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Angel of Darkness

Tyr Dieanell - The last royal Beast

Chapter 4

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„So ein Mist“, schnaufte Tyr mit einem Blick auf den bewusstlosen Jungen, der sich eine Platzwunde zugezogen hatte, während er ohnmächtig wurde. Diesmal ohne sein Zutun. Immerhin, obwohl es ihm lieber gewesen wäre, wenn er ein wenig mehr Standfestigkeit gezeigt hätte. Nun ja, es war nicht mehr zu ändern. Wahrscheinlich war ein bewusstloser Sterblicher allemal handlicher, als ein weglaufender wie schreiender.

Allerdings war Tyr noch ein wenig durcheinander von dem Ganzen. Er hatte den Abtrünnigen nämlich erst bemerkt, nachdem Callan losgestürmt war. Dabei befand dieser sich doch nur wenige Meter von ihm entfernt. Allein den Geruch des Blutes hätte er wahrnehmen müssen, so wie eben jenes, welches aus Callans Kopf sickerte und ihn schier zur Explosion brachte, so betörend wirkte es auf ihn. Doch nichts dergleichen war geschehen. Er war völlig in Callan versunken gewesen.

Das war alles andere als gut und wütend war er auch sofort geworden. Wie konnte dieser frisch gewandelte Vampie ihm so den Abend verhageln? Er hatte sich schon so sehr darauf gefreut, diesem Menschen bis in die Wohnung zu folgen und ihn einfach nur zu erleben, sich vielleicht später auch wieder mit ihm zu unterhalten. Abgesehen davon, war er von sich selbst überrascht.

Wieso hatte er, ohne zu zögern, den Menschen beschützt? Sein Körper tat es ganz automatisch, er hatte nicht einmal Zeit gehabt, nachzudenken. Natürlich konnte er sich einreden, dass es seine Pflicht gewesen war. Schließlich hatte er jeden Menschen zu schützen, vor Attacken ihrer Art, doch es erklärte nicht, wieso er zwanghaft das Bedürfnis hatte, dass dem Jungen kein Haar gekrümmt wurde. Er wollte nicht, dass der Vampie ihm zu nahe kam, wobei es ihn sonst kaum störte, ob nun einer mehr oder weniger draufging. Er nahm sich immer die nötige Zeit, nicht zuletzt, weil es Spaß machte ein wenig zu jagen.

Nur heute nicht, er war völlig voreilig auf den noch in der Wandlung befindlichen Vampie losgegangen und hatte, zu allem Überfluss, auch noch maßlos übertrieben. „Und das alles nur wegen diesem Kind.“, schnaubte er frustriert. Er war zornig auf den Vampie geworden, als er erkannte, dass er sein Eigentum angreifen wollte und hatte ihm einfach den Kopf abgetrennt. Oder sollte er besser sagen, abgequetscht.

Gut, er war noch nie besonders feinfühlig gewesen, doch verdammt. Was war nur mit ihm los? Das war doch nicht mehr auszuhalten. Er warf einen verärgerten Blick auf den Geköpften und verzog das Gesicht mit Blick auf seinen Arm. Sein Mantel war eingesaut und nun durfte er sich auch noch um den Rest kümmern. Wo blieb Gills Team, wenn man ihn mal brauchte? ‚Das hier war ihr Job und nicht seiner, verflucht nochmal‘, ratterte es in seine Inneren.

Noch eine Weile mit dem Kopf in der Hand stehend und den bewusstlosen Jungen betrachtend, schallte ein Wort in seinem Kopf hin und her. ‚Eigentum.‘ Er ließ die Buchstaben mehrmals in seinem Kopf kreisen, bevor er das Wort noch einmal aussprach, in einem eigenartigen, wie fragenden Tonfall, als ob er sich selbst eine Frage stellen musste, die ihm sein Verstand so sonst nicht liefern könnte.

Er sah den Jungen tatsächlich als sein Eigentum, das war sonderbar. So hatte er sich nicht mehr verhalten, seit… „Ja seit wann nur?“, murmelte er und dann fiel es ihm wie die Schuppen von den Augen und entsetzt blickte er nochmal zu dem Jungen. Noch nie, war die Antwort. Er hatte zuvor noch nie jemand als sein Eigentum gesehen. „Verflucht!“, grollte er in die Nacht.

Er würde dem- oder derjenigen ein Lava Bad gönnen, der diesen Menschen – dessen Kopf er immer noch hielt – einfach gewandelt hatte und ihn sich dann selbst überlassen hatte, so dass er ihnen in die Quere kommen konnte. Wie konnte er es wagen, ihm seinen Schwachpunkt so deutlich aufzuzeigen? Er war doch nicht mehr er, wenn er plötzlich Mitgefühl für Menschen hatte.

„Wer ist dein Meister, Geschöpf?“, grollte der uralte Dämon wutentbrannt auf, während er versuchte an dem toten Geschöpf zu wittern und dann von dem eingetrockneten Blut zu kosten, um eine Spur aufzulesen. Doch es war nichts auszumachen, dass konnte nur bedeuten, dass sein Schöpfer, sofort nach dem Einleiten der Wandlung, verschwunden war und ihm keine Spuren, beziehungsweise weitere, überlebenswichtige Details mitgab. Vielleicht hatte er ihm nicht einmal den fünften Biss gegönnt. Obwohl das alles keinen Sinn ergab, sich einer erschöpfenden Wandlung zu widmen, wenn man nicht wenigstens einen Rekruten wollte und dann auch noch zu gehen.

Einen Unfall schloss Tyr aus, denn kein Vampir würde einen Menschen herumlaufen lassen, der bereits dreimal gebissen wurde. Ein Mensch begann - aufgrund des Vampirspeichels und den jeweils zwei Tropfen Blut zum Versiegeln der Wunde - bereits nach dem ersten Biss eine leichte Vorliebe für blutige Steaks zu bekommen und ab dem vierten begannen sie, eine besondere Hingabe für menschliches, blutdurchdrängtes Fleisch zu entwickeln. Tyr bezeichnete diese Änderung der Essgewohnheiten als indirekte Vergiftung, die daher, ab der vierten direkten Blutspende, nur zwei Möglichkeiten zuließ.

Laut Gesetz hatte der jeweilige Vampir den Menschen zu töten oder die Ratsjäger einzuschalten. Denn Variante zwei, eine Wandlung, war nicht erlaubt, ohne dass der Mensch vor dem Rat nicht seine direkte Einwilligung dazu gab und dann wurde sowieso ein Ratsmitglied der Meister.

Wieso dieses Geschöpf zu seinen Füßen ausgerechnet in die Wandlung geschickt wurde, ohne Rat, das würde er wohl erst erfahren, wenn er den Meister hatte und dem würde er dann eins husten, mitten im Prozess zu verschwinden. Immerhin, musste der Meister zuerst so viel Blut trinken, bis sein Opfer zwar noch gerade so lebte, aber an der Schwelle des Todes stand, dann sein eigenes Blut einführen, damit sich zuerst die Zähne bilden konnten.

Daraufhin hatte er den Jüngling, mit den neuen Zähnen, zu seinem eigenen Fleisch zu führen und ihn das eigene Blut wieder einsaugen zu lassen, welches er ihm erst genommen hatte und zwischenzeitlich mit seiner DNA-Spur vermengt hatte, um die Wandlung richtig einzuleiten. Bei dem Wesen allerdings, schien aber genau dieser Schritt nicht vollendet worden zu sein, sowie der fünfte Biss gänzlich vernachlässigt. Dabei waren diese die Entscheidendsten für die Wandlung, nicht nur weil jedes Geschöpf einen Mentor brauchte, sondern mit dem letzten Biss wird stets ein schmerzbetäubender Speichel injiziert, gemischt mit einem mentalen Befehl zum Schlafen, sowie ein paar notwendigen Regeln und Überlebenstipps.

Weshalb also, sollte sich ein Vampie, das jedenfalls wusste Tyr bereits, derart schwächen lassen und dann aufhören. Das machte keinen Sinn. Leider konnte der verwirrte Ausdruck im Gesicht des Neulings auch keine Antwort darauf geben. Er musste jedoch sofort grinsen beim Anblick.

Kein Wunder, dass der kleine Vampie verwirrt war, in den letzten Sekunden seines Lebens. Wenn man plötzlich körperlos war, konnte das sehr verstörend wirken, wenn man von sich überzeugt war, das mächtigste Geschöpf auf Erden zu sein. Das war selbst für ältere Vampire schwer zu verkraften.

Tyr seufzte, als er einen Blick auf die vielen Körper warf. Er würde sich lieber um sein Menschlein kümmern, um zu ergründen, wieso er ihn als sein Eigentum ansah. Einfach akzeptieren würde er es nicht und sich dem neuen Pfad hingeben. Doch das musste warten.

Wenn er die Leichen nicht verschwinden ließ, konnte das zu mehr Aufsehen führen, als wenn man einfach nur einen bewusstlosen Jungen fand. Allerdings bekam er Bauchweh, wenn er daran dachte, was ihn erwartete, wenn man den Jungen fand und ihn ins Krankenhaus brachte. Die Polizei würde ermitteln und er hätte viel zu reinigen, vielleicht sollte er Vico herbeirufen.

Er ließ seinen Blick nochmal über alle drei schweifen und lauschte in die Nacht. Dann entschied er sich gegen Hilfe, schnappte sich den Jungen auf seine Arme, wie eine Prinzessin. Sprang in die Luft und ließ seine ledernen Schwingen ausfahren, um sich auf die Dächer zu katapultieren. Dort flitze er durch die Nacht, in seinem Superspeed, und kam nur wenige Sekunden später in der Wohnung von Callan an. Legte ihn ins Bett, sah sich die gestoppte Blutung an und verschwand erneut in die Nacht, zurück zum Tatort.

Er musste den Vampie verbrennen, vorsorglich und auch zügig. Auch wenn kein Risiko auf eine erneute Auferstehung bestand, so waren gewisse Überbleibsel nicht ungefährlich, wenn man aus ihnen einen schmackhaften Sud köchelte. Glücklicherweise waren die zwei Toten noch keinem aufgefallen, doch sie konnten nach wie vor entdeckt werden. Das würde sicher ein spaßiges Unterfangen, zwei Leichen und er blutbesudelt mittendrin.


Dairean stand in der Empfangshalle und blickte auf die alte Uhr und wurde immer besorgter. Sie horchte auf, doch es war kein Geräusch zu vernehmen, noch immer nicht. Die Sonne war dabei durchzubrechen und trotzdem war das ganze Haus ruhig und das schon seitdem sie aufgestanden war.

Sie wollte seit einigen Tagen mit Tyr über den Besucher sprechen, doch sie hatte Probleme ihn zu finden, ständig war er nicht zu Hause und sie fragte sich langsam, was zur Hölle in ihm vorging. Auch heute fand sie ihn nicht, sie war extra zeitiger aufgestanden, um ihn wenigstens noch im Schlafzimmer auffinden zu können, doch als sie in sein Gemach ging, war er schon längst weg.

Selbst in seinem Arbeitszimmer war er seit einiger Zeit nicht mehr anzutreffen. Das war alles andere als beruhigend. Es waren unendlich viele Jahrhundertwenden vergangen, als Tyr das letzte Mal vor Sonnenuntergang aufgestanden war und das war nicht gerade eine ruhmreiche Epoche für ihrer-eins gewesen. Doch es war unmöglich, dass ein Krieg bevorstand, es fühlte sich damals anders an, die Atmosphäre wirkte bedrohlich, nicht so entspannt wie im Moment. Und dennoch war irgendetwas geschehen, was Tyr Sorgen machte und auf Trab hielt, das konnte sie fast spüren. Vielleicht war es ja sogar schon zu ruhig und sie sah den ankommenden Sturm nur nicht. Sie schrie!

Plötzlich hatte sich auf ihre Schulter eine Hand gelegt und sie sich somit fast zu Tode erschreckt. Sie drehte sich sofort um und war ungemein erleichtert in Vicos Gesicht zu sehen. „Ach du bist es nur. Was schleichst du hier so herum?“

„Ich schleiche nicht und wer bitteschön hätte es sonst sein sollen?“, stellte er ihr die passende Gegenfrage mit hochgezogenen Augenbrauen.

Dairean wich ihm aus, bewegte ihre Hand mit einem vergiss-es-Winker und war eigentlich ziemlich zufrieden, dass Vico bei ihr war. „Du weißt nicht zufällig, wo sich Tyr aufhält oder was ihn momentan bewegt?“

„Er ist gestern sehr zeitig aufgebrochen, ich denke, er ist wieder auf der Spur nach diesem Menschen vom Wochenende, so wie schon die letzten Tage.“

Dairean war sprachlos. Sie hatte es nur vermutet, doch dass Tyr plötzlich Interesse an einem Menschen hatte, das war unfassbar, geradezu evolutionär. Wenn es nicht so absurd wäre, dann hätte sie jetzt sehr gern gelacht. Doch sie ahnte es schon längst, an dem Kind war etwas Eigenartiges gewesen und es gefiel ihr überhaupt nicht, wenn ihr Cousin begann sich ungewöhnlich zu verhalten. Das bedeutete im Grunde nie etwas Gutes. Wahrscheinlich hatte ihr Cousin jedoch auch das Sonderbare bemerkt und war daher hinter ihm her.

Sein Ziel immerhin war stets gewesen, mögliche Gefahren frühzeitig zu bannen, so hatte er auch schon viele Jäger aus ihrem Dienst genommen, die zu fanatisch wurden. Ihnen sah man den wachsenden Wahnsinn an, da die Jagd ihr einziger Lebensinhalt war und das unterband er dann strickt. Sie bekamen den Befehl, sich einen Anker im Leben zu suchen, bevor sie eventuell nochmal in den Dienst des Rates eingestellt wurden, nur leider traf dies bisher kein einziges Mal zu. Jeder wurde, früher oder später, zu einem Gesetzlosen und ihr größter Hass richtete sich gegen Tyr, der ihnen ihren Lebensinhalt raubte.

„Ich glaub, er mag sein Blut.“, riss Vico sie aus ihren Überlegungen, die er gelesen haben musste. Jedenfalls sprach sein besorgtes Gesicht Bände. „Er redete ununterbrochen von dem einmaligen Geschmack, wenn er denn mal etwas zu sagen hatte, seitdem.“, erläuterte Vico seine Behauptung. „Er ist nicht mehr der Gleiche. Er ist verstreut und nicht bei der Sache, seine Gedanken beschäftigen sich nur mit dem Kind.“

„Du konntest seine Gedanken lesen?“, platzte es entsetzt aus Dairean. Keiner war jeher in der Lage dazu.

„Lesen, nein, das war aber auch nicht nötig. Sein Geist, wenn er an dieses Kind dachte, war die ganze Zeit offen, jedenfalls die Gedanken an ihn. Seine Überlegungen schwirrten im Raum umher, er hatte nicht einmal bemerkt, wann ich kam und ging. Er war nicht bei sich, oder noch in unserer Welt. Es hat ihn heftig erwischt.“ Vico blickte kurz darauf in ein verzerrtes Dämonengesicht. Das war scheinbar nicht das, was Dairean hören wollte und ihre Wandlung brach beinahe durch.

Sie brachte sich schnell wieder unter Kontrolle. Vico musste ihr nicht ansehen, dass sie diese Behauptung nicht so kalt ließ. Tyr würde sich doch nicht wegen ein bisschen Blut so verrückt machen lassen. Es sei denn, es weckte eine beliebige Erinnerung in ihm, eine die seine Blutgier wecken konnte. Vampire waren nämlich wunderbare Ereignisspeicher. Jedes Blut, was sie einmal geleckt hatten, blieb in ihnen haften und das nicht selten mit den Bildern und Gedanken ihrer Quellen. Allerdings blieb das Blut nicht einmal in der Familie immer dasselbe, so wandelte es sich in jeder Generation um eine kleine Nuance. Es war daher eigentlich komplett ausgeschlossen, dass sein Blutinstinkt geweckt worden war.

Dennoch durfte sie diese Sache keinesfalls unterschätzen, wenn Tyr so extrem mit seinen Gedanken und Handlungen an dem Jungen festhing und es womöglich wirklich am Blut lag, dann war was im Busch. Es war nicht gut, alles andere als gut, wenn sich der Instinkt des alten Dämons meldete und ihn die erwachte Blutgier um den Verstand brachte.

Für sie alle würde dies äußerst gefährlich werden, wer sollte ihn aufhalten, wenn er seine Zügel verlöre. Es gab keinen, der ihm das Wasser reichen konnte. „Mit Ausnahme von...“, murmelte sie zweifelnd. Nicht auszudenken, wenn er einen Dämonenjäger gewittert hatte. ‚Quatsch, das konnte es nicht sein.‘, beruhigte sie sich selbst, mit ein bisschen Angst im Bauch. Sie machte viel zu viel Wirbel um den Spruch mit dem Blut. Es war ganz gewiss was anderes. Schon allein, dass er den Jungen mit aufs Landhaus brachte und sich geradezu liebevoll um diesen gekümmert hatte, erzählte, dass dieser kein Gegner sein konnte.

Liebe schloss sie allerdings großzügig aus, der Vampir hatte noch nie geliebt und sie zweifelte daran, dass seine Art dazu überhaupt fähig wäre. Zudem wäre das grotesk, geradezu lächerlich, wenn sich ein Dämon in einen Menschen verlieben würde. Doch was hatte es mit dessen Blut auf sich und wieder blieb sie in ihren Gedanken bei den Jägern hängen. Nur ihr Blut war in der Lage, einen Vampir zu berauschen. Eine sichere und tödliche Falle, manchmal nicht nur für den Vampir allein. Doch so lockten sie, in vergangenen Zeiten, viele Vampire in ihre Fittiche und hatten dann leichtes Spiel sie zu erlegen. Der letzten ihrer Art, der es so erging, war Firi. Sie hatte sich, aufgrund der geweckten Blutgier, in die falschen Hände begeben und sich mehr als einmal lieben lassen, bevor sie wieder zur Vernunft kam und den Mann mied.

Allerdings war es da bereits zu spät, obwohl sie danach sehr viele Reisen unternahm und sich immer einen anderen Mann zu Willen machte, hatte sie die Rechnung bezahlen müssen für ihren Fehler. Doch Tyr hatte die gesamte Familie vernichtet. Oder etwa doch nicht? Die Statur wäre sehr passend, doch sein Aussehen und die gefühlte Lebensenergie sprachen dagegen. Diese waren selbst ihr unter die Haut gegangen, hatten sie gewärmt und doch verwirrt.

Triumph blitze in ihren Augen auf, ihre Erinnerungen vom Wochenende kamen nun deutlicher zurück. Er hatte nach alten Runen gerochen, so wie einst die Schlüssel der Weisen. Ja genau, das war’s! Ihr erster Eindruck entsprach genau dem Gedanken, die alte Hexenkunst der Dämonen. Hexen und Dämonen waren sich einst ähnlicher, als sie es heutzutage noch waren. Sie waren einmal ein und dieselbe Existenz aus purer Energie. Leuchtend hell, wie die der Sonne und unendlich heiß, wie das Feuer der Finsternis. Und genau danach roch er, wenn auch nur für einen Bruchteil einer Sekunde, als er aufwachte. Aber diesen Geruch schnupperte sie und sie war sich sogleich sicher, aber auch total unsicher und verwirrt, weil es nicht sein konnte.

Sie hatte es verdrängt, weil sie diesen nicht zuordnen konnte, selbst Firis einzigartigen Geruch konnte sie nicht immer wahrnehmen. Doch Tyr müsste sich noch daran erinnern können, wie ein Schlüssel roch, selbst wenn es, auch für ihn, schon Jahrhunderte her war. Aber warum erinnerte sie sich jetzt erst wieder daran?

Richtig. Sie war damals abgelenkt worden, denn er hätte nicht in der Lage sein dürfen aufzuwachen, auch wenn es nicht einmal eine Minute war. Er hatte sie sogar wahrgenommen und mit ihr telepathisch kommuniziert, wenn auch vollkommen unbewusst. Doch er hatte seine Gedanken mit ihr geteilt. Das hatte sie sehr gewaltig abgelenkt und nun wusste sie auch wieder zu greifen, was ihr seit seiner Abreise solch ein Bauchweh machte. Sie hatte was Wichtiges vergessen gehabt.

Damals hatte sie das außergewöhnliche Erlebnis auf ihre empfindlichen Sinne geschoben, die bei Schwangeren normal waren. Sie war überzeugt gewesen, dass sie nur unbewusst seine Gedanken aufgefangen hatte, doch in den letzten Tagen waren ihr vermehrt Zweifel gekommen und darüber wollte sie mit Tyr reden. Allein, weil seine Aura ebenso wenig greifbar war, wie ein Einblick in seine Lebensgeschichte. Nur seine Lebensenergie erstrahlte gewaltig und es war schwer zu widerstehen nicht etwas davon zu kosten.

Nun aber war es sehr dringend mit ihrem Cousin zu sprechen, sollte der Junge tatsächlich ein Schlüssel sein. Ein Schlüssel des Lichtes würde sie abschirmen und nicht anziehen, so wie er es tat. Doch war es denn möglich? Eigentlich nicht. Firi war ihr letzter Schlüssel der Dunkelheit gewesen und den hatten sie verloren. Davon gingen sie bislang jedenfalls aus, immerhin bekam Tyr nicht das Erbe seiner Mutter. Geboren wurde er als Hüter und alle nahmen an, er würde die andere Medaillenseite von Firi darstellen. Obwohl die Geburt eines Hüters für gewöhnlich nur Aussage darüber traf, dass er nicht ihr erstes Kind sein konnte. Allerdings starb sie, bevor sie erneut schwanger werden konnte und so glaubte man, die Gabe des Schlüssels verloren zu haben. Da diese auch nicht, wie angenommen, an ihr einziges Kind Tyr weiterging. Es war ungewöhnlich, denn die Kräfte gingen automatisch auf das Erstgeborene über.

„Woher sollte ein Sterblicher diese Macht erhalten?“, ertönte es hinter ihr und sie zuckte kurz zusammen. Sie hatte Vico völlig vergessen, der gerade begann zu grinsen und ihr sagte, dass er das gemerkt hatte. Sie hingegen wurde etwas zornig, weil er sie einfach las, doch das wusste er im selben Augenblick und hob beschwichtigend seine Hände. Sie hingegen begab sich in den Salon, setzte sich und grübelte lange und tief hin und her.

Es kam ihr aber nichts. Sie stellte jedes ihrer Ergebnisse in Frage und kam doch nur zu dem Schluss, dass die Theorie des Schlüssels ganz passend war. Und dann kam der Geistesblitz! Aber natürlich! Der Junge musste mit dem Schlüssel eine Weile in engerem Kontakt gestanden haben, so dass sich einige Spuren auf ihn übertragen hatten. Nur das konnte die Lösung sein. Deshalb war Tyr nächtelang unterwegs. Er suchte den Schlüssel, er suchte seine zweite Hälfte.

Er suchte die Lösung für sein Problem. Tyr brauchte den Schlüssel, denn nur mit diesem würde er seine Familie fortsetzten können. So war es schon immer gewesen. Dairean war zufrieden mit sich und ihrer Erkenntnis. Es gab Hoffnung für ihre Art, denn ohne Tyr würde die Reinheit erlöschen und es würde zu ihrer aller Ende führen.

Egal wie viele Kinder sie gebar, sie war kein reinerbiger Vampir mehr, auch Vico nicht. Ihre Ur-Ur-Urvorfahren waren natürlich welche, denn sie waren vom gleichen Geschlecht, bis ihr Vorfahre Aroll und Vicos Vorfahrin Difi sich in jeweils einen Ramsey verliebten und so ihr Blut zum ersten Mal mischten. Sie waren der Ursprung der vielen verschiedenen Vampire und Vampies, die es heute gab. In all ihnen lag ein winziger Tropfen des mächtigen und ersten, echten Dämons Die Anell und Schöpfer seiner zwei Söhne Tyrll und Aroll, sowie seinen zwei Töchtern Firi und Difi.

Millionen Jahre brauchte dieser Ur-Dämon, um zu erkennen, dass es nur einen Weg für sein Überleben gab, obgleich er unsterblich war und mit allen Kräften ausgestattet war, die ihn zum machtvollen Wesen erkoren. Er hingegen wollte sein Erbe vermehren, mehrere Wesen haben wie er selbst. Er hatte sich daher mit allem was er fand gepaart und keine seiner Kreationen hatte je einen Bruchteil seiner Macht erhalten. So erschuf er, unter anderem, Blutjäger, Tiergänger, magische Geschöpfe und Zeitwandler. Jedoch lebten diese nicht lang genug und wurden immer schwächer, als das irgendwer davon zu seinem Nachfolger werden konnte, denn keiner erhielt die Gabe des Unvergehbaren.

Dann setzte er seine Kräfte so ein, dass er sich selbst vier Mal teilte. Jeweils zwei Hüter, jeweils zwei Schlüssel. Firi und Aroll waren die Schlüssel und Tyrll und Difi ihre Hüter. So sollten sie gemeinsam Die Anells Erbe sein. Jeweils zwei zusammen vereinten alle Kräfte, die auch er besaß. Seinen Jagdinstinkt, seine Wandelbarkeit, seine magischen Kräfte, seine Formbarkeit der Elemente, zeitliche wie räumliche Gesetze und vieles mehr. Er hoffte somit, dass seine Existenz ewig währen würde.

Während seine Energien langsam in seine vier Inkarnationen seiner selbst flossen, nahmen jedoch nur Firi und Tyrll den Bann ihres Erbes auf sich und vereinigten sich, so wie es ihr Vater – Schöpfer – ihnen auftrug. Ihr geborener Sohn übertraf alle Erwartungen, denn er wurde zu einem ebenso mächtigen Wesen, wie einst ihr Vater. Ihre Linie war und blieb die einzige von uralter und reiner dämonischer Herkunft. Durchgehend mit dem Namen Dieanell, als Zeichen ihrer Existenzgrundlage.

Dairean beruhigte sich und beobachtete freudig strahlend das Land, welches allmählich in goldenen Glanz der aufgehenden Sonne gehüllt wurde. Sie war überzeugt, dass das letzte royale Beast endlich fortwähren würde. Vielleicht konnten sie so an die alten, ruhmreichen Epochen ihrer-eins anknüpfen. Die großen und mächtigen Dieanells in neuem Glanz und sie als Ramseys gleich dazu. Endlich würde ihre Geschichte zu neuem Leben erblühen.

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