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Runaway

Teil 3

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Teil 3

Es ist stockdunkel, mein Puls rast und ich kann vor Seitenstichen kaum noch gehen. Meine Wange brennt wie Feuer. Flip hat mich geschlagen. Flip ist ein Stricher und hat mich geschlagen. Japsend lehne ich mich an eine Hauswand und übergebe mich.

„Junge, ist alles in Ordnung mit dir?“ Ein sehr besorgt aussehender Mann fasst sanft an meine Schulter. „Brauchst du Hilfe?“

„Hau ab, du Schwein!“, schreie ich. Eine Sekunde später tut es mir Leid, weil der Mann ziemlich verstört und kopfschüttelnd an mir vorbei geht. Ich hab nicht die Kraft, mich zu entschuldigen. Ich weiß verdammt noch mal überhaupt nicht, was eigentlich los ist. Nur, dass ich sterben muss, ohne Flip. Kaum hat der Schmerz in meiner Wange nachgelassen, vermisse ich ihn so sehr, dass mein Herz zerspringt. Ich verstehe seine Lüge, aber ich begreife nicht, warum er seinen Körper verkauft? Sein Körper gehört doch jetzt mir. So, wie ihm meiner gehört. Gibt es denn wirklich keine andere Möglichkeit, um an Geld zu kommen? Wie lange macht er das schon? Und wie konnte er die ganze Zeit dieses, ja, fast schon Doppelleben führen? Ich will sofort zu dem miesen Taschenklauer gehen und ihn totschlagen, wenn ich bedenke, was Flip alles über sich ergehen lassen musste. Dann will ich mich selber totschlagen, weil Flip das FÜR MICH getan hat. Damit ich meine Schokolade kriege und mein verdammtes Obst. Für saubere Klamotten und McDonald’s-Fraß. Er musste fremden Kerlen einen blasen, um nicht zu verhungern. Wie abartig kann diese Welt denn noch sein? Ich fühle mich ohnmächtig wütend und traurig. Mein süßer Flip. Mein Engel. Scheiße, er hat mir eine Ohrfeige verpasst. Das ist irgendwie nicht zu entschuldigen, so sehr ich es auch drehe und wende.

Mühsam schleppe ich mich zum Bahnhof und knalle mich auf eine Bank. Schlafen kann ich logischerweise nicht, aber wenigstens ein kleines bisschen ausruhen.

Am nächsten Morgen bin ich wie gerädert. Mein Nacken tut höllisch weh und kalt ist mir auch. Dennoch kreisen meine Gedanken nur um Flip, die Kerle und die Ohrfeige. Vielleicht wäre mir auch die Hand ausgerutscht? Immerhin hab ich ihn beschimpft, ja? Nein, geschlagen werden ist nicht gut, egal, ob’s einen Grund gab oder nicht.

Super, ich hänge schon wieder am Bahnhof rum und weiß nicht weiter. Aber wenigstens hab ich meine Tasche. Mal sehen, Ausweis, Geldbörse, Handy, Schlüssel, Unterhosen...alles noch da. Alles, außer meinem Geld. Das hat das blöde Arschgesicht geklaut. So eine alte Drecksau. Einen armen fünfzehnjährigen Jungen zu bestehlen. Ohne viel nachzudenken nehme ich das Handy und drücke die Nummer meiner Eltern. Hauptsache, der Akku macht nicht schlapp.

„Von Kleist.“, meldet sich eine müde, nervöse Stimme.

Meine Mama. Oh Gott, die hört sich echt kaputt an. Wahrscheinlich denkt sie, ich sei die Polizei und sie müsse meine Leiche identifizieren. Ich hab ja so ein schlechtes Gewissen, weil ich ihr das angetan habe. Diese ganzen Wochen voller Ungewissheit.

„Ich bin’s...Alexander.“, sage ich leise.

Ich höre einen erstickten Schrei, dann weinen. „Alexander...mein Junge, wo bist du, wie geht’s dir? Wir dachten...wir haben...oh Gott!“

„Es geht mir gut. Macht euch keine Sorgen.“

„Alexander, wo bist du? Komm nach Hause, bitte. Papa schläft kaum noch eine Nacht durch. Steckst du in Schwierigkeiten? Wir kriegen das alles wieder hin. Sag mir doch, wo du bist... wir...wir holen dich ab. Sofort.“

„Ich kann nicht...es tut mir Leid.“ Ich weine jetzt auch und drücke sie schnell weg. Es ist eigenartig, aber ich vermisse meine Eltern. Strenge hin oder her. Wieso zum Teufel gehe ich nicht einfach nach Hause? Erstmal gehe ich auf´s Klo und ziehe mir frische Klamotten an. Ich mag Flips nicht mehr an mir haben. Danach treibe ich mich in der Stadt rum, bekomme Hunger und kann mir mal wieder nix kaufen. Kenne ich alles schon. Und immer muss ich an Flip denken. Und meine Wut auf die Kerle, die ihn missbraucht haben, steigt ins Unermessliche! Diese verklemmten, perversen Scheißer, die seine Situation ausgenutzt haben, um ihre widerlichen Gelüste auszuleben. Wenn ich eine Knarre hätte, würde ich die alle erschießen. Aber vielleicht kann ich mich anders an ihnen rächen.

Es ist später Nachmittag, als ich zum Bahnhof zurückkehre und mich in Nähe der Schließfächer stelle. Ein paar Stricher sind da und glotzen mich feindselig an. Mir doch egal. Lange brauche ich nicht warten, bis mich ein nervöser Kerl mit Halbglatze anspricht.

„Bist du frei?“ Er schwitzt leicht und seine Lippen zucken.

„Schon möglich. Warum?“

„Und...was machst du?“

„Was willst du denn?“

„Holst du mir einen runter?“ Seine Zunge leckt sich sabbernd über die Unterlippe.

Ich bin echt angeekelt, versuche allerdings, gelassen zu bleiben. „Ist das alles?“

Er kommt etwas näher, ich kann sein billiges Rasierwasser riechen und seinen schlechten Atem. „Oder...“, er dreht sich kurz nach allen Seiten um, „...oder tust du’s mit dem Mund?“

Er hechelt seine Frage dermaßen und griffelt dabei an mir rum, dass ich fast glaube, es ist gar nicht mehr nötig, irgendwas mit ihm zu machen.

„Blasen kostet fünfzig.“, erkläre ich und hab keine Ahnung, ob das ein realistischer Preis ist.

„Und ich will das Geld vorher.“

„Ja“, nickt er eifrig. „Gehen...“, wieder dieser gehetzte Blick, „...gehen wir auf die Toilette... jetzt gleich.“

Scheiße, der hat’s doch noch ziemlich nötig. Mein Mut hat mich ein bisschen verlassen. Hab’s mir leichter vorgestellt. Okay, Alex, denk nach. Wenn er dir das Geld gibt, versetzt du ihm einen Tritt oder Schlag oder was auch immer und haust mit seiner ganzen Kohle ab. Der Plan, den ich eben noch so toll fand, kommt mir jetzt ziemlich kacke vor. Ich neige eben nicht zur Gewalttätigkeit. Denk an Flip und was der Kerl hier ihm vielleicht schon angetan hat, dann klappt’s sicher!

„Okay, gehen wir.“

Kaum haben wir uns in Bewegung gesetzt, schreit jemand hinter uns „Halt!“ Erschrocken drehen wir uns um, obwohl ich schon längst weiß, wer da ist.

„Ihr geht nirgendwo hin und du, nimm deine verdammten Finger von meinem Freund.“

„Aber...aber wir haben...er war einverstanden.“, brabbelt die Halbglatze und schwitzt widerlich vor sich hin.

Flip verschränkt cool die Arme vor der Brust. „So? Na da bin ich aber gespannt.“

Au mann, ich bin froh, dass Flip da ist. Allerdings auch wütend und es ist mir peinlich.

Er schubst den Mann beiseite. „Komm, verpiss dich, du Arsch, bevor ich mich vergesse. Steck deinen Schwanz in eine Gummipuppe, wenn du Druck hast.“

Ich weiß, es ist total unangebracht in so einer Situation aber...mein Magen kribbelt und ich muss grinsen, wie ein verliebter Volltrottel. Flip ist soooo toll, ich könnte ihn auf der Stelle knutschen.

„Flip...“

Er knallt mir meinen Rucksack vor den Latz und greift nach meiner Hand. „Halt die Klappe, Alexander, ich warne dich. Ein Wort und du kriegst noch eine Ohrfeige.“

Ich merke an seiner Stimme, dass er tatsächlich kurz davor ist, auszurasten, also sage ich mal lieber nix mehr.

Er zerrt mich aus dem Bahnhof durch die Straßen, ich kann kaum Schritt halten. Es scheint ihn auch nicht zu stören, dass es Bindfäden regnet. Wir sind nach zwei Sekunden durchnässt.

Der Wind peitscht mir das Wasser ins Gesicht, dass ich kaum noch was sehe und mehr stolpere als laufe. Das macht nichts, weil Flip so an mir zieht, dass ich gar nicht hinfallen kann.

Als wir dann bei ihm sind, stößt er mich grob auf die Matratze. Dass die jetzt auch noch nass wird, ist wohl nicht wichtig. Zitternd vor Angst und Kälte warte ich auf...keine Ahnung. Dass er mich erneut schlägt. Mich anbrüllt. Mich schüttelt und windelweich prügelt. Aber er sieht mich nur an. Mit kalten grauen Augen. Aus seinen Haarspitzen fallen Regentropfen in sein Gesicht, die wie Tränen über seine Wangen laufen. Er ist so wunderschön, dass ich kaum atmen kann.

„Was zum Henker war das da eben?“, fragt er und ich glaube, er muss sich sehr zusammen nehmen, um nicht zu schreien.

„Ich wollte...“

„Du sollst die Klappe halten!“, brüllt er und fuchtelt wild mit den Armen vor meinem Gesicht.

„Ich fasse es nicht. Ist dir dein kleiner Verstand jetzt völlig flöten gegangen, oder was ist los?

Lass dir ja eine verdammt gute Erklärung einfallen, bevor ich dir den Schädel einschlage. Und sag mir bloß, dass das der erste Typ war, dem du einen blasen wolltest.“

Ich nicke eingeschüchtert.

„Was?“, kreischt er und schlägt mit der Hand kurz gegen meinen Kopf. „Ich kann dich nicht hören.“

„Ich wollte das doch gar nicht wirklich machen.“, brülle ich plötzlich ebenfalls. „Ich wollte nur so tun und dann sein Geld klauen.“

Flip sieht mich an, als sei ich schwachsinnig. Naja, jetzt wo ich mich reden höre, hab ich auch fast den Eindruck.

„Du...du meinst das ernst, oder? Ach du Scheiße. Alex, du bist so unglaublich blöd, wie hältst du das bloß aus? Hast wohl zu viele schlechte Büchern gelesen, was? Aber das hier ist keine Gute-Nacht-Geschichte und ich hab keine Lust, dich jedesmal aus irgendeiner Scheiße retten zu müssen. Mein Leben ist schon anstrengend genug. Du willst ‘n Stricher sein? Okay, fein, von mir aus. Geh und halte jedem deinen Arsch hin aber vertrau nicht mehr darauf, dass ich da bin, wenn’s brenzlig wird. Und glaub ja nicht, dass ich dich noch anfassen will, wenn jeder geile Sack für’n paar Euro in dir abspritzen darf.“

Ein lautes Schluchzen meinerseits unterbricht Flips Gerede. Ich heule wie ein kleines Kind.

„Und hör verdammt noch mal auf zu flennen.“

Es ist normal, dass man noch mehr weint, wenn man diesen Satz gesagt bekommt, oder?

Auf einmal überfällt mich eine unglaubliche Wut. „Glaubst du, ich will dich jetzt noch anfassen? Ich hab mit dem Typen ja nicht mal was gemacht. DU bist doch derjenige, der auf’n Strich geht und alles über sich drüber lässt.“

„Hast du irgendwelche Wahnvorstellungen? Ich hab dir schon tausendmal gesagt, dass ich’s nicht für Geld mache.“

„Ach ja? Dann verrat mir mal, wo dein verdammtes Geld herkommt. Warum du eine Stunde unter der Dusche verbringst, wenn du nach Hause kommst und mit mir nicht schlafen kannst.“

„Du denkst wirklich, das sind alles Beweise, oder? Geil...jeder, der duscht, ist ein Stricher. Jeder, der Geld verdient, tut’s auf’m Strich. Und weil ich möchte, dass dein Erstes Mal schön wird, bin ich logischerweise auch vorsichtshalber mal ein Stricher. Ist dir deine Blödheit eigentlich niemals peinlich, Alexander?“

Ich finde nicht, dass ich blöde Schlüsse gezogen habe. Und wenn das alles nicht stimmt, warum sagt er mir nicht die Wahrheit? Leider kann ich ihn dazu nicht auffordern, weil ich erstmal wieder heulen muss. Es ist eben schrecklich, mit Flip zu streiten, wenn ich doch eigentlich nur von ihm gehalten werden möchte.

Flips Hände greifen sanft nach mir. „Alex...du...Scheiße, du musst aus den nassen Klamotten raus. Du wirst dich erkälten.“

Also ganz dicht ist der sicher nicht. Erst brüllt er mich an, dann ist er plötzlich um meine Gesundheit besorgt. Er zaubert ein Handtuch hervor, trocknet mich ab und beginnt, mir meine am Körper klebenden Klamotten auszuziehen. Während er das tut, mache ich das selbe bei ihm und dann küsst er mich auf einmal. Als wir unter der Decke liegen, küssen wir weiter, seine Hände streicheln meine Haut und ich klammere mich an ihn und atme heftig und er seufzt leise und...und dann passiert es.

Flip ist ganz weich und vorsichtig, weil er mir nicht weh tun will, und ich...ich bin einfach überwältigt. Nicht, weil wir beide jetzt den absoluten superwahnsinns-hunderttausendvolt-Orgasmus haben, sondern, weil Flip mich mit seiner zärtlichen Art entspannt und ich mich total auf ihn einlassen kann. Eng aneinander gekuschelt knutschen wir den Rest der Nacht und schlafen irgendwann im Morgengrauen ein.


„Ahhhhh...es ist passiert, ja?“, krakeelt Kiwi aufgeregt.

„Keine Ahnung, wovon du redest.“, murmle ich. Werde rot, weil ich mich ertappt fühle und kriege langsam Angst vor ihm. Warum weiß der immer so gut Bescheid? Verdammt noch ma! Bestimmt blufft der nur. Und warum lässt Flip mich so lange mit diesem Wahnsinnigen allein? Und wo zur Hölle ist Tristan?

„Hey, ich weiß genau wie man sich fühlt, wenn man Verkehr mit Phillip hatte. Und du, Alex, du siehst genauso aus, wie ich mich gefühlt habe. Ansonsten hat dich natürlich dein roter Schädel total verraten.“, kichert er. „Übrigens haste da einen sehr interessanten Knutschfleck und ich möchte mal wetten, das ist nicht der einzige, was?“ Er stupst mir in die Seite und beginnt gleich darauf, an meinem Shirtkragen zu nesteln.

„Wo ist denn dein Freund?“, versuche ich abzulenken.

„Welcher?“

„Tristan.“

Sein Gesicht verfinstert sich. „Ich finde, es ist angenehm mild für diese Jahreszeit, meinst du nicht?“

„Er hat dich abgeschossen, stimmt’s?“ Ein bisschen kenne ich Kiwi inzwischen auch!

„War eh viel zu jung und unschuldig für mich.“, schnauft er, „Aber wir kommen ganz vom Thema ab. Wie war er denn nun?“

„Wer?“

„Na, der Verkehr.“

„Die Nächte sind aber trotzdem noch ganz schön kühl.“, grinse ich.

Kiwi zieht eine Schmollschnute. „Du bist gemein und wenn du nicht zufällig so ekelhaft süß wärst, würde ich dich total hassen. Ey, Flip, ich hasse deinen Freund.“

„Doch nur, weil du ihn nicht haben kannst, weil er nämlich mir gehört.“, lächelt Flip, setzt sich neben mich und zieht mich in seine Arme. Seine Lippen berühren leicht die Stelle hinter meinem Ohrläppchen. Ich schwebe gefährlich in Orgasmusnähe.

„Ihr seid eklig. Derartiges in der Öffentlichkeit. Gebt ihr euch auch schon Kosenamen, hä? Und warum hast du mir nie so zärtlich den Nacken gekrault?“

„Weil du mich nicht gelassen hast. Und jetzt ist es zu spät.“, erklärt Flip, schlingt Arme und Beine fester um mich und knabbert an meinem Hals.

„Wenn ich euch noch länger dabei zusehen muss, fange ich das Saufen wieder an.“, faucht Kiwi.

„Mach doch einfach die Augen zu.“ Flips Finger krauchen aufreizend über meinen Schenkel.

„Phhh...dann höre ich immer noch euer unanständiges Schmatzen. Habt ihr überhaupt kein Schamgefühl?“

„Nein.“, entgegnet Flip und gibt mir einen extrem langen Zungenkuss. Danach sieht er mich an. „Wollen wir nach Hause gehen, Alex? Ich finde, es ist grad sehr dringend.“

Wenn der nicht aufhört, sowas zu sagen...wow...ich wünschte, er würde mich einfach jetzt hier auf der Wiese flachlegen.

„Darf ich mit?“

„Bist du bescheuert?“, fragen Flip und ich gleichzeitig.

„Zu dritt macht’s aber viel mehr Spaß.“, beharrt Kiwi.

„Tristan hat mit ihm Schluss gemacht.“, erkläre ich.

„Kann ich ihm nicht verübeln. Der ist sicher gleich in ein anderes Land gezogen, weil in dieser Stadt inzwischen jeder über seine Abspritzgewohnheiten Bescheid weiß. Also, Kiwi, man sieht sich.“

„Ja“, muffelt er, „und viel Vergnügen euch beiden. Ich mach’s mir gerne selber.“

Auf dem Weg kaufen wir Pizza, die jedoch logischerweise eiskalt ist, bevor wir Zeit zum Essen haben. Egal, Flip und ich sind so hungrig, dass wir noch gierig um das letzte Stück kämpfen. Ich gewinne und die Strafe folgt augenblicklich. Mein armer Magen ist zum Bersten voll. So voll, dass ich meine Hose aufmachen muss, als ich mich hinlege. Das ist zwar peinlich aber sehr befreiend. Flip, der neben mir liegt, lacht sich kaputt.

„Naaa...ist mein kleiner Haifisch satt geworden?“, giggelt er.

„Du sollst dich nicht über mich lustig machen, sondern herkommen und meinen Bauch streicheln.“, murmle ich vorwurfsvoll, greife nach seiner Hand und schiebe sie unter meinen Pullover. Eine Weile tut er, was ich will, bis...

„Meinen Bauch, Flip!“, sage ich entrüstet und ernte weiteres Kichern. Gefolgt von Nuckeln und Schmatzen an meinem Hals.

„Flip!“

„Was denn?“, fragt er unschuldig.

Ein bisschen ärgerlich nehme ich seine Hand aus meiner Hose. „Das da ist nicht mein Bauch.“

„Ich weiß.“, flüstert er und schlängelt seine Hand zurück. „Aber, wow, kuck mal, das wird ganz...ui, das wird ganz hart, wenn ich‘s anfasse. Haha...wie ulkig.“

„Blödmann.“

„Mhhh...was das wohl noch alles kann?“ Kaum hat er zuende gesprochen, verschwindet sein Kopf auch schon unter der Decke und ich hab nicht die geringste Lust, mich gegen ihn zu wehren.

„Du bist echt unmöglich, Flip.“

„Und wenn schon“, seufzt er und kuschelt sich in meine Arme, „hast du denn jetzt noch Magenschmerzen? Eben!“

Was soll man dazu noch sagen? Gar nichts, deshalb küsse ich ihn für die nächsten hundert Stunden.

„Flip, warum erzählst du nie von deinen Eltern?“

„Keine Ahnung. Was willst’n wissen?“

„Naja, zum Beispiel, wann du von Zuhause weg bist und warum?“

„Ist das echt so wichtig?

Ich zucke die Schultern.

„Also meine Eltern, ja, die hatten ständig was an mir auszusetzen. Wie ich rumlaufe, was ich für Freunde habe, dass ich Jungs küsse...ich hatte halt irgendwann keinen Bock mehr, mir jeden Tag das Generve reinzuziehen und bin gegangen.“

„Ist das alles?“

„Was soll ich denn noch sagen?“, stöhnt Flip. „Dass mein Vater ein Arschloch ist, dass er auf dem Standpunkt steht, eine gehörige Tracht Prügel hat noch keinem geschadet? Der Junge braucht eine starke Hand, damit ein anständiger Kerl aus ihm wird. Seine starke Hand hab ich mehrmals täglich sehr deutlich zu spüren bekommen...besonders als die Sache mit den Jungs rauskam. Der Alte dachte wirklich, ich hätte das nur gemacht, um ihn zu ärgern. Um ihn vor der ganzen Welt zu blamieren oder sowas. Der ist eben nicht ganz richtig im Kopf.“

„Flip, ich...“

„Ach du Scheiße. Guck mich nicht so bedröppelt an, als könntest du irgendwas dafür. Ich hab mit dem Thema Eltern abgeschlossen. Also lass uns über was anderes reden, okay?“

„Vielleicht darüber, wo du die vielen Stunden ohne mich verbringst?“

„Vergiss es.“

„Aber wenn es nichts Schlimmes ist, kannst du’s mir doch sagen.“

„Und wenn du mich lieb hast, hörst du auf zu fragen.“

Er hat mir Stein und Bein geschworen, dass er nicht auf’n Strich geht. Tja, dann muss es ja wohl irgendwas Kriminelles sein. Möglicherweise vertickt er Drogen? Oder er steigt bei fremden Leuten ein und klaut teure Sachen? Nee, das macht man nachts und da ist er immer bei mir. Wäre er ein einfacher Schnorrer, so wie fast alle Punks, hätte er mir das sicher erzählt. Waffen, Profikiller, Menschenhandel, Zuhälterei und dergleichen kann ich ausschließen. Also doch Drogen. Scheiße! Deshalb hat er auch immer Angst vor der Polizei.

„Hey, was ist denn?“

Ich schrecke aus meinen Gedanken. „Äh...nichts.“

„Mh, okay, also, ist die Stimmung jetzt total im Arsch, oder...lässt du dich ein bisschen von mir verführen?“

Einstweilen lasse ich mich natürlich verführen. Trotzdem ist damit das Thema Geldbeschaffung noch lange nicht erledigt. Ich hab mal wieder einen Plan und hoffe, der geht nicht so in die Hose wie der, als Pseudo-Stricher Leute zu beklauen.


Grad sitze ich mit Flip in der Nachmittagssonne auf der Wiese im Park und knutsche wie bekloppt. Wir haben es echt die halbe Nacht getrieben, so dass wir fast schon ineinander gesteckt eingeschlafen sind, und ich hab immer noch nicht genug von ihm. Seine Hände streicheln meinen Nacken, während sich meine Finger unter seinen Pullover schieben.

Übrigens hat er mir gestern noch ein bisschen was erzählt. Ich wusste ja irgendwie, dass er eine ziemlich heftige Vergangenheit hat, aber...meine Güte! Mit zwölf zum ersten Mal abgehauen, mit vierzehn der erste Sex, mit 15 die erste Alkoholvergiftung. Das war kurz nachdem er sich den Punks in seiner Stadt angeschlossen hatte. Die haben alle zusammen in einem Abrisshaus gewohnt, ständig gesoffen und auf Demos und Festivals rumgehangen. Obwohl, gehangen ist nicht ganz richtig. Flip war immer einer der Ersten, die Steine geschmissen haben. Da ist’s echt richtig gewalttätig zur Sache gegangen. Andauernd gab’s Prügeleien mit Bullen und Skins, nebenbei Alkohol-und Drogenexzesse. Und natürlich die jährliche Pilgerreise zu den Chaostagen nach Hannover. Von denen hab ich lediglich in den Nachrichten gehört, fand es aber doof, dass da Leute nur hingefahren sind, um alles kaputt zu hauen. Flip sagte, er sei kein dummer Krawallmacher gewesen, aber wenn neben ihm ein Mädel von vier Bullen zu Boden geworfen und getreten wurde, hätte er halt dazwischen gehen müssen. Früher ist er auch noch viel viel abgefuckter rumgelaufen. Super zerrissen, mit buntgefärbtem Iro und Ratte auf der Schulter. Ein einziges Foto aus dieser Zeit hat er...ich hätte ihn beinahe nicht erkannt und muss sagen, er sieht heute süßer aus. Bin sehr froh, dass er keinen Iro mehr hat, denn die sind leider nicht zum drin Wuscheln gedacht und ich wuschel soooo gerne seine Haare!

„Meine Güte“, höre ich plötzlich eine leicht angeekelte Stimme, „könnt ihr das nicht woanders machen? Was seid ihr? Wilde Tiere, oder was?“ Schnaufend setzt sich Kiwi neben uns und träufelt sich irgendwas ins Auge. Ein Tropfen kullert über seine Wange.

„Was’n los?“, fragt Flip und knabbert an meinem Ohr.

„Augenentzündung.“, antwortet Kiwi knapp.

„Ist doch nix Neues. Was schmierst du dir auch ständig diesen schwarzen Scheiß in die Fresse?“

„Das ist Eyeliner, du Pappnase, und ich kann mich erinnern, dass du das immer geil fandst.“, schnieft er.

„Ja, mag sein. Aber jetzt finde ich was anderes geil.“, lächelt er. Seine Nasenspitze stupst gegen meine, bevor er süß an meinen Lippen nuckelt.

„Ihr müsst mir eure kleine Romanze nicht so ekelhaft demonstrieren, okay? Holt euch von mir aus einen runter aber verschont mich mit diesem zärtlichen Getue. Ich krieg Magenschmerzen von so viel Zuckerguss.“

„Was ist dein Problem?“

„Ich hab kein Problem. Mir geht’s bestens.“, faucht er.

Flip zuckt die Schultern, greift nach meiner Hand und haucht einen Kuss auf jede Fingerspitze. Danach schlingt er seine Arme um mich. „Babe, ich muss los.“, flüstert er.

Mein Körper versteift sich. „Ja dann...“

„Tut mir Leid...wir sehen uns zuhause, ja?“

„Okay.“, nicke ich.

Bevor er geht, gibt er mir noch einen Kuss auf die Wange.

Als er sich einige Schritte entfernt hat, springe ich auf und reiße an Kiwis Mantel.

„Mann, bist du bekloppt?“, brüllt er.

„Nicht so laut!“ Hektisch versichere ich mich, in welche Richtung Flip geht. „Du, ich brauch deine Hilfe.“

„Phh...ich denk gar nicht dran.“

„Bitte, Kiwi...es ist wichtig. Komm.“

Ich renne mit ihm von Baum zu Baum, immer darauf gefasst, dass Flip sich vielleicht umdreht.

„Sag mal, was für’n Spiel is’n das?“

„Ich will wissen, wo er hingeht.“, erkläre ich.

„Du willst, dass ich meinen besten Freund und Ex-Lover beschatte?“, fragt er entrüstet, worauf ich nicke. „Geil.“, strahlt er.

Wir laufen eine Weile durch die Straßen, müssen aufpassen, dass wir Flip nicht verlieren und dass er uns nicht entdeckt. Ganz schön anstrengend. Kiwi scheint tatsächlich Gefallen daran zu finden, während ich mir vorkomme wie eine eifersüchtige Trine, die ihrem untreuen Ehemann hinterher schnüffelt. Ich hab auch wahnsinnige Angst vor dem, was wir letztendlich herausfinden werden.

Als erstes führt er uns zum Bahnhof, mein Herz beginnt unangenehm zu klopfen. Sollte er mich doch angelogen haben? Aber er kann eigentlich nicht hier anschaffen, ich hätte ihn doch sehen müssen. Vielleicht hat er mehrere Plätze?! Flip schlendert zu den Jungs rüber, unterhält sich und...verabschiedet sich anscheinend. Er kauft beim Bäcker eine Vanillestange, soweit ich das erkennen kann, und verlässt den Bahnhof. Na super! Er rennt die Stufen zur U-Bahn runter. Kiwi und ich schaffen es grad noch rechtzeitig, bevor sie losfährt. Ein paar Stationen, dann steigt Flip aus. Wir hinterher. Ein Wunder, dass er Kiwis Silberkettengerassel nicht hört. Ich hab längst die Orientierung verloren, was egal ist, weil ich in diesem Stadtteil eh noch nie war.

„Ich piss mich vor Aufregung gleich ein.“, wispert Kiwi. „Wo will der Arsch denn bloß hin?“

„Kennst du dich hier aus?“

„Haste Angst, dass du verloren gehst?“, grinst er. „Ich pass schon auf dich auf, Kleiner.“

Mir wird schlecht als Flip an einem Schaufenster stehenbleibt und sich umschaut. Blitzschnell zerre ich Kiwi in einen Hauseingang, drücke ihn an die Wand.

„Scheiße“, zische ich, „hat er uns gesehen?“ Mein Herz rast wir bescheuert, in meinen Ohren rauscht es ekelhaft laut. Dicht an Kiwi gedrängt wage ich kaum zu atmen.

Vorsichtig legt er seine Hände auf meine Hüften und lugt um die Ecke.

„Was ist?“

„Der steht da noch.“, erklärt er genervt. Dann grinst er plötzlich. „Wow.“

„Hä?“

Mit einem Ruck zieht er mich an sich, so dass ich mich mit den Händen an der Wand abstützen muss. Er kneift kurz die Augen zusammen und atmet geräuschvoll aus.

„Ey...ich krieg grad ‘nen Ständer.“, schnurrt er.

„Du spinnst doch.“, entgegne ich böse.

„Ach ja?“, lächelt er und schiebt meine Hand zwischen seine Schenkel.

Ich geh kaputt!!

„Hör mal...warum lassen wir Flip nicht einfach machen, was immer er will und du...du machst es mir? Ich bin echt scharf auf dich, Alex.“

„Lass den Scheiß. Denkst du, ich bin zu deinem Vergnügen hier?“

„Ja, warum nicht?“ Er sieht mich an. Sieht mir direkt in die Augen und für einige Sekunden fühle ich mich total gefangen. Ich kann nicht weggucken. Es geht einfach nicht. Dafür werden meine Knie weich und meine Lippen trocken. Ich muss sie befeuchten. Was zur Hölle läuft denn hier?? Wir starren uns an wie zwei hypnotisierte Karnickel, seine Hand wuselt durch mein Haar. Wäre Flip und die ganze Aktion nicht...ich würde Kiwi küssen bis zum Umfallen.

Und er weiß es! Seine Lippen sind verlockend geöffnet und kommen immer näher. Ach du Kacke! Ich höre mich deutlich schnaufen als seine Stirn sich gegen meine presst. Ein kleines Stück noch und ich könnte problemlos meine Zunge in seinen Mund stecken. Mir fängt an, alles egal zu werden. Sein Atem streift meine Lippen doch bevor er sie berührt, dreht Kiwi sein Gesicht weg und beißt mir kurz ins Ohrläppchen.

„Das war der süßeste Augenfick, den ich jemals hatte.“, wispert er. „Ich kann total verstehen, warum Flip so verrückt nach dir ist.“

Augen...was?

„Willst du übrigens noch wissen, wo er hingeht? Dann sollten wir uns beeilen.“

Völlig verwirrt folge ich ihm.

Noch ein paar Straßen, dann steuert Flip auf einen riesigen Gebäudekomplex zu.

„DAS ist also sein Geheimnis“, sagt Kiwi mehr zu sich selbst, „interessant. Kein Wunder, dass er darüber nicht redet. Mann, das ist ja noch schlimmer als Schuhverkäufer.“

„Was...was ist denn?“, flüstere ich angespannt.

Flip ist inzwischen auf dem Gelände verlorengegangen. Kiwi lehnt sich gegen die Mauer und raucht eine Zigarette.

„Das hier“, erklärt er, „ist ein Tier-KZ.“

„Wie bitte?“

„Ein Schlachthof. Dein Freund murkst arme Schweine ab. Kleine rosige Ferkelchen, die am Spieß landen. Oder auf ´nem Tablett. Mit einem Apfel in der Schnauze.“

„Oh Gott.“

„Mach nicht so’n Gesicht. Vielleicht haut er sie ja nicht kaputt, sondern schneidet sie nur auseinander. Sicher sind die Viecher schon hinüber, wenn er das Messer schwingt.“

Mir schwirrt der Kopf. Okay, er hat nichts mit Drogen zu tun, aber Schweine schlachten...ist das besser?! Also ich an seiner Stelle würde diesen Job auch nicht an die große Glocke hängen. Auf einmal hab ich ein super schlechtes Gewissen, weil ich meinem Freund so dämlich nachspioniert habe. Er wird verletzt sein, wenn er es herausfindet. Und peinlich ist es ihm sowieso, sonst hätte er das ja eben nicht so schrecklich verheimlicht. Mein armer Flip.

Ich liebe ihn noch mehr, wenn das möglich ist.

„Hey...willst du auf ihn warten, oder zurück?“

„Zurück.“

Als Kiwi sich am Park von mir verabschiedet, halte ich ihn fest.

„Das alles...das bleibt unter uns, verstanden?“

„Klar.“

„Ehrlich, Kiwi. Wenn Flip rausbekommt, dass wir ihm nachgelaufen sind...der rastet aus.“

„Krieg dich wieder ein.“, antwortet er lässig, holt aus seiner Manteltasche einen Kirschlolly hervor und steckt ihn sich in die Klappe. „Von mir erfährt er es nicht.“

„Und...und was da zwischen uns passiert ist...“

Ein Grinsen erscheint auf seinem Gesicht. „Ich weiß, dass du’s geil fandst.“

„Das fand ich zwar nicht, aber...“

Er kommt einen Schritt näher. „Ich hab gespürt, wie hart dein Schwanz war, also lüg mich nicht an. Hey, nur weil du in Flip verliebt bist, heißt das nicht, dass du nicht auch auf andere Reize anspringst. Ich bin mir meiner unglaublichen erotischen Ausstrahlung durchaus bewusst.“

„Du bist echt total eingenommen von dir.“, murmle ich schwächlich. Das süße Kirscharoma, das meine Nase umweht, gibt mir fast den Rest.

„Ja? Mh, kann sein. Trotzdem liebst du mich. Vielleicht nicht ganz so wie Flip aber doch wenigstens ein kleines bisschen.“

Ich nehme sein Gesicht in meine Hände und gebe ihm einen kurzen Kuss auf den klebrigen Mund. „Stimmt genau.“

„Ahhhhh...ich wusste es.“, quietscht er und hüpft wie ein Gummiball durch die Gegend. Dann bleibt er vor mir stehen. „Darf ich heut Nacht von dir träumen?“

„Kiwi, ich wollte nicht...den Eindruck...“

„Keine Angst“, giggelt er, „ich lass Flip dabei sein. Wir sehen uns morgen.“

Wow, es ist wirklich nicht besonders schwer, sich in Kiwi zu verknallen. Ein wenig bin ich es wohl tatsächlich. Mein Herz gehört allerdings nach wie vor Flip! Und zwar gänzlich. Und zwar für immer!

Mir ist doch ganz schön unwohl als Flip nach Hause kommt. Er weiß zwar nicht, dass ich weiß...aber, scheiße, ich weiß es ja nun mal jetzt. Wie soll ich mich verhalten und...kann ich mein Geheimnis für mich behalten? Ich würde ihm so gerne sagen, dass ich es nicht schlimm finde, wenn er Schweine abmurkst. Dass ich stolz auf ihn bin, weil er auf ehrliche Weise sein Geld verdient und dass ich ihn unglaublich liebe. Leider geht das nicht. Der ist doch super enttäuscht, weil ich ihm nicht vertraut habe, sondern eiskalt nachspioniert. Mist, verdammter!

“Hey.“, lächelt er und ich fühle mich gleich noch eine Ecke ekelhafter.

„Hallo.“, entgegne ich relativ unglücklich.

„Alles in Ordnung?“

Toll, das mit dem nichts anmerken lassen war ja wohl nix. „Klar.“, lüge ich und versuche ungezwungen sein Lächeln zu erwidern.

„Ich hab dir was mitgebracht.“

Oh nein! Ich benehme mich wie ein Arschloch und kriege was geschenkt.

„Hier, das ist...“, er überlegt kurz, „der absolute Schokokaramell-Himmel.“ Flip nimmt einen Riegel aus der Dove-Schachtel, entfernt das Papier und hält mir den Schokokaramellhimmel an die Lippen. Ich beiße ein Stück ab und finde, er hat absolut recht. Widerwärtig lecker, das Zeug!

„Hast du mich vermisst?“, fragt er säuselig.

„Hm-hm.“, sage ich kauend.

„Okay, ich geh duschen und dann...naja, ich lass mir was einfallen.“, grinst er.

Ich will kotzen. Am besten, ich gestehe alles, oder? Vielleicht aber nicht sofort. Morgen.

Oder nächste Woche. Ich glaube, ich bin auf einen Streit irgendwie noch nicht genügend vorbereitet.

Frisch geduscht mit nacktem Oberkörper und noch nassen Haaren schlendert Flip ins Zimmer.

JETZT werde ich ihm ganz sicher nicht sagen, was ich den Nachmittag über getrieben habe.

Es ist mir sowieso plötzlich entfallen. Wirre Haarsträhnen hängen ihm in den Augen während er langsam auf die Matratze kraucht und sich auf meinen Schoß setzt. Flip ist so überirdisch schön, ich halt’s nicht aus!

„Und? Was würdest du jetzt gerne tun, mh?“

Also, da muss ich nicht nachdenken. Ich küsse ihn wie verrückt. Meine Hände grapschen nach den Knöpfen seiner Jeans.

„Du bist ganz schön abgewichst, Alex, weißt du das?“

Soll das etwa ’ne Art Dirty Talk werden? „Äh?“

Er wurschtelt sich von mir runter, wirft sich ein Shirt über, zündet eine Zigarette an und sieht ziemlich böse aus. „Tut mir Leid. Ich kann das nicht.“

„Was ist denn los?“, frage ich unsicher.

Seine Augen blitzen gefährlich. „Warum sagst du mir das nicht?“

„Ähem...“

„Hattest du einen schönen Nachmittag?“

Ohgottohgott! „G-geht so.“

„Ein bisschen Sightseeing mit Kiwi, was? Hat dir die Tour gefallen? Oh und wo wir schonmal dabei sind...warum nicht einfach Flip nachschleichen? Gucken, ob der nicht vielleicht doch heimlich auf’n Strich geht, ja? Bist du jetzt zufrieden? Dein Freund wischt Schweineblut auf und darf Fleisch- und Gedärmefetzen wegschaufeln. Ich hoffe, du kannst nun endlich ruhig schlafen.“

„Du machst da sauber?“, frage ich überrascht.

„Was dachtest du denn? Dass ich die Schweine absteche?“

„Naja...äh...ja. Flip, es tut mir Leid, dass ich dir hinterher spioniert habe, aber ich hatte Angst, dass...dass du vielleicht was Verbotenes machst. Wenn du mir einfach gesagt hättest...“

„Dir von meinem tollen Job erzählen, was?“, unterbricht er mich. „Glaubst du, die Arbeit macht mir so wahnsinnig große Freude?“

Nee, da kann ich mir wohl auch Angenehmeres vorstellen. Trotzdem. „Hauptsache, du kriegst Geld.“

„Hör mal, ich weiß, dass du dir die abenteuerlichsten Sachen vorgestellt hast, was auch ein bisschen meine Schuld ist, aber...mann...warum musstest du ausgerechnet Kiwi mitschleppen? Diese kleine Plaudertasche. Ich wette, morgen weiß es der gesamte Park und er wird mich für den Rest unseres Lebens damit aufziehen. Ich hab da echt keinen Bock drauf. Alle werden über mich lachen. Haha...der coole Flip flitscht in Schweinegedärmen rum.“

Meine Arme schlingen sich um seinen Körper. „Ich lache nicht. Ich liebe dich.“

Bedröppelt lässt er den Kopf hängen. „Wirklich?“, fragt er leise.

„Ja“, flüstere ich, „und es wird mit jeder Sekunde schlimmer.“

„Schlimmer?“

„Weil es weh tut, wenn du nicht bei mir bist.“

Seine Finger streicheln sanft meine Wange. „Mhhh...du bist süß, Alex“, lächelt er, bevor wir uns küssen.

„Du hast uns echt gesehen?“, frage ich als wir eng umschlungen unter der Decke liegen. „Dabei waren wir so vorsichtig.“

„Vorsichtig? Ach du Scheiße. Ich hatte den ganzen Weg über Kiwis Patchouligestank in der Nase und sein Kettengerassel im Ohr. Erst dachte ich noch, ich werde wohl langsam irre, aber

als ich aus der U-Bahn gestiegen bin, war’s irgendwie klar.“

„Warum hast du nicht da schon was gesagt?“

„Wollte euch den Spaß nicht verderben.“, entgegnet er.

„So lustig war das nicht. Hab mich schon wesentlich mehr amüsiert.“

„Ach ja? Wann denn und wobei?“

Ich lege mich auf ihn und drücke seine Hände auf die Matratze, so dass er sich nicht rühren kann. „Das möchtest du gerne wissen, mh?“

Flip versucht, mich zu küssen, aber ich lasse ihn nicht, sondern sehe ihn einfach nur an und rutsche ein bisschen auf ihm herum. Dieser Augendings, den Kiwi mir beigebracht hat, scheint mir grad ganz passend, leider hab ich da eine Kleinigkeit nicht bedacht. Die fällt mir jedoch erst ein, nachdem Flip mich beleidigt von sich runter schubst.

„Ich glaub das nicht.“

Ich auch nicht. Nämlich, dass ich so blöde bin, Kiwis Exfreund mit Kiwis Tricks verführen zu wollen...wow, das muss mir erstmal einer nachmachen, oder?! Ich könnte mir selber in die Fresse kotzen.

„Flip...“

„Halt die Klappe, Alexander.“, schnauft er genervt. „Mann, ich wusste, dass der Penner dich nicht in Ruhe lassen kann. Was treibt’n ihr sonst noch, wenn ich nicht da bin?“

„Gar nichts.“

„Ich finde, diese Augennummer reicht völlig. Und bilde dir bloß nicht ein, ich kauf dir ab, dass du von allein da drauf gekommen bist. Was ist? Bist du scharf auf ihn?“

„Nein!“, rufe ich entrüstet.

„Aber er hat’s bei dir versucht. Lüg mich nicht an, ich kenne Kiwi.“

„Naja, vielleicht so irgendwie...“

„Hast du ihn geküsst?“

„Nee.“

„Aber du hättest gerne?“

Das klang mehr nach einer Feststellung als nach einer Frage. „Ich weiß nicht...Kiwi hat mich so angesehen und...dann...“

„Erspar mir die Details.“

„Aber es ist wirklich nichts passiert.“

„Diese kleine Schlampe“, murmelt er, „es war ihm schon immer egal, ob er...mann, der denkt echt nur mit seinem Schwanz.“

Flip sagt das in so einem komischen Ton und ich denke, ich weiß, was los ist. Nur nicht, ob mir das gefällt.

„Du...ähem...du warst mehr als nur ein bisschen verknallt in Kiwi, stimmt’s?“

Seine Augen glitzern...allerdings nicht so wie sonst. Er nickt kaum merklich. „Ich hab gedacht...shit...als ich ihn mit diesem Typen erwischt habe, das hat sich angefühlt, als würde mir jemand mein Herz rausreißen. Und die erste Zeit danach...ich konnte ihn kaum ansehen, ohne in Tränen auszubrechen.“

Na super! SO genau wollte ich’s gar nicht wissen.

„Naja, hab eben auf die harte Tour gelernt, dass man sich in jemanden wie Kiwi besser nicht verlieben sollte. Spaß haben, okay, alles andere...“, er schüttelt den Kopf.

Es fühlt sich nicht gut an, ihn das sagen zu hören. Flip verliebt in Kiwi...das tut weh, auch wenn es vorbei ist. Aber ist es das wirklich? Warum macht es ihn immer noch so traurig?

„Hast du nicht...ich meine, wollte er dich gar nicht zurück haben?“

„Klar“, seufzt er, „andauernd hat er’s versucht. Aber erst war ich zu verletzt und dann...“, seine Wangen verfärben sich leicht, „naja, dann ist da plötzlich so ein ziemlich hübscher Junge aufgetaucht, der mich mit einer Flasche erschlagen wollte.“

„Doch nur, weil ich Angst hatte.“, erkläre ich verschämt.

„Ich hab’s nicht drauf angelegt und gewagt, drüber nachzudenken schon mal gar nicht, aber als Kiwi diesen Spruch gebracht hat...von wegen, ich dürfte dich behalten...und obwohl du eigentlich viel zu jung bist...ich hab mir halt vorgestellt, dass es sicher schön wäre, dich als Freund zu haben. Ich meine, so richtig.“

„Zu jung? Ich hab gesagt, dass ich achtzehn bin.“

„Und ich hab dir das nicht eine Sekunde geglaubt.“, lächelt er.

„Aber warum hast du mich weggeschickt?“

„Keine Ahnung. Mir wurde das irgendwie zu...es war so schwer, neben dir zu liegen und dich nicht berühren zu können. Dann hab ich dich mit Cat knutschen gesehen und dachte, dass du Mädchen lieber magst und meine Saufaktion hat alles noch schlimmer gemacht.“

Jau, das war echt eklig. Cat und die Sauferei!

„Und...und wenn du jetzt mit Kiwi...“, er reibt sich angestrengt die Augen. „Pass auf, ich hab nichts gegen flirten...aber mehr ist nicht drin, okay?! Wenn du mir gehören willst, dann absolut. Keine Ahnung, vielleicht bin ich spießig oder altmodisch oder sowas. Ein bisschen mit mir zusammen sein und dabei noch andere Jungs küssen geht nicht.“

Mir ist grad so...WOW! Mein Körper ist Gelee. Ganz nah rücke ich an Flip heran und schmuse mich in seine Arme. „Okay.“

„Okay?“

„Ich will keine anderen Jungs küssen.“

„Und was ist mit Kiwi?“, fragt er ein wenig skeptisch.

„Der...“, beginne ich und bringe uns in eine bequeme, liegende Position, „ist niedlich und lustig aber...“, ich schmiege mich an ihn, „wenn du mich festhältst, muss ich nicht mehr frieren.“ Mein Kopf sinkt auf seine Brust, Flips Finger wuseln sanft durch meine Haare. Ich höre sein Herz schlagen und bin einfach nur total entspannt und glücklich.

Flip?“

„Mh?“, entgegnet er träge.

Langsam schiebe ich meine Hand unter sein Shirt und streichle seine weiche Haut. „Ich mag jetzt Sex mit dir haben.“, murmle ich an seinem Hals knabbernd.


Samstagabend in der Scheune. Allmählich gewöhne ich mich an die Gestalten, die Musik und den abgefuckten Ort. Überhaupt würde ich Flip zuliebe überall rumhängen. Wenn er mal grad nicht tanzt, sitze ich auf seinem Schoß und knutsche mit ihm. Cats Augen schießen kleine spitze Dolche in meine Richtung, was mir allerdings ziemlich egal ist. Genauso egal ist mir Kiwis aufreizende Garderobe. Ringelstrümpfe, Rock drüber, hohe Doc‘s und so’n Mädchenoberteil mit freien Schultern und kurzen...äh...gerafften Ärmeln. Das sieht schon hübsch aus, interessiert mich aber nicht, weil ich mir mit Flip eh den schönsten Menschen der Welt geangelt habe.

„Hey“, schnauft Kiwi, wirft sich neben mich und schlägt lässig die Beine übereinander, „alles

klar?“

„Äh, ja...wieso?“

„Weiß nicht, war nur so’n blöder Spruch. Eigentlich ist es mir grad echt latte, wie es irgendwem geht, verdammte Scheiße.“

„Warum hast’n so miese Laune?“

„Weil die Welt ein Wichshaufen ist, ich geschworen habe, nicht mehr zu saufen und keine Drogen zu ziehen...such dir irgendwas aus. Siehst du die beiden da?“, fragt er und deutet auf zwei Jungs, die sich offensichtlich SEHR mögen. Oh...einer von beiden ist Tristan. Na sowas!

„Dieser Arsch.“, schnauft Kiwi verächtlich. „Da haben sich die zwei richtigen Trinen gefunden. Sind beide scheiße im Bett. Sag mal, hast du ‘ne neue Haarfarbe?“

In der Tat. Flip hat mir fachmännisch meinen rötlich-braunen Naturton gefärbt und anschließend noch ein bisschen rumgeschnitten. Fransig, strubbelig und der Pony hängt mir ständig im Gesicht. Mich nervt das, aber Flip findet’s niedlich.

„Sieht gut aus. Wesentlich besser als die rote Kotzkacke, die du vorher hattest.“, erklärt er, ohne dabei Tristan und seinen Kumpan aus den Augen zu lassen.

„Danke. Sehr charmant.“, entgegne ich ein wenig ärgerlich.

„Wo ist überhaupt der kleine Starcoiffeur?“

„Holt was zu trinken.“

Kaum hab ich das gesagt, steht Flip auch schon mit zwei Gläsern Vanille-Cola vor uns.

„Ah...hallo Schweinegeneral.“, bölkt Kiwi spöttisch.

„Du Arschloch.“, bölke ich und schubse ihn kräftig, so dass er fast von dem alten zerfransten Ledersofa, auf dem wir grad sitzen, fällt.

„Ey...“

„So sieht also dein Versprechen aus, ja?“

„Tut mir Leid“, nuschelt er zerknirscht, „war nicht böse gemeint.“

Flip zuckt nur die Schultern und setzt sich neben mich.

„Und überhaupt...er hat dir doch sicher sofort verziehen.“

„Woher willst du wissen, dass wir darüber gesprochen haben?“

„Du wirkst so ekelhaft entspannt. Sicher gab’s ein heftiges Streitgespräch und anschließend einen heftigen Fick. Das ist so Flips Art. Je fieser der Streit, desto abgewichster der Sex. Und sag dabei bloß nicht, dass es dir weh tut...das macht ihn erst so richtig geil.“

„Na, du musst es ja wissen.“, antworte ich angepisst.

„Allerdings.“

„Was wissen?“, mischt Flip sich ein.

„Dass du total rücksichtslos bist beim Ficken.“, zischt Kiwi.

„Kommt drauf an, wer unter mir liegt.“, lächelt er zuckersüß. „Du hast genau das gekriegt, was du wolltest und mit Worten wie Rücksichtslosigkeit solltest du lieber nicht so vorwurfsvoll hantieren. Ich hab nicht fremdgeblasen.“

Mir geht das jetzt auf’n Sack. Wütend springe ich auf. „Wenn ihr eure alten Sexgeschichten bequatschen wollt, dann bitte ohne mich. Hab was besseres zu tun, als mir anzuhören, wer was wann gekriegt hat und ob’s geil war, verdammt noch mal.“

Flip greift schnell nach meiner Hand und zieht mich auf seinen Schoß. „Nicht weggehen.“, flüstert er und schlingt seine Arme um mich. Seine Lippen berühren hauchzart die Haut hinter meinem Ohr und ich hab mich soeben total zum Bleiben entschieden. Dafür macht Kiwi Anstalten, zu gehen.

„Ich bin ein Arschloch, okay?! Nehmt’s mir nicht übel, aber soviel ‘Love is in the air‘ macht mich nunmal krank. Alex...vergiss, was ich gesagt habe. Und jetzt“, er wirft arrogant den Kopf zurück, „werde ich mir holen, was mir gehört.“

Schnurstracks stampft er zu Tristan rüber und schubst erstmal dessen Knutschkumpan zur Seite. Der kleine scheue Indiejunge aus’m Park ist anscheinend ziemlich ungehalten, er brüllt wild gestikulierend auf Kiwi ein. Schade, dass man nicht verstehen kann, was da gesagt wird. Tristan und Kiwi zerren ein bisschen aneinander rum...die werden sich doch wohl nicht prügeln wollen? Der Knutschkumpan versucht, dazwischen zu gehen, wird jedoch von beiden total ignoriert und dackelt ab. Keine zwei Sekunden später hängt Tristan an Kiwis Lippen. Nach dem wahrscheinlich aggressivsten Zungenkuss aller Zeiten spazieren beide Hand in Hand und offensichtlich sehr glücklich zum Ausgang.

Was für eine Show!!

Flip schüttelt den Kopf. „Das sind doch Freaks.“

Finde ich ebenfalls, allerdings hab ich momentan ziemlich andere Probleme. Meine Eifersucht, meine Unsicherheit, und wie ich damit umgehen soll!

Als wir später zusammen im Bett liegen, schleichen sich logischerweise Kiwis Äußerungen in mein Hirn. Ich mag es ja, wenn Flip zärtlich ist aber vielleicht hat er keinen Bock auf immer nur Kuschelsex?! Möglicherweise ist er irgendwann so frustriert, dass er...sich woanders holt, was er braucht? Bei seinem Exfreund zum Beispiel, der wahrscheinlich nur drauf wartet?!

„Du, Flip...“, beginne ich zaghaft und beiße mir auf die Lippe.

„Ja, Alex?“

„Du...äh...du musst nicht immer so vorsichtig sein. Ich meine, es macht mir nichts aus, wenn...wenn es weh tut. Das ist okay.“

Augenblicklich hört er auf, an meinem Nacken zu knabbern und dreht mich um. „Wovon zur Hölle redest du?“

„Naja, weil du mit Kiwi doch...“

Er schnauft genervt. „Mann, der schon wieder.“

„Ich meine ja nur, wenn...also, du kannst auch mit mir harten Sex haben.“

Einen Moment sieht er mich an, als hätte ich irgendwie ein paar Nasen zuviel, dann lacht er sich kaputt. „Wow...du bist...sag mal...harter Sex...das ist echt...sorry...“, kichert er.

„Ich hab das ernst gemeint.“, entgegne ich relativ beleidigt.

„Und du denkst wirklich, ich stehe drauf, dich so...so richtig ordinär durchzuficken, ja?“

Der macht sich total lustig über mich. Seine Stimme klingt nämlich grad so, wie man sich Stimmen in besonders blöden Pornofilmen vorstellt.

„Kiwi hast du...“

„In Ordnung,“, seufzt er und nimmt mich in die Arme, „lass uns mal was klarstellen. Nur weil ich‘s mit Kiwi anders gemacht habe, heißt das nicht, dass ich bei dir irgendwas vermisse. Ich mag gerne mit dir schlafen und wenn du es weniger...mh...schmusig haben willst, kein Problem. Allerdings hatte ich bis jetzt den Eindruck, dass du ganz zufrieden bist, wie es läuft.“

„Ja, aber...“

„Alex, was geht in deinem Kopf vor? Ich meine, keine Ahnung, sag’s mir.“

„Ich weiß nicht.“, antworte ich kläglich. „Kiwi...“

„Wenn du noch einmal diesen Namen erwähnst, krieg ich einen Schreikrampf.“, warnt er.

„Die Vorstellung, dass du mit ihm...und wenn er das dann auch immer so erzählt...“

Flip zuckt die Schultern. „Ich bin mit dir zusammen.“

„Hattest...“, ich muss mich nervös räuspern, „Hattest du ihn...lieber als mich?“

„Oh mein Gott! Oh mein Gott, darum geht es?“, fragt er ziemlich entgeistert und fährt sich durch die Haare. „Kiwi“, er überlegt kurz, „Kiwi ist so’ne Art weißer Tiger, klar?“

Nee, nicht wirklich.

„Geiler Sex, aber bloß danach nicht mehr anfassen. Kuscheln...total ausgeschlossen. Könnte ja seinem coolen Image schaden. Das war übrigens, abgesehen von seinem Seitensprung, der Hauptgrund für die Trennung. Ich bin neben ihm fast erfroren. Sicher, hab ich auch Typen gevögelt, ohne verliebt zu sein aber...wenn ich mich verliebe, dann will ich auch alles, verstehst du? Schmetterlinge, Quabbelbeine, romantisch Händchenhalten, Dauergrinsen, stundenlang schmusen und knutschen. Mit dir ist es...perfekt. Ich hoffe, das beantwortet deine blöde Frage.“

„Tut mir Leid. Ich...ich kann nichts für meine Blödheit.“

„Weiß ich doch.“, grinst er.

„Ich hab halt so Angst, dass du irgendwann feststellst...“

Er legt mir seinen Finger auf die Lippen. „Stelle ich aber nicht, okay? Ehrlich, Alex, ich schmachte dich an, dass es mir manchmal selbst schon eklig ist. Und wenn du mich weiter so anschaust, will ich bestimmt noch ein Liebesgedicht für dich schreiben. Diese Peinlichkeit solltest du uns beiden ersparen.“

Mir ist unglaublich nach Dahinschmelzen!


Heute ist es zum ersten Mal seit Monaten richtig heiß...wenn man nackt rausgehen würde, wäre einem immer noch unglaublich warm...diese Art von heiß. Sommer!! Sogar Kiwi hat sich seine super Gothic-Klamotten wenigstens ein bisschen verkniffen. Der trägt heute ein schwarzes Shirt ohne Ärmel und eine schwindelerregend tief sitzende Hose, die bis kurz über´s Knie geht, dazu einen schmalen Silbergürtel und schwarze Chucks. Eigentlich ein totales Mädchen-Outfit, passt aber zu ihm.

Flip sitzt mit Lunte auf dem Sockel des Denkmals und ist atemberaubend schön. Dunkles Shirt und seine Beine sehen in der engen schwarzen Klorix-Jeans durch die orangeroten Flecken leicht salamanderartig aus. WOW! Wenn sich unsere Blicke treffen (und das tun sie sehr oft) lächelt er mich verliebt an. Seine Wangen sind ein bisschen gerötet, was mein Herz total zum Poltern bringt.

„Also bei mir hat Flip nie so ’ne rote Fresse gekriegt.“, bemerkt Kiwi verschnupft und schleckt bemerkenswert aufreizend ein Pistazieneis. „Mann mann mann...wie ein verdammter Teenager. Siehst du die kleinen rosa Herzchen, die aus seinen Augen ploppen und wie Seifenblasen herüber schwabbern?“ Seine eine Hand macht schnappende Bewegungen in der Luft.

„Du bist so gut gelaunt heute...eine schöne Nacht gehabt?“, frage ich amüsiert.

Kiwis Zunge stochert im Eis herum. „Mhhh, also ich kann wohl sagen, dass ich ziemlich befriedigt bin. Es ist von Zeit zu Zeit durchaus angebracht, den kleinen Tigerchen zu zeigen, wer der Herr ist.“

„Und wo ist dein Tigerchen?“

„In seinem Käfig. Mit nichts weiter als ‘nem hübschen Halsband liegt es unanständig auf einer flauschigen Decke und wartet, dass ich zurück komme, um schlimme Sachen mit ihm anzustellen.“, grinst er. „Tris muss für die Schule lernen. Seine Eltern achten da sehr drauf.“

Sofort hab ich einen Kloß im Hals. Meine Eltern haben auch immer drauf geachtet...jetzt krauche ich total orientierungslos durch die Gegend. Keine Ahnung, was aus mir werden soll.

„Traurig?“, fragt Kiwi. „Magst du mal an meinem Eis schlecken?“

„Nee, danke.“

„Wenn Flip nicht hinsieht.“, blinzelt er verschwörerisch.

„Flip sieht alles.“

Ich sehe Salamanderbeine.

„Eifersüchtige Zicke.“, murmelt Kiwi.

Er zuckt die Schultern und setzt sich hinter mich, so dass ich mit dem Rücken bequem an seiner Brust liegen kann. Seine Hände schieben sich in meine während er meinen Nacken küsst.

„Wollte ihn nur aufheitern. Dein Freund ist nämlich traurig, falls du es noch nicht gemerkt haben solltest. Du gefühlloser Klotz.“, erklärt Kiwi und knabbert delikat an der Eiswaffel.

„Was’n los?“, flüstert Flip besorgt.

„Nichts weiter.“, lüge ich. Warum den schönen Tag kaputt machen, oder?!

„Sag’s mir.“

„Später“, seufze ich, „es...es ist nicht so dringend.“

„Ich hab dich lieb.“

„Ich dich auch.“

„Du bist süß.“

Langsam drehe ich mich zu ihm um. „Du riechst total kuschelig.“ Ring frei für eines unserer Lieblingsspiele. Süße Sachen sagen, bis...einer die Fassung verliert, zu lachen anfängt, nicht mehr weiter weiß und/oder über den anderen herfällt!

„Ich mag dich gerne küssen.“

„Deine Haut ist weich wie Seide.“

„Du hast einen wunderschönen Hals.“, lächelt er und streicht mit dem Finger drüber.

„Deine Augen glitzern wie Diamantensplitter.“

„Deine Lippen schmecken wie süße Himbeeren.“

„Ach du Scheiße.“, unterbricht Kiwi schnaufend unser Spiel. „Hallo? Hilfe, wo sind die Wärter. Zwangsjacken bitte! Liebesverdummung im Endstadium. Lippen schmecken nicht nach Himbeeren, sondern nach dem, was man als letztes damit berührt hat. Deine“, er deutet mit der angeknabberten Eiswaffel auf Flip, „dürften ein zartes Aschenbecher-Aroma haben. Du rauchst wie ein verdammter Schlot.“

„Du hast ganz kleine niedliche Ohren.“, fahre ich fort.

„Phhh...kleine Ohren. Henkel sind das. Riesenhenkel“, mault Kiwi spöttisch, „naja, hat er wenigstens ausreichend Platz für Ohrringe.“

„Ich werd verrückt, wenn du mir so nah bist.“, haucht Flip.

„Mein Herz klopft, wenn du mich ansiehst.“

„Ich krieg ‘ne Gänsehaut, wenn du mich berührst.“

„Ich krieg ‘ne Gänsehaut, wenn du mich küsst.“

„Ich krieg ‘nen Abgang, wenn ihr nicht aufhört.“, zischelt Kiwi. „Oder einen Kotzreiz.“

„Du...“, Flip grinst dreckig, „...du kannst total gut blasen.“

Ha! Der will wohl heute ausnahmsweise mal das Spiel für sich entscheiden, was?! „Ich... ähem...“

Ein triumphierendes Lächeln macht sich auf seinem Gesicht breit.

„Ich...liiiiebe deinen kleinen dicken Bauch.“, kichere ich und kneife ihm kurz in besagtes Körperteil. Gewonnen!! Flip schmollt.

„Du findest mich dick?“, fragt er bedröppelt, während Kiwi sich neben uns lautstark kaputtlacht.

„Nee.“, antworte ich.

„Hast du aber grad gesagt.“

„Hab ich nicht. Nur, dass ich deinen Bauch liebe.“

„Der dick ist.“, entgegnet er trotzig.

„Naja, er ist eben nicht so besonders...mh...flach.“

„Soll ich etwa jetzt diäten, trainieren und sowas?“

Ich rutsche näher an ihn und schiebe meine Hände unter sein T-Shirt. „Untersteh dich. Dein Bauch ist niedlich und sexy. Manchmal glaube ich, ich könnt ‘nen Orgasmus kriegen, einfach nur, wenn ich ihn anfasse.“

„Wow.“, grinst er. „Und wenn der aber noch viel, viel dicker wird?“

„Dann hab ich noch viel, viel mehr zum Anfassen.“, murmle ich und schmatze einen feuchten

Kuss auf die leichte Wölbung.

„Live-Sex!“, schreit Kiwi. „Könnt ihr das bitte zu Hause machen? Mir kommt sonst das Eis hoch. Und überhaupt...warum will niemand MEINEN Bauch anfassen und einen Orgasmus kriegen, hä?“

Ich zupfe an seinem Shirt, so dass ein Stück weißer Haut sichtbar wird. „Ist leider nix dran.“ Ehrlich, Kiwi ist Haut und Knochen. Anorexie auf zwei dürren Beinchen.

„Du bist ein ganz blöder Spielverderber, Alex.“

„Wir sollten jetzt gehen.“, säuselt Flip.

„Jaja, fickt euch den Verstand raus, ihr Arschgeigen! Als gäb’s nichts Wichtigeres auf der Welt.“, ruft Kiwi uns nach.

Als wir gut gelaunt und unglaublich scharf aufeinander an unserer Behausung ankommen, erleben wir eine böse Überraschung. Der Hinterhof ist vollgestellt mit riesigen Schuttkontainern und Abrissgerätschaften.

„Scheiße“, zischt Flip durch die Zähne, „unsere Sachen.“ Er ist ein wenig blass um die Nase und hat es plötzlich sehr eilig.

Mh, die Wohnung sieht unverändert aus. Glück gehabt, oder?

„Los...zusammenpacken!“, kommandiert er und beginnt, seine Klamotten in Plastiktüten zu stopfen.

„Was...was machen wir denn jetzt?“

„Keine Ahnung“, brummelt er, „hierbleiben können wir jedenfalls nicht. Oder hast du Bock drauf, morgen abgerissen zu werden? Verdammte Wichser! Warum ausgerechnet jetzt, hä? Die ganze Zeit hat sich kein Schwein um das Haus gekümmert. Wär ja auch ein Wunder, wenn’s mal ein bisschen gut laufen würde.“

Vollbeladen schleppen wir uns durch die inzwischen dunklen Straßen. Ich habe nicht das Gefühl, als wüsste Flip, wo er hin will. Ziemlich planlos laufen wir einfach immer weiter.

Bestimmt eine Stunde. Vielleicht auch zwei oder zwanzig. Meine Arme werden lahm, meine Schulter schmerzt und mir ist kalt, obwohl ich schwitze.

„Wohin gehen wir denn?“, frage ich japsend.

„Irgendwohin.“, nuschelt Flip.

„Ich bin müde. Und meine Füße tun weh. Ich kann den ganzen Kram nicht länger tragen.“

„Meine Güte“, schreit er plötzlich, „hör doch mal auf zu jammern. Glaubst du, mir macht das Spaß? Ich hab keine Ahnung, wo wir bleiben können, okay? Wenn wir heute nichts finden müssen wir halt draußen pennen.“

Ich fand den Bahnhof zum Schlafen eigentlich nicht übel, traue mich aber nicht, das zu sagen.

Hinterher brüllt der mich noch mal so an. Wieso brüllt der mich so an? Ich kann doch schließlich nichts dafür, dass das Haus abgerissen wird, oder? Und stundenlang laufen und Sachen schleppen IST nun mal anstrengend.

Fünf Minuten später lässt Flip plötzlich die Klamotten fallen und zieht mich an sich. „Tut mir Leid.“, murmelt er in mein Haar.

Nach einer kurzen Verschnaufpause beschließen wir (also Flip), erstmal im Park zu kampieren. Leerstehende Häuser fallen einem halt nicht mal so eben vor die Füße. Genauso wenig wie kuschelige Hauseingänge, Brücken und dergleichen. Mir ist eh schon alles egal. Hauptsache, irgendwo ausruhen. Morgen finden wir sicher eine Lösung.

So, wir sind jetzt richtig waschechte, abgefuckte Hausbesetzer! Nach ein paar unbequemen Nächten im Park hat Flip sich auf die Socken gemacht und tatsächlich eine neue Bleibe gefunden. Leider muss ich ernsthaft überlegen, ob der Park nicht doch angenehmer wäre.

Das Haus ist echt...gruselig. Sämtliche Fensterscheiben sind kaputt und die Tür ist mit Brettern vernagelt. Flip tritt einige zur Seite und deutet auf die Luke.

„Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“

Er zuckt die Schultern und schon ist er durch die Bretterluke geschlüpft. Unwohl schlüpfe ich hinterher. Drinnen sieht es noch schlimmer aus. Die Wände sind kahl, der Putz bröckelt ab, so dass riesige Löcher entstanden sind. Überall ist Farbgesprühe und der Boden an einigen Stellen aufgerissen. Den ganzen Dreck erwähne ich mal lieber nicht. Es stinkt nach allem, was man sich vorstellen kann. Schmutz, abgestandenes Bier, abgestandene Pisse, Moder, Verwesung. Mich überkommt ein spontaner Brechreiz. Hauptsache, hier liegen keine Leichen rum...der Gestank lässt sowas Grausiges vermuten.

Über eine Treppe, die nicht sehr stabil aussieht, kommen wir nach oben, durch eine Tür ohne Klinke, und stehen schließlich in etwas, von dem man sich, wenn man viel Phantasie besitzt, vorstellen kann, dass es früher mal eine Wohnung gewesen sein muss. Ich mag mich da aber auch nicht festlegen. Jedenfalls gibt es noch sowas wie Zimmer, in eins davon hat Flip seine

Sachen gebracht.

„Und...und wenn hier alles zusammenbricht?“, frage ich beklommen.

„Sind wir tot.“

Ja, so simpel ist das wohl.

„Wenigstens ist es trocken.“

Das ist aber auch schon das einzig Positive.

„Ich weiß, dass es nicht toll ist, aber...was soll ich machen? Eine super kuschelige Wohnung herbeizaubern? Wir müssen das jetzt eben eine Zeit aushalten.“

„Wie lange?“

Da er nicht antwortet, gehe ich davon aus, dass er schon wieder sauer ist. Was erwartet er denn? Dass ich vor Freude über dieses Loch in die Luft springe?

„Kannst immer noch nach Hause zurück.“, murmelt er, während er Decken auf dem Boden aubreitet, Isomatte samt dünner Schaumstoff-Irgendwas und seinen Schlafsack drauflegt.

Mir schmerzt jetzt schon der Rücken. Der Gedanke, tatsächlich nach Hause zu gehen, ist sehr verlockend. Da hab ich ein warmes, weiches Bett, aber keinen Flip. Letzterer ist mir wesentlich wichtiger als meine Bequemlichkeit. „Ich will aber bei dir sein.“, sage ich deshalb.

„Bist du sicher? Ich würd’s dir nicht übel nehmen, denn, wenn wir mal ehrlich sind...du bist ohne mich wahrscheinlich besser dran.“

„Schickst du mich etwa schon wieder weg?“

„Nein. Machst ja eh nicht, was ich dir sage. Trotzdem. Wenn ich die Wahl hätte...“

Ich will gar nicht wissen, was er tun würde, wenn er die Wahl hätte, also frage ich mal lieber nicht nach.

„Okay“, seufzt er, „lass uns schlafen.“

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