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Dämonenjäger

Teil 13

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Informationen

Inhaltsverzeichnis

Köln, Deutschland, Anno Domini 2017

In Köln las Max einige Tage später eine für ihn etwas überraschende Nachricht. Es war die offizielle Abordnung zu einer Forschungsexkursion in die USA. Die nächste Nachricht, die folgte, kam aus dem Haus Birkenstein und war von Lucien.

‚Herzlich willkommen im Team. Ich hoffe, du bist nicht allzu böse, dass du uns begleiten sollst‘.

Max wunderte sich, wieso ausgerechnet er ein Team begleiten sollte. Soviel er gehört hatte, sollten die doch die Hintergründe dieser Hinrichtungen aus dem KZ aufklären. Wozu flogen die denn nun in die USA?

Dann überkam Max ein ganz anderer Gedanke. Martin würde dann ja hier ganz alleine über Weihnachten bleiben. Das ging gar nicht. Jetzt würde er doch seinen Vater anrufen müssen, um einige Sachen zu klären. Das Gespräch dauerte länger und Max war nicht besonders froh mit dem Ergebnis. Nachdem Max erklärt hatte, warum er anrief, blieb sein Vater zunächst einmal still, dann hörte Max ihn seufzen.

„Du weißt, was ein Befehl ist? Er beruht im Prinzip auf dienstlicher Notwendigkeit. Ich habe deine Einwände zur Kenntnis genommen. Wir werden uns hier beraten und auch eure Einheitsführer mit einbeziehen. Ich möchte allerdings nicht, dass du ab jetzt alle Befehle und Anweisungen erst einmal hinterfragst und dich dann beschwerst, wenn sie nicht deinen eigenen Vorstellungen entsprechen. Wir sind zwar keine Armee im eigentlichen Sinn, aber wir sind darauf angewiesen, dass entsprechende Anweisungen ausgeführt werden, auch wenn sie zunächst nicht einsichtig sind.“

Max schluckte schwer. Die Möglichkeiten, die sich durch die Beziehung zu seinem Vater ergaben, hatten ihn vergessen lassen, wer er war und was er zu tun hatte. Es sollte schon gar nicht so aussehen, als würde er heulend zu seinem Vater laufen, wenn ihm etwas nicht passte.

„Jawohl, Herr General. Ich werde es mir merken. Es tut mir leid, dass ich angerufen habe.“

Es gab eine kleine Pause, dann hörte Max die leise Stimme seines Vaters.

„Es braucht dir nicht Leid zu tun. Doch du hast dich entgegen unseren Wünschen für den Dienst in der Organisation gemeldet. Denk einmal darüber nach, ob es dir wirklich ernst damit ist. Dann weißt du genau, was du zu tun hast. Wie immer du dich entscheidest, Max, ich liebe dich.“

Dann hatte der General aufgelegt und Max versank in Nachdenken. Es dauerte nicht lange, bis Max eine Entscheidung getroffen hatte. Er schickte eine kurze Nachricht an Lucien.

‚Wann soll ich euch treffen und wann geht’s los‘?

Die Antwort stellte Max dann vor ein neues Problem. Die Ferien begannen am 23. Dezember, doch der Flug in die USA war erst am 27. Dezember. Also würden Lucien und Tobias über Weihnachten zurückkommen, besonders, weil Tobias ja am 24. Geburtstag hatte.

Lucas und Kevin würden von ihrem Lehrgang ebenfalls schon am 22. zurückkommen und die Gestaltwandlerschule hatte bereits am 21. ihren letzten Schultag. Über Weihnachten würde die SMU komplett anwesend sein, ebenso wie die vier Gäste. So langsam wurde es eng. Dann wurde ihm plötzlich klar, dass er seinen Vater völlig umsonst angerufen hatte. Es würde immer eine ganze Anzahl von Leuten im Haus sein. Was hatte er sich dabei überhaupt gedacht? Ohne über alle Informationen nachzudenken, hatte er einfach seinen Vater angerufen. Was war auf einmal los mit ihm?


Nur wenige Tage nach dem denkwürdigen Telefongespräch, wurde Max von Sven und Timo am Frühstückstisch überfallen.

„Sag mal, passiert hier irgendetwas, von dem wir nichts wissen?“

„Hä?“

Die Antwort war nicht besonders originell, doch Max war noch nicht richtig wach.

„Wir haben eine Versetzungsverfügung zur SMU Westeuropa bekommen. Jeder auf einen festen Dienstposten. Wenn ich die Organisationsstruktur richtig im Kopf habe, habt ihr doch gar keine Stelle für einen Heiler.“

Max sah Timo erstaunt an, dann dämmerte ihm etwas. Er schnappte sich seine Kaffeetasse und rannte hinüber in die Einsatzzentrale. Dort aktivierte er den großen Monitor und suchte dann nach den Strukturen der Division. Neben dem Begriff Special Mission Unit prangte ein großes Ä und Max rief das Organigramm auf. Zischend stieß er seinen Atem aus.

Der Stellenplan für die Einheit hatte sich fast verdoppelt. Ganz oben stand jetzt ein einsames Paar als Leiter. Daneben war ein Support-Team abgebildet, bestehend aus einem Heiler mit Kampfmagier, vier Mann des Logistik-Corps und einem Mann des Magie-Korps. Unter den Leitern gab es drei Teams mit jeweils zwei Paaren. Und zur Krönung des Ganzen war den Leitern und den drei Teams noch jeweils ein Gestaltwandler zugewiesen.

Gebannt starrten nun auch Timo und Sven zum großen Monitor. Max schüttelte nur den Kopf, dann sah er Timo an und grinste.

„Herzlich willkommen beim Support-Team der Special Mission Unit Western Europe.“

Sven sah in kopfschüttelnd an, dann wieder hoch zum Organigramm. Max grinste immer noch Timo an.

„Du weißt, was das heißt? Wenn es nach dem Organigramm geht, bist du jetzt der Leiter des Support-Teams.“

„Was? Warum?“

„Hier sind vier Angehörige des Logistik-Corps aufgeführt und mit S1 bis S4-Feldwebel gekennzeichnet. Ich nehme einmal an, dazu gehören auch Martin und ich. Der Mitarbeiter des Magie-Korps ist nicht gekennzeichnet. Ich nehme an, sie wissen noch nicht, wie sie Thomas einordnen sollen. Du bist inzwischen Oberleutnant, also hast du offiziell ein Team gewonnen.“

Timo lachte laut.

„Na, dann wohl eher Alex.“

Wie auf ein Stichwort kamen nun auch Alexander und Dorian zusammen mit Martin in die Einsatzzentrale.

„Hier seid ihr. Wir wollten was fragen, und zwar wegen so einer merkwürdigen Versetzungsverfügung…“

Timo wies wortlos nach oben auf den Monitor und alle sahen automatisch hin.

Max hatte im Moment allerdings ein anderes Problem. Die SMU umfasste mit der plötzlichen Versetzung von Timo, Sven und ihren Kampfmagiern nun ja schon fünfzehn Mann. So langsam würde es, was die Unterbringung anging, wirklich ganz schön eng werden.

Und jetzt hatte Lucien auch noch gefragt, ob er Oliver, Torben, Sebastian und Tim auch noch mitbringen durfte. Max drehte sich zu seinen vier Nun-nicht-mehr-Gästen und bat um Aufmerksamkeit. Mit ein paar Worten schilderte er ihnen das Unterbringungsproblem. Dorian rechnete schnell nach.

„Das wären ja eigentlich nur die paar Tage, bis ihr in die Staaten fliegt. Danach ist ja wieder ein bisschen mehr Platz. Wieviel Zimmer stehen denn zur Verfügung?“

Max rief noch einmal den Grundriss des Gebäudes auf.

„Im großen Schlafzimmer sind im Moment nur Martin und ich untergebracht. Das große Kinderzimmer gehört Kevin, Lucas und Robin. Im zweiten Kinderzimmer sind Michael und Rafael und das Arbeitszimmer oben haben Lucien und Tobias. Das Ankleidezimmer, das nur durch das große Schlafzimmer zu erreichen ist, hätten Thomas und Kyan bekommen. Bleibt nur noch das Gästezimmer unten. Aber das ist im Prinzip nur für zwei Personen.“

„Es sind aber noch acht übrig. Aber Moment Mal. Das Gästezimmer unten ist ja in etwa genauso groß wie das große Schlafzimmer darüber. Da könnte man auch vier Mann unterbringen. Die Terrassentür wird ja im Winter wohl weniger benötigt.“

„Hm, das ginge vielleicht, aber was ist mit den restlichen vier Personen?“

„Das ist ganz einfach“

Alexander drehte sich lächelnd zu Dorian und Timo um.

„Wir nehmen das Wohnzimmer. Der große Tisch kann vorne stehen bleiben, nur die Sitzecke wird zum Lagerplatz erweitert. Dann wird eine große Liegewiese. Und wer Spaß daran hat, kann uns sogar besuchen kommen.“

Max stellte sich das gerade bildlich vor und nickte dann zögernd. Doch dann lächelte er plötzlich, als er sich vorstellte, wie es dort aussehen würde, wenn wirklich jeder das Angebot eines Besuches wahrnahm.

Die Entscheidung auf ihr Gesuch zur ‚Änderung der Unterbringung wegen personeller Veränderungen‘ kam schon zwei Wochen später und war nicht nur eine grundsätzliche Entscheidung, sondern bereits ein fertiger Ablaufplan für ihr weiteres Vorgehen. Max saß ein paar Minuten vollkommen erstaunt vor den detaillierten Plänen und überlegte kurz, ob sie sich nicht alle etwas zu weit aus dem Fenster gelehnt hatten. Doch dann sah er auf dem Deckblatt die Mitzeichnungsleiste, auf der sogar Kevin und Lucas schon unterschrieben hatten. Genehmigt hatte es der Großmeister persönlich.

Max hatte sowohl Martin, als auch die vier neuen Mitglieder der SMU in die Einsatzzentrale geschleift, um den neuen Plan zu präsentieren.

„Unsere höhere Führung ist ebenfalls der Ansicht, dass dieses Gebäude nicht mehr unseren Anforderungen genügt. Allerdings sind sie ebenso der Ansicht, dass ein Umbau oder eine Erweiterung nicht in Frage kommt. Deshalb hat man sich zu einem anderen Schritt entschlossen.“

Alle Zuhörer sahen sich fragend an.

„Das Digisoft Development Detachment wird eine eigenständige Firma, nämlich die Digisoft Development Corporation. Parallel zur Umgliederung der Firma wird sie auch einen neuen Firmensitz beziehen und zwar…“

Jetzt schaltete Max das Bild auf dem großen Monitor frei.

„… Schloss Neuerburg. Ein vierhundert Jahre altes Wasserschloss, knappe 100 km süd-östlich von Köln.“

Vollkommen schweigend starrten nun alle auf das Luftbild eines kleinen, von einem Wassergraben umgeben Schlosses, inmitten einer parkähnlichen Landschaft.

Alexander räusperte sich vernehmlich.

„Das ist mal eine Ansage. Mit so etwas hätte ich nie gerechnet. Aber wieso denn ausgerechnet so ein Schloss?“

„Ich vermute, weil wir das ganze Personal darin unterbringen können. Die Firma ist die ideale Tarnung. Zwei Dutzend junge Leute, die irgendwelche Computer programmieren und damit einen Haufen Geld machen. Übrigens, hier war vorher eine ganze Abteilung von Intel untergebracht, die eine ähnliche Tarnfirma hatten.“

Dorian hob erstaunt seine Augenbrauen.

„Na, die werden jetzt ganz schön stinkig sein.“

„Tut mir echt leid, aber daran sind wir ja nun nicht schuld.“

Das Bild auf dem Monitor wechselte zu einem Grundriss.

„Die Anlage besteht aus zwei getrennten Teilen. Das erste ist das sogenannte Vorwerk. Bestehend aus einem Torhaus mit zwei angebauten Wehrhäusern und zwei ehemaligen Scheunen. Die Zufahrt erfolgt durch die Einfahrt im Torhaus. Parkplätze sind nur wenige vorhanden. Eine der ehemaligen Scheunen ist nun Garage und Werkstatt.“

Martin nickte befriedigt. Er hatte seinen Arbeitsplatz bereits gefunden.

Die gegenüberliegende Scheune ist einen kleine Überraschung, sie wurde als…“

Alexander und Dorian sahen sich nur kurz an.

„Sporthalle?“

Max entglitten die Gesichtszüge.

„Was? Woher…?“

Alexander und Timo lachten.

„Weil wir so ein Ding schon von Anfang an vermisst haben und ich war mir zu hundert Prozent sicher, dass Lucas sich nicht die Chance entgehen lässt, so etwas zu ergattern.“

„Okay, also die Sporthalle. Das Torhaus und die beiden angebauten Wehrhäuser enthalten vor allem mehrere Gästezimmer und weitere Freizeiteinrichtungen wie Billard, eine Bowlingbahn, ein Spielezimmer mit Spielkonsolen und ein kleines Kino.“

Dorian grinste anzüglich.

„Unter einem Spielzimmer hab‘ ich mir eigentlich was anderes vorgestellt.“

Timo bedachte Dorian mit einem fragenden Blick, während Sven ihn mit dem Ellenbogen anstieß. Martin kicherte leise.

„Es heißt ja auch Spielezimmer, nicht ‚Spielzimmer‘.“

„Na ja. Auf jeden Fall hatten die es ziemlich gut, dort.“

Max war von der Unterbrechung etwas irritiert, fuhr nun aber fort.

„Wie auf dem Plan erkennbar, führt eine Brücke hinüber zum Schloss auf der Insel. Das Schloss selbst ist eine dreiflügelige Anlage in U-Form. Der große Mittelteil zeigt mit seiner gesamten Breite zur Brücke. Die freie Fläche innerhalb des U ist eine Terrasse, an deren freiem Ende dann Stufen bis ans Wasser führen.“

„Die Unterkünfte befinden sich in den oberen Etagen aller drei Gebäudeteile. Es gibt insgesamt sechsundzwanzig Räume für jeweils zwei Personen.“

Alexander und Dorian sahen sich an.

„Schade, eigentlich.“

„Ich bin ja noch nicht fertig. Einige dieser Räume können auch miteinander verbunden werden. Die oben vorhandenen vier Nassräume sind auf dem neuesten Stand. In der unteren Etage, in die auch der Haupteingang mündet, befinden sich im Mittelteil die Empfangsräume, wie zum Beispiel Vestibül, Salon und Garderobe. Der Ostflügel beherbergt die Repräsentationsräume wie den großen Salon, das ehemalige Raucherzimmer und auch den Rittersaal mit einem offenen Kamin. Im Westflügel befinden sich moderne Büroräume, die hauptsächlich der Tarnfirma zugeordnet sind.“

„Wozu denn der ganze Schnickschnack mit Rittersaal und so?“

„Das dient tatsächlich zu Repräsentationszwecken, wenn Leute empfangen werden sollen, die nicht zur Organisation gehören, wie z. B. der Bürgermeister oder so was.“

„Und zum Schluß kommen wir zum Keller. Die Kelleretage ist als sogenanntes Souterrain ausgelegt, das heißt, die halbe Etage befindet sich unter dem normalen Straßenniveau. Unter dem Ostflügel war schon zu Zeiten der alten Burg die Küche und sie ist dort dann auch verblieben. Es handelt sich um eine Großküchenanlage mit einer modernen Ausstattung und den entsprechenden Lagerräumen. Daran anschließend befindet sich ein Speisesaal, eingerichtet für dreißig Personen.“

Martin hob kapitulierend die Hände.

„Und was fehlt jetzt noch?“

„Das Beste vom Ganzen. Unter den Büros des Westflügels befindet sich die Einsatzzentrale mit allen Einrichtungen die für deren Betrieb notwendig sind.“

„Was ist denn unter dem Mittelteil?“

„Das war ursprünglich das Fundament der vorherigen Burganlage, die dort stand. Dort gibt es, außer den Gründungsmauern, nur noch den alten Kerker der Burg.“

„Na geil. Und da sollen wir wirklich hin?“

Max nickte übertrieben deutlich.

„Allerdings. Die jetzigen Bewohner haben das Schloss laut Plan bis zum 31.12. zu räumen.“

Irgendwo in Bayern, Deutschland, Anno Domini 2017

In Haus Birkenstein gab es kurz vor den Ferien noch ein wenig Aufregung. Dr. Berg hatte der versammelten Klasse angekündigt, man werde einen dreitägigen Exkurs machen. Dann kam die wirkliche Überraschung.

„Einige Ihrer Mitschüler haben in den letzten großen Ferien ja bereits an einem Einsatz der Special Mission Unit Westeuropa teilnehmen dürfen. Was sie dort gesehen und erlebt haben, unterliegt teilweise der Geheimhaltung und soll auch nicht Inhalt dieses Vortrags werden. Was allerdings ab dem heutigen Tag schon in den Schulen der Organisation während der Vorausbildung unterrichtet werden soll, ist die Existenz von Menschen, die mittels der Magie ihre äußere Erscheinungsform ändern können und zwar in die eines Tieres.“

„Was?“

Der Ausruf kam völlig spontan und Dr. Berg ignorierte ihn auch geflissentlich.

„Es handelt sich hier um sogenannte Gestaltwandler. Bisher ist die Existenz der Gestaltwandler äußerst geheim gehalten worden. Doch mit einer neuen Philosophie über den Einsatz von Gestaltwandlern, geht auch einher eine erweiterte Akzeptanz dieser Personengruppe in unserer Organisation. Für die Gestaltwandler wurde eine Schule eingerichtet, ähnlich dieses Hauses. Die Gestaltwandler werden dort für ihren weiteren Einsatz vorbereitet, so dass sie in der Lage sind, mit Ihnen zusammen das Offiziersseminar besuchen zu können.“

Dr. Berg machte eine kurze Pause und gab den Schülern Gelegenheit, sich zu unterhalten.

„… glaub es einfach nicht, dass es so etwas…“

„… einen Drachen, einen riesigen Drachen, der war…“

„Und du hast mit ihm geschlafen?“

„So, Ruhe bitte, meine Herren. Wir werden gleich Zeuge einer Gestaltwandlung. Oberleutnant Lehrke von der SMU hat freundlicherweise einen der Herren der Gestaltwandler-Schule hierher begleitet und ich darf Sie dringlichst bitten, sich mit Ihren Äußerungen zurückzuhalten.“

Die Jungs, die bereits mit der SMU unterwegs waren, sahen gespannt zur Tür, als Michael Lehrke zusammen mit einem jungen Mann mit dunkelblonden Haaren eintrat. Der junge Mann trug nichts weiter als einen orangefarbenen Overall und sah sich aufmerksam in der Klasse um. Michael trat vor.

„Meine Herren, ich bin Oberleutnant Michael Lehrke von der SMU, der Special Mission Unit. Einige von Ihnen kennen mich bereits, denn wir haben zusammen einen Einsatz erfolgreich durchführen können. Hier neben mir steht Herr Dominik Lübbert vom Gestaltwandler-Korps. Die Gestaltwandler haben erst vor kurzem begonnen, eine schulische Ausbildung, ähnlich der Ihren hier, durchzuführen. Da Sie, wie Herr Direktor Doktor Berg sicherlich bereits ausgeführt hat, in Ihrer weiteren Ausbildung und beim täglichen Dienst vermehrt auf Gestaltwandler treffen werden, wird in der nächsten Woche, direkt vor den Ferien, ein Exkurs zur Gestaltwandler-Schule stattfinden. Sie werden dort auf die Schüler und auch die Ausbilder treffen, mit Ihnen ein wenig am Unterricht teilnehmen…“, leises Stöhnen in den Reihen, „… und sie natürlich auch in ihrer Tierform zu sehen bekommen.“

„JA!“

Felix hatte diesen Freudenschrei von sich gegeben, was ihm einige fragende Blicke einbrachte. Michael grinste nur wissend.

„Damit Sie schon einmal einen Eindruck von dem Vorgang des Gestaltwandels bekommen, haben wir eine kleine Vorführung vorbereitet.“

Der junge Mann in dem Overall trat nun neben Michael und streifte mit geübten Bewegungen das Kleidungsstück ab. Es gab einige halblaute Kommentare im Publikum, doch Dr. Berg warf strafende Blicke in alle Richtungen. Die Kommentare wichen einigen erstaunten Ausrufen, als die Wandlung begann. Schweigend sahen die Schüler auf das Tier vor ihnen, bis ein leiser Kommentar die Stille unterbrach.

„Der ist ja niedlich.“

„Oliver!“

Oliver hatte das Pech, dass Felix genau hinter ihm saß und ihm nun mit ausgestrecktem Arm ein Schulbuch auf den Kopf sausen ließ.

„Aua! Was ist denn?“

„Du bist ein Ignorant. Er kann dich auch in dieser Form hören und verstehen. Und so, wie es aussieht, kann er besser hören als ein Mensch.“

Der rötlichgelbe Fuchs nickte zustimmend und lief dann langsam hinüber zu Oliver. Da dieser Fuchs etwas größer war als das richtige Tier, war sein Rücken fast so hoch wie die Schultische. Neben Oliver setzte er sich dann hin und sah erwartungsvoll hoch.

„Huh? Was ist denn jetzt?“

Michael lachte in sich hinein. Sie hatten vorher über die Wandlung gesprochen und Michael hatte Dominik vorhergesagt, dass solche, oder ähnliche Äußerungen wahrscheinlich fallen würden. Michael hatte ihm geraten, was zu tun war.

„Er wartet darauf, dass du dich entschuldigst.“

„Was? Aber ich finde ihn wirklich… Aua.“

Oliver sah nun irritiert zu Torben neben sich, der ihm seinen Ellenbogen in die Seite gerammt hatte. Torben beugte sich an Oliver vorbei und sah den Fuchs an.

„Du musst schon entschuldigen, aber manchmal ist sein Mundwerk schneller als sein Gehirn. Wobei – bei ihm ist, glaub‘ ich, alles schneller als das Gehirn.“

Erstes Gelächter brandete auf und Oliver sah verblüfft zu Torben, doch der unterhielt sich weiter mit dem Fuchs.

„Wir würden uns gerne beide bei dir entschuldigen, aber das machen wir dann wohl besser nicht in der Öffentlichkeit.“

Jetzt kamen die ersten anfeuernden Rufe, doch sie verstummten, als der Fuchs sich wandelte. Lächelnd sah Dominik zu Torben, dann zu Oliver.

„Ich würde mich freuen, wenn wir uns wiedersehen würden.“

Schnell eilte er zu seinem Overall, denn die Vorfreude zeigte sich auch schon ansatzweise an einer körperlichen Reaktion, die Torben und Oliver grinsend zur Kenntnis nahmen.

Irgendwo in Baden-Württemberg, Deutschland, Anno Domini 2017

Da die Schule der Gestaltwandler eigentlich auf drei Klassen ausgelegt war, gab es genügend Platz für die Gäste der Magieschule. Außer Lucien und Tobias begleitete lediglich Dr. Berg seine Schüler. Am Morgen nach ihrer Ankunft im Haus Waldesruh wurden dann die Gäste auf die einzelnen kleinen Bungalows verteilt, jeweils zwei Paare pro Gebäude.

Lucien und Tobias bekamen im Wohngebiet der Ausbilder einen eigenen Bungalow.

„Ganz schön langweilig hier. Gegenüber wohnt keiner.“

„Das ist doch ganz praktisch, da hört keiner die Schreie.“

„Schreie? Was für Schreie?“

Tobias grinste anzüglich.

„Na, wenn wir beide alleine sind, können wir ja so richtig mal die Sau rauslassen. Ich habe dich schon lange nicht mehr vor Lust quieken gehört.“

Lucien starrte vollkommen perplex auf seinen Partner, dann entspannte er sich und lächelte. Sanft nahm er Tobias in seine Arme.

„Ich liebe dich auch, mein Kleiner.“

Währenddessen gab es im Konferenzraum eine kleine Besprechung. Doktor Berg und Doktor Brüggen hatten lediglich Robin und Michael dazu eingeladen.

„Ich möchte um jeden Preis einen Vorfall wie mit dem Wolf vermeiden. Sind Sie der Ansicht, dass Herr Vahrenholz für ein so großes Publikum schon geeignet ist?“

Robin und Michael nickten.

„Herr Direktor, die Schüler hier sind alle sehr genau eingewiesen worden und sie sind sich ihrer Verantwortung voll bewusst. Außerdem besteht unsere Besucherklasse unter anderem aus drei Bannmagiern, zwei Elementaren und sieben Kampfmagiern. Sie wären ganz sicherlich in der Lage, sich gegen Übergriffe zu wehren.“

Doktor Brüggen sah hinüber zu Doktor Berg, der langsam nickte.

„Dem ist nichts hinzuzufügen.“

„Nun gut. Dann werden wir gleich mit ein wenig theoretischem Unterricht beginnen und am Nachmittag in der Übungshalle mit praktischen Vorführungen fortfahren.“

Robin und Michael entschuldigten sich und die beiden Schulleiter begannen ein intensives fachliches Gespräch.

Vor dem Konferenzraum sah Robin etwas säuerlich zu Michael.

„Dem geht der Arsch auf Grundeis. Ist noch irgendwas vorgefallen?“

„Nicht dass ich wüsste, aber so viel ich gehört habe, soll wohl die Familie, aus der Thies stammte, der Schule die Schuld für sein Verhalten gegeben haben.“

Robin knurrte leise.

„So ein Schwachsinn. Das Verhalten hat er schon mitgebracht. Und das wurde dann bei der Einstellung und der Voreinweisung auch noch unterstützt. Ich hoffe ja, dass sich bei Major Niedermüller noch einiges ändert.“

Tief in ihre Gedanken versunken, gingen sie hinüber zum Klassenraum. Die Ausstattung des Raumes war auf vierundzwanzig Plätze erweitert worden und Robin nahm grinsend zur Kenntnis, dass die Schüler die Tische zu zwölf Doppeltischen zusammengestellt hatten. Noch viel interessanter war, dass an etlichen dieser Doppeltische jeweils ein Gestaltwandler und ein Magier saßen.

Rafael und Kyan saßen neben dem Lehrerpult und erzählten miteinander.

„Einen wunderschönen guten Morgen, meine Herren. Wie ich sehe, haben Sie bereits die erste Grundlage zu einem friedlichen Zusammenarbeiten geschaffen. Ich weiß nicht, inwieweit Ihnen Ihr Banknachbar verraten hat, welches Tier in ihm steckt. Vielleicht werden ja einige der Magier eine große Überraschung erleben.“

Nicht nur Robin, sondern auch etliche der Gestaltwandler grinsten.

„Also ich hab‘ ‘nen Fuchs.“

„Oliver, benimm dich wenigstens hier.“

Fast alle Gestaltwandler lachten, doch das lag weniger an Oliver Neubert, der neben Dominik Lübbert saß, sondern an Torben Petersen, der neben Tristan Ebendorf saß. Nach dem Zuruf von Torben an Oliver flüsterte Tristan Torben etwas ins Ohr, was diesen herumfahren ließ und er musterte seinen Banknachbarn mit großen, staunenden Augen.

„Dazu werden wir später noch genauer kommen, doch nun zunächst etwas über Gestaltwandler im Allgemeinen und über ihre Verteilung auf den einzelnen Kontinenten.“

Die Magier lehnten sich gespannt zurück und auch etliche der Gestaltwandler machten einen interessierten Eindruck. Kyan erhob sich und sah auf seine Notizen.

„Wenn man die seltenen Fälle betrachtet, in denen junge Männer sich in die äußere Form eines Tieres wandeln, so fällt eine Tatsache erst auf den zweiten Blick auf. Die gewandelten Tierformen gleichen immer denen der einheimischen Fauna. Forschungen lassen den Schluss zu, dass nicht etwa der Wohnort oder der Geburtsort des Menschen den Ausschlag gibt, sondern eine seltsame Mischung aus stationärer Erinnerung des Manas und einer genetischen Prägung des Menschen.“

Kyan sah hoch und grinste leicht wegen der vielen fragenden Gesichter.

„Einfacher erklärt. Das Mana hält die Tierform vor, die in dem geografischen Gebiet vorkommt. Die genetische Prägung des Menschen gibt seine Herkunft an. Das geht, nach neuesten Forschungen, mindestens zehntausend Jahre zurück. Bedeutet praktisch: Jeder der hier sitzenden Gestaltwandler verkörpert eine Tierform, die in etwa in Europa vorkommt, aber nur dann, wenn seine Vorfahren ebenfalls aus Europa stammen.“

„Ist das nicht ein bisschen diskriminierend?“

„Das wäre es, wenn es jemand entschieden hätte, doch die Natur entscheidet nicht, sie entwickelt. Das führt übrigens zu ganz interessanten Auswirkungen. In Nordamerika können sich nur Gestaltwandler manifestieren, die auch dort ihren Ursprung haben, ebenso in Südamerika und allen anderen ehemaligen Kolonien oder Siedlungsgebieten Europas.“

„Nur die Indianer?“

„Die indigenen Völker. Und dort auch manchmal in Schwerpunkten. Zum Beispiel haben sich fast alle als Gestaltwandler bekannten Inuit, bis auf eine einzige Ausnahme, in einen Eisbären gewandelt.“

„Und was war die Ausnahme?“

Kyan sah auf seine Notizen.

„Ahem… Walross.“

Ein leichtes Kichern lief durch die Reihen, lediglich Tristan sah sich stirnrunzelnd um.

„Was gibt’s denn da zu lachen?“

Kyan setzte sich wieder und nun trat Michael vor die Klasse.

„Die logische Fortführung dieser Thematik ist die Verteilung der magischen Tiergestalten. Wie bereits in beiden Schulen im Unterricht ausgeführt wurde, sind es menschliche Formen, die in eine halbmenschliche Zwischenform und von dort aus in eine magische Tiergestalt wechseln. Dabei ist die Zwischenform und die Tierform jeweils magisch begabt.“

„In Nordeuropa gibt es davon eine relevante Form, nämlich den Werwolf. In Südeuropa gibt es einen Minotaurus. Nordamerika hat einen Sasquatch, Mittelamerika und Südamerika einen Quetzalcoatl. In Nordafrika gibt es einen Anubis. Im westlichen Asien kommen ein Ifrit und im östlichen Asien ein Drachen vor. Im pazifischen Inselgebiet gibt es einen Thylacoleo.“

Michael wusste, warum alles herumstöhnte.

„Schon klar. Minotaurus ist gerade noch einsichtig, aber was ist ein Sasquatch? Der Sache gehen wir gleich auf den Grund.“


Was es mit dieser Andeutung auf sich hatte, erlebten die Schüler nach der großen Pause. Auf dem großen Monitor im Klassenraum wurden mehrere kurze Sequenzen gezeigt, die alle die Wandlung in eine magische Tiergestalt zum Inhalt hatten.

Der erste war ein Werwolf, der einigen schon bekannt war. Lediglich die Magier staunten, bis dann ein überraschter Ausruf kam.

„Hey, das ist ja Robin.“

„Und zusammen mit Kevin.“

„Was hat der denn da für ein Halsband um?“

Kevin erläuterte kurz den Versuch, mittels eines Sprechapparates, den Werwolf auch in seiner Halbform etwas sagen zu lassen.

Dann kam der Minotaurus. Ein ziemlich schmächtiger junger Mann wandelte sich in seine Zwischenform und die Kommentare gingen von ‚niedlich‘ bis ‚dämlich‘. Die Zwischenform hatte lediglich einen gewandelten Kopf, den eines Stieres und einen Schweif, den klassischen Kuhschweif mit Quaste. Die magische Tiergestalt war erheblich imposanter. Der riesige Minotaurus hatte im Gegensatz zur Zwischenform erheblich längere, geschwungene Hörner und einen stark ausgeprägten muskulösen Körper. Die Beine hatten sich ebenfalls verändert und endeten in gespaltenen Hufen.

„Ein Minotaurus hat, ähnlich einem Werwolf, keine Fertigkeiten für den Kampf aus der Entfernung. Lediglich seine Hörner sind aufgeladen. Man beachte das gelbe Schimmern. Das ist die Abwandlung eines Trennzaubers, so wie ihn auch die Bannmagier anwenden. Wird ein Dämon davon berührt, verlässt er sofort diese Existenzebene. Wie gesagt, er ist nur ähnlich dem der Bannmagier, denn bei einem normalen Trennzauber passiert das nicht.“

Der nächste junge Mann, der sich wandelte, bekam ein dichtes Fell. Er sah etwas zottig aus und blickte ziemlich unglücklich in die Kamera. Die Verwandlung ließ ihn, ähnlich wie beim Minotaurus, erheblich wachsen und deutlich breiter in den Schultern werden. Seine Füße wurden länger und ähnelten eher dem eines Hasen.

„Der Sasquatch, in den USA auch Bigfoot genannt, hat keine kampfbezogene Magie. Seine Fähigkeit besteht in der Tarnung, denn er kann sich durch geistige Beeinflussung seiner Gegner unsichtbar machen.“

Beim Quetzalcoatl war das eine andere Sache. Der dunkelhäutige junge Mann mit den schwarzen Haaren wandelte sich zunächst in eine Naga.

„Eine Naga ist eine Schlange mit einem menschlichen Oberkörper. Wie man sieht, geht der Oberkörper etwa ab der Hüfte in den Schlangenkörper über. Dieser hat also den gleichen Umfang wie die Hüfte. Sie können sich vorstellen, wie lang der Schlangenkörper in etwa sein muss, um den menschlichen Körper zu tragen und sich damit fortbewegen zu können.“

Dann erfolgte die Wandlung in die magische Tiergestalt. Der Schlangenkörper bekam einen drachenähnlichen Kopf und der restliche Körper wurde fast komplett mit feinen roten und türkisfarbenen Federn bedeckt.

„Die Magie dieser Tiergestalt besteht darin, dass sie fliegen kann. Die Federn sind die des Quetzal-Vogels und der Kopf besitzt ein Gebiss, das in etwa dem eines Werwolfes in seiner Halbform entspricht.“

Ringsum wurde miteinander getuschelt und Michael hatte Mühe, für Ruhe zu sorgen.

Die nächste Sequenz zeigte einen stark dunkelhäutigen jungen Mann, bei dem sich, ähnlich wie bei dem Minotaurus, der Kopf in den eines Tieres verwandelte. Welches Tier es genau war, ließ sich nicht erkennen, doch es ähnelte sehr stark einem Hund. Dann kam die erwartete Wandlung in Anubis. Der Kopf veränderte sich deutlich und nahm die typische Form der ägyptischen Götterdarstellung ein. Das Fell des Kopfes war tiefschwarz und erst beim Übergang am Hals wurde es heller und ging in die Hautfarbe über.

„Hier kommt es zu keiner deutlichen Vergrößerung des Körpers. Der Anubis ist in der Lage Blitze aus seinen Augen zu verschiessen, die denen unserer Magier ähnlich sind. Die Wirkung ist eine Mischung aus Betäubungsblitz und Manablitz.“

„Ich glaub‘, mehr ertrag ich nicht.“

„Keine Panik, nur noch drei Stück.“

Die Wandlung, die der nächste junge Mann vorführte, führte zunächst zu einiger Erheiterung. Der einzige Effekt, den man erkennen konnte war der, dass seine Haut sich tief blau färbte. Dann kam, ohne dass etwas vorher zu bemerken war, ein Flammenmeer hinzu. Rötlichgelbe Flammen hüllten gesamten Körper ein, ohne dass dem Ifrit etwas anzumerken gewesen wäre.

„Wenn der sich beim Sex nicht beherrschen kann, ist sein Partner gegrillt.“

Diesmal war es Dominik, den alle anstarrten.

„Deshalb haben ja auch beide bekannten Ifrit einen Elementar als Partner“, kam es aus der hinteren Reihe und alle drehten sich jetzt zu Christian.

„Ja, es hat tatsächlich einige, hmmm, Unfälle gegeben, aber leider bleibt den armen Jungs keine andere Wahl für einen Partner, denn die Flammensäule ist sehr stark gefühlsabhängig.“

Michael seufzte und kam zum vorletzten magischen Tierwesen.

Der asiatisch aussehende junge Mann veränderte sich bei der Wandlung in die Zwischenform fast komplett. Seine Gestalt wechselte in einen etwa zwei Meter großen roten Drachen, der aufrecht dastand. Man konnte deutlich die Schuppen erkennen und auch die Krallen. Den Rücken hinunter lief ein Zackenkamm der in einem langen Schwanz bis auf den Boden endete.

„Hey, das ist ja Flame.“

„Der Typ, den du vernascht hast?“

„Wer da wohl wen vernascht hat.“

Die Aufmerksamkeit wandte sich wieder nach vorne, als der Drache in seine magische Tierform wechselte.

„Elf Meter vierzig. Von der Schnauze bis zur Schwanzspitze.“

„Aha, da weiß einer aber ganz genau, wie lang er ist.“

Michael räusperte sich mahnend.

„So und jetzt kommen wir zur letzten und wohl merkwürdigsten magischen Tierform, dem Thylacoleo.“

Die letzte Sequenz zeigte einen dunkelhäutigen jungen Mann mit leicht krausen Haaren, der bei der Wandlung in die Zwischenform ein rötlichbraunes, kurzes Fell bekam, das den gesamten Körper, außer dem Kopf bedeckte. Bei der weiteren Wandlung war der Kopf ebenfalls betroffen und das Tier hatte einen mit nichts anderem vergleichbaren Raubtierkopf bekommen.

„Der Thylacoleo carnifex ist ein seit 45.000 Jahren ausgestorbener australischer Beutellöwe. Die magische Tierform, die wir hier sehen, soll wohl tatsächlich den Fossilien gleichen, die man gefunden hat. Im Moment gibt es nur ein einziges Exemplar in Australien. Der erreicht bei einer Länge von rund 1,5 m ein Körpergewicht von etwas mehr als 150 kg. Der Thylacoleo muss ein überaus kräftig gebautes Raubtier mit einer ausgeprägten Muskulatur gewesen sein, weshalb er trotz seiner eher kurzen Körperlänge ein sehr hohes Gewicht erreichte. Eines seiner auffälligsten Merkmale war der abspreizbare Daumen der Vorderpfote, der wohl zum Festhalten der Beute diente. Mit den langen Schneidezähnen der Unterkiefer wurde die Beute wahrscheinlich regelrecht erdolcht und mit den, zu gewaltigen Schneidescheren ausgeformten, Backenzähnen zerteilt. Thylacoleo carnifex hatte von allen bekannten Säugetieren die gewaltigsten Reißzähne. Selbst bei anderen Großkatzen, wie Löwen und Tigern oder auch den verschiedenen ausgestorbenen Säbelzahnkatzen, waren diese Zähne nicht so stark ausgeprägt. “

„Der Junge ist gefährlich.“

„Ja, aber was ist daran das magische?“

„Jetzt kommen wir zu dem Thema, warum ich gesagt habe, dass es wohl die merkwürdigste aller Tierformen ist. Der Thylacoleo kann teleportieren.“

„WAS!?“

„Beruhigt euch doch mal. Es sieht jedenfalls so aus, als ob er das könnte. Das Magie-Korps ist nach langen Forschungen jedoch dahinter gekommen, dass es sich um Zeitsprünge handelt. Er bewegt sich körperlich irgendwo hin und geht dann zeitlich zurück zu seinem Ausgangspunkt. Dadurch sieht es so aus, als ob er von einem Moment auf den anderen seine Position wechselt. Aber keine Angst, die Zeitsprünge sind maximal fünf bis sechs Sekunden lang. Da könnt ihr euch ausrechnen, welche Entfernungen er zurücklegen kann.“

Die Unterhaltungen in der Klasse wurden immer lebhafter und Michael sah genervt auf seine Uhr.

„Okay, Leute. Mittagspause. Wir treffen uns alle um 14:00 Uhr in der Sporthalle. Anzug kurzer Sportanzug. Und weg.“

Immer noch heftig diskutierend verließen die Schüler grüppchenweise den Unterrichtsraum. Michael sah sich nach Robin um.

„Was willst du nachher machen?“

„Erst einmal ein Fußballspiel und dann die Vorstellung der Gestaltwandler.“


Das Fußballspiel ging gerade seinem zeitlichen Ende zu, als sich die Eingangstür zur Halle öffnete. Robin sah hinüber und erkannte erstaunt Brigadegeneral Kayser in Begleitung von zwei weiteren Personen. Als sie sich näherten sah er, dass die Personen eine junge Dame und ein junger Mann waren, den Gesichtszügen nach offensichtlich Zwillinge.

„Ah, Herr Wolff. Könnten Sie bitte die Schüler zusammenrufen, ich habe eine Ankündigung zu machen.“

Robin bemerkte, dass die meisten der Magieschüler mit ihren Partnern zusammen standen, einige davon zusätzlich mit einem Gestaltwandler.

„Meine Herren, ich komme zu diesem ungewöhnlichen Zeitpunkt zu Ihnen, weil sich etwas ergeben hat, dass für das Gestaltwandler-Korps bis jetzt einzigartig ist. Ich weiß nicht, ob im Unterricht bereits darauf hingewiesen worden ist, dass es in Nordeuropa außer den Werwölfen noch eine zweite Community gibt, die aus Gestaltwandlern besteht und deren Halbform magisch ist.“

Einige erinnerten sich vage an eine Bemerkung von Michael während des ersten Unterrichts.

„Diese Community, bestehend aus nur einer einzigen Großfamilie, war bisher lediglich von wissenschaftlichem Interesse, denn die magische Befähigung der Halbform ist bei ihnen ausschließlich auf die weiblichen Mitglieder beschränkt.“

Ein Murmeln lief durch die Reihen.

„Nichts desto trotz können sich natürlich auch alle männlichen Mitglieder in die Tierform und die Halbform wandeln.“

Nun sah der junge Mann etwas betreten zu Boden, während seine Schwester ihm ermutigend zulächelte.

„Der junge Mann hier, zu meiner rechten, ist Robert van de Waal, und die junge Dame ist seine Schwester Martje. Sie stammen von den Westfriesischen Inseln und sind auf ausdrücklichen Wunsch von Robert hier. Er hat sich, und das darf ich mit seiner Zustimmung hier sagen, im letzten Jahr geoutet. Obwohl die Familie keinerlei Probleme mit seiner sexuellen Orientierung hat, fühlte sich Robert etwas ausgegrenzt, denn einen Partner würde er niemals in der kleinen Community finden. Und mit einem, ohne es abschätzig zu meinen, normalen Menschen zusammen zu leben, ist für einen Gestaltwandler ausgesprochen schwierig. Deshalb hat Martje vorgeschlagen, er solle sich hier melden und eine Ausbildung im Gestaltwandler-Korps machen.“

Das Murmeln in den Reihen wurde lauter und so manche betrachteten nun neugierig den jungen Mann.

„Der Grund, warum Robert bisher so zurückhaltend war, ist seine Tiergestalt. Wir konnten ihm aber versichern, dass er genauso willkommen ist, wie jeder andere.“

Einige runzelten jetzt die Stirn, doch Tristan sah nun zwischen den Geschwistern hin und her. Erst lächelte er breit, doch dann schien er sich plötzlich an etwas zu erinnern.

„Oh, oh.“

Der General sah ihn verwundert an, während Robin in erstaunt musterte.

„Herr Ebendorf, eine Einlassung von Ihnen?“

„Nein, Herr Oberleutnant. Ich bin mir nur gerade darüber klar geworden, was sie sind.“

General Kayser flüsterte mit Michael, der zustimmend nickte.

„Dann werden wir auch weiter kein großes Geheimnis daraus machen. Aber darf ich Sie fragen, was die beiden verraten hat?“

„Ihre Haarfarbe.“

Verblüfft sahen nun alle zu den Zwillingen. Robert hatte dunkle, fast schwarze Haare mit hellen leuchtenden Flecken darin, während seine Schwester helle Haare mit dunklen Flecken hatte.

Langsam begannen die Zwillinge ihre Bekleidung abzulegen, was bei einigen der Zuschauer zu ein paar peinlichen Blicken auf den Boden führte. So deutlich hatten einige wohl noch nie eine nackte junge Dame gesehen. Dann begann die Verwandlung.

Nach kurzem schweigendem Staunen wurden die ersten Kommentare laut.

„Was ist das denn?“

„Seehund? Nee, zu groß…“

„Hey, die haben die Haarfarben behalten!“

Brigadegeneral Kayser sah in die Runde und Robin nickte.

„Halichoerus grypus. Die Kegelrobbe. Eines der größten freilebenden Raubtiere Europas.“

Auf diesen Kommentar hin riss das männliche Tier das Maul auf und ließ ein beeindruckend großes Gebiss erscheinen. Tatsächlich hatten die beiden die gleiche Zeichnung in ihrem Fell wie in der Haarfarbe. Robert hatte ein dichtes, sehr dunkles Fell, das auf der Bauchseite etliche helle Flecken aufwies. Seine Schwester hatte ein hellgraues Fell mit lauter kleinen dunklen Sprenkeln.

„Doch jetzt kommen wir zur Halbform.“

Wieder wandelten sich beide Tiere. Diesmal waren die erstaunten Ausrufe zahlreicher und auch lauter. Die Oberkörper waren wieder zu denen von Menschen geworden, während ab dem Bauchnabel abwärts der Körper in der Tierform der Robbe verblieben war. Bedingt durch die fehlenden Beine, lagen beide nun halb aufgerichtet auf dem Boden und sahen sich um.

„Und zum Schluss eine Vorführung der magischen Fähigkeit.“

Michael hüllte sich und Rafael in eine weiß leuchtende astrale Barriere. Blitzschnell folgten alle vier Bannmagier ohne zu fragen seinem Beispiel und Michael stellte zufrieden fest, dass jeder seinen Partner mit in die Barriere genommen hatte.

Martje öffnete nun ihren Mund und begann zu singen. Alle, die nicht unter einer astralen Barriere geschützt waren, bemerkten an sich eine Art geistiger Lähmung. Sie konnten sich nicht mehr bewegen, obwohl sie noch bei vollem Bewusstsein waren. Das traf sowohl die Magier, als auch die Gestaltwandler. Lediglich Daniel schaffte es, einen mentalen Schild zu errichten, doch wie an dem blauen Leuchten zu erkennen war, war dieser für ihn ziemlich anstrengend.

Martje beendet ihre kurze Vorführung und die Barrieren erloschen. Langsam kam dann auch wieder Bewegung in die restlichen Zuschauer.

„Das, meine Herren, war eine Selkie. Im Gegensatz zu den üblichen Geschichten aus der griechischen Mythologie mit ihren Sirenen, gehören die Selkie zur keltischen Mythologie und sind hauptsächlich in der westlichen Nordsee beheimatet.“

Martje wandelte sich in ihre menschliche Form und zog ihre Sachen wieder an. Robert blieb noch einen Moment in seiner Halbform am Boden. Da ging Tristan auf ihn zu, kniete sich hin und flüsterte mit ihm. Robert bekam große Augen. Heftig nickte er.

Michael ahnte schon, was die beiden vorhatten und gab der Hallentechnik ein Zeichen. Langsam wurde das große Sektionaltor hochgefahren. Die Magieschüler sahen überrascht in die Schwimmhalle hinüber.

Martje lachte und sah zu ihrem Bruder.

„Siehst du, ich habe es dir doch gesagt.“

Robert streckte ihr lediglich die Zunge heraus. Dann wandelte er sich in seine menschliche Form.

„Nun gut, eigentlich wollten wir es in etwas anderer Form machen, aber dann werden wir jetzt einfach der Reihe nach unsere Gestaltwandler vorführen.“

General Kayser sah zu Robin, der gerade weiter machen wollte und unterbrach ihn.

„Dann werden wir uns wieder auf den Weg machen. Ich werde mit Doktor Brüggen sprechen.“

Ohne weiteres Aufsehen verließen General Kayser und Martje van de Waal die Sporthalle. Robin zeigte nun hinüber zum Schwimmbecken.

„So, alle vor dem Becken sammeln.“

Robert hatte sich nicht die Mühe gemacht, sich anzuziehen und stand nun ziemlich einsam unbekleidet neben Tristan. Als Robin nickte, zog sich Tristan ebenfalls aus.

Jetzt, nebeneinander, konnte man die Figur von Robert etwas besser einschätzen. Er war nur wenige Zentimeter kleiner als Tristan, aber fast ebenso muskulös.

Dem Körper nach ein guter Schwimmer, dachte Robin und dann, wäre ja auch blöd, wenn nicht.

„So, es gehen nur die beiden ins Wasser. Ich bin mal auf die Vorschläge gespannt, die unsere Magier bei Tristan machen.“

Tristan und Robert sprangen ins Wasser und beide wandelten sich gleichzeitig.

„Ein Delfin.“

„Ein Delfin.“

„Gibt’s hier überhaupt Delfine? Ich dachte, die sehen anders aus.“

Tim stand etwas zu dicht am Beckenrand und bekam den Schwall Wasser komplett ab, den Tristan ihm zugedacht hatte. Tim schüttelte sich und alle lachten.

„Ja, das ist tatsächlich ein Delfin. Das, was ihr aus dem Fernsehen kennt, ist eigentlich ein Tümmler.“

Dann sahen sie zu, wie der Delfin und die Kegelrobbe sich hin und her durchs Becken jagten.

„So, Leute. Bevor wir weitermachen und die anderen Gestaltwandler vorstellen, zehn Minuten Badepause. Wer will, darf ins Schwimmbecken. Doch auch heute gilt…“

„Kein Fell im Wasser!“, kam die mehrstimmige Antwort von den Gestaltwandlern.


Oliver und Torben hatten sich gerade eingerichtet, als es auch schon an ihrer Tür klopfte. Verwundert öffnete Torben und sah sich Dominik und Tristan gegenüber.

„Oh, kommt ruhig rein. Wir sind gerade beim Auspacken.“

„Auspacken? Ich dachte, ihr bleibt bloß drei Tage. Was gibt’s da groß auszupacken?“

Torben verdrehte die Augen und deutete auf Oliver.

Dominik schlenderte derweil durch den Raum und inspizierte alles, was ihm in die Quere kam. Tristan beobachtete ihn amüsiert.

„Na, ist Herr Fuchs wieder neugierig?“

Dominik zuckte zusammen und zwang sich förmlich dazu, sich ruhig auf den Stuhl am Schreibtisch zu setzen. Oliver verfolgte ihn mit seinen Blicken, während Torben sich an Tristan wandte.

„Was führt euch her?“

„Nun, ich habe gehört, Oliver wollte sich noch für einen kleinen Fauxpas entschuldigen. Und da Dominik meinte, ich solle ihn begleiten, damit nichts Unanständiges passiert, nun - da sind wir.“

Torben schüttelte den Kopf, während Oliver nun mit großen Augen zu Dominik sah, der sich langsam entkleidete.

„Na, immer noch niedlich?“

Oliver konnte nur nicken. Dann wandelte sich Dominik und der Fuchs trat auf Oliver zu. Der sah nun gebannt nach unten, während der Fuchs sich setzte und mit schief gelegtem Kopf nach oben sah. Oliver seufzte.

„Es stimmt, der Fuchs ist wirklich niedlich, doch es steckt ja mehr als das in ihm.“

Der Fuchs nickte zustimmend.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“,[1]

flüsterte Oliver. Dann kniete er sich ab und streichelte dem Fuchs über den Rücken.

„Du bist wunderschön. In beiden Formen.“

Der Fuchs stand auf und legte seinen Kopf auf Olivers rechte Schulter.

Währenddessen war Tristan hinter Torben getreten, legte beide Arme um Torbens Brustkorb und seinen Kopf auf Torbens Schulter.

Fasziniert sahen sie zu, wie Oliver den Fuchs streichelte und dieser sich immer enger an ihn presste. Plötzlich trat der Fuchs zurück und verwandelte sich wieder in Dominik. Oliver erhob sich, ging auf ihn zu und küsste ihn.

„Bitte, zähme mich.“,[2] flüsterte nun Dominik und Oliver nickte. Er kannte die Textstelle sehr gut.

Zähmen, das ist eine in Vergessenheit geratene Sache. Es bedeutet, sich Vertraut machen‘. […] ‚Die Menschen haben keine Zeit mehr, irgendetwas kenn zu lernen. Sie kaufen sich alles fertig in den Geschäften. Aber da es keine Kaufläden für Freunde gibt, haben die Leute keine Freunde mehr. Wenn du einen Freund haben willst, so zähme mich‘! [3]

Dominik presste ihn fest an sich. Ohne darüber nachzudenken streifte Oliver seine Sachen ab und zog Dominik auf das Bett.

Torben und Tristan sahen den beiden zu, ohne sich zu rühren. Das heißt, Torben spürte schon, dass sich bei Tristan etwas rührte und das sogar ziemlich deutlich. Langsam drehte sich Torben in Tristans Armen um.

„Irgendwie sind sie alle beide ganz niedlich“, wisperte Torben und Tristan nickte zustimmend. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck zupfte Tristan an Torbens T-Shirt und der verstand die Aufforderung.


Christian und Leon hatten sich entschieden, nach dem Abendessen noch in die Sporthalle zu gehen um ein bisschen Basketball zu spielen und auch zu sehen, ob die Halle, ähnlich wie ihre, auch einen kleineren Anbau hatte. Zunächst umkreisten sie das Sportgebäude und Leon zeigte auf einen kleineren Bau, der ersichtlich neu angefügt worden war.

„Hier das müsste es sein. An der rechten Längsseite, ziemlich genau in der Mitte.“

Christian nickte und sie erkundeten die große Halle nun von innen.

„Hier. Der Eingang sollte wahrscheinlich in einem der beiden Geräteräume sein.“

„Was macht ihr denn hier?“

Erstaunt drehten sich Christian und Leon um und sahen sich zwei jungen Männern gegenüber, die sie schon am Nachmittag bei der Vorstellung gesehen hatten.

„Wir suchen einen Eingang. Irgendwo hier sollte eigentlich eine Tür in die andere Sporthalle sein.“

„Was? Noch eine Halle? Davon hat man uns nichts gesagt.“

Christian sah zu dem schlanken jungen Mann mit den braunen Haaren und den braunen Augen hinüber. Richtig, der Rehbock. Und der andere war der Biber. Christian ertappte sich dabei, wie er die beiden auf ihre Tierform reduzierte. Innerlich sich selber verwünschend, deutete er auf Leon.

„Das ist Leon und ich bin Christian. Wir sind zwar heute alle schon mal vorgestellt worden, aber ich muss zugeben, ich habe eure Namen vergessen.“

„Oh, ich bin Simon und das ist Marvin.“

Marvin nickte.

„Genau. So wie in ‚Marvin, the Beaver‘.“

Simon sah Marvin stirnrunzelnd an, wandte sich dann aber wieder an Christian.

„Und ihr seid sicher, dass hier eine Tür ist?“

Marvin war derweil zur Rückwand gegangen und musterte die Holzvertäfelung.

„Hier. War gar nicht so schwer zu finden.“

Als sie in die kleine Halle traten, staunten die beiden Gestaltwandler nicht schlecht, doch Christian und Leon grinsten sich nur an.

„Eine Hochsprungmatte!“

Schnell liefen sie hinüber und blieben dann ruckartig vor der Matte stehen. Fragend sahen sie sich an. Währenddessen waren auch Simon und Marvin nachgekommen und musterten die beiden erstaunt.

„Was ist denn jetzt?“

Leon erklärte mit kurzen Worten die Tradition der Matte.

„Wie, alle auf einmal auf der Matte und da ist nix passiert?“

Christian und Leon grinsten leicht.

„Nicht, was ihr jetzt denkt. Die Matte ist zum Reden, zum Chillen und zum Kuscheln. Wer mehr möchte, darf sich ein anderes Plätzchen suchen.“

Entschlossen streiften jetzt Christian und Leon ihre Sachen ab und hüpften auf die Matte. Simon und Marvin folgten ihnen nur wenige Augenblicke später.

„Na, ihr habt ja auch wenig Bedenken, euch nackt zu machen.“

„Das glaubst aber auch nur du“, seufzte Simon, der ein ganzes Stück neben Leon lag.

„Für mich war es schon etwas verwirrend. Ich musste jedes Mal in den Wald, um nicht aufzufallen. Und sich dort einfach vollkommen nackt auszuziehen, war schon eine große Überwindung. Einmal hat sogar jemand meine Klamotten gefunden und mitgenommen. Da musste ich dann bis in die Nacht warten, bis ich zurück zu unserem Haus konnte.“

„Wie bist du denn da reingekommen?“

Simon lächelte leicht.

„Ist von Vorteil, wenn man in einem Einfamilienhaus wohnt. Der Schlüssel für die Hintertür ist im Garten versteckt.“

„Armes Rehlein“, murmelte Leon und streckte eine Hand nach Simon aus, der automatisch zurückzuckte.

„Entschuldigung, aber ich bin etwas Schreckhaft. Ich weiß nicht, ob die Tierform etwas abfärbt oder ob ich deshalb die Tierform bekommen habe.“

Zögernd streckte er jetzt eine Hand nach Leon aus, der sie vorsichtig ergriff. Langsam zog er Simon etwas zu sich heran, der sich dann sanft an ihn ankuschelte. Leon gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange, dann drehte Simon seinen Kopf und Leon küsste ihn auf den Mund. Er bemerkte, dass Simon etwas zurückhaltend war und tatsächlich wandte sich Simon jetzt wieder etwas ab.

„Hat Chris nichts dagegen?“

Christian, der schon eine ganze Weile mit Marvin eng aneinandergedrängt miteinander flüsterte, drehte sich überrascht um.

„Warum sollte ich? Oh, du meinst die Paarbindung?“

Ausführlich erklärte Christian die Geschichte der Paarbindung bei den Magiern und auch die Formen des Zusammenlebens, die sie damals während ihrer Ausbildung ausprobiert hatten.

„Jeder mit jedem? Kommt da nicht die Beziehung zu kurz?“

„Es ist nicht jeder mit jedem und es ist ja auch nicht dauerhaft. Es hat etwas damit zu tun, ob ich jemanden mag und was ich an ihm besonders mag. Ich habe schon mit anderen zusammen im Bett gelegen, ohne dass es zu richtigem Sex gekommen ist. Wir haben miteinander geredet und sind dann ganz friedlich aneinandergekuschelt eingeschlafen.“

Nachdenklich drehte sich Simon jetzt wieder zu Leon. Mutig beugte er sich jetzt etwas vor und küsste Leon, der sich ganz dem Gefühl hingab. Die Küsse wurden intensiver und Leon sah schmunzelnd an Simon herab.

„Na, mein kleines Rehlein, sollen wir uns ein ruhiges Plätzchen suchen?“

Simon zögerte keinen Moment.

„Gerne. Aber wenn du noch einmal Rehlein zu mir sagst, zeig ich dir, warum das männliche Reh Bock genannt wird.“

Leon hatte das Pech, dass man bei seiner hellen Haut schon ein leichtes Erröten erkennen konnte.

Köln, Deutschland, Anno Domini 2017

Die ersten, die wieder nach Hause kamen, waren die vier Lehrkräfte der Gestaltwandlerschule. Michael und Rafael waren kaum durch die Tür, als sie auch schon umzingelt waren.

„Guck mal, was da reinkommt, ich glaube, wir hätten die Tür zu lassen sollen.“

Michael fuhr herum und stieß einen Freudenschrei aus, als er die vier neuesten Mitglieder der SMU sah.

„Timo!“

Die Begrüßung dauerte etwas länger, als dann auch noch Max und Martin dazu kamen. Nachdem die Unterbringung geklärt war, staunten Michael und Rafael nicht schlecht, weil Timo, Sven, Alex und Dorian es sich im Wohnzimmer gemütlich gemacht hatten.

„Das ist ja mal eine Lösung. Erinnert mich ein wenig an die Hochsprungmatte. Ich nehme an, ihr empfangt auch Besucher.“

Alexander lächelte Michael an.

„Gleich hier und sofort?“

Auf das einsetzende Gelächter hob Michael die Hände.

„Nicht so stürmisch.“

Max unterbrach zwar ungerne, aber er hatte noch ein Problem zu bewältigen.

„Morgen kommen Lucien und Tobias und sie bringen die Kids mit. Wir haben noch das Problem mit dem Gästezimmer. Ich wollte eigentlich nicht alle vier da unterbringen.“

Michael sah sich prüfend im Wohnzimmer um.

„Hm, eigentlich könnte man ja auch mehr als vier Mann hier unterbringen.“

„Du willst doch nicht die Schüler hier mit unterbringen?“

„Warum nicht. Sie sind alle alt genug und ich möchte nicht wissen, wer sich von denen schon wo befunden hat. Sie sollen hier ja auch nur bei jemandem schlafen, nicht mit jemandem. Wenn ihnen das nicht gefällt, ziehen Rafael und ich hier ein und die jüngeren Herren können sich unsere Bude und das Gästezimmer teilen.“

Damit drehte er sich zu Timo.

„Da wirst du dann auch Sebastian kennenlernen, den Heiler, der uns sozusagen in die Arme gefallen ist.“

„Ich hab‘ schon davon gehört. Heiler sind selten und ich kenne alle, die in der Organisation Dienst tun. Es sind ohnehin nur sechs Mann, inklusive Sebastian.“

Michael hob erstaunt die Augenbrauen.

„Ja, jedes Regiment hat einen. Zwei sind im Magie-Korps, einer jetzt bei der SMU und einer in der Ausbildung.“

„Moment, das sind sieben.“

„Richtig. Eine Stelle in den Regimentern ist unbesetzt, weil ja ein gewisser jemand zur SMU versetzt wurde. Die Stelle wird wohl durch Sebastian nachbesetzt werden.“

„Was ist denn mit den beiden im Magie-Korps?“

Timo lachte leise.

„Die sind ein wenig zu alt für den Einsatz. Einer der beiden ist Professor für Humanmedizin in Heidelberg, der andere Professor für forensische Pathologie in Gießen.“

Robin wandte sich nun an Timo.

„Ein Gerichtsmediziner? Wozu brauchen wir denn so was?“

„Wenn jemand stirbt, wollen wir schließlich auch wissen, woran. Es ist zum Beispiel sehr interessant, den Unterschied zu erkennen zwischen einem Schlaganfall und der Wirkung eines Manablitzes.“

Rafael machte große Augen.

„Lass das bloß nicht Lucien hören. Der fängt dann gleich wieder mit seiner CSI-Nummer an.“

Timo und Alexander sahen sich schuldbewusst an.

„Darüber müssen wir dann noch mit Kevin und Lucas reden, wenn sie wieder da sind. Alex und ich haben eine spezielle Ausbildung für Heiler in der Forensik gemacht. Das war wohl ein neuer Ansatz beim Medical Service des Magie-Korps. Aber so, wie ich Professor Bürgner verstanden habe, ist ein aktiver Einsatz mit diesen Fertigkeiten denkbar.“

„Wir sollen kriminalistische Ermittlungen machen? Als SMU ja wohl innerhalb der Organisation. Wie soll das denn gehen? Nein, halt, gibt es etwa die Idee, Ermittlungen in der Öffentlichkeit durchzuführen, die Verbrechen betreffen, welche durch Magier durchgeführt werden?“

Max hatte seine Informationen sortiert, analysiert und war zu einem Schluss gekommen. Timo und Alex sahen ihn aufseufzend an.

„Kein Kommentar. Das müssen wir erst mit Kevin und Lucas besprechen. Von der SMU war auf jeden Fall nicht die Rede gewesen, aber wenn ich es jetzt so bedenke…“


Am folgenden Tag, trafen auch Lucien und Tobias, zusammen mit den vier Schülern von Haus Birkenstein ein. Hier war der Jubel bei der Begrüßung nicht weniger herzlich, aber dafür erheblich lauter. Lucien wurde mehr als einmal von Tobias zurechtgewiesen. Die vier Schüler sahen sich mitten im Trubel wieder und waren über ihre Unterbringung mehr als verblüfft. Alle vier nahmen ohne zu Zögern das Wohnzimmer.

Sebastian war nach ein paar Minuten bereits in ein intensives Gespräch mit Timo verwickelt und Oliver schlich etwas nervös um Alexander herum.

Plötzlich ertönte von oben ein Schrei und alle fuhren zusammen.

„Was war das denn?“

Fast alle Kampfmagier waren aufgesprungen, doch da kam Tim auch schon die Treppe herab.

„Es ist nichts passiert. Ich habe mich nur erschreckt.“

„Warum das denn?“

Die Antwort kam hinter Tim die Treppe herunter und der große graue Wolf sah etwas zerknirscht aus.

„Ich hatte nicht damit gerechnet, dass im Bad ein Wolf ist. Ich weiß natürlich, dass es Robin ist, aber so ohne Vorbereitung…“

Kyan schob sich jetzt neben Tim.

„Komm zu mir, ich werde dich schon vor dem großen bösen Wolf beschützen.“

Tim sah mit einem unschuldigen Augenaufschlag hoch zu Kyan.

„Oh ja, meine heldenhafte Miezekatze.“

Das Gelächter war groß und sogar der Wolf ließ ein jaulendes Fiepen hören. Robin schlich unauffällig nach oben um sich wieder anzuziehen.

Kevin und Lucas waren die letzten, die vor dem Weihnachtsfest eintrafen. Auch sie waren mehr als überrascht von dem vollen Haus.


Da der 23. Dezember ein Samstag war, war es für alle die letzte Chance, noch ein paar Geschenke für Weihnachten zu besorgen. Kevin hatte mit Bedauern feststellen müssen, dass in diesem Jahr kein Weihnachtsbaum zur Verfügung stand, doch der wäre beim anstehenden Umzug auch hinderlich gewesen.

Umso überraschter war er jedoch, als er mit Lucas zusammen am späten Nachmittag von ihrer Einkaufstour nach Hause kam. Im Wohnzimmer stand vor dem großen Panoramafenster ein festlich geschmückter Weihnachtsbaum.

„Wow. Woher habt ihr denn den noch gekriegt?“

Max und Martin sahen sich lächelnd an, schüttelten aber dann den Kopf.

„Betriebsgeheimnis. Das Logistik-Corps kann alles besorgen, naja, fast alles.“

Lucien räumte währenddessen zusammen mit Tobias und Robin in der Küche alles Mögliche hin und her. Den angrenzenden Lagerraum mit der prosaischen Bezeichnung ‚Speisekammer‘ hatten sie bereits bis an die Kapazitätsgrenze gefüllt.

„Hoffentlich kriegen wir noch jemanden, der sich wenigstens ein bisschen mit den Abläufen in einer Küche auskennt. Wenn wir nachher tatsächlich 25 Mann haben sollten, wird das ganz schön hektisch.“

Zweifelnd sah er auf einen der Zettel, mit denen sie Einkaufen gewesen waren.

„Ich hoffe nur, wir haben nichts vergessen. Vor Mittwoch bekommen wir nichts mehr.“

Robin sah ihm über die Schulter.

„Wieso? Sieht doch gut aus. Morgens und abends wird alles als Buffet angeboten und das Mittagessen ist ja nun auch nicht soooo schwierig.“

Tobias sah Robin zweifelnd an.

„Ah so? Wir sind jetzt mit neunzehn Mann hier. Alleine für ein Mittagessen sind das etwa fünf Kilo Kartoffeln. Viel Spaß beim Schälen. Es wird uns auf die Dauer wohl nichts übrig bleiben, als verstärkt auf Convenience Food zurückzugreifen.“

Lucien schüttelte sich.

„Das ist zwar nicht der Renner, aber uns bleibt wahrscheinlich wirklich nichts anderes übrig. Jetzt über die Feiertage sowieso nicht. Ich würde sagen, mindestens drei Mann Küchendienst, vielleicht sogar vier.“

Robin sah sich unsicher um.

„Drei müssten erst mal reichen. Haben wir einen Plan?“

„Zumindest für morgen. Morgen Mittag sind wir alle zum Essen beim Chinesen. Toby hat eingeladen.“

„Tobias? Warum? Ach so, du hast ja morgen Geburtstag.“

Tobias lächelte etwas schüchtern.

„Es ist für mich immer etwas merkwürdig, an so einem Tag Geburtstag zu haben. Wie du vielleicht ja weißt, komme ich aus einer katholischen Gegend und da war Weihnachten immer etwas wichtiger als der jüngste Sohn. Deshalb beschränkt sich meine Geburtstagsfeier auf das Mittagessen. Am Nachmittag machen Lucien und ich dann noch Bescherung und um elf geht’s dann zur Christmette. Wer mitkommen möchte, ist eingeladen.“

Robin nickte. So ähnlich war es auch im letzten Jahr gewesen.

Das abendliche Buffet wurde dann auch der Probelauf für alle kommenden Versuche einer ausreichenden Verpflegung. Robin hatte recht behalten und es reichten tatsächlich drei Mann in der Küche.

Der weitere Abend verlief so, wie einige es schon vorausgeahnt hatten. Die Liegewiese im Wohnzimmer war von neunzehn jungen Männern belegt, die alle den Geschichten und Anekdoten lauschten, die reihum erzählt wurden. Als sich zu fortgeschrittener Stunde die Reihen lichteten, blieb doch noch fast die Hälfte der Gruppe zur Nachtruhe im Wohnzimmer. Wobei das Wort ‚Ruhe‘ dabei eine sehr gedehnte Bedeutung bekam.

Das Frühstück war spät angesetzt, aber dennoch nicht besonders ausgiebig genutzt worden. Zum Mittagessen ging es dann in eines der besseren Restaurants von Köln. Am Nachmittag war, wie bereits angekündigt, Bescherung.

Lucien und Tobias hatten von jedem, der etwas verschenken wollte, die kleinen Pakete eingesammelt und unter dem Baum hübsch drapiert. Es gab, zur Überraschung einiger, dort dann neunzehn kleine Häufchen mit Geschenkpaketen.

Martin sah zweifelnd auf ein Kärtchen mit seinem Namen und die drei Pakete darunter.

„Wer sollte mir denn etwas schenken?“

Lucien lachte im Vorbeigehen.

„Das hat Max letztes Jahr auch gedacht und dann hat es ihm das Leben gerettet.“

Erstaunt lauschte Martin nun dem Ende der Geschichte mit dem abtrünnigen Bannmagier und der etwas gefährlichen Rolle, die Max dabei gespielt hatte. Die Geschichte kannte Martin zwar inzwischen in groben Zügen, doch so genau war das Ende nie erzählt worden.

Von den drei Geschenken, die Martin bekam, enthielten zwei ein Modellauto und das dritte war ein Geschenkgutschein für den Laden, in dem er das Boyfriend-T-Shirt gekauft hatte.

Kyan hielt nach dem Auspacken ein T-Shirt hoch und musterte es verwirrt. Es war blau und hatte auf der Vorderseite das allseits bekannte fünfeckige rotgelbe Symbol eines Superhelden. Bei dem Symbol auf Kyans T-Shirt war das ‚S‘ in der Mitte durch zwei Buchstaben, nämlich ‚SM‘ ersetzt worden.

Lucien quiekte erheitert auf.

„Hey, Kyan, ich wusste gar nicht, dass du jetzt super gut bei Sado-Maso bist.“

Kyan warf Lucien einen bösen Blick zu und sah suchend umher, bis er Tim entdeckt hatte.

„Hey, das Ding ist von dir. Was soll denn SM heißen?“

Tim lachte und versuchte unauffällig außer Reichweite von Kyan oder Robin zu kommen.

„Na, ist doch klar. SUPER-MIEZE.“

Tim hatte deutlich die Reaktionszeit von Kyan unterschätzt, der auf ihn zugesprungen war und ihn nun unter allgemeinem Beifall gnadenlos durchkitzelte.

Die einzigen herausragenden, nicht direkt persönlichen Geschenke, hatte Max verteilt. Lucien, Michael und Timo bekamen von ihm einen gleichen Ohrring, wie er ihn im letzten Jahr bekommen hatte.

„Es tut mir leid, dass es nur die drei sind, aber sie sind die Einzigen, die außer mir noch Ohrringe oder Stecker tragen. Bevor jemand fragt, ja die Ringe sind ebenfalls Zauberspeicher mit dem gleichen Barrierezauber, der auch in meinem ist. Lucas und Lucien haben mir da freundlicherweise geholfen.“

Michael sah erstaunt auf den Ohrring, eine Kreole mit einem kleinen Durchmesser, dafür aber breit und massiv. Das Material schimmert in allen Regenbogenfarben. Michael wunderte sich ein wenig, denn er war ja Bannmagier und brauchte eigentlich keine zusätzliche Barriere. Lucien lächelte etwas, als der das kleine Schmuckstück anlegte.

„Ich möchte einmal bitten, dass alle, die diese schicke Kreole bekommen haben, sie auch tragen.“

Michael hatte sie bereits angelegt und Timo entfernte erst einen seiner Stecker.

„Alle fertig? Gut, dann passt mal auf.“

Alle konnten erkennen, dass Lucien seinen Zauberspeicher aktiviert hatte, denn ihn umgab plötzlich das typische orangefarbige Leuchten einer physischen Barriere. Nur Sekundenbruchteile später flammten auch bei Michael, Timo und Max die Barrieren auf. Michael warf Lucien einen fragenden Blick zu.

„Sie sind miteinander verbunden. Wenn einer der beiden Bannmagier, also Michael oder ich, den Zauber aktivieren, werden alle vier Barrieren gleichzeitig aktiviert. Jedenfalls sofern sie sich im Umkreis von etwa zehn Metern befinden.“

„Wie bist du denn da drauf gekommen?“

Lucien wies wortlos auf Thomas Mertens, der unscheinbar im Hintergrund saß und leicht lächelnd der ganzen Vorführung zusah, während er in dem Buch blätterte, das Kyan ihm geschenkt hatte. Michael runzelte die Stirn.

„Ich denke, wir sollten uns einmal dringend unterhalten.“

Thomas bekam ein alarmiertes Gesicht, doch Michael winkte ab.

„Nichts Tragisches, nur unterhalten. Aber nicht jetzt, nächste Woche irgendwann.“

Thomas seufzte erleichtert und vertiefte sich wieder in die ‚Wildtiere Europas‘.


Nachdem Lucien und Tobias zusammen mit den vier Schülern am Mittwochmorgen verabschiedet worden waren, kamen Kevin und Lucas zu Max in den Serverraum, wo er über den Sicherheitsserver die tägliche Post mit der Organisation abwickelte.

„Sag mal, ist die Ausbildung im Logistik-Corps nicht schon im September beendet? Warum bekommen wir eine Zuweisung zum zweiten Januar?“

„Oh, einen Moment.“

Max rief einige Tabellen ab und studierte sie flüchtig.

„Stimmt, die Standardausbildung ist im September beendet. Da haben wir ja auch Martin bekommen. Neu ist eine dreimonatige Zusatzausbildung für Leute, die für einen Stab oder eine Einsatzeinheit vorgesehen sind. Anscheinend hat man bemerkt, dass die bisher vermittelten Kenntnisse da nicht ganz ausreichen.“

„Wieso das denn?“

„Über Magie, oder besser ‚über Magier‘ wurde zwei Doppelstunden lang etwas erzählt. Gestaltwandler werden nur ganz am Rande erwähnt. Den Hauptanteil haben bisher immer die fachlichen Unterrichte gehabt. Logistik, Versorgung, Technik, Schriftverkehr, Personalbearbeitung und solche Sachen. Nach dem Ergänzungsplan gibt es noch… hm, hier: Organisationsstruktur, Magietheorie, Gestaltwandel, Truppenkunde und – nein, ich glaub’s ja nicht, sogar Formaldienst.“

„Formaldienst? Wieso Formaldienst? Hat das Logistik-Corps denn Uniformen?“

„Äh, ja. Haben wir.“

Lucas und Kevin sahen sich vollkommen erstaunt an.

„Tatsächlich? Und wieso wissen wir nichts davon?“

„Keine Ahnung. Soviel ich weiß, sind noch nie irgendwelche Logistik-Truppen zusammen mit Magiern irgendwo angetreten.“

„Welche Farbe habt ihr denn bekommen? Und wie sehen die Abzeichen aus?“

„Die Uniformen haben den gleichen Schnitt wie eure, sind aber dunkelgrau. Die Abzeichen sind eine konfuse Mischung aus deutschen und amerikanischen Mustern. Die Offiziere tragen genau die gleichen Streifen wie ihr auch. Die Unteroffiziere tragen Winkel an den unteren Ärmeln. Unteroffiziere zwei, Feldwebel drei Winkel, oben offen. Beim Stabsfeldwebel ist der darüber liegende Winkel umgedreht. Beim Oberstaber gibt’s zwei umgedrehte. Der amerikanische Slang lautet three chevrons up, two chevrons down.“

Lucas nickte. Er wusste, was Max meinte.

„Und die Farbe?“

„Weinrot. Mit einem vierstrahligen Stern drüber.“

„Einem vierstrahligen Stern?“

„Jep. Sieht etwa so aus wie in der NATO-Flagge, aber voll ausgefüllt. Übrigens, das Magie-Korps hat auch eigene Uniformen. Das gleiche Dunkelgrau und die gleiche Form der Abzeichen, aber mit einem achtstrahligen Stern und in Türkis.“

„So ein Schwachsinn. Das braucht doch kein… Thomas! Haben sie ihn eigentlich eingestuft nach der Ausbildung?“

„Ja. Hab ich gerade in der Post. Ernennung zum ersten Januar zum Feldwebel.“

„Ha, das machen wir richtig offiziell. Habt ihr eure Uniformen hier?“

„Nein, die sind ausgelagert, aber wir können sie anfordern, sind dann innerhalb von 24 Stunden da.“

Lucas rieb sich die Hände.

„Sehr gut. Warte mal, wann ist der letzte Arbeitstag? Am 29., richtig? Max, schreib mal bitte für den 29. einen Tagesdienstplan mit Appell um 14:00 Uhr. Anzug Uniform, lang. Äh, ohne Kopfbedeckung. Ort wird Einsatzzentrale.“

Kevin sah Lucas etwas schräg von der Seite her an und grinste in sich hinein. Kam da etwa ein kleiner Soldat durch?

Der neben dem Buffet ausgehängte Befehl brachte eine Menge Aufregung. Robin grinste nur, während Kyan etwas ratlos den Kopf schüttelte. Martin und Thomas bestürmten Max mit etlichen Fragen, während Timo und Sven sich nur achselzuckend ansahen.

Kalifornien, USA, Anno Domini 2017

Die Kontrollen durch die amerikanischen Zoll- und Einwanderungsbehörden waren mehr als umständlich und langwierig. Lucien stöhnte erleichtert, als sie durch alle Abfertigungen gelangt waren und endlich in Richtung Ausgang steuern konnten.

Dort erwartete sie auch ein junger Mann, der ein Schild mit ‚Electronic Development‘ hochhielt.

„Guten Morgen, mein Name ist Ray Thundercloud und ich bin die Kontaktperson für Ihren Empfang.“

Lucien sah den jungen Mann an und musste unwillkürlich grinsen. Ray Thundercloud – klischeehafter ging es nun wirklich nicht, denn der Mann hatte eine dunkelbraune Haut, mit schwarzen, schulterlangen Haaren, die an einer Seite zu einem dünnen Zopf geflochten waren. Dazu trug er Jeans und ein kariertes Hemd. Lediglich die Sneakers passten nicht ganz zu dem Outfit.

Lucien stellte sich und seine Begleiter vor, während sie zu einem weiteren Terminal für Inlandsflüge gingen.

„Wir machen jetzt einen kurzen Flug von San Francisco nach Fresno und dann geht es weiter mit dem Wagen zu unserer Niederlassung hier an der Westküste.“

Fast alle stöhnten auf. Noch mal fliegen. Aber dann wurden sie wieder munter, denn der Flieger war eine zweimotorige zwanzigsitzige Maschine für Kurzstrecken. Besonders Sebastian war begeistert, während Oliver der Maschine einen misstrauischen Blick zuwarf. Ray zuckte mit den Schultern als er es bemerkte.

„Besser, als noch einige Stunden im Auto zu verbringen.“

Dann lächelte er Oliver breit an.

„Wir hätten natürlich auch die Pferde nehmen können.“

Olivers Augen wurden rund.

„Pferde? Was für Pferde?“

Ray lachte laut, dann sah er sich unauffällig um.

„Wir sind auf einer Pferderanch untergebracht. Etwas weit außerhalb der größeren Ortschaften. Wer gerne auf einem Pferd reitet, ist bei uns gut aufgehoben.“

Das Angebot schien nicht besonders gut anzukommen, lediglich Tobias, Max und Tim schienen interessiert zu sein.

Der Flug nach Fresno dauerte auch nicht lange, lediglich der Landeanflug war spektakulär. Zunächst ging es im Tiefflug über einen kleinen Vorort, dann mit zwei starken Kursänderungen auf die Landebahn zu, um dann dort fast sturzflugartig zu landen und sofort auf eine der Parking-Positions abzubiegen.

Neben dem Flugzeug wartete bereits ein Kleinbus. Der Fahrer kam heraus und Ray stellte ihn vor.

„Das ist Kenny, einer unserer beiden Chefs.“

Kenny war schlank und sogar etwas größer als Oliver. Er hatte dunkelblonde, kurze Haare und trug einen auffälligen Ohrring an seinem linken Ohr, der mit einem hellblauen Stein besetzt war.

Lucien überlegte, ob das wohl die farbliche Kennzeichnung einer Magieschule war, als er feststellte, dass Kenny die Besucher unauffällig musterte. Dann blieb sein Blick an dem blauen Silikonarmband von Lucien hängen und er lächelte erfreut. Schnell suchte er auch bei den anderen nach den Armbändern und seine Augen wurden groß, als er das grüne von Sebastian erkannte.

Vollkommen verdutzt blickte er dann auf das Armband von Max, das in schlichtem Grau gehalten war.

„Herzlich willkommen im sonnigen Kalifornien. Wir werden jetzt noch etwa zwei Stunden im Auto unterwegs sein, bis wir die Double-M-Ranch erreichen. Unser mutiger Krieger hier wird fahren und wir können uns schon mal ein wenig unterhalten.“

Der ‚mutige Krieger‘ bedachte Kenny mit einem bösen Blick, grinste aber dann und forderte zum Einsteigen auf. Als die Türen geschlossen waren, betätigte Ray etliche weitere Schalter und nickte dann nach einer Weile.

„Okay. Die Sicherheitseinrichtungen sind aktiviert.“

Kenny dankte ihm mit einem Kopfnicken und drehte sich dann zu seinen Gästen.

„Wie ihr gerade gehört habt, sind wir abhörsicher hier drin. Ich bin Captain Kenneth Cameron und zusammen mit meinem Partner der Leiter der Special Mission Unit North Amerika. Der Fahrer ist First Lieutenant Ray Thundercloud, unser Gestaltwandler.“

Nun hatte Ray die volle Aufmerksamkeit, doch Kenny lächelte etwas.

„Er hat mich gebeten, noch nichts zu verraten. Das Tier soll eine Überraschung werden.“

Es gab einige enttäuschte Laute von den Rücksitzen, doch Ray lachte nur. Kenny sah auf die Uhr und seufzte.

„Doch als erstes würde mich interessieren, wer dieser junge Mann ist, der sich erfolglos versucht, als Ureinwohner zu tarnen.“

Alle blickten sofort zu Max, der etwas unsicher mit einer Hand über seine Haare fuhr.

„Ich bin Feldwebel Maximilian Harder vom Support-Team.“

Kenny wechselte einen raschen Blick mit dem Fahrer, der ebenso erstaunt aussah.

„Vom Support-Team? Und du bist bei einem Einsatz dabei?“

Lucien runzelte die Stirn.

„Wieso nicht? Das Support-Team ist bei uns Teil der Einheit.“

Ein zweiter Blickwechsel beim amerikanischen Team.

„Oh. Bei uns kommen die Mitarbeiter des Support-Teams nur zur Problembeseitigung und gehen dann auch gleich wieder. Und er lebt mit euch zusammen? Äh, ich meine…“

„Ja ja, ist schon gut. Natürlich tut er das. Alle unsere Supporter sind schwul und leben bei und mit uns.“

„Alle? Wieviel habt ihr denn?

„Wir sind noch nicht vollzählig, aber die Special Mission Unit ist geplant mit fünfundzwanzig Mann, davon vier Gestaltwandler und sieben Mann Support-Team, wenn man den Heiler und seinen Kampfmagier mit dazu zählt.“

„Fünfundzwanzig? Vier Gestaltwandler, einen Heiler und ein eigenes Support-Team?“

Kenny sackte ungläubig zurück in seinen Sitz. Er musste die Informationen zunächst einmal verarbeiten.

Die Fahrt führte, entgegen den Befürchtungen der Besucher, nicht etwa durch eine Wüstenlandschaft, sondern durch ein großes, landwirtschaftlich genutztes Gebiet. Zu sehen waren hauptsächlich Obstbäume und Sträucher, die Lucien nicht kannte, manchmal sogar auch eine Plantage mit Weinreben.

Nach über einer Stunde wurde das Gebiet etwas gebirgiger und die Straße führte in mehreren großen Schleifen an die Ausläufer eines langgestreckten Gebirgsmassives heran.

„Wir sind gleich da. Die Ranch befindet sich auf einem Hochplateau.“

Tatsächlich fuhr der Wagen kurze Zeit später durch ein großes Tor. Fast alle Besucher fühlten sich sofort an die Wildwestfilme erinnert, wo ein großes Schild über dem Tor den Namen der Ranch abbildete. So auch hier: Zwei große M waren ineinander verschlungen in das Holz eingebrannt.

Das Haupthaus war dem sogenannten Spanischen Kolonialstil nachempfunden. Von außen weißgetünchte Mauern mit einem niedrigen Walmdach mit roten Ziegeln. Im Inneren jedoch hatte es eine deutlich modernere Ausstattung. Wie bei vielen Ranchhäusern üblich, betraten sie das Haus durch die große Küche.

Hier wurden sie auch von dem Rest der Einheit erwartet und vorgestellt.

„Unsere Einheit ist, verglichen mit eurer, ziemlich klein. Anscheinend geht unsere Führung davon aus, dass wir mit ein paar Leuten auskommen, weil wir so toll sind. Realistisch betrachtet würde ich allerdings sagen, wir sind so wenige, weil wir bisher noch sehr wenige Aufträge hatten, die wir alle in kurzer Zeit abarbeiten konnten. Wir haben nur drei Magierpaare, einmal Astral und zweimal Bann, also das, was man zum Schließen eines Tores braucht, und einen Gestaltwandler.“

Lucien sah Tobias kurz an, doch der schüttelte nur unmerklich den Kopf. Lucien sollte sich auf jeden Fall mit irgendwelchen kritischen Kommentaren zurückhalten.

„Dabei haben wir seit unserer Zusammenstellung noch nie ein Tor geschlossen. Und die Aufträge hätte Intel genauso gut übernehmen können.“

Captain Cameron deutete nun auf die restlichen versammelten Leute seiner Einheit.

„Der große schweigsame Ureinwohner ist mein Partner, Captain Leroy Wilson.“

Der schwarzhaarige junge Mann war tatsächlich ziemlich groß, aber auch sehr schlank. Er stand nur mit vor der Brust gekreuzten Armen da und nickte knapp.

Die anderen beiden, direkt neben ihm, grinsten umso breiter. Einer hatte hellblonde Haare und sah aus wie ein Footballspieler direkt aus der Highschool, während der andere mit heller Haut und kurzen, rotblonden Haaren noch größer war, als der schweigsame Ureinwohner vorher.

„First Lieutenants Michael Tennyson und Ryan Brooks. Der Footballspieler ist unser Astralmagier und der Basketballspieler sein Kampfmagier.“

Das dritte Paar war ebenfalls eine interessante Zusammenstellung. Beide etwa gleich groß, hatte der erste hellrote Haare und eine sehr blasse Haut, während der andere eine sehr dunkle Haut und schulterlange, blauschwarze Haare hatte.

„Unser zweites Paar Bannmagier. Ensign Carl Henderson ist der Kampfmagier und Ensign Richard ‚Running Deer‘ Jameson ist der Bannmagier.“

Lucien runzelte die Stirn und sah von dem Gestaltwandler über Captain Wilson bis hin zu Ensign Running Deer Jameson. Diesmal konnte Tobias einen Kommentar nicht verhindern.

„Sind die ähhh… Native Nations, gemessen an den gesamten Einwohnern, nicht etwas überrepräsentiert?“

Captain Wilson hob erstaunt die Augenbrauen, während Running Deer leise lachte.

„Sind sie, tatsächlich. Aber das liegt daran, dass die Begabung bei uns mehr als doppelt so oft vorkommt, als beim weißen Mann.“

Running Deer lachte immer noch, während sein Partner ihm die Zunge herausstreckte. Dann wandte er sich wieder zu Lucien.

„Aber da du vorhin die Native Nations erwähnt hast, gebe ich dir die korrekten Bezeichnungen, falls es dich interessiert.“

Alle Besucher nickten plötzlich heftig.

„Also, Ray ist ein Nez Percé, Leroy ist ein Yokut und ich bin ein Ojibwa.“

„Du kommst aus Kanada?“

„Hey, da hat jemand seine Hausaufgaben gemacht. Jep, Carl und ich kommen aus Kanada. Die Herren Chefs sind hier aus Kalifornien und Michael und Ryan haben Ray irgendwo in den Rocky Mountains aufgegabelt.“

Der Redefluss wurde durch Kenny gestoppt.

„Okay, das können wir uns für heute Abend vor dem Kamin aufsparen. Jetzt werden wir mit den Vorstellungen weitermachen und dann die Unterkünfte verteilen, danach gibt es was zu Essen und dann machen wir die Besichtigungstour auf der Ranch.“

Die Vorstellung der Besucher erfolgte durch Lucien und er hatte fast ein Déjà-vu von ihrem letzten Auslandseinsatz. Auch hier, wie vorhin im Wagen, wurde Sebastian erstaunt angesehen und als Max vorgestellt wurde, war das Staunen noch größer. Kenny nickte nachdenklich.

„Ich denke, wir müssen nachher auch noch über die Organisationsstruktur in Europa reden. Es gibt da wohl so einige Dinge, die bei uns vielleicht gar nicht so schlecht wären.“

Die Unterbringung erfolgte in vier Doppelzimmern, wobei Max leider alleine blieb. Er war gerade beim Auspacken, als es auch schon klopfte. Die Zimmertür stand noch offen und Max sah überrascht, dass es Running Deer war, der geklopft hatte.

„Du bist alleine untergebracht?“

„Ich bin ein wenig überzählig, wenn man nur mit zwei Mann auf einer Bude untergebracht wird.“

Running Deer sah zögernd zu Boden, doch dann entschied er sich für einen Frontalangriff.

„Wir haben eine größere Bude, da wäre auch noch Platz für einen dritten Mann.“

Überrascht sah Max auf. Das war ja fast schon ein unanständiges Angebot. Running Deer sah das überraschte Gesicht und zog die falschen Schlüsse.

„Oh, entschuldige bitte, es war nicht so gemeint. Ich meine, es war…“

Dann versuchte Running Deer, doch noch die Kurve zu kriegen.

„Wo du dich doch schon als Mitglied der Seven Nations verkleidet hast…“

Max fuhr über seine Haare und grinste den Ojibwa jetzt breit an.

„Oh ja, es war so gemeint und ich denke, ich werde gerne das Angebot annehmen.“

Ein Strahlen ging über das Gesicht von Running Deer und er führte Max gleich hinüber zu seinem Zimmer, wo Carl zweifelnd wartete.

Am Nachmittag verbrachten sie tatsächlich fast drei Stunden auf dem Gelände der Ranch und besichtigten Ställe und Scheunen. Das Gelände war sehr weitläufig und Running Deer erklärte, dass sie sogar einen eigenen kleinen Trail hatten, auf dem die Pferde öfter ausgeritten wurden. In den Ställen beäugte Lucien misstrauisch die für ihn etwas furchteinflößenden Tiere. Alles, was auf ihn herabsehen konnte, war ihm irgendwie suspekt.

Fast neidisch beobachtete er Tobias, der einem neugierigen Pferd einen halben Apfel gab, den Kenny ihm gereicht hatte.

„Nur einen halben. Wir wollen sie ja nicht allzu sehr verwöhnen. Wie vielleicht schon aufgefallen ist, haben wir hier nur Hengste, meistens zwischen sechs und acht Stück. Wir nutzen sie ausschließlich zur Zucht. Dazu haben wir noch ein paar Arbeitspferde. Man kann sagen, dass wir hier im Umkreis eigentlich einen ganz guten Ruf haben.“

„Und das ist eure Tarnidentität?“

„Unter anderem. Wir haben noch eine zweite Firma. Alles freiberuflich, so dass wir kommen und gehen können wann wir wollen und niemand uns fragt, was wir eigentlich sonst noch hier draußen machen.“

Nach dem Abendessen versammelte Kenny seine Truppe und die Besucher um den großen Esstisch in der Küche.

„Also, dann werde ich mal ein paar allgemeine Sachen zur Division Nordamerika sagen und dann noch zu unserer SMU. Was euren Auftrag betrifft, dazu wird der Divisionskommandeur etwas erzählen. Er kommt morgen extra aus Washington hierher.“

Lucien und Tobias sahen sich bezeichnend an. Anscheinend war da tatsächlich etwas im Busch, wenn der Divisionskommandeur extra eine solche Reise unternahm, nur um ein paar Besucher aus Deutschland zu begrüßen.

Der Exekutivrat, der in Europa für die Divisionen West- und Osteuropa zuständig war, hieß in Amerika Supernatural Council. Dieses Gremium war für die beiden Divisionen Nord- und Südamerika und die Brigade Mittelamerika zuständig.

„Hätte man nicht die Mittelamerikanischen Staaten einfach nach Nord und Süd aufteilen können?

„Hätte man. Aber dann wäre das Ganze zu Großflächig geworden. Wir haben ja jetzt schon Schwierigkeiten, in einer angemessenen Zeit zu den einzelnen Einsatzorten zu gelangen. Und in den Dschungeln von Mittel- und Südamerika ist das fast unmöglich.“

„Wie groß ist denn die Brigade in Mittelamerika?“

„Das sind nur zwei Regimenter, hauptsächlich aus Mexiko, aber sie sind die einzigen, die einen Quetzal haben.“

„Oh, den hatten wir im Unterricht. Gibt es nicht auch in Nordamerika einen Sasquatch?“

Ray brummte etwas Unverständliches und Kenny seufzte.

„Theoretisch schon, aber wir haben im Moment in der ganzen Division keinen. Die Jungs, die es betrifft, haben es abgelehnt bei uns mitzuarbeiten. Angeblich ist die Erscheinungsform des Sasquatch zu peinlich für die jungen Herren.“

„Wie, zu peinlich?“

„Nun ja, sie verwandeln sich ja in ein fast drei Meter großes, haariges Monster mit riesigen Händen und Füßen. Selbst die Zwischenform ist, vorsichtig gesagt, äußerst behaart. So möchten sich nur die Wenigsten zeigen.“

„Und Südamerika hat keine magische Tierform?“

„Nein. Und es ist auch nicht bekannt, warum das so ist. Sie haben lediglich die Tierwandler aus der dort heimischen Fauna.“


Während der kleinen Vorträge verschwand mal der eine oder andere Gastgeber für eine kurze Zeit, bis Michael in die Küche kam und Kenny zunickte.

„Ist fertig. Wir können rüber.“

Kenny lächelte erfreut.

„Wir werden jetzt in das große Wohnzimmer umziehen. Die Jungs haben dort den Kamin zum Laufen gebracht und so haben wir ein großes offenes Feuer, vor dem wir uns alle versammeln können. Es sind genügend Decken und Kissen vorhanden.“

Tim sah erfreut zu Kenny.

„Hey, ein richtiges Lagerfeuer?“

Die drei ‚Indianer‘ lachten laut. Ray schüttelte den Kopf.

„Hat ziemlich wenig damit zu tun. Ist eben nur ein sehr großer offener Kamin. Trotzdem aufpassen, wenn ein paar Funken fliegen.“

Sebastian grinste ihn an.

„Ja, ich weiß. Alte Indianerweisheit: Nicht so dicht am Lagerfeuer sitzen.“

Die amerikanischen Magier stutzten etwas, während die deutschen Besucher leise lachten. Es dauerte eine Weile, bis Tim die Geschichten von Karl May erklärt hatte, die auch heutzutage immer noch gelesen wurden.

Vor dem Kamin machten sie es sich zwischen Kissen und Decken gemütlich, wobei Lucien bemerkte, dass quer durch die Nationen einige der jungen Herren der Ansicht waren, das Feuer wäre warm genug um auch ohne Bekleidung unter eine Decke zu schlüpfen.

Max drehte sich zu Running Deer und sah ihn fragend an.

„Ich habe einmal eine Geschichte von den Ojibwa gehört, über einen Trapper in Kanada, der seinen Partner verloren hatte…“

Max wurde durch ein leises Lachen unterbrochen.

„Oh ja. Das war Pierre deLaurien mit Rising Smoke. Er hat den Ojibwa zum ersten Mal die Tradition der mathematischen Thaumaturgie gezeigt.“

„Ihr habt eine andere Art der Magie?“

„Nein. Die Manifestation des Mana ist die Gleiche, doch die praktische Anwendung eine andere. Alle indigenen Völker hatten kein Konzept der höheren Mathematik. Und so ist eine schamanistische Tradition entstanden.“

„Schamanistisch? So mit Totems?“

Running Deer zögerte etwas. Es war sehr schwierig zu erklären.

„Wir unterscheiden zunächst in die Sprach- und Kulturstämme, die eine einzelne Gottheit verehren und diejenigen, die einem Polytheismus angehören. Bei den polytheistischen Kulturen haben sich tatsächlich Totems herausgebildet, die das Zentrum einer jeden magischen Befähigung sind. Am häufigsten sind Tier-Totems, für die Kampfmagier Wolf, für die Bannmagier der Weißwedelhirsch, für Astralmagier ein Adler, für Elementare das Backenhörnchen und für die Heiler der Bär.“

„Backenhörnchen für Elementare? Wenn ich das Sven erzähle, werde ich gegrillt.“

„Ich weiß auch nicht genau, warum ausgerechnet diese Tiere sich als Totem manifestiert haben. Bei einer praktischen Anwendung heißt das nämlich, dass der Magier sich auf sein Totem konzentriert und dass die Komponenten eines Zauberspruches sich automatisch zusammenfügen.“

Max wollte noch etwas nachfragen, wurde aber von einem lauten Brummen unterbrochen, das von der Tür kam. Der Ton hörte sich eher nach dem Schnurren einer Katze an, war aber deutlich tiefer und lauter. Max sah zur Tür und erstarrte.

Mitten im Eingang stand ein riesiger Puma und sah ihn, wie Max meinte, hungrig an. Fast alle der Besucher sahen die große Katze zunächst entsetzt an, lediglich Tobias grinste.

„Hallo, Ray. Möchtest du dich zu mir legen?“

Fast lautlos kam der Puma heran und schnupperte an dem liegenden Tobias, dann fuhr er mit der Zunge durch dessen Gesicht. Tobias lachte und gab der großen Katze einen feuchten Kuss auf die dunkle Nase. Als Tobias die Decke anhob, um den Puma direkt neben sich zu haben, grinste Lucien in sich hinein. Tobias war schon so wenig bekleidet, wie Ray es in wenigen Augenblicken ebenfalls sein würde.

„Das ging ja schnell“, hörte Lucien Michael sagen und er drehte sich zu ihm herum.

„Na ja, Toby mag es eben ein wenig kuschelig.“

Ryan grinste Lucien an.

„Wenn du zu uns kommst, werden wir dir die Geschichte von Ray erzählen.“

Lucien war nicht nur neugierig auf die Geschichte und schon wenige Sekunden später lag er zwischen den beiden sportlichen jungen Männern.

Washington State, USA, Anno Domini 2012

Ryan Brooks zuckte zusammen als neben ihm die Spindtür mit lautem Krachen geschlossen wurde. Erstaunt sah er seinen Nebenmann an, von dem er ein solches Verhalten eigentlich gar nicht gewohnt war.

„Ray?“

Doch Ryan bekam keine Antwort. Völlig in Gedanken schlurfte Ray Thundercloud mit hängenden Schultern den Gang herunter.

„Na, da ist unsere Rothaut mal stinkig heute.“

Ryan fuhr herum. Hinter ihm stand Michael Tennyson, der Kapitän der Football-Mannschaft und unverbesserliche Vollidiot. Die einzigen beiden, die in Ryans Augen Michaels Intelligenzquotienten noch unterschritten, waren seine zwei unvermeidlichen Begleiter Sal und Hal, die auch jetzt wieder im Hintergrund herumlungerten.

„Wer hat dich denn gefragt?“

Ryan Brooks hatte nichts übrig für Leute mit viel Muskeln und wenig Hirn und das schien bei Michael beides zuzutreffen.

„Was ist mit dir denn? Hat unsere Basketball-Pussy etwa heute ihre Tage?“

Ryan grinste als Antwort lediglich auf Michael herab. Mit seinen gut 1,90m war Ryan knapp 10 cm größer als Michael, dafür allerding etwa 15 kg leichter.

Michael hasste es, wenn er zu Ryan hochblicken musste, er hasste ihn, weil er schwul war und er hasste ihn, weil das Basketball-Team ihrer Schule erfolgreicher war als das Football-Team.

„Hör zu, Mr. Football. Ich spreche jetzt auch ganz langsam, extra für dich. Es geht dich nichts an. Nichts, Nada, Zero. Geh schön nach draußen spielen, da bist du körperlich und geistig voll mit ausgelastet.“

Michael lief rot an. Seine beiden Begleiter kamen langsam näher und einige Neugierige waren stehengeblieben. Das Schauspiel bot sich nicht so oft, war aber immer wieder interessant. Brooks und Tennyson waren bekannt dafür, dass sie sich gegenseitig angifteten, doch wirklich handgreiflich wurde es fast nie. Viel spannender waren da die Kommentare die hin und her gingen.

Als dann das erste Mal die Klingel ertönte, machten sich die meisten auf den Weg zu ihren Klassenräumen. Auch Ryan schloss jetzt seinen Spind und klemmte sich die Bücher unter den Arm. Michael funkelte ihn an.

„Wir sehen uns noch!“

Dann ging auch er in Richtung seines Klassenraumes, gefolgt von seinen Trabanten. Ryan sah ihm nachdenklich hinterher.

Während der Schulstunde spürte Ryan, wie sein Handy vibrierte. Vorsichtig zog er es aus der Hosentasche und warf einen Blick darauf. Mrs. Fanning mochte es überhaupt nicht, wenn mitten in Englischer Literatur jemand mit dem Handy spielte. Es gab nur eine SMS.

„Er ist vom Track-Team abgehauen. Wir müssen etwas unternehmen.“

Die Nachricht war von Ryans Boyfriend. Anscheinend war Ray Thundercloud jetzt zum zweiten Mal vom vorgeschriebenen Weg des Track-Teams abgewichen hatte sich abgesetzt. Schon beim ersten Mal hatte ihm Coach Miller mit dem Rausschmiss gedroht.

Vorsichtig tippte Ryan eine Nachricht ein und drückte auf ‚Senden‘. Sie waren beauftragt worden, Ray im Auge zu behalten und das würden sie auch tun, aber es gestaltete sich in letzter Zeit immer schwieriger.

„Mittagspause. Treffpunkt Bravo.“

Sie hatten mehrere Treffpunkte in der Schule ausgemacht, wo sie niemand so schnell sehen würde. Das Versteckspiel ging Ryan etwas auf die Nerven, andererseits fand er es auch aufregend.

Treffpunkt Bravo war ein Abstellraum in der obersten Etage des Schulgebäudes. Ryan ging wie zufällig an der Tür vorbei und öffnete sie elegant, als plötzlich eine Hand aus dem Dunkel nach ihm griff und ihn in den Raum zerrte. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss und hektisch fummelte Ryan nach dem Lichtschalter. Im Schein einer nackten Glühlampe erkannte er Michael Tennyson, der ihn spöttisch angrinste.

„Erwischt. Wohl auf ein kleines Techtelmechtel verabredet, was?“

„Allerdings. Ich treffe mich hier mit meinem Boyfriend.“

„Was du nicht sagst. Ein richtiges kleines Liebesnest, was?“

„Allerdings.“

Damit beugte sich Ryan herunter und gab Michael einen Kuss. Michael lächelte ihn an, dann seufzte er.

„So langsam komme ich mir dabei richtig dämlich vor.“

„Ich auch, aber es ist die beste Tarnung. Was ist mit Ray? Wo ist er hin?“

„Auf die Entfernung kann ich das nicht sagen, aber wir müssen es unbedingt melden. Wenn er sich tatsächlich verwandeln sollte und er ist nicht darauf vorbereitet, hat er ein Problem und zwar ein großes. “

„Sollten wir nicht versuchen, erst mal mit ihm darüber zu reden?“

„Bist du bescheuert? Was würdest du denn sagen, wenn irgendjemand deiner Klassenkameraden völlig überraschend auf dich zukommt und sagt: Hallo, wir kennen uns zwar nicht so gut, aber ich glaube, du könntest dich jeden Moment in irgendein Tier oder ein Fabelwesen verwandeln.“

„Sollten wir versuchen, ihn näher kennenzulernen?“

„Wir beide, zusammen?“

„Okay, blöder Vorschlag. Aber vielleicht einer von uns?“

„Ha, mich hält er für einen geistig minderbemittelten Football-Spieler und du bist der schwule Basketballspieler mit dem besten Notendurchschnitt der Klasse. Welche gemeinsamen Berührungspunkte haben wir?“

Ryan tat so, als ob er nachdenken würde. Nach einer Weile zuckte er resigniert mit den Schultern.

„Hm, keine. Die einzige Klasse, die wir gemeinsam haben, ist Amerikanische Geschichte. Hey, da sind wir eine ungerade Anzahl Schüler. Bei einem Projekt bleibt einer übrig. Da ließe sich was machen.“

„Und wie willst du Mister Gallagher dazu bringen, uns drei als Gruppe zu akzeptieren? Der hat es doch eh schon auf mich abgesehen.“

„Hm, ich hätte da eine Idee…“


Ray Thundercloud war tatsächlich vom Track-Team ausgeschlossen worden, obwohl er der mit Abstand ausdauerndste Läufer war, den das Team hatte. Seine sportlichen Aktivitäten waren auf den normalen Sportunterricht beschränkt worden.

Während des Schulunterrichts saß er anscheinend völlig geistesabwesend auf seinem Stuhl und starrte aus dem Fenster.

„Mister Thundercloud, wie ist denn nun Ihre Meinung zu meinen letzten Ausführungen?“

Ray zuckte zusammen und sah ratlos nach vorne.

„Ich, ähhh…“

Mister Gallagher sah ihn kopfschüttelnd über den Rand seiner Brille an. Einige aus der Klasse fingen an zu kichern.

Der Blick des Lehrers schweifte über die Köpfe der Schüler bis er an einem ganz bestimmten hängen blieb.

„Mister Tennyson, vielleicht können Sie ja helfen?“

Michael lief rot an und sah sich hektisch um.

„Ja, also… genau! Die Indianer waren da und dann waren sie weg. Also ich meine, die Armee war hinter ihnen her. Und der Präsident hatte alles genehmigt. War so ‚ne Sache mit Land und so. Und die wollten nach Kanada, also die Indianer, nich‘ die Armee. Sind aber nich‘ bis hin gekommen. Wussten wohl nicht genau, wo’s lang ging.“

Mit jedem Satz den Michael Tennyson von sich gab, wurde der Blick von Mister Gallagher immer frostiger. So entging ihm auch, dass Ray Thundercloud sich immer weiter von seinem Sitz erhoben hatte, bis er neben seinem Stuhl stand.

„Wenn du noch einen Satz sagst, dreh ich dir den Hals um!“

Das folgende Schweigen war fast körperlich greifbar. Michael drehte sich um und sah zwei Reihen hinter sich Ray stehen, die Hände zu Fäusten geballt, das Gesicht dunkel angelaufen und aus den braunen Augen schienen Funken zu sprühen. Die Haare hatte er nach hinten geworfen, so dass nur der Zopf auf seiner linken Seite bis nach vorne auf die Brust hing.

Mister Gallagher sah irritiert auf.

„Mister Thundercloud. Wenn Sie nichts zum Unterricht beitragen wollen, setzten Sie sich bitte wieder hin.“

Ryan hob die Hand.

„Ja, Mister Brooks?“

„Verzeihen Sie, Mister Gallagher, aber ich denke, Ray könnte eine ganze Menge zum Unterricht beitragen. Soviel ich weiß, ist er ein Nez Percé.“

Sowohl der Lehrer als auch Ray sahen Ryan erstaunt an. Dann deutete Ryan auf Michael Tennyson.

„Vielleicht kann er ja auch Michael etwas erleuchten.“

„Du kleines, blödes, Arsch…“

„Mister Tennyson! Wir sind hier nicht auf dem Football-Platz. Aber die Idee hat was. Ich möchte gerne von Ihnen beiden eine Ausarbeitung bis Montag über die Geschichte der Verfolgung der Nez Percé.“

„Aber Sir! Ich habe am Wochenende…“

„Montag, Mister Tennyson. Und von Ihnen beiden gemeinsam.“

Die Klingel ertönte und Mister Gallagher packte seine Sachen. Ebenso hatten sich die Schüler erhoben und strebten in ihre nächsten Klassen.

Michael Tennyson ging dicht an Ryan vorbei und zischte laut und deutlich, „Dich krieg ich noch!“

Ryan sah ihm grinsend hinterher, bis er bemerkte, dass Ray ihn etwas ratlos ansah.

„Hm?“

„Äh, also du weißt nicht zufällig wo Michael wohnt? Ich glaub ja nicht, dass er zu mir kommt.“

Ryan nickte wissend.

„Doch, weiß ich. Den Salish-Drive raus bis kurz vor der 97. Das letzte Haus rechts vor der Auffahrt.“

„Oh, so weit?“

„Hast du kein Auto?“

Ray blickte zu Boden.

„Nein.“

Ryan zögerte, dann überdachte er die Lage. Es musste etwas passieren. Möglicherweise würden sie sogar ihre Tarnung aufgeben müssen.

„Ich muss noch mal telefonieren. Vielleicht…, nein, das machen wir anders. Komm nach der letzten Stunde einfach raus zum Parkplatz. Du kennst mein Auto?“

„Wer kennt das nicht?“

Ryan hatte zu seinem 16. Geburtstag einen schneeweißen Ford F-150 geschenkt bekommen mit diagonal über beide Seiten verlaufende Streifen in den Regenbogenfarben.

„Okay, wenn du dich traust, in dem Ding gesehen zu werden, bring ich dich hin.“

Ray sah Ryan erstaunt an.

„Bis hin? Zu Michael Tennyson?“

„Warum nicht? Ist ja eine öffentliche Straße.“

Bevor noch ein paar Kommentare kommen konnten, schnappte sich Ryan seine Bücher und verschwand ebenfalls. Ray sah ihm fragend hinterher.

Als Ryan nach der letzten Stunde zu seinem Wagen kam, stand Ray schon daneben. Einige vorbeilaufende Schüler sahen Ray etwas merkwürdig an, sagten aber nichts.

„Lass mich raten, alle haben hergesehen, aber keiner hat sich getraut, etwas zu sagen.“

„Ja, so in etwa. Ist das immer so? Ich meine, wird niemand ausfallend oder so?“

„Zu Anfang war es etwas schwierig, aber nach der ersten Prügelei war dann Ruhe. Ich bin zwar kein Football-Spieler, aber ich weiß wie man sich wehrt.“

„Nun ja, bei mir hat auch keiner was gesagt. Immerhin bin ich ja der einzige Indianer an dieser Schule.“

„Kein Wunder. Hast du dich mal im Spiegel betrachtet? Mit den Muskeln würde ich mich auch nicht anlegen wollen. Gehst du zum Fitness-Training?“

Ryan hatte inzwischen den Wagen entriegelt und Ray stieg lachend ein.

„Überhaupt nicht. Nur das Lauftraining und die Hausarbeit.“

„Dann mal los.“

Ryan startete den Wagen und sie fuhren in Richtung von Michaels Haus. Unterwegs unterhielten sich die beiden ganz angeregt über ihre häuslichen Situationen. So erfuhr Ryan, dass Ray ein Einzelkind war und seine Eltern beide bei der staatlichen Forstverwaltung arbeiteten.

Ray bekam zu wissen, dass Ryan noch eine große Schwester hatte, die aber nicht mehr zu Hause wohnte und dass seine ganze Familie ihn seit seinem Coming-out unterstützte.

Als der Wagen in eine Auffahrt abbog, sah Ray staunend nach draußen.

„Was? Hier wohnt Michael?“

„Yep. Die ABC-Ranch.“

„ABC?“

Ryan lachte.

„Appaloosa Breeding Center.“

„Was? Appaloosa? Sie züchten hier Pferde?“

„Genau. Aber hier ist nur das Wohnhaus. Die Ställe sind ein Stück weiter unten. Mister Tennyson wollte Geschäft und Privatleben so gut wie möglich trennen.“

Ray sah Ryan merkwürdig an.

„Du kennst dich sehr gut aus hier. Wie lange kennst du Michael denn schon?“

„Seit der Grundschule. Wir sind zusammen aufgewachsen.“

Bevor Ray antworten konnte bremste der Wagen etwas abrupt auf dem Kies vor der Veranda.

„Wir sind da. Los geht’s.“

Ohne auf Ray zu warten, ging Ryan die Stufen zur Veranda hoch und öffnete eine Tür. Ray folgte ihm nachdenklich. Als er durch die Tür trat sah er, dass er sich mitten in der Küche befand. Ryan stand neben einer kleinen, hellblonden Frau mit einer Schürze und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Wange.

„Hi, Mum. Der nette junge Mann den ich dir mitgebracht habe ist Ray. Ray, das ist Mrs. Tennyson.“

Ray stand da wie festgewurzelt, doch dann siegte seine gute Erziehung.

„Guten Tag, Mrs. Tennyson.“

„Ha, ein netter junger Mann. Ray, nicht wahr? Du musst der Sohn der Thunderclouds sein, nun ja, bist ja auch nicht zu verkennen. Deine Mum hat mir schon so viel Gutes über dich erzählt… Aber was rede ich da, ihr wollt sicher zu Michael, der ist oben.“

Ray starrte immer noch Mrs. Tennyson an, während Ryan ihn vorsichtig in Richtung Hausflur und Treppe steuerte. Am unteren Absatz der Treppe blieb Ray stehen und drehte sich zu Ryan.

„Was zum Henker geht hier vor? Michael? Der Football-Jock, der Schwule hasst? Und dann hier Mrs. Tennyson, Mum? Woher kennt sie meine Familie?“

Ryan lachte leise.

„Sie kennt hier alles und jeden in der Gegend. Ich verspreche dir, das wird sich alles gleich aufklären. Lass uns erst einmal nach oben gehen.“

Ray zögerte, doch dann nickte er. Wortlos folgte er Ryan, der die Treppe nach oben stieg und an eine Zimmertür klopfte. Ohne eine Antwort abzuwarten trat er ein und zog Ray einfach mit sich.

„Ah, da seid ihr ja.“

Michael Tennyson saß mit nichts als einer kurzen Sporthose bekleidet an seinem Computer und tippte wild darauf herum. Als die beiden näher kamen erhob er sich und streckte Ray die Hand entgegen.

„Herzlich willkommen in meinem kleinen Reich. Ich nehme an, Ryan hat noch nichts verraten?“

Ray schüttelte den Kopf und gleichzeitig Michaels Hand. Als Michael sich zu Ryan wandte sah er neugierig zu, was passieren würde.

„Ihr habt ganz schön lange gebraucht.“

„Ich weiß, aber es hat sich gelohnt.“

Damit beugte sich Ryan nach vorne und gab Michael einen Kuss. Sanft strich er ihm dann über die strohblonden Haare.

Ray starrte die beiden vollkommen erstaunt an, doch dann begannen die Rädchen in seinem Kopf sich zu drehen.

„Ich glaub es nicht. Ihr beide?“

„Überrascht?“

„Allerdings. Aber warum? Ich meine, was soll das Spiel in der Schule?“

Michael zog Ryan mit auf das Bett. Mit einer wedelnden Handbewegung bedeutete er Ray, sich auf den Schreibtischstuhl zu setzen.

„Als mir Ryan vor zwei Jahren gesagt hat, dass er schwul ist, konnte ich mein Glück kaum fassen. Doch Ryan hatte sich entschieden es öffentlich zu machen, ich war noch nicht so weit. Wir haben uns im Schulgebäude so richtig gezofft, so mit Prügelei und allem. Gab für jeden drei Tage Schulverweis.“

„Genau. Und dann hat mir ein Mädchen aus unserer Jahrgangsstufe gesagt, bei Michael sollte man sich nicht wundern, dass er so brutal wäre. So ein Sportfreak würde nie verstehen was es bedeutet, schwul zu sein und ich solle mir von den Machos nicht mein Coming-out versauen lassen. Die wären ja sowieso alle nur hinter den Cheerleader-Flittchen her.“

„Als mir Ryan das dann später erzählt hat, war ich richtig eingeschnappt. Ich und ein Macho auf der Jagd nach den doofen Cheerleader-Püppchen? Na und dann kam uns die Idee, dass wir unseren Mitschülern genau die Fassade zeigen würden, die sie sehen wollten.“

„Ist ja schon krass. In der Schule Hund und Katze und hier…, äh. Ich meine…“

„Schon klar. Such dir was Passendes aus. Aber wo wir gerade bei Tieren sind, hast du eigentlich schon einmal eine Visionssuche gemacht?“

Ray sah Michael erschreckt an, Was sollte denn jetzt der Themenwechsel und wieso ausgerechnet die Visionssuche. Nervös rutschte Ray auf dem Stuhl hin und her.

„Äh, ja. Warum?“

„Interessiert mich halt. Ist es ein Tier oder darfst du nicht drüber reden?“

Ray sah Michael jetzt mit großen Augen an. Irgendetwas lief gerade nicht so, wie er sich das vorgestellt hatte.

„Doch, doch. Kein Problem, aber wozu willst du das wissen?“

Ray merkte, wie sich allmählich sein Puls beschleunigte und eine leichte Panik aufkam. Michael hatte genau die falschen Fragen gestellt. Ray befürchtete, dass er sich nicht beherrschen konnte und das trieb seinen Adrenalinspiegel noch weiter in die Höhe. Kurz entschlossen sprang er von seinem Sitz hoch und wandte sich hektisch an Michael.

„Ich weiß, es klingt unhöflich, aber ich muss dringend weg. Ich erkläre euch das…“

Plötzlich merkte er ein leichtes ziehen an den Ohren und seine Kiefermuskeln verkrampften sich. Zu spät! Mit zitternden Händen öffnete er schnell sein Hemd und zog sich komplett nackt aus. Aus den Augenwinkeln sah er noch die erstaunten Gesichter von Ryan und Michael, aber er hatte keine Lust, sich das dritte Mal in zwei Wochen neue Klamotten kaufen zu müssen.

Dann verschwamm sein Sichtfeld und er fiel automatisch nach vorne. Schmerzhaft verschoben sich Muskeln und Knochen und innerhalb von wenigen Augenblicken hatte er seine Gestalt verwandelt.

Michael und Ryan hatten sich bei Beginn der Verwandlung ganz auf das Bett zurückgezogen.

„Okay, Mike. Wir brauchen nicht mehr zu fragen, welches Tier es ist.“

Vor den beiden stand ein sandbrauner Berglöwe mit einem wunderschönen, glatten Fell, der Kopf abgesetzt in einem Muster aus weiß, hellbraun und dunkelbraun.

„Mir hat er als Mensch auch sehr gut gefallen, besonders ohne Klamotten.“

Ryan wollte schon mit der Hand ausholen, als ein Knurren von vorne ertönte.

„Oh, oh. Ray, kannst du uns verstehen?“

Der Berglöwe setzte sich auf seine Hinterläufe und macht mit dem Kopf eine nickende Bewegung.

„Ist ja abgefahren.“

Ryan warf Michael einen fragenden Blick zu. Seine Rolle in der Schule schien ja doch etwas auf seine Sprache abzufärben.

„Ray, darf ich dich streicheln?“

Ray nickte wieder, dann stand er auf und ging langsam die zwei Meter bis zum Bett. Ryan hatte sich wieder auf die Bettkante gesetzt und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Dicht vor Ryan hielt Ray an, setzte sich wieder auf die Hinterläufe und legte seinen Kopf auf Ryans Schoß.

„Phantastisch“, entfuhr es Ryan, der dem Berglöwen sanft über den Kopf strich und dabei gedankenverloren mit den Ohren spielte.

„Ob ich auch mal..?“

Michael hatte den Satz noch gar nicht ausgesprochen, als Ray sich erhob und mit einem Satz auf das Bett sprang. Völlig erschrocken fiel Michael hinten über und der Berglöwe leckte mit seiner breiten Zunge der Länge nach über Michaels nackten Oberkörper.

„Iiiiih. Ich bin kitzlig!“

Der Berglöwe ließ ein lautes Schnurren hören, fast wie eine Katze. Dann ließ er sich in seiner gesamten Länge auf Michael fallen.

„Puh, der ist nicht gerade leicht.“

Ryan fasste Ray um den Hals und zog ihn etwas an sich.

„Hast du dich jetzt wieder beruhigt?“

Der Berglöwe nickte und mit einem leisen Schnaufen begann die Rückverwandlung. Ryan fing an zu kichern, als er das Gesicht von Michael sah, der gerade realisierte, dass ein splitternackter junger Mann der Länge nach auf ihm lag und er selbst auch nicht viel mehr anhatte. Ray sprang auch sofort hoch und eilte zu seinen Sachen.

Kalifornien, USA, Anno Domini 2017

Lucien war etwas abgelenkt durch die beiden jungen Männer links und rechts neben ihm, doch auch die anderen hatten interessiert zugehört. Oliver löste sich etwas von Carl und drehte sich herum.

„Ihr wart schon in der Highschool zusammen und wusstet auch von den Gestaltwandlern?“

Michael nickte.

„In Nordamerika gibt es ein anderes Rekrutierungssystem, als bei euch. Hier werden die Kandidaten so ab dem Junior-Jahr angesprochen und machen dann spätestens im Senior-Jahr einen Lehrgang in einem Sommer-Camp. Nach der Highschool geht es dann zu einer Vollausbildung an ein spezielles College.“

Ryan lachte.

„Wir waren beide sehr überrascht, als wir jeder für sich in das Sommer-Camp kamen und uns dort dann wieder trafen. Wir kannten uns tatsächlich seit der Grundschule und sind zusammen in der gleichen Gegend aufgewachsen.“

Lucien seufzte. Das war ja fast wie in einem schmalzigen Roman. Dennoch fuhr er nun mit seiner Hand über Michaels Sixpack weiter nach Süden, während er Ryans forschende Hände auf seiner Kehrseite verspürte. Auch schmalzige Romane schienen manchmal sehr interessante Kapitel zu haben.

Der nächste Tag war ganz der Arbeit gewidmet. Gegen Mittag traf einer der beiden Divisionskommandeure auf der Ranch ein. General Major Thomas Hardy war ein sportlicher Mann Mitte vierzig und begrüßte die Besucher aus Deutschland freundlich, aber doch etwas reserviert.

„Ich bin, ehrlich gesagt, etwas unglücklich mit der Aufgabe, die uns gestellt wurde. Das Supernatural Council hat deutlich zu verstehen gegeben, dass die Ermittlungen von unserer SMU durchgeführt werden sollen. Solche Aufgaben hat bisher eigentlich Intel oder das Logistik-Corps erledigt. Mir wurde zu verstehen gegeben, dass es bei der SMU in näherer Zukunft wohl ein paar Veränderungen geben wird, die die Bandbreite der Einsätze deutlich erhöhen sollte.“

Die beiden Leiter sahen den General erstaunt an und auch Lucien fühlte sich ein wenig unwohl.

„Das liegt doch wohl nicht an unserer Anfrage?“

„Nein, nicht direkt. Aber anscheinend gibt es noch mehrere Fälle aus der Vergangenheit, die nicht zufriedenstellend aufgeklärt worden sind. Deshalb wird zum nächstmöglichen Termin, sprich, zum zweiten Januar, dieser Einheit zum ersten Male in der Geschichte unserer Organisation in Nordamerika ein Mitglied des Logistik-Corps fest zugeordnet.“

Jetzt warfen sich alle Mitglieder der hiesigen SMU bezeichnende Blicke zu und auch Max wurde mit einigen Seitenblicken bedacht, was dem Kommandeur natürlich nicht verborgen blieb.

„Sie vermuten schon ganz richtig. Bei dem Neuzugang handelt es sich um einen Analytiker. Es war ein wenig schwer, die Auswahl zu treffen, aber Sie werden sich schon arrangieren.“

Dann wandte sich der General direkt an Lucien und Tobias.

„Ich habe die Zugangsdaten für alle Unterlagen mitgebracht, die unsere Division über den Fall dieses dubiosen Doktor Feldermayr auftreiben konnte. Er lässt sich eine Weile in den USA nachverfolgen, dann verliert sich merkwürdigerweise seine Spur. Dazu muss ich allerdings sagen, dass wir damals wohl andere Schwerpunkte hatten, als einen eingewanderten Psychiater zu beobachten. Die SMU kann unbeschränkt darauf zugreifen. Meine Herren, ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer Suche.“

Eine Viertelstunde später war der General bereits wieder verschwunden und die gesamte Gruppe eilte in den Keller des Haupthauses, wo sich die Einsatzzentrale befand. Wenn Max geglaubt hatte, sie wären zu Hause gut ausgestattet, so wurde er hier eines Besseren belehrt. Fast überall blieb er vor den Einrichtungen und Geräten stehen und murmelte unverständlich vor sich hin. Sebastian hörte nur ein paar Fetzen seines Monologes.

„…neueste Generation…noch nie gesehen… will ich auch haben…“

Kenny rief die Daten ab, die für sie freigegeben worden waren. Nach gut zwei Stunden des Sichtens und Sortierens trugen Kenny und Tobias die Informationen vor, die man ihnen übergeben hatte. Kenny deutete auf die Rechneranlage.

„Also, die Daten sind ein wildes Gemisch aus Auszügen der Unterlagen der amerikanischen Regierung von 1945 bis 1955, dann Unterlagen der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland von 1945 und 1946, Registrierungsdaten aus Nevada und North Carolina und ein paar Aufzeichnungen unserer Organisation aus den Jahren 1945 bis 1950.“

Tobias sah in etliche fragende Gesichter, als er übernahm.

„Wir haben eine zeitliche Reihenfolge herstellen können, die 1945 in Deutschland beginnt und uns bis 1949 ein ziemlich lückenloses Bild bietet. Sebastian, wo haben wir Doktor Feldermayr in Deutschland verloren?“

Sebastian brauchte keine Unterlagen, er kannte seine Ergebnisse auswendig.

„Nach den fehlgeschlagenen Versuchen im Außenlager Köpenick ist er abgetaucht. Das war im April 1945. Wir vermuten, dass er im Großraum Berlin untergetaucht ist, denn weit kann er zu der Zeit nicht mehr gekommen sein.“

Tobias nickte.

„Vollkommen zu Recht. Unser schlauer Herr Doktor ist wohl während der Kämpfe um Berlin abgetaucht, aber kurz danach schlicht zu seinem alten Arbeitsplatz in der Psychiatrie zurückgekehrt. Um nicht den russischen Besatzungstruppen in die Hände zu fallen, hat er sich als Spezialist für forensische Psychiatrie den Amerikanern angeboten. Außerdem hat er ihnen erzählt, er hätte an einem Geheimprojekt mitgearbeitet.“

„So blöd können die doch nicht gewesen sein. Sie werden ihn doch durchleuchtet haben.“

„Haben sie auch. Obwohl er Obersturmbannführer war, hat er glaubhaft nachweisen können, dass dies nur ein Ehrentitel war, um ungestört forschen zu können. Wissenschaftlich gesehen, hat ihm dabei geholfen, dass er bei Professor Berger gearbeitet hat, der ja den EEG entwickelt hatte.“

„Sie haben ihn tatsächlich auf Grund seiner Forschungen einreisen lassen?“

„Ja, allerdings sollte er hier an einem Forschungsprojekt mitarbeiten, dass die Verbesserung des Lügendetektors zum Inhalt hatte. Nach etwa einem halben Jahr haben sie dann gemerkt, dass er nicht sehr viel dazu beitragen konnte und ihn dann an eine andere Einrichtung verwiesen. An der Duke Universität in Durham in North Carolina gab es ein Programm zur Erforschung von außersinnlicher Wahrnehmung. Dort war er allerdings auch nur wenige Jahre. Er hat Durham verlassen und ist danach spurlos verschwunden.“

„Außersinnliche Wahrnehmung?“

„Das war Teil des geheimen PSI-Projektes der US-Regierung. Erforschung von parapsychischer Begabung wie Hellsehen, Telekinese und so ein Zeug. Das ganze Projekt ist dann nach etlichen Jahren eingestampft worden, weil keine wissenschaftlich relevanten Ergebnisse erzielt werden konnten.“

„Und der Feldermayr ist einfach so verschwunden?“

„Nun, nicht einfach so. Er hieß ja damals Doktor Robert Fielding. Unter dem Namen arbeitete er bei beiden Projekten und so wurde er in den Unterlagen der Regierung geführt. Als er in Durham ausgeschieden ist, hätte ihn das FBI eigentlich weiter überwachen müssen, denn er war ja immer noch Geheimnisträger. Anfang der 50er Jahre hatte das FBI allerdings andere Schwerpunkte, als verschrobene Wissenschaftler zu überwachen, deren Projekte nicht gerade hoch angesiedelt waren. Der einzige Hinweis den wir haben, ist eine handschriftliche Bemerkung eines FBI-Mitarbeiters, dass Mister Fielding in den Westen gezogen ist und die Akte der Regionalstelle in San Francisco übersandt werden sollte, was sie übrigens nie wurde.“

Ray lehnte sich nachdenklich zurück.

„Also haben wir etwa 1950 einen Mister Robert Fielding irgendwo im Westen der USA. Selbst zu der Zeit kann er ohne Weiteres einen anderen Namen angenommen haben und sich irgendwo von der Wüste New Mexicos bis in den Wäldern von Washington niedergelassen haben. Wo sollen wir anfangen zu suchen?“

Max räusperte sich kurz.

„Wenn jemand versucht, sich eine neue Identität aufzubauen, wechselt er zunächst seinen Namen. Das dürfte damals noch etwas einfacher gewesen sein, als heute. Sollte das nicht ausreichen, müssten solche Sachen wie Geburtsdatum oder Geburtsort verändert werden, wofür man dann allerdings neue Urkunden bräuchte, die sich dann in verschiedene Stufen der Sicherheit unterteilen. Das sollte uns aber im Moment nicht so sehr interessieren. Wie sieht es mit einem einfachen Namenswechsel aus?“

Ray nickte nachdenklich.

„Das ist ganz einfach. Nach dem Common Law kann jede erwachsene Person ihren Namen ändern, wie es ihr beliebt. Dies geschieht ohne Formalitäten einfach durch die Benutzung eines anderen Namens im täglichen Leben. Mein Name, mit dem ich geboren wurde, war ja auch nicht Thundercloud. Viele junge Krieger legen sich so völlig legal einen neuen Namen zu und auch andere Leute machen schon mal Gebrauch davon.“

„Das geht einfach so?“

„Ja. Ist, wie gesagt, Teil unseres Rechtssystems. Die einzige offizielle Einschränkung ist das Verbot der Namensänderung bei einer beabsichtigten Straftat.“

Ein leises Lachen lief durch die ganze Gruppe. Tobias sah nachdenklich auf die angezeigten Daten.

„Also ist es erheblich einfacher, seinen Namen zu ändern, als sein Geburtsdatum. Wie viele Personen gab es denn in den USA im Jahre 1950, die am 29. März 1898 geboren worden sind?“

Kenny drehte sich zu seiner Tastatur.

„Einen Moment. Da könnten wir Glück haben mit der Sozialversicherung. Jedem Bürger wird eine Sozialversicherungsnummer zugeteilt, die er sein Leben lang behält. Auch dieser Doktor Feldermayr, korrekter Weise Robert Fielding, hat damals eine bekommen.“

„Hey, kann man nicht sehen, wo die aufgetaucht ist?“

Alle sahen Oliver an, der sich plötzlich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit befand. Carl grinste etwas spöttisch.

„Das war 1950. Deine Nummer hast du damals nur gebraucht, um Lohnzahlungen und Abgaben registrieren zu lassen und dann die Rente davon zu beantragen. Du musst schon die passende Firma finden, wenn du wissen willst, ob derjenige dort gearbeitet hat.“

Kenny hatte anscheinend Erfolg.

„Oh, sehr gut. Die Datenerfassung lässt sich zurückverfolgen bis 1942. Da gab es eine Durchführungsbestimmung von Präsident Roosevelt, die Sozialversicherungsnummer in allen neu angelegten Datensätzen als Primärschlüssel zu verwenden. Seitdem werden die Anträge nachvollziehbar.“

Einen Moment später wurde er fündig.

„Hier, Doktor Robert Fielding, geboren 29. März 1898 in Germany. Ausgestellt durch den Staat Nevada.“

Sebastian nickte.

„Er hat also sein Geburtsdatum behalten. Damit sind wir in einer Sackgasse. Wir wissen zwar, dass er irgendwo an der Westküste wohnt, aber nicht genau, wo.“

Kenny seufzte.

„Da bleibt dann nur noch das staatliche Einwohnerverzeichnis. Wir können nach Robert Fielding suchen oder nach jemandem mit seinem Geburtsdatum.“

Nach dem Abendessen gab es dann die ersten Ergebnisse.

„So, hier haben wir alle Robert Fielding. Das sind etwa 42.000 Einwohner in den gesamten USA. Und hier sind die Geburtsdaten das sind genau 9.486 Einwohner. Die Schnittmenge ergab genau einen Treffer. Doktor Robert Fielding in Nevada und danach in North Carolina.“

„Dann muss er zwischen den anderen 9.485 Einwohnern stecken.“

„Schon möglich, aber willst du die tatsächlich alle der Reihe nach abklappern?“

„Die sind doch schon alle tot. Wie willst du denn da noch etwas rausfinden?“

„Tot? Hm… 1898. Der wäre jetzt fast 120. Ja, definitiv tot. Aber ich dachte, wenn er schon eine Sozialversicherungsnummer hat, bekommt er keine neue, egal mit welchem Namen.“

„Stimmt. Für die Sozialversicherung brauchst du deine Geburtsurkunde. Die Daten der Einwohnerverzeichnisse sind ja auch nicht von der Sozialversicherung, sondern die Einwohnerdaten der einzelnen Städte und Countys. Es gibt eine Suchindex des US-Staatsarchivs.“

Torben sah nachdenklich auf den Monitor mit den ersten Einträgen der Liste der Geburtsdaten. Jede Menge Namen und immer das gleiche Datum. Etwas frustriert drehte er sich zu Max.

„Du hast gesagt, wenn jemand versucht, sich eine neue Identität aufzubauen, wechselt er zunächst seinen Namen. Aus Feldermayr ist ja Fielding geworden, aber einen weiteren Fielding gibt es nicht. Warum hat er sich beim ersten Mal für Fielding entschlossen? Wäre Miller oder Smith nicht genauso gut gewesen?“

Der sonst ziemlich schweigsame Leroy drehte sich nun zu Torben.

„Es ist die Affinität des Namens. Mein Name ist immer meine Identität und so versuche ich, auch bei einer Änderung, so dicht wie möglich am Original zu bleiben. Ich nehme an, beim ersten Mal haben sie ihm einfach gesagt, sie heißen jetzt Fielding.“

„Aber es gibt viele Beispiele, wo ein beliebiger Name gewählt wurde, um die Identität zu verschleiern.“

„Das ist hauptsächlich in Situationen der Fall, wo kriminelle oder agententypische Handlungen verschleiert werden sollen. Das hat nichts mit der Persönlichkeit des Namens zu tun. Bestes Beispiel sind die Einwanderer im neunzehnten Jahrhundert aus allen möglichen Ländern. Hier wurden viele Namen wortwörtlich anglisiert, meistens sogar vom Beamten direkt bei der Einwanderung.“

„Stimmt, hab‘ ich im Auswanderhaus in Bremerhaven gesehen. Familie Müller hieß plötzlich Miller und aus Schmidt wurde Smith.“

Lucien nickte nachdenklich, dann sah er zu Max hinüber.

„Wenn dieser Herr Feldermayr das gleiche gemacht hat, wie würde das dann auf Englisch heißen? Feld ist ja vielleicht Field, aber was ist Mayr?“

Carl sah jetzt ebenfalls zu Lucien und Max.

„Ich glaube, da kann ich euch helfen. Ich habe holländische Vorfahren und die Änderung in Henderson kam erst mitten im Zweiten Weltkrieg. Unsere Familie hieß vorher Hendricks. Was ich aber sagen wollte, einer unserer Nachbarn heißt Maier und er wollte seinen Namen nicht ändern, denn er meinte, das käme von dem Beruf eines Milchbauern oder von einer Molkerei. So wollte er aber nicht heißen, besonders weil er gar kein Milchvieh hatte.“

Noch bevor Carl zu Ende gesprochen hatte, tippte Kenny wie wild auf seiner Tastatur.

„Ich glaub, ich hab‘ ihn.“

„Was? Wer?“

„Hier. Robert Dairyfield. Übrigens der Einzige mit Dairy. Wohnhaft bis 1964 in Portland, Oregon. Verstorben in Portland am 19.12.1964.“

„Und wie finden wir heraus, ob er das wirklich war? Und hauptsächlich, wie finden wir heraus, ob er tatsächlich etwas wusste?“

„Dazu müssen wir nach Portland. Ich fürchte allerdings, damit müssen wir bis zum nächsten Jahr warten. So kurz vor dem Jahreswechsel gibt es nur sehr wenige Stellen, die wir noch kontaktieren können. Die meisten haben sich einen Kurzurlaub genommen.“

Lucien verdrehte die Augen. Das würde eng werden, aber die Ferien gingen ja noch bis zum sechsten Januar.

„Und was machen wir bis dahin?“

„Oh, ein wenig Recherche im Internet. Das Umfeld ein wenig erkunden. Und dann haben wir hier auf der Ranch noch die Möglichkeit zu reiten, und bevor jemand einen Kommentar macht, ich habe die Pferde gemeint.“

Tobias, Max und Tim sahen sich erfreut an, der Rest schien etwas unentschlossen. Lucien brachte es auf den Punkt.

„Ich habe noch nie auf so etwas gesessen und es macht mir irgendwie Angst.“

Tobias sah seinen Partner erstaunt an.

„Du hast mir noch nie gesagt, dass du dich vor Pferden fürchtest.“

„Nein, nicht direkt. Aber sie sind ganz schön groß. Und von da oben sieht die Welt ganz anders aus.“

Tobias betrachtete Lucien nun etwas nachdenklich, während Ray zustimmend nickte.

„Er hat schon recht. Für jemanden, der nicht mit Pferden aufgewachsen ist, sind sie groß, stark und vielleicht sogar etwas furchteinflößend. Aber wir haben hier auch ein paar Tiere, die sich für Anfänger eignen. Wer möchte, kann an einem Einweisungskurs teilnehmen und dann können wir ein wenig Trailriding machen.“

Köln, Deutschland, Anno Domini 2018

Der 29. Dezember brachte für die Special Mission Unit ein bisher unbekanntes Ereignis. Lucas hatte für 14:00 Uhr einen Appell in Uniform angeordnet.

Von den verbliebenen zwölf Mitgliedern der SMU hatten sich nun elf in der frei geräumten Einsatzzentrale versammelt. Lucas beäugte kritisch die dunkelgraue Uniform des Logistik-Corps mit ihren weinroten Abzeichen. Robert trug die zwei Winkel eines Unteroffiziers mit diesem dämlichen vierstrahligen Stern. Thomas hatte noch gar keine Abzeichen.

Pünktlich um 14:00 Uhr waren dann auch alle so angetreten, wie Lucas sich das vorgestellt hatte. Michael und Rafael hintereinander, daneben Sven und Dorian hintereinander. Dann kamen Robin und Kyan nebeneinander. Danach Timo und Alexander hintereinander und zum Schluss Robert und Thomas wieder nebeneinander.

„Special Mission Unit, stillgestanden. Zur Meldung an den Chef der Einheit, Augen rechts.“

Nun kam auch Kevin herein. Es hatte eine kleine Diskussion gegeben, wer als Chef den Appell durchführen sollte, aber Lucas hatte sich durchgesetzt und so war es nun Kevin.

„Herr Hauptmann, ich melde die Special Mission Unit Western Europe zum Appell angetreten!“

„Danke sehr. Augen geradeaus. SMU, rührt euch.“

„Ich weiß, dass einige von euch keine besondere Vorliebe für militärische Auftritte haben, aber wir wollten auch wieder einmal daran erinnern, warum die Organisation uns diese Form gegeben hat. Für den Kampf gegen das Böse, und in diesem konkreten Fall die Dämonen, ist eine strenge Disziplin und taktisches Vorgehen unerlässlich. In Abwandlung eines berühmten Zitats kann ich nur sagen, diese Lösung ist eine der schlechtesten, aber es gibt keine Bessere. Deshalb werden wir von Zeit zu Zeit an unsere militärische Tradition und an die unserer Vorgänger erinnern. Der Anlass, warum wir ausgerechnet heute hier stehen, ist ganz einfach.“

Kevin sah sich nach Lucas um, der nun hinter ihm stand und ihm ein Schriftstück reichte.

„Ich bitte vorzutreten Herrn Thomas Mertens.“

Etwas zögernd kam Thomas nach vorne und stellte sich vor Kevin auf.

„SMU stillgestanden! Im Namen des Magie-Korps ernenne ich Herrn Thomas Mertens mit Wirkung zum 01. Januar 2018 zum Feldwebel. SMU rührt euch!“

Kevin überreichte dem überraschten Thomas seine Urkunde und ließ ihn dann wieder eintreten. Jetzt kam wieder der Auftritt von Lucas.

„SMU stillgestanden! Augen rechts!“

Kevin grüßte einmal kurz, dann verließ er die Einsatzzentrale.

„Augen geradeaus, SMU rührt euch!“

Lucas sah grinsend die kurze Reihe entlang.

„War gar nicht so schlecht für das erste Mal. Aber das kriegen wir noch hin. Deshalb werden wir einmal in der Woche eine Doppelstunde Formaldienst machen.“

„Was?“

„Warum?“

„Hey, ganz ruhig. Es kann ohne Weiteres sein, dass irgendwann auch mal höhere Offiziere zu Besichtigungen kommen oder sowas. Da möchte ich gerne, dass wir nicht allzu negativ auffallen.“

Timo verdrehte die Augen und flüsterte mit Sven.

„Oder sowas. Was glaubt der denn, wie wichtig wir hier sind?“

Kalifornien, USA, Anno Domini 2017

Am Silvestermorgen lag Lucien noch gelangweilt im Bett, während Tobias schon nach unten geeilt war, um in den Ställen zu helfen. Lucien hatte nach seiner zweiten Reitstunde stöhnend aufgegeben. Ihm tat alles weh und er fand die Bewegungen auf dem Pferd auch nicht wirklich als angenehm.

Nun lag er mit einem der hauseigenen Tablets im Bett und surfte ein wenig. Hauptsächlich war er auf der Suche nach neuen Mangas für seine Sammlung, doch durch Zufall geriet er auf eine Seite über Science-Fiction-Literatur der frühen Jahre. Fasziniert las er nun einige Beiträge über die Entstehung dieser Literaturgattung und dabei auch eine Rezension über den Trash in den 50er und 60er Jahren.

Hauptziel waren hierbei die regelmäßig erscheinenden Heftromane, die in einem sehr einfachen Erzählstil eine wild fabulierende Handlung hatten, die manchmal nicht einmal innerhalb einer Serie logisch geschlossen war. Die Bandbreite variierte von der klassischen Space-Opera mit Raumschiffen und Raumschlachten bis hin zu dem Monster aus dem Sumpf.

Lucien wollte schon die Seite verlassen, als ihm eine Bemerkung auffiel, die ihn ruckartig hochschnellen ließ.

‚… besonders schlechten Schreibstil. Darunter wären hervorzuheben die Heftautoren Mark van Gould und ein R. Dairyfield, deren Werke inhaltlich zwar etwas annehmbarer waren, doch die mehr als verunstaltete englische Sprache…‘

Hektisch suchte Lucien nach einem Romanautor namens Dairyfield, wurde aber nicht fündig, was ihn einigermaßen verblüffte. Etwas ratlos sprang er noch einmal zurück zu der Seite mit der Rezension und entdeckte tatsächlich am Ende eine kleine Auflistung der verschiedenen Verlage, die diese Hefte herausgegeben hatten. Schnell zog er sich an und rannte fast hinunter in die Küche.

Torben und Ray werkelten noch an einem Frühstück für Spätaufsteher und fuhren erschreckt zusammen, als Lucien die Treppe herunterpolterte.

„Ich hab‘ ihn!“

„Was? Wen?“

„Na, unseren Dr. Frankenstein. Er ist unter die Romanautoren gegangen.“

Torben und Ray sahen Lucien völlig verständnislos an, bis dieser dann hektisch anfing, alles zu erklären. Ray nickte langsam, während Lucien erzählte.

„Hast du den Verlag mal recherchiert?“

„Äh, nein. Moment.“

Völlig verblüfft sah Lucien einen Moment später auf.

„Ich glaub es nicht. Erstens, den Verlag gibt es immer noch. Und zweitens, er ist in Portland.“

„Sehr schön. Sobald die Jungs aus den Ställen zurück sind, werden wir eine Menge zu besprechen haben.“

Die Besprechung fand dann auch noch vor dem Mittagessen statt. Kenny hatte den Artikel über die Science-Fiction-Literatur ebenfalls gelesen und war zum gleichen Schluss gekommen wie Lucien.

„Kann sich jemand vorstellen, warum er sich darauf verlegt hat, Romane zu schreiben? Und nicht einmal besonders gute. Aber das wird wohl mehr auf mangelhafte Sprachkenntnisse zurückzuführen sein. Es kennt nicht jemand zufällig eines dieser Werke?“

Ringsum gab es nur allgemeines Kopfschütteln.

„Dann werde ich den Verlag kontaktieren. Was nehmen wir denn da für eine Story? Am Besten seid ihr Studenten aus Deutschland, die eine Arbeit über amerikanische Romane der 50er Jahre schreiben. Nein, das geht nicht, das ist zu allgemein.“

Sebastian sah auf.

„Wie wäre es mit Journalismus-Studenten, die speziell die Science-Fiction-Literatur der 50er Jahre in den USA untersuchen?“

Kenny nickte zögernd.

„Ja, das könnte gehen. Wer von euch soll denn zu diesem Verlag? Zwei Mann dürften plausibel sein.“

Lucien sah sich kurz um.

„Irgendjemand, der Ahnung von Science-Fiction hat?“

Zu seinem Erstaunen hoben drei Mann die Hand. Lucien hob die Augenbrauen.

„Also gut, Torben und Tim. Tut mir leid, Basti, aber du wirst kaum als Student durchgehen.“

Sebastian zog ein enttäuschtes Gesicht.

„Von uns aus werden euch Ray und Carl begleiten. Ihr fliegt gleich am Dienstag nach Portland. Dort ist bereits eine Unterkunft in einem Hotel gebucht. Wir haben uns auch bereits bei der Stadtverwaltung angemeldet. Ray hat als amerikanischer Staatsbürger eine Lizenz als Privatdetektiv. Dort kann er Ermittlungen über den Wohnort und den Tod des Herrn Fielding anstellen. Die anderen können ja versuchen, einen Termin bei dem Verlag zu bekommen.“

Lucien sah sich erstaunt zu Ray um.

„Du bist Privatdetektiv?“

„Ja, genau wie Michael und Ryan. Das ist die zweite unserer Tarnidentitäten und gleichzeitig natürlich der ideale Job, um überall ungefragt seine Nase reinstecken zu können.“

Alle lachten und Kenny schickte sie los, um den Abend gebührend vorzubereiten.

Die Silvesternacht verlief äußerst ruhig. Hier draußen, jenseits der großen Städte gab es kein Feuerwerk und auch keine wilden Partys. Um Mitternacht standen alle jungen Männer draußen vor dem Haus und starrten in den sternenklaren Nachthimmel. Fast alle standen neben ihren Partnern, lediglich Kenny hatte Carl umarmt, denn die drei ‚Indianer‘ standen etwas abseits, während Running Deer einen uralten Gesang intonierte, dessen Sinn wohl nur die drei völlig begreifen würden.

Zum Aufwärmen gab es vor dem Kamin dann noch ein paar alkoholische Getränke, doch den größten Anteil am Aufwärmen hatten wohl die jungen Herren selber unter ihren Decken.

Kalifornien, USA, Anno Domini 2018

Die tägliche Routine holte sie auch an diesem ersten Tag des Jahres ein. Bis auf wenige Ausnahmen waren alle in den Ställen und Scheunen unterwegs. Die Ausnahmen standen in der Küche und bereiteten das Frühstück.

Als die Horde hungriger Arbeiter dann über das Frühstück herfiel, wurde es richtig lustig an dem großen Tisch. Kleine Geschichten wurden erzählt und alles sah friedlich und harmonisch aus. Bis das Telefon klingelte. Carl saß am dichtesten dran und stand auf, um den altmodischen Wandapparat neben der Tür zu beantworten.

„Hallo? Ja, hier ist die Double-M-Ranch.“ Dann eine kurze Pause. „Okay, wir holen sie ab. Wird aber einen Moment dauern.“

Mit einem erstaunten Gesicht drehte sich Carl zu Kenny und Leroy.

„Unser neuer Mitarbeiter vom Support-Team ist eingetroffen. Er steht in Fresno auf dem Flugplatz.“

„Was? Heute?“

Carl zuckte mit den Schultern.

„Er hat gesagt, sie hätten ihn heute losgeschickt, damit er sich morgen früh pünktlich zum Dienst melden kann.“

Lucien grinste breit.

„Das hätte auch bei uns so enden können. Manchmal geben sich die Unterstützungseinheiten militärischer als sie eigentlich sind.“

Kenny brummte ungehalten.

„Carl, du und Richard holt ihn ab.“

Running Deer sah seinen Leiter an.

„Wir wollten noch die Pferde bewegen. Er kann ja Lucien oder Torben mitnehmen.“

Kenny sah hinüber zu seinen Gästen, die sich gerade in einer kurzen Diskussion befanden.

„Torben hat gewonnen.“

„Gut, dann los. Wir wollen ihn nicht unnötig warten lassen.“

Trotz des Feiertags war auf dem Fresno Yosemite International Airport doch ziemlich viel Betrieb. Carl und Torben gingen hinüber zur Wartezone am Info-Point. Dort stand auch ein etwas verloren aussehender junger Mann mit einer großen Reisetasche. Carl ging hinüber.

„Hi, wolltest du zur Double-M-Ranch?“

Der junge Mann zuckte zusammen und drehte sich nun zu Carl herum.

„Jawohl, Sir.“

Carl und Torben sahen sich fragend an, bis Carl dann seine Hand ausstreckte.

„Hier gibt’s niemanden, zu dem du Sir sagen müsstest. Mein Name ist Carl und dies ist Torben, ein Besucher aus Deutschland. Mein Chef hat uns geschickt um dich abzuholen. Du solltest uns bestimmt noch etwas sagen.“

Der junge Mann runzelte die Stirn, dann huschte jähe Erkenntnis über sein Gesicht.

„Ach ja. Schöne Grüße von Tante Elsbeth aus Washington.“

Carl nickte. Das war das verabredete Codewort.

„Danke sehr. Und wer bist nun du?“

„Oh, ich bin Matthew Nakamura.“

Carl nickte. Er hatte sich etwas Ähnliches gedacht, denn in den Gesichtszügen des Jungen konnte man, besonders an den Augen, einen leichten asiatischen Einfluss erkennen. Abgesehen davon schien er gerade von der Highschool zu kommen und hatte dort bestimmt nicht zu den großen Sportlern gezählt. Der schlanke Körper und die kurzen schwarzen Haare ließen ihn äußerst jung erscheinen.

„Na, dann komm mal mit.“

Während der Rückfahrt versuchte Carl ein Wenig mit Matthew ins Gespräch zu kommen, aber es dauerte eine ganze Weile, bis der Junge seine Schüchternheit ablegte und von seiner Ausbildung im Support-Center erzählte.

Auch hier wurden die Kandidaten noch auf der Highschool angeworben, danach aber bekamen sie lediglich einen zwei Semester dauernden Lehrgang. Matthew war danach noch einmal auf einen drei Monate dauernden Speziallehrgang für S2-Personal geschickt worden und hatte dort ganz überraschend seine sofortige Versetzung bekommen.

Torben lauschte während der ganzen Zeit dem Gespräch und stellte nur hin und wieder kleine Fragen.

„Und woher kommst du ursprünglich?“

„Oh, meine Familie kommt ursprünglich aus Japan, ist aber schon etliche Generationen hier. Aber wenn du meinst, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin, das war in Oregon. Ich komme aus Portland.“

Carl machte beinahe eine Vollbremsung auf dem Highway.

„Du kommst aus Portland?“

Matthew war nun etwas irritiert.

„Ja, warum?“

„Weil ich glaube, dass du deine Tasche gar nicht groß auszupacken brauchst. Wir haben ab Morgen einen Einsatz in Portland und so wie ich Kenny kenne, wirst du uns dahin wohl begleiten.

[1] bis [3] aus: Der kleine Prinz von Antoine de Saint-Exupéry, in der Übersetzung von Grete und Josef Leitgeb.

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