwimmhalle und unterbrach unser dunkles Grübeln, »Er ist eben mit einem völlig hohlen Blick in sein Zimmer gegangen, mit einem Rucksack wieder rausgekommen, hat sich ein Fahrrad geschnappt und ist weggeradelt. Hattet ihr Stress?«

»Nein Biene, keinen Stress. Wir haben gerade den Weltuntergang erlebt!«

Erst jetzt bemerkte Biene, dass wir nackt waren und die Stimmung offensichtlich nicht die Beste war. Ihr Ton wurde um etliche Stufen fester und fordernder.

»Was ist passiert?«

»Wir haben Mist gebaut und dadurch möglicherweise einen guten Freund verloren.«

»Was?«

Wir kletterten einer nach dem anderen aus dem Wasser und zogen uns notdürftig etwas an. Tim berichtete Biene, was passiert war. Sie sagte nix, aber ihr Gesicht sprach Bände. Biene kochte.

»Typisch Männer! Ob schwul oder hetero! Ihr denkt immer nur mit eurem Schwanz! Wie habt ihr euch jetzt vorgestellt, das wieder zu kitten?«

»Wissen wir nicht ...«

»Hab' ich mir gedacht. Wirklich typisch. Also liegt es mal wieder an mir, die Sache in Ordnung zu bringen. Aber ihr überlegt euch inzwischen, wie ihr euch bei Sven entschuldigt.«

Sprach's und stampfte von dannen. Mama hatte gesprochen!

5.7. Mein Rücken, dein Rücken und die Sache mit der Seife

Portland und Umgebung

»Thimo, wärst du wohl so nett und seifst mir den Rücken ein? Ich komm' da selbst so schlecht ran.«

Die Stimme war tief. Die Stimme war frei von Zynismus. Die Stimme war die Ehrlichkeit in Person. Die Stimme gehörte zu Samuel del Ray. Sam war groß, breit und schwarz. Er war einer der Offence Spieler von Thimos Mannschaft. Mit einem Güterzug oder mit Sam zusammenzustoßen, käme ungefähr aufs Gleiche raus. Die Spieler der gegnerischen Mannschaft hatten diese Erfahrung schon mehrfach sehr schmerzhaft zu spüren bekommen.

Samuel del Ray war einer der besten Spieler im Team. Er genoss Respekt von allen Seiten. Er wog über 130kg und war locker 205cm groß. Ein ausgewachsener Wohnzimmerschrank. Dabei bestand sein Gewicht nur zu einem verschwindend geringen Anteil aus Fett. Der Rest waren Knochen und Muskeln.

Sam lächelte Thimo an und entblößte dabei zwei Reihen blendend weißer Zähne. Zähne, die er der Schule zu verdanken hatte. Bei seinem Körpereinsatz bot der obligatorische Mundschutz nur wenig Protektion. Aber Körpereinsatz wurde von Skinner noch immer belohnt.

Thimo zögerte einen Moment. Was für Absichten verfolgte Sam? Er versuchte in dessen Gesicht zu lesen, aber da war nichts als Freundlichkeit.

Thimo zuckte mit den Schultern, ging zu Sam, erfüllte ihm seinen Wunsch und versorgte den extrabreiten Rücken von Samuel del Ray mit Duschgel.

»Danke! Wenn ich mich revanchieren soll, kein Problem!«

Brandon und seine Jungs wurden bleich.

»Hey, Thimo, könntest du mir auch helfen?«

Diese Frage stammte von Rico Fernandes.

»Mir auch?«

Bryan Walters.

»Und mir?«

Pete Saunders.

»Ähm, ich könnte auch Hilfe gebrauchen.«

Nick Henricson.

»Ich auch!«

Lee Wang Zsu.

Brandons Gesichtsfarbe wechselte von kreidebleich auf grün.

»Was soll der Scheiß! Der Typ ist schwul! Ihr lasst euch von so einem Homo doch nicht befummeln. Und wenn der euch an den Schwanz greift?«

Es war erneut Sam, der die Initiative ergriff. Er packte Thimo links und rechts an der Schulter, hob ihn vom Boden auf, als wenn er leicht wie eine Feder wäre, trug ihn in die Mitte des Duschraums und setzte ihn dort gut zwei Meter vor Brandon wieder ab.

»Pass auf, Brandon. Diese Demonstration ist nur für dich! Vielleicht lernst du noch was dabei.«

Und leise zu Thimo gewandt: »Vertrau mir und. ..«, ein diabolisches Grinsen umspielte seine Lippen, »... erschreck' dich nicht!«

Dann packte er Thimo, umarmte ihn, küsste in ab, schnappte sich Thimos Hand und platzierte sie auf seinem eigenen Schwanz.

Thimo war viel zu verblüfft, um zu protestieren. Sam küsste wie er spielte. Der Begriff »Manndecker« entwickelte eine völlig neue Bedeutung. Nach kurzer Zeit wurde Sams Schwanz steif und auch Thimo blieb nicht ganz unbeeindruckt.

»Siehst du das Brandon? Ich küsse Thimo. Er wichst mir einen. Und er macht das richtig gut. Und wenn er so weitermacht, würde ich vielleicht sogar kommen. Und was bedeutet das? Bin ich deswegen schwul? Hält mich hier irgendjemand für schwul?«

Die letzte Frage hatte Sam laut in den Raum gerufen und wurde von allen möglichen Leuten mit Gelächter beantwortet. Niemand, wirklich niemand würde Samuel del Ray jemals für schwul halten. Nicht einmal Brandon.

»Ok, Thimo, kannst aufhören. Du machst das nämlich viel zu gut. Aber du musst mir noch einmal vertrauen.«

Sam grinste Thimo an. Dann packte er Thimos Schwanz und begann nun seinerseits, sich bei Thimo zu revanchieren. Für dieses 130kg Kraftpaket tat er das mit einer erstaunlichen Zärtlichkeit, fast liebevoll. Thimos Schwanz salutierte.

»Und Brandon? Bin ich jetzt etwa schwul?«

Erneutes Gelächter und Gejohle. Niemand mit auch nur einem Hauch Menschenkenntnis hielt Samuel del Ray für schwul. Ein Umstand, der seine Aktion nicht unbedingt verständlicher machte. Während am Anfang die anwesenden Augenzeugen das Ganze für einen Scherz auf Thimos Kosten hielten, war man sich inzwischen nicht mehr ganz sicher. Sam ging mit einer erschreckenden Ernsthaftigkeit vor. Thimo sah sich um. Er sah in die Gesichter. Ja, man lachte, man johlte, man pfiff auf zwei Fingern, aber die Motivation war gekippt. Man lachte nicht mehr über ihn, man lachte, um die eigene Unsicherheit zu überspielen. Man lachte, um nicht darüber nachzudenken, was Samuel del Ray gerade zu demonstrieren versuchte. Nämlich etwas sehr Essentielles.

Brandons hatte es begriffen. Sein Grün hatte sich zwischenzeitlich um ein paar Schattierungen verdunkelt.

»Was soll der Scheiß? Natürlich bist du nicht schwul. Warum lässt du dich von dieser Tucke befummeln.«

»Du begreifst es wirklich nicht, oder?«

Samuel seufzte, kniete sich plötzlich vor Thimo hin und begann langsam und sehr gefühlvoll dessen Schwanz zu blasen.

Thimo zuckte zurück, doch Sam hielt ihn sanft, aber nachdrücklich fest. Trotz der völlig irrealen Situation gelang es Thimo nicht, die Stimulation seines besten Stückes zu ignorieren. Sam war gut und wusste, was er tat. Etwas, das man ihm bei seiner Spielweise auf dem Footballfeld niemals zugetraut hätte. Dort war er knallhart. Eine Zementmauer.

Der Männerduschraum der Liberty High hatte in seiner bisherigen Geschichte schon einiges erlebt. Wenn diese Betonmauern sprechen könnten, würden sie von albernen Späßen, blutigen Schlägereien, heimlichen Fummeleien zwischen allerlei Geschlechtern, total erschöpften Spielern, heldenhaften Siegern und tragischen Verlieren, die ihre Tränen vergossen hatten, erzählen. Doch was sich jetzt tat, hatten auch diese Wände bisher nicht gesehen. Und auch keiner der Teamkollegen von Sam und Thimo.

Jegliches Lachen war verstummt. Hätte Thimo seine Augen nicht geschlossen gehabt, er hätte in erstaunte und erschreckte Gesichter gesehen. Doch Sams talentierte Zunge ließ ihn vorübergehend jegliche Realität vergessen.

Thimo spürte, dass der Point of no Return nahte. Die ganze Szene war zu absurd und eigentlich auch nicht wirklich erotisch, wenn da nicht Sams unendliche Zärtlichkeit gewesen wäre. Thimo gab seinen Widerstand auf und verlor jegliche Kontrolle.

Das heißt, er verlor sie fast. Er wollte Sam nicht zumuten, die Sache bis zum bitteren Ende durchstehen zu müssen, nur um einem Idioten wie Brandon etwas zu demonstrieren. Thimo kratzte alle verbliebene Kraft zusammen und flüsterte: »Sam hör auf, sonst komm ich in deinen Mund! Bitte, Sam, lass es! Das musst du nicht!«

Sam hörte und reagierte. Allerdings anders, als Thimo erwartet hatte. Sanft aber nachdrücklich umarmte er Thimos Hintern und hielt ihn fest. Sein Mund steigerte den Takt, mit dem er Thimos Schwanz liebkoste. Thimo begann zu zittern, seine Beine wurden weich und schlotterten, seine Haut bekam eine Gänsehaut. Thimo drohte auf dem nassen Boden des Duschraums wegzurutschen, doch Samuel fing ihn sofort auf, liebkoste ihn und brachte Thimo schließlich zum Höhepunkt. Thimo entlud sich in heftigen Schüben.

Es war absolut still geworden. Der Duschraum der Footballmannschaft der Liberty High war nie ein Ort besonderer Ruhe. Wer Ruhe suchte, ging in den Leseraum der Bibliothek. Doch in diesem Moment herrschte eine Stille, gegen die selbst der Leseraum wie die Montagehalle einer Fabrik gewirkt hätte.

Sam richtete sich auf, schluckte demonstrativ, leckte sich Rest von Thimos Saft genüsslich von den Lippen und küsste Thimo zärtlich auf die Stirn. Er sah etwas traurig aus, als er ganz leise, so, dass nur Thimo es hören konnte, sprach: »Es tut mir leid!«

Dann, mit lauter Stimme, dass es bis in die hintersten Winkel des Umkleideraums reichte: »Und glaubt jetzt jemand, dass ich schwul bin? Schließlich hab' ich gerade einem Typen einen geblasen. Also, ist hier irgendwer, der mich für schwul hält?«

»Nein!«, war die einzige Antwort, die zu hören war. Zögerlich und verwirrt. Die meisten schüttelten nur ihren Kopf. Lachen tat keiner. Die Gesichter waren ernst und nachdenklich geworden. Bis auf ein Gesicht, nämlich das von Samuel. Sein Gesicht zeigte Wut und Ärger.

»Richtig, das bin ich auch nicht! Ich bin ein gottverdammter Motherfucker und ich liebe es! Aber Brandon, du bist ein Arschloch!«

Der angesprochene hatte seine Sprache verloren. Seine Augen waren aus ihren Höhlen hervorgetreten und drohten gleich aus seinem Hohlschädel zu springen.

»Du ... du ... du ... du ... du hast ihm einen geblasen!«

»Das ist korrekt beobachtet!«

»Du hast dir von diesem perversen Schwein an dein Schwanz fassen lassen, hast sein Teil angefasst und es in den Mund genommen! Du hast sein widerliches Zeugs geschluckt!«

»Fast korrekt. Das Zeugs ist nicht widerlich, sondern schmeckt ziemlich geil und außerdem ist Thimo kein perverses Schwein. Das bist du! Hast du gehört, was Thimo eben zu mir gesagt hatte? ,Sam hör auf, sonst komm ich in deinen Mund! Bitte lass es!` Thimo wollte es nicht! Selbst in dem Moment, als er kurz davor war zu kommen, dachte er nicht an sich selbst, sondern an jemand anderen. Etwas, das du, Brandon, noch nie getan hast!

Du denkst ausschließlich an dich!

Aber weißt du, warum Thimo das tat? Aus Respekt! Weil er Respekt vor anderen Menschen hat! Sogar vor dir! Er hat niemals jemanden von uns angebaggert, obwohl hier bestimmt genügend geile Boys rumlaufen, die Thimo bestimmt gefallen würden. Und warum? Aus Respekt vor uns! Er hat auch niemals jemanden beim Duschen oder Umziehen angegafft, obwohl es da sicherlich genug zu gaffen gäbe. Und warum? Aus Respekt vor uns! Er ist mit seiner Mutter aus einem anderen Land hierher gezogen. Er hat vor kurzem seinen Vater verloren. Er wurde von Skinner in diese Mannschaft gesteckt. Und hast du jemals ein böses Wort von ihm gehört? Oder dass er über irgendwas, wie manche andere, gejammert hat? Nein!

Oder in der Mannschaft: Hat er sich vorgedrängelt? Hat er jemals unfair gespielt? Hat er, wie andere Leute, mit Intrigen, Einschüchterungen oder Bestechungen versucht, eine bessere Position zu erlangen, obwohl er sie tausendfach verdient hätte?

Ganz im Gegensatz zu Arschlöchern wie dir. Sieh ihn dir an! Sieh dir Thimo an! Er hat sich den Arsch für unser Team aufgerissen! Wir waren noch nie so gut wie jetzt. Aber Thimo wäre viel zu bescheiden, um zu behaupten, dass er die treibende Kraft dahinter war. Obwohl wir alle wissen, dass er es war!»

Thimo wurde rot und sah verlegen auf den Boden. Was Sam sagte, war eine Liebeserklärung. Keine Liebeserklärung an den schwulen Jungen Thimo Camron-Bach, sondern an den Menschen Thimo Camron-Bach. Doch Samuel del Ray war noch nicht am Ende seiner Rede.

»Und wie haben wir es ihm gedankt? Wir haben ihn von Anfang an auflaufen lassen, ihn spüren lassen, dass er nichtdazu gehört. Nur weil du und Scott das so wollten. Wir ließen zu, dass Thimo sich vor uns fürchtete. Dass er Angst davor haben musste, was passieren würde, wenn raus käme, dass er schwul ist. Wir haben ihn gezwungen, sich selbst zu verleugnen. Und trotzdem hat er immer und immer wieder einige der besten Leistungen gebracht, die diese Schule jemals gesehen hat.«

»Aber er ist schwul!«, man hätte meinen können, Brandon hätte Schaum vorm Mund. Seine Gesichtsfarbe hatte sich von grün über violett in dunkelrot gewandelt. Seine Halsschlagadern traten deutlich sichtbar hervor.

»Ja und? Scheiß drauf. Ich bin hetero und du bist wahrscheinlich geschlechtslos. Und wenn schon. Es-ist-scheißegal! Ich hab' kein Problem damit, dass Thimo schwul ist. Es stört mich auch nicht, wenn er mich ansieht oder berührt. Thimo fühlt sich übrigens richtig geil an. Der Typ, der mit Thimo zusammen ist, kann sich glücklich schätzen. Ich wär„s, wenn ich schwul wäre. Außerdem, wenn so ein Typ wie er meinen Körper ansehen mag«, Sam brachte sich und seinen Köper voll in Pose, »dann muss ich doch ziemlich geil aussehen, oder!«

Pflichtgemäßes Gejohle drang aus der Umkleide und dem Duschraum. Sam wusste ganz genau, wann er mit einem möglicherweise auch dummen Scherz den Ernst aus seinem Monolog nehmen musste.

»Ok, im Ernst. Ich bin verdammt stolz darauf, dass wir Thimo in unserer Mannschaft haben. Und ich würde mich freuen, wenn ich ihn einen Bruder nennen dürfte.«

Sam sah Thimo an, seine Augen glänzten, als er seinen Blick senkte.

»Sam, du bist ein sentimentales Riesenbaby! Komm in meinen Arm, Bruder!«, wer aufmerksam hinsah, konnten den gleichen feuchten Glanz wie in Sams Augen auch in Thimos entdecken.

5.8. Fraktionsbildung im Duschraum

Sich gegenseitig in den Arm zu fallen war bei Sam und Thimo technisch unmöglich. Thimo war groß, Sam war größer - deutlich größer. Man beschränkte sich also darauf, sich gegenseitig die zu Fäusten geballten Hände aneinander zu klopfen.

»Du bist genauso krank wie diese Schwuchtel. Sam, das war dein Todesurteil! Du bist in dieser Schule ab sofort genauso ein Nichts wie der da!«

Brandon deutete deutlich angeekelt auf Thimo. Sam sagte nichts dazu, sondern schüttelte nur mitleidig seinen Kopf. Die Antwort bekam Brandon stattdessen von ganz anderer Seite.

»Hey, Thimo, Bruder?« - Rico Fernandes.

»Thimo du bist cool! Wollt ich eigentlich schon immer mal sagen!« - Jan Smith.

»Respekt, Thimo-Baby!« - Liam Sands.

»Ähm, das gilt auch für mich, aber nur, wenn ich Thimo keinen dafür blasen muss!« - Nick Henricson unter allgemeinem Gelächter.

»Spiele Football nur mit Leuten, die was von Bällen verstehen!« - Lee Wang Zsu.

Es wurden immer mehr, die auf Thimo einströmten und ihm die Hand reichten oder ihn in den Arm nahmen. Und allen war es völlig egal, dass er dabei nackt war oder dass sie selbst mehr oder weniger nackt waren und sich ihre Körper beim Umarmen, bei manchen auch etwas intensiver berührten. Wie Sam sagte, es war egal.

Allerdings nicht für Brandon und seine Leute. Er war schlau genug zu wissen, wann er verloren hatte und man den strategischen Rückzug antreten sollte.

»Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt.«

Mit diesem zahnlosen Eingeständnis einer Niederlage verließen Brandon und drei weitere Jungs den Duschraum, zogen sich wortlos um und verließen mit noch drei weiteren Typen den Umkleideraum.

Kaum hatten sie die Räumlichkeiten verlassen, schien die Stimmung regelrecht zu explodieren. Das erste Mal fühlte sich Thimo von der Mannschaft wirklich akzeptiert und respektiert, und zwar nicht nur als Spieler, sondern auch als Mensch. Sogar als offen Schwuler unter Heten. Vorher hatte man nie viele Worte mit ihm gewechselt, bestenfalls hatte man Fachgespräche über ein Spiel oder einen Spielzug geführt. Jetzt brachen die Fragen über Thimo wie eine Sintflut herein. Alle wollten mehr über ihn wissen. Woher er eigentlich kam. Ob er einen Freund hatte. Sogar wie es so ist, schwul zu sein. Ganz Mutige fragten sogar, wie Thimo denn ihre Körper finden würde. Typisch Heten halt.

Thimo nahm es zum Teil amüsiert, zum Teil war er aber auch gerührt. Irgendwo hatte man einen Nerv getroffen, aber es tat nicht weh, es wühlte ihn nur ungemein auf. Er beantwortete, was er konnte oder beantworten wollte. Man respektierte, wenn er zu manchen Dingen nichts sagte. So antwortete er auf die Frage nach einem Freund mit »Ja«, sagte aber nichts über Marcel. Er sagte, dass sein Freund nicht geoutet sei und dass er diese Entscheidung ihm selbst überlassen wollte.

Mit der Zeit hatte die Unterhaltung Partystimmung angenommen und zog sich über fast zwei Stunden hin. Schließlich lichtete sich der Umkleideraum dann doch. Als nur noch wenige Leute anwesend waren, erblickte Thimo plötzlich Scott. Er saß etwas abseits auf einer Bank und hatte während der ganzen Zeit kein einziges Wort gesagt. Er hatte nur still und leise die ganze Zeit alles aufmerksam beobachtet. Jetzt saß er einfach nur da und grinste in sich hinein. Als er bemerkte, dass Thimo ihn entdeckt hatte und ansah, lächelte er und antwortete mit einem amüsierten Kopfschütteln, packte seine Sachen und ging.

Ein paar Minuten später waren alle Leute bis auf Sam und Thimo gegangen. Sam hatte offensichtlich auf diesen Moment gewartet, er hatte noch etwas auf dem Herzen, wollte dies aber unter vier Augen klären.

»Thimo?«

»Ja?«

»Ich möchte mich für das vorhin entschuldigen.«

»Für was denn?«

»Dass ich dir vor allen Leuten einen geblasen habe. Man kann das eine Vergewaltigung nennen ...«

»Ja könnte man. Muss man aber nicht. Auf jeden Fall war es extrem. Warum hast du es getan?«

»Tja, warum eigentlich? Ich weiß auch nicht, was mich da geritten hatte. Aber dieser Arsch Brandon hat mich so aufgeregt, dass ...«

Sam seufzte.

»Mir fiel einfach nichts Besseres ein, um zu zeigen, was ich meine. Ich bin nicht gut mit Worten. Shit, ich bin auf dieser Schule, weil Skinner und die Schule mich wegen des Sports wollen. Ich bin schwarz, ein gottverdammter Niggerarsch und nicht gerade ein Intelligenzbolzen. Ich dachte einfach nur: ,Was ist das Absurdeste, was ich tun könnte?` Mann, ich bin ein Motherfucker. Ich liebe die Ladies. Ich mag ihre geilen Titten, ihre geilen Ärsche ... du weißt einfach nicht, was du da Gutes verpasst ...«

»Seh' ich nicht so ...«

»Hm, aus deiner Sicht hast du wohl Recht. Aber dir einen zu blasen, das war eine verrückte Idee. Brandon musste einfach ausflippen! Und den anderen konnte ich etwas zeigen ...«

»Ich weiß: Du bist nicht dadurch schwul, dass du einem anderen Typen einen bläst, du bist auch nicht dadurch hetero, dass mit einer Frau schläfst. Du bist das eine oder andere, weil du dich selbst so fühlst, so definierst. Du könntest tausend Schwänze lutschen und bleibst immer noch ein Motherfucker!«

»Right, baby!«, Samuel del Ray hatte wirklich etwas von einem Riesenbaby. Diese Dampframme von Mann hatte einen unheimlich weichen, emotionalen Kern. »Trotzdem, ich hätte es nicht tun sollen. Ich hab' dich nicht gefragt. Ich war zu selbstverliebt und wollte unbedingt Brandon in den Arsch treten. Und dann ... also ganz ehrlich, als ich dabei war. Es war geil. Du machst mich wirklich an. Aber ich hab' dabei vergessen, dass es auf deine Kosten ging. Es tut mir leid.«

»Es ist ok. Sam, es ist völlig ok. Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich bin nicht sauer. Ich war viel zu überrascht, als du plötzlich mein Teil im Mund hattest. Ab da hatte mein Gehirn auch schon ausgesetzt.«

Sam grinste: »Hat's dir gefallen?«

Thimo grinste: »Machst du Witze? Bin ich gekommen oder nicht? Was hast du vorhin runtergeschluckt? Klar hat es mir gefallen! Du hast das nicht zum ersten Mal gemacht, oder?«

Sam entblößte seine schneeweißen Kronen: »So ab und an schon mal, ja.«

»Was sagt denn deine Lady dazu?«

»Karren? Sie kennt mich. Ich glaub' sie würde' mir die Hölle heißmachen und meine Eier zum Frühstück verspeisen, wenn ich mit einer anderen Frau was anfangen würde. Aber mal einen Jungen zwischendurch ...«

»So so, ich bin also der Junge zwischendurch?«, Thimo konnte einfach nicht widerstehen.

»Öhm ... och, nö, du hast was Besseres verdient. Außerdem ... du hast einen Freund und ich weiß, dass du ihn liebst. Pass auf Marcel gut auf, er ist so empfindlich. Ich glaube, man hat ihm früher übel mitgespielt. Noch so ein Opfer von Scott und Brandon ... Thimo, Marcel braucht dich!«

Thimos Unterkiefer verlor seinen Halt und klappte herunter. Thimo wollte etwas sagen, brauchte aber drei Anläufe, um seine Worte über die Lippen zu bringen.

»Du weißt von mir und Marcel?«

»Nein, bis eben nicht. Du hast es jetzt gerade gesagt!«

»Scheiße Sam, das war ein mieser, alter Trick!«

»Und du bist drauf reingefallen. Keine Angst, euer kleines Geheimnis ist bei mir gut aufgehoben. Ich geb's zu. Ich wusste es nicht, aber ich ahnte es. Auch, dass du schwul bist.«

»Woher? Ich trage keine rosa Söckchen oder pinke Hosen und näseln tu ich auch nicht!«

»Nein, tust du nicht. Du tust eine ganze Menge nicht!«

»Oh-Ohhh! Was hab' ich denn nicht getan?«

»Dir die Schwänze der anderen Jungs angesehen! Mann, wir sind doch alle neugierig, wer das längste Werkzeug hat. Also wird beim Duschen geglotzt, was das Zeug hält und natürlich verglichen. Doch wer schaute immer krampfhaft weg? Bingo, Thimo unser Superheld! Oder in der Umkleide. Der Raum ist eng, man rempelt sich zwangsläufig zufällig an, ok, manchmal auch weniger zufällig. Und wer achtet peinlich genau darauf, dass ihm das nicht passiert? Bingo, du Baby!«

»Ach, und deswegen bin ich schwul.«

»Nö, deswegen nicht. Aber so wie du Marcel in die Augen schaust, so wie ihr zwei euch in die Augen schaut, und vor allem so, wie ihr euch ab und zu ganz zufällig berührt ... schon merkwürdig. Hier hattest du panische Angst vor Blick- und Körperkontakt, aber bei Marcel ... ich hab's sofort erkannt. Weißt du, mein großer Bruder, der ist 8 Jahre älter und lebt schon ewig mit einem Mann zusammen, die sehen sich beide genau so an wie du und Marcel ...«

»War das wirklich so offensichtlich?«

»Nö, eigentlich nicht.«

»Dein Bruder ist schwul?«

»Yap!«

»Cool!«

»Nee, nicht cool. Er ist ein Nigger wie ich. Nigger nix gut für weißen Massa! Schwule Nigger am besten aufknöpfen an Baum!«

»Nigger? Das ist aber kein politisch korrekter Ausdruck.«

»Nope! Das siehst du ganz falsch. Wenn du Nigger sagst, bist du ein scheiß weißer Rassist, wenn ich das sage, ist das cool. Verstanden?«

»Yap, du bist ein schwarzer Rassist!«

»Ey, Baby, du hast es wirklich begriffen. Respekt!«

»Danke für die Blumen! Und was passiert jetzt?«

»Och, du hast heute 'ne Menge Freunde gewonnen. Und, Baby, du wirst sie verdammt noch mal brauchen.«

»Hoppla, wofür denn das, mein großer, schwarzer Freund?«

»Brandon ...«

»Ach ja!«

»... und Amber ...«

»Der besten Freundin des hiesigen Alkoholladens.«

»... und Ray van Geldern.«

»Wer?«

»Unser Chefnazi und Oberrassist.«

»Ach der! Ist der ein Problem?«

»Ja! Ein echter Überzeugungstäter. Glaubt an die Überlegenheit der arischen Rasse. Sowas wie wir beiden, ein Nigger und ein Schwanzlutscher, gehören ja eigentlich ausgemerzt.«

»Ach, was du nicht sagst. Und sowas darf man so einfach als Meinung verbreiten?«

»Wir sind ein freies Land. Willkommen in den U.S.A., wo jeder hirnamputierte Idiot seinen Schwachsinn verbreiten darf. Es sei denn, es gefährdet wirtschaftliche Interessen. Aber das ist bei den van Gelders eher nicht der Fall. Papa van Geldern ist ein reinrassiger Bure, sprich weißer Südafrikaner, der unter dem Apartheitsregime von van den Clerk so richtig zu Kohle gekommen ist. Als dann Mandela an die Macht kam, entschied er sich, doch lieber auszuwandern. Sozusagen ein ,politischer Flüchtling`!«

»Du scherzt?«

»Nein. Sohnemann Ray hat den Rassismus quasi mit der Muttermilch aufgenommen. Offiziell gelten die van Gelderns in den höheren gesellschaftlichen Kreisen Portlands als die indiskutabelsten. Unter der Hand sympathisiert man mit ihnen. Mein Paps ist Arzt mit einer recht gut laufenden Privatklinik. Er wurde nicht in den Country Club aufgenommen, Hank van Geldern schon. Rate mal wieso?«

»Dein Paps hat zu viele dunkle Hautpigmente? Babe, du bist genauso ein Zyniker wie Rob.«

»Wirklich? Ich kenne Rob, netter Kerl.«

»Und was ist mit Brandon? Wieso hat der soviel Macht? Ich denke, er ist noch gar nicht lange auf dieser Schule?«

»Das stimmt soweit. Ich habe gehört, dass er vorher auf einer sehr exklusiven Privatschule war. Er soll dort aber rausgeflogen sein. Warum weiß ich nicht genau. Es gibt aber das Gerücht, dass er nicht ganz unschuldig an dem Selbstmord eines Schülers sein soll.«

5.9. Das Ende der Welt

Rügen

»Er hat was?«, damit hatte ich jetzt nicht gerechnet. Wenn ich dachte, dass meine Laune schon auf dem absoluten Nullpunkt angelangt war, dann wurde ich soeben eines besseren belehrt. Es ging noch tiefer.

»Sven hat seine Sachen gepackt, sich das letzte funktionsfähige Fahrrad geschnappt und ist weg.«

Dirk war sachlich. Wenn er sauer auf uns vier war, dann ließ er es sich nicht anmerken.

»Wo kann er denn hin sein?«

»Zum Bahnhof.«

»Und warum laufen wir ihm nicht hinterher. Der nächste Zug wird doch wohl nicht in den nächsten 20 Minuten kommen.«

»Zum Ersten braucht man zu Fuß mindesten 45 Minuten und zum Zweiten hat er einen Vorsprung 15 Minuten und zum Dritten fährt der nächste Zug bereits in einer halben Stunde, was 30 Minuten sind und viertens hat er uns eine Nachricht hinterlassen.«

»Was steht drin?«

»Ich lese es besser vor:«

Hallo Leute,

ob ich Euch noch Freunde nennen kann, weiß ich nicht. Es tut mir leid, Euch so zu verlassen, aber ich konnte nicht bleiben. Nicht nachdem, was vorgefallen ist. Ich gehöre nicht hierher. Nicht mehr. Vielleicht ist es auch gut so. So habe ich Zeit, mir selbst über ein paar Dinge klar zu werden. Zum Beispiel was Freundschaft ist und sein soll. Auf Freundschaft, so wie ihr sie versteht, habe ich keine Lust. Ich hatte gedacht, ihr würdet mich respektieren, meine Grenzen respektieren. Aber darin habe ich mich offensichtlich getäuscht. Eigentlich tut es mir nicht leid, Euch verlassen zu haben. Ich bin sogar froh darüber. Werdet glücklich in Eurem Dreck, aber werdet es ohne mich!

Sven

PS: Das Fahrrad schließ ich am Bahnhof an. Ersatzschlüssel liegt auf diesem Brief.

»Was soll das?« Sven hatte Tim, Kuki, Holger und mich beim gemeinsamen Sex erwischt. Gut, das war keine wirklich intelligente Aktion von uns gewesen. Aber dass Sven deswegen dermaßen ausrasten würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Meine Laune sackte noch etwas tiefer und stellte damit einen neuen Tiefsttemperaturrekord auf.

»Könnte mir jemand mal erklären, was passiert ist?«

Wir saßen alle zusammen in der Küche. Nico, Dirk, Biene, Nina und die vier kleinen Sünder. Biene hatte Dirk bereits aufgeklärt. Nina und Nico wussten bisher nur, dass Sven abgehauen war. Nico wirkte verstört. So forsch und draufgängerisch er sonst auch immer auftrat, war Nico doch total harmoniesüchtig. Nina hingegen nahm die ganze Sache recht locker und unberührt auf. Eigentlich erstaunlich, schließlich waren sie und Sven doch zusammen.

Holger erklärte, was geschehen war. Er drückte sich sehr vorsichtig aus. Seine Beschreibung war ausgesprochen blumig und verschlungen. Das hätte er sich auch sparen können. Nico traf wie immer den Nagel auf dem Kopf.

»Ihr vier habt es miteinander im Schwimmbad getrieben und Sven ist mitten rein geplatzt. Stimmt's?«

Kuki grinste sarkastisch: »Ja!«

»Ok, er ist weg. Kann man nicht ändern ... was machen wir jetzt?«, Nina schien die Sache für sich abgehakt zu haben.

»Moment mal, er ist doch dein Freund?«

»Ein schöner Freund, der mich hier sitzen lässt und sich einfach verpisst. Kommt jemand mit schwimmen?«

Alle sahen Nina entgeistert an.

»Niemand? Auch gut. Dann palavert mal schön weiter. Bringt aber eh nix. Ich geh' jedenfalls schwimmen!«

Sie stand auf und ging. Einfach so. Wir saßen da und schauten ihr fassungslos nach. Einfach so.

Wir palaverten nicht weiter. Wir waren sprachlos. Ich fühlte mich schlecht, sauschlecht. Mir war regelrecht übel. Ein fetter Kloß hing in meinem Hals und ließ sich nicht runterschlucken. Aber das Schlimmste war: Ich fühlte mich schuldig.

Den anderen drei schien es ähnlich zu gehen. Obendrein schienen Dirk und Biene sich unserer Einschätzung der Lage anzuschließen, auch sie hielten uns für schuldig.

Na super! Das hatten wir ja perfekt hinbekommen.

Was Nico dachte, blieb hingegen ein Rätsel. Er erweckte den Eindruck, über etwas zu grübeln. Worüber, sagte er uns nicht. Das Einzige, was, er sagte war, dass er uns zwar für sexhungrige Ungeheuer hielt, dass das aber nicht der ausschlaggebende Grund für Svennis Flucht sein könnte. Ich hoffte, dass Nico damit Recht hatte, obwohl ich seiner optimistischen Einschätzung der Lage nicht unbedingt folgen mochte.

»Ok, das war„s wohl ... ich geh' in mein Zimmer ...«, Kuki, die Fröhlichkeit in Person, sah fertig aus. Müde, grau und traurig. Er stand auf und schlurfte gefolgt von Holger energielos von dannen. Tim und ich taten es ihnen gleich und schlurften in unser Zimmer.

»Ich versteh' Sven nicht. Warum hat er diesen Brief geschrieben?«, mir ging das alles nicht aus dem Kopf. Ich konnte an nichts anderes mehr denken.

»Svenni, komm her«, Tim hatte sich aufs Bett gelegt und sah mich an.

»Tim, jetzt nicht - ich versteh einfach nicht, was in ihn gefahren ist. Das passt doch gar nicht zu ihm.«

Mir ging der Wortlaut von Svens Brief nicht aus dem Sinn. Irgendetwas daran war merkwürdig.

»Svenni bitte, komm zu mir. Halt mich ...«

Tim nervte und lenkte mich von meinen Überlegungen ab. Ohne es zu wollen, fühlte ich mich gereizt.

»Tim, das ist jetzt wirklich nicht der richtige Moment dafür - ich glaube, Nico hat Recht, da steckt mehr dahinter. Es klingt, als wenn sich für ihn etwas bestätigt hätte, als er uns zusammen sah. «

Ich überlegte. Sven hatte sich in letzter Zeit verändert. Nicht viel, aber doch spürbar. Er war zurückhaltender geworden, ernster und auch etwas reserviert. Das erste Mal war es mir bei unserem Treffen zu unserem Deutschprojekt »Schwule Jungs« aufgefallen, als er mit Kuki rumgealbert hatte.

»Sven, bitte ...«

»Wie kannst du jetzt an Sex denken?«

Ich wollte es nicht. Tim hatte mich aus meinen Gedanken gerissen. Ich verlor die Beherrschung und brüllte ihn an.

Es wurde schlagartig still. Tim sah mich entsetzt an, ich sah ihn entsetzt an. Was hatte ich getan? Tims Augen wurden feucht. Ich dachte nicht nach. Der Schreck über meine Entgleisung schaltete meine Gedanken kurz. Ich drehte mich um, schnappte mir noch ein Kapuzensweatshirt und rannte aus dem Zimmer und aus dem Haus. Ich rannte, rannte und rannte. Ich rannte den Rasen herunter. Ich rannte am Strand entlang. Ich rannte ... ich wusste nicht mehr, wohin ich eigentlich rannte. Ich rannte, bis mir schließlich die Puste ausging.

Seitenstiche. Tränen. Regen. Schweiß.

Ich ließ mich auf den Boden sinken. Sand. Ich hockte im Sand. Ich blickte auf, wischte mir die Nässe aus den Augen und sah mich um. Ich war am Strand. Es schiffte Bindfäden. Ich drehte mich um, doch das Haus war nirgends zu erkennen. Ich war alleine. Ein menschenleerer Strand im Regen.

»Verdammt! Was hab' ich heute nur angerichtet? Svenni? Timmy? Es tut mir leid!«

Niemand antwortete. Die Wellen der Ostsee schlugen an den Strand und liefen aus. Der Regen prasselte leise auf dem Wasser und dem Strand. Alles war grau. Der Himmel war grau, der Horizont war grau, der nasse Strandsand war grau und sogar das Meer wirkte grau. Alles war so grau, wie ich mich fühlte.

Langsam, mit hängendem Kopf stand ich auf und ging ein paar Schritte den Strand bis zum Beginn einer Wiese hinauf. Dort hockte ich mich an den Anfang der Grasnarbe und wartete auf das Ende der Welt.

Es wollte nicht kommen.

5.10. Fieberwahn

»Sven?«

Ich zuckte zusammen. Einen Augenblick lang wusste ich nicht, wo ich war. Dann fiel es mir wieder ein. Ich hatte Timmy angebrüllt und war daraufhin weggerannt. Nach einer Weile planloser Rennerei war ich hier gestrandet, hatte mich hingehockt und musste wohl eingepennt sein. Ich hatte mich unter der Kapuze meines Sweatshirts verkrochen, hockte im nassen Sand und hatte wie ein Idiot meine grenzenlose Doofheit beheult. Alles in allem hatte ich mich wie eine erbärmliche, in Selbstmitleid aufgehende Schwuchtel (im negativsten Sinn, den ich mir auch nur vorstellen konnte) aufgeführt. Ich war einfach jämmerlich. Und so fühlte ich mich auch.

Ich hatte meinen Schwanz nicht unter Kontrolle halten können und bekam die Quittung dafür gleich doppelt präsentiert. Sven I hatte genug von uns und Tim hatte ich durch meine selbstgerechte Art in den Arsch getreten. Dieser Ostseeurlaub war ein Traum - ein Albtraum!

»Svennie?«

Eine Stimme? Stimmt, ich hatte ganz vergessen, dass mich eine Stimme aufgeschreckt, respektive aus einem Tagtraum zurückgeholt hatte.

»Nico?«

Noch leicht benommen lugte ich unter meiner Kapuze hervor. Sie war inzwischen völlig durchnässt und, wie ich in gleichen Moment bemerkte, meine restlichen Klamotten ebenfalls. Und wo ich schon dabei war, die Nässe meiner Kleidung zu bewundern, konnte ich auch gleich nebenbei zur Kenntnis nehmen, dass mir saukalt war. Ich schlotterte vor Kälte, meine Zähne klapperten, Hände, Füße, Arme waren völlig gefühllos.

»Mein Gott, Svenni, was machst du hier. Shit, du bist ganz bleich. Deine Lippen sind blau.«

Nico berührte mich, obwohl ich seine Berührung kaum spürte.

»Du bist eiskalt. Wir müssen dich sofort ins Warme bringen.«

Gepriesen sei der Erfinder der Pre-Paid-Card, die auch den Kurzen und Kleinen dieser Welt die Segnungen der modernen Telekommunikation ermöglichten. Dieser Kurze, Nico sein Name, hatte sein Handy von Oma bekommen. Oma war die Beste. Denn Papa (man erinnert sich an den Parteibonzen mit dem gestörten Verhältnis zur eigenen Ethik) durfte davon natürlich nichts wissen. Oma konnte schweigen wie ein Grab.

Nachträglich machte ich meine Unterkühlung dafür verantwortlich, damals war ich einfach zu benommen, um mitzubekommen, was eigentlich passierte. Ich kann mich nur daran erinnern, dass ich Nico immer mehr wie durch einen weißen Nebel sah. Im gleichen Maß, wie der Nebel vor meinen Augen dichter wurde, veränderte sich auch Nicos Stimme. Zuerst war sie noch nah, doch schien sie immer mehr aus weiter Ferne zu mir durchzudringen. Und von einem gewissen Moment an war die Welt nur noch in Bruchstücken vorhanden.

»Er ist völlig unterkühlt. Wir müssen ihn ins Haus bringen«

»Wir tragen ihn alle zusammen.«

»Einen Arzt, wir brauchen einen Arzt!«

»Keinen Arzt. Wir dürften hier ohne Eltern gar nicht alleine sein.«

»Sven, bleib bei mir!«

»Los, massiert ihn. Sein Kreislauf muss wieder in Gang kommen. Wir fahren die Sauna ganz langsam hoch.«

Filmriss - Kälte - Hitze - Fieberwahn

Gesichter? Doch welche waren real und welche entsprangen meinem fiebergeschüttelten Kopf?

»Fragen Sie doch Sven und Tim, die nehmen den Vorschlag bestimmt wärmstens an!«

Gesichter mit fiesem Grinsen. Hämische Gesichter. Hassende Gesichter.

»Ihr fantasiert doch! Mein Gott, die halbe Welt ist doch inzwischen schwul.«

Das war eine Erinnerung. Das war nicht jetzt.

»Ich halte das wirklich für eine blöde Idee. Ihr liefert den Arschlöchern doch nur Munition!«

Das war Vergangenheit.

»Warum vertraust du mir dann nicht?«

Thimo?

»Warum hast du mir nie erzählt, dass du schwul bist?«

Thimo, ich habe dir immer vertraut. Immer!

»Es ist nur eine Münze! Ihr Wert ist nur materiell! Du bist es nicht, deinen Wert kann man nicht in Euro ausdrücken. Ich liebe dich! Und ich brauche dich! Mehr als du dir vorstellen kannst. Du hast mich befreit, ich beginne erst jetzt langsam zu ahnen, wie sehr ... deswegen, bitte, nimm mein Geschenk an.«

Timmy? Oh, Timmy, was hab ich bloß getan?

»Na, geht es wieder?«

Je nachdem, wie man es sah. Einerseits schien mein Fieber verschwunden zu sein. Andererseits hatte ich Kopfschmerzen und einen bitteren Geschmack im Mund. Obwohl ich gerade aufgewacht war, fühlte ich mich müde. Die Augen zu öffnen war ein regelrechter Kraftakt.

»Ouhh, wer hat meinen Schädel mit einem Vorschlaghammer bearbeitet?«

»Niemand, aber man hätte es tun sollen. Vielleicht hätte man dir etwas mehr Verstand in den Schädel hämmern sollen, mein Sohn!«

»Mama?«, so langsam realisierte ich, dass die Person, die da mit mir sprach, meine Mutter war, »Was machst denn du hier?«

»Ja danke, ich freu mich auch, dich zu sehen.«

»Mami, bitte, du weißt, dass ich mich freue.«

Das tat ich wirklich.

»Ok, die Kurzfassung. Wir haben zu Hause, hm, sagen wir mal beschädigte Sachen gefunden, an denen unfreundliche Bemerkungen über dich und deinen, ähm, Lebensstil hingen.«

»Du meinst, dass ich schwul bin?«

»Hm, ja. Ich hab mit dem Wort immer noch etwas Schwierigkeiten. Zu meiner Zeit war das noch ein Schimpfwort.«

»Ist es immer noch. Aber nur, wenn die anderen es verwenden. Wer würde sich schon selbst beschimpfen?«

»Is' ja gut. Also, wir machten uns natürlich Sorgen. Wir haben auch mit Dirks Eltern gesprochen. Kukis Eltern sind wohl im Urlaub. Jedenfalls waren die Beschädigungen nur bei uns. Wir haben sofort hier angerufen und Sabine hat mir mit etwas nachbohren erzählt, dass ihr das Gleiche auch hier erlebt habt ... Sven, warum hast du nicht angerufen?«

»Weil du dann sofort hergekommen wärst und weil wir das unter uns klären wollten.«

»Dickkopf!«

»Nein, eigentlich nicht. Als wir noch auf Fehmarn wohnten, haben wir unsere Streitereien immer untereinander geklärt. Das weißt du! Du und Paps habt uns das ja auch immer eingebläut: ,Klärt das unter euch!` Oder erinnere ich mich da falsch?«

»Sven, belehre mich nicht. Natürlich sollt ihr Streitereien unter euch ausmachen. Aber sowas ist etwas völlig anderes! Dein Mast. Kukis Fahrrad. Das hätte sehr gefährlich werden können. Lebensgefährlich, mein Sohn!«

»Ja«, sie hatte Recht und ich wurde kleinlaut, »aber ...«

»Aber was?«

»Wir müssen das trotzdem unter uns klären. Es geht dabei ums Prinzip. Wenn wir jetzt zu unseren Eltern rennen und die womöglich die Bullerei holt, dann lachen sich diese Arschlöcher doch scheckig. ,Seht euch diese Schwulen an! Rennen zu Mama!` Du weißt, dass ich Recht habe.«

»Könntest du dich etwas gewählter ausdrücken? Das mit den Arschlöchern will ich noch gelten lassen. Aber Polizisten Bullen nennen darfst du erst, wenn dich ein Wasserwerfer auf einer Demo über die Straße gefegt hat.«

Ich musste Lachen. Typisch Mum. Das hat man nun davon, wenn man eine Mutter hat, die in den 80igern wohl so ziemlich auf jeder Anti-AKW-Demo war. Noch heute erzählt sie immer wieder mit Stolz, wie sie von Hubschraubern bei einer Anti-Brockdorf-Demo über die Wilster-Marsch gejagt wurde. Der damalige Innenminister von Schläfrig-Holstein wurde später Ministerpräsident. Als solcher endete er ein paar Jahre später in einer Schweizer Hotelbadewanne.

»Mami?«

»Ja?«

»Ich bin froh, dass du da bist ...«

Meine Mutter seufzte.

»Ich war schon auf dem Weg und wollte mit euch wegen der Sache mit der Sabotage sprechen. Aber als ich hier ankam ... du hast mir einen richtigen Schrecken eingejagt. Du warst völlig unterkühlt. Wir haben einen Arzt holen müssen. Was hast du dir dabei eigentlich gedacht, aus dem Haus zu rennen und im eiskalten Regen zu sitzen?«

»Hat man es dir nicht gesagt?«

»Nein, was gesagt?«

»Ich habe Mist gebaut. Etwas getan, was ich besser nicht hätte tun sollen ...«

»Und?«, Mum wusste immer, wenn ich nur die halbe Wahrheit erzählte.

»Ich hab' meinen Ärger über mich an Tim ausgelassen ...«

»Nun, das ist ein Grund. Und jetzt?«

»Das weiß ich nicht. Hm, ich kann mir nicht denken, dass er noch mit mir reden will. Ich hab' ihn verletzt ... seelisch.«

»Kind, bist du kompliziert!«, meine Mum drehte sich um und ging zur Tür. »Timmy. Du kannst jetzt reinkommen. Der Dickkopf ist wach. Er vermutet, dass du nie mehr mit ihm reden willst ... Mann, hab' ich ein Glück, dass ich keine 16 mehr bin ...«

5.11. Konsequenzen und Erkenntnisse

Zur gleichen Zeit irgendwo in Berlin

»Warum habt ihr das getan?«

»Was?«

»Warum habt ihr Svens Surfsegel angesägt? Er hätte bei der Aktion draufgehen können!«

»Ist er aber nicht, oder? Also, reg' dich ab!«

»Ich soll mich abregen? Ich soll mich abregen? Das war so nicht abgemacht ...«

»Ach nein? Wer wollte denn ,den Typen, die sich für was Besseres halten` einen Denkzettel verpassen?«

»Einen Denkzettel, aber keinen Anschlag auf ihr Leben! Kuki hat sich tierisch auf die Schnauze gepackt, als sein Bike durchbrach. Könnt ihr euch vorstellen, was los ist? Wenn sich einer von denen richtig verletzt hätte? Was dann? Die rufen noch die Bullerei!«

»Du sollst dich abregen! Es ist nichts passiert, oder? Sie haben unsere netten kleinen Liebeserklärungen erhalten und sind vorsichtig. Also, was willst du?«

»Scheiße, ich hätte mich auf das alles nicht einlassen sollen.«

»Hast du aber! Und jetzt hängst du mit drin. Oder siehst du das anders?«

»Nein, aber ...«

»Du willst doch wohl nicht aussteigen? Komm bloß nicht auf dumme Ideen. Du weißt, was dann passieren würde ...«

»Nein, ich steig' nicht aus.«

»Ok. Ich glaub dir ... vorläufig! Denn bedenke: Ob wir Svens Mast angesägt haben oder du es selbst getan hast, ist faktisch völlig egal. Es kommt aufs Gleiche raus ... außerdem ... was willst du? Ist nicht genau das eingetreten, was du befürchtet hast?«

»Ja, es ist ...«

Sven I fühlte sich schlecht. Es war alles so passiert, wie er vermutet hatte. Oder genauer, wie er immer befürchtet hatte.

Er hatte das Fahrrad genommen, war im Regen bis zum Bahnhof gefahren, hatte eine Karte bis Berlin gelöst, auf den Zug gewartet und war schließlich eingestiegen. Der Zug fuhr ab. Der Bahnhof blieb zurück und mit ihm die Erinnerung an ... Freundschaften?

Die Fahrt verging, ohne dass sich Sven an Einzelheiten erinnern konnte. Einmal war er umgestiegen. Stralsund? Schon möglich.

Das Einzige, was ihm von der Fahrt in Erinnerung geblieben war, war ein Gefühl von Leere. Eine Leere, die sich mit jedem Kilometer, den er Berlin näher kam, stärker wurde. Er hatte diesen letzten Schritt für einfacher gehalten. Schließlich hatten sie das alles zu verantworten. Sie, das waren Dirk, Sabine, Kuki, Holger und Sven II. Sven! Warum musste dieser Typ auch den gleichen Namen tragen? Warum war Sven I vor drei Monaten auch auf Katja eingestiegen und hatte diesen Typen, zu sich und seinen Freunden kommen lassen?

Seine Freunde. Damals waren es noch seine Freunde. Doch dieser andere Sven hatte alles verändert.

Oh, man konnte Sven II nicht wirklich etwas vorwerfen. Es fällt sogar schwer, ihn nicht zu mögen. Der Gedanke, ihn zu hassen, war geradezu abwegig.

Sven I hatte es versucht.

Es funktionierte nicht.

Sven II war alles, was man gerne sein wollte und noch ein kleines Stückchen mehr. Der perfekte Freund. Aber genau das machte ihn so penetrant. Und genau das brachte Sven I zur Weißglut. Sven II war freundlich, nett, höflich, lieb, großzügig, gerecht, nachgiebig, besonnen, fair, edel, nobel, strahlend ... alles im allem also einfach widerlich!

Er war ein Heiliger. Es fehlte nur der Heiligenschein. Sven I versuchte es mit Neid, aber auch das klappte nicht. Wie soll man auf jemanden neidisch sein, der alles ohne Aufforderung mit einem teilte? Der zwar über Geld verfügte, der damit aber nicht angab, dem das sogar eher unangenehm war. Aber exakt das, diese unerträgliche Gutmenschart drehte Sven I den Magen um.

Das war das Eine.

Das andere waren Gefühle, die Sven I noch nicht bereit war, sich einzugestehen. Vor allem zwei Gefühle: Einsamkeit und Verletztheit. Dirk und Biene, Sven II und Tim, und sogar Kuki und Holger hatten sich gefunden. Doch was blieb für ihn? Nina?

Nun, Nina war ein nettes Mädchen. Auf ihre Art wirklich toll. Er kannte eine ganze Reihe Leute, die ihn um Nina beneideten. Aber für Sven I war diese Beziehung das Produkt purer Verzweiflung gewesen. Sven I empfand freundschaftliche Gefühle für Nina, aber damit hatte es sich auch schon. Schmusen, Knutschen und ein bisschen Fummeln. Es war ... nun ja ... nett. Mehr nicht. Aber dieser spezielle Kick, diese Schmetterlinge im Bauch, das Glänzen der Augen, das leidenschaftliche Glühen der Körper, all diese Dinge fehlten. Sven fühlte sich schuldig; schuldig gegenüber Nina.

Noch ein Grund, warum er Rügen verlassen hatte. Er konnte Nina nicht mehr in die Augen sehen, ohne...

Sven II war schuld! Er musste einfach schuld sein! Wer den sonst? Er hatte Sven dazu gebracht mit Nina ...

Sven I dachte nicht weiter. Die Einsamkeit fraß an seiner Seele wie ein Krebsgeschwür.

Wann fing es an?

Sven dachte nach. Es war ein schleichender Prozess gewesen. Entfremdung, das war das Wort, was es noch am besten beschrieb. Er hatte sich von seinen Freunden entfremdet - oder sie von ihm? Wer kann das genau sagen?

Erst waren es nur Biene und Dirk. Sabine, warum ausgerechnet Dirk? Warum vorher Tim? Warum nicht ich? Dirk war ein Konkurrent gewesen, ohne es zu wissen. Nun, Biene war glücklich. Das war die Hauptsache.

Lüge - Selbstbetrug. Natürlich war das nicht die Hauptsache. Sven konnte die Narbe auf seiner Seele deutlich spüren. Aber er und Dirk ... das war eine Freundschaft, die länger bestand als alles andere. Eine Freundschaft, die fester war, als das Band zwischen Dirk und Biene. Sven akzeptierte seine Rolle. Was blieb ihm übrig?

Aber dann kam dieser Inselboy - der blonde Sven aus dem hohen Norden.

Dieser andere Sven war wie ein Keil. Er schob sich zwischen ihn und seine Freunde. Tim, sein Tim, der Traum aller Frauen, diesen Tim nahm er sich und damit Sven I weg. Nein, er hatte keine erotischen Gefühle für Tim. Es war nichts körperliches. Sven I war nicht schwul. Zumindest ging er bisher davon aus, dass er es nicht war. Aber er liebte Tim. Er war verdammt nochmal sein Freund! Sein bester Freund!

Aber Tim veränderte sich unter Sven II. Er blühte auf. Er war glücklicher, fröhlicher und freier als je zuvor. Aber nicht für Sven I und vor allem: nicht durch Sven I -Entfremdung

Die Kette setzte sich fort: Kuki, Holger und sogar Nico. Alle orientierten sich an Sven II. Wenn er ihn dafür doch wenigstens hassen könnte.

Einsamkeit - Ausgeschlossenheit.

Sven I hatte mit Homosexualität nie Probleme gehabt. Er hielt sich für modern, liberal, offen, tolerant. Jeder nach seiner Façon. Sind Schwule heute überhaupt noch ein Thema?

Im Endeffekt war es für Sven I dann doch ein Thema. Ihn störte nicht, dass sich zwei Jungs küssten oder miteinander schmusten. Ihn störte, dass Tim und Sven II miteinander küssten und schmusten! Sven I fühlte sich ausgeschlossen. Beiseite geschoben. Er war nicht mehr der Freund, geschweige denn der beste Freund. Er war nur noch ein Freund ... Leere und Einsamkeit

Einsamkeit führt zur Verbitterung und Verbitterung führt zu ... Fehlentscheidungen.

Es führte zu Fehlentscheidungen, die Sven I inzwischen bereute. So sehr er sich zwang, die Schuld an seiner Fehlentscheidung anderen zuzuschieben, es gelang ihm nicht. Neben der Einsamkeit und Verbitterung gesellten sich jetzt auch noch Schuld- und Schamgefühle zu Svens Stimmungscocktail.

Wie konnte es zu dieser Fehlentscheidung kommen? Wie hab' ich es nur soweit eskalieren lassen können? Ich will doch nur meine Freunde zurückhaben!

Die Fehlentscheidung. Eines führte zum anderen. Sven hatte seine dunklen Gefühle tief in seiner Seele vergraben. Er versteckte sie so gut er konnte. Nach Außen: die personifizierte gute Laune. Nach Innen: ein dunkler, tiefer Abgrund.

Aber das Versteck für Svens dunkle Seiten war nicht perfekt. Andere Leute, keine Freunde, Personen, die niemals Freunde seien könnten, witterten wie Spürhunde Svens Leiden. Sie nahmen vorsichtig Kontakt auf. Es kam zu ein paar unverfänglichen Plaudereien. Man wurde lockerer. Man wurde offener. Man verlor ein klein wenig die gebotene Zurückhaltung.

»Na, du scheinst ja ganz dick mit dem Inselboy zu sein. Ist der wirklich so ein cooler Typ, wie alle sagen?«

»Ja, ist er. Irgendwie ...«

»Na das klingt ja nicht gerade begeistert.«

»Nee, der ist schon ok.«

»Komm, du kannst uns nichts vormachen. Du hast doch irgendwas ...«

Der Anfang war gemacht. Die anderen hatten kleine Löcher in Svens Schutzhülle gebohrt und entdeckten, was sie suchten: ein Werkzeug gegen ihren Feind, Sven II. Denn Sven II war ihr Feind. Er sah gut aus. Er war beliebt, beliebter als sie selbst, er war besser als sie und vor allem: Er war schwul. Das waren Gründe genug, um Sven II zu hassen. Und was man hasst, das muss man vernichten und Sven I sollte ihr Vernichtungswerkzeug sein.

Die Methode war so einfach wie effektiv. Es genügte völlig, Svens Frust vorsichtig zu bestätigen und gelegentlich auf die richtigen Knöpfe zu drücken. Ohne es wirklich zu bemerken, sackte Sven immer tiefer in seine Depression. Seine Einsamkeit wurde immer unerträglicher. Die Entfremdung nahm immer stärker zu. Schließlich war Sven I reif. Er war reif, um als Waffe eingesetzt werden zu können.

Sie wollten Svenni II und Co. nur einen kleinen Streich spielen. Einen Denkzettel. Nichts Ernstes. Alles ganz harmlos. Später würden alle darüber lachen. Ganz bestimmt! Sven I sollte nur dafür sorgen, dass sie, die anderen, Zugang zum Urlaubsgepäck bekämen. Um den Rest bräuchte er sich nicht zu kümmern.

Nur ein kleiner Scherz - ein Denkzettel!

Aber es war viel mehr gewesen, als ein kleiner Scherz. Es war ein Attentat gewesen. Kuki, Sven II, Holger, Nico oder Tim. Sie hätten massiv zu Schaden kommen können. Sie hätten sogar ...

Sven I wollte daran nicht mehr denken. Gleich nachdem er in Berlin angekommen war, war er zu den anderen gegangen. Er wollte sie zur Rede stellen. Er wollte sie anklagen. Er wollte ihnen die Meinung sagen.

Aber stattdessen gab es nur eine ernüchternde Erkenntnis: Er konnte seine Schuld nicht leugnen. Er hatte den Denkzettel genauso gewollt, wie die anderen auch.

Traurig, desillusioniert und völlig leer schleppte sich Sven I nach Hause. Erst jetzt begriff er, dass er benutzt worden war. Dass man seine Wut für eigene Zwecke missbraucht hatte. Und jetzt, nachdem er seinen Zweck erfüllt hatte, war er überflüssig, einfach lästig mit seinen Skrupeln.

Die Erkenntnis traf ihn wie ein Donnerschlag. Er hatte keine Freunde mehr. Keine alten Freunde, denn die hatte er verraten und keine neuen Freunde, denn die hatten ihn verraten.

Sven I hatte alles verloren. Und war allein ...

5.12. Die Sorgen des Prinzipals

Portland

»Oh Mann, hat er das wirklich getan? Vor allen anderen?«

Marcel wollte Thimos Schilderung der denkwürdigen Ereignisse in den Männerduschräumen der Liberty High einfach nicht glauben. Sie lagen aneinandergekuschelt in Thimos Bett und betrachteten die Decke.

»So wahr ich hier stehe. Samuel del Ray hat mir vor allen Jungs einen geblasen!«

»Oh, wär ich doch dabei gewesen!«

»Danke, mir waren schon zu viele Leute anwesend. Die Situation war nicht wirklich erotisch. Und dich hätte ich mir da wirklich als Letztes gewünscht ... ähm, so mein ich das natürlich nicht ... na, du weißt schon ... es wär mir einfach unangenehm dir gegenüber.«

»Ich weiß, was du meinst. Trotzdem, ich hätte zu gerne dein Gesicht ...«, Marcel brach in einen Lachkrampf aus, rollte sich auf den Bauch und prustete ins Kopfkissen.

»Ha, ha, ha. Du bist mir ein schöner Liebhaber. Willst deinen Schatz einem Riesen hilflos ausgeliefert sehen. Sadist!«

»Ja!«, Marcel war immer noch am Kichern und Prusten. »Will ich! Und vor allem hätte ich Brandons Gesicht gerne gesehen!«

»Oh, das war in der Tat sehenswert. Ich dachte, gleich fliegen ihm die Augäpfel raus.«

»Hat er Stress gemacht?«

»Nö, hat er nicht. Nicht mehr als üblich.«

Marcel stellte sein Kichern ein und wurde ernst.

»Und Scott ...«

Thimo fuhr sich mit den Händen über seine Arme, um eine aufkeimende Gänsehaut glatt zu streichen: »Scott? Nichts ... er hielt sich zurück. Sprach kein Wort. Er beobachtete die ganze Szene ohne sich einzumischen. Er gefällt sich in der Rolle des einsamen Wolfs.«

»Scott... «, Marcel schüttelte seinen Kopf, »Ich glaub es wird Zeit, dass ich mich mal mit ihm ausspreche.«

Die Nachricht erfolgte über die schuleigene Durchsageanlage: »Schüler Thimo Camron-Bach umgehend bei Direktor Franklin melden. Schüler Thimo ...«

Mrs. Klein sah mit sich kräuselnden Augenbrauen und in Falten der Missbilligung geworfener Stirn zum Lautsprecher. Mrs. Klein war alles andere als begeistert. Sie hasste diese Art von Unterbrechungen.

Nachdem der Lautsprecher am Schluss der Durchsage mit einem schmatzenden Knacksgeräusch seine Tätigkeit eingestellt hatte und wieder stumm in der Wand auf neue Nachrichten wartete, blickte die leicht angenervte Deutschlehrerin in Thimos Richtung. Ihr rechter Daumen deutete kommentarlos in Richtung Tür und signalisierten Thimo, der eben gehörten Aufforderung Folge zu leisten.

Thimo packte seine Sachen und marschierte los. Marschieren war in diesem Fall keine Untertreibung, da sich Prinzipal Franklins Büro am anderen Ende der Schule befand. Und die Schule war groß. Sehr groß.

Nach ein paar Minuten hatte Thimo das Sekretariat des Anstaltsleiters erreicht und wurde von Mrs. Sofia Delnucci, einer gut fünfundsechzigjährigen Italoamerikanerin freudig empfangen.

»Ja?«, knurrte ihre Stimme, einem altersschwachen Rasierapparat nicht unähnlich.

»Ich sollte zu Mr. Franklin kommen.«

»Name?«

»Thimo Camron-Bach.«

Es folgte ein prüfender Blick auf Thimo (»Ach der ist das, sieh an.« ) und ein Druck auf die Sprechtaste einer Gegensprechanlage. Wahrscheinlich handelte es dabei um das gleiche Teufelsteil, das vor ein paar Minuten den Deutschunterricht von Mrs. Klein jäh unterbrochen hatte.

»Camron-Bach ist jetzt hier.«

»Einen Moment noch.«

Thimo überlegte: Lassen Direktoren einen absichtlich warten oder hatte Franklin wirklich noch etwas anders zu erledigen? Hätte er in dem Fall Thimo dann in der ganzen Schule ausrufen lassen?

»Kann jetzt reinkommen«, schnarrte es aus einem Lautsprecher.

»Bitte, Sie können jetzt reingehen.«

Thimo erhob sich und ging zur Tür hinter dem sich das Büro des Prinzipals befand. Thimo hatte diesen Raum bisher erst einmal gesehen. Nämlich als er mit seiner Mutter die Aufnahmeformalitäten erledigt hatte. Das Erste, was auffiel, war, dass bei Franklin das Wort »Büro« eine neue Definition erhielt. Es war kein kleiner, zweckdienlicher Raum wie man es aus anderen Schulen kennt, sondern hatte fast schon die Dimensionen einer Halle. Die meisten Wohnzimmer, die Thimo kannte, waren kleiner. Am fernen Ende lag Franklins Schreibtisch mit ihm dahinter. Um zu den zwei Stühlen, die vor dem Schreibtisch positioniert waren, zu gelangen, musste man den ganzen Raum durchqueren. Gute 6 Meter. Der Raum war eher länglich, dabei besaß die eine Längsseite eine Bücherwand, während die andere eine Glasfront zum Schulgarten formte. Neben dem Eingang an der Querwand befand sich eine Ledersitzgruppe mit Glastisch und Minibar. Aber der dominanteste Einrichtungsgegenstand war Franklins Schreibtisch. Ein absolut protziges Teil, eine Sonderanfertigung aus den besten oder genauer, den teuersten Materialien. Aber in erster Line war der Tisch lang, sehr lang.

Thimo hatte den Raum durchquert und blieb, wohl erzogen wie er war, in einem angemessenen Abstand vor dem Tisch zwischen den beiden Besucherstühlen stehen. Franklin war mit irgendwelchen Schreibarbeiten beschäftigt und hatte von Thimo bisher nicht Notiz genommen. Jetzt deutete er ihm mit einer knappen Handbewegung, sich zu setzen, ohne dabei aber aufzublicken oder seine Schreibarbeit zu unterbrechen.

Thimo setzte sich und wartete. Franklin schrieb. Thimo wartete. Franklin prüfte etwas an seinem Computer. Thimo wartete. Franklin schrieb wieder. Thimo wartete und war sich sicher, dass Franklin eine Show abzog. Franklin wollte ihn verunsichern.

Offensichtlich mit seinen Schreibarbeiten fertig, schraubte Franklin demonstrativ seinen sündhaft teuren Füllfederhalter zu, legte ihn sorgsam beiseite und blickte Thimo jovial lächelnd an. Es war das Lächeln eines Gebrauchtwagenhändlers.

»Ah, da sind Sie ja. Nett, dass Sie so schnell gekommen sind. Nun, wir haben uns ja seit Ihrer Aufnahme an unserem Institut nicht mehr gesprochen. Nun Mr. Camron-Bach, wie gefällt es Ihnen bei uns?«

Was sagt man zu so einer Frage? Beschissen? Diese Schule ist eine Ansammlung von Psychopathen, Säufern, Rassisten und Nazis? Wohl nicht.

»Es gefällt mir ganz gut.«

»Das freut mich. Wir gelten nicht umsonst als eine der besten Schulen des Staates und dabei meine ich nicht den Bundesstaat, sondern das ganze Land, die U.S.A.!«

Und außerdem bekommen Sie noch eine kostenfreie Unterbodenversiegelung, ein Warndreieck und 14 Tage Garantie. Franklin war ein Gebrauchtwagenhändler. Sein Lachen war so falsch wie seine Zähne.

»Wie ich höre, hat man in Ihnen ja ein richtiges Sportass entdeckt.«

»Das müssen andere beurteilen. Ich bin mir da nicht so sicher. Außerdem, wir sind ein Team, das zugegeben, diese Session sehr gut gespielt hat.«

»In der Tat«, diesmal gab es ein Haifischlächeln, »Es soll ja sogar das Wort Meisterschaft gefallen sein.«

»Ähm, wir sollten nichts übereilen. Coach Skinner wird wissen, was für uns gut ist.«

»Das auf jeden Fall. Wir haben hier nur die besten der besten Lehrer in unserem Haus. Ich habe gerade gestern mit Coach Skinner gesprochen. Über das Team und auch über Sie, Thimo. Ich darf Sie doch Thimo nennen? Mr. Skinner ist sehr beeindruckt von Ihren Leistungen.«

»Ich bin nicht besser als die anderen in der Mannschaft.«

»Aber, aber ... warum so bescheiden. Sie sind sehr gut. Und wir sind auch sehr froh, dass wir so gute Schüler haben wie sie, Thimo.«

Was sollte das? Warum hatte Franklin Thimo aus dem Unterricht geholt. Doch wohl nicht, um ihm zu erzählen, was für ein toller Schüler er war.

Franklin schwitzte. Das Gespräch schien für ihn anstrengend zu sein. Sein joviales Lächeln wirkte mehr und mehr wie eine Maske. Franklin wollte etwas, wusste aber wohl nicht, wie er damit rüberkommen sollte.

»Thimo, wie finden Sie unser amerikanisches Schulsystem?«

»Hm, es ist etwas anders als in Deutschland. Aber der Stoff scheint mir ähnlich zu sein. Die Ausstattung ist hier natürlich deutlich besser. Bei uns gab es nur ein paar Computer und die waren alt. Biblisch-alt!«

»Biblisch-Alt!«, Franklin lachte gekünstelt auf und klatschte mit seinen schweißnassen Händen auf das teuere Büromöbel vor seinen Füßen, »Das ist gut. Das muss ich mir merken. Thimo, wissen Sie: dass wir eine so gute Ausstattung haben, ist nicht selbstverständlich!«

»Stimmt, das hatte ich vergessen, dies ist keine staatliche Schule.«

»Genau. Wir sind eine Privatschule. Die Eltern unserer Schüler sorgen mit ihren Beiträgen für den Unterhalt der Schule. Für sehr gute Schüler aus weniger begüterten Kreisen ist es uns natürlich eine Selbstverständlichkeit, diese auch unentgeltlich zu unterrichten. Unser Stipendiatenprogramm ist sehr begehrt. Aber wie alles im Leben hat so etwas natürlich auch seinen Preis.«

Franklin lächelte immer noch, aber sein Lächeln wurde härter. Er kam zum Punkt des Gesprächs.

»Ein ganz wichtiger Punkt in unserem Konzept ist die starke und innige Verbundenheit unserer Elternschaft und den ehemaligen Absolventen mit unserem Haus. Viele Familien besuchen die Liberty Highschool schon in der vierten Generation.«

Franklin, wo ist der Punkt? Sag' was du willst!

»Etwas, das ich in vielen Gesprächen mit Eltern und ehemaligen Schülern, die jetzt unserem Förderverein angehören immer und immer wieder höre ist, dass sie stolz darauf sind, ihre Ausbildung in einem so exklusiven Institut wie der Liberty Highschool genossen zu haben. Ja, Thimo, wir sind sehr exklusiv. Wer bei uns seinen Abschluss macht, gehört faktisch schon zur späteren Elite! Egal ob in der Wissenschaft, der Wirtschaft, der Politik oder eben auch im Sport! Wussten Sie, dass wir national die Schule mit den meisten Footballspielern sind, die später NFL-Profis geworden sind?«

Franklin räusperte sich und beugte sich zu Thimo vor. Mit etwas leiserer und leicht verschwörerischer Stimme fuhr er fort.

»Thimo, würden Sie mir einen Gefallen erweisen?«

Jetzt kommt„s!

»Selbstverständlich ...«

Franklin lehnte sich zurück und lächelte zufrieden.

»Das ist der Geist, den ich sehen will. Ich habe noch gar nicht gesagt, worum es geht, aber Sie stimmen mir schon zu. Sehr gut!«

Franklin beugte sich wieder zu Thimo vor.

»Thimo, mir ist da etwas zu Ohren gekommen. Ich will Sie nicht kritisieren. Wir leben ja in modernen Zeiten. Ich will und kann auch gar nicht Ihnen Ihre Lebensweise vorhalten. Das sind Ihre ganz privaten Dinge, die mich auch nichts angehen. Aber könnten Sie in der Schule etwas zurückhaltender sein?«

Das war es also. Natürlich, was auch sonst. Aber warum sollte er sich zurückhalten. Es war doch Sam der ihm einen ... nun, diese feine Unterscheidung war Prinzipal Franklin wahrscheinlich egal.

»Was meinen Sie genau?«, Thimo machte auf ,Schwer von Begriff`.

Franklin sah Thimo gequält an. Er hatte gehofft, dass diese Andeutung reichen würde, damit Thimo verstand, worum es ging.

»Nun, mich haben gestern Abend ein paar Eltern, Eltern, die uns sehr wohlgesonnen sind, angerufen und mich gefragt, ob in unserem Footballteam gewisse Handlungen zwischen den Teammitgliedern allgemein üblich seien. Ich war natürlich entsetzt und wusste nicht, was ich sagen sollte. Aber man wurde sehr konkret und dabei fiel auch Ihr Name, Thimo. Das ist sehr bedauerlich. Wo wir doch solche Hoffnungen in Sie gesetzt haben.«

Thimo hatte schon vorher geahnt, worauf das Gespräch mit Franklin herauslaufen würde. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass Thimo nicht wusste, wie er mit dem Thema umgehen sollte. Dementsprechend wollte er auf seinem Stuhl unruhig hin und her rücken, unterdrückte aber diesen Drang, um Franklin keine Blöße zu geben. Was Thimo nicht verhindern konnte, war, dass er ähnliche Schweißausbrüche an seinen Handinnenflächen bekam wie Franklin.

Am liebsten hätte er seinem Schuldirektor die Wahrheit über seine tolle Schule an den Kopf geworfen. Dass Schüler erpresst, geschlagen und vergewaltigt werden. Dass es ein Geflecht von Macht und Gewalt gibt. Dass diese Schule zwar optisch ein Musterbetrieb sein mochte, es aber in seiner Seele ein verrottetes Loch war.

Thimo sagte von all diesen Dingen nichts: »Ich weiß nicht, was Ihnen zugetragen worden ist, aber ich kann Ihnen versichern, dass da nichts war. Nur die üblichen Scherze unter uns Schülern. Sie wissen schon ...«

Franklin sah Thimo prüfend an, doch Thimo hielt seinem Blick stand und zeigte nur das Gesicht eines kleinen Jungen, der kein Wässerchen trüben konnte.

»Ok!«, Franklin lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück, »Dann ist ja alles gut. Dann kann ich also meine besorgten Eltern informieren, dass es kein Problem gibt. Es war alles nur ein Missverständnis.«

Franklin hatte wieder sein Haifischlächeln auf den Lippen.

»Denn ...«, er machte eine Pause und wurde plötzlich sehr ernst, »wenn ich feststellen müsste, dass es an unserer Schule Schüler gibt, die sich gegenseitig in aller Öffentlichkeit homosexuellen Handlungen hingeben, dann müsste ich diese Schüler nach der Schwere ihrer Verfehlung maßregeln. Es könnte auch nötig sein, einen Verweis von der Schule auszusprechen. Haben wir uns verstanden?«

»Ich denke schon. Ich darf also meinen Freund nicht küssen?«

»Nein. Und wenn Sie es trotzdem tun, werden Sie die Konsequenzen dafür tragen müssen.«

Der Ton wurde rauer.

»Oh, sind Sie bei Vergewaltigungen und Körperverletzung genau so streng?«

Thimo war wütend, und wenn er wütend war, neigte er dazu, über das Ziel hinauszuschießen. Kaum hatte er den letzten Satz ausgesprochen, biss er sich auch schon auf die Zunge. Zu spät!

»Was soll das heißen?«, Franklin wurde blass.

»Nichts.«

»Nein, so kommen Sie mir nicht davon. Raus mit der Sprache!«

»Scott, er hat einen Freund regelmäßig vergewaltigt.«

»Gibt es dafür Zeugen.«

»Nein, nur die Aussage des Freundes.«

»Also Hörensagen ... ich empfehle Ihnen dringend, nicht mehr leichtfertig derartig haltlose Anschuldigungen auszusprechen. Man könnte das als üble Nachrede interpretieren.

»Aber ...«

»Nichts aber. Ich will davon nichts mehr hören. Scotts Eltern, die Richardsens, sind eine Stütze der Gesellschaft und auch dieser Schule. Ich bin mit seinem Vater, William S. Richardsen, eng befreundet und weiß, was für fromme und aufrichtige Menschen das sind. Scott ein Vergewaltiger? Absurd! Wissen Sie eigentlich, was diese Familie für diese Schule alles getan hat? Erst letztes Jahr wurden uns großzügig alle Computer für den Unterricht gespendet. Die neuesten und besten Geräte des Marktes. Glauben Sie ernsthaft, dass ein Mitglied dieser Familie zu so etwas fähig ist?«

»Ja. Scott hat es mir gegenüber zugegeben. Aber das ist wohl nicht der Punkt, oder? Es geht um das Geld von Scotts Eltern. Geld auf das Sie nicht verzichten wollen. Stimmt's?«

»Junger Mann, Sie vergessen sich! Das geht jetzt entschieden zu weit«, Franklin schüttelte seien Kopf. »Nun ja, vielleicht liegt es an deiner europäischen Herkunft. Ich werde daher nachsichtig sein. Diesmal! Wenn du unbedingt mit einem anderen Jungen rummachen musst, dann ist das deine Privatangelegenheit, aber nur in den eigenen vier Wänden!«

Franklin fand zu seiner aufgesetzt-jovialen Art zurück.

»Ansonsten verhalte dich friedlich und wir, deine Schule, kommt dir auch entgegen. Wir sind nicht undankbar. Bei deinen erstklassigen sportlichen Leistungen und dem außergewöhnlichen Einsatz, den du bringst, muss man bei der Bewertung deiner restlichen Kurse ganz andere Maßstäbe anlegen. Vor allem, da ihr ja Chancen habt, die Meisterschaft zu gewinnen. Das war„s. Du kannst gehen.«

5.13. Hühnercremesuppe

»Hallo Leute, ihr glaubt nicht was ich vorhin erlebt habe.«

Es war Mittag. Thimo, Marcel, Rob, Jana, Peter und Tom saßen an ihrem üblichen Platz in der Kantine.

»Hat das zufällig etwas mit der Lautsprecherdurchsage von vorhin zu tun?«, Peter kratzte sich scheinheilig am Kinn.

»Wie? Das war auch in den anderen Klassen zu hören?«

»Aber sicher doch. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass sich Nukki die Mühe macht und deinen Klassenraum aus den Unterlagen sucht, oder?«

»Nukki?«

»Mrs. Sofia Delnucci, die Patin der Schule. Das Dörrobst im Vorzimmer von Benjamin.«

»Benjamin?«

»Franklin. Genau der. Nein, er heißt nicht wirklich Benjamin.«

»Ähm, ja. Ok, ich hole mir nur was zu essen und bin gleich wieder zurück. Was Franklin ... Benjamin wollte, wird euch gefallen. Vor allem unserem Oberzyniker Rob!«

Der Angesprochene formte einen Kussmund und Thimo schwirrte ab in Richtung Essensausgabe, es gab Hühnercremesuppe. Man konnte über die Schule sagen, was man wollte, aber die Kantine war super. Gut, die Schule war auch teuer. Der Andrang an der Essensausgabe war entsprechend. Wie immer stand Thimo in der Schlange und schob sein Tablett von Station zu Station langsam weiter. Zuerst die Getränke. Thimo wählte leidenschaftslos einen Becher Cola. Dem Glaubenskrieg ob Pepsi oder Coca Cola die allein glücklich machende Marke waren, konnte er noch nie etwas abgewinnen.

Die nächste Station war die Ausgabestelle für das Hauptgericht. Der Koch war schon seit ein paar Tagen krank und man hatte noch keinen adäquaten Ersatz gefunden. Daher gab es zurzeit in den meisten Fällen Suppen in allen möglichen Variationen. Diesmal Hühnercremesuppe mit Brustfleisch, Spargel und Erbsen. Es hätte schlimmer kommen können.

Die nächste Station galt bei manchen Mitschülern als die wichtigste. Hier gab es die Nachspeisen. Thimo wollte gerade zu einem Becher Zitronencremeschaum greifen, als er von hinten angerempelt wurde.

»Was zum Teufel ...«

Thimo fuhr mit seinem Kopf herum und blickte in das Gesicht von Espen, der ihn obszön angrinste.

»Hallo Schwuli ...«, Espen leckte sich über die Lippen. Das sollte wohl geil aussehen.

»Hallo Espen, es ist mir ein Missvergnügen!«

»Na, was haben wir da Leckeres in der Tasse? Hühnercremesuppe, hmmmm, lecker. Die muss dir doch schmecken. Die sieht schon aus wie Sperma. Lecker, lecker, lecker.«

»Espen, du bist krank!«

»Sagt wer?«

»Ich!«

»Huuuu, da bekomme ich aber Angst!«

»Idiot!«

Thimo hatte keinen Nerv auf diese Unterhaltung. Er schnappte sich sein Dessert, zog seine Essensmagnetkarte an der Kasse durch das Lesegerät und steuerte seinen Tisch an.

»Was ist dir den über den Weg gelaufen?«, Marcel entdeckte Thimos schlechte Laune.

»Espen. Der Wichser hat versucht mich anzupissen. So ein Idiot!«

»Vergiss ihn. Erzähl lieber, was Franklin von dir wollte.«

Während Thimo langsam seine Suppe löffelte, erzählte er von der Begegnung mit Prinzipal Franklin. Rob grinste und schüttelte den Kopf.

»Was hab' ich dir gesagt? Du kannst an dieser Schule alles machen, solange du nur einen Wert für den Laden besitzt.«

»Ja, ich weiß, du hast es mir gesagt. Tausendmal. Und du hast damit so verdammt Recht. Ich ... igitt was ist das?«

Thimo schaute entsetzt auf seinem Löffel, an dem etwas längliches, wabbeliges hing und von dem die Hühnercremsuppe tropfte.

»Das ist ... ääääähhhhh, nein ... bääääh, ist das widerlich!«

Jana wandte sich angeekelt ab. Sämtliche Anwesenden starrten das merkwürdige Ding auf Thimos Löffel mit weit aufgerissenen Augen an. Langsam lief die Suppe herab und legte den Gegenstand des Ekels frei. Obwohl das eigentlich nicht nötig war. Allein die Form sorgte dafür, dass alle das Objekt sofort erkannten. Es war ein Kondom, auf voller Länge ausgerollt mit Reservoir und gut gefüllt. Der Inhalt war definitiv keine Hühnersuppe.

»Jetzt reichts. Espen ist fällig.«, Thimos Gesichtsfarbe schlug ins feuerrote um, kleine Flammen entfleuchten seinen geweiteten Nasenlöchern. »Dieser Rempler war kein Zufall. Ich mach' Hackfleisch aus dem Schwein!«

Thimo ließ seinen Löffel samt Kondom in seine Suppentasse fallen. Im gleichen Moment sprang er von seiner Bank auf und rempelte gegen den Tisch. Gläser, Tassen, Löffel hopsten und schepperten auf der Kunststoffoberfläche des Tisches umher.

»Du bleibst schön sitzen ...«, Rob, der neben Thimo saß, griff dessen rechte Schulter, Marcel kümmerte sich um die linke. Mit vereinten Kräften gelang es den beiden, Thimo wieder auf die Sitzbank hinab zu drücken. Beleidigt und um seine Rache betrogen, verschränkte Thimo seine Arme vor seiner Brust.

»Knurr ...«

»Thimo beruhige dich erst mal und schau ganz unauffällig zu Espen & Co rüber.«

Rob hatte Recht. Natürlich. Am Tisch von Espen und Brandon herrschte gespannte Erwartung. Die versammelte Arschlochschar war am feixen. Er herrschte offenkundig eine freudige Hoffnung auf eine nette kleine Auseinandersetzung mit Thimo, bei der er plangemäß den Kürzeren ziehen sollte. Am besten, indem er sich öffentlich der Lächerlichkeit preisgab.

»Lass dir bloß nix anmerken!«, zischte Rob Thimo durch geschlossene Zahnreihen, die ein debiles Dauergrinsen formten, hindurch, »Wenn du jetzt rüber rennst und die zusammenscheißt, machst du dich nur lächerlich.«

»Ich will mir nichts anmerken lassen. Ich will den Arsch in seine Einzelteile zerlegen!«, schnaubte Thimo zurück. »Oder möchte von euch jemand das Gummi haben? Die Füllung hat fast die Farbe der Suppe!«

Das war für Jana dann doch zu viel. Mit einer verdächtig grünen Gesichtsfarbe sprang sie vom Tisch auf und stürzte in Richtung Waschräume.

»Super, Thimo!«

»Was denn? Ist das mein Präser oder Espens?«, Thimo war nicht in der Stimmung, um fair zu sein.

»Ok!«, Thimo atmete kräftig aus und versuchte sich etwas zu beherrschen, »Wenn ich diese Wichser schon nicht zu Püree verarbeiten darf, was schlagen die Herren denn dann vor?«

»Warum gibst du ihnen das Teil nicht einfach zurück?«, Tom entblößte beim Grinsen eine Reihe schneeweißer Schneidezähne, zog Thimo zu sich heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Mit jedem Wort, das von Toms Lippen in Thimos Ohr überwechselte, erhellte sich dessen Mine. Als Tom schließlich fertig war, strahlte Thimo.

»Sehr gut!«

Thimo entnahm das Kondom seiner Suppe, packte es an seiner Öffnung und presste diese mit zwei Fingern zu, sodass der kostbare Inhalt nicht austreten konnte. Mit der anderen Hand schnappte er sich eine Serviette, wischte das Gummi von außen trocken und verstaute es vorsichtig in seiner rechten Handinnenfläche. Nach dieser Vorbereitung erhob er sich und ging lächelnd, mit schwungvollem Schritt in Richtung des Tisches mit Brandon und Espen.

»Ah, hallo Schwuli. Ich hoffe, du hast dich über unsere Geschmacksverbesserung deiner Suppe gefreut. Wir dachten, diese Würzung der faden Suppe müsste ganz nach deinem Geschmack sein. Doch, doch ... du brauchst dich nicht zu bedanken. Jeder von uns hat gerne seinen kleinen Beitrag dazu geleistet.«

Espen in seinem Element. Der Rest der Typen war am kichern und johlen.

»Ja, aber wenn ihr euch solch große Mühe gemacht habt, dann wär es doch absolut egoistisch von mir, wenn ich nicht mit euch teilen würde ...«

Bevor die Typen reagieren konnten oder ansatzweise überhaupt merkten, was passierte, hatte Thimo bereits das gefüllte Kondom entrollt und begonnen, den Typen reihum etwas vom Inhalt in ihre Hühnercremesuppe zu kippen.

»Guten Appetit!«, mit diesen zwei Worten packte Thimo das Kondom an seinem Reservoir und ließ das offene Ende los. Der verbliebene Inhalt entleerte sich über Espens T-Shirt und Hose. Thimo ließ das Kondom fallen, das dadurch der Schwerkraft folgend, Espen auf seinen Schritt fiel.

»Oh, Entschuldigung! Tut mir leid ... hach, was bin ich wieder ungeschickt heute. Du meine Güte. Espen, soll ich dir deinen Schritt trocken reiben? Hach, Gottogott, du bist voll bekleckert. Ach, tut mir das alles leid.«, das tat es Thimo natürlich nicht wirklich. Ganz im Gegenteil, Thimo kostete jedem Moment seine Rache genüsslich aus.

Allerdings nicht lange. Espen, Brandon, A.J., Simon, Bill, Peter und Howard sprangen auf und nahmen die Grundhaltung provozierter Heterogockel ein: aufgeplustertes Gefieder und geschwollener Kamm. Die Gesichtsfarbe ging, ähnlich wie bei Thimo zum Zeitpunkt der Entdeckung des Kondoms in seiner Suppe, ins rötliche - ins blutrötliche!

»Camron-Bach du bist fällig!«

Espen sprang als Erster los und landete prompt in der ausgestreckten Faust von Thimo. Der ungebremste Kontakt mit Thimos Fingerknochen ließ in Espens Nase ein paar Adern platzen. Blut tropfte aus seiner Nase.

»Oh, Espen. Hast du dir weh getan? Soll ich pusten? Tja, dumm, wenn man seinen eigenen Vorurteilen glaubt und denkt, Schwule würden sich nicht verteidigen.«

»Los, zeigt's ihm!«, Espen wischte sich sein Blut aus dem Gesicht. »Macht ihn alle!«

Die anderen Typen wollten gerade losspringen, als sie plötzlich stoppten. Hinter Thimo hatte sich eine ganze Gruppe Leute zu seinem Beistand eingefunden. Angefangen bei Marcel, Rob und Tom bis hin zu Samuel del Ray und seinen schwarzen Brüdern. Beide Gruppen standen sich Auge in Auge gegenüber.

Brandons neuer Vollstrecker war nicht Scott. Doch Espen war nicht Scott. Aus Brandons Sicht war Espen »Zweite Wahl«. Da sein bisheriger Mann fürs Grobe seit dem Zusammenstoß mit Thimo sich nicht mehr zur Gang zählte und lieber sein eigenes Süppchen kochte, blieb Brandon keine Wahl, als auf Espen zurückzugreifen. Doch Espen mangelte es an einigem. Insbesondere ließ es sich nur schwer kontrollieren. Er war wie eine Art Pitbull. Hatte er sich erst einmal festgebissen, bekam man ihn nicht mehr los. So auch in diesem Fall.

Espen war sauer - Espen handelte.

Und griff an. Thimo reagierte auf seinen Angriff instinktiv und ging in Deckung. Espen verpasste sein primäres Ziel und landete stattdessen mit seiner Faust im Bauch von Elias, einem Freund von Sam. Sowohl Elias als auch Sam, der die Ehre seines Freundes verletzt sah, schlugen zurück und trafen außer Espen auch Howard und A.J. Auf Aktion folgte Reaktion. Die Meute bildete eine überkritische Masse. Es kam zur Kettenreaktion. Innerhalb weniger Sekunden entwickelte sich eine ausgewachsene Schlägerei in der Kantine der ersten und besten Highschool des Staates Maine. Eine Schlacht, die in die Gesichtsbücher als der »Befreiungskrieg von Liberty High« einging. Noch heute zeigen Veteranen der Schlacht mit Stolz ihren Enkeln die Narbe, die sie davon getragen haben. (Regieanweisung: Militärische Trompetenmusik einspielen! Ein US-Flagge im Wind wehen lassen!)

5.14. Schluss mit lustig

Erst Rügen und später Berlin

»Das machst du bitte nicht noch einmal!«, Tim sah mich halb vorwurfsvoll, halb mitleidig an.

»Was denn? Wegrennen, oder dich anschreien?«

Ich lag immer noch im Bett, während mein Schädel immer noch wie ein überlasteter Trafo dröhnte. Nachdem meine Mum das Zimmer verlassen und im Gegenzug Tim hereingelassen hatte, saß er mir gegenüber und starrte mich ernst an. Schuldig wie ich mich fühlte, konnte ich seinem Blick nicht lange standhalten und betrachtete stattdessen aufmerksam das Muster meines Oberbetts.

»Beides. Aber das Wegrennen war schlimmer.«

»Es tut mir leid. Shit, Timmy ich wollte das nicht. Ich wollte dich nicht anschreien. Aber als ich's dann doch tat ...«

Meine Nase fing an zu laufen und ich musste schniefen. Eine Konsequenz hatte mein Irrlauf durch den Regen also schon gehabt. Ich bekam eine Erkältung. Ich hasse Erkältungen.

»Warum hast du es getan?«

»Weil ... weil ...«, da war es wieder. Die Scham vor meinen eigenen Fehlern verhinderte, dass ich Tim in die Augen schauen konnte. Ich prökelte also weiterhin an meiner Bettdecke rum.

»Weil ich mich über mich selbst geärgert habe. Tim, ich war sauer. Sauer auf mich, dass ich mich nicht beherrschen konnte. Im Pool ... du weißt, was ich meine. Dann Svennis Reaktion ... ich war wie vorn Kopf geschlagen ... dann du ... ich wollte nachdenken und du wolltest kuscheln ... in der Situation! Ich weiß nicht ... mir sind die Sicherungen durchgebrannt. Und, Scheiße, ich tu es schon wieder! Ich geb dir wieder die Schuld. Aber das ist alles mein Fehler gewesen ...«

»Halt's Maul!«

Tim wurde richtig laut. Hätte er mich nicht angebrüllt, ich hätte stundenlang weiter gebrabbelt. Stattdessen zuckte ich zusammen, schreckte auf und starrte Tim entsetzt an. Zwei vorwurfsvolle Augen sahen mich an.

»Wir haben alle Schuld! Du, ich, Kuki und Holger. Am Ende sogar Nico, Dirk und Biene. Also hör endlich auf, ständig und immer für alles Leid der Welt die Verantwortung übernehmen zu wollen! Das ist nämlich eine Nummer zu groß für deine zierlichen Schultern!«

»Ich ...«

»Ich bin noch nicht fertig!«

Tims Blick ließ keinen Zweifel offen, ich hatte den Mund zu halten.

»Also, wenn du glaubst, dass ich mir keine Gedanken um Sven mache, dann kennst du mich aber verdammt schlecht.«

»Ich kenn dich erst seit knapp vier Monaten ...«, mir rutschte es einfach raus. Tim knurrte.

»Genau! Sven hingegen kenne ich seit Jahren. Wir sind zusammen groß geworden. Vor dir war er mein bester Freund. Für wie herzlos hältst du mich? Hast du wirklich geglaubt, ich wollte mit dir kuscheln? Knapp eine halbe Stunde, nachdem mein ältester und bester Freund sich ohne ein Wort aus dem Staub gemacht hat?«

Tim war richtig stinkig.

»Nein ...«, und ich fühlte mich beschissen, »Ich weiß nicht, was ich dachte ... du wolltest, dass ich zu dir komme. Dich in den Arm nehme! Verdammt, ich weiß nicht, was du wolltest. Ich wusste ja nicht einmal, was ich wollte. Verdammt! Verdammt! Verdammt!«

»Ja verdammt! Genau das! Und zwar weil ich deine Stärke gebraucht hätte. Deine Unterstützung! Scheiße Svenni! Ich war fertig mit den Nerven. Ich brauchte dich! Aber du ...«

Wir schwiegen. Eine bedrückende Stimmung machte sich breit. Dicke Luft, in der ich krampfhaft versuchte, die Fassung zu bewahren. Timmys Zurechtweisung war berechtigt. Ich wusste es, bloß fehlten mir die Worte, es ihm gegenüber auszudrücken. Und außerdem war ich wohl zu stolz, zuzugeben, dass ich mal wieder Scheiße hoch drei gebaut hatte.

Tim stand da und wartete.

»Ist das unser erster Streit?«

Meine Stimme entsprach meiner Stimmung: leise und belegt. Es war der Versuch, einen Ölzweig überreichen.

»Ja!«, aber Tim war noch nicht bereit, ihn anzunehmen, »Und wenn du sowas noch mal machst, wird es unser einziger Streit gewesen sein.«

Mein Herzschlag setzte aus. Mein Kopf richtete sich augenblicklich von der Bettdecke zu Tim auf.

»Bitte Timmy, sag sowas nicht!«

Was für ein Glück, dass meine Nase immer stärker lief. So würde Timmy nicht merken, dass mir das Wasser in den Augen stand.

»Doch!«, Tim war knallhart. »Was soll das für eine Beziehung sein, bei der du mir nicht vertraust? Du ziehst eine Bauchnabelschau ab und scherst dich einen Dreck darum, ob es anderen vielleicht nicht auch beschissen geht. ,Seht her, hier bin ich. Svenni der bußfertige Sünder! Oh, und ich habe gesündigt. Ich habe mit drei jungen Männern gleichzeitig Sex gehabt und dadurch einen Freund verloren! Ich bin schlecht! Ich habe Schuld! Ich renne in den Regen und hole mir eine Lungenentzündung!` Svenni, hör auf mit dieser selbstgerechten Scheiße. Kuki, Holger und ich wollten genauso gerne miteinander Spaß haben wie du! Und wenn Sven deswegen abgehauen ist, dann sind wir alle daran schuld. Möglicherweise bin ich sogar viel schuldiger als du! Denn ich und nicht du hätte Sven besser kennen sollen. Also hör endlich auf den Märtyrer zu spielen und stell dich dem Leben. Das ist nämlich wesentlich weniger melodramatisch, als du es machst ...«

»Ich weiß ...«, ich hatte Tims Rede stumm gelauscht, obwohl ich Schwierigkeiten hatte, ihr zu folgen. Die Drohung, unsere Beziehung zu beenden, löste Kaskaden von Schweißausbrüchen bei mir aus. Man hätte es auch einen Panikanfall nennen können. Die folgenden Worte brachte ich daher nur gestammelt raus: »Du willst Schluss machen?«

Kontrollverlust - offensichtlich eine Folge der Erkältung, aber ich konnte meine Tränen nicht mehr so zurückhalten, wie ich es wollte.

Timmys Lippenwinkel zuckten. Er seufzte, schüttelte mit dem Kopf und begann ganz, ganz zaghaft zu lächeln.

»Nein, das will ich nicht ...«, plötzlich war es Tim, der meinem Blick auswich. Er schaute zu Boden und kickte eine rumliegende Socke von mir in die Zimmerecke, »... dafür liebe ich dich viel zu sehr. Ich wünschte mir nur ...«, Tim rollte verlegen seinen Kopf während er mit seinen Augen seine linke Fußspitze fixiert hielt, »... du würdest mir mehr vertrauen. Dich öffnen. Du bist immer noch dieser norddeutsche Dickkopf. Du willst immer alles alleine durchstehen. Ich glaube, die einzige Person, die du wirklich an dich heranlässt, ist Thimo ...«

War es das? War das der Kern dieses Streits? Hatte Tim das Gefühl, Thimo würde zwischen uns stehen? Ich zitterte. Ich zitterte, weil mir ein eiskalter Schauer über den Rücken lief. Ich liebte Timmy, aber dummerweise hatte er Recht. Thimo gegenüber konnte ich mich öffnen, Timmy gegenüber bisher nicht. Aber das lag weniger daran, dass ich Timmy weniger liebte als Thimo, sondern vielmehr daran, dass Thimo mich einfach besser kannte, als ich mich selbst. Wenn ich mich ihm geöffnet hatte, wusste er meistens schon vorher, worum es ging.

»Das ist nicht wahr ...«, meine Stimme war nur ein Flüstern. So langsam dämmerte mir, dass dieses Gespräch sehr essentielle Dinge unserer Beziehung betraf. »Timmy, nein. Bitte, das ist nicht war. Glaub mir, bitte. Das mit Thimo ist etwas anderes. Wir verstehen uns ohne Worte, aber doch nur, weil wir uns schon ewig kennen. Du, Timmy, du bist mein Abenteuer. Ich bin bereit zu lernen. Lernen, auch dir gegenüber offener zu sein. Aber ich kann das nicht von heute auf morgen ...«

Norddeutsche Dickschädel. So völlig falsch lag er wirklich nicht. Wir sind ein wirklich dröger Volksstamm. Gefühle zeigt man nicht. Möglicherweise gelten wir deswegen häufig als unterkühlt und hartherzig. Aber das ist nicht wahr. Wir fühlen auch, nur lassen wir es nicht raus, sondern fressen es in uns rein und bekommen später mit 45 Magengeschwüre.

»Timmy? Kann es sein, dass du und Sven eine ähnliche Beziehung habt, wie Thimo und ich? Kann es sein, dass sich Sven durch mich zurückgesetzt fühlt?«

Tim nickte: »Das war genau das, worüber ich mit dir sprechen wollte. Bevor du in den Regen gerannt bist. Du verdammter Idiot! Scheiße, jetzt werd ich auch noch weich!«, Tims mühsam aufgebaute Fassade des stinkig, sauren Typen zerbrach. Tim stürzte auf mich zu, legte sich neben mir auf die Bettdecke und drückte sich an mich, »Du sturer Torfkopf. Was soll ich nur mit dir machen?«

»Mich niemals verlassen!«, Tim hatte mich für einen Tag genug in Angst und Schrecken versetzt. »Bitte Timmy, verlass mich niemals!«

»Nein, das werd' ich nicht!«

»Und jetzt raus aus meinem Bett!«

»Was?«, Tim schreckte zurück.

»Ich will dich nicht anstecken. Ich bekomme eine mordsmäßige Erkältung.«

»Das ist mir völlig egal! Ich kann übrigens auch ein Dickkopf sein.«

Statt meinen Wunsch zu folgen und sich aus der infektiösen Gefahrenzone zu begeben, krabbelte er unter die Decke und nahm mich in seine Arme. Wir hielten uns gegenseitig fest, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

5.15. Zurück in den Alltag

Ich steckte Timmy dann doch nicht an. Der Kerl muss einen magischen Schutzpanzer gegen Erkältungsviren besitzen. Während ich ein Paket Tempos nach dem anderen verbrauchte, kuschelte sich mein Schatz an mich und hatte dabei nicht mal das kleinste Jucken in der Nase.

Mum wäre wohl sehr gerne auf Rügen geblieben, doch forderte ihr Beruf die Anwesenheit in Berlin. Bereits am nächsten Morgen fuhr sie wieder zurück. Ein mulmiges Gefühl blieb. Nach der Sache mit den angesägten Sportgeräten fand sie die Idee mit unseren elternfreien Ferien nicht mehr so richtig gut. Uns aber alle ins Auto einladen wollte sie dann auch nicht.

Das Wetter schlug erneut um und wurde sonnig, warm und fast windstill. Die Oktobertage ließen noch einmal eine Idee von Sommer aufkommen. Doch die goldenen Strahlen der tief hängenden Sonne und der morgendliche Dunst des Meeres gaben dem Ganzen eine melancholische Grundstimmung. Bis auf Nina waren wir alle eher ruhig und nachdenklich. Hatten wir vor unserem Urlaub noch wilde Partys mit lauter Musik oder Action mit Bike und Surfbrett geplant, wurden wir von der Realität eines besseren belehrt.

Ok, wir sind auch nicht in das Psychogedusel einer Selbsterfahrungsgruppe abgestürzt. Wir sprachen miteinander und zwar richtig. Wir sprachen über Dinge, über die wir vorher nie gesprochen hatten; teilweise über sehr persönliche Dinge.

Tim erzählte von seinem Vater. Außer mir und Nico war bisher niemand anderem die ganze Geschichte bekannt. Er erzählte von Miri und Nicos und seiner Halbschwester. Sabine war tief bewegt.

»Willst du Miri mal kennen lernen?«

»Nein! Ich will ihr das nicht zumuten. Es sei denn, Miri will es von sich aus.«

Ich erzählte von Thimo und mir und wie wir zueinander gefunden hatten. Ich erzählte sie zwar vor der ganzen Gruppe, doch eigentlich erzählte ich sie für Tim. Ich wollte, dass er mich besser versteht. Sein Blick sagte mir später, dass meine Botschaft angekommen war.

Holger wiederum erzählte von seinem Coming Out und warum seitdem das Schwimmtraining eine Qual für ihn war. Holger war die Schüchternheit in Person. Er war der Prototyp des Mauerblümchens. Doch Kuki hatte mit seinem Metall geklimpert und ihn sanft gepflückt.

Das Thema Sven blieb nicht unerwähnt, doch leider blieb es ungelöst. Wir diskutierten Gründe, gaben Vermutungen ab und überlegten, wie wir weitermachen sollten. Aber den Durchbruch, die Weltformel, das Patenrezept fanden wir nicht. Erschwerend kam hinzu, dass wir Sven auch nicht erreichen konnten.

Wenn ich schreibe, dass wir miteinander diskutierten, dann stimmt das nicht ganz. Nina hielt sich aus allem raus. Wir sahen sie in der ganzen Zeit nur noch zu den Mahlzeiten, wenn überhaupt. Nina schien sich zu amüsieren. Sie nahm das letzte Fahrrad, das meine Mum noch schnell vom Bahnhof abgeholt hatte, und fuhr dorthin, ,Wo was los ist!` .

Der letzte Abend war einer der mildesten und wärmsten Oktobertage seit langem. Wir grillten auf der Terrasse, tranken Rotwein und waren auf eine sehr merkwürdige Art glücklich. Der Urlaub war zwar so völlig anders verlaufen, als wir das geplant hatten, doch so richtig schlecht war es dann doch nicht gewesen. Er hatte uns enger zusammengebracht.

Nur Sven hatten wir verloren. Aber das wollten wir auf jeden Fall ändern.

In der zweiten Ferienwoche hieß es erst einmal Abschied nehmen. Für Tim und Holger stand ein dreitägiges Trainingscamp mit ihrer Schwimmmannschaft auf dem Programm. Biene und Dirk waren zu einer Oma von Dirk nach Bayern gefahren. Nico traf sich mit Leuten, mit denen er plante, eine Band zu gründen und Kuki schließlich fuhr mit Leuten aus seinem Stammtätowierladen zu einer Convention. Der kleine Kerl hatte doch tatsächlich vor zu lernen, wie man anderen Leuten Farbe unter die Haut bringt. Am Vorabend seiner Abreise waren wir, das heißt Tim, Holger und ich, bei ihm zu Hause. Er zeigte uns Entwürfe für Tätowierungen, Entwürfe, die er selbst erstellt hatte.

Teilweise hatte er sie mit Buntstiften gemalt, teilweise am Computer gezeichnet, oder auch beides zusammen. Auf jeden Fall waren seine Entwürfe absolut fantastisch, weswegen es mich auch nicht wunderte, als Kuki erzählte, dass zwei davon demnächst die Haut von fremden Menschen schmücken würden.

Kuki wäre nicht Kuki, wenn er es nicht wieder einmal geschafft hätte, Tim und mich in Verlegenheit zu bringen. Wir wollten schon gehen, als Kuki uns einen Doppelentwurf zeigte.

»Für euch beide. Natürlich nur, wenn ihr euch beide jemals tätowieren lassen wollt!«

Der Entwurf war beeindruckend. Er war abstrakt, vom Stil ein Tribal, aber in einer völlig neuen, bisher ungesehenen Art. Es waren zwei, eins für Tim und eins für mich. Beide waren in jeder Hinsicht zueinander komplementär: Farbe, Form, Struktur. Jedes für sich einzigartig doch zusammen eine Einheit.

Wir konnten einfach nicht anders und mussten diesen Blechhaufen küssen.

»Das reicht, das reicht. Schließlich ist das mein Mann.«

Holger spielte scherzhaft den Eifersüchtigen.

»Och, lass sie doch. Sie gehen doch eh gleich und wir beide haben doch noch die ganze Nacht. Du kannst doch unmöglich ausgeschlafen zu deinem Training kommen.«

Am nächsten Tag waren alle weg. Ich hatte die Stadt für mich alleine. Ein paar Mal hatte ich noch versucht, Sven zu erreichen, bekam aber immer nur seinen AB ans Rohr. Obwohl ich ihm hunderte Nachrichten in seine Mailbox stopfte, rief Sven nie zurück. Alle SMS blieben unbeantwortet. Ich gab es auf, denn schlimmer wollte ich die Situation auch nicht machen.

Berlin lag mir vor den Füßen. Seit August wohnte ich nun in dieser Stadt, aber viel hatte ich von ihr noch nicht gesehen. Ein paar Clubs, ein paar nette Treffpunkte, das war's. Die meisten Locations hatte ich mit den anderen besucht. Aber die meiste Zeit tummelten wir uns mehr im Süden der Stadt rum: Steglitz und Zehlendorf. Höchste Zeit für ein paar intensivere Erkundungstouren.

Ich begann mit der City West, dem Ort, an dem ich mit Thimo den ersten CSD meines Lebens gesehen hatte. Ich folgte den touristischen Trampelpfaden und der klassischen Shoppingroute der Westberliner Jugend: Diesel-Shop, WOM, Hamburger McDoof. Soweit der Standard. Ich schlug mich in Richtung Savignyplatz durch und landete schließlich bei Prinz Eisenherz, einem der ältesten schwulen Buchläden der gesamten Republik. Ein Kaffee im Schwarzen Café. Hm, da hatte sich wohl etwas überlebt. Der westliche Teil der Stadt wirkte auf eine eigentümliche Weise angestaubt, als wenn es die 90iger nie gegeben hätte.

Ich sprang in die S-Bahn und machte mich auf den Weg in Richtung Osten, Prenzlberg, über S-Bhf. Alexanderplatz. Der Alex ist ein unwirklicher Ort mit dem Charme volkseigener Plattenbauten. Wie jedes Mal verlief ich mich im Bahnhof. Hier kreuzen sich 3 U-Bahnlinien (U5, U2 und U8), 5 S-Bahnen (S3, S5, S7, S75 und S9), die Tram und wohl auch noch ein paar Regionalzüge. Und alles auf vier Ebenen. Für einen einfachen Küstenbewohner einfach etwas viel. Nach 20 Minuten hatte ich dann auch die richtige U-Bahn gefunden (U2) und setzte meine Fahrt in Richtung Prenzlberg fort.

Nicht schlecht. Gar nicht schlecht. Hier hatte sich eine nette Szene entwickelt. Ich starte meine Erkundung am Käthe-Kollwitz-Platz und arbeitete mich in Richtung Süden vor. Was ich sah, gefiel mir. Es war chaotischer, rauer, frecher, provokanter und vor allem lebendiger, als was ich bisher im Westteil der Stadt vorgefunden hatte. Ich will fair sein, bisher hatte ich nur einen kleinen Teil der Westcity erforscht.

Ich schlenderte durch die Straßen. Halb Verrottetes wechselte sich mit liebevoll Restauriertem ab. Cafés und Shops wechselten sich miteinander ab.

Fast wäre ich an einem der vielen Läden vorbeigerannt. Ein Laden für Autolacke? Aber warum verkauft der Kapuzenshirts? Bingo! Nix wie rein und ein paar nette Spraydosen und ein Shirt für Nico gekauft. Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass es Läden für Sprayerbedarf gibt. Nun, wenn einen der Kommerz erstmal an den Eiern hat ...

Der Zeit verrannte wie Sand in einer Sanduhr. Vom Gefühl her war mir so nach 14:00 Uhr. Mein Handgelenkswecker meinte aber bereits 16:30 Uhr, was von der beginnenden Dämmerung noch unterstrichen wurde. Vorbei an immer interessanteren Läden stiefelte ich weiter. 17:36 Uhr. Ab in die S-Bahn? Ich hatte Ferien, also keine großen Zeitsorgen. Mit der S-Bahn wäre ich in rund 45 Minuten zu Hause. Nicht eingerechnet die Zeit, die ich für die Suche nach dem richtigen Bahnsteig brauchen würde. Ich wollte schon den ersten Schritt in das Labyrinth des Bahnhofs Alexanderplatz setzen, als sich mein Magen mit lautem Knurren zu Wort meldete.

Ich verschob die Suche nach dem Minotaurus der Deutschen Bahn AG und trabte in Richtung WürgerKing. Eingekeilt zwischen Kaufhof und Saturn befand sich eine Verkaufsstätte für plattgewalzte Kuhhackfladen in Schaumstoffbrötchen mit Plastikgurken. Das Beste war immer noch der Ketchup!

Ich betrat den Laden, wandte mich vertrauensvoll an einen Hackfleischfachverkäufer und erhielt nach Minuten erwartungsvoller Vorfreude das bestellte Festmahl. BigKing, Fritten und ColaLight. Gepriesen sei der amerikanische Kulturimperialismus!

Nach kurzer Suche ergatterte ich einen Sitzplatz mit minimalem Verschmutzungsgrad und ließ mich nieder. Vorsichtig, wie ein Forscher eine altägyptische Mumie behandeln würde, befreite ich den Fleischbrätweizenkäsecluster (aka BigKing) von seiner farbenfrohen Papierhülle. Meine Hände griffen das gute Stück und führten es zum Mund. Speichel schoss in meinen Mundraum und hieß die nahende kulinarische Offenbarung willkommen. Ich öffnete meinen Mund, schob das Objekt der Begierde ein Stück weit hinein, biss herzhaft zu.

Träumend und den Geschmacksorkan aus gegrilltem Fleisch, Käse, Ketchup und Brötchen auskostend, ließ ich meinen Blick über den BigKing hinweg durch das Lokal wandern.

Mein Blick blieb an einer einzelnen Person zwei Sitzgruppen weiter hängen.

Die Person war mit der gleichen Tätigkeit beschäftigt wie ich selbst. Der Hamburger unterschied sich: Whopper junior ohne Käse.

Es dauerte 3 Sekunden von der optischen Wahrnehmung der Person bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mich an meinem ersten Bissen verschluckte.

Die Person war Sven.

5.16. Aufräumarbeiten

Portland

Die Liberty High, eine der ersten und angesehensten Highschools der Stadt Portland, Maine, USA, hatte ein Problem. Der momentane Zustand der Kantine entsprach allem anderen als dem, was einer renommierten Bildungsanstalt angemessen wäre. Vor weniger als einer Stunde war dies noch anders gewesen. Doch im Moment entsprach die Kantine eher einem Schlachtfeld: Zerbrochenes Geschirr, zerschmetterte Stühle, unzerbrechliche Tische in zwei Teilen, jammernde menschliche Gestalten, teilweise blutverschmiert und über allen Hühnercremesuppe.

Mental hätte Prinzipal Franklin am liebsten die Nationalgarde gerufen, aber das lokale Sheriffbüro tat es dann zur Not auch. Das resolute Eingreifen der Männer in dunkelblau sorgte allerdings nicht für eine Beruhigung der Situation, sondern ließ die kriegerischen Handlungen eskalieren. Während die zwei oder drei, vielleicht auch vier oder fünf miteinander kämpfenden Gruppen bisher nur miteinander beschäftigt waren, betrachteten sie die herannahenden Polizisten als neue Spielgefährten.

Das erste Mal in ihrem Leben machten wohlerzogene Jugendliche aus den ersten Familien Portlands die Bekanntschaft mit Schlagstock, Taser, Reizgas und trotz engagiertem, aber im Resultat hoffnungslosen, Widerstand, einer Gefängniszelle, von wo sie später, manchmal auch absichtlich viel später von ihren wenig begeisterten Eltern abgeholt wurden.

Und dann geschah das Wunder von Portland.

Besser gesagt, es geschah einfach nichts. Die Schule machte für den Rest der Woche dicht. Allen Schülern wurde wegen dringend notwendiger Renovierungsarbeiten frei gegeben. Jeder erwartete Konsequenzen. Aber es gab keine. Keine Rügen, keine Tadel, keine Verweise. Die Schule tat so, als wenn die Schlägerei in der Kantine nie stattgefunden hätte.

Als Thimo und Co. am nächsten Montag die Kantine betraten, war von der Verwüstung nicht das Geringste zu sehen. Die Kantine war frisch gestrichen, es gab neues Mobiliar und sogar eine neue Küchenfee. Nur die anwesende Schülerschaft zeigte hier und da ein paar Hämatome zur Schau.

Das einzig wirklich Neue waren die fünf Überwachungskameras, die neuerdings den Raum zierten.

»Kneift mich mal wer!«, Rob sah sich mit großen Augen um. »Bin ich im richtigen Film?«

Peter kniff zu: »Doch bist du. Aber ich glaub's selbst nicht.«

Das ging nicht nur den zwei Jungs so, fast jeder, der den Raum betrat schaute sich verwundert um.

»Hat irgendeiner von euch irgendetwas von den Lehrern gehört?«

»Nope! Nur das Schweigen im Walde. Eine Massenschlägerei hat hier offiziell niemals stattgefunden.«

»Und was tut mir dann seit Tagen weh?«, Thimo massierte seine linke Schulter.

»Dein gekränkter Stolz?«, Marcels Scheinheiligkeit tat weh.

»Jetzt hör aber auf. Ich konnte den Stuhl von hinten wirklich nicht sehen.«

»Stimmt, das hab' ich ja vergessen. Du warst ja gerade dabei, Espen mit Hühnercremesuppe zu füttern.«

»Es war mir ein inneres Bedürfnis!«

»Ach, und da nimmt man einfach die Hand und schaufelt es ihm ins Gesicht?«

»Ja sicher! Wie hättest du es denn gemacht?«

»Ach, ist schon ok so. Übrigens, weißt du, warum der unzerbrechliche Tisch unter Brandon zerbrochen ist?«

»Nö?«

»Der Klügere gibt nach!«

Marcel, Thimo und der Rest der Gruppe fühlten sich als moralische Gewinner der Schlacht. Brandon und seine Jungs sahen das natürlich anders. Doch eine Erkenntnis blieb bei Brandon hängen: Thimo war anders, als er sich Schwule vorgestellt hatte. Er war ein Typ, der sich wehrte, schmerzhaft wehrte. Der nächste Angriff musste also deutlich subtiler ausfallen.

»Und wie geht„s jetzt weiter?«

»Fragst du mich?«, Thimo zog seine Augenbrauen hoch, »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Mal sehen, was nachher beim Training passiert.«

Es gab Veränderungen. Man musste nur genau hinsehen. Im Umkleideraum der Footballmannschaft hatten sich nach dem Ereignis der letzten Woche die Plätze geändert, an denen sich die Teammitglieder umzogen. Es hatten sich eindeutig zwei Fraktionen herausgebildet. Es schien, als wenn im Raum eine unsichtbare Linie gezogen worden war, die die Gruppe der Thimofans von der Gruppe der Thimogegner trennte. Nur eine Person saß mitten auf der Linie: Scott.

Coach Skinner hatte seine eigene Art, auf das Geschehene einzugehen.

»Ihr scheint ja noch sehr viel überschüssige Energie übrig zu haben.«

Mit dieser Bemerkung leitete Skinner das härteste und brutalste Trainingsprogramm ein, das jemals einer der Spieler erlebt hatte. Nach 3 Stunden krochen die harten Jungs auf ihrem Zahnfleisch zurück in die Kabine und duschten schweigend. Keiner, definitiv keiner, nicht einmal Espen besaß die Kraft, auch nur noch »Pieps« zu sagen.

Tage gingen ins Land. Außer dem brutalen Training und den neuen Überwachungskameras gab es keine offensichtlichen Folgen der Schlacht um die Hühnercremesuppe. Thimo rechnete tagtäglich damit, in das Büro von Skinner zitiert zu werden, doch Nukki ließ die Lautsprecheranlage nicht schnarren.

»Weißt du was?«, Marcel streichelte Thimo über dessen nackte Brust.

»Nö?«

»Schwul zu sein macht richtig Spaß. Vorausgesetzt, man hat den richtigen Mann neben sich im Bett liegen.«

»Hm, dann muss ich den mal suchen gehen ...«

»Du Arsch!«

Ein Kopfkissen landete unsanft in Thimos Gesicht.

»Ok, ok! Ich hab' ihn ja schon gefunden.«

Thimo gab Marcel einen Kuss auf dessen Schulter. Marcel hatte sich, ein Schmollen vorspielend, zur Seite gerollt und präsentierte Thimo nur die Rückseite seines Körpers.

Thimo küsste weiter. Von der Schulter den Rücken entlang. Zwei hübsche, runde Pobacken wurden liebkost. Thimo streichelte beide Seiten. Er rückte mit seinem Körper näher, bis seine Brust Marcels Rücken berührte. Die Kurve, die Marcels Körper beschrieb, wurde von Thimo aufgenommen. Er schmiegte sich an Marcel. Sein Schwanz wurde steif und berührte den Spalt zwischen Marcels Pobacken.

Thimo zuckte zurück. Wir haben noch nie... das ist das was Scott... ein längst vergessener Schatten verdunkelte Thimos Gedanken. Während Marcel und Thimo es beim gegenseitigen Blasen inzwischen schon zur Meisterschaft gebracht hatten, war dies immer noch ein unausgesprochenes Tabu gewesen.

»Was ist?«, Marcel war von Thimos Rückzieher überrascht.

»Ich wollte nicht ...«, Thimo brachte den Satz nicht zu Ende.

»Du meinst da hinten bei mir ...?«

»Yap!«

»Und warum tust du es dann nicht?«, Marcel drehte sich zu Thimo um und drückte ihm einen aufmunternden Kuss auf die Lippen.

»Wie?«, Thimo war verblüfft und glotzte Marcel fragend an.

Statt einer Antwort umspielte ein diabolisches Grinsen Marcels Lippen. Mit einem Ruck rollte er zur Seite, griff in die Schublade seines Nachttisches, kramte dort einen Moment, um sich schließlich mit einem zufriedenen Grunzlaut Thimo wieder zuzuwenden.

Thimos fragendes Glotzen war nach wie vor auf sein Gesicht gemeißelt.

»Hier«, Marcel hielt Thimo eine Tube KY vor die Nase, »Nicht unbedingt das beste Zeugs, aber das einzige, was ich unverfänglich auftreiben konnte.«

Thimos Blick wechselte von Marcels Gesicht zur Tube und fixierte sie. Die kleinen Zahnrädchen in seinem Gehirn machten klick und seine anfängliche Irritation machte einem breiten Grinsen Platz.

»Ah, mein Kleiner meint es ernst.«

»Worauf du einen lassen kannst. Wärst du also so nett?«

Marcel wartete Thimos Antwort nicht ab, sondern hatte bereits die KY-Tube aufgeschraubt und verteilte den Inhalt auf Thimos Schwanz. Während Thimo sich noch eine passende Antwort überlegte, hatte sein bestes Stück bereits eine Entscheidung getroffen. Es versteifte sich.

Thimo rückte näher an Marcel heran. Sein Bauch berührte Marcels Rücken. Gleichzeitig fest und zärtlich griff er nach Marcel Hüften und zog sein Becken zu sich heran. Marcel entspannte sich. In den Wochen, in denen er mit Thimo zusammen war, hatte er ein Vertrauen zu ihm entwickelt, das er vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Langsam und vorsichtig drang Thimo in Marcel ein. Thimo achtete auf jede von Marcels Regungen, ob er zurückzuckte oder Zeichen von Schmerzen zeigte, aber da waren keine. Marcel genoss es. Endlich mal jemand, der mit Gefühl und Verstand agierte. Welcher Kontrast zu Scott. Doch so ganz kritikfrei war Marcel dann doch nicht.

»Thimo?«

»Hmmmm?«

»Das ist ja ganz nett, was du da machst, aber du darfst dich durchaus bewegen ...«

»Hmmm, wie du willst.«

Beide Jungs gaben die Kuschelstellung in Marcels Bett auf und manövrierten sich in eine Position, bei der mehr Aktion möglich war. Thimo begann. Zuerst mit vorsichtigen, langsamen Stößen, doch als ein entsprechendes Feedback von Marcel kam, mit einem immer schneller werdenden Takt. Tiefer, kräftiger, intensiver. Marcel quiekte vor Lust. Thimo brach der Schweiß aus. Seine Haut glänzte. Puh, das ist anstrengender als Skinners Training.

»Schatz, zahlst du bitte mal das Taxi? - Mar-ceh-hell? Wir sind wieder da-ha!«, eine schrille Frauenstimme zerriss das leise Stöhnen des lustvollen Treibens.

Als hätte jemand die Pausetaste an einem Videorekorder gedrückt, erstarrte jegliche Interaktion zwischen Thimo und Marcel. Beide Jungs froren regelrecht mitten in ihren Bewegungen ein.

»Shit, meine Eltern!«, das große P für Panik leuchtete über Marcels Kopf auf. Wie von der Tarantel gestochen sprang er aus dem Bett, wobei Thimos Schwanz aus Marcel herausflutschte. Die Frauenstimme hatte auf Thimos Fortpflanzungsorgan wie ein Eimer eiskaltes Wasser gewirkt.

»Schnell, zieh dich an!«, Marcel hatte es schon geschafft, seinen Slip anzuziehen. Thimo stand hingegen unter einem lähmenden Schockzustand, aus dem er erst allmählich erwachte.

»Ich denke, die kommen erst nächste Woche!«

»Das dacht' ich auch. Los, verdammt, zieh' dich an. Mum platzt immer erst bei mir rein!«

Schließlich kam auch Thimo in die Puschen und begann, seine Klamotten in Rekordzeit anzuziehen. Shorts, Hose, das T-Shirt wehrte sich, doch schließlich ...

»Hallo mein Schatz! Komm gibt deiner Mama einen Kuss! Ach, wir sind seit Stun-den unterwegs. Diese Europäer bekommen doch nichts geregelt. Ich kann dir erzähl... oh, du hast Besuch?«

Der Redeschwall von Marcels Mum schien vorprogrammiert gewesen zu sein. Sie spulte ihren Text herunter und merkte zuerst gar nicht, dass ihr Sohn nicht allein war.

»Hallo Mama. Schön, dass ihr wieder da seid. Aber ich dachte, ihr kommt erst nächste Woche? Ach so, das ist Thimo, ein Freund aus der Schule ...«

»Hallo Thimo! Ach Schatz, weißt du, die Europäer sind einfach keine Amerikaner. Sowas von inkompetent. Tststs, du kennst ja deinen Vater, den stört sowas ja nicht. Aber ich fand das ja so-was von un-möglich. Das war kein Urlaub. Da sind wir halt wieder abgereist. So, Sie sind also Thimo? Sind Sie neu? Ich kenn Sie gar nicht. Wer sind denn Ihre Eltern? Neu in der Stadt?«

Diese Frau brauchte dringend eine Familienpackung Baldrian. Ihre Hektik könnte selbst Leichen nervös machen.

»Mein Name ist Camron-Bach, Thimo Camron-Bach. Wir, meine Mutter und ich, sind erst vor ein paar Monaten nach Portland gezogen. Wir kommen aus Fehmarn, einer Insel von Deutschland ... Europa.«

Bei Thimos letztem Wort hörte er einen unterdrückten Grunzlaut von Marcel, der krampfhaft versuchte, nicht laut loszuprusten. Marcels Mutter hingegen schien Thimos kleine Spitze nicht bemerkt zu haben oder ignorierte sie.

»Camron? Ellen Camrons Sohn? Sieh an ...«

Was auch immer diese Bemerkung bedeuten sollte, Marcels Mum verriet es nicht. Sie zog nur ihre beiden Augenbrauen hoch und musterte Thimo.

»Wo bleibt denn dein Vater mit den Koffern. Achgott, alles muss man selbst machen ...«, mit diesen Worten stürmte Marcels Mutter aus dem Raum und ließ einen verdatterten und einen vor Lachen krümmenden Jungen zurück. Marcel hatte sich auf sein Bett geworfen und hielt sich seinen Bauch. Tränen vor Lachen ronnen ihm die Wangen herunter.

»Was war das? Godzilla? Ein Erdbeben? Der Angriff der Hunnen?«

»Nein, nur meine liebe Mutter. Vielleicht hätte ich dich vor ihr mal warnen sollen. Aber Mann, du warst einfach super. Dieser Spruch, genial: ,Fehmarn, einer Insel von Deutschland... Europa.` Scheiße, ich pack mich weg!«

»Meinst du, sie hat was gemerkt?«

»Ach Nö, wieso denn. Wir haben uns doch rechtzeitig angezogen.«

»Ähm, ja, aber nicht richtig!«, Thimo zeigte auf Marcels T-Shirt. Marcel hatte es auf links und mit dem Etikett nach vorne angezogen.

»OOPS!«

5.17. Ein unerwarteter Verbündeter

»Hallo mein Sohn. Darf ich für ein paar Minuten bei dir Asyl vor deiner Mutter beantragen?«

Der Kopf eines freundlichen, mittelalten Herrn lugte durch den Türspalt des Zimmers.

»Ja sicher, komm rein«, Marcel lächelte. Offensichtlich freute er sich, seinen Vater zu sehen. »War Mum so schlimm?«

»Schlimmer!«, sichtlich erschöpft ließ sich Marcels Paps aufs Bett fallen. »Lieber zehn Wurzelbehandlungen als drei Wochen Europa mit dieser Frau!«

»Was ist passiert?«

»Ach frag' nicht ... diese Frau hat einfach keine Kultur. Historische Bauten der Antike hält sie für schäbigen Schrott und kitschige Plastikmodelle des schiefen Turms von Pisa (inklusive Glühbirne) für Kunst. Wir waren in Florenz, Rom, Venedig. Die Wiege unserer Kultur. Aber weißt du, was diese Frau zum Beispiel zum David von Michelangelo gesagt hat?«

»Pornographie?«

Marcels Vater seufzte.

»Genau das! Aber entschuldige, dass ich so bei dir reingeplatzt bin. Ich seh', du bist nicht alleine.«

Marcels Vater machte einen ganz verlegenen Eindruck.

»Kein Problem, Paps. Das ist Thimo, Thimo Camron-Bach, ein guter Freud aus der Schule.«

»Willkommen Thimo!«, im Gegensatz zu seiner Ehefrau stand Marcels Vater auf und reichte Thimo freundlich seine Hand.

»Guten Tag, Mr. Reynolds.«

»Ach, nicht so förmlich, nenn mich Jimmy!«

Jimmy Reynolds sah sich um, ganz beiläufig. Er sah zu Thimo. Er sah zu Marcel. Er sah zum Bett, schüttelte plötzlich seinen Kopf, wirkte etwas nachdenklich, ging dann zur offenstehenden Tür und schloss sie bedächtig.

»Marcel?«, auf der Suche nach passenden Worten strich sich Jimmy Reynolds übers Kinn.

»Ja, Paps?«, Marcel kannte seinen Vater. Und weil er ihn kannte, wurde er unruhig und nervös.

»Dein T-Shirt. Du hast es verkehrt rum an.«

»Oh!«

»Thimo? Sie haben vergessen, ihre Socken anzuziehen.«

»Ähm ...«

»Außerdem solltet ihr eure Gleitcremetube immer wieder zuschrauben. Sonst setzt sich noch jemand drauf ...«

Mr. Reynolds hatte sich gegen die Zimmertür gelehnt. Ob zur Entspannung seines Rückens oder um zu verhindern, dass jemand den Raum betrat, war nicht ersichtlich. Aber man konnte es sich denken.

Marcel und Thimo schauten erschrocken Richtung Bett. Mitten drauf lag die eben noch benutzte Tube KY. Ihr Blau gab zum Weiß der Bettdecke einen gelungenen Kontrast ab.

»Paps, ich ... wir ...«

»... ihr ... seid schwul. War es das, was du sagen wolltest?«

»Ähm, nun ...«

»Was für ein Glück, dass deine Mutter immer das ganze Haus zusammenschreien muss, wenn sie nach Hause kommt. Ich vermute mal, dass es sonst wohl etwas peinlich für euch geworden wäre.«

Zwei feuerrote Tomaten sahen Mr. Reynolds an.

»Ihr zwei seid ja richtig niedlich ...«, Marcels Paps schmunzelte, »Frisch verliebt, was?«

In Anbetracht der Sprachlosigkeit, die Jimmy Reynolds entgegen schlug, zuckte dieser kurz mit den Schultern und führte das Gespräch als Monolog weiter.

»Mann, Jungs, nun glotzt nicht so entsetzt. Für wie senil hältst du deinen alten Herrn eigentlich? Glaubst du, ich kann zwei und zwei nicht zusammenzählen? Zwei Jungs, beide durchgeschwitzt, mit verwuschelten Haaren auf dem Kopf, der eine ohne Socken, der andere mit einem maximal falsch angezogenen T-Shirt am Leib und eine offene Tube KY. Ich mag schon etwas grauhaarig sein, aber ich bin nicht blind und ganz nebenbei, auch nicht von gestern.«

»Und?«

Mit größtmöglicher Schüchternheit in seiner Stimme klinkte sich Marcel in das Gespräch wieder ein.

»Und was?«

»Dass ich schwul bin?«

»Gewöhnungsbedürftig ...«

»Du hast nichts dagegen?«

»Würde das etwas ändern? Wärst du dann nicht mehr schwul?«

»Wohl nicht ...«

»Na also, warum sollte ich dann etwas dagegen haben?«, Marcels Paps schüttelte seinen Kopf, »Vergiss das gewöhnungsbedürftig. Das ist mein Problem. Du kennst ja die Pläne, die Eltern so für ihre Kleinen machen: eine tolle Hochzeit und viele Enkel. Hm ... also, wenn ich's mir recht überlege, ist das eher ein Problem deiner Mum.«

Reynolds grinste tief in sich hinein und kratzte sich spitzbübisch an seinem Kinn.

»Oh, deine Mutter, das wird noch lustig.«

Marcel stand völlig verunsichert in seinem Zimmer. Das ist jetzt mein Coming Out? Hab' ich mir irgendwie anders vorgestellt.

»Mann, Sohn, nun steh' nicht wie ein begossener Pudel im Raum und lass dich von deinem alten Herrn in die Arme nehmen.«

Marcel stürzte auf seinen Paps zu und beide umarmten sich.

»Danke Paps!«, Marcel Stimme klang verschnieft.

»Marcel, es ist gut. Ich liebe dich. Immer. Es ist dein Leben. Wenn du glücklich bist, bin ich es auch.«

Vater und Sohn hielten sich schweigend in den Armen. Thimo beobachtete sie. Er sah in Marcels Augen. Sah, dass er glücklich war, und freute sich für seinen Freund.

Nach einer ganzen Weile trennten sich Marcel und sein Vater. Bisher hatten alle Anwesenden mehr oder weniger sinnvoll rumgestanden. Nachdem sich jetzt aber die Spannung gelöst hatte, die vorher den Raum erfüllt hatte, suchte man sich einen Platz zum Hinsetzen.

Marcels Vater musterte Thimo, wobei er sich erneut über das Kinn strich. Dies schien eine reflexartige Handbewegung zu sein, die er immer machte, wenn er über etwas nachdachte. Genauso reflexhaft, wie das Schmunzeln, das sich im Gesicht von Jimmy Reynolds breit machte. Auf Thimo wirkte Marcels Vater wie ein großer Junge, der gerade eben einen Streich ausgeheckt hatte und sich diebisch darüber freute. Diesem Mann schien der Schalk wirklich ständig im Nacken zu sitzen.

»Du bist Thimo Camron-Bach? Ellen Camrons Sohn? Hm, kann sowas möglich sein ...?«

Die letzte Frage schien Marcels Paps mehr zu sich selbst gesprochen haben. Sein Blick wirkte plötzlich abwesend oder nach innen gekehrt, als wenn er Bilder aus einer anderen Zeit zu sehen schien. Ein glückliches Lächeln huschte über Jimmys Gesicht.

»Der Sohn von Ellen ...«

Ein lächelndes Kopfschütteln.

»Du hast die Augen deiner Mutter ...«

»Sie kennen meine Mutter?«

»Bitte, nenn mich Jimmy. Und, ja, ich kenne deine Mutter.«

Und wieder huschte dieses glückliche Lächeln über Jimmys Gesicht. Ein Lächeln aus einer schönen Erinnerung.

»Wir waren zusammen. Deine Mutter und ich. Sie war meine Partnerin auf dem Abschlussball. Deine Mutter war eine Schönheit. Das Traummädchen der Schule. Und sie fragte mich. Ich war kein Sportler. Keiner der Footballspieler. Alle hatten damit gerechnet, dass Ellen mit Chip, dem Quarterback, hingehen würde. Aber sie fragte mich ... sie fragte wirklich mich ... ich war total in sie verliebt. Sie war einfach eine Göttin. Sowas, da verliebt sich mein Sohn in den Sohn meiner Jugendliebe. Das ist schon ziemlich verrückt, oder?«

Thimo blieb die Luft weg. Die Kitschromane, die seine Oma (väterlicherseits) immer gelesen hatte, hatten ähnliche Handlungsverwicklungen.

»Was ist passiert?«

»Wie meinst du das?«

»Warum gingen Sie und meine Mum wieder auseinander?«

»Das war keine Entscheidung, die wir getroffen haben. Unsere Eltern hatten andere Pläne. Nicht wegen unserer Beziehung, das war ihnen egal. Es ging um unsere Berufswahl. Als es darum ging, aufs College zu gehen, trennten sich unsere Wege. Mein Vater verlangte von mir, Anwalt zu werden. Als wenn es in diesem Land nicht schon genug Anwälte gäbe. Also, welches College gilt als eines der Besten? Die Havard School of Justice. Deine Mum ging auf die New York State University. Wir sahen uns noch ein paar Mal, aber ... es sollte wohl nicht sein. Sie lernte dann diesen Deutschen kennen, Mr. Bach, ein wirklich sympathischer Kerl. Ich habe ihn zweimal gesehen. Und ich sah, wie Ellen ihn ansah. Da wusste ich, dass sie den Richtigen gefunden hatte. Ich vermute, das war dein Vater. Wie geht es ihm?«

Marcels Vater konnte es nicht wissen. Trotzdem, die Erinnerung an den Tod seines Vaters tat weh. Entsprechend gequält war Thimos Mimik.

»Er ist vor ein paar Monaten an Krebs gestorben.«

Jimmy schreckte entsetzt zurück.

»Das tut mir leid. Ich wollte keine alten Wunden aufreißen. Mein Gott, ist Ellen deswegen zurückgekehrt?«

»Ja, die Erinnerungen an Paps waren drüben einfach zu stark für Mum.«

»Ich verstehe. Thimo, würdest du mir einen Gefallen tun?«

»Ja sicher, welchen?«

»Bitte richte deiner Mutter Grüße von mir aus. Und mein aufrichtiges Beileid für ihren Verlust.«

»Ich will nicht anmaßend klingen und ich werde auch Ihre Bitte erfüllen, aber warum sagen Sie ihr das nicht selbst?«

»Erstens bist du nicht anmaßend. Zweitens sollst du mich duzen! Und drittens werde ich das vielleicht irgendwann auch machen. Nur jetzt ... als ich eben den Namen deiner Mutter hörte, war es wieder da. Das gleiche Zittern wie beim Abschlussball.«

»Ähm, Paps, ich will dich ja nicht in deinen romantischen Erinnerungen unterbrechen, trotzdem würde mich ein anderes Thema viel mehr interessieren. Warum seid ihr eigentlich jetzt schon zurückgekommen? Wolltet ihr nicht noch eine Woche länger in Europa bleiben?«

Jimmy Reynolds wurde plötzlich ernst. Naja, was ernst bei seinem Spitzbubengesicht auch immer bedeuten mochte.

»So wie es aussieht, geht es um das gleiche Thema. Wir, das heißt genau genommen deine Mutter hat einen Brief von dieser fetten Witzfigur von Schuldirektor erhalten. Dieser Brief bestand aus zwei Teilen. Zum einen dem üblichen Verwaltungsblabla und Hinweisen, dass sämtliche Vorstandsmitglieder der Liberty Highschool ein identisches Schreiben erhalten hätten und dass es vertraulich sei und dass es wichtig sei und, und, und ... du weißt ja, deine Mum hat die Kohle in unserer Familie. Außerdem liebt sie den großen Auftritt, also hatte sie sich damals in den Vorstand eingekauft. Seitdem liebt sie diese Briefe. Das macht einen so wichtig.

Der zweite Teil war eine Ladung zu einer außerordentlichen Vorstandssitzung. Franklin hat laut Satzung der Schule das Recht eine einzuberufen, wenn er es für notwendig hält.»

Jimmy fixierte Thimo.

»Der Grund für diese außerordentliche Sitzung lautete ungefähr so: ,Sehr geehrte Vorstandsmitglieder, ich muss Sie leider über einen erschreckenden Vorfall in unserem Unternehmen informieren. Ein neuer Schüler, in den wir die größten Erwartungen als Garant für außergewöhnliche Erfolge unserer Footballmannschaft gesteckt hatten, offenbarte leider Charakterschwächen, die zu einer Destabilisierung der etablierten Elitestrukturen innerhalb der Schülerschaft geführt haben. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, da es am gestrigen Tag zu einer Eskalation der Ereignisse gekommen ist, die eine Entscheidung des gesamten Vorstandes unabdingbar macht. Unter anderem ist bei dem gestrigen Ereignis auch ein beträchtlicher finanzieller Schaden verursacht worden. Ich bitte die ehrenwerten Vorstandsmitglieder daher, einer außerordentlichen Sitzung beizuwohnen, in der wir über nun anstehende Maßnahmen zur Eindämmung des Problems beraten sollten. Ich muss nochmals die Brisanz der Situation unterstreichen. Die üblichen Maßregelungsmechanismen sind bedauerlicherweise nutzlos, wenn nicht sogar schädlich. Einen Ausschluss des betreffenden Schülers zum jetzigen Zeitpunkt muss als unplanbares Risiko angesehen werden. Die vertragsrechtlichen Konsequenzen stellen dabei noch das geringste Problem dar. Viel eher könnte eine Situation eintreten, die man nur als Märtyrereffekt in Folge einer Polarisierung der Schülerschaft beschreiben kann.` Und so weiter und so fort. Thimo, kannst du dir vorstellen, welchen Schüler Franklin meinen könnte?«

5.18. Whopper jun. mit Käse

Berlin

Natürlich - unsere Blicke kreuzten sich. Sven sah mich, zuckte zusammen und ließ vor Schreck einen Bissen Whopper junior aus seinem Mund fallen.

Was für ein mistige Situation. Wir hatten halb Berlin telefonisch nach Sven abgesucht, teilweise, um uns bei ihm zu entschuldigen, teilweise, um in zu fragen, was denn nun eigentlich los sei, waren aber bei der Suche erfolglos geblieben.

Und jetzt saß er keine fünf Schritte entfernt vor mir.

Er sah mich an.

Ich sah ihn an.

Unsicherheit lag in seinen Augen. Vermutlich war es die gleiche Unsicherheit, die ich auch verspürte. Ich hatte Sven gefunden und ...

... hatte keine Ahnung was ich ihm sagen sollte.

Wir schwiegen und starrten uns weiterhin an. Rein mechanisch führte ich meinen BigKing zum Mund und kaute lustlos auf dem Fleischbrät-Weizenbrötchen-Komplex herum. Sven tat seinem Whopper junior Ähnliches an. Wir ließen uns keine Sekunde aus den Augen.

Was war los? Warum konnte ich nicht einfach aufstehen und mich zu ihm setzen? Was hinderte mich daran? Was war anders geworden?

Sven schien einen unsichtbaren Schutzschirm um sich aufgebaut zu haben. Ein Schirm, der mich fernhielt. Was war das? Sven war der Erste gewesen, der mir in Berlin seine Freundschaft angeboten hatte, der zu mir hielt, als Timmy Hals über Kopf aus meinem Bungalow stürmte. Und jetzt diese Abwehrhaltung? Warum?

Er kaute immer langsamer. Wenn ich einen Whopper junior zu mir nehme, ist das ungefähr so, als wenn ein Tropfen Wasser auf eine heiße Herdplatte fällt. Sven quälte den Whopper jetzt schon fast 10 Minuten. Dabei hielt er immer noch gut ein viertel Hackbrötchen in seiner Hand. Er blickte darauf, ließ es auf das papierverzierte Plastiktablett fallen und sah mich plötzlich unvermittelt an. Wir hatten uns die ganze Zeit angestarrt, aber dieser Blick war anders. Seine Augen waren glasig und nass. Es war wie ein stummer Hilfeschrei. Seine Lippen bewegten sich, aber brachten dann doch kein Wort heraus.

Das war der Moment, wo ich handeln musste. Für einen kurzen Moment war mir, als wenn sein Schutzschirm in seiner Stärke etwas nachgab. Ich stand auf - ein Fehler.

Sven sah es und sprang selbst auf und stürmte aus der Hamburgerbratküche.

Ich versuchte ihm zu folgen. Eine Gegenströmung Skatekiddis, die als massiver Block gen Tresen trieb, hielt mich auf. Doch schließlich stand ich draußen und schaute über den Alex. Sven, wo steckst du? Mein Blick ging vom Kaufhof zur Weltzeituhr, folgte einer Straßenbahn, wanderte zwischen Verkaufsbuden umher und ... entdeckte Sven, wie er in Richtung Bahnhof trabte.

Ich sprang hinterher. Sven nicht aus den Augen zu verlieren und gleichzeitig kontrolliert über den Alex zu hechten war ein echtes Kunststück, das auch nicht ganz unfallfrei gelang. Ich rempelte etliche Leute an, die mir daraufhin wüste Beschimpfungen hinterher riefen. Ein Zusammenstoß hätte mich fast noch in einen Verkaufsstand mit diesen gruseligen Handytaschen stolpern lassen. Mit Mühe konnte ich verhindern, nicht auf die geschmackvollen bunten Plastikdinger zu stürzen.

»Svenni?«, ich rappelte mich auf und rief ihm hinterher. »Verdammt, jetzt warte doch mal!«

Er hörte mich! Er drehte sich sogar um! Völlig unerwartet blieb Sven stehen und drehte sich zu mir um!

»Scheiße, warum rennst du vor mir weg?«

Keine Antwort. Nur glasige, traurige Augen.

»Es tut uns leid, was wir getan haben. Kuki, Holger, ich und vor allen Timmy versuchen dich seit Tagen zu erreichen. Scheiße, wir haben Mist gebaut und wollten uns bei dir entschuldigen. Es tut uns leid! Wirklich! Mensch, warum bist du abgehauen?«

Sven biss sich auf seine Unterlippe. Er kämpfte mit den Tränen, das war offensichtlich. Nur warum eigentlich?

»Ich ...«, er wich meinem Blick aus.

»Komm, nun sag schon. Was ist los mit dir?«

»Mit mir? Ich ...«, er wollte sich umdrehen und wegrennen, »Lass mich, es ist vorbei ...«

Bevor er losrennen konnte, packte ich ihm am Arm. Sven fuhr herum und sah mich wutentbrannt an.

»Las mich los!«

»Nein! Ich will wissen, was mit dir los ist? Alle wollen das wissen! Was sollte dieser Brief, dass wir keine Freunde sein können? Was haben wir getan? Mein Gott, Svenni, wenn wir irgendwas falsch gemacht haben, dann sag es uns! Wenn ich etwas falsch gemacht habe ...

»Du?«, Svens Stimme war scharf, als er mir ins Wort fiel, aber auch mit einer Mischung aus Untertönen von Selbstmitleid, Verzweiflung, Hohn und Tränen durchsetzt. »Du und Fehler machen? Der perfekte Sven und Fehler?«

»Svenni, ich ...«, ich verstand nicht, was er meinte. Wir standen mitten auf dem Alex. Leute starrten uns an, aber ich bemerkte das nicht einmal, ich starrte nur Sven an und verstand seine Worte nicht.

»Du hast keine Ahnung, oder?«

»Ahnung wovon?«

»Oh Mann, du bist ja so überaus nobel. So edel, verdammt, wenn ich dich doch wenigstens hassen könnte, aber nichtmal das geht...«

Tränen. Sven weinte und ich stand mit weit aufgerissen Augen vor ihm und verstand nur Bahnhof. Naja, Bahnhöfe gibt's am Alex schließlich genug.

»Warum willst du mich hassen? Ich, ich, ich versteh das nicht ...«

Ich kultivierte mal wieder meine sprichwörtliche norddeutsche lange Leitung. Wir Inselbewohner brauchen ja immer einen Plan, aber diese Konfrontation war einfach planlos.

Sven schwieg. Er wich meinen Blick aus und starrte apathisch vor sich hin.

»Verdammt, Sven! Was ist los?«

Ich brüllte. Tauben und Touris hopsten verstört beiseite und glotzen mich befremdet an. Der native Berliner kratzte sich an der Nase und ging seines Wegs.

Sven betrachtete immer noch den kaugummiverklebten Boden. Doch immerhin, er sprach mit mir. Zwar nur mit gesenktem Kopf und leiser Stimme, aber immerhin.

»Du hast mir Tim gestohlen.«, er schniefte. »Du hast mir alle meine Freunde geraubt ...«

Er rannte weg, doch ich folgte ihm nicht. Seine Worte trafen mich völlig unerwartet, ungefähr so, als wenn man als Boxer eine gerade Rechte erwartet aber eine Linke von unten kommt und einen am Kinn K.O. schlägt.

...8...9...10...Aus!

Ich ging zu Boden. Nicht physisch aber psychisch. Mit leerem Blick und völlig benommen torkelte ich in den S-Bahnhof. Mein Hirn nahm sich eine Auszeit. Ich kam erst wieder zu mir, als die S-Bahn am Bahnhof Steglitz hielt. Ich konnte mich nicht einmal daran erinnern, wie ich in die S-Bahn gefunden hatte, oder ob ich mich wie sonst immer im Bahnhof Alexanderplatz verlaufen hatte. Selbst das Umsteigen in Friedrichstraße war unbewusst abgelaufen. Ich hockte nur da, starrte aus dem Fenster und versuchte zu verstehen, was Sven gesagt hatte.

Scheiße! Mein Rucksack mit dem Shirt für Nico lag noch beim Hamburgerdealer.

Mit knapper Not schlüpfte ich noch durch die sich schließenden Türen des S-Bahn-Waggons und hechtete über den Bahnsteig zur gerade haltenden Bahn in Gegenrichtung. Auch diese Bahn war gerade dabei, sich vom Acker zu machen. Die roten Blicklichter blinkten schon und das fiese Türschließsignal quiekte bereits. Doch ich war drin. Draußen fauchte wütend ein Zugabfertigungsmännchen über meine Aktion, doch glücklicherweise setzte sich der Zug bereits in Bewegung. Unter den missbilligenden Blicken einer Fraktion Zehlendorfer Wohlstandsbürger verkroch ich mich in einer Sitzecke.

Acht Stationen weiter erreichte ich Bahnhof Friedrichstraße. Zwei Ebenen hoch zur Stadtbahn, zwei weitere Stationen, Alex, Bürger King. Jubel, der Rucksack war noch da und es fehlte nix. Ich hatte nicht wirklich damit gerechnet, das Teil unversehrt vorzufinden. Umso erfreuter war ich und kaufte mir noch einen BSE-Burger. Die anderen beiden Teile hatte ich ja schließlich unvermittelt stehen gelassen.

Ich kaute gerade meinen neuen BigKing, als mir ein weiterer Rucksack auffiel, der herrenlos an dem Platz lag, an dem vor einer dreiviertel Stunde Sven gesessen hatte. Sollte er etwa auch ...?

Diesmal aß ich mein Essen auf, beobachtete dabei aber genau, ob sich irgendjemand für diesen Sack verantwortlich fühlte. Niemand. Die Gäste wechselten, der Rucksack blieb.

Er sah aus wie Svens Rucksack.

Ich ging hin, drehte ihn um und sah mir das Teil an.

Es war Svens Rucksack!

Was tun?

Sollte ich hier abwarten bis Sven selbst bemerkte, dass er seinen Rucksack vergessen hatte, und so wie ich zurückkehrte. Das war unwahrscheinlich. Inzwischen war mindestens eine Stunde vergangen, aber Sven war nicht aufgekreuzt. Sollte ich ihn am Tresen abgeben? Was würden die tun? Ihn ins Fundbüro bringen. Und dann? Ich wusste nicht, ob im Rucksack Svens Name und Adresse standen. Und wenn ich den Leuten am Tresen sagen würde, wem das Ding gehört?

»Moment, da muss ich den Geschäftsführer fragen...«, die Hamburgerfachverkäuferin war schneller weg, als ich etwas entgegnen konnte. Ich hatte mich dazu entschieden, das Teil unter Angabe der Adresse am Verkaufstresen abzugeben.

Der Geschäftsführer trabte an.

»Du bist sicher, dass dieser Rucksack deinem Freund gehört?«

»Ja!«

»Dann nimm ihn gefälligst mit und halt den Betrieb hier nicht auf!«

Berliner Freundlichkeit.

5.19. Judas junior - oder auch nicht?

Da lag ich nun auf meinem Bett und starrte die Decke an. Links lag mein Rucksack, rechts der von Sven.

Reinschauen?

Ich war hin- und hergerissen. Ich war neugierig, extrem neugierig, aber Svens Rucksack war seine Privatsphäre, die es zu respektieren galt. Also würde ich nicht hineinsehen.

Immerhin war Svens Rucksack eine Gelegenheit, nochmal mit Sven zu sprechen. Schließlich musste ich ihm ja das Teil zurückgeben. Gleich morgen früh ...

Es war ein trüber Oktobermorgen. Nachdem der September und auch der Anfang des Oktobers meteorologisch betrachtet viel zu warm waren, legte jetzt der Herbst so richtig los und begann gleich mit einem nebeligen Morgen. Es war gerade mal halb sieben Uhr morgens, eigentlich viel zu früh für mich, schließlich hatte ich noch Ferien, aber die letzte Nacht hatte ich unruhig geschlafen und mich permanent von einer Seite des Bettes zur anderen gewälzt. Schließlich gab ich den Kampf auf und zog mich an.

»Hallo Sohn, du schon wach?«

»Grrrnnnmmpf ...«

»Frühstück?«

»Seufz ... ja, warum nicht ...«

»Du weißt, wo alles steht.«

Meine Mum sah mich zuckersüß an. Ich zuckte mit den Schultern und schlich zum Geschirrschrank. Bewaffnet mit Teller, Besteck und Curryheringen ließ ich mich am Tisch nieder. Paps studierte seine Zeitungen.

»Ich habe mit den Endersens gesprochen. Vater und Tochter. Mannteufel hat tatsächlich eine notarielle Verpflichtungserklärung unterschrieben, hat die Vaterschaft formell anerkannt und zahlt Unterhalt. Das Gericht hat ein Umgangsverbot erteilt. Soweit könnte man zufrieden sein. Wie geht„s Timmy?«

Ich brauchte einen Moment, um meine Gedanken zu sortieren. Endersen? Mannteufel? Es dämmerte. Die Sache mit Tims Vater. Na wenigstens eine Sache, die in die richtige Bahn lief.

»Tim geht„s gut. Sein Team scheint alles in Grund und Boden zu schwimmen. Er wünscht sich aber, bald wieder in Berlin zu sein. Sind ja nur noch drei Tage. Nur noch? Was red ich da? Mum? Paps? Seht ihr wie meine Hand zittert? Das sind eindeutig Entzugserscheinungen!«

»Isser nicht süß, unser Kleiner?«

»Ja ja, macht ihr euch nur lustig über mich.«

»Würde uns nie einfallen. Was hast du denn heute so vor?«

»Sven seinen Rucksack vorbeibringen. Den hat er gestern im Hamburgerladen vergessen.«

»Du hast Sven gesehen? Hast du mit ihm gesprochen?«

Shit, ich hatte völlig vergessen, dass meine Mutter die Sache mit Svens unplanmäßiger Abreise ja live mitbekommen hatte.

»Mehr oder weniger. Er war etwas wortkarg. Ich bring ihm das Teil vorbei. Vielleicht ist er heute gesprächiger.«

Der Rest des Frühstücks verlief normal, was soviel hieß, dass wir uns nur noch über belanglose Themen, wie Schule, unterhielten. Anschließend machte ich mich sofort auf den Weg, Svenni seinen Rucksack zu bringen. Ich war zwar noch nie bei ihm gewesen, doch war seine Adresse vorsorglich in meiner Adressdatenbank gespeichert. Ein kurzer Zugriff auf das Internetangebot des Stadtplandienstes sorgte dafür, dass ich Svennis Adresse mit einer ungefähren Richtung assoziieren konnte. Er wohnte in der Nähe des U3 Bahnhofs Onkel Toms Hütte, also im tiefsten Zehlendorf.

Und wie da hinkommen?

In den letzten Monaten war ich zum absoluten Berlinprofi mutiert. Zwei Mausklicks weiter war ich bei der Fahrplanauskunft. Also, von S Bahnhof Schlachtensee bis Mexikoplatz, dann in den 211er Bus bis Onkel Toms Hütte. Das sollte sogar von mir zu schaffen sein. Solange ich nicht am Alex umsteigen musste, konnte eigentlich nichts schief gehen.

Bewaffnet mit zwei Rucksäcken machte ich mich auf den Weg. Die S-Bahn kam nach zwei Minuten und ich fuhr das kurze Stück bis Mexikoplatz. Ab hier log der Fahrplan. Vom 211 sah ich nur noch den Blinker, als der Bus von der Haltestelle losfuhr. Dieses Arschloch von Busfahrer war eine halbe Minute zu früh abgefahren. Machen die sowas eigentlich absichtlich? Werden Anschlüsse so geplant, dass man dem Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs gerade noch ein Quäntchen Hoffnung lässt?

Jedenfalls durfte ich auf den nächsten Bus warten. Ganz toll. Es war ja auch nur Oktober, der Morgennebel hatte sich ja auch nur zu einem fiesen, kalten Nieselregen entwickelt und es war ja immerhin ganze 4 Grad warm. Warum nicht gleich in Badehose rumlaufen? Ein Scheißspiel!

Ich machte mir eine interne Notiz, bei einem Gespräch mit Sven eine extra Portion Diplomatie und Freundlichkeit aufzuwenden, um den negativen Einfluss der herbstlichen Witterung auf meine Laune zu kompensieren.

Auch so ein merkwürdiges Ding. Als Küstenbewohner war ich bescheidenes Wetter gewohnt. An der See konnte mir der Wind gar nicht genug um die Ohren pfeifen. In dieser merkwürdigen Großstadt ging mir das Wetter regelmäßig auf den Zünder. Ich war angenervt. Außerdem fehlte mir Timmy!

Baby, das ist Mist. Da haben wir schon mal Ferien und der Kerl muss schwimmen.

In Gedanken griff ich nach der halben Goldmünze, die mir seit meinem Geburtstag um den Hals hing. Sie und das Wissen, wo die andere Hälfte sich gerade befand, gab mir Kraft und Stärke. Sogar der Bus trudelte ein.

17 Minuten später stand ich vor der Tür eines Einfamilienhäuschens mittlerer Größe. Typisch Mittelstandsgetto. Es gab genau einen Klingelknopf und der wurde von mir gedrückt.

Ding - Dong

Als wenn ich's nicht geahnt hätte. Dieser elektrische Türgong war so zwingend, wie das selbst gebrannte Namenschild aus Ton. Was mochten Svens Eltern wohl sein? Mama Lehrer und Papa Sparkassendirektor?

»Ja?«

Die Tür hatte sich geöffnet und eine sportlich gekleidete Frau, ungefähr im Alter meiner eigenen Mama stand im Rahmen.

»Ich bin Sven, Sven Jacobsen. Ich bin ein Freund von Sven. Ist er da? Ich wollte ihm seinen Rucksack bringen. Den hat er gestern bei Burger King vergessen.«

»Ach, du bist Sven? Das ist ja nett, dich mal kennen zu lernen. Sven hat ja schon so viel von dir erzählt ...«

Das ist ja nett, aber interessiert mich im Moment überhaupt nicht. Also, komm zu Potte!

»... aber du hast ihn gerade verpasst. Er muss so vor fünf Minuten weggegangen sein.«

Super! Danke, lieber Busfahrer!

»Naja, da kann man nichts machen. Aber Sie können ihm ja immerhin seinen Rucksack geben ... Sie wissen nicht zufällig, wo er hin wollte?«

Während Svens Mutter noch am Grübeln war, gab ich ihr den Rucksack.

»Doch, ich glaub' ich weiß, wohin er wollte. Comics und Videokassetten von so komischen Fernsehserien kaufen. Sag mal, gibst du auch soviel Geld für sowas aus? Was ist an Comics so tolles dran?«

»Ähm, tja, kann ich so direkt nicht sagen ... aber Danke für die Auskunft. Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen Sven. Und danke, dass du den Rucksack vorbeigebracht hast. Das war sehr nett von dir.«

»Ach was. Für einen Freund ...«

... macht man sehr merkwürdige Dinge. Insbesondere, wenn sich der Freund merkwürdig verhält. Comics und Videos war jedenfalls nicht merkwürdig, sondern eindeutig: Grober Unfug - der Laden für Comics und TV-Serien. Das hieß U7 Gneisenaustraße, der Laden war nur eine Querstraße vom Tätowier- und Piercingstudio entfernt, wo mir Kuki meinen Zungenstift verpasst hatte. Das hieß aber auch, einmal quer durch die halbe Stadt zu fahren.

Zurück zum U-Bahnhof. Im Kopf ging ich schon die möglichen Fahrtrouten und Umsteigebahnhöfe durch, doch konnte ich mir das sparen. Sven stand vor dem U-Bahnhof. Ich wollte schon einen Schritt zulegen, als ich plötzlich bemerkte, dass er nicht allein war. André, Rolfs Freund stand neben ihm. Sie redeten miteinander. Beide waren wild am gestikulieren. Sven schien mit André Stress zu haben. Ich sprang auf die beiden zu.

»... ist vorbei! Ich will nichts mehr mit euch zu tun haben!«

Svens Stimme klang entschlossen.

»Das werden wir noch sehen, aber ... ach, wen haben wir denn da?«

Andrés honigsüße Stimme hatte einen deutlichen Nachgeschmack: bittere Mandeln, genauso, wie Blausäure.

»Sven, hast du Stress mit dem Typen?«, mir fehlte nur noch das weiße Ritterkostüm.

»Sven, was machst du den hier. Du hättest nicht kommen sollen. Ich ...«, Sven wurde bleich. Mein plötzliches Auftauchen hatten ihn aus dem Konzept gebracht.

»Oh, du willst deinem Freund helfen. Na, viel Spaß auch, bei so einem Freund ...«

»Hast du irgendwas zu sagen, André?«

»Ich? Ich doch nicht. Ja, ja, der edle Sven Jacobsen, immer hilfsbereit und immer zur Stelle, wenn ein Freund seine Hilfe braucht. Wenn er denn wirklich ein Freund ist ...«

Peng! Da flog sie hin. Die Sicherung, die gerade in meinem Kopf durchgeknallt war. Ich packte André an seiner Jacke und drückte ihn an die Wand: »Willst du mir etwas Bestimmtes mitteilen? Dann mach hinne!«

»Frag' doch mal Sven, was er von deiner Freundschaft hält. Frag' ihn doch mal, was er unter einem Denkzettel für dich und deinen Fickschlitten versteht.«

Peng! Die zweite Sicherung machte einen Abgang. Diese sicherte bei mir die natürliche Hemmung gegen Gewalt. Doch Tim als meinen Fickschlitten zu bezeichnen ... meine Faust landete unkontrolliert und ungebremst in Andrés Magen.

»Verpiss dich!«, mit einem zweiten Schlag jagte ich André davon. Er hielt sich seinen Bauch und ich war zufrieden, d.h. teilweise. Was war mit Sven?

»Sven?«

Ich sah ihn nicht an. Ich sah dem weghumpelnden André nach. Sven stand neben mir.

»Ich war es! Ich habe euch verraten ... ich habe Rolf und André und den anderen Zugang zum Sportzeug verschafft ...«

Svens Stimme zitterte. Er wollte es loswerden. Diese Schuld, die er mit sich rumschleppte, war eine Belastung gewesen. Das war eindeutig zu hören. Er schämte sich. Aber gleichzeitig waren da auch Wut und Zorn.

Komischerweise fühlte ich mich eher empfindungslos. Ich war noch nicht einmal überrascht, geschweige denn schockiert.

»Warum?«

Ich sah immer noch in eine andere Richtung.

»Ihr, du, Tim, Dirk, Kuki! Ihr habt mir alles genommen. Ihr habt unsere Freundschaft verraten. Du, du hast mir Tim gestohlen.«

Und dann rannte er davon. Ich ließ ihn laufen. Es war Oktober, es regnete und mir war kalt.

5.20. Mama ante portas - die Zweite

Portland

»Es könnte sein, dass ich möglicherweise damit gemeint sein könnte.«

Thimo hatte durchaus damit gerechnet, dass der Vorfall in der Schulkantine ein Nachspiel haben würde. Es war zwar verblüffend, dass keine unmittelbaren Sanktionen folgten, aber das welche folgen würden, war so klar wie Kloßbrühe. Dass aber ausgerechnet er selbst, der kleine Thimo aus dem fernen Schläfrig Holstein für alles verantwortlich sein sollte, das verblüffte ihn dann schon.

»Ah ja. Euer Franklin scheint dem Vorstand einen Sündenbock präsentieren zu wollen.«

Marcels Paps sah mich nachdenklich an. Er grübelte.

»Offensichtlich. Und warum jetzt ausgerechnet ich?«

»Das weiß ich nicht. Ich könnte mir ein paar Gründe denken, aber ich steck nun wirklich nicht in euren Schulgeschichten drin. Aber eine Sache ist sicher: Du hast ein Problem. Was hast du angestellt?«

»Nichts!«

Thimo fühlte sich ungerecht behandelt. Die Mischung aus Ohnmacht und Hilflosigkeit war frustrierend.

»... naja, vermutlich habe ich die Regeln verletzt. Unmoralische Regeln, um genau zu sein. Ich war so dreist und habe mir eine eigene Meinung geleistet, nicht mit den Wölfen geheult und wohl auch ein paar Tabus gebrochen. Und das Beste daran ist: Ich hab es noch nicht einmal bemerkt.«

»Du hast dich also wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen aufgeführt. Ich nehme mal an, dass du dich auch nicht sonderlich mit deiner Neigung zum eigenen Geschlecht hinterm Berg gehalten hast.«

Thimo entblößte eine Reihe weißer Zähne.

»Ah ja. So langsam beginne ich zu verstehen ...«

»Und deswegen seid ihr eine Woche früher nach Hause gekommen. Wegen solch einem Scheiß.«

»Wenn deine Mutter im Raum wäre, würde ich jetzt sagen: ,Du sollst doch solche Worte nicht in den Mund nehmen!`. Da deine Mutter aber nicht da ist, sage ich: `Genau, wegen solch einem Scheiß!`. Eigentlich bin ich froh, wieder zu Hause zu sein, diese Frau kann man auf Dauer nicht ertragen. 24 Stunden permanente Nörgelei über diese ach so rückständigen Europäer. Aber du weißt ja selbst, wie wichtig sie ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen nimmt. Hach Gottchen! Sie weiß es und ich weiß es, dass das alles nur eine willkommene Ausrede für sie war, um nach Hause zu fahren. Ok, ich lass euch mal wieder alleine. Wenn ich was erfahre, dann lasse ich es euch wissen. Ach ja, Thimo, denk bitte daran, deine Mutter von mir zu grüßen. Und noch was ...«

Marcels Vater wurde plötzlich sehr ernst.

»Ich würde mich an eurer Stelle darauf einstellen, dass ihr euch hier nicht mehr treffen könnt. Wenn Cynthia erfährt, dass Thimo schwul ist, gibt es richtig Stress. Und sie wird es ja zwangsläufig erfahren. Inoffiziell bin ich mächtig stolz auf euch zwei!«

Und mit diesen Worten verschwand Marcels Paps aus seinem Zimmer.

»Das ist dein Vater?«

Marcel nickte.

»Und das andere war deine Mutter?«

Marcel nickte erneut.

Thimo stand das blanke Entsetzen in den Augen.

»Bist du sicher, dass die beiden verheiratet sind?«

»Jein. Formel ja. Informell ... man könnte sagen: ,Sie bewohnen das gleiche Haus.«`

»Und warum lässt er sich nicht scheiden?«, ein großes Fragezeichen schwebte über Thimos Haupt. »Dein Paps scheint doch voll in Ordnung zu sein.«

»Ist er auch. Und ich kann dir sogar sagen, was er jetzt macht. Er geht in sein Arbeitszimmer, setzt sich seine Kopfhörer auf, hört Beethoven und trinkt einen dreifachen Whiskey.«

»So schlimm?«

»Schlimmer. Nur damit du klar siehst. Er trinkt nur einen Whiskey. Nicht mehr. Aber er hat resigniert und das vor Jahren schon. Er hat nämlich keine Optionen ...«

»Wie das?«

»Paps ist Anwalt. Ein sehr guter sogar. Sein Problem ist sein Arbeitgeber. Eine Scheidung wäre auch das Aus bei der Kanzlei, bei der er arbeitet. Und diese Kanzlei würde dafür sorgen, dass er niemals wieder als Anwalt arbeitet.«

»Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Die Kanzlei gehört meiner Mutter. Vorher gehörte sie ihrem Vater. Mum hat die Kohle und die Macht. Sie kommt aus einem guten Stall. Einem der Besten in ganz Maine. Mums Vater war ein Gott der Jurisprudenz. Richter am Appellationsgericht von Maine. Später Richter, bis zu seinem Tod Richter am Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Mann hatte mindestens so viele Feinde wie Freunde, und er hatte sehr viele Freunde. Mum ist zwar auch Anwältin, aber leider fehlt ihr das Talent ihres Vaters. Paps hat dieses Talent. Aber unter Mums Knute verkümmert es. Scheidung kommt leider nicht in Frage. Sie haben einen Ehevertrag, der noch vom Alten ausgearbeitet wurde. Egal wer sich von wem trennt, Paps würde nur mit seinen Kleidern da stehen.«

»Wow! Er tut mir leid.«

»Mir auch. Er ist ein toller Paps. Es ist komisch, aber Paps und Mum, das ist fast so, wie es zwischen mir und Scott war. Ich kam auch nicht von ihm los, bis du kamst. Ich glaube, mein Paps braucht auch einen Thimo Camron-Bach.«

Oder eine Ellen Camron-Bach. Doch diesen Gedanken behielt Thimo für sich.

»Sie verlassen auf der Stelle mein Haus!«

Marcels Mutter war ohne jegliche Vorwarnung (Luftangriff, ABC-Alarm) in Marcels Zimmer geplatzt.

Marcel verdrehte seine Augen: »Oh oh, sie weiß es!«

»Und du, mein Sohn, dir verbiete ich jeglichen Kontakt zu diesem Subjekt. Ich habe gerade mit den Eltern deiner Mitschüler telefoniert. Erschreckend, was ich da erfahren musste. Nun ja, seit meinem Urlaub wundert mich nichts mehr. Die Europäer sind moralisch völlig degeneriert. Man schaltet das Fernsehen ein und sieht nichts als Schund und Pornographie.«

»Ähm, ich bin gebürtiger US-Bürger!«

Cynthia Reynolds ignorierte diesen Einwand.

»Ich verlange, dass Sie mein Haus verlassen. Sofort! Ich werde es nicht zulassen, dass sie möglicherweise noch meinen Sohn pervertieren. Sie haben schon zu viel Unheil angerichtet.«

Thimo blickte hilfesuchend zu Marcel. Marcel deutete mit seinem Kopf Zustimmung an: »Geh' ruhig, es ist im Moment besser so.«

»Na gut. Bis morgen in der Schule!«

»Marcel, du wirst keinen Kontakt zu Mr. Camron-Bach suchen. Du solltest dir wirklich einen besseren Umgang suchen. Warum triffst du dich nicht mehr mit Scott, das war so ein lieber Junge!«

»Jimmy Reynolds ist Marcels Vater?«

Thimos Mum musste sich setzten. Sie hatte weiche Knie bekommen und ihre Wangen waren gerötet. Der verzückte Blick in ihren Augen ließen eindeutige Rückschlüsse auf zurückliegende amouröse Erfahrungen zu.

»Weißt du, Jimmy hätte dein Vater sein können. Wenn es damals anders gelaufen wäre und er nicht Jura studieren hätte müssen ... oh, mein Gott, Jimmy Reynolds. Sieht er immer noch so gut aus?«

»Ähm, Mum, das kann ich nun wirklich nicht sagen. Er hat ein Spitzbubengesicht. Er sieht aus, als wenn er gerade etwas ausgefressen hätte.«

»Wirklich? Wahnsinn, wie vor 23 Jahren. Und er will mich besuchen kommen?«

»Ja, aber nur wenn du es möchtest. Er hat das von Paps erfahren und lässt dir durch mich sein Beileid ausdrücken. Du musst ihn wirklich gemocht haben.«

»Gemocht? Du spinnst wohl! Ich war total in Jimmy verknallt! Bis über beide Ohren. Oh, er war so süß in seinem Smoking. Auf dem Abschlussfest. Ich müsste da eigentlich noch ein Bild haben ... aber jetzt weiß ich auch, warum mir Marcel immer so bekannt vorkam. Er ist Jimmys Sohn, natürlich!«

Thimo hatte seine Mutter selten so aufgekratzt gesehen. Seit dem Tod von seinem Vater eigentlich überhaupt nicht mehr. Jimmy Reynolds brachte eine ganze Armee vergessener Gefühle an die Oberfläche. Ellen erschien jünger. Die Wangen leicht gerötet, hatte sie plötzlich etwas sehr Mädchenhaftes, Jugendliches an sich. Thimo freute sich für seine Mutter und unterließ es, ihr etwas von dem Grund zu erzählen, warum die Familie Reynolds von ihrem mehrmonatigen Europaurlaub früher zurückgekehrt war als geplant. Es war ja schließlich noch gar nichts passiert.

Thimo saß vor seinem Computer und verfasste diverse E-Mails. An Sven, um ihn über den aktuellen Stand der Ereignisse auf dem Laufenden zu halten, an Rob, weil der alte Zyniker die Sache mit dem Schulvorstand einfach lieben musste, und schließlich an Marcel. Dessen Mutter hatte zwar den direkten Umgang untersagt, aber von E-Mail verstand sie ungefähr so viel wie Thimo von Sanskrit.

Als alle Mails geschrieben und abgeschickt waren, saß Thimo nur da und schaute auf die Muster des Bildschirmschoners. Seine Gedanken wanderten rückwärts in der Zeit. Die Prügelei um die Hühnercremesuppe, der merkwürdige Beistand von Samuel del Ray, Marcel auf dem Baumhaus, die Auseinandersetzung mit Scott, Rob, Jana, Peter, Tom. War das alles wirklich in weniger als einem halben Jahr passiert?

Mit einem Seufzer schaltete Thimo den Computer aus und ging ins Bett.

Wo werde ich in einem halben Jahr sein?

5.21. Endspiel

»Ladies...«, Skinners Stimme hatte die Qualität eines Drillsergants, »wenn ihr jetzt gleich auf das Spielfeld geht, dann geht mit erhobenem Haupt. Ja, das ist das Endspiel um die Meisterschaft! Ihr habt es bis hierher geschafft. Ihr habt die Saison als drittbeste Mannschaft beendet! Ihr habt die Play Offs gemeistert! Ihr habt euch das Recht erworben, hier zu spielen! Also, dann beweist denen da draußen auch, dass ihr es wert seid, zu gewinnen!«

Es war der Tag. Die Footballmannschaft der Portland Liberty Highschool hatte es tatsächlich bis zur Meisterschaft des Bundesstaates gebracht. Man hatte sich von einer mittelmäßigen Schulmannschaft elitärer Muttersöhnchen stinkreicher Eltern zu einer respektierten Mannschaft hochgesiegt. Jeder in der Mannschaft wusste, wem sie diesen kometenhaften Aufstieg zu verdanken hatten: Thimo und Scott.

So sehr sich die zwei Jungs privat auch verabscheuten, wobei sich diese Abscheu seitens Scotts stark relativiert hatte, so perfekt ergänzten sich die beiden auf dem Feld. Scott war der Quarterback. Thimo respektierte diese Tatsache und war mit dem Job des Vice QB mehr als zufrieden.

Und da standen sie jetzt. Im Endspiel. Im größten Stadion des Staates. Dies war nicht irgendein Spiel. Dies war das Spiel.

»Warum seid ihr hier?«, Skinner brüllte.

»Um zu gewinnen!«, die Mannschaft brüllte.

»Ich kann euch nicht hören?«

»Um zu gewinnen!«

»Also dann, Ladies, raus mit euch!«

Skinner grinste. Er war zufrieden. Diese Jungs konnten es wirklich packen, er war sich bei keiner Mannschaft je so sicher gewesen.

Die Mannschaft strömte aus, durch die Gänge des Stadions in die hell erleuchtete Arena. Applaus brandete auf. Der Stadionsprecher stellte jeden Spieler vor.

Thimo lief ein Schauer über den Rücken, als sein Name aus der Lautsprecheranlage schallte. Das Ganze war völlig irreal, wie in einem Traum und doch passierte es wirklich. In diesem Moment.

»Mit der Nummer 37, der Wide Receiver, ein Rookie und doch schon eines der größten Talente der Liberty High, aus Deutschland Thimo Camron-Bach.«

Der Genannte bekam weiche Knie, als ein Verfolgerscheinwerfer ihn wie die anderen auch ins Visier nahm.

So ging es weiter. Thimo kam sich vor, als wenn er im Superbowl stehen würde. Wenn die Amis etwas machen, dann machen sie es bombastisch. Es handelte sich nur um High School Football, aber für die Anwesenden, und die bestanden nicht nur aus den Eltern und Angehörigen, war es wirklich das Ereignis.

Zwischenzeitlich war der Stadionsprecher bei Scott angekommen.

»Und zum Schluss der Quarterback der Liberty High. Die Nummer 17, das Naturtalent aus Portland, mehrfacher MVP, Scott Richardson.«

Tosender Beifall.

»Gebändigt, geformt und trainiert wird diese Mannschaft von Coach Walter F. Skinner.«

Ganz traditionell lief Skinner durch eine Gasse seiner Spieler.

»Die Nationalhymne wird jetzt gesungen vom Kennybunk Port Elementary Schools Choir .«

Ein amerikanisches Ritual folgte. Tatsächlich, auch bei diesem Spiel von Schülern erhob sich das gesamte Stadion während fünf Hände voll Teppichratten die US Nationalhymne sangen. Im arithmetischen Mittel trafen sie sogar die richtigen Töne. Über die Varianz sollte man aber lieber den Mantel des Schweigens legen.

Und dann begann das Spiel. Bei coin toss, dem Münzenwerfen gewann die Liberty High. Scott optierte für Angriff. Der Kick Off brachte eine brauchbare Ausgangsposition. Ca. 45 Yards waren zurückzulegen.

Der erst Spielzug brachte auch den ersten Raumgewinn: 7 Yards, also noch keinen neuen first down. Den sollte der nächste Spielzug bringen. 12 Yards Raumgewinn und ein neuer first down. Noch 26 Yards.

Scotts Plan war ein langer Pass zu Thimo über die Seite. Eine Spezialität der beiden, die sie zur Perfektion gebracht hatten.

Es kam anders. Espen versaute es. Er hätte Scott schützen sollen, der Wurf misslang. Und noch schlimmer. Er war nicht etwa nur incomplete, also unvollständig, es kam sogar zu einer interception, zum Ballverlust.

Das Drama setzte sich fort. Das gegnerische Offensive-Team landete nach 8 Spielzügen ihren ersten touch down plus Extrapunkt und ging mit 7 Punkten in Führung.

Der Gegner war wirklich gut. Kein Wunder, schließlich war er ebenfalls bis ins Endspiel gekommen. Außerdem hatte die gegnerische Mannschaft die Tabelle der regulären Saison angeführt. Wirklich kein leichter Gegner. Ihre Stärken lagen bei ihrem höllisch guten running back und der unerschöpflichen Trickkiste ihres Quarterbacks. Angetäuschte Spielzüge waren seine Spezialität.

Für die Liberty High lief das Spiel alles andere als gut. Scott und Thimo kamen einfach nicht zu ihrem Spiel. Entweder wurde Scott hart von den Defense Ends getakelt oder die Cornerbacks schossen sich auf Thimo ein. Und die Jungs waren alles andere als zimperlich.

Nach zwei Vierteln stand es 21 zu 9. Als sich die Mannschaft zur Halbzeitpause in die Umkleidekabine schleppte, war die Stimmung dementsprechend am Boden.

»Was ist denn mit euch los? Habt ihr heute Valium gefrühstückt oder was?«

Hängende Köpfe, trübe Minen.

»Leute, ihr verkauft euch absolut unter Wert. Eure Gegner spielen schlechter, als ihr je in der Saison gespielt habt. Ich weiß, ihr könnt das Spiel noch umdrehen, aber wenn ihr euch schon aufgegeben habt ...«

»Vielleicht sollte Sam weniger Thimos Schwanz lutschen und mehr seinen Job machen ...«

Alle Blicke wandten sich Espen zu. Skinner lief rot an.

»Es reicht! Ich dachte eigentlich, ihr hättet inzwischen gelernt, dass ihr eine Mannschaft seid. Aber wenn ihr jetzt mit gegenseitigen Schuldzuweisungen anfangt ...«

»Ach Quatsch! Wenn unsere Prinzessinnen nicht so verschwuchtelt wären, würde das Spiel auch laufen.«

Skinner kochte.

»Espen, du bist draußen!«

»Was, ich? Wieso das denn? Bin ich etwa einer dieser scheiß schwulen Schweine?«

Espen fauchte Skinner an, aber an dem prallte Espens Wut einfach ab.

»Nein, bist du wirklich nicht. Es ist mir völlig egal, was ihr Jungs miteinander treibt. Hauptsache ihr spielt gut. Und du, Espen, spielst beschissen! Ich hasse es, Spielern vor der Mannschaft sagen zu müssen, dass sie schlecht spielen. Aber du, Espen, du spielst einfach abgrundtief schlecht. Dass du jetzt auch noch versuchst, andere für deine Unfähigkeit verantwortlich zu machen, ist schlicht eine Frechheit. Ohne Sam, ohne seinen kompromisslosen Einsatz wärt ihr nämlich bei dem bisherigen Spielverlauf völlig untergegangen! Espen, du bist draußen. Du bist aus dem Team. Raus!«

Espen wurde erst bleich und dann grün.

»Pah! Ich scheiß auf euch! Werdet doch glücklich, ihr werdet schon sehen, wohin euch das führt.«

Er packte seine Sachen, spuckte dem Team vor die Füße und marschierte hinaus.

»So, das war„s. Noch jemand, der einen qualifizierten Vorschlag zu machen hat?«

Skinner sah sich um, aber niemand muckte auf. Nicht einmal Brandon. Sam zwinkerte Thimo zu, der frech zurückgrinste.

»Ok, dann schlage ich vor, dass ihr dieses Spiel gewinnt. Und solange ihr noch Schwänze und Bälle voneinander unterscheiden könnt, habt ihr auch eine reelle Chance. Also, eure Gegner versuchen es meistens mit langen Pässen über rechts, da ihr linker Wide Receiver zwar gut laufen kann, aber ein lausiger Fänger ist. Ok, wir werden uns stärker auf der rechten Seite engagieren. Thimo? Scott? Ihr habt bisher erst einen Pass hinbekommen, das ist nicht euer Fehler gewesen, der gegnerische Cornerback ist wirklich gut. Was mir gut gefiel, war, dass ihr nicht gefumbelt habt und es nur zu einer interception gekommen ist. Wir machen also folgendes ...«

Womit Skinner in groben Zügen die nächsten Spielzüge erläuterte. Espen fiel zwar aus, aber das war wirklich kein Verlust. Eher eine Erleichterung.

Nach Ablauf der Halbzeitpause ging es zurück aufs Feld. Sams Defense Team musste aufs Feld. Die gegnerische Mannschaft war am Zug. Der Punt war gut und brachte den Ball weit ins eigene Feld, schlecht für die Liberty High. Das Spiel startete an der 22 Yards Linie, also verdammt nah an der eigenen Endzone.

1 and 10. Der Ball geht zum Quarterback, der holt aus zum Pass. Foul. Doch ein Foul durch die Gegner. Der Schiedsrichter entscheidet auf eine 10 Yards Penalty still first down, wodurch der Ball an der 32 Yards Linie zum liegen kommt. Nervosität macht sich breit. Der Spielzug startet. Der Ball fliegt zum Running Back, der läuft, sucht einen freien Spieler und ... fumbelt. Er verliert den Ball. Erneuter Raumverlust.

Ohne dass die Liberty High auch nur ein Tackling durchführen musste, landet der Ball bei 47 Yards. Die Gegner wurden immer unsicherer, das Spiel kippte. Der QB warf den Ball und interception. Samuel del Ray gelangte in Ballbesitz! Und er rannte! Er rannte wie ein Wahnsinniger. Die Gegner waren sekundenlang völlig paralysiert, bevor sie losstürmten und das zu verhindern versuchten, was sich nicht mehr verhindern ließ. Samuel del Ray erlief einen touch down in einer interception! Das Stadion tobte! 6 sensationelle Punkte plus PAT brachten die Liberty High auf 16 zu 21 Punkte an ihre Gegner heran. Zu allem Überfluss waren jetzt auch Scott und Thimo am Zug. Und endlich platzte der Knoten. Sie fanden in ihr Spiel, das Team der Liberty High wachte auf und spielte wie die Teufel. Und punktete.

Der Sieg war plötzlich unaufhaltbar. Thimo gelang ein Lauf zum touch down von über 65 Yards. Scott warf das Ei und Thimo fing. Keine Unsicherheit kein Fumble. Perfektes Football.

Und dann war es plötzlich vorbei. Das Spiel war aus. Die Liberty High gewann das erste Mal in ihrer Geschichte die Meisterschaft mit 37 zu 25.

Mit dem Schlusspfiff explodierte das Stadion. Zu Musik und Siegesfanfaren kam ein spektakuläres Feuerwerk. Thimo stand mitten auf dem Feld und dachte, er träumte. Er nahm seinen Helm ab und warf ihn mit einem Siegesschrei in die mit silbernen Funken des Feuerwerks erfüllte Luft.

Es war der totale Wahnsinn. Ein Traum, den er nie zu träumen wagte, ging in Erfüllung.

»Nicht schlecht für ne' Schwuchtel!«

Thimo drehte sich um. Hinter ihm stand Marcel und grinste ihn frech an.

»Thimo, du warst überirdisch. Ihr alle ward überirdisch, sogar Scott!«

»Ja, wir waren wohl ganz brauchbar ...«, in Fällen übersteigerter Glücksmomente griff Thimo immer gern auf sein norddeutsches Understatement zurück.

Thimo und Marcel standen sich gegenüber. Der Lärm der feiernden Meute verschwand im Hintergrund. Beide Jungs strahlten sich an. Hatten nur noch Augen füreinander.

»Thimo, ich liebe dich!«

»Ja, ich dich auch. Du hast mich das hier überhaupt schaffen lassen!«

Und dann stürzten die beiden aufeinander zu und umarmten sich, küssten sich und es störte sie wenig, dass das gesamte Stadion zuschauen konnte.

»Nicht schlecht für ne' Schwuchtel! Gar nicht mal so schlecht ...«

Marcel und Thimo sprangen auseinander und wandten sich der Stimme zu, die diesen Spruch gerade losgelassen hatte. Es war Scott. Er stand vor ihnen und schmunzelte vergnügt.

Thimo überlegte. Was sollte er entgegnen? Scott war weiß Gott kein Freund, ganz im Gegenteil, obwohl, so ein richtiger Feind war er auch nicht mehr gewesen. Auf der anderen Seite war da noch die Sache mit Marcel gewesen. Thimo entschied sich, einfach das zu sagen, was ihm spontan in den Sinn kam.

»Nicht schlecht für ne' Hete! Gar nicht mal so schlecht ...«

Scott nickte.

»Wir haben es geschafft. Wir haben es wirklich geschafft. Oder besser ...«, Scott wurde leise, »Du hast es geschafft. Thimo, du hast diese Mannschaft gelehrt, was Teamgeist ist. Du hast es mir beigebracht ... danke! Danke und Entschuldigung. Ich war ein Arschloch zu dir, weil ich dachte ... ach, auch egal.«

»Ich weiß, was du meinst. Von meiner Seite sind wir cool. Du bist ein extrem guter QB. Der Beste, den wir hier haben. Ich wollte nie deinen Job. Wirklich nicht!«

»Ich weiß. Ich hab's begriffen, aber leider viel zu spät ...«

»Aber, da ist noch etwas ...«

Thimo konnte seinen Stress mit Scott vergessen. Aber das Thema Marcel stand auf einem ganz anderen Blatt ...

Scott begriff sofort, worauf Thimo hinaus wollte. Marcel stand schließlich neben ihm. Scott senkte seinen Blick, sammelte sich einen Moment und sah dann Marcel in die Augen.

»Verzeih mir, bitte...«

Nachwort

Die Kacke ist am dampfen. Hat irgendwer behauptet, dass immer alles glatt läuft? Wer lebt macht Fehler. Bleibt nur die Frage, ob man jemals die Chance erhält, diese Fehler zu korrigieren.

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