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Wie ein roher Diamant

Tigerauge

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Tigerauge

Die weißen Flocken fielen noch immer. Eine dichte Wand aus dickem Puderzucker, von Abermillionen winzigen Kristallen, von denen kein einziger dem anderen glich, bedeckten die Erde und verschluckte sie unter einer weißen Decke.

Der Schnee hatte lange auf sich warten lassen, selbst Heiligabend waren die Wiesen noch grün gewesen. Doch wie als ein kleines Geschenk, hatte es heute morgen gegen fünf Uhr angefangen zu schneien. Heute war sein 45ter Geburtstag und vielleicht hatte Gott doch Erbarmen gezeigt, einem Sterbenden nicht den letzten Wunsch zu verwehren.

Er hatte Schnee geliebt. Immer, wenn es begonnen hatte zu schneien, hatten seine Augen wie die eines kleinen Kindes voller Freude aufgeleuchtet.

Ich starrte durch das leicht beschlagene Fenster und trocknete mir die Hände ab. Mit aufwaschen, rumräumen und sauber machen, versuchte ich abzuschalten, wenigstens für einen Moment den Kopf frei zu bekommen, einmal nicht an meinen Freund zu denken, der nur ein Zimmer weiter, seit einem Jahr einen aussichtslosen Kampf führte.

Ich riss meinen Blick von der mittlerweile komplett weißen Landschaft los. Sie stimmte mich melancholisch, und doch nahm sie mich gleichzeitig gefangen, mit ihrer andächtigen still vergänglichen Schönheit. Vergänglich... wie ein Leben. Ich seufzte leise.

Ein kurzer Blick zur Uhr sagte mir, das in einer Stunde der erste Besuch kommen würde.

Leise öffnete ich die Tür und zog die Gardine zur Seite, klemmte sie fest, so dass er einen Blick hinaus werfen konnte.

"Sieh nur Schatz, es liegt Schnee..." ich nahm an seinem Bett Platz und griff nach der schlaffen Hand.

Die Geräusche, die das Beatmungsgerät und das EKG von sich gaben, beachtete ich schon gar nicht mehr. Anfangs wollte ich nur flüchten, klangen das Piepen und Schnaufen wie Donnerhall in meinen Ohren wider. Doch jetzt, jetzt nahm ich sie kaum mehr wahr. Nur wenn sich etwas im Takt dieser bedrückenden Symphonie änderte, bemerkte ich die Geräte.

Reaktionen kamen schon lange nicht mehr von ihm. Manchmal, in ganz seltenen Augenblicken, wachte er auf und war vollkommen klar. Und von einem Moment auf den anderen, unberechenbar und sadistisch, war er wieder weg, überzog ein glasiger Schleier seine Augen, die teilnahmslos ins Leere starrten, und mir dabei jedes Mal aufs neue das Herz brach.

Ich ließ meinen Blick über sein Gesicht gleiten. Seine Wangen waren eingefallen und seine Augen in ihre Höhlen zurückgesunken. Dunkle Schatten umrahmten sie, zeigten von dem verzehrenden Kampf den er focht, stellten einen fast furchterregenden Kontrast zu der porzellanartigen Farbe seiner Haut und den blassen Lippen dar.

Seine einstmals wunderschön zart geschwungenen Augenbrauen waren ihm als erstes ausgefallen. Damals, noch bevor er mit der Chemotherapie begonnen hatte, bat er mich, ihm die Haare abzurasieren. Es war ein ungewohnter Anblick gewesen, aber irgendwie hatte es ihm ein verwegenes Aussehen gegeben.

Sanft strich ich über das schwarze Kopftuch das er seitdem trug. Seine Haare waren nie wieder gewachsen. Selbst nachdem er die Therapie abgebrochen hatte. Die restlichen Medikamente nahmen seinen Körper so in Anspruch, das seine Körperbehaarung zu unwichtig war, als das sein Organismus die wertvollen Mineralien und Vitaminen in deren Wachstum gesteckt hätte.

"Für mich bleibst du immer schön." Hatte ich ihm gesagt, als ich das Schergerät ausgeschalten und seinen Blick im Spiegel gesucht hatte. Er hatte nur gelächelt und die Augen niedergeschlagen, langsam genickt. Damals hatte ich ihm einen Kuss in den Nacken gegeben und ihn allein gelassen. Ich konnte ihm beistehen, meine Kraft und Unterstützung geben, aber dennoch war die Diagnose ‚Lungenkrebs' etwas gewesen, womit er durchaus selbst klarkommen musste.

Mit dem Fingerrücken strich ihm sanft über die Halsbeuge, eine seiner empfindlichsten Stellen. Ich hatte es früher genossen, ihn damit zu necken und zu wissen das er damit Wachs in meinen Händen wurde.

Ich hob seine Hand an meine Lippen, küsste die dünne, fast durchscheinende Haut zärtlich. Sie war noch warm, noch steckte Leben in ihr. Auch wenn man förmlich zusehen konnte, wie die Energie langsam aus seinem Körper wich.

Manchmal im Traum, sah ich sie vor mir, diese kleinen Biester die ihm nach und nach in kleinen Dosen, dennoch stetig das Leben aussaugten und sich daran labten.

Die Menschen hatten Maschinen erfunden, Waffen mit Zerstörungskraft weit jenseits jeglicher Vorstellungskraft. Doch gegen diese Feinde, nicht einmal mit bloßem Auge zu erkennen, waren wir machtlos.

Erschrocken zuckte ich zusammen, als es klingelte. Sanft legte ich seine Hand zurück.

"Dein Besuch ist da!" informierte ich ihn und ging, um zu öffnen.

Besorgte Gesichter musterten mich, die vorher lächelnd mich betrachtet hatten.

"Ist was passiert?" fragte Vincent besorgt, der von Steffen auf den Armen getragen wurde, da unsere Wohnung alles andere als behindertenfreundlich war.

"Warum?" fragte ich erstaunt.

"Du... weinst." bemerkte Steffen leise und setzte Vincent auf der Couch ab.

Verwundert strich ich mir über die Augen. Wann hatte ich angefangen zu weinen? Und wann war das letzte Mal gewesen als ich es mir erlaubt hatte Tränen zu vergießen?

Ich wischte die letzten Tränenspuren weg und schüttelte leicht lächelnd den Kopf, als ich meine feuchten Fingerspitzen betrachtete.

"Ist nichts.." erwiderte ich "Tee?" und war schon halb in der Küche, während die beiden sich auszogen, Steffen die Jacken weghängte und sich dann neben Vincent niederließ.

"Wie geht's ihm?" fragte er mich, als ich aus der Küche wiederkam, mit drei Tassen und der großen Box, die immer einer seiner Schätze gewesen war. Er hatte es geliebt Tee zu sammeln. Nachdem er nicht mehr selbst dazu in der Lage gewesen war, hatte ich diese Aufgabe übernommen. Sie gab mir das irrationale Gefühl ihm einen Gefallen zu tun. Etwas für ihn tun zu können, wenn ich ihm schon nicht seine Gesundheit wiedergeben konnte.

"In den letzten Tagen schläft er nur noch. Die Ärzte haben seine Dosis erhöht." Ich schwieg einen Moment, starrte in die leere Tasse hinein, die ich unruhig zwischen meinen Händen drehte.

"Sie geben ihm noch wenige Tage. Vielleicht erlebt er nicht einmal mehr den Jahreswechsel." Mein Mund zuckte sarkastisch und ich zwang mich tief durchzuatmen, um nicht laut hysterisch aufzulachen.

Vincent legte mir seine schlanke Hand auf den Unterarm. Ich betrachtete die fast feminine, aristokratisch wirkende Hand und nickte langsam, zwang mich zu einem Lächeln.

"Weißt du noch? Damals? Eure erste Begegnung?"

Vincent lächelte, und auch ich begann zu lächeln, diesmal echt und in Erinnerungen versunken...

+++

Trotz der kräftigen Augustsonne stand ich leicht zitternd vor dem riesigen Hochhaus. Mein Blick glitt nervös von dem Zettel in meiner Hand zur Klingeltafel. Immer wieder, um mich zu vergewissern, das ich auch richtig war.

Der Zettel hatte stark unter meiner Anspannung gelitten. Obwohl ich nur zwei Stunden von meinem alten zu meinem neuen zu Hause unterwegs gewesen war, hatte der Zettel einen fast antik-archäologischen Anblick gewonnen.

Der Schweiß lief mir an den Schläfen hinab und ich schauderte als ein Tropfen zwischen meinen Schulterblättern hindurch und mein Rückgrat hinab lief, um vom Bund meiner Unterhose aufgesaugt zu werden. Die mir, nun mehr bewusst, unangenehm am Körper klebte.

Ich bezweifelte nicht, das diese starke Transpiration nur auf die 30° im Schatten zurückzuführen war, sondern eher auf meine leicht panikartigen Schübe von Fluchtgedanken.

Ich seufzte auf. Was zur Hölle hatte Tom sich dabei eigentlich gedacht?

Allein die Bäume in diesem Wohnviertel zeigten mir, das die Monatsmiete eines Zimmers, ohne Inventar, schon das Bafög für ein halbes Jahr verschlang. Hier sollte so ein armes Landei wie ich eine Wohnung finden? Die Adresse konnte nur falsch sein.

Seit einiger Zeit stand ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, mit erhobenem Zeigefinger, der zielgerichtet über dem Klingelknopf |Leonhardt| schwebte, auf meinen Zettel starrend, für Mitmenschen unverständliches vor mir herbrabbelnd auf der Eingangstreppe. Ich wirkte mit ziemlicher Sicherheit ziemlich deplaziert, mit meinem dunkelgrünem Schlabbershirt, der anderen mitteilte, das zu mir leise Stimmen sprachen, meiner zerschlissenen Jeans und dem überdimensionalen Campingrucksack, der wichtigstes Hab und Gut meinerseits enthielt, das es galt vor elterlicher Neugier zu schützen.

Und dann passierte es: Ich klingelte.

Besser gesagt, mein Finger war dazu genötigt worden, indem er von einem braungebrannten, fast doppelt so breitem fremden Zeigefinger einfach auf den Klingelknopf gepresst wurde.

Erst starrte ich mit offenem Mund fassungslos auf die Klingeltafel, dann fuhr ich erschrocken herum um als nächstes, bis unter die Haarspitzen, knallrot anzulaufen und stumm zu stottern. Ich war Meister darin.

Ein grandioser, erster Auftritt für das typische Landei, das im Großstadtdschungel das Klischee weiter aufrecht erhielt.

"War gar nicht so schwer, oder?"

Mir stellten sich die Nackenhärchen. Diese tiefe, leicht rauchige Stimme. Ein angenehmer Schauer kroch mir über den Rücken und erinnerte mich ein weiteres Mal an meine unangenehm feuchte Unterwäsche. Mittlerweile klebte mir auch noch das Tshirt am Rücken, so dass ich für neue Kleidung und eine Dusche sogar meine Seele verkauft hätte.

Mein Gegenüber lächelte mich freundlich an, allerdings mit einem verstecktem Grinsen. Er war nur ein paar Jahre älter als ich selbst und erst nach einem Moment fand ich meine Sprache wieder, innerlich darauf vorbereitet nur ein Piepsen hervorzubringen.

"Das weiß ich auch!" es klang erstaunlich patziger als ich selber wollte. Der andere schraubte eine Braue hoch und das erste was ich feststellte war, was für faszinierend grüne Augen er hatte.

Schnell verdrängte ich diesen Gedanken, fast genauso schnell wie er sich in meinen Kopf geschlichen hatte. Er ließ nur Unsicherheit und eine ganze Menge Hohlkörper zurück.

"Tut mir leid!" murmelte ich geknickt. "Ich bin etwas... verwirrt." Irritiert stellte ich fest, wie erstaunlich genau dieses Wort zu meinem Zustand passte. Er beschrieb ihn sogar ziemlich genau.

"Wieso das denn?" fragte der Andere, als auch schon eine Stimme an der Gegensprechanlage zu hören war.

"Ja?"

"Steffen... mit Anhang."

Es dauerte eine Weile bis der Türöffner betätig wurde, wahrscheinlich war der andere genauso verblüfft wie ich. Steffen drückte die Tür auf und sah mich an.

"Zu dem wolltest du doch, oder nicht?" fragte er nach.

"Ich denke..." meinte ich schnell und lächelte schief.

Verstohlen musterte ich Steffen von hinten. Mein Blick wanderte von dem kurzgeschorenen Hinterkopf über die breiten Schultern zu der verhältnismäßig schmalen Taille und blieb an dem durchaus reizvollen Hintern hängen, der sich mir in einer engen verwaschenen Levis Jeans präsentierte.

Ich spürte das meine Ohren glühten, wie Osrambirnen. Sicher, hätte ich im Dunkeln die perfekte Warnleuchte abgegeben.

Das was ich sah gefiel mir mehr, als mir, und sicherlich dem anderen ebenfalls, lieb war.

Ein leises Seufzen schlich über meine Lippen und in meinen Gedanken verstrickt, prallte ich fast auf Steffen, der unbemerkt vor mir stehen geblieben war. Wenige Zentimeter hinter ihm hatte ich noch abbremsen können, so dass mir wenigstens eine weitere peinliche Situation erspart geblieben war.

Wehmütig seufzend stand ich nun in dem Lift, den Steffen durch einen Knopfdruck betätigt hatte und betrachtete die Schalttafel, die mich in die 25zigste Etage bringen sollte. Gott sei dank, litt ich nicht unter Höhenangst. Sonst wäre ich wohl wie eine Maus, die in einem Eimer gefangen war und unter dem belustigtem Blick einer Katze, die sich schon den Magen rieb, panisch Runden gerannt, um dann einfach an einem Herzstillstand zu sterben.

"Du klingst wie das Leiden Christi." bemerkte Steffen amüsiert und musterte mich ganz unverhohlen. Prompt errötete ich wieder und seufzte nun fast frustriert.

"Ich bin nur so durcheinander und unsicher..." murmelte ich mit gen Boden gerichtetem Blick.

"Aha..."

"Na ja, ist quasi mein erster Schritt ins Erwachsen sein."

"Hast vorher zu Hause gewohnt, hm?"

"Ja, und das in einem 20.000 Seelennest. Kein Vergleich zu dem da." Anklagend deutete ich durch die Glasummantelung des Fahrstuhls auf Berlin, das sich vor oder besser unter uns erstreckte.

Steffen nickte verstehend. "Und du ziehst jetzt also bei Vincent ein." stellte er eher fest, als das er fragte.

Ich sah ihn ratlos an. "Öhm...ich denke." Wieder dieser hochintelligente Satz. Ich kramte erneut den Zettel hervor und las den Namen, bildete ihn sogar noch stumm mit den Lippen nach, um ganz sicher zu gehen.

"Zumindest steht das hier." ich musterte Steffen nun offen. "Bist du ein Freund von ihm oder wohnst du auch mit in dieser WG?"

"Gelegentlich.." schmunzelte Steffen und ließ eigentlich offen, was er damit nun genau meinte. Ich sah ihn ratlos an und wollte gerade nachfragen, als der Fahrstuhl hielt und Steffen zielgerichtet eine Tür anstrebte.

Ich beeilte mich ihm zu folgen, blieb aber mit einer herunterhängenden metallenen Schnalle meines Rucksacks, am Rahmen des Liftes hängen. Das schabende Geräusch, wie von Fingernägeln die über eine Schiefertafel gezogen wurden, hallte in dem langen Gang wider, als ich versuchte mit einem stärkeren Ruck mich zu befreien, bevor die Fahrstuhltüren mich zerquetschten.

Wie eine überreife Tomate sah ich mich um, doch Steffen schien es nicht mitbekommen zu haben. Was mich einerseits erleichterte andererseits in tiefe Verzweiflung stürzte, da ich keine Ahnung hatte, wohin er verschwunden war. Unsicher verharrte ich etwas auf dem Flur, als eine angenehme, aber neugierig klingende Männerstimme, gedämpft zu mir durchdrang.

"Wo ist denn der Anhang?" Steffen musste wohl auf die Tür gezeigt haben, denn die wurde jetzt ganz geöffnet und ich wurde mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen gemustert.

Ich hingegen starrte meinen Gegenüber an und spürte das mir sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. Ich wartete nur auf den dumpfen Aufschlag, wenn es mir die Füße wegzog. Der allerdings ausblieb, da mein erbärmlicher Zustand, wiederrum Vincent veranlasste, denn um den musste es sich zwangsläufig handeln, mich nun besorgt zu mustern und am Handgelenk ziehend, in die Wohnung zu befördern.

"Meine Güte, Schätzchen, du siehst aus wie ein Schwindsüchtiger." Und drückte mich auf die Couch.

Wie mechanisch wandte ich den Kopf, um ihn anzusehen.

Vincent war eine Frau!

Eine Frau die einen Männernamen trug...Nein, es war viel schlimmer. Es war eine Tunte!

...dafür allerdings eine wahnsinnig gut aussehende, wie ich vor mir selbst zugeben musste.

Braun gebrannte, schier endlos lange Beine erstreckten sich unter dem schwarzen Mini. Hier würde wohl jede Frau neidisch werden. Ein bauchfreies Top zeigte ein wenig von dem flachem muskulösen Bauch, betonte dabei die schmale flache Brust. An den schlanken Fingern befanden sich eine Menge Ringe. Sogar lackierte Nägel hatte er!

Ein recht feminines Gesicht mit leicht maskulin angehauchten Zügen war dezent aber passend geschminkt. Das lange schwarze Haar mit den einzelnen blutroten Strähnen fiel leicht über seine rechte Schulter.

Keine Frage, Vincent war ein hübscher...Mensch.

Ich schluckte. Das sollte mein neuer Mitbewohner sein, mein Vermieter?

DAS musste ich erst einmal verdauen. Ich massierte meine Nasewurzel und schloss kurz die Augen.

"Alles okay, Kleiner?" fragte Vincent besorgt, dem mein momentane Zustand, man konnte es fast eine Art Schock nennen, ein bisschen Angst machte.

Steffen schlang seine Arme um Vincents Taille und sah über dessen Schulter schmunzelnd auf mich hinab. Hauptsache er hatte seinen Spaß.

"Ich glaube er steht unter Schock." meinte Vincent mit einer Mischung aus Besorgnis und Überraschung, zog leicht eine Augenbraue nach oben.

"Ich..." begann ich, nachdem ich tief durchgeatmet hatte und beide ansah. Also waren die beiden ein Paar.

"Ich bin nur etwas verwirrt, das ist alles. Wahrscheinlich hat mein Bruder sich geirrt."

"Tom?" fragte Vincent nach. "Eigentlich nicht, er hat bei mir angerufen, weil er wusste, das einer meiner Mitbewohner ausgezogen ist."

"Ja, aber...hm...ich meine, er hat sich geirrt was mich angeht." murmelte ich kleinlaut, sah zu Boden auf meine Socken, und bemerkte stirnrunzelnd das ich das Loch am großen Zeh noch nicht bemerkt hatte.

"Oh..." Vincent nickte verstehend und löste sich von Steffen um in die Küche zu gehen, die nach amerikanischen Stil, nur durch eine Theke mit drei stilvollen Hockern, vom Wohnzimmer getrennt war. Er stellte mir erst einmal ein Glas Wasser auf den Tisch.

"Eigentlich hatte Tom mir versichert, das du damit keinerlei Probleme hast." fuhr er fort. Ich spürte seinen forschenden Blick auf mir, und wand mich gedanklich wie ein Aal darunter.

Um irgendetwas zu tun ergriff ich das Glas mit leicht zitternder Händen, nahm einen großen Schluck; dabei dankte ich Gott, das der Inhalt wirklich meinen Mund fand und sich nicht noch über mich ergoss, nickte dankend und leckte mir nervös über die trockenen Lippen.

"Ich habe `damit` kein Problem." betonte ich und sah Vincent an, nachdem mein Blick ruhelos durch die Wohnung gewandert war.

"Nur hat Tom wahrscheinlich falsche Schlüsse auf meine eigene Person gezogen, das meine ich." ich atmete erneut tief durch.

"Heißt das du willst nun hier einziehen?" fragte Vincent nach, der irgendwie nicht recht schlau aus meinen Aussagen wurde, und genauso aussah.

Ich nickte schwerfällig.

"Mir bleibt wohl nichts anderes übrig. Ich werde heute wohl kaum noch etwas finden, was meiner Preisklasse entspricht."

Vincent begann zu lächeln.

"Das war zwar nicht unbedingt ein Kompliment, aber ich freue mich trotzdem, das du hier bleiben willst." Er griff sich mühelos meinen Campingrucksack. "Komm, ich zeig dir dein Zimmer." und ging voraus. Einen Moment zögerte ich, aber die Aussicht auf eine Dusche und ein Bett war verlockend genug, und mir blieb schließlich nichts anderes übrig. So erhob ich mich etwas schwerfällig und folgte dem Minirock. Ich kam da immer noch nicht drüber weg.

Steffen dagegen hatte sich in den schwarzen Ledersessel fallen lassen und schmunzelte noch immer. Sein Blick verriet, das er mich mit einem verschrecktem Kaninchen verglich. Und ich schenkte ihm dafür eine mürrischen, das ihn nur noch mehr anstachelte zu grinsen.

"So, das ist dein Zimmer. Du kannst es dir gern so einrichten wie du willst, nur wenn du wieder ausziehen solltest, versetz es bitte in den Urzustand zurück." Vincent legte den Rucksack auf dem Futonbett ab, das an der Wand stand.

Ich sah mich um. Eigentlich unterschied das Zimmer nicht sehr viel von meinem eigenen im Haus meiner Eltern. Es war genauso unpersönlich.

"Danke..." murmelte ich.

"Den Rest klären wir später, hm!?" legte Vincent nach einem Blick auf den mich und meine Verfassung fest.

Nachdem Vincent die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ ich mich auf mein Bett plumpsen. Ich starrte die Decke an und mir schossen tausend Gedanken durch den Kopf, die meisten betrafen Verwünschungen gegen meinen Bruder.

Was dachte er sich eigentlich dabei, mich in einer schwulen WG einzumieten? Das war meine eigene Sache, da hatte sich Tom nicht einzumischen, auch wenn er meinte als großer Bruder diese Aufgabe übernehmen zu müßen, war das immer noch MEINE eigene Sache.

Ich schnaubte verärgert und setzte mich auf, zog den schweren Rucksack zu mir und kramte alles was man für einen Ganzkörperwaschung benötigte hervor. Eine Dusche war wirklich keine schlechte Idee, und danach würde ich Tom anrufen um ihn den Kopf zu waschen. Nein, eher um ihn ihm abzureißen!

Ich stand auf, mit Handtuch und allerlei Hygieneartikeln bewaffnet. Meine Hand befand sich schon am Türgriff, als ich die Stirn in Falten zog.

Ja gut, Duschen war eine gute Idee, nur: Wo war jetzt das Bad?

Seufzend betrat ich das Wohnzimmer erneut, musste ich eben Vincent fragen. Allerdings fand ich dort niemanden mehr vor. In der Wohnung war es still nur aus der Richtung wo die Küche war, drang das leise Hämmern dumpfen Basses zu mir hinüber. Ich lief ein paar Schritte in die Richtung und bemerkte eine Tür. Ob ich die beiden stören sollte? Lieber nicht, bei meinem Glück würde ich sie wohl in einer eher unpassenden Situation antreffen.

Meine Gedanken formten sich augenblicklich in Bilder um und mir schoss erneut das Blut in den Kopf. Also blieb mir nur die Möglichkeit zu suchen. So groß war die Wohnung ja nun auch nicht. Verlaufen konnte ich mich mit Sicherheit nicht. Nur in ein paar weitere peinliche Situationen geraten.

Mein Kopf kreiselte umher. Rein theoretisch blieben nur zwei Türen. Eine für ein weiteres Zimmer und somit einen weiteren Mitbewohner, und eben eine für das Bad.

Nach ein paar weiteren, eher vorsichtigen Schritte; ich kam mir vor, als würde ich über einen Minenfeld laufen; entdeckte ich besagte Türen. Leise stöhnend legte ihr mir die Hand über die Augen. Es waren natürlich drei!

Himmel, wie groß war diese Wohnung denn?

Meine Chancen standen eins zu drei. Eigentlich gar nicht so schlecht, wenn man nicht so vom Pech verfolgt war, wie ich. Schließlich ließ ich keine Gelegenheit aus, um mich bis auf die Knochen zu blamieren.

Schließlich wählte ich die goldene Mitte. Entschlossen schritt ich darauf zu, legte die Hand auf die Klinke und stieß die Tür...ganz langsam auf, mit zugekniffenen Augen. Vorsichtig öffnete ich ein Auge einen Spalt und atmete hörbar aus. Fliesen. Schwarze Fliesen.

Ich öffnete die Tür weiter.

"Wow.." war das einzige was mir in diesem Moment an Intelligenz und Erstaunen über die Lippen kam.

Eine dreieckige Wanne, mitten im Raum. Sogar mit Treppe. Ein Dusche in der man bequem zu dritt darunter stehend konnte, und immer noch einen Sicherheitsabstand von 30 cm wahren konnte.

Ich quietschte auf vor Begeisterung. Ich schloß die Tür hinter mir und begann mich auszuziehen. Die verschwitzten Klamotten warf ich auf einen Haufen und suchte mir Shampoo und Duschgel aus meiner Tasche. Als ich mich erhob um die Duschkabine zu öffnen, hörte ich hinter mir hektisch rennende Schritte, das aufreißen der Badtür, sah einen Schatten neben mir vorbeiflitzen, der sich geräuschvoll dann direkt vor mir in die Toilette übergab.

Es musste ein herrliches Bild abgegeben haben. Ich mit heruntergeklapptem Kiefer, nackt und die Drogerieartikel schutzsuchend an meine Brust gedrückt.

"Äh..." konnte ich mich zu einem Konversationsversuch durchringen.

Nach einem weiteren erliegen gegen den Brechreiz, hob sich mir ein bleiches Gesicht entgegen, mit geröteten Augen und einem recht genervten, aber irgendwie verschleiertem Blick.

Ich erreichte eine weitere Stufe des Errötens: Puterrot.

"Sorry..." nuschelte ich und beugte mich nach etwas Toilettenpapier, hielt dabei das Duschgel und Shampoo weiter wie manisch fest an meine Brust gedrückt. Während ich dem armen Kerl etwas Papier reichte, bemerkte ich, das ich gerade im Adamskostüm vor ihm stand.

Laut polternd schlugen beide Waschutensilien auf dem Boden auf, als ich hektisch nach meinem Handtuch griff und es in mehrmaligen erfolglosen Versuchen um meine Hüfte wickelte, bis ich es schließlich aufgab und es einfach nur vor meine Blöße hielt. Ich hätte ohne weiteres eine Verkehrsampel ersetzen können. Das leuchten meines Kopfes musste noch in Hongkong zu sehen sein. Eigentlich rechnete ich damit, jeden Moment auf dem Boden aufzuschlagen, da meine Beine jeglicher Blutzufuhr enteignet waren. Zumindest fühlte ich mich so.

Dafür bekam ich ein Augen rollen gepaart mit einem aufseufzen, etwas unverständliches gebrummtes, das betätigen der Klospülung und das erheben der Gestalt, die sich nun schlurfenden Schrittes wieder aus dem Bad entfernte...dabei natürlich die Tür offen ließ.

Ich stand einige Momente geschockt an meinem Platz, bis Bewegung in mich kam und ich die Tür nun abschloss. Ich rutschte an der Tür gen Boden, jappste leise auf, als meine blanken Backen die kühlen Fliesen berührten. Ich seufzte auf und spielte mit dem Gedanken, meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen. Wo war ich hier nur hingeraten?

+++

"Immerhin hat es bleibenden Eindruck hinterlassen." Lachte ich leise und sah in meine Tasse. Mein Lachen verstummte und mein Blick glitt tiefer, als bis auf den Grund der Tasse. Der feine Vanilleduft, der mir in die Nase stieg, machte mich schläfrig und ich schloß für einen Moment die Augen.

Seit wir von seiner Krankheit erfahren hatten, konnte ich keine Nacht mehr durchschlafen. Doch seit einem Jahr, brauchte ich Schlaftabletten um überhaupt irgendwie zur Ruhe zu kommen.

Mein Körper sagte mir, das er Ruhe brauchte, doch mein Kopf hatte strickt etwas dagegen. Nicht nur die Angst, das, wenn ich schlief er mich brauchte oder gar sterben würde, hielt mich wach, sondern auch Schuldgefühle. Die Schuld an seinem Tod lastete schwer auf meinen Schultern,...und nicht nur da.

Ich legte mir die Hand über die Augen. Lange hatte ich diese Tatsache vor mir verschlossen, nicht darüber nachgedacht. Aber sie war präsent, immer und überall. Unter aller Aufehrbietung meiner Kräfte vertrieb ich diese dunklen Gedanken. Im Moment konnte ich darüber noch nicht nachdenken. Nicht solange er mich noch brauchte. Denn ich wusste, sobald ich mich diesen Gedanken öffnen würde, würde ich zusammenbrechen.

Ich atmete hörbar ein und das Telefonklingeln riss mich aus meiner trüben Gedankenwelt.

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