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Auf der Tour

Teil 19

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Inhaltsverzeichnis

Chris: Zeitplan gerät etwas durcheinander

Obwohl ich eigentlich geplant hatte erst am Montag zurückzufahren, mussten wir uns noch am Sonntag auf den Weg machen. Thorsten hatte mich informiert, dass bei Fynn und Maxi wichtige Prüfungen in der Schule anstehen würden. Die Klassenlehrer hatten darum gebeten, dass beide in dieser kompletten Schulwoche anwesend sind. Und auch in der darauffolgenden Woche, die eigentlich schon für ein Vorbereitungsturnier gedacht war, mussten sie in der Schule sein. Das brachte unsere Zeitplanung für den Jahreshöhepunkt durcheinander. Sie hatten ja alle eine Wildcard für die Qualifikation bei den US Open bekommen.

Heute in der Teambesprechung musste geklärt werden wie der weitere Verlauf sein würde. Ich war nicht begeistert, aber für mich gab es keine Sekunde Zweifel, dass sie jetzt zwei Wochen Schule machen würden. Für Maxi und Fynn waren es die wichtigsten Prüfungen des Jahres.

Ich konnte heute in Ruhe frühstücken, denn ich hatte ja nur noch eine kurze Anfahrt. Anschließend hatte ich mich mit Thorsten verabredet, damit wir die Turnierergebnisse besprechen und schon einmal überlegen konnten wie es jetzt weitergehen könnte.

Die Jungs waren nicht so begeistert, denn sie wären natürlich lieber schon in die USA zur Vorbereitung geflogen. Die Umstellung auf den Hartplatz brauchte mich nicht zu stören. Wir konnten in Halle den gleichen Boden nutzen. Also die Umstellung sollte auch hier möglich sein. Allerdings die klimatische Umstellung konnten wir natürlich nicht simulieren.

Als ich in die Sportpark Lounge kam, wartete Thorsten bereits auf mich.

„Hallo Chris, bist du gut zu Hause angekommen? Was ziehst du für eine Bilanz eurer Reise? Außer den beiden Titeln.“ Thorsten fragte mich mit einem Lächeln.

Wir bekamen zwei Latte Macchiato serviert und danach gab ich einen kurzen Überblick der Reise.

„Durchweg positiv. Insbesondere der Teamspirit wächst stetig. Jeder steht für den anderen ein und sucht das bestmögliche Teamergebnis ohne dabei den eigenen Erfolg aus den Augen zu verlieren. Wenn einer früher ausgeschieden ist, dann stellt er sich ungefragt in den Dienst der anderen. Gerade Maxi hat dort große Fortschritte gemacht. Obwohl der Verlust seines Vaters sicher noch längst nicht verarbeitet ist, hat gerade er an diesem Punkt einen positiven Schritt gemacht. Auch ist er viel offener in der Kommunikation geworden. Er teilt seine Gefühle in Gesprächen mit mir mit. Das erleichtert mir die Arbeit mit Maxi sehr.“

„Das höre ich gerne. Wir hatten ja doch Bedenken ob er sich nach dem Tod seines Vaters wieder motivieren könnte. Dann haben wir es wohl richtig gemacht. Das freut mich sehr. Sowohl für Maxi aber auch für dich. Du hast ja viel Zeit und Energie in Maxi investiert.“

„Danke ja, aber wir alle haben an diesem Erfolg mitgewirkt. Ich habe übrigens auch einen positiven Aspekt gefunden, dass wir jetzt doch zwei Wochen am Stück hier sein werden. Erstens kann ich endlich mal wieder meine Panigale bewegen und zweitens auch mal wieder abends zu Hause sitzen und mich ausruhen.“

„Okay, dann würde ich jetzt vorschlagen, dass wir ins Besprechungszimmer gehen. Die anderen werden auch gleich hier sein. Macht ihr heute ein normales Training?“

„Nein, ich habe ihnen heute frei gegeben. Ich werde mir aber Tim und Carlo ansehen. Marco hat mich um eine Beurteilung gebeten.“

„Das ist sicher eine gute Idee. Wie wäre es für dich, heute mal wieder selbst etwas zu spielen? Hast du Lust?“

Während der Reise hatte ich gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen, aber ich fühlte mich heute gut. Also warum nicht mal wieder ein paar Bälle spielen.

„Können wir gern machen, aber nichts Wildes bitte.“

Thorsten lachte und so gingen wir ins Besprechungszimmer.

Gleich zu Beginn der Teambesprechung gab es große Diskussionen über einen Jungen, der bei Toto trainierte. Er hatte sich bei einer Schulveranstaltung richtig daneben benommen. Es waren wohl auch Alkohol und Drogen mit im Spiel. Toto plädierte für den sofortigen Rauswurf, Burghard wollte zuerst ein Gespräch mit den Eltern haben. Ich kannte diesen Jungen nicht und hielt mich deshalb aus der hitzigen Diskussion heraus.

„Lasst uns doch einmal Chris befragen. Er hat doch jahrelang in diesem Bereich gearbeitet und sicher viel Erfahrung damit“, äußerte sich Jan.

Ich schreckte ein bisschen hoch und musste eine Sekunde überlegen.

„Wie alt ist der Junge und aus welchem Umfeld kommt er? Gab es schon vorher Probleme?“

Toto schilderte kurz den Trainingsverlauf und dass es wohl nur in den letzten zwei Wochen etwas schwieriger geworden war. Der Junge war vierzehn Jahre alt und kam aus einem normalen Elternhaus.

„Leute, für mich steht der Rauswurf an dieser Stelle überhaupt noch nicht zur Debatte. Der Junge ist kein Leistungsspieler, er trainiert zweimal in der Woche. Außerdem hat er sich sonst nichts zu Schulden kommen lassen. Zuerst muss ein Elterngespräch stattfinden, danach sehen wir weiter. Wir helfen dem Jungen nicht, wenn wir ihn jetzt rauswerfen. Was riskieren wir denn? Es wäre etwas komplizierter, hätte er hier Drogen an die anderen Jugendlichen verteilt. Toto, ist der Junge noch für dich zugänglich?“

„Ja, bisher schon. Allerdings waren die letzten Wochen nicht einfach. Er schludert mit seiner Pünktlichkeit und ich muss jedesmal die Diskussion zum Thema Duschen führen.“

Das war für mich alles kein Drama. Altersbedingt normal. Allerdings Alkohol und Drogen waren klare Alarmsignale.

Jan meldete sich noch einmal zu Wort:

„Du bist doch jetzt eine Woche länger hier. Kannst du dir den Jungen nicht einmal beim Training anschauen und vielleicht sogar mit ihm in Kontakt kommen. Ich möchte deiner Ansicht folgen, wir sollten erst alle Möglichkeiten der Hilfsangebote nutzen. Dann können wir immer noch entscheiden.“

Ich fand diese Idee gut und würde mich im Anschluss an die Teamsitzung noch mit Toto kurzschließen.

„Zum Abschluss möchte ich Chris bitten, uns einen ausführlichen Bericht über ihre letzte Turnierreise zu geben.“

Es war mir natürlich klar gewesen, dass ich noch etwas berichten sollte. Aber alle wollten immer wieder auch Details wissen. Deshalb beanspruchte ich mit meinem Bericht doch über vierzig Minuten. Geendet hatte ich mit der Frage, wie es jetzt weitergehen würde.

Jan hatte anscheinend bereits genaue Pläne im Kopf, denn:

„Nach den Schulprüfungen fliegt ihr zu den US Open. Ich bin ja auch schon frühzeitig dort und habe die Idee, Justin und Dustin bereits Mitte dieser Woche mitzunehmen. Sie können dann ihr Vorbereitungsturnier spielen und Chris kommt mit Fynn und Maxi hinterher.“

Das war eine ganz neue Idee und entsprechend überrascht schaute ich meinen Bruder an.

„Warum schaust du so entsetzt? Du kannst hier noch etwas Kraft tanken und mit Tim, Carlo, Fynn und Maxi arbeiten. Und wenn ihr dann zur Qualifikation kommt, könnt ihr im Anschluss mich und Niko bei den US Open unterstützen. Er braucht ja auch immer gute Trainingspartner.“

„Coole Idee“, reagierte Thorsten zuerst.

Mir war das nicht so ganz geheuer. Immerhin würden Dustin und Fynn sich das erste Mal getrennt vorbereiten, aber rein sportlich gesehen wäre das eine gute Alternative.

„Das bespreche ich aber zuerst mit Fynn und Dustin. Wenn das für beide in Ordnung geht, wäre ich dafür, es so zu machen. Aber es hilft beiden nicht, wenn sie mit der Trennung nicht klar kämen und sich nicht auf die wichtigen Dinge fokussieren könnten.“

„Ja, das ist okay. Wobei ich sogar glaube, dass es vielleicht für die Prüfungen von Vorteil ist. Er kann sich dann voll aufs Lernen konzentrieren. Aber klär das mit den beiden. Dann sehen wir weiter.“

„Ich sehe das noch nicht so einfach. Aber ich rede heute noch mit beiden darüber. Bis wann muss ich das geklärt haben? Wann fliegst du los?“

„Unser Flug geht am Mittwoch. Bis dahin sollten wir das geklärt haben. Wir müssten aber auch noch die Tickets für die beiden Jungs umbuchen. Und ich bin morgen in Bremen. Das hatte dir Thorsten ja schon gesagt. Du hast morgen also Niko bei dir.“

„Ja, richtig. Oh man, das geht ja gleich wieder gut los. Von wegen mal ein paar Tage ruhiger arbeiten.“

Im Kopf schwirrte mir schon der Gedanke herum, dass Fynn und Dustin sich getrennt vorbereiten. Ob das der richtige Weg war?

Zum Abschluss hatte Thorsten noch eine Information für uns.

„Es gibt noch etwas Neues. Carlos Moya hat angefragt ob zwei seiner Spieler bis zu den US Open bei uns trainieren könnten. Chris kennt die beiden bereits und wir hatten das mit den Spaniern schon vor einiger Zeit so besprochen.“

„Geht es um Marcelo und Sergio?“, fragte ich.

„Genau“, antwortete Thorsten, „sie sollen hier zwei Wochen mit euch trainieren und auch mit euch über den Teich fliegen. Dort wird Sergio dann von der Nadal Base betreut. Marcelo hat Semesterferien und macht dort ein paar Tage Urlaub mit Sergio. Bekommen wir das hin?“

Das gefiel mir überhaupt nicht. Wir hatten eh schon extrem viel Druck und noch mehr Verantwortung zum jetzigen Zeitpunkt wollte ich einfach nicht.

„Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich diesen Zeitpunkt nicht gut empfinde. Diese zwei Wochen sind voll mit Programm für mich. Da stehen für Maxi und Fynn die Schulprüfungen an und dann sollen sie sich nebenbei noch um die beiden Spanier kümmern? Wie soll das gehen, zumal Maxi und Fynn nur am Nachmittag trainieren können.“

Thorsten und Jan schauten sich an. Jan gab dann dazu eine Entscheidung:

„Chris hat recht. Das passt vom Zeitpunkt nicht. Wir sollten das verschieben. Sag doch Carlos Moya bitte, wir melden uns, wenn wir einen guten Zeitpunkt gefunden haben. Vielleicht nach dem Urlaub von Fynn und Dustin. Dann stehen auch wieder ein paar Turniere an.“

Dieser Vorschlag gefiel mir sehr viel besser. Ich ergänzte noch:

„Und wenn die beiden herkommen, möchte ich auch Zeit für sie haben. Schließlich sind sie vom gleichen Ufer wie Fynn und Dustin. Außerdem hat Sergio viel Potenzial. Dafür möchte ich angemessen Zeit haben.“

„Ach, noch ein Pärchen im Herrentennis?“, fragte mein Bruder.

„Ja, aber sie waren noch nicht geoutet als wir bei ihnen waren. Nur die Trainer wussten es bereits. Vielleicht hat sich da ja schon etwas mehr bewegt.“

Zum Ende der Besprechung bekam ich von allen ein großes Lob für unseren Erfolg. Jan war sichtlich beeindruckt von unseren Erfolgen und den Entwicklungen. Nach dem Meeting hatte ich mich mit Toto darauf verständigt, mir den Jungen in der Trainingssituation anzuschauen, um dann gemeinsam eine Strategie zu entwickeln.

Am Nachmittag schaute ich mir das Training bei Tim und Carlo an. Ich wurde stürmisch begrüßt als sie mich am Platz erkannten. Marco musste sogar die Übung unterbrechen für die Begrüßung. Das wollte ich eigentlich nicht.

„Hi Chris, ihr seid wieder da. Das war ja geil was ihr angestellt habt“, freute sich Tim lachend.

Carlo kam ebenfalls zu mir an den Zaun und wir begrüßten uns mit einer Umarmung. Marco kam auch hinzu und so gab es doch eine kleine Unterbrechung des Trainings. Was mich dabei etwas überraschte war, dass ein Junge mit den beiden trainierte, den ich noch nie zuvor in Halle gesehen hatte. Marco nutzte die Unterbrechung, den Jungen zu sich zu holen.

„Darf ich dir Joel vorstellen. Joel ist seit einer Woche hier zum Probetraining und kommt aus Gütersloh.“

Der Junge wirkte unsicher, war aber freundlich. Ich schätzte ihn ungefähr so alt wie Carlo und Tim, also vierzehn oder fünfzehn. Marco erklärte ihm:

„Das ist Chris und der Coach von Maxi, Justin, Dustin und Fynn. Ich gehe davon aus, dass du bereits von diesen Jungs etwas gehört hast. Chris hat Tim und Carlo auch einige Zeit betreut. Daher kennen sie sich gut. Chris wird auch weiterhin mit Tim und Carlo arbeiten, sollten die großen Jungs einmal hier in Halle für eine Trainingszeit sein. Also nicht wundern wenn sich Chris auch hier einbringt oder gar mal eine Einheit mit dir leiten wird.“

Ich reichte Joel mit einem lockeren „Hallo“ meine Hand. Er begrüßte mich freundlich, aber sehr schüchtern.

Carlo hatte das natürlich bemerkt und gab von der Bank einen typischen Kommentar ab:

„Chris beißt nicht. Er ist unser alter, grüner Drache. Aber ein netter Drache. Und Tennis spielen kann er auch. Und er fährt gern Motorrad.“

„Der alte Drache wird dir gleich zeigen ob er alt ist. Außerdem kann der nette Drache auch mal richtig böse werden, wenn Jungs frech werden.“

Tim schaute mich an und begann zu lachen und sich über Carlo lustig zu machen.

„Hahaha, da hat dir Chris aber gerade mal gut einen eingeschenkt. Hey Joel, keine Angst. Chris ist richtig cool. Ich freue mich schon, wenn ich mal wieder etwas mit ihm trainieren darf.“

Währenddessen hatte ich mit Marco kurz besprochen, dass ich Joel, Carlo und Tim mit zu den großen Jungs nehmen wollte, sofern es bei Marco passte. Marco nickte und für den morgigen Tag vereinbarten wir ein gemeinsames Training. Marco würde mit mir gemeinsam die große Gruppe begleiten. Joel wollte ich mir bei dieser Gelegenheit auch etwas genauer anschauen. Vielleicht hatte er ja bereits das Niveau von Carlo und Tim.

Fynn: Eine wichtige Prüfungszeit

Dass uns Chris am Montag trainingsfrei gegeben hatte, war ein feiner Zug von ihm. Es entwickelte sich der Montag zu einem richtigen Stresstag. Wir wurden von den Freunden und Lehrern regelrecht ausgefragt und mussten ständig von unseren Erfolgen berichten. Das nervte mich irgendwann. Und erst recht anstrengend wurde es im Unterricht, als mir klar wurde, wieviel Stoff ich noch für die anstehenden zwei Prüfungen nacharbeiten musste. Ich hatte nicht einmal Zeit, mich mit Dustin in der großen Pause zu treffen. Das störte mich ganz gewaltig. Erst in der letzten Pause trafen wir uns dann endlich.

„Boah, heute finde ich Schule aber richtig ätzend. Ständig wollen alle irgendwas von mir und dann bekomme ich auch noch einen Haufen Lernstoff, den ich bis nächsten Donnerstag für die Klausuren können muss.“

„Ja, geht mir ähnlich. Nur dass ich keine Abschlussprüfungen schreiben muss. Außerdem hast du mir gefehlt.“

Dustin nutzte die Situation und endlich konnten wir uns einen Kuss geben. Dieser Kuss fühlte sich besonders toll an. Es war der erste an diesem Morgen in der Schule.

„Kaum sind sie mal in der Schule und schon sind sie wieder am knutschen. Hahaha!“

Wir zuckten kurz zusammen, aber diese Stimme war uns gut bekannt. Deshalb drehte ich mich nur langsam um. Da standen Stefan und Andi vor uns. Sie grinsten frech.

„Dürfen wir uns zu euch gesellen oder wollt ihr ungestört sein?“, fragte Stefan ernst.

„Nein, nein, bleibt da. Wir sind jetzt auch ganz artig“, antworte Dustin lachend.

Andi und Stefan waren mir mittlerweile Freunde geworden. Sie hatten uns auch schon in Halle bei der Bundesliga besucht. Leider hatte ich viel zu wenig Zeit, diese Freundschaften mehr zu pflegen.

„Wie lange bleibt ihr dieses Mal bei uns?“, frage Andi.

„Ihr werdet es kaum glauben, aber zwei Wochen. Ich muss ja die Prüfungen mitschreiben. Darauf hat die Schule bestanden.“

„Das ist aber heftig. Kommt ihr bei den Turnieren zum Lernen?“

„Nicht so wie ich das müsste. Ich hatte gedacht, dass es einfacher wäre. Aber nun gut. Die Schule geht ja bald dem Ende zu. Und wir haben schließich vorher gewusst, dass diese Abschlusszeit heftig werden würde.“

„Also hast du jetzt viel zu tun und wieder keine Zeit für deine Freunde?“, fragte Stefan etwas enttäuscht.

„Ja, das könnte passieren. Aber nach den Prüfungen könnten wir abends vielleicht mal losziehen, denn wir fliegen erst am Samstag nach New York.“

Damit waren die beiden einverstanden, aber sie schlugen noch vor, dass wir uns zusammen auf die Prüfungen vorbereiten könnten. Dieses Angebot nahm ich dankend an. Bereits heute wollten wir uns nach der Schule in der WG zum Lernen treffen.

Als ich einige Zeit nach Schulschluss mit Martina noch bei den letzten Vorbereiten für das Mittagessens war, gingen mir doch eine Reihe von Gedanken durch den Kopf. Wie lange würde ich wohl diese Doppelbelastung noch schaffen? Die Ansprüche in der Schule stiegen stetig. Was käme danach? Ein Studium? Oder vielleicht doch der Versuch, sich auf der Profitour durchzusetzen?

„Na Fynn, was geht dir gerade durch den Kopf? Du bist eben sehr weit weg gewesen mit deinen Gedanken.“

„Ja, das ist korrekt. Ich stellte mir gerade die Frage, ob ich die Schule wirklich auch schaffe. Wir hatten niemals gedacht, bereits zu diesem Zeitpunkt so häufig auf Turnierreisen zu sein. Jetzt wird es für mich eng werden mit den Abschlussprüfungen. Ehrlicherweise habe ich nicht viele Möglichkeiten auf den letzten Reisen gehabt, um für die Schule zu lernen. Und das ist ganz schön viel, was ich nachholen muss. Jetzt habe ich dafür nicht mehr als eine Woche Zeit.“

„Da kann ich dich gut verstehen, aber du solltest dir nicht zu großen Druck machen. Ich bin mir ganz sicher, dass alle im Team deine Situation kennen. Auch wenn für alle eine zwei vor dem Komma im Schnitt eine Voraussetzung ist, um im Team bleiben zu können, wird jeder deine besondere Situation kennen. Vor allem Chris wird an dieser Stelle sicher mit Jan bereits gesprochen haben. Setze dich hin und gib dir Mühe, aber verlange keine Wunder von dir. Wir tun es auch nicht. Wir möchten nur, dass du einen Abschluss machst, der dir später alle Optionen offenhält. Und dass du den Abschluss schaffst, da habe ich überhaupt keinen Zweifel.“

In diesem Moment bemerkte ich erst, dass Dustin auch schon zurück war und die letzten Sätze von Martina mitbekommen hatte. Er setzte sich neben mich und gab mir einen liebevollen Kuss. Das tat jetzt so unglaublich gut, meinen Freund wieder an meiner Seite zu haben. Martina lächelte und ließ uns beide dann in Ruhe essen.

Chris hatte für uns ein extra Programm erstellt. Nur für diese zwei Wochen. Morgens in die Schule, dann am frühen Nachmittag eine Trainingseinheit auf dem Platz und abends eine Lernzeit. Diese Lernzeit würde ich mit Andi und Stefan gemeinsam absolvieren. Maxi traf sich auch mit seinen Leuten zum Lernen. Wobei Maxi scheinbar besser mit der Situation zurecht kam. Er hatte aber auch andere Prüfungsfächer als ich.

Der Montagabend hatte noch eine Überraschung parat. Andi, Stefan und ich saßen in unserem Appartement als plötzlich Dustin mit Chris hereinkam.

„Hallo Schatz, ich habe da jemanden mitgebracht, der meinte, er müsse unbedingt mit uns etwas besprechen. Vielleicht machst du einmal eine Pause beim Lernen.“

Dabei hatte er mich bereits von hinten umarmt und mir einen Kuss gegeben. Wie sollte ich da zum Lernen kommen? Aber wenn Chris extra in die WG gekommen ist, dann musste es wichtig sein.

„Hi Chris, was ist passiert, dass du extra herkommst?“

Ich legte meinen Stift an die Seite und auch Andi und Stefan schauten neugierig zu Chris.

„Hi Fynn, wir hatten heute Mittag eine Teamsitzung und da hatte Jan einen Vorschlag gemacht, den wir drei jetzt bitte einmal besprechen müssten. Würdest du dafür einmal mit uns in den Garten kommen.“

Jetzt wurde es aber spannend. Was hatten sie sich jetzt wieder ausgedacht? Ich entschuldigte mich bei Stefan und Andi und als wir drei dann im Garten saßen, legte uns Chris den Plan vor:

„Also es geht um die Vorbereitung für die USA Reise. Und bevor ihr euch aufregt, lasst mich bitte ausreden und ihr müsst heute auch keine Entscheidung treffen. Jan hatte die Idee mit Justin und Dustin bereits am Mittwoch in Richtung New York aufzubrechen, dort wie ursprünglich geplant ein Vorbereitungsturnier zu spielen und sich dann auf die Qualifikation für die US Open einzustellen. Maxi und Fynn würden dann unmittelbar nach den Prüfungen mit mir in die Staaten fliegen. Das hieße für euch beide, ihr wäret das erste Mal bei einer Turniervorbereitung nicht zusammen unterwegs. Könnt ihr euch das vorstellen oder sagt ihr, das geht überhaupt nicht? Und bitte seid ehrlich.“

Stille.

Dustin und ich schauten uns an. Auf diesen Gedanken wäre ich nicht gekommen, aber Chris hatte damit ja eigentlich eine richtige Idee geäußert. Warum sollten Dustin und Justin die optimale Vorbereitung nicht machen, nur weil wir diese Prüfungen noch schreiben mussten? An Dustins Gesicht konnte ich allerdings sofort Zweifel erkennen. Deshalb gab ich ein klares Statement ab:

„Ich finde es richtig, dass Dustin und Justin sich optimal vorbereiten. Sie können ja nichts dafür, dass wir noch Prüfungen schreiben müssen. Ich würde damit kein großes Problem haben, wenn Dustin und ich mal ein paar Tage nicht zusammen sind. Aber ich möchte nicht für meinen Freund entscheiden.“

Dustin schaute mich mit großen Augen an und zögerte. Er war sich unsicher. Chris hatte das natürlich sofort gespürt.

„Du musst jetzt gar nichts dazu sagen, Dustin. Ihr könnt auch eine Nacht darüber schlafen und mir morgen eine Entscheidung mitteilen.“

„Wann würden Fynn und Maxi nachkommen?“, fragte Dustin.

„Sobald hier alle Prüfungen geschrieben sind. Ich denke, dass wir dann am Samstagfrüh oder Freitagabend nächster Woche vielleicht schon fliegen könnten. Du wärest also eine gute Woche ohne deinen Freund.“

Chris hatte es vermieden, eine Bewertung abzugeben. Er wollte Dustin frei entscheiden lassen.

„Wie ist das denn mit meinen Schulzeiten? Ich muss zwar jetzt keine Prüfungen schreiben, aber so viel habe ich ja auch nicht für die Schule machen können. Denkst du, dass ich das im nächsten Jahr dennoch schaffen kann?“

„Ich kann dir für das nächste Jahr noch keine Prognose machen. Allerdings sehe ich es für dieses Schuljahr nicht als Problem an. Und was Fynns Prüfungen betrifft, da sehen wir jetzt zu, dass wir das hinter uns bringen und dann ist das erledigt.“

„Und wer wird uns dann in den USA betreuen bevor ihr dort seid?“, fragte Dustin.

„Jan wird euch begleiten. Er spielt ja mit Niko bei dem gleichen Vorbereitungsturnier. Da sollte das kein Problem werden.“

Mein Schatz überlegte und ich konnte sehen wie es in seinem Kopf arbeitete. Chris nahm jeglichen Druck aus der Sache, indem er diese Situation mit den Worten:

„Ihr solltet heute Abend noch einmal in Ruhe darüber sprechen. Und eines ist versprochen, es wird keinerlei Nachteile geben, wenn Dustin erst mit Fynn über den Teich fliegt. Aber es könnte ein großer Vorteil sein, wenn du mit Justin vorher fliegst.“

Dustin hatte es danach begriffen und erstaunlicherweise brauchte er den Abend nicht mehr mit mir darüber nachzudenken, denn er gab Chris eine klare Antwort:

„Nein, ich habe mich entschieden. Chris hat ja recht mit seiner Idee. Vielleicht hilft es Fynn ja auch beim Lernen. Ich kann ihn nicht mehr ablenken. Und etwas mehr als eine Woche ist ja auch kein Weltuntergang.“

Dabei musste er bereits lachen und gab mir einen Kuss. Chris schaute erstaunt, freute sich aber über diese Entschlossenheit von Dustin.

Damit war das geklärt und ich wollte schon zurückgehen, da fiel mir noch etwas ein was ich Chris fragen wollte.

„Chris, du hast mal vor einiger Zeit erwähnt, dass du Physik als Leistungskurs hattest. Wir haben bei unserer Prüfungsvorbereitung gemerkt, dass wir da größere Schwierigkeiten haben. Hättest du eventuell mal Zeit uns etwas zu erklären?“

Chris fing an zu schmunzeln.

„Oha, in Physik? Das kommt ganz darauf an, denn diese komischen Longitudinalwellenberechnungen habe ich damals schon nicht gemocht. Alles was vorher kam, war spannend und interessant.“

Diesen Begriff hatte ich noch nie zuvor gehört. Damit stieg unsere Chance auf Hilfe von Chris ungemein.

„Was ist das denn? Nein, es geht um das Thema Strom und Magnetfeldrichtungen.“

Chris schaute überrascht und lächelnd antwortete er:

„Das ist kein Problem. Da war ich immer gut. Wann schreibt ihr die Prüfung?“

„Am Montag nächster Woche schon. Ich treffe mich deshalb mit Andi und Stefan immer abends zum Lernen.“

„In Ordnung, ich schau gleich mal in meinen Kalender, aber wenn ihr möchtet, können wir ja gemeinsam einen Termin machen. Dann schauen wir, wie weit ihr schon seid. Ich sag dir Bescheid.“

„Cool, danke. Das würde uns sehr helfen. Im Moment fühle ich mich etwas überfordert, da auch eine Zwei zu schreiben. Ihr erwartet ja immer eine zwei vor dem Komma.“

Auf diese Bemerkung reagierte Chris nur mit einem Blick zu mir, aber er erwiderte nichts. Chris verabschiedete sich und bevor auch mein Freund mich zum Lernen entließ, bekam ich noch einen Kuss.

An diesem Abend schafften wir zwar noch einiges an Stoff, aber nach weiteren neunzig Minuten war einfach die Luft raus. Wir beendeten diese Session und wollten uns am nächsten Tag wieder treffen. Stefan und Andi freuten sich, dass Chris uns in Physik helfen wollte.

Nach dem Abendessen mit Dustin, zogen wir uns schnell in unser Appartement zurück. Ich wollte einfach nur noch abschalten. Die anderen WG-ler hatten bereits vor uns gegessen, aber durch die Vorbereitung auf die Prüfung machte es für mich nur so einen Sinn. Dustin hatte netterweise auf mich gewartet, so dass wir gemeinsam essen konnten. Danach saßen wir bei leiser Musik auf der Couch. Ich hatte uns einen Kräutertee gekocht. Chris hatte uns für das Teetrinken begeistern können und ich empfand es gerade abends äußerst entspannend.

„Hast du wirklich kein Problem damit, wenn ich mit Jan und Justin schon Richtung USA aufbrechen würde? Ich möchte das nur machen, wenn du wirklich damit einverstanden bist.“

Da kam die Unsicherheit von Dustin wieder durch. Obwohl ich mir auch nicht völlig sicher war, ob es für mich nicht problematisch werden würde, stimmte ich diesem Plan zu. Für Dustin wäre es eine gute Gelegenheit, noch zusätzliche Punkte zu sammeln.

„Ja, Chris und Jan haben sich das auch sicher gut überlegt und Chris hat uns gefragt bevor sie eine Entscheidung treffen. Ich glaube, dass es für dich eine super Gelegenheit wäre, dich für die harte Arbeit zu belohnen. Außerdem brauche ich dann auch kein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich abends mal wieder lange mit Andi und Stefan lerne.“

Dustin akzeptierte meine Meinung dazu und hatte sich entschlossen mit Justin und Jan vorzeitig aufzubrechen. Als kleine 'Entschädigung' nutzten wir den Abend, gingen früh ins Bett und hatten noch ein bisschen 'Spaß' miteinander, um dann vollkommen befriedigt und entspannt einschlafen zu können.

Chris: Zwei Wochen Training in Halle

Die erste Trainingseinheit mit Niko und Justin am Dienstagvormittag verlief sehr gut. Justin hing sich voll rein und hatte auch nicht mehr so viel Angst vor Niko. Justin war allerdings nach neunzig Minuten am Limit und Niko schickte ich dann noch in den Kraftraum.

Am Nachmittag kamen die anderen hinzu und Niko machte mit Maxi und Fynn eine Trainingseinheit. Da sie zu zweit waren, konnte es über die vollen zwei Stunden gehen.

Tim und Carlo kamen mit Joel und Marco auch zu uns. So hatte ich mit Marco eine gute Unterstützung an meiner Seite. Ich übernahm die Einheit mit Niko, während Marco die anderen beschäftigte. Allerdings konnte ich zwischendurch immer wieder mal bei den Jungs schauen. Insbesondere Joel kannte ich ja überhaupt noch nicht.

Interessant war zu sehen, wie Joel mit meinen Jungs umging. Er hatte großen Respekt und spielte zu Beginn mit viel Angst. Erst nach einer guten Stunde konnte er sich frei spielen und stand dann Tim und Carlo mit seinem Können kaum nach. Definitiv hatte dieser Junge auch Talent.

Insbesondere Carlo schien mit Joel einen neuen Freund bekommen zu haben. Sie scherzten viel miteinander. Hoffentlich würde Tim dabei nicht außen vor bleiben. Das würde sonst neue Probleme geben.

Als ich mir am Dienstagabend frisch geduscht auf der Terrasse eine Fassbrause gönnte, tauchten Carlo und Tim zusammen mit Joel auf. Als sie mich entdeckten, kamen sie sofort an meinen Tisch und Carlo fragte:

„Kann Joel noch mit zu uns in die WG kommen? Oder ist das nicht erlaubt?“

„Ihr fragt jetzt den Falschen. Das müsst ihr Martina fragen. Habt ihr für die Schule alle Sachen fertig?“

Tim lachte als er antwortete:

„Ja klar. Das habe ich mittlerweile verstanden, dass ich so eine Frage sonst nicht stellen sollte. Carlo und ich haben alles für die Schule gemacht.“

„Sind denn Joels Eltern damit einverstanden? Ich nehme an, dass sie dich hier abholen.“

Joel nickte und erwiderte:

„Ja, ich habe ihnen schon heute Mittag gesagt, dass sie mich erst später abholen sollen. Nur noch nicht, dass ich in der WG mit Tim und Carlo wäre.“

„Okay, also von mir aus könnt ihr das machen, aber ganz klar, fragt Martina, ob sie damit einverstanden ist. Und Joel sollte dann seine Eltern informieren, dass sie dorthin kommen und dich nicht hier abholen sollen.“

Damit waren die drei einverstanden und schwirrten sofort Richtung WG ab. Das könnte mit Joel und den beiden noch lustig werden, denn Joel war im Prinzip ähnlich veranlagt wie Carlo. Immer den Schalk im Nacken. Soviel hatte ich heute schon erkannt.

Eigentlich erwartete ich Fynn noch zu einem kurzen Gespräch bezüglich seiner Prüfungen, damit wir einen Termin vereinbaren konnten. Allerdings sollten sie noch bei Kolja und Christoph vorbei zu einer Physioeinheit und einem Medizin-Check.

Die Wartezeit nutzte ich für eine weitere Fassbrause und genoss die abendlichen Sonnenstrahlen. Plötzlich tauchte Dustin bei mir auf.

„Ah, hier bist du. Ich soll dir von Fynn ausrichten, dass er schon in die WG gefahren ist. Er würde sonst zu spät kommen, da er sich wieder mit Andi und Stefan zum Lernen verabredet hatte. Aber er hat mir gesagt, dass er sich freuen würde, wenn du spätestens am Freitag oder Samstag Zeit hättest. Sie schreiben ja bereits am Montag.“

„Ja, ich denke, dass mir der Freitag nach dem Training besser passen würde. Kannst du bitte Martina sagen, dass ich dann bei euch zum Abendessen sein werde. Außerdem könnten wir bei Bedarf am Wochenende noch etwas üben.“

„Klar, das gebe ich gerne weiter. Ich fahre jetzt auch nach Hause und wünsche dir einen schönen Abend.“

„Danke, euch ebenso.“

Jetzt konnte ich in den Feierabendmodus schalten und überlegte, was ich mit dem Abend noch anfangen würde. Ich entschied mich, mir noch eine Massage abzuholen und dann nach Hause zu fahren.

Entsprechend gelockert und entspannt stellte ich mein Auto in das Carport. Als ich meine Sachen ausgepackt hatte, kochte ich mir einen Tee. Ein wenig Musik im Hintergrund und ich freute mich auf einen ruhigen Abend. Endlich auch wieder Zeit, mich mit meiner aktuellen Story für nickstories zu beschäftigen. Deshalb stellte ich mein Handy auf lautlos und startete meinen Laptop.

Es war draußen bereits dunkel als ich den Laptop nach sechs geschriebenen Seiten wieder abstellte und noch einmal in den Garten ging. Es war ein sternklarer Himmel und ich schaute mir die Sternbilder an.

„Hallo Chris“, begrüßte mich Kristin, „hast du jetzt erst Feierabend?“

Ich erschrak ein wenig, denn ich hatte sie nicht kommen hören.

„Oh, hallo Kristin. Nein, ich bin schon einige Zeit zu Hause. Aber jetzt wollte ich noch einmal etwas kühle Abendluft einatmen. Außerdem haben wir einen wunderbaren Sternenhimmel.“

„Ohja, das kann ich gut verstehen. Malte hat uns berichtet, dass ihr sehr erfolgreich auf der letzten Reise gewesen seid. Dazu von mir einen Glückwunsch.“

„Danke. Ja, die Jungs haben eine tolle Performance gezeigt. Zwei Turniersiege sind schon etwas Besonderes. Aber jetzt freue ich mich über weniger Reisestress und auf mein Motorrad. Das habe ich nämlich vermisst.“

„Das glaube ich dir gern. Aber pass auch gut auf dich auf. Du wirst hier noch gebraucht. Hihihi. Und mit Malte würdest du richtig Ärger bekommen, wenn dein Spielzeug nicht mehr heile wäre.“

„Äh, warum? Das verstehe ich nicht.“

„Naja, er spekuliert schon lange darauf, dass er mal eine Runde mitfahren darf.“

„Ach so. Und würdest du es ihm denn erlauben, eine Runde mit mir zu drehen?“

„Wenn er bei dir mitfährt, wäre es mir jedenfalls lieber als bei irgendjemand anderem.“

„Na, Begeisterung klingt aber anders. Darf er mit sechzehn einen Führerschein für die 125er machen oder ist euch das zu gefährlich?“

„Nun, da werde ich wohl kaum ein Mitspracherecht haben. Mein Mann ist sehr dafür, weil Malte dann unabhängiger wäre und wir ihn nicht ständig irgendwohin bringen müssten. Aber ich finde es sehr gefährlich auf diesen Geräten. Zumal Malte kaum Erfahrung damit hätte.“

„Er muss doch eh noch einige Zeit damit warten, oder?“

„Ja, glücklicherweise dauert es noch fast zwei Jahre.“

Nach weiteren Minuten des gemeinsamen Schauens in den Sternenhimmel verabschiedeten wir uns zur Nachtruhe.

Es dauerte auch nicht lange bis ich tief und fest eingeschlafen war.

Das Schlafen im eigenen Bett war für mich immer besonders wichtig.

Der nächste Morgen begann zwar mit einem ruhigen Frühstück, aber danach ging es zur Sache. Jan würde heute mit Dustin und Justin in die USA fliegen. Da hatte ich darum gebeten, sie zum Flughafen begleiten zu können. Ich wollte Dustin und Justin verabschieden und ihnen ein gutes Gefühl geben. Vor allem, weil Fynn in der Schule weilte und Dustin deshalb nicht zum Flughafen begleiten konnte.

Thorsten hatte uns den T6 Bus reserviert und als ich mit der Panigale am Club ankam, war der Parkplatz noch verwaist. Lediglich das Auto von meinem Bruder stand dort bereits.

Der Auspuff knisterte noch als ich meinen Helm abnahm und die Jacke öffnete. Dann machte ich mich auf den Weg ins Clubhaus. Die Luft war klar und frisch.

Die Terrasse war wegen der frühen Stunde ebenfalls noch fast leer. Nur an einem Tisch saß bereits mein Bruder mit Niko. Sie unterhielten sich auf Englisch. Als sie mich bemerkt hatten, kam eine herzliche Begrüßung.

„Hi, Bruderherz. Danke, dass du uns zum Flughafen bringst. Ich glaube für Dustin ist das dann sicher etwas einfacher.“

Anschließend gab ich Niko die Hand zur Begrüßung. Wir hatten noch etwas Zeit. Daher bat mich mein Bruder, noch Platz zu nehmen.

„Wie ist die Stimmung bei Dustin? Denkst du, es könnte Probleme geben?“

„Also gestern war alles bestens. Allerdings glaube ich, dass sie beide nicht wirklich wissen ob das gutgeht oder nicht. Aber ich weiß das auch nicht. Du wirst dich möglicherweise auf Probleme einstellen müssen. Schauen wir mal. Vielleicht tut es ihnen aber auch mal gut, jeder für sich etwas zu machen. Genau wissen tun wir das erst im Nachhinein.“

Niko schaute uns fragend an. Ich erklärte ihm die Situation und er begann zu lachen.

„Okay, ich verstehe. Sozusagen beide das erste Mal auf Liebesentzug. Das könnte spannend werden. Aber ich glaube, da Chris bei Fynn ganz eng dran ist, wird es hier nicht so schwierig sein und wir werden auf Dustin ein Auge haben.“

Dabei zwinkerte er mir zu und lachte. Jan ergänzte noch:

„Das habe ich ganz bestimmt. Dennoch kann das ein wichtiger Schritt für beide werden. Sie merken vielleicht, dass sie auch eigenständig etwas auf die Beine stellen können.“

„Ja, das ist meine Hoffnung dabei. Aber was mich interessieren würde, warum spielen Justin und Dustin im gleichen Turnier wie Niko? Das ist doch eigentlich noch viel zu hoch für meine Jungs. Es ist ein ATP 250er.“

„Warum wusste ich, dass du diese Frage noch stellen würdest?“, lachte mein Bruder.

Auch Niko schmunzelte dabei.

Jan erwiderte:

„Weil ich der Meinung bin, dass sie dort schon die Spieler erleben werden, die auch bei den US Open in die Qualifikation müssen. Es ist doch eh eine Bonusreise. Sie sollen diese Erlebnisse einfach genießen und für das nächste Jahr Erfahrungen sammeln. Niemand erwartet in irgendeiner Form einen Sieg. Außerdem sollen sie für Niko als Sparringspartner fungieren. Da ich allein unterwegs bin, geht es logistisch gar nicht anders.“

„Gut, dass es logistisch schwierig wäre, ist mir schon klar. Ich habe ein wenig Sorge, dass es viel Frust auslöst. Ob sie dann die Qualifikation noch genießen können, kann ich nicht sagen. Gerade Dustin ist da manchmal sehr sensibel und etwas selbstzerstörerisch veranlagt.“

„Ich weiß das mittlerweile. Sei aber unbesorgt, ich denke, dass gerade Dustin sich enorm entwickelt hat. Hättest du vor einem halben Jahr gedacht, dass er ohne seinen Freund auf eine Überseereise gehen würde?“

„Hahaha, never ever. Aber da hätte ich mir auch noch ganz andere Dinge nicht vorstellen können. Du hast aber den Nagel auf den Kopf getroffen, Dustin hat sich toll entwickelt. Deshalb möchte ich auch nicht, dass wir ihn überfordern. Also pass bitte auf die Jungs auf.“

Mittlerweile hatte auch das Clubhaus geöffnet und wir hatten uns noch einen Kaffee bestellt. Niko erzählte noch ein wenig aus seiner Heimat und dann fuhr ich herüber zur WG, um Justin und Dustin mit ihrem Gepäck abzuholen. Es wurde Zeit, zum Flughafen aufzubrechen.

Fynn: Schule ohne Dustin

Die erste Stunde am Morgen war für mich immer schwierig. Andi, Stefan und ich hatten meist bis abends gegen elf gelernt und vor Mitternacht kam ich kaum ins Bett. Entsprechend müde war ich morgens.

Heute fiel mir das in-die-Schule-fahren schwer und mich entsprechend zu konzentrieren besonders, denn mein Schatz würde mit Jan, Niko und Justin auf dem Flug in die Staaten sein. Gut gefiel mir aber, dass Chris sie zum Flughafen bringen würde. Somit war das für Dustin etwas einfacher und ich konnte beruhigter in der Schule sitzen.

Und genau da saß ich jetzt. Physikstunde. Und ganz ehrlich - ich hatte gerade den Überblick verloren. Unser Lehrer erklärte etwas über Stromrichtung und Magnetfeld, aber irgendwie verstand ich nur die Hälfte von dem was er von sich gab.

Als ich mit Andi und Stefan in der Pause zusammenstand, fragte ich die beiden:

„Habt ihr eben in Physik alles verstanden? Ich habe vielleicht die Hälfte begriffen. Vor allem diese Sache mit der Richtung des Stromes und des Magnetfeldes habe ich überhaupt nicht geschnallt.“

„Da sagst du etwas. Obwohl wir immerhin die ganze Zeit anwesend waren, habe ich das auch nicht gepeilt. Das wird eine ganz böse Prüfung für mich“, stöhnte Andi.

„Wir müssen da wohl mehr für tun als für die anderen Fächer“, meinte Stefan.

„Am Freitagabend bekommen wir jedenfalls Hilfe. Ich habe Chris gefragt ob er uns helfen würde. Er hatte früher Physik als Leistungskurs und er meinte, Strom und Magnetismus wäre kein Problem. Das würde er uns schon passend erklären können.“

„Echt? Weiß er, worauf er sich da eingelassen hat? Momentan verstehe ich manchmal nur noch Bahnhof bei dem Thema“, regte sich Andi auf.

„Also eines kann ich sagen, bislang hat mich Chris noch nie in Stich gelassen. Wenn er sagt, dass er uns helfen kann, dann glaube ich daran. Auf jeden Fall werde ich mir diese Chance nicht entgehen lassen.“

„Wir auch nicht“, kam es synchron von Stefan und Andi.

Danach mussten wir drei laut lachen. Leider klingelte es in diesem Moment zum Ende der Pause.

Die letzten beiden Stunden gingen glücklicherweise recht gut zu Ende und so war ich pünktlich in der WG zum Mittagessen. Heute waren Tim und Carlo auch mit mir zum Essen da. Entsprechend lebendig ging es zu. Martina hatte ihre Mühe, die beiden zu bändigen. Irgendwann wurde es mir einfach zu bunt:

„Hey, können wir wenigstens in Ruhe essen?“

Ich gebe zu, dass ich das etwas barsch gesagt hatte, aber ich war einfach genervt. Martina schaute mich an und fing an zu lachen. Tim und Carlo hatten sich erschreckt und waren jetzt zumindest einmal ruhig.

„Hey Fynn, du könntest das ruhig häufiger übernehmen. Ich mache dich zu Chris Stellvertreter. Dann kann ich meine Nerven und meine Stimme schonen.“

Darauf muss ich Martina wohl sehr komisch angeschaut haben, denn sie brach regelrecht in einen Lachflash aus.

Ich fühlte mich gerade nur noch genervt.

„Sehr witzig, aber es nervt echt. Erst den ganzen Tag den Schulstress, dann den Lärm hier und nachher wieder lernen. Ich brauche auch mal Ruhe.“

Die beiden wagten es jetzt nicht mehr, noch einen dummen Spruch zu bringen. Im Gegenteil, sie beruhigten sich und wir konnten wieder normal miteinander reden. Dabei ging es um das Training am Nachmittag. Chris hatte uns bereits gesagt, dass Maxi und ich heute mit den drei „Kleinen“ trainieren würden. Marco sollte das Training leiten und Chris würde beobachten und Manöverkritik einbringen. Er war ja zum Flughafen gefahren und da war es nicht sicher, ob er pünktlich zurück sein würde.

Die Zeit bis zum Training nutzte ich noch zum Lernen und für die Hausaufgaben.

Bislang hatte ich noch keine Minute Zeit gehabt, mich mit meinem Freund zu beschäftigen. Nur zwei Nachrichten hatte ich bekommen. Die erste als sie am Flughafen angekommen waren und die zweite als sie ins Flugzeug gestiegen sind. Jetzt würde es eh dauern bis sie in New York landen würden.

Heute fuhr ich mit Tim und Carlo zusammen zum Platz und wir wollten uns auch gemeinsam aufwärmen. Aber irgendwie hatte ich überhaupt keine Lust auf Seilspringen oder Laufen und schlug deshalb eine Runde Frisbeespielen auf dem Rasen vor.

„Coole Idee, aber hast du denn eine Scheibe dabei? Ich habe meine in der WG liegen“, fragte Tim.

Ich griff in meine Tennistasche und zog eine Scheibe hervor. Schnell hatten wir uns auf dem Rasen verteilt und warfen uns die Frisbee zu. Tim und Carlo freuten sich wie die kleinen Kinder, denn Seilspringen war auch nicht ihr Ding. Das wusste ich.

Plötzlich tauchte auch Joel bei uns auf. Allerdings noch in zivil. Er wollte sofort mitspielen, aber ich wusste, dass würde Chris nicht akzeptieren und entsprechend angesäuert reagieren. Joel reagierte auf meinen Hinweis zwar leicht genervt, aber er fügte sich und ging sich umziehen und wenige Minuten später standen wir zu viert auf dem Rasen und liefen der Scheibe hinterher. Gerade Carlo war richtig gut im Werfen und Fangen der Frisbee.

Als Marco durch die Einfahrt kam und uns auf dem Rasen sah, musste er lachen und Tim nutzte die Gelegenheit und warf Marco die Frisbee zu. Mit einem schnellen Griff fing er sie auf und schnell war sie wieder in der Luft.

„Coole Idee sich aufzuwärmen. Das ist eine neue Idee“, meinte Marco als er die Treppe zum Clubhaus hochlief.

Chris schien also noch nicht zurück zu sein, denn als Marco kurz darauf mit seiner Tasche und den Utensilien für das Training wieder herauskam, war er allein.

Eine halbe Stunde später scheuchte uns Marco über den Platz und von Chris war immer noch keine Spur zu sehen. Deshalb fragte ich in einer Getränkepause bei Marco nach:

„Kommt Chris noch oder dauert die Rückfahrt länger?“

„Er wollte rechtzeitig zurück sein, aber ich habe eben eine Whatsapp Nachricht bekommen. Da schrieb er, dass er auf der A2 im Stau steht. Es würde noch etwas dauern.“

Das war blöd, aber nicht zu ändern. Also trainierte ich mit Maxi auf einem Platz und immer wieder tauschte Marco den dritten Mann aus. So kamen alle einmal zu uns und konnten mit uns spielen. Allerdings war der Unterschied für mich schon deutlich spürbar. Tim und Carlo konnten zwar einige Zeit mithalten, aber für Joel war das Tempo noch zu hoch. Dennoch hing er sich richtig rein und gab sich Mühe. Marco lobte ihn auch dafür. Ich hatte das Gefühl, dass Joel sehr ehrgeizig war und das Niveau von Tim und Carlo schnell erreichen könnte. Außerdem empfand ich ihn als ausgesprochen nett und umgänglich.

Plötzlich gab es ein typisches Geräusch, nachdem ich eine Vorhand gespielt hatte. Meine Saite war gerissen. Das war heute schon die zweite Besaitung, die kaputtging.

„Du hast aber wieder einen Verschleiß heute“, frotzelte Marco, „spiel doch mal mit etwas mehr Gefühl. Hihihi.“

„Das mache ich doch schon. Sonst wären bestimmt schon viel mehr Saiten kaputtgegangen. Ich versuche, auf die anderen Rücksicht zu nehmen. Hihihi.“

„Ja sicher“, beschwerte sich Carlo, „vor allem weil wir so schlecht sind.“

In diesem Moment stand ich wieder auf dem Platz und Carlo haute mir eine Vorhand um die Ohren. Sofort stieg Tim mit darauf ein.

„Ha, siehst du. Carlo braucht gar keine Schonung von dir. Er haut dir auch so die Bälle um die Ohren.“

Ich konnte spüren, dass Chris nicht da war, sie wurden mutig. Aber warum auch nicht. Ich konnte mit diesem Spaß umgehen. Also forderte ich die beiden mit Maxi heraus. Der Verlierer musste den Platz abziehen. Marco war einverstanden und ließ uns zum Abschluss einen Satz Doppel spielen. Währenddessen machte er mit Joel noch einige Übungen.

Wir waren mitten im Satz und führten deutlich, als plötzlich, wie aus dem Nichts, Chris an der Bank stand.

„Kaum lässt man euch mal aus den Augen, fangen sie an Unsinn zu machen. Wer ist denn auf diese bescheuerte Idee gekommen, so Doppel zu spielen? Was für ein Lerneffekt soll dabei herumkommen?“

Aber dabei konnte ich ein leichtes Lächeln in seinem Gesicht erkennen. Chris kannte uns genau und hat ganz sicher geahnt was hier auf dem Platz ablief. Allerdings hatte ich nicht mit der schlagfertigen Antwort von Tim gerechnet:

„Fynn hat uns provoziert, da haben wir uns gewehrt und sie zu einem Duell herausgefordert. Wer verliert, muss den Platz abziehen.“

Chris kniff für einen Augenblick seine Augen zusammen, schaute Maxi und mich an und zog seine rechte Augenbraue hoch. Da wusste ich sofort, er glaubte Tim kein Wort. Allerdings regte sich Chris auch nicht auf, im Gegenteil, er fing an zu grinsen und erwiderte trocken:

„Gut, dann mache ich den Sekundanten und entscheide am Ende, wer das Duell verloren hat. Aber jetzt will ich Action sehen, sonst habt ihr alle verloren und macht eine zusätzliche Kondi-Einheit bei Charles.“

„Boah, nee. Bloß das nicht. Chris, du bist fies“, schallte es von Tim und Carlo.

Maxi sah das ähnlich und deshalb spielten wir jetzt richtig ernsthaftes Tennis. Das machte auch Spaß, obwohl Tim und Carlo keine Chance mehr hatten zu gewinnen. Dennoch schien auch Chris zufrieden zu sein. Denn nach dem Ende kam von ihm eine außergewöhnliche Bemerkung:

„Wer das Duell gewonnen hat, ist nicht überraschend. Allerdings hat mir die Performance von Tim und Carlo gut gefallen. Daher erkläre ich Maxi und Fynn zwar zum Sieger, aber den Platz ziehe ich ab.“

Tim und Carlo schauten sich mit großen Augen sprachlos an. Maxi blickte zu mir und war genauso konsterniert. Da hatte Chris bereits begonnen, den Platz abzuziehen.

Das passte insbesondere Carlo gar nicht.

„Das ist aber nicht korrekt, dass du jetzt den Platz abziehst. Vor allem, da wir gewettet hatten und du doch daran gar nicht beteiligt gewesen bist.“

Chris reagierte nur mit einer Armbewegung Richtung des zweiten Abziehnetzes und zog weiterhin den Platz ab. Carlo hatte es begriffen und nahm sich die andere Matte. Tim blieb etwas verunsichert bei uns stehen.

„Wieder eine typische Aktion von Chris. Damit hat er wohl deutlich gezeigt was er von unserer Wette gehalten hat. Sie war unrealistisch und wir sollten nicht zu stolz sein, gewonnen zu haben.“

Maxi nickte nach meinem Satz nur und meinte:

„Ich bin dafür, wir gehen gemeinsam auslaufen, duschen und dann laden wir Chris zu einer Fassbrause ein. Wie seht ihr das? Tim?“

„Ja, bin ich dabei. Aber ob Chris dafür Zeit und Lust hat?“

„Das kläre ich gleich mit ihm. Ich habe eh noch etwas mit Chris zu besprechen“, meldete ich mich.

Die anderen waren also schon vorgegangen und ich blieb mit Chris allein zurück. Natürlich ahnte er, dass ich noch ein Anliegen hatte.

„Na, Fynn. Was liegt noch an? Hast du von Dustin schon etwas gehört? Oder etwas anderes?“

„Nein, das wäre schön, wenn sich Dustin schon gemeldet hätte, aber sie dürften noch in der Luft sein. Es geht um unsere Physikprüfung. Wäre es für dich eigentlich in Ordnung, dass Andi und Stefan dabei wären? Ich hatte das ja einfach so gesagt.“

„Ja, sicher. Sonst hätte ich dir schon gesagt, dass ich das nicht möchte. Aber es ist doch sinnvoll, wenn ihr gemeinsam lernt, dass ich es euch auch gemeinsam versuche zu erklären.“

„Du wirst es bestimmt nicht nur versuchen. Wenn wir nicht zu blöd sind, wirst du es bestimmt schaffen.“

Dafür wuschelte er mir einfach durch die Haare und lachte.

Eigentlich mochte ich das überhaupt nicht mehr, aber Chris hatte das schon so lange nicht mehr getan, dass ich auch lachen musste. Dann fragte er nach:

„Und? Was liegt noch an? Du hast doch noch etwas auf dem Herzen.“

„Hm, ja. Aber etwas ganz harmloses. Hast du gleich noch Zeit, mit uns eine Fassbrause zu trinken? Wir würden dich gern einladen.“

„Einfach so? Cool. Da sag ich nicht nein, aber du schwirrst jetzt ab zum Auslaufen. Das wird sonst zu spät.“

Er gab mir noch einen kleinen Schubs und dann marschierte ich zu den anderen.

Chris: Gespräch mit Marco und ein interessanter Abend

Bevor ich ins Clubhaus zu den Jungs ging, hatte ich mich mit Marco zu einem kurzen Austausch verabredet.

Er berichtete mir von der Einheit mit Joel und da bestätigte sich mein Eindruck. Joel brachte viel Talent mit. Es haperte aber noch mit der Feinabstimmung und der eigenverantwortlichen Trainingsarbeit. Aber alles kein Hexenwerk und nicht verwunderlich.

„Joel ist ein netter, schüchterner Junge, der obendrein viel Talent mitbringt. Ich würde ihn da einordnen wo Tim und Carlo vor etwa einem Jahr waren. Als wir uns auf dem ersten Turnier mit den beiden wiedergetroffen hatten. Erinnerst du dich?“

„Oh ja, natürlich. Also bist du der Meinung, wir sollten seinen Eltern ein Angebot machen. Will er denn überhaupt hier bleiben?“

„So wie ich ihn verstanden habe, hat er viel Spaß und findet es hier besser als in seinem alten Verein. Wie ist denn der genaue Ablauf bei so einer Entscheidung? Ich habe das hier noch nicht miterlebt.“

Marco schien von Joel überzeugt zu sein. Mein Gefühl war ebenfalls positiv. Aber das musste in der Teambesprechung geklärt werden. Das letzte Wort hatte dann Jan.

Nachdem ich Marco unsere Abläufe erläutert hatte, fragte mich Marco:

„Du hast doch im Moment etwas reduziertes Programm, oder? Könntest du dir vorstellen, mich morgen bei dem U15 Spiel unserer ersten Mannschaft zu unterstützen? Du hast schon sehr lange mit Tim und Carlo gearbeitet. Ich bin hier noch relativ neu.“

„Wann geht es denn los und wer wird spielen?“

Grundsätzlich interessierte es mich immer wenn unsere Jungs mit der Mannschaft spielten. In den letzten Wochen war dafür aber viel zu wenig Zeit für mich.

„Morgen um 16 Uhr bei uns in Halle. Wir spielen gegen Gütersloh. Sozusagen ein Lokalderby. Geplant ist es, dass Tim, Carlo, Joel und an vier wird wohl Malte spielen müssen. Die anderen sind entweder verletzt oder krank.“

„Joel darf für uns schon spielen?“, fragte ich erstaunt.

„Ja, es gibt seit einiger Zeit die sogenannte Gastspielerregelung. Darüber darf er für uns spielen.“

„Ok, das ist sicher kein Nachteil für uns. Aber ist Malte in der Ostwestfalenliga nicht noch völlig überfordert?“

Marco zuckte mit den Schultern und antwortete:

„Vermutlich ja, aber es ist besser mit ihm anzutreten als nur zu dritt. Vielleicht kann er im Doppel mit dem richtigen Partner eine Überraschung schaffen. Die anderen Jungs sind noch schlechter.“

„Na gut. Dann ist das eben so. Hast du mit Malte schon gesprochen? Nicht dass er hinterher Frust schiebt.“

„Natürlich, Chris. Aber er dürfte ziemlich aufgeregt sein, besonders wenn er sieht, dass du mich unterstützen wirst. Er scheint einen ziemlichen Narren an dir gefressen zu haben. Oft berichtet er von euren Erfolgen und dass du für Dustin und Fynn ganz viel bewegt hast. Erst recht seit du dort wohnst. Er bekommt halt auch viel mit.“

„Ja, seine Mutter ist hier auch sehr engagiert. Da bleibt das nicht aus. Aber bislang ist er mir nicht negativ aufgefallen. Dir?“

„Nein, nein. So war das auch nicht gemeint, Chris. Es fällt nur auf. Ich mag den Jungen. Er gibt auch in der zweiten Mannschaft immer alles und ist sehr zuverlässig. Das passt also schon.“

Wir einigten uns darauf, dass ich erst nach der Begrüßung der gegnerischen Mannschaft dazu kommen würde. Sonst wäre für Joel und Malte der Druck vielleicht noch größer. Tim und Carlo hätten es sicher begrüßt wenn ich gleich zu Beginn bei ihnen wäre.

Sie empfanden es immer noch als etwas ganz besonderes, wenn ich bei ihnen war.

Die Fassbrause mit den Jungs zu trinken war lustig. Wir blödelten einfach ein wenig herum. Allerdings konnte es nur für einen kurzen Moment so entspannt bleiben, denn Fynn musste heute Abend noch für die Schule lernen. Deshalb verabschiedeten wir uns recht schnell von den anderen.

Danach holte ich meine Motorradsachen und schwang mich auf meine Panigale. Der Weg zur WG war nicht weit und als ich dort den Helm abnahm, hatte ich immer noch einen recht warmen Kopf. Ein wenig Abkühlung würde mir guttun.

Ich begrüßte Martina, die schon auf mich gewartet hatte.

„Hallo Chris, schön dass du mal wieder mit uns essen wirst. Wie geht es dir nach den drei Tagen zu Hause?“

„Bestens, es gibt eben doch nichts Besseres als das eigene Bett. Und wenn ich dann noch den Ausblick habe, dass ich noch über eine Woche zu Hause bleiben kann, dann geht es noch besser.“

„Ja, kann ich mir gut vorstellen. Das Reisen ist sicher anstrengend.“

„Allerdings, und ich bin ja auch keine zwanzig mehr.“

„Aber je älter Drachen sind, desto mächtiger werden sie. Chris macht immer wieder Eindruck mit seinem Auftreten.“

Diese Stimme kam mir bekannt vor und als ich mich umdrehte, schaute ich in das grinsende Gesicht von Fynn. Er stand im Türrahmen der Küche und wir mussten alle lachen.

„Wenn du weiter so frech bist, muss ich noch einmal überlegen ob ich euch wirklich in Physik helfen werde. Hihihi.“

Früher hätte Fynn sofort mit einer Angstreaktion geantwortet, heute kam ein lockerer Spruch und wir haben alle gelacht.

Das Abendessen gestaltete sich als interessante Informationsaustauschbörse für mich. Gerade an dieser Stelle spürte ich deutlich, dass ich häufiger hier sein sollte und nicht ständig auf Turnierreisen unterwegs.

Martina hatte zum Abschluss des Essens für mich eine Kanne Darjeeling gemacht. Tim und Carlo waren schon gegangen und ich saß mit Martina und Fynn noch am Tisch.

„Wann kommen deine Klassenkameraden?“, fragte ich Fynn.

Er schaute kurz auf sein Handy.

„In einer Viertelstunde sollten sie hier sein, warum?“

„Das gefällt mir. Dann kann ich noch eine Tasse Tee trinken. Ich habe mir überlegt, dass ich schon heute mal mit euch etwas üben werde. Dann können wir am Freitag noch einmal die Schwachstellen besprechen.“

Martina lachte und goss mir noch eine Tasse nach.

„Habt ihr für Chris auch genug Fassbrause kaltgestellt? Immerhin werdet ihr seine Nerven heute sehr beanspruchen“, fragte Martina.

Fynn schaute sie entgeistert an. Dann begriff er, was sie gemeint hatte.

„Na klar, glaubst du im Ernst, wir würden Gefahr laufen, dass Chris Nerven zu sehr strapaziert werden. Nenene.“

Es war einfach eine lustige Stimmung und das freute mich. So hatte ich ein gutes Gefühl mit den drei Jungs, hoffentlich erfolgreich ihre Schwierigkeiten klären zu können.

Wie interessant es werden würde, zeigte sich etwa zwanzig Minuten später. Wir saßen bei Fynn im Appartement an seinem Schreibtisch. Vor uns lag eine Aufgabe aus dem Physikbuch. Die Jungs hatten bereits am Vormittag in der Schule an dieser Aufgabe gesessen und sie nicht korrekt gelöst.

Sie erklärten mir ihre Vorgehensweise und wie sie gerechnet hatten. Eigentlich hatten sie einen guten Ansatz, gut und richtig gerechnet auch, aber sie hatten eine Kleinigkeit übersehen. Diese Kleinigkeit führte zu einer Abweichung in einer der zu berechnenden Größen. Das wiederum hatte Folgefehler. In Konsequenz kam ein falsches Ergebnis heraus.

Ich wies sie auf diese Kleinigkeit hin und sie korrigierten ihre Rechnungen und siehe da, jetzt passte es.

Schwieriger wurde es bei dem Thema Magnetfeldausrichtung. Insbesondere Fynn wurde mit jeder weiteren Erklärung meinerseits unruhiger. Irgendetwas hatte ich übersehen.

„Wo ist dein Problem, Fynn? Ich sehe dir an, dass du irgendwo nicht zufrieden bist.“

„Boah, Chris. Kann echt nicht sein, aber ja. Es stimmt. Warum seid ihr euch so sicher, dass die Feldlinien links herum zeigen müssen. Ich schnall das einfach nicht.“

„Dann sag das doch einfach. Wo ist das Problem? Du wirst sonst die anderen Dinge erst recht nicht begreifen können.“

Jetzt brach das alte Verhalten durch.

„Das kann aber doch nicht sein, dass Stefan und Andi das schon können und ich nicht. Bin ich dümmer als sie?“

„Wer hat über Wochen keine Schule von innen gesehen? Du oder die beiden? Komm mal runter und entspann dich. Was meinst du wohl, warum wir hier sitzen? Ich kann dir nur das erklären was du mich auch fragst. Und wenn du mich zehnmal fragst, werde ich es dir zehnmal versuchen zu erklären. Wobei ich ganz sicher bin, dass ich das nicht brauche.“

Fynn zeigte mir seine Problemstelle und da machte es bei mir Klick. Er hatte Schwierigkeiten sich das dreidimensional vorzustellen. Ich schaute mich im Raum um und suchte nach einem geeigneten Objekt. Dann fiel mir etwas ein.

„Kannst du uns mal bitte einen von deinen Tennisschlägern holen. Dann wird es für dich einfacher.“

Fynn schaute mich staunend an und ging schulterzuckend ins Schlafzimmer wo die Sporttaschen standen.

„Hier, ist das egal welcher Schläger?“

„Natürlich. Vollkommen egal. Setz dich. Ich werde es euch einmal anschaulich zeigen.“

Ich erklärte ihnen den Griff als eine Spule und die Stromflussrichtung. Danach machte ich die ganze Geschichte anschaulich und plötzlich spürte ich bei Fynn, dass es „Klick“ gemacht hatte.

Er erklärte mir jetzt die richtige Richtung des Magnetfeldes und Erleichterung machte sich bei ihm breit.

Der Bann war gebrochen und nach einer weiteren halben Stunde konnte ich diese Einheit abbrechen.

Ich verabschiedete mich von ihnen und ging meine Motorradjacke holen. Ich stand schon an meiner Maschine als Fynn herauskam. Martina war schon lange nach Hause gegangen.

„Danke für deine Hilfe und Geduld. Du hast mir viel Sicherheit gegeben. Ich glaube, jetzt kann ich auch wieder im Unterricht mitkommen. Bisher hatte ich immer nur die Hälfte verstanden.“

Dann umarmte er mich und wünschte mir eine gute Nacht.

Mit einem guten Gefühl warf ich die Panigale an und rollte aus der Einfahrt nach Hause.

Der nächste Tag versprach Action. Die U15 hatte ein wichtiges Heimspiel und ich hatte Fynn und Maxi gebeten vorher zum Training zu kommen. Damit ich ab 16 Uhr für Marco und die Mannschaft zur Verfügung stehen konnte.

Die Action begann bereits nach dem Frühstück. Ich hatte mich gerade zum Zeitunglesen mit einer Tasse Tee auf die Terrasse gesetzt, als ich Kristin schon im Garten sah.

„Guten Morgen, Kristin. Schon fleißig im Garten?“, grüßte ich sie.

„Hi Chris. Ja, ich muss das Wetter nutzen. Sonst wird das nie was. Außerdem bin ich heute Nachmittag mit Malte beim Mannschaftsspiel. Er soll bei der ersten Mannschaft aushelfen. Da möchte ich dabei sein und ihm etwas die Angst nehmen.“

Ich legte die Zeitung an die Seite und ging ein paar Schritte auf den Rasen. Ich hatte die Tasse Tee in der Hand.

„Warum musst du ihm die Angst nehmen? Er wirkt doch immer so cool und locker. Und Tim und Carlo sind doch nette Jungs.“

„Ja, das stimmt sicher. Allerdings spielt Malte sonst nur in der zweiten Mannschaft und dort gehört er auch hin. In der Ostwestfalenliga wird schon richtig gutes Tennis gespielt. Da gehört er nicht hin und jetzt muss er heute aushelfen. Er hat mächtig Schiss. Da werde ich mal den seelischen Beistand geben.“

„Ach herrjeh, so schlimm ist es aber auch nicht. Unsere Jungs sind alle sehr nett und auch Joel wird sofort erkennen, dass Malte noch nicht das Niveau hat. Außerdem ist Marco dabei und kümmert sich um die Jungs.“

„Das weiß ich Chris, das war auch nicht ganz ernst gemeint. Aber ein wenig mulmig ist ihm schon. Er weiß auch was an diesem Spiel hängt. Sie wollen den Klassenerhalt sicher machen.“

„Das klappt sicher auch. Ich weiß was Tim, Carlo und Joel können. Leider habe ich Malte noch nie spielen sehen, daher kann ich mir kein Urteil darüber machen.“

„Hihi, das ist auch ganz gut so. Er würde vermutlich einen Puls von zweihundert haben, wenn du auch dabei bist. Aber freuen würde er sich dennoch.“

Ich ging zurück an meinen Tisch und las noch etwas Zeitung. Danach schaute ich mir die Trainingspläne für die nächsten Wochen an. Nach der USA Reise hatten wir noch ein Wochenende, dann würden Fynn und Dustin mit Fynns Familie in den Urlaub fahren. Diesen gemeinsamen Urlaub würde ich auf jeden Fall für die Jungs freihalten. Das hatte ich ihnen versprochen und das würde ich auch um- und durchsetzen, selbst wenn Jan andere Vorstellungen haben sollte.

Den restlichen Vormittag wollte ich für eine ausgiebige Tour mit der Panigale nutzen. Ich brauchte erst um zwei auf der Anlage zu sein. Das Wetter war toll und entsprechend viel Freude hatte ich beim Fahren. Es fiel mir schwer, gegen halb eins in Richtung Anlage zu fahren. Entsprechend heiß war der Auspuff, als ich die Maschine auf dem kleinen Parkplatz direkt am Clubhaus abstellte.

Ich wollte heute im Club zu Mittag essen. Alles andere wäre zeitlich schwieriger geworden.

Als ich nach dem Umziehen in den Clubraum kam, hatte Torsten schon die Bälle für das Mannschaftsspiel bereitgestellt. Der Spielberichtsbogen lag daneben.

Ich bestellte mir eine Fassbrause und gönnte mir heute ein Rumpsteak mit großem Salat und Kroketten.

Beim Essen betrat Marco das Clubhaus. Er schaute sich die Sachen von Torsten an und kam dann zu mir an den Tisch.

„Guten Appetit. Sieht ja lecker aus. Darf ich mich etwas zu dir setzen?“

„Natürlich, wie ist die Lage an der Front? Alle an Bord?“

„Bislang weiß ich nichts Gegenteiliges. Möchtest du nach dem Essen auch einen Kaffee?“

„Gerne, eine Latte bitte.“

Marco ging nach vorn an die Theke und bestellte uns zwei Latte.

Ich hatte mittlerweile mein Essen beendet und unsere Wirtin nahm meinen Teller mit als sie uns die beiden Latte Macchiato brachte.

„Du machst gleich eine Einheit mit Fynn und Maxi oder wie war das geplant?“

„Genau, und im Anschluss schicke ich die beiden in die Folterkammer und bei Kolja vorbei. Ich komme dann zu dir und wir sprechen das weitere Vorgehen mit den U15 er Jungs ab.“

„Das hört sich gut an. Danke für deine Unterstützung.“

„Sehr gerne. Ich finde es enorm wichtig, die Jungs in der Mannschaft von Beginn an richtig anzuleiten und zu unterstützen.“

Wir setzten uns noch für ein paar Minuten auf der Terrasse in die Sonne.

Bald kamen aber Fynn und Maxi und wir starteten unsere Trainingseinheit. Fynn war voll bei der Sache und das freute mich. Damit war nicht unbedingt zu rechnen gewesen, denn mir war schon bewusst, dass die Situation für ihn gerade nicht einfach war.

Lustig wurde es als Tim, Carlo, Joel und Malte zu uns an den Platz kamen. Sie hatten sich etwas vor Spielbeginn getroffen und schauten noch etwas bei uns zu. Natürlich hatten Carlo und Tim immer wieder mal lustige Kommentare im Gepäck.

Vor einigen Wochen hätte ich jetzt einen geladenen Fynn erlebt, der sich ständig provoziert gefühlt hätte. Heute konnte ich einen sehr gelassenen und schlagfertigen Fynn beobachten. Er war nie um eine Antwort verlegen und lachte mit den anderen Jungs. Das gefiel mir und machte Freude es zu beobachten.

Dennoch arbeiteten wir konzentriert und hart. Ich schonte beide nicht und nach etwa neunzig Minuten rief ich meine beiden letzten Mohikaner zusammen.

„So, für heute genug auf dem Platz gearbeitet. Ihr geht bitte noch eine Einheit im Kraftraum machen und zum Abschluss geht ihr bitte bei Kolja vorbei. Morgen machen wir hier weiter. Selbe Zeit, selber Ort.“

Fynn und Maxi verabschiedeten sich, aber zuvor hatte mir Fynn noch eine Nachricht von Dustin gezeigt. Sie waren gut angekommen und hatten schon vor Ort trainiert. Das Lachen in Fynns Gesicht zeigte mir, dass Dustin nicht nur davon berichtet hatte. Ich fragte nicht nach, denn Dustin hatte mir eine eigene Nachricht geschrieben. Ich konnte mir denken, dass sie sich vermissten.

Mein erstes Ziel nach dem Training war die Dusche. Ich brauchte einen Satz frischer Sachen, damit mein Rücken nicht auskühlte. In der Umkleide traf ich auch auf Malte, der sich für sein Einzel umzog.

„Hallo Malte, bei dir alles klar?“, fragte ich locker.

Er drehte sich um und etwas angespannt kam die Antwort:

„Hi Chris, hast du schon Feierabend für heute? Ja, eigentlich ist bei mir alles gut, nur dass ich tierisch aufgeregt bin. Ich soll bei der ersten U15 aushelfen. Ich bin mit Sicherheit dafür nicht gut genug.“

„Nein, Feierabend habe ich noch nicht, aber ich muss heute nicht mehr auf den Platz für Training. Daher gehe ich immer gleich duschen. Mein Rücken ist da schnell beleidigt. Und ein wenig Aufregung vor dem Match kann nicht schaden. Besser als wenn es dir völlig egal wäre. Außerdem ist Marco doch da. Also mach dich nicht verrückt. Marco weiß ganz sicher was du leisten kannst. Zeig das und alles ist gut. Das Ergebnis spielt dabei dann gar keine Rolle.“

Jetzt lächelte er wieder etwas mehr und bevor er die Umkleide verließ, fragte er mich:

„Vielleicht hast du ja mal Zeit bei uns zuzuschauen. Wir spielen hinten auf den Plätzen neun, zehn und elf. Da sieht mich wenigstens keiner.“

„Komm, mach dich nicht so schlecht. Marco hat dich nicht umsonst ausgewählt. Jeder weiß, dass du sonst in der zweiten Mannschaft spielst. Ich finde es toll, dass du dich zur Verfügung stellst. Also Kopf hoch und das wird schon. Falls ich zwischendurch Zeit habe, würdest du es denn überhaupt wollen, dass ich bei dir zuschaue und dich unterstütze?“

„Klar, du darfst immer bei mir schauen. Die anderen meckern immer gleich los, da finde ich das blöd. Aber du machst das anders. Ich würde mich freuen, solltest du Zeit haben.“

„In Ordnung, dann schwirr ab und ich wünsche dir ein gutes Match. Mach dir keinen Druck. Das wird alles gut.“

Mit einem Lachen verschwand er aus der Tür und ich konnte endlich unter das heiße Wasser springen.

Frisch geföhnt und gut gelaunt betrat ich den Clubraum. Marco war gerade dabei die ersten beiden Einzel auf den Platz zu schicken. Es begannen die Positionen zwei und vier. Also Carlo und Malte.

Ich hielt mich noch im Hintergrund, damit Marco das Spiel in Gang bringen konnte. Tim begleitete Carlo auf den Platz. Damit hatte ich ein wenig Luft mit Marco zu sprechen. Joel bekam von Marco den Auftrag bei Malte zu schauen.

Da meldete sich mein Handy.

„Ja?“, meldete ich mich.

„Hallo Chris, hier ist Marc Steevens.“

Das war wieder typisch für Marc. Immer wenn man ihn am wenigsten im Kopf hatte, meldete er sich im eigenen Alltag. Aber ich freute mich schon, von ihm zu hören.

„Hallo Marc, wie geht es euch in der Schweiz?“

„Danke, wir können uns nicht beschweren. Hast du einen Augenblick Zeit oder stehst du gerade auf dem Platz?“

„Nein, passt schon. Ich bin für heute bereits fertig mit Fynn und Maxi. Jetzt werde ich mich noch ein wenig um unseren jüngeren Nachwuchs kümmern und Marco unterstützen.“

„Du bist auch immer in Action. Mal einfach ausspannen und den Kopf mit deiner Panigale freimachen fällt dir schwer, oder?“

„Geht so, hihi. Aber ich habe sie aber hier an der Anlage und könnte also direkt los wenn ich Lust verspüre. Was gibt es denn für einen Anlass mit deinem Anruf? Geht es deinen Kindern gut?“

„Danke der Nachfrage, ja. Hier ist alles bestens. Luc arbeitet viel in München und ist fleißig im Studium. Stef geht es auch bestens. Um deine Frage zu beantworten, ich möchte über das Wochenende nach eurer USA Reise sprechen. Bevor Fynn und Dustin in Urlaub fahren.“

„Oh, habe ich da irgendwas verpasst? Ich kann mich nämlich nicht erinnern, dass wir etwas verabredet hätten.“

„Nein, wir hatten auch nichts fest verabredet. Deshalb rufe ich ja auch an. Ich möchte mit dir etwas verabreden. Wann genau seid ihr aus den USA zurück?“

„So genau weiß ich das nicht. Das kommt ja darauf an, wie es dort läuft. Aber ich gehe mal von Dienstag aus. Einen Tag Hauptfeld wollte ich den Jungs zum Zuschauen noch gönnen. Andererseits sollen die Jungs aber auch Niko als Trainingspartner zur Verfügung stehen."

"Das wäre doch prima. Ich plane an dem Mittwoch nach Halle zu kommen.“

Nanu? Einfach so nach Halle kommen? Da schrillten meine Sensoren. Allerdings wusste ich auch sofort, dass er mir jetzt nicht viel mehr verraten würde.

„Soll ich für dich im Sportpark Hotel ein Quartier reservieren lassen?“

„Ja, das wäre gut. Aber ich brauche das nur für eine Nacht. Danach möchte ich mit dir woanders nächtigen. Ich würde mit dir gerne ein paar Tage tennisfrei machen. Und bevor du dich wehrst, Jan hat seine Zustimmung schon gegeben. Du brauchst mal einen Tapetenwechsel.“

„Ah ja, und du wirst mir jetzt vermutlich nicht verraten wo du mit mir hinfahren möchtest.“

„Hihihi, genau. Also, hast du Lust mit mir und Sabine ein paar Tage wegzufahren?“

„Sabine kommt auch mit? Dann bin ich dabei. Sie wird auf dich aufpassen, damit du nicht zu verrückte Sachen machst.“

„Das höre ich gerne. Also plane diese Tage bitte so ein. Vielleicht werden wir noch ein wenig verlängern, wenn Dustin und Fynn auch im Urlaub sind. Jan hat mir gesagt, dass ihr in den zwei Wochen keine Turniere geplant habt und er gedenkt, dir zwei Wochen Urlaub vorzuschlagen. Und ich würde dich dazu in die Schweiz einladen.“

„Ja, das ist erst einmal so in Ordnung. Ein Tapetenwechsel ohne Tennis gefällt mir. Du meldest dich noch mal vorher?“

„Ja, genau. Die Details werden wir rechtzeitig besprechen. Ich denke, wir schreiben noch einmal, wenn ihr in den USA seid. Es interessiert mich ja was ihr in den Staaten machen werdet.“

Damit endete unser Gespräch. Für einen Moment dachte ich über dieses Telefonat nach. Dass Marc immer für Überraschungen gut war, wusste ich, aber einfach für mich einen Urlaub planen?

Bevor ich weiter nachdenken konnte, kam Marco zu mir.

„Kannst du schon an einen Platz gehen? Oder brauchst du noch etwas Erholung?“

„Nein, kein Problem. Wo soll ich denn hingehen?“

„Am liebsten wäre es mir, wenn du zu Carlo gehen könntest. Ich werde bei Malte auf der Bank sitzen. Ich glaube, du kennst Carlos Gegner vielleicht sogar. Zumindest würdest du für Carlo eine große Motivation und Stütze sein.“

„In Ordnung, dann mache ich das mal. Dritter Satz ist Championstiebreak, richtig?“

„Genau. Und damit du in guter Verfassung bleibst, habe ich dir noch eine Fassbrause organisiert. Hihihi.“

„Na, wenn das keine Bestechung ist. Also gut, nehme ich gern und geh dann los.“

Auf dem Weg zum Platz erhielt ich noch drei Whatsapp Nachrichten. Es waren Bilder von Dustin und Justin aus den USA. Das sah gut aus, denn sie waren schon dabei sich an die Gegebenheiten auf dem Platz zu gewöhnen.

Als ich durch die Sonne ging und nebenbei auf den anderen Plätzen schaute, grüßte mich Toto von Platz sechs. Er winkte mich kurz an den Zaun.

„Hi, Chris. Kannst du dich noch an die letzte Teamsitzung erinnern?“

„Hi, Toto. Natürlich. Du sprichst auf den Jungen an, den wir unter Beobachtung haben, richtig?“

„Genau, der Junge auf der anderen Seite, mit dem roten T-shirt, das ist Marvin.“

Ich schaute auf die andere Platzseite und konnte einen gut arbeitenden Jungen sehen. Sehr konzentriert und technisch auch nicht schlecht.

Ich nickte kurz, konnte aber nicht länger bleiben. Toto hatte Verständnis dafür und wir vereinbarten, dass ich mir den Jungen morgen noch einmal etwas genauer ansehen würde.

Bei Carlo erwartete mich ein spannendes Match. Carlo führte bereits mit 3:1 und einem Break. Ich beobachtete das fünfte Spiel des ersten Satzes noch vom Zaun aus. So bekam ich einen guten Überblick über das Match. Carlo spielte klug und mit Übersicht. Sofort hatte ich ein gutes Gefühl. Er brachte seinen Aufschlag zum 4:1 durch und den Seitenwechsel nutzte ich, um mich zu ihm auf die Bank zu setzen.

„Hey, Chris. Du kommst zu mir auf die Bank? Wow, das muss ja dann heute ein mega wichtiges Spiel sein, wenn du zusätzlich zu Marco bei uns bist. Aber ich freue mich drüber.“

„Alles gut. Keine Panik. Ich habe ein wenig Zeit und wollte mir euer Spiel ansehen. Marco meinte, dass ich dann auch helfen könnte. Und das mache ich jetzt auch sehr gern. Was ich bislang gesehen habe, war richtig gut. Bitte genau so weitermachen.“

Jetzt spürte ich den Unterschied zu den großen Jungs. Carlo war noch sehr leicht aus der Konzentration zu bringen. Daher lag meine Aufmerksamkeit jetzt darauf, dass Carlo schnell wieder ins Spiel zurück kam.

Seine ersten Ballwechsel sahen nicht voll fokussiert aus und die ersten beiden Punkte gingen leichtfertig an den Gegner.

Sofort ging ich in den Dialog mit Carlo und gab ihm klare Anweisungen und Strukturen. Das beruhigte ihn und schnell war er wieder im Spielrhythmus und konnte den ersten Satz auch gewinnen.

In der Satzpause machte Carlo den Fehler, mich nach dem Spielstand von Malte zu fragen. Das zeigte mir ganz deutlich, Carlo war noch nicht so weit wie die großen Jungs.

„Du wirst dich jetzt nicht mit Maltes Spiel beschäftigen. Du wirst dich bitte nur auf deinen zweiten Satz konzentrieren. Und zwar vom ersten Punkt an wird wieder Vollgas gespielt. Ist das angekommen? Du hast erst einen Satz gewonnen. Das reicht noch nicht.“

Meine Tonlage wechselte von freundlich in bestimmend und sofort schaute mich Carlo mit großen Augen an.

„Jaja, ich hab's verstanden. Ich werde versuchen, mich von Beginn an zu konzentrieren.“

„Falsch, nicht versuchen, machen“, lachte ich.

Bei Carlo konnte ich diese Art des Coachings einsetzen, bei Tim wäre das unter diesen Umständen nicht gut. Carlo grinste, schlug meine Hand ab und stellte sich wieder auf den Platz.

Im Gegensatz zu früheren Spielen, begann er furios und fokussiert. Er machte da weiter wo der erste Satz aufgehört hatte. Sein Gegner hatte keine realistische Chance mehr zu gewinnen und Carlo siegte mit 6:3 im zweiten Satz.

Als er nach dem Handshake zu mir an die Bank kam, umarmte ich ihn kurz mit einem Lob:

„Glückwunsch, du hast viel dazu gelernt und ein tolles Match gezeigt.“

„Danke, Chris. Jetzt führen wir zumindest mal mit 1:0, kommst du mit zu Malte an den Platz oder ist der schon fertig?“

„Ich werde zu Malte gehen, du gehst dich aber erst auslaufen und dann umziehen bevor du zu Malte gehst. Aber es wäre eine große Überraschung wenn Malte noch nicht verloren hat.“

Erstaunlicherweise begann Carlo nicht mit mir darüber zu diskutieren. Er nahm seine Tasche und verschwand Richtung Umkleide.

Mein Weg führte zu Maltes Platz. Dort wurde tatsächlich noch gespielt. Marco saß auf der Bank, wirkte aber sehr angespannt. Schien spannend zu sein. Erstaunlich.

Mit einem Rundumblick versuchte ich Kristin zu finden.

Oh wie clever, sie stand oben auf dem Rasenwall. Einige Meter entfernt vom Platz. Ich entschied mich zuerst bei ihr vorbeizugehen. Marco saß auf der Bank und somit war Malte bestens versorgt.

Aber es gab nun ein Problem. Marco war noch bei Malte gebunden. Er sollte eigentlich bei Joel auf die Bank gehen, da ich Joel noch gar nicht richtig kannte. Ich wollte mich jetzt aber erst einmal bei Kristin erkundigen wie der Spielverlauf ist.

„Hi Kristin, wie läuft es denn bei Malte? Carlo hat gerade gewonnen.“

„Hi Chris, du bist aber auch überall dabei. Ich habe gesehen, dass du bei Carlo auf der Bank gesessen hast. Also kein Wunder, dass er gewonnen hat. Malte spielt meiner Meinung nach sehr gut. Sein Gegner hat ihn wohl zu Beginn unterschätzt. Jetzt wird es aber mit jedem Spiel enger für Malte. Dennoch hat er schon mehr erreicht als zu erwarten war.“

„Na, das freut mich. Hab ich doch gesagt, dass er einfach spielen soll. Aber wie steht es denn jetzt?“

„Er hat den ersten Satz knapp mit 5:7 verloren und liegt im zweiten Satz 3:5 zurück. Es könnte also gleich zu Ende sein.“

„Das ist doch ein tolles Ergebnis bislang. Lass uns doch mal schauen ob er nicht noch ein Spiel gewinnen kann.“

Und tatsächlich, Malte gewann seinen Aufschlag zum 4:5. Alles was ich in der kurzen Zeit gesehen hatte, stimmte mich positiv. Malte spielte nicht ängstlich und versuchte seine Möglichkeiten auszuspielen. Dass es zu einem Satzgewinn nicht reichte, war überhaupt kein Beinbruch. Nachdem Malte verloren hatte und den Platz abgezogen hatte, war ich zu ihm an die Bank gegangen. Marco war schon zu Joel gewechselt. Ich würde mich mit ihm nach den Einzeln austauschen können.

„Na, das war doch eine ansprechende Leistung von dir. Ich habe leider nur die letzten Spiele sehen können, weil ich bei Carlo auf der Bank saß, aber das sah gut aus. Du hast alles gegeben und dich ordentlich gewehrt.“

Malte schaute mich an und obwohl er sichtlich enttäuscht war, lächelte er nach einem kleinen Moment.

„Danke schön. Das tut gut, wenn du mir das so sagst. Ich habe wirklich alles versucht. Aber es hat nicht gereicht. Tut mir leid. Wie hat Carlo denn gespielt?“

„Es muss dir nicht leid tun. Das war eine gute Leistung, also schau positiv nach vorn. Carlo hat gewonnen und somit steht es 1:1. Alles ist noch möglich und ich bin guter Dinge, dass wir das heute gewinnen und damit den Klassenerhalt schaffen. Aber jetzt zieh dir frische Sachen an. Ich gehe direkt zu Tim an den Platz. Marco wird bei Joel sein.“

„Ich muss noch Doppel spielen. Da macht es doch keinen Sinn sich jetzt umzuziehen.“

Ah, hier hatten wir das Problem was bei den Jungs in den unteren Ligen immer wieder auftauchte. Einerseits war die Pubertät ein Thema weshalb sie sich nur ungern im Club duschten und andererseits war ihnen die Wichtigkeit des Hemdenwechsels nicht bewusst.

„Ich schicke dich jetzt in die Umkleide und du ziehst dir bitte ein trockenes Hemd an. Darüber möchte ich auch nicht diskutieren. Es ist für deine Gesundheit eminent wichtig. Wenn du mit dem Duschen ein Problem hast, dann können wir darüber gern einmal in Ruhe und unter vier Augen sprechen.“

Malte wagte es nun nicht, mir zu widersprechen. Er ging Richtung Umkleide und kam tatsächlich einige Minuten später umgezogen zu Tim an den Platz.

Ich hatte nur kurz Zeit mir eine Fassbrause zu nehmen und wollte mich zu Tim auf die Bank setzen. Da kam mir Kristin entgegen.

„Sag mal, verrätst du mir deinen Trick wie du es geschafft hast, dass Malte mit einem Lächeln in die Umkleide gegangen ist? Das kann ich gar nicht glauben.“

„Hahaha, da gibt es keinen Trick. Ich habe ihm einfach den Auftrag gegeben, er möge sich frische Sachen anziehen. Darüber diskutiere ich mit den Kids auch nicht. Und dass er ein tolles Spiel gemacht hat, das war offensichtlich.“

„Jetzt sag nicht, dass er sich auch noch vor dem Doppel umzieht? Das kann ich noch weniger glauben. Ich habe es so oft versucht und geredet, aber er tut es einfach nicht. Jedenfalls nicht hier, sondern erst zu Hause.“

„Doch, das wird er machen. Und ich glaube, er hat begriffen, dass ich da keine Kompromisse mache. Lassen wir uns doch gleich mal überraschen, aber ich gehe fest davon aus, dass er zumindest frisch umgezogen an den Platz kommt.“

„Wow, wenn du das hinbekommst, dann wäre das riesig. Mit mir redet er momentan gar nicht über das Thema. Er ist eben mitten in der Pubertät.“

„Ja, das kenne ich und habe ich schon oft gehabt. Hat er denn genug Sachen in seiner Tasche, damit er nach dem Doppel auch noch frische Sachen hat und vielleicht auch duschen kann?“

„Nein, das glaube ich nämlich nicht. Aber das macht nichts. Ich fahre eben schnell nach Hause und hole ihm frische Sachen und soll ich wirklich Duschzeug einpacken? Glaubst du wirklich, dass du das hinbekommst?“

„Ich glaube das nicht, ich weiß das. Außerdem werde ich das vermutlich gar nicht ansagen müssen, das werden Tim und Carlo übernehmen. Sie wissen genau, dass sie richtig Ärger mit mir bekommen, wenn sie nicht duschen. Da kann sich Malte schlecht davonstehlen.“

„Hihi, du bist ein guter Stratege. Ich fahre eben los und hole die Sachen. Sieh du zu, dass du jetzt zu Tim auf die Bank kommst. Wir brauchen jeden Punkt.“

Kristin verschwand in Richtung Parkplatz während ich mich bei Tim auf die Bank setzte.

Tim schien überrascht, dass ich bei ihm auf die Bank kam. Nach der Einschlagzeit kam er zur Bank und fragte:

„Cool, bleibst du auch bei mir das ganze Spiel auf der Bank?“

„Klar, oder stört dich das? Dann gehe ich wieder.“

„Spinnst du, ich finde das mega. Vor allem, weil ich tierisch nervös bin. Ich muss mein Einzel gewinnen, sonst sieht es ganz schlecht aus. Joel wird kaum gewinnen können.“

„Nun mal ganz langsam. Zuerst spielen wir hier auf diesem Platz. Und da ist es egal was Joel macht. Du spielst dein Spiel und ich pass auf dich auf, damit du dir nicht in die Hose machst und gutes Tennis spielst.“

Jetzt zeigte sich Tims Entwicklung. Er fing furchtbar an zu lachen und brauchte sogar einen Moment, um wieder zu Luft zu kommen.

Sein Gegner hatte glücklicherweise Verständnis dafür und wartete geduldig auf Tim. Aber dann begann das Spiel und sofort spürte ich wieder diese Anspannung. Dabei war es ein U15 Mannschaftsspiel und kein ATP Challenger.

Die Anspannung war natürlich bei Tim deutlich erkennbar. Er spielte zu Beginn verkrampft und ängstlich. Das führte direkt zu einem Break. Und bei 1:2 wurden die Seiten gewechselt. Entsprechend unzufrieden setzte sich Tim neben mich auf die Bank.

„Hey, locker werden. Setz dich nicht so unter Druck. Spiel mehr das Spiel. Du versuchst es zu erzwingen und keine Fehler zu machen. Geh mehr auf den Ball und schwinge locker durch. Du kannst Tennis spielen und ich weiß das. Also offensiver werden und trau dich etwas mehr. Los, keine Angst haben.“

Ich hielt ihm meine Hand hin und er schlug ein. Aber der folgende Satz war viel wichtiger.

„Danke, Chris. Du glaubst an mich und ich sollte das auch tun. Auf geht es, jetzt wird Tennis gespielt.“

Ich nickte ihm zu und dann begann ein Feuerwerk zu zünden. Tims Returns schlugen auf der anderen Seite vollkommen anders ein. Sein Gegner hatte keine Sekunde mehr Zeit auf den Ball zu warten und schnell stand es 15:40, Breakball.

Tim baute sich wie ein Tiger vor seiner Beute auf und erwartete den Aufschlag des Gegners.

Ein knapper Blick zu mir und wieder ging der Fokus auf den kommenden Aufschlag.

Mit vollem Risiko hämmerte er den Ball ins gegnerische Feld. Ein lautes „Yes“ folgte und es stand 2:2.

Ich ballte kurz die Faust und pushte Tim weiter nach vorn.

Der Satz kippte zu Tims Gunsten und bei 5:3 hatte er das Spiel komplett gedreht. Jetzt schlug Tim zum Satzgewinn auf. Leider begann er etwas ungeduldig und fabrizierte einen Doppelfehler. Ich konnte das leise Aufstöhnen hinter mir wahrnehmen. Ich versuchte Tim zu beruhigen und nickte ihm ruhig zu. Mit dem Finger tippte ich mir an die Schläfe. Das war instinktiv. Dieses Zeichen kannten meine großen Jungs genau. Aber ich hatte mir keine Gedanken gemacht, dass Tim vielleicht gar nicht wusste was ich meinen würde.

Tim schaute mich kurz ratlos an, dann lächelte er. Er nahm sich zwei Bälle und konzentrierte sich besonders lange bevor er den Ball hochwarf.

Dann war der Ball im Spiel und Tim spielte allen Ernstes Serve and Volley. Unglaublich! Mir blieb fast das Herz stehen, aber er machte den Punkt und ballte die Faust. Wieder kam sein Blick zu mir, aber jetzt konnte ich seine totale Entschlossenheit erkennen. Tim ließ nichts mehr anbrennen und gab keinen Punkt mehr ab. Satzgewinn.

In der Satzpause versuchte ich Tim nur auf den nächsten Punkt zu fokussieren. Erstaunlicherweise hörte er mir aufmerksam zu und behielt die Körperspannung. Er hatte wirklich etwas gelernt und sich entwickelt. Hoffentlich würde es auch im Spiel so sein.

Nach einem kurzen Hänger im zweiten Aufschlagspiel zeigte er eine tolle Performance und brachte das Team mit 2:1 in Führung. Erleichterung machte sich bei mir breit.

Als ich nach der Umarmung den Platz verlassen wollte, bemerkte ich erst, dass sowohl Malte als auch Carlo schon am Platz waren. Kristin hatte sich ebenfalls zu den beiden gesellt. Lachen musste ich, als mir Carlo eine Fassbrause hinhielt und meinte:

„Damit du uns noch etwas weiter aushalten kannst.“

Ich musste laut lachen und nahm ihn in den Arm. Dafür liebte ich die beiden so. Sie waren manchmal noch richtige Kinder. Superschön, auch wie sie sich entwickelt hatten.

Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte bei diesem Spiel gelassener zu bleiben, hatten mich diese beiden Einzel wieder Kraft gekostet. Ich brauchte eine Pause und die wollte ich mir jetzt nach den Einzeln nehmen. Auch wenn Joel noch spielte. Marco war der Verantwortliche und das sollte auch so bleiben. Also machte ich mich für eine halbe Stunde von der Anlage. Ich kannte ein gutes Eiscafé in der Nähe. Aber damit Marco wusste wo ich bin, hatte ich ihm eine Whatsapp Nachricht geschrieben. Ein lustiger Smilie kam zurück und ein Daumen hoch Zeichen.

Meine Gedanken schweiften ein wenig in andere Gefilde. Mir fehlte ein wenig Abwechslung. Immer für Tennis unterwegs zu sein, das war eigentlich nicht mein ursprünglicher Plan gewesen. Mir fehlten die Besuche meiner Freunde in Leipzig, Basel, Berlin, Hilden und Hahnstätten. Auch Mo in Hamburg war für mich immer eine Reise wert. Dort konnte ich komplett abschalten. Das hatte ich gerade erleben dürfen auf unserer letzten Reise von Leipzig und Lübeck.

Interessant war die Nachricht von Dustin und Justin aus den Staaten. Sie schickten mir Bilder und ich hatte den Eindruck, dass sie sich wohl fühlten. Sie berichteten von ihren Trainingseinheiten.

Ich hatte gerade meinen Eisbecher aufgegessen und wollte mich auf den Rückweg machen, als mir Marco seine mögliche Doppelaufstellung schickte. Ich war der Meinung, dass es seine Verantwortung ist, fand seine Idee aber auch in Ordnung. Also stimmte ich zu, dass Carlo mit Joel erstes Doppel spielen sollte und Tim mit Malte zweites Doppel. Es stand 2:2 nach den Einzeln. Also mussten beide Teams zwei Doppel gewinnen. Denn bei einem Unentschieden würde es ein Rechenspiel werden. Darauf sollte sich keiner freiwillig einlassen.

Einige Minuten später betrat ich wieder die Anlage und konnte noch mitbekommen, dass die Doppel auf die Plätze gingen. Marco stand auf der Terrasse und sprach mit Fynn.

„Ah, da bist du ja wieder. Kannst du vielleicht das Doppel mit Tim und Malte betreuen? Ich glaube, dass könnte für beide sehr hilfreich sein. Tim wirkte sehr angespannt. Von Malte ganz zu schweigen. Ich habe ihnen zwar klar gesagt, dass sie sich nicht verrückt machen sollten. Sie geben ihr Bestes und dann sehen wir weiter.“

„Natürlich kann ich das machen. Wenn du meinst, ich kann helfen, dann mache ich das gern. Was ist mit dir, Fynn? Ich dachte ihr habt noch zu tun.“

„Wir haben unsere Physio beendet und ich wollte zumindest noch wissen wie es steht. Leider müssen wir gleich wieder was für die Schule machen.“

„Oh, sehr gut. Ist es schon so spät. Danke, dass du noch einmal bei den Jungs vorbeischaust. Ich glaube das hilft ihnen. Wenn du noch etwas bleiben kannst, dann gerne.“

Fynn freute sich über meine Bemerkung und auch Marco gab ihm eine positive Rückmeldung. Daher begleitete mich Fynn zum Platz von Tim und Malte. Kristin stand auch bereits am Zaun ihres Sohnes.

Sie wirkte etwas erleichtert als sie realisierte, dass ich mich bei Malte und Tim auf die Bank setzte.

Auffällig für mich war wieder die Tatsache, dass der Gegner ohne ihren Trainer angereist war. Dort übernahmen die Eltern die Betreuung der Spieler. Das könnte für uns ein Vorteil sein.

Bevor das Spiel begann, hatte ich mir Tim noch einmal an die Seite genommen. Für mich war es jetzt wichtig, ihm die Verantwortung abzunehmen. Er sollte befreit spielen können und Malte nur Sicherheit geben. Alles andere war meine Baustelle.

Der Beginn war zäh und nervös von beiden Seiten. Fehler beherrschten das Spiel. Kein Wunder bei dem Spielstand und der Situation. Es waren eben dreizehn- bis fünfzehnjährige Jungs, die hier auf dem Platz standen.

Ich kommunizierte offen mit Malte und Tim. Sehr entspannt und motivierte sie, mutig zu spielen. Auch wenn Fehler dabei passierten.

Beim Stand von 3:3 im ersten Satz konnte ich bei Tim eine Veränderung spüren. Er wurde freier in seinen Handlungen und spielte mutigere Bälle. Dadurch pushte er auch Malte nach vorn. Jetzt herrschte eine euphorische Stimmung auf dem Platz. Eigentlich gar nicht so mein Metier. Aber ich fühlte, dass ich mich jetzt mitreißen lassen musste und ging entsprechend emotional mit.

Tim spielte zwei wichtige und gute Returns jeweils bei Breakball und damit gewannen wir den ersten Satz mit 6:3. Völlig aufgedreht stürmten Tim und Malte zur Bank. Ich hielt ihnen meine Hand hin und sie schlugen ab.

„Leute, mega geil was ihr zeigt. Jetzt müsst ihr mir aber gut zuhören.“

Ich wartete einen Moment, Tim schaute mich an und was dann passierte erstaunte sogar mich.

„Okay, Chris. Schieß los. Ich bin jetzt wieder ruhig.“

Malte schaute seinen Doppelpartner an und wurde ebenfalls sehr still.

„Sehr gut, Jungs. Also, jetzt geht das Spiel wieder bei Null los und ihr dürft euch nicht auf dem Satz ausruhen. Zeigt dem Gegner von Beginn an, wer hier der Herr auf dem Platz ist. Fokussiert euch nur auf den Ball und den nächsten Punkt.“

Ich kam mir schon fast wie ein Tonband vor, so oft hatte ich diesen Satz schon gesagt. Allerdings hörte Tim richtig gut zu und auch Malte bemühte sich, mit seiner Nervosität klarzukommen.

Tim zeigte gleich zu Beginn, dass er es begriffen hatte. Kein zu großes Risiko, aber nicht ängstlich, zwang er dem Gegner das Spiel auf. Tim übernahm die klare Führungsrolle auf dem Platz. Und mir gefiel das immer besser. So wurde Malte auch immer sicherer und mein Puls ging so ganz langsam von zweihundert auf hundertfünfzig herunter. Das war natürlich nur gefühlt, aber ich war mir recht sicher, sollte das so weitergehen werden wir dieses Doppel gewinnen.

Beim Stand von 5:3 für Tim und Malte musste Malte zum Matchgewinn aufschlagen. Mir war klar, jetzt war ein ganz entscheidender Moment.

Tim versuchte Malte zu beruhigen und ging vor dem Aufschlagspiel zu ihm und sie redeten leise miteinander. Tim gab seinem Partner einen Klaps auf die Schulter und dann ging das Spiel los.

Tim war komplett verkrampft. Aber ich hatte großes Verständnis für seine Situation. Der folgende Doppelfehler war also keine Überraschung. Ich konnte Kristin aufstöhnen hören. Das war nicht gut und entsprechend schlecht ging es für Malte weiter. Er drohte an dieser Situation zu zerbrechen. Ich musste eingreifen.

„Los, Malte. Denk nicht nach. Spiel einfach so gut es geht. Ich weiß, dass es gerade sehr schwierig ist. Kopf hoch.“

Aber es half nicht viel, das Aufschlagspiel ging verloren. Malte war am Boden zerstört und den Tränen nahe. Ich blieb neben ihm sitzen und legte meinen Arm um ihn.

„Hey, großer Krieger, das ist schon ganz anderen Leuten passiert. Das ist kein Weltuntergang. Ihr führt immer noch 5:4 und ich glaube weiterhin an euch. Du machst dir viel zu viele Gedanken. Spiel einfach. Es ist immer noch nur ein Spiel.“

Dabei wuschelte ich ihm durch die verschwitzten Haare. Jetzt musste Malte auch einmal kurz lachen.

Tims Verhalten war vorbildlich. Er baute Malte direkt weiter auf und mit einem lockeren Spruch ging er voran aufs Spielfeld:

„Los, Malte. Du kannst das und wir hauen sie jetzt ins Nirwana. Der Satz ist unser.“

Tim übernahm hier Verantwortung und baute überhaupt keinen Druck auf Malte auf. Einfach großartig wie Tim sich hier präsentierte. Und Malte bemühte sich sehr, jetzt nicht völlig einzubrechen. Tim dominierte, aber er ließ Malte jeden Ball spielen. Ich war begeistert über diese Teamleistung.

Bei 30:30 hielt ich den Atem an, denn Malte bekam einen Schmetterball. Er stellte sich unter den Ball und schlug zu. Punkt für uns.

„Yes“, schallte es über den Platz.

Auch ich sprang von der Bank auf und applaudierte. Matchball!

Tim musste jetzt returnieren. Zuvor klatschte er sich mit Malte noch einmal ab. Malte ging vor ans Netz und spannte den ganzen Körper an.

Der Ball war im Spiel und Tim spielte einen guten Return. Der Gegner musste laufen und spielte den Ball in Maltes Reichweite.

Luftanhalten.

Malte macht den Schritt in die Mitte und nimmt den Volley. Unerreichbar für den Gegner. Vorbei und gewonnen.

Tim lief von hinten auf Malte zu und sie umarmten sich heftig. Aber trotz der großen Freude gaben sie ihrem Gegner fair die Hand und erst dann begann ein kleiner Freudentanz. Plötzlich lief Tim auf mich zu und sprang mir in die Arme.

„Danke, Chris. Wie geil, wir haben gewonnen, weil du uns immer geführt hast. Danke!“

Bevor ich antworten konnte, kam Malte auch dazu und umarmte mich genauso herzlich.

„Jungs“, erwiderte ich, „ihr habt verdient gewonnen und ein tolles Doppel gespielt. Ich bin zwar wieder um Jahre gealtert, aber das hat sich gelohnt.“

Kristin kam nun auch zu ihrem Sohn und umarmte Malte herzlich.

So ganz angenehm war ihm das zwar nicht, aber er wehrte sich auch nicht.

„So, ihr geht direkt auslaufen und unter die Dusche. Ich ziehe für euch den Platz ab, dann kommt ihr schneller zum anderen Doppel.“

Tim nickte nur, aber Malte schaute mich fragend an.

„Ist was?“, fragte ich ihn.

Kleinlaut kam von ihm zurück:

„Ich kann mir andere Sachen anziehen, aber ich habe keine Duschsachen dabei. Ich dusche doch sonst immer zu Hause.“

„Deine Mutter hat dir Sachen geholt. Also kein Problem. Lass dir die Sachen geben und dann zisch ab. Ich erkläre es dir später noch einmal in Ruhe warum das so wichtig ist direkt nach dem Spiel zu duschen.“

Jetzt ergab er sich in sein Schicksal und ging zu seiner Mutter, die ihm die Tasche bereits entgegenhielt.

Ich hatte mittlerweile den Platz abgezogen und ging mit Kristin zum anderen Platz.

„Boah, Chris. Ich weiß nicht, wie du das machst. Normalerweise hätte ich jetzt wieder eine Riesendiskussion gehabt. Allerdings glaube ich noch nicht, dass er wirklich hier duschen gehen wird. Aber warten wir mal ab.“

„Hihihi, ich bin halt nicht seine Mutter. Und er wird hier duschen gehen, ganz sicher. Sollte er jetzt noch versuchen mich auszutricksen, wird er mich auch einmal von der weniger freundlichen Seite erleben.“

Kristin sagte nichts mehr dazu. Sie fragte mich:

„Hast du schon eine Ahnung wie es auf dem anderen Platz steht?“

„Nein, keinen Plan. Hast du etwas mitbekommen?“

„Ja, sie hatten den ersten Satz gewonnen.“

„Na, das ist doch schon mal die halbe Miete. Dann lass uns mal schauen wie dort jetzt die Lage ist.“

Und es schien spannend zu sein. Das konnte ich sofort an Marcos Sitzhaltung auf der Bank erkennen. Ein Blick auf den Spielstandsanzeiger zeigte mir, dass es 4:3 stand, aber für wen war mir noch nicht ersichtlich. Carlo schlug auf, also vermutete ich ein 3:4.

Kristin blieb etwas weiter abseits stehen. Ich hingegen machte mich auf den Weg zur Bank.

Als ich hinter ihm stand, bemerkte er mich und fragte leise:

„Sag an, wie ist das ausgegangen?“

„Gewonnen“, antwortete ich leise mit dem Daumen nach oben.

„Geil“, kam von Marco zurück.

Natürlich hatten Carlo und Joel bemerkt, dass ich zurück war. Marco gab ihnen mit dem Daumen das Signal des Sieges. Jetzt war ich gespannt wie dieses Match verlaufen würde. Immerhin war das ein vollkommen neues Doppel mit Carlo und Joel. Sie hatten noch nie zusammen gespielt. Aber Carlo zeigte ein weiteres Mal, wie cool er sein konnte. Souverän gewann er sein Aufschlagspiel zum 4:4 und ich konnte nur anerkennend applaudieren. Das Coaching und die Verantwortung trug Marco auf der Bank.

Eigentlich hätte ich mich entspannt der Beobachterrolle zuwenden können, aber das war gar nicht mein Ding. Dennoch hielt ich mich aus der Kommunikation mit den Spielern komplett heraus. Das war Marcos Aufgabe.

Trotzdem pushte ich unsere Jungs nach jedem Punkt und plötzlich gab es für Carlo und Joel eine Breakchance.

Leider gelang der Punkt nicht. Einstand, aber erneut machte Joel einen wichtigen Punkt und wieder Breakball.

Dieses Mal spielte Carlo einen Chip als Return, rückte direkt ans Netz hinterher und überraschte damit den Gegner. Carlo gelang ein toller Volley und das Break war geschafft. 5:4 für uns und damit die Chance das Match zu beenden. Beim Seitenwechsel nahm sich Marco viel Zeit für Joel. Er musste jetzt zum Matchgewinn aufschlagen.

In diesem Moment tauchten Tim und Malte bei mir auf. Frisch geduscht wollten sie sofort wissen wie es steht. Ich erklärte ihnen kurz den Spielstand und sofort waren sie angefixt von der Spannung.

Leider passierte dann im nächsten Spiel eine Unsportlichkeit von Malte. Er applaudierte und freute sich lautstark nach einem Netzroller. Das ging gar nicht. Da wurde ich sofort richtig grantig und bevor Marco auch nur ein Wort sagen konnte, hatte ich Malte zusammengefaltet und deutlich verwarnt.

Er zuckte regelrecht zusammen, als er bemerkte wie sauer ich geworden war.

„Scheiße, das war wohl dumm. Ich habe mich nur gefreut, dass wir den Punkt gemacht haben. Aber über den Netzroller habe ich nicht nachgedacht. Es tut mir leid, Chris.“

Ich nickte ihm wortlos zu, denn das Spiel lief ja weiter. Spielstand 30:30 und es fehlten also noch zwei Punkte. Man konnte auch sagen, Matchball oder Breakball nach dem nächsten Punkt.

Joel war es, der mit einem grandios klugen Aufschlag den Gegner aus dem Feld trieb und somit für Carlo den Punkt vorbereitete. Matchball.

Joel und Carlo standen an der Grundlinie zusammen und besprachen den nächsten Ball. Kaum zu glauben, dass Carlo so das Zepter in der Hand hatte. Ich war beeindruckt wie die beiden zusammen harmonierten.

Joel stellte sich zum Aufschlag und was war das? Carlo stellte sich zur Australischen Variante ans Netz. Er hockte hinter dem Netz in der Mitte des Feldes. Das hatten wir noch nie im Training probiert. Auch Marco schien komplett überrascht und schüttelte seinen Kopf. Sicher keine kluge Reaktion ausgerechnet in dieser Situation.

Joel schlug gut auf und Carlo spekulierte auf die richtige Seite und blockte den Return ab. Der Gegner kam noch an den Ball und spielte über Carlo einen Lob. Joel war nachgerückt und schmetterte den Ball aus der Luft unerreichbar ins Feld. Vorbei und Sieg!

„Jaa!“, kam von mir sehr laut über den Platz gerufen.

Marco war von der Bank aufgesprungen und zu den Jungs auf den Platz gelaufen. Er umarmte beide bevor sie dem Gegner die Hand gaben. Der Gegner hatte ein sehr faires Match geliefert und das zeigten sie auch in der Niederlage. Dafür gab es von mir großen Respekt.

Ich gratulierte ebenfalls Carlo und Joel und als ich mich umdrehte, sprangen mir Tim und Malte entgegen. Sie umarmten mich ganz fest und freuten sich wie die kleinen Kinder. Jetzt wurde es für mich Zeit vom Platz zu verschwinden, sonst würde ich ganz sicher nicht trocken bleiben.

Und genauso kam es. Tim hatte sich den Schlauch zum Sprengen des Platzes genommen und Marco eiskalt abgeduscht. Sein Blick kreiste über den Platz, aber ich stand bereits in sicherer Entfernung mit Kristin im Gang zwischen den Plätzen.

„Puh, das war aber ein Krimi. Wie gut, dass ihr beide heute für die Jungs dagewesen seid. Ich wundere mich schon die ganze Zeit, wie es dir gelingt, Malte so zu kontrollieren und dazu zu bewegen das zu tun, was du ihm sagst.“

„Hahaha, falsch. Er macht nicht das was ich sage, er macht das, was er für richtig hält. Ich schlage ihm nur die nötigen Dinge vor. Entscheiden tut er selbst. Er muss nur die Konsequenzen seines Handelns dann auch ertragen, sollte er sich anders entscheiden.“

„Jajaja, aber dafür lade ich dich zu einem Latte Macchiato ein. Oder lieber etwas Anderes?“

„Oh, danke. Sehr gern. Lassen wir die Jungs mal allein. Wir müssen nicht jeden Blödsinn mitbekommen.“

Kristin schaute mich mit einem Grinsen und Kopfschütteln an. Aber sie sagte nichts dazu.

Im Clubhaus konnte ich meinen Puls wieder herunterfahren und als ich mit Kristin auf der Terrasse saß und jeder von uns seine Tasse vor sich stehen hatte, begann ich den Tag genießen zu können. Die Sonne strahlte in mein Gesicht und ich genoss die Wärme.

Kristin saß genauso entspannt neben mir als Marco zu uns kam.

„Hier seid ihr hin. Ihr könnt doch nicht einfach abhauen, wenn die Jungs gewonnen und den Klassenerhalt geschafft haben.“

„Warum denn nicht. Es ist spät genug geworden. Ich finde, ich habe Feierabend und darf mich zurückziehen. Hihihi. Es ist doch deine Mannschaft und du hast sie zum Sieg geführt.“

„Quatsch, das weißt du auch ganz genau. Wir möchten noch ein Mannschaftsbild machen und die Jungs haben darauf bestanden, dass du mit auf das Bild kommst. Also?“

Das war natürlich ein Argument. Da konnte ich jetzt schlecht ablehnen. Also ging ich mit Marco nach vorn vor das Clubhaus. Dort warteten bereits die Jungs auf uns. Toto stand mit der Kamera bereit und dann war alles recht schnell erledigt.

Bevor ich mich nach Hause verdrücken konnte, stand Tim plötzlich vor mir.

„Danke, Chris. Es war schön, dass du für uns da warst und uns geholfen hast zu gewinnen. Obwohl du gerade anderes um die Ohren hast, bist du zu uns gekommen. Es fühlte sich gut an. Außerdem empfinde ich es für mich als wichtig, dass du für mich immer noch ansprechbar bist.“

Dann kam er auf mich zu und umarmte mich.

„Passt schon, Tim. Du hast mich heute echt beeindruckt und ich bin glücklich, dass du dich so entwickelt hast. Mach weiter so und du wirst bald noch besser spielen. Ich glaube, ihr seid eine gute Mannschaft. Joel ist eine klare Verstärkung für euch. Wir sehen uns dann morgen wieder. Ich fahre jetzt nach Hause und werde noch ein wenig meine Panigale bewegen.“

Bevor ich das tat, suchte ich noch nach Malte. Er hatte sich erstaunlicherweise noch ein trockenes Hemd angezogen als ich ihn mit den anderen im Clubhaus traf.

Ich nahm ihn mit auf die Terrasse zu einem erklärenden Gespräch.

„Keine Angst, du hast nichts falsch gemacht. Ich möchte mit dir nur über das Umziehen und Duschen sprechen. Ich glaube nämlich, dir ist noch gar nicht bewusst wie wichtig das für deinen Körper und deine Gesundheit ist.“

„Ganz ehrlich, Chris. Mich nervt das einfach, dass ich hier duschen muss und nicht wie gewohnt wenn ich zu Hause bin.“

„Das merke ich, deshalb sprechen wir beide jetzt. Der Körper kühlt durch das verschwitzte Hemd aus, die Muskulatur verhärtet und dann sind Verletzungen viel schneller passiert. Abgesehen davon ist das gerade in der Pubertät für die Haut sehr stressig, wenn der Schweiß so lange auf ihr haften bleibt.“

„Heißt das, du und Marco, ihr besteht da deshalb darauf, weil es gesünder ist?“

„Genau das. Wir haben ganz sicher nicht im Kopf, dich zu ärgern oder zu schikanieren. Das Problem für dich liegt aber vielleicht ganz woanders. Kann das sein? Du hast dich mir nicht widersetzt, im Gegensatz zu deiner Mutter.“

Malte schwieg, hier würde es schwierig werden, mit ihm ein offenes Gespräch zu führen. Außerdem war ich nicht sein Trainer. Ich entschied mich, dieses Thema zu Hause noch einmal mit ihm anzugehen. Dort konnte ich in besserer Atmosphäre mit ihm sprechen.

„Wenn ich das nicht gemacht hätte, hätte mir Marco beim nächsten Training richtig den Marsch geblasen. Das habe ich schon verstanden, bin ja nicht völlig blöd.“

„Genau, aber das wäre sicher nicht richtig gewesen. Marco und ich wollen, dass ihr das freiwillig tut, weil ihr von der Richtigkeit überzeugt seid. Und ich mache dir einen Vorschlag. Jetzt ist der falsche Moment, über dieses Thema zu sprechen. Ich habe so das Gefühl, dass dir etwas anderes auch Probleme macht, hier zu duschen. Lass uns zu Hause in Ruhe einmal darüber reden. Ohne deine Mutter im Hintergrund. Was meinst du?“

Malte schaute mich an, als ob ich von einem anderen Stern sei und fragte nach:

„Also du bist mir nicht böse und ich darf auch ganz offen sagen warum ich hier nicht so gern dusche? Ohne Angst vor Bestrafung?“

„Selbstverständlich, Malte. Du musst niemals vor uns Angst haben. Wir sind immer für dich da und nicht anders. Manchmal siehst du vielleicht noch nicht den Sinn hinter unseren Ansagen, aber dann frag bitte nach. Unsere Aufgabe ist es, euch zu erklären, warum und weshalb ihr etwas tun sollt. Und du darfst immer zu mir kommen, auch wenn ich zu Hause bin und du etwas wissen möchtest oder ein Problem hast.“

Jetzt schaute er mich wieder mit großen Augen an und dann nickte er.

„Danke, dieses Angebot würde ich gerne einmal nutzen. Darf ich wirklich einfach bei dir klingeln oder dich ansprechen wenn du zu Hause bist?“

„Ja, das darfst du jederzeit. Wenn ich gerade in der Situation mal keine Zeit haben sollte, werde ich mit dir sofort einen Termin machen, wo wir uns zusammensetzen können. Versprich mir aber bitte eines. In Zukunft läufst du bitte nicht mehr weg, wenn du etwas nicht verstehst. Frag uns bitte.“

„Ja, versprochen. Und danke für deine Hilfe. Vielleicht verstehst du ja mein Problem. Meine Mutter tut es jedenfalls nicht. Sie nervt einfach nur rum und macht sich über mich lustig.“

„Auch das klären wir dann und ich verspreche dir, wenn du nach unserem Gespräch möchtest, dass ich mit deiner Mutter spreche, werde ich das ebenso tun.“

Malte schien erleichtert zu sein und verabschiedete sich jetzt wieder mit einem Lächeln von mir.

Endlich konnte ich die Anlage verlassen und mich mit meiner Panigale vergnügen.

Und genau das tat ich. Eine gute Stunde fuhr ich über schöne Landstraßen und genoss die Abendsonne.

Als ich die Panigale im Carport abstellte und den Helm abnahm, spürte ich bereits die frische Abendluft. Mit dem Helm in der Hand ging ich in meine Wohnung und ließ mir ein heißes Bad ein. Damit konnte ich mein System komplett herunterfahren und mich entspannen.

Die nächsten zwei Wochen würden anstrengend genug werden.

Besonders freute ich mich über eine Email von Dustin und Justin aus den USA. Es ging ihnen gut und am nächsten Tag würde ihr erstes Turniermatch anstehen. Ich wünschte ihnen viel Erfolg und erinnerte sie daran, dass diese Reise ein Bonus sei und sie jedes Spiel genießen sollten.

Dustin : Die Umstellung ist enorm, aber es macht trotzdem Spaß zu spielen

Die ersten Tage in den USA waren für mich sehr anstrengend. Ich hatte mit der Zeitumstellung so meine Schwierigkeiten. Justin schien das besser wegstecken zu können.

Meine Angst, dass uns Jan überfordern würde, stellte sich als unbegründet heraus. Allerdings mussten wir immer das Maximale aus uns herausholen. Klar, Niko wäre sonst in den Trainingseinheiten nicht ausreichend gefordert worden. Abends fühlte ich mich komplett ausgepowert und müde. Noch groß weggehen stand überhaupt nicht zu Diskussion. Selbst Justin hatte keine Ambitionen, am Abend noch etwas zu unternehmen. Wir saßen mit Jan nach dem Abendessen in unserem Hotel in der Lounge. Morgen stand unser erstes offizielles Match auf dem Plan. Niko hatte in der ersten Runde ein Freilos. Er war hier an Nummer eins gesetzt.

„Und wie geht es euch nach den ersten Tagen hier?“, fragte uns Jan.

„Außer, dass ich mich sehr müde fühle, geht es mir gut“, antwortete Justin.

Jan schaute mich an.

„Ich kann mich nur anschließen. Zwar weiß ich nicht, ob ich morgen in diesem Zustand überhaupt den Ball richtig treffe, aber es macht Spaß auf diesem Niveau mit Niko arbeiten zu dürfen. Dennoch fehlt mir aber mein Freund und - sei mir nicht böse - mir fehlt auch Chris.“

Im selben Moment biss ich mir auf die Zunge. Den letzten Satzteil hätte ich besser für mich behalten. Jan könnte das als persönliche Kritik empfinden. Aber er zögerte nur einen winzigen Augenblick und fing dann an zu lachen. Auch Niko grinste.

„Warum habe ich mir das nicht denken können. Du musst ja auch nur noch einige Tage ohne deinen Freund aushalten. Wie mir mein Bruder geschrieben hat, ist Fynn sehr fleißig und macht Fortschritte. Und dass dir Chris auch fehlt, glaube ich ebenso. Ihr seid halt sehr eng miteinander verbunden. Damit kann ich leben, dass dir Chris als Coach lieber ist.“

„Sorry, ich wollte damit auch keine Kritik an dir äußern, es ist mit Chris einfach anders.“

„Kein Problem. Das passt schon. Und was deine Sorge bezogen auf das morgige Match betrifft, du wirst dich bis morgen erholt haben. Ihr seid mittlerweile so fit, dass euch das nicht einschränken wird.“

Puh, noch einmal Glück gehabt. Hoffentlich würde ich in Zukunft vorher über meine Äußerungen nachdenken.

Bevor wir auf unser Zimmer gingen, bekam jeder noch seine Gegneranalyse. Danach zogen Justin und ich uns zurück. Es war noch recht warm und da freute ich mich, auf dem kleinen Balkon noch mit meinem Schatz schreiben zu können. Allerdings hatte ich nicht bedacht, dass es in Deutschland ja schon sechs Stunden später war, also mitten in der Nacht. Entsprechend enttäuscht war ich, als ich von Fynn keine Antwort mehr bekam.

Während des Einschlafens wurde es etwas unangenehm. Das gemeinsame Einschlafen mit Fynn war für mich schon zu einer schönen Selbstverständlichkeit geworden. Entsprechend schwieriger konnte ich jetzt ohne meinen Freund einschlafen. Justin schlief schon tief und fest bis ich endlich weit nach Mitternacht auch ins Land der Träume glitt.

Es war keine gute Nacht für mich. Einige Albträume hatten mich heimgesucht. Leider hatte ich so unruhig geschlafen, dass Justin davon wach geworden war und einen Teil meiner Unruhe mitbekommen hatte. Das war mir echt unangenehm.

Beim Frühstück hatte ich allerdings von meinem Schatz eine Nachricht erhalten. Das baute mich gleich wieder etwas auf.

Justin hatte sich auch nicht über die unruhige Nacht beschwert. Im Gegenteil, er gab mir das Gefühl nicht allein zu sein. Das tat mir gut.

Jetzt saßen wir beim Frühstück und Jan gab uns einen zeitlichen Tagesablauf. Justin spielte vor mir und daher sollte er sich mit Niko zuerst einschlagen. Außerdem teilte uns Jan mit, dass Justins Vater mit Aaron zu uns stoßen würde.

„John kann mich gut unterstützen und sich um Dustin auf dem Platz kümmern. Justin werde ich mit Niko betreuen. Nur damit Justin keine Sorge haben muss, dass John sich wieder in dein Tennis einmischen wird. Außerdem kommt dein kleiner Bruder mit. Ich denke, dass gefällt dir, oder Justin?“

„Auf jeden Fall, das finde ich mega cool. Aber ich hoffe auch, dass es für Dustin nicht zu nervig werden wird. Aaron kann manchmal wie eine Klette an einem hängen.“

„Ach was, wir kennen das ja auch mit Tim und Carlo. Die waren zu Beginn auch etwas anstrengend. Mittlerweile sind es gute Freunde für uns.“

Ich freute mich sogar Aaron wiederzusehen. Unser erster Besuch bei Ihnen war schließlich ein tolles Erlebnis. Wenn auch nicht immer angenehm, wenn ich an den versuchten Überfall der Skinheads dachte.

Bei diesem Gedanken musste ich mich schütteln und Jan hatte es bemerkt. Er fragte aber nicht beim Frühstück nach. Erst als wir bereits auf der Anlage waren und Justin bereits beim Aufwärmen war.

Ich stand an einem der äußeren Plätze und schaute mir einen Spieler an, der auch mit seinem Trainer arbeitete. Plötzlich stand Jan neben mir.

„Kann ich dich etwas fragen?“, sprach er mich an.

„Klar, was liegt an?“

„Es geht um eine Situation beim Frühstück. Dort hast du plötzlich sehr erschrocken gewirkt. Gibt es ein akutes Problem?“

„Nein, kein akutes Problem. Mir sind da nur ein paar Gedanken durch den Kopf geschossen. Die waren nicht so angenehm. Aber es hat nichts mit der Situation hier zu tun. Es ist eine alte Sache von unserem letzten Besuch bei Justins Familie.“

„Hat es mit dem Überfall auf Fynn und dich zu tun? Chris hatte mir davon berichtet.“

Das überraschte mich jetzt total. Jan hatte dieses Ereignis noch im Kopf. Damit hatte ich nicht gerechnet.

„Ja, diese Erinnerungen sind in dem Moment wieder hochgekommen. Auch das Chris dabei wieder verletzt wurde. Es bewegt mich immer wieder, wenn ich daran denke wie viel Chris für uns schon gemacht hat.“

„Ja, ich kann es mir gut vorstellen. Chris ist eine wichtige Person für euch. Und wird es auch weiterhin sein. Ich bin übrigens sehr erfreut, dass du den Mut hattest, ohne deinen Freund in die USA zu fliegen. Ich bin mir sicher, es wird euch noch enger zusammenbringen und noch selbstbewusster auf dem Tennisplatz auftreten lassen.“

Das konnte ich jetzt zwar nicht ganz nachvollziehen, aber ich wollte mich heute nur noch auf mein Match konzentrieren und deshalb ließ ich das so stehen. Ich würde sicher noch Gelegenheit bekommen, auch mit Chris darüber zu sprechen.

Während wir uns auf den Weg zu Justins Platz machten, sprach mich ein junger Amerikaner an. Er fragte mich ob ich Dustin aus Deutschland wäre und ob ich ihm ein Autogramm geben könnte. Crazy. Hier in den USA wurde ich nach einem Autogramm gefragt.

Jan schaute grinsend zu, als ich auf dem T-shirt unterschrieb.

„Nicht schlecht, du hast schon ein Autogramm geschrieben während Niko noch nicht dazu gekommen ist. Hihihi.“

Interessant für mich war die folgende Situation. John und Aaron standen etwas abseits von Justins Platz. Aaron hatte mich schon erkannt und flitzte auf mich zu. Mit einem breiten Lachen im Gesicht wurde ich begrüßt. Auch John freute sich mich wiederzusehen. Jan ging nach einer kurzen Begrüßung direkt zu Justin an den Platz.

„Wo ist denn Fynn?“, fragte mich Aaron aufgeregt.

Ich musste lachen.

„Der ist noch in Deutschland und muss für die Schule lernen. Aber er wird in der nächsten Woche mit Maxi und Chris nachkommen.“

„Also bist du weiter mit ihm zusammen?“

„Ja, na klar. Keine Sorge.“

Jetzt war er zufrieden und beruhigte sich schnell. John hatte sich komplett aus unserem Gespräch herausgehalten. Jetzt fragte er mich aber doch noch einige Dinge zur aktuellen Situation. Ich gab ihm ausführlich Auskunft und dann wurde es auch für mich Zeit, mich aufzuwärmen und einzuschlagen.

Dafür sollte ich mich bei Niko melden. Ich ging an den Platz wo Jan mit Niko stand. Justin war gut ins Spiel gestartet und konnte gut mithalten. Bei 3:3 im ersten Satz wurde es für mich aber Zeit.

„Können wir uns jetzt einschlagen?“, fragte ich Niko.

Jan drehte sich zu mir und auch Niko war sofort einverstanden. Für mich war das immer noch etwas Außergewöhnliches mit einem Spieler aus den top Zwanzig in der Welt auf den Platz gehen zu dürfen.

Es dauerte auch keine zehn Minuten und bei uns standen viele Zuschauer und vor allem Jugendliche am Platz und schauten uns zu. Ich dachte natürlich, Niko wäre ihr Ziel der Begehrlichkeit gewesen. Er war immerhin an Position eins gesetzt und ein sehr bekannter Spieler auf der Tour.

Ich konzentrierte mich aber auf meine Vorbereitung auf mein Match. Für Niko war das sicher nur ein lockeres Aufwärmen. Allerdings hatte ich das Empfinden, dass ich nicht mehr so weit weg von seinem Niveau war wie noch vor einigen Wochen. Es fühlte sich gut an mit ihm richtig Gas zu geben.

Plötzlich hielt Niko den Ball an und kam ans Netz vor. Ich ging ebenfalls nach vorn und war völlig überrascht als Niko zu mir sagte:

„Genug warmgespielt. Du musst gleich auf den Platz gehen. Du bist richtig gut geworden und brauchst dich in diesem Feld hier nicht mehr zu verstecken. Ich komme gleich auch an deinen Platz. John und ich werden dich betreuen.“

Die Zeit war nur so gerannt und ich packte meine Sachen zusammen. Niko hatte schon begonnen einige Autogramme zu geben, als ich den Platz verlassen wollte. Dazu kam es aber nicht, denn plötzlich standen etwa zehn Jungs um mich herum und wollten mein Autogramm haben.

Eigentlich wollte ich mich auf mein Match vorbereiten. Aber jetzt einfach weggehen ging auch nicht. Also gab ich jedem ein Autogramm, teilweise auch auf ihr T-shirt.

Bevor ich endlich gehen konnte, fragte mich einer der Jungs:

„Bist du nicht mehr mit Fynn unterwegs? Oder habt ihr euch etwa getrennt?“

Ich war über diese direkte Frage überrascht. Aber der Junge war vielleicht fünfzehn und wirkte ernsthaft interessiert. Ich erwiderte:

„Fynn muss für die Schule in Deutschland lernen und Prüfungen schreiben. Er kommt aber in der nächsten Woche dazu. Und natürlich sind wir noch zusammen.“

„Puh, dann bin ich aber beruhigt. Als wir gesehen haben, dass du allein hier bist, hatten wir schon Sorge, dass euer Projekt nicht weiter geht. Für uns junge Spieler seid ihr die Vorreiter und die Hoffnung, dass wir in ein paar Jahren es vielleicht etwas einfacher haben.“

Eine komische Situation für mich. Aber mein Gegenüber wollte mich gar nicht länger aufhalten. Er wünschte mir für mein kommendes Match viel Erfolg und versprach, dass sie mich unterstützen würden.

Eine halbe Stunde später hatte ich diese Situation fast schon aus dem Kopf, als ich mit meinem Gegner auf den Platz kam. Der Gegner war Mitte zwanzig und stand etwa einhundert Plätze vor mir auf der Weltrangliste.

Allerdings spürte ich heute keinen Druck mehr. Ich freute mich auf das Spiel und wollte mein Bestes geben. Alles andere lag eh nicht in meiner Hand. Chris hatte mir mittlerweile so viel Selbstvertrauen gegeben, dass ich mich nicht mehr verstecken musste.

Schon beim Einschlagen spürte ich die Freude auf das Match in meiner Brust. Ich spürte die Versagensangst nicht mehr. Warum das plötzlich so war, keine Ahnung.

Mit denselben Handlungen als ob Chris am Platz steht, begann ich das Spiel. Nur das eben nicht Chris dort stand, sondern Niko und John. Aaron war vermutlich bei Justin zum Zuschauen.

Aber bereits nach dem ersten Seitenwechsel spürte ich die Unterschiede. John blieb völlig regungslos dort stehen. Keine Signale, keine Kommunikation.

Niko hingegen spürte meine aufkommende Unsicherheit. Er versuchte mit mir Kontakt aufzunehmen. Das tat mir gut.

Das Spiel forderte meine volle Konzentration und den absoluten Willen. Mein Gegner war definitiv eine andere Hausnummer als meine sonstigen Gegner. Dennoch fühlte ich mich dem gewachsen. Ich hielt mit allem dagegen was ich hatte.

Beim Stand von 6:5 für meinen Gegner musste ich gegen den Satzverlust servieren. Erst jetzt nahm ich die Unterstützung von den jugendlichen Zuschauern am Platz wahr. Sie klatschten rhythmisch und pushten mich nach vorn. Unglaublich. Wir waren in den USA und nicht in Halle.

Mein Aufschlag lief schon das ganze Spiel richtig gut und ich erreichte den Tie-break. Niko pfiff so laut, dass ich sofort wusste, ich muss dahin schauen.

Er tippte sich an den Kopf, genau wie Chris. Ich musste sogar lachen und zeigte ihm den Daumen hoch. Ich wusste worauf es nun ankam.

Jeder Punkt war hart umkämpft und meine Lunge brannte schon ganz schön. Aber diesen Satz wollte ich unbedingt haben. Egal was danach passieren würde. Ich hatte die Chance bei einem ATP 250 in die zweite Hauptrunde zu kommen.

Beim Stand von 8:7 für mich hatte ich einfach unglaubliches Glück. Mein Ball tropfte von der Netzkante unerreichbar auf die andere Seite. Damit hatte ich den Satz gewonnen. Freuen konnte ich mich aber nicht. Es war einfach Glück.

Innerlich freute ich mich natürlich, aber ich konnte es nicht herauslassen.

Der zweite Satz entwickelte sich zu einem Fiasko für mich. Nach drei Spielen war mein Akku leer. Die Beine wollten einfach nicht mehr schneller laufen. Hier wurde der dritte Satz ausgespielt und mir wurde bewusst, heute hatte ich keine ernsthafte Chance mehr zu gewinnen. Frust kam in mir hoch. Wofür hatten wir so gut trainiert?

Beim Spielstand von 2:5 im zweiten Satz schaute ich zu John und Niko hoch. Niko machte ein eindeutiges Handzeichen. Ich sollte aufhören, aber wollte ich das? So einfach aufhören?

Den Satz spielte ich zu Ende und saß nun auf der Bank und in meinem Kopf kreisten die Gedanken. Was würde Chris jetzt machen?

Er würde das Spiel vermutlich beenden. Ich musste es für mich jetzt allein entscheiden.

Mit den Gedanken an die Qualifikation für die US Open im Kopf, fällte ich für mich hoffentlich die richtige Entscheidung. Ich stand von der Bank auf und ging zum Schiedsrichter. Es gab ein kurzes Gespräch in dem ich erklärte, dass ich nicht weiterspielen könne.

Ich ging zu meinem Gegner und gratulierte ihm zum Sieg. Er schaute mich überrascht an, aber hatte absolutes Verständnis für meine Entscheidung.

Schnell raffte ich meine Sachen zusammen und verließ den Platz. Ich wollte so schnell wie möglich vom Platz und kurz auslaufen. Da würde ich noch meine Ruhe haben, genau wie unter der Dusche.

Hoffentlich war es Justin besser ergangen.

Während ich zurück in die Umkleide ging, holte mich Niko ein.

„Hey, wie geht es dir? Hast du ernsthafte Probleme oder hat einfach die Kraft nicht gereicht?“

„Ich bin total platt. Einfach alle. Im ersten Satz habe ich noch gedacht, wow, ich kann mithalten, aber dann ging mir sowas von die Kraft aus. Und ich habe mich an Chris Entscheidungen in solchen Situationen erinnert. Er hat gesagt…“

„… schone den Körper. Du bist noch kein Profi und dein Körper ist noch nicht fertig entwickelt. Die US Open sind das wichtigere Event. Du hast dich absolut richtig entschieden. Chris wird stolz auf dich sein. Zur Info, Justin hat gerade sein Match gewonnen. Sein Gegner hat Ende des zweiten Satzes ebenfalls aufgegeben.“

Niko klopfte mir anerkennend auf die Schulter und bat mich nach der Massage ins Clubhaus zu kommen. Dort würden sie auf mich warten.

Beim Auslaufen traf ich auf einen bestens gelaunten Justin. Kein Wunder, aber ich gönnte ihm den Erfolg. Er würde sich genauso für mich freuen. Seine Sorge galt meiner Gesundheit und es tat mir gut auch von ihm verstanden zu werden. In der Umkleide kam es dann zu der folgenden Unterhaltung:

„Hey, lass den Kopf nicht hängen. Du hast dich ganz sicher richtig entschieden. Chris wird beruhigt sein, wenn Jan ihm das berichtet. So kannst du Kraft sammeln für die Qualifikation. Und Niko hat jetzt einen top Trainingspartner für dieses Turnier.“

„Toll“, erwiderte ich, „ das bringt mir so viel. Ich würde lieber weiter im Turnier spielen. Vor allem verstehe ich noch nicht warum ich so ein Match noch nicht durchspielen kann. Wir arbeiten täglich und hart an der Fitness. Warum reicht das noch nicht?“

Plötzlich hörte ich Jan hinter mir antworten:

„Genau, es reicht noch nicht. Wie alt bist du? Du kannst doch nicht erwarten, dass die anderen Profis alle Warmduscher sind. Du bist mit siebzehn noch nicht austrainiert und kannst das auch noch nicht sein. Dein Körper gibt noch nicht mehr her und das ist vollkommen normal. Mach dir jetzt bitte keinen Stress. Du liegst vor dem Soll und hast noch so viel Zeit. Freu dich, dass du schon an solchen Turnieren teilnehmen darfst. Hast du hier viele siebzehnjährige gesehen? Ihr seid mit Abstand die Jüngsten, also entspann dich bitte. Was mir Niko erzählt hat, war große Klasse. Du hast einen Satz super mitgespielt. Danach hast du für das hohe Tempo bezahlt. Macht gar nichts. Das kommt alles noch, ganz sicher. Je mehr ich euch direkt auf dem Platz beobachten kann, desto sicherer werde ich, dass ihr ein riesiges Potenzial habt, alles schaffen zu können. Wenn das so weiter geht, dann sehen wir euch in einem Jahr regelmäßig bei diesen Turnieren im Hauptfeld. Und ganz sicher nicht als Kanonenfutter.“

Wow, so eine Ansage hatte ich von Jan nun überhaupt nicht erwartet. Es tat aber richtig gut und auch Justin schien noch größer geworden zu sein.

„Wir sehen uns gleich zur Nachbesprechung. Also trödelt bitte nicht so lange hier herum. Wir wollen zurück ins Hotel und Justin möchte sicher mit seinem Bruder etwas Zeit haben.“

Er drehte sich einfach um und verschwand so schnell wie er gekommen war. Justin schaute mich an und fing plötzlich laut an zu lachen.

„Hä? Habe ich etwas verpasst, oder was ist los?“, fragte ich etwas genervt.

„Hahaha, nein. Alles gut, aber dein Gesicht eben war zu cool. Ich glaube, wir haben Jan noch nicht richtig kennengelernt. So streng ist der vielleicht gar nicht. Ich habe jedenfalls noch nie so eine coole Ansage nach einer Niederlage von ihm gehört. Mega gut. Los, komm. Lass uns schnell duschen und dann zu meinem Vater und Bruder gehen. Ich habe außerdem Hunger.“

„Ja, Hunger ist ein gutes Stichwort. Ich könnte jetzt ein halbes Schwein auf Toast essen.“

Justin schaute mich rätselnd an und fragte:

„Bitte? Ein halbes Schwein auf Toast? Wie soll das denn gehen?“

„Oh man, Justin. Das ist ein Scherz, ein Spruch. Das sagt man, wenn man großen Hunger hat.“

„Cool, das hatte ich noch nie gehört. Habe ich wieder etwas gelernt.“

„Wir sollten vielleicht morgen Chris mal anrufen. Wenn wir frühstücken, dann ist in Halle mittags. Da könnte es am besten klappen. Was meinst du?“

Justin stimmte mir zu und ich freute mich auch irgendwie auf das Telefonat. Obwohl uns Jan gut begleitete, Chris fehlte mir dennoch.

Chris: Ein lebendiger Freitag

Der Freitag begann mit einer Überraschung für mich. Nach einem entspannten Frühstück bereitete ich das Training für den Nachmittag vor. Heute wollte ich eine Videoanalyse der Aufschlagbewegung machen.

Ich hatte bereits das Equipment vorbereitet und gestern noch alle Akkus in der Base geladen. Jetzt saß ich vor meinem Laptop und suchte mir ein paar gute Übungen heraus, die ich heute mit Fynn und Maxi absolvieren würde.

Da fiel mir ein, dass ich noch gar nicht meine Emails abgerufen hatte. Die Überraschung war perfekt als ich las was mir Jan zum gestrigen Tag geschrieben hatte. Justin hatte sogar die zweite Runde erreicht, während Dustin sein Match aufgrund von Erschöpfung aufgegeben hatte. Mein Bruder schilderte mir die Situation und freute sich über die eigenverantwortliche Entscheidung von Dustin. Allerdings benötigte Dustin jetzt ein wenig Aufbauarbeit. Er war niedergeschlagen und zweifelte wieder an sich und seinen Fähigkeiten.

Jan hatte ihm dazu ein paar passende Sätze gesagt, bat mich aber mit Dustin noch einmal darüber zu sprechen. Mein Bruder war von der Leistung beider angetan und lobte sie gerade in ihrer Entwicklung. Das tat mir gut. Vor allem Niko schien zu den Jungs eine gute Beziehung aufzubauen. Das gefiel mir gut, denn da konnten sie ganz viel Information aus Spielersicht erhalten.

Ich überlegte für einen Moment mit Dustin zu telefonieren, aber das verwarf ich wieder. Ich beschloss ihm eine Nachricht über Whatsapp zu schreiben. Dann könnte er selbst entscheiden ob und wann er mich anrufen möchte.

Nach dem Mittagessen fuhr ich bereits zur Anlage, um die Technik aufzubauen und zu testen. Natürlich funktionierte nicht alles auf Anhieb. Eigentlich kannte ich das System mittlerweile gut und war mir sicher, den Fehler schnell finden zu können. Nach einer halben Stunde vergeblichen Suchens wollte ich schon aufgeben, aber plötzlich hörte ich die Stimmen von Malte und Tim hinter mir.

„Hi, Chris. Hast du Schwierigkeiten mit der Technik?“

Ich drehte mich um und Tim schaute mich an. Malte stand etwas versetzt hinter ihm.

„Hallo ihr beiden. Ihr seid heute aber früh dran. Und ja, leider macht die Technik nicht das was ich möchte.“

Tim ging ein paar Schritte auf die Videokamera zu und fragte:

„Was klappt denn nicht. Ich habe ja schon häufiger damit Aufnahmen gemacht. Vielleicht kann ich dir helfen.“

„Ich kann den Kontrollmonitor nicht aktivieren. Ich sehe also nicht was ich aufnehme.“

Tim nahm sich die Kamera vom Stativ und schaute nach. Er legte einen kleinen Schalter an der Seite um und siehe da, es funktionierte plötzlich.

„Derjenige, der die Kamera vorher benutzt hatte, hat vergessen vom Wiedergabemodus umzuschalten auf den Aufnahmemodus. Bei der Wiedergabe ist der Monitor deaktiviert.“

„Cool, danke schön. Habe ich wieder etwas gelernt. Aber was macht ihr schon so früh hier? Ihr habt doch erst in einer Stunde Training.“

„Ja, Carlo und ich erst in einer Stunde, aber Malte fängt früher an und wir wollten vorher noch ein paar Aufschläge machen.“

„Sehr schön, eine gute Idee. Dann viel Spaß und bis später. Heute trainieren wir wieder gemeinsam. Marco wird euch nachher sagen was wir machen.“

Spannend wurde es als die Jungs alle bei Marco und mir auf dem Platz standen. Fynn hatte eine gewisse Abneigung gegen die Videokamera und auch Carlo mochte sie nicht sonderlich.

Marco und ich verteilten die Aufgaben und damit war klar, dass Tim, Joel und Fynn auf dem Nebenplatz bei Marco begannen und ich mit Maxi und Carlo eine Aufschlaganalyse machte.

Ich stand außerhalb des Platzes an der Kamera als sie mit der Übung begannen. Nachdem ich überprüft hatte ob die Aufnahmen liefen, nahm ich die Fernbedienung und ging auf den Platz. Carlo hatte die Aufgabe aufzuschlagen und Maxi sollte den Ball zurückspielen. Erst wenn Carlo sich eingeschlagen hatte, sollte auch ein Punkt ausgespielt werden.

Mir gefiel Carlos Ballwurf nicht. Er war mir nicht weit genug nach vorn. Außerdem fehlte mir genug Höhe. Von mir kamen also kleine Hinweise und Korrekturen.

Es dauerte auch nicht lange, bis ich Fortschritte und Veränderungen sehen konnte. Jetzt musste das verinnerlicht werden. Das würde einiges länger dauern. Automatismen zu entwickeln war schwieriger.

Dennoch zeigte Carlo großes Engagement und nach etwa zwanzig Minuten tauschte ich die Positionen.

Der Unterschied zu Carlo war bei Maxi deutlich erkennbar. Seine Bewegungsabläufe waren stabiler und weniger fehlerbehaftet. Er konnte auch viel schneller in den richtigen Spielmodus kommen. Technische Korrekturen waren kaum notwendig und das beruhigte mich. Meine Aufgabe war es nun, den Blick auf die Feinheiten zu lenken. Mehr Variationen einzubauen.

Mir gefiel diese Einheit sehr gut. Endlich hatte ich wieder Zeit an der Technik weiter zu feilen und Nuancen zu regulieren. Nach etwa neunzig Minuten tauschten wir die Gruppen und Tim, Joel und Fynn kamen zu mir.

Auch hier gab es nur Kleinigkeiten bei Fynn zu verbessern. Hingegen musste ich bei Tim mehr auf die körperlichen Veränderungen eingehen. Die Hebelverhältnisse hatten sich bei Tim deutlich verändert und entsprechend passten weder der Ballwurf noch die Körperstreckung.

Allerdings hatte ich keinerlei Probleme Tim zu erklären, dass er an diesen Dingen mehr Aufmerksamkeit aufwenden müsse. Er hörte mir genau zu und bemühte sich auch direkt gegenzusteuern. So machte das Arbeiten Freude.

Bei Joel wollte ich in erster Linie eine Bestandsaufnahme machen und selbst recht wenig korrigieren. Das sollte Marco übernehmen.

Nach weiteren neunzig Minuten beendete ich die Einheit. Marco kam zu mir und wir wollten uns im Anschluss die Aufnahmen anschauen. Morgen würden wir mit den Jungs das gemeinsam aufarbeiten.

Zwischendurch hatte ich von Jan eine Mitteilung bekommen, dass die Stimmung heute Morgen gut gewesen sei. Dustin hatte die Aufgabe offensichtlich verarbeitet und stand Niko zur Vorbereitung zur Verfügung. Das freute und beruhigte mich gleichzeitig. Die Entwicklung zeigte auch bei Dustin in die richtige Richtung.

Marco und ich hatten die Technik abgebaut und uns im kleinen Besprechungsraum zusammengesetzt. Dort studierten wir gemeinsam die Aufnahmen. Mir fiel insbesondere bei Tim auf, dass er sich in der Aufschlagbewegung nicht ausreichend streckte. Das bedeutete nicht nur einen Verlust an Effizienz, sondern auch die Gefahr von Rücken- und Armbeschwerden.

Ich hatte gerade auf die Einzelbildanalyse geschaltet als sich die Tür öffnete und Toto herein kam.

„Hi, ihr beiden. Sorry, dass ich euch störe. Ich wollte nur fragen, ob Chris gleich zu mir an den Platz kommt?“

Für einen Augenblick stutzte ich, aber dann fiel mir ein, dass wir das so verabredet hatten. Ich wollte mir die Situation mit Marvin einmal ausführlich ansehen und auch einmal versuchen, mit ihm in Kontakt zu kommen. Mein Plan war, danach mit Toto eine Linie zu finden mit der er das Training gut voranbringen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass Marvin kein besonders schwieriger Junge war. Er brauchte, wie jeder andere Jugendliche in diesem Alter, klare Linien und Vorgaben an denen er sich orientieren konnte.

Allerdings war mir das etwas aus dem Kopf gekommen. Deshalb reagierte ich spontan:

„Klar, ich komme gleich zum Platz. Wir sind hier gleich soweit, dass ich kommen kann. Oder muss ich schon von Beginn an dabei sein?“

Toto verneinte und schloss hinter sich die Tür.

„Na, da hast du wohl nicht mehr dran gedacht?“, fragte mich Marco mit einem Augenzwinkern.

„Stimmt“, erwiderte ich, „ aber das hatte ich versprochen und daher muss ich da wohl gleich hin.“

„Ist ja kein Problem. Wir können die Details auch morgen noch zu Ende besprechen. Eins möchte ich aber noch kurz ansprechen. Wie hast du Joel heute gesehen? Hat er gut mitgearbeitet?“

„Ja, absolut. Er gibt sich große Mühe, den Anschluss schnell zu schaffen. Korrekturen habe ich heute nur wenige gemacht. Ich möchte ihn nicht verunsichern. Da sehe ich zum jetzigen Zeitpunkt eher die Aufgabe bei dir. Daher sollten wir jetzt Joel noch besprechen. Dann kannst du mit ihm schon weiterarbeiten.“

Marco war einverstanden und so konnte ich eine Viertelstunde später zu Toto an den Platz gehen.

Dort konnte ich eine normal arbeitende Jugendgruppe beobachten. Toto scheuchte die Jungs über den Platz. Mich störte die etwas kühle Art von Toto. Er versuchte auch gar nicht, einen persönlichen Bezug zu den Jungs aufzubauen. Ein für mich immer wieder auftauchendes Problem bei hauptamtlichen Trainern. Sie hatten so viele verschiedene Kinder zu betreuen, dass es nahezu unmöglich ist, zu jedem ein persönliches Verhältnis aufzubauen.

Solange es keine Probleme mit den Jugendlichen gab, war das alles in Ordnung. Erst wenn auch viele Turniere zu betreuen waren, wäre ein persönlicher Bezug wichtig.

Aber wenn Jugendliche Probleme entwickelten, fehlte das Vertrauensverhältnis für den Jugendlichen, um den Trainer einzubeziehen. Also summierten sich Differenzen immer mehr auf statt dass sie abgebaut wurden.

An einer Stelle wurde es interessant. Toto hatte eine Ansage an zwei der vier Jungs gemacht. Sie sollten zum Abschluss die Bälle einsammeln und den Platz abziehen. Die anderen beiden konnten schon zum Umziehen gehen. Das stieß gerade bei Marvin auf Widerstand. Er beschwerte sich lautstark und war auch in seiner Wortwahl recht aggressiv. Toto schoss entsprechend autoritär zurück und ließ keine weitere Diskussion zu. Letztlich trollte sich Marvin, aber seine Stimmung war auch beim Verlassen des Platzes noch erregt. Ich überlegte einen Moment und entschied mich dann, nicht zuerst mit Toto zu sprechen, sondern Marvin hinterherzugehen und ihn zu einem Gespräch zu überreden.

Ich konnte noch sehen, dass er nicht in die Umkleide ging, sondern direkt zu seinem Fahrrad, Jetzt war Eile geboten.

„Marvin“, rief ich ihm hinterher, „warte bitte eine Minute auf mich.“

Ich hatte jetzt damit gerechnet, dass er trotzdem wegfahren würde. Allerdings drehte er seinen Kopf zu mir, stutzte und stellte dann seine Tasche auf den Boden. Ich bewegte mich zügig zu ihm.

„Danke, dass du gewartet hast. Du kennst mich?“

„Ja, du bist der Bruder von Jan und arbeitest mit Dustin, Fynn, Justin und Maxi.“

„Richtig. Hast du eine Ahnung, warum ich dich gebeten habe, mit mir zu sprechen?“

„Klar, weil ich wieder mit Toto gestritten habe und ihm meine Meinung gesagt habe.“

„Nein, weil ich möchte, dass du mir erklärst was genau du für ein Problem hast. Toto ist doch nur dein Sündenbock für ein ganz anderes Problem. Du hast dich mit Leuten eingelassen, die Drogen vertickt haben und dich nicht unbedingt sportlich verhalten.“

„Woher weißt du das?“

„Das war Thema in der Teambesprechung. Du glaubst doch nicht, dass solche Dinge nicht im Team angesprochen werden. Wir haben hier klare Regeln und die gelten auch für dich. Aber wir möchten dir helfen. Du musst dir aber auch helfen lassen.“

„Toto hat mich doch eh schon aufgegeben. Ständig stichelt er gegen mich und lässt mich Strafsachen machen. Eben doch auch wieder. Jedes Mal muss ich zum Ende abziehen. Das nervt einfach nur noch.“

„Hast du noch etwas Zeit? Dann würde ich dich gerne zu einer Cola einladen und wir sprechen mal ganz in Ruhe über deine Probleme mit Toto. Ich verspreche dir, ich werde versuchen eine faire Lösung mit dir zu suchen.“

Marvin schaute mich skeptisch an. Er zögerte.

„Es ist heute echt schlecht, weil meine Mutter zu Hause auf mich wartet. Ich habe aber Interesse an diesem Gespräch. Könnten wir das an einem anderen Tag machen?“

„Klar, morgen?“

„Morgen habe ich kein Training, aber das ist okay. Wann?“

Ich überlegte, was ich morgen für Termine hatte. Eigentlich nur das Training mit Maxi.

„Sagen wir um fünfzehn Uhr? Wo möchtest du das machen. Hier oder lieber woanders?“

„Fünfzehn Uhr ist gut und bitte nicht hier, wenn das geht. Sonst bekomme ich gleich wieder Stress mit Toto, weil ich das nicht zuerst mit ihm geklärt habe.“

„Das ist meine Baustelle. Ich habe dich um ein Gespräch gebeten und sollte Toto darüber eine Bemerkung machen, möchte ich das wissen. Dann sage ich Toto etwas dazu. Wie wäre es bei mir zu Hause im Garten oder lieber in einem Café?“

„Du wohnst bei Malte im Haus, oder?“

„Ja, kennst du Malte?“

„Wir sind Freunde und ich bin da schon häufiger gewesen. Von daher wäre mir das lieber, dann kann ich vielleicht anschließend noch mit Malte etwas machen.“

„Ja, das ist mir sehr recht. Dann bis morgen und komm gut nach Hause.“

Ich ging zurück ins Clubhaus. Dort wartete Toto natürlich auf mich.

„So, jetzt können wir beide mal sprechen“, sagte ich zu Toto.

„Was hat er dir erzählt? Ich gehe davon aus, dass du zu Marvin gegangen bist.“

„Noch gar nichts, aber er ist nicht weggefahren und hat mir zugehört. Jetzt haben wir uns für morgen zu einem Gespräch verabredet.“

Danach schildert mir Toto seine Sichtweise. Er war der Meinung, dass Marvin ständig provozieren würde und nicht einfach seine Anweisungen befolgen würde. Außerdem sollte Marvin seiner Ansicht nach, jetzt kleine Brötchen backen. Schließlich hätte er ja den Mist gemacht.

„Da sehe ich ein Problem, Toto. Er hat sich ja nicht bei uns daneben benommen. Eigentlich sollten wir ihm hier deswegen gar keine Vorhaltungen machen. Es ist nicht deine Baustelle. Versuche einfach so normal wie möglich mit ihm umzugehen. Er wird dir nur etwas erzählen, wenn er dir vertraut. Das kann er so aber nicht. Ihr müsst beide an eurem Verhalten arbeiten. Das werde ich ihm morgen versuchen zu erklären. Du musst ihm aber auch eine faire Chance geben. So wird das jedenfalls nicht funktionieren. Überleg dir doch mal, wie du in dem Alter gewesen bist. Hast du da immer zu allem nur Ja und Amen gesagt?“

"Nein. Ganz bestimmt nicht. Aber ich muss die Gruppe auch voranbringen. Ich kann nicht ständig mit ihm diskutieren.“

„Ja, sicher. Lass uns doch morgen mal abwarten und vielleicht gelingt es ja, ihn zu einem Gespräch mit dir zu motivieren. Ich würde ihm anbieten, das mit ihm gemeinsam zu machen. Was hältst du davon?“

„Ja, sehr gern. Ich würde die Baustelle gerne schließen. Sie kostet unnötige Energie und außerdem hat Marvin Talent. Wäre schade, wenn er aufhören würde oder in die komplett falsche Richtung abdriftet.“

„Sehr gut, dann sind wir uns doch einig. Lass uns nächste Woche schauen, wie sich das entwickelt hat. Ich schreibe dir morgen nach dem Gespräch. Wäre das in Ordnung?“

„Ja, danke. So machen wir das. Ich habe nichts gegen Marvin. Das musst du mir glauben.“

„Hey, deswegen sprechen wir ja miteinander. Und das solltest du Marvin auch sagen. Denn zurzeit glaubt er genau das Gegenteil.“

Damit beendeten wir das Gespräch und ich konnte zu Fynn in die WG fahren. Dort wollten wir noch etwas für die Schule tun. Als ich dort ankam, wurde ich von Martina in Empfang genommen.

„Hi Chris, bevor du zu Fynn gehst, möchte ich mit dir über diese Situation sprechen.“

„Hi Martina, welche Situation meinst du? Ich bin gerade nicht auf dem Laufenden.“

„Na, die Prüfungssituation für Fynn und die allgemeine Lage für ihn.“

Jetzt wurde ich hellhörig. War mir etwas entgangen? Daher nahm ich doch erst einmal in der Küche Platz und ließ mir ihre Wahrnehmung berichten.

„Fynn kämpft jeden Tag mit seiner Situation und fängt an zu zweifeln, ob er das Schuljahr, so wie ihr das erwartet, schafft. Er macht zurzeit unglaublich viel und lernt sehr intensiv. Er hetzt aber immer von der Schule zum Tennisplatz und dann wieder direkt an seinen Schreibtisch. Ich bin der Meinung, dass ist einfach zu viel im Moment.“

„Hast du mit ihm darüber gesprochen?“

„Ja, er hat mir das berichtet, aber er würde es gerade dir gegenüber nicht sagen. Er hat Sorge, dass du mit Jan Probleme bekommen könntest. Muss er eigentlich in der jetzigen Prüfungsphase noch so viel trainieren? Kann er sich nicht einfach nur auf seine Prüfungen vorbereiten und dann mit dir nach New York fliegen? Er trifft sich mit seinen Schulkollegen nach dem Training jeden Tag und lernt ohne Pause bis 22 Uhr. Das ist extrem lange und die Zeit für die Regeneration ist meines Erachtens bis zum nächsten Schultag zu kurz. Schließlich muss er dann immer noch aufräumen und ist nie vor Mitternacht im Bett.“

Diese Aussage machte mir ein ganz flaues Gefühl in meinem Magen. Warum war mir diese Situation entgangen? Hier musste ich unbedingt gegensteuern und mit Fynn eine Lösung erarbeiten. Unabhängig von Jan. Es ging um Fynns Zukunft und um seine Gesundheit.

„Gut, ich habe dich verstanden und danke für diese Information. Ich werde mit Fynn darüber sprechen und wir werden diese Situation verändern. Ihn jetzt aus dem Training zu nehmen bis die Prüfungen vorbei sind, ist überhaupt kein Problem. Wir sollten generell weniger Turniere in den Plan nehmen. Fynn braucht mehr Zeit für die Schule. Und wenn Fynn schon mehr Schulzeiten braucht, dürfte das für Dustin spätestens im nächsten Jahr nicht besser werden.“

„Ja, damit dürftest du absolut Recht haben. Ich mache mir momentan wirklich Sorgen um die beiden.“

„Ich habe dir zu danken für diese Information. Ich habe momentan so viel mit der Trainingsplanung und den anderen Baustellen im Team um die Ohren. Das geht mir auf den Keks. Dass ich dann das Schulproblem nicht mitbekommen habe geht gar nicht.“

„Und bevor du jetzt zu Fynn gehst, seine beiden Freunde aus der Schule sind zum täglichen gemeinsamen Lernen noch nicht da, möchte ich dir noch etwas mit auf den Weg geben, du solltest für dich auch aufpassen. Deine Schlagzahl scheint mir momentan sehr hoch zu sein, zumal du ja auch noch andere Baustellen betreust. Muss das sein? Ich finde, du hast mit deinen vier Jungs eigentlich schon genug, da muss nichts mehr hinzukommen.“

Dem konnte ich nichts entgegensetzen. Also nickte ich nur nachdenklich und ging zu Fynn. Als ich das Appartement betrat, saß er am Schreibtisch und schaute sich im Internet einige Dinge zu dem Physikthema an.

„Hi Chris. Schön, dass du kommst. Ich habe gerade im Internet ein paar interessante Dinge gefunden, die mir manche Frage anschaulich erklären.“

„Hi Fynn, das freut mich. Aber bevor die anderen beiden kommen, möchte ich mit dir über die momentane Situation sprechen.“

Fynn drehte sich jetzt auf seinem Stuhl zu mir und schaute mich an. Er überlegt einen Augenblick und dann hatte er begriffen was ich gemeint hatte. Er stand von seinem Schreibtischstuhl auf und wir setzten uns in die Sitzecke.

„Weißt du, Fynn, ich habe anscheinend deine Situation nicht richtig beurteilt. Martina hat mich eben auf einige Dinge vollkommen berechtigt hingewiesen.“

Fynn unterbrach mich mit:

„Mist, sie sollte dir davon gar nichts erzählen.“

„Falsch, Fynn. Sie muss mir davon erzählen, denn sie hat völlig Recht. Du bist gerade mit dieser Doppelbelastung überfordert. Wie fast jeder normale Mensch damit überfordert wäre.“

Er wirkte niedergeschlagen und enttäuscht.

„Aber Jan erwartet doch von mir, dass ich das alles hinbekomme. Es war so vereinbart und ich …“

„Stopp, Fynn. Das stimmt so nicht. Alle Vereinbarungen sind getroffen worden auf der Grundlage deines Wohlbefindens. Und zurzeit fühlst du dich ganz sicher nicht wohl. An dieser Stelle ist es meine und auch Martinas Aufgabe und Verantwortung, auf dich zu achten und Situationen so anzupassen, dass du dich wieder wohlfühlen kannst.“

„Aber wie soll das gehen? Ich kann ja schlecht sagen, ich geh nicht mehr zum Training und lerne bis zu meinen Prüfungen, damit ich wenigstens das schaffe.“

„Stimmt, du kannst das schlecht einfach so sagen, ohne dass es Schwierigkeiten gibt. Aber ich kann und werde es jetzt mit dir gemeinsam entscheiden. Und es ist mir egal ob Jan das gut oder nicht gut finden wird. Mir ist deine Gesundheit wichtiger als alles andere. Du hast jetzt noch zwei Prüfungen, richtig?“

Er schaute mich mit großen Augen an und ich war mir sicher, dass er schon geahnt hatte was wir jetzt entscheiden würden.

„Ja, am Montag und am Donnerstag. Danach bin ich Gott sei Dank durch.“

„Physik ist die Klausur, für die du am meisten lernen musst?“

Er nickte nur stumm.

„Gut, dann mache ich jetzt einen Vorschlag. Du hast bis Montag kein Training mehr auf dem Platz. Geh zwischendurch eine Runde laufen oder macht eine Runde mit dem Rad, aber kein hartes Training auf dem Platz mehr. Nutze die Zeit, in Ruhe mit deinen Freunden zu lernen und auch mal gemeinsam etwas Ablenkung zu finden. Wenn du am Montag Physik geschrieben hast, setzen wir uns erneut zusammen und beraten, wie viel Zeit du noch für die Klausur am Donnerstag benötigst. Danach entscheiden wir über deinen weiteren Trainingsplan bis Donnerstag.“

Fynn schaute mich mit großen Augen an.

„Und was ist, wenn ich in New York keinen Ball treffe? Jan wird sauer sein.“

„Wenn er dann sauer sein sollte, was ich nicht glaube, dann werde ich ihm mitteilen, was ich entschieden habe. Du trägst dafür keinerlei Verantwortung. Es ist Jan gegenüber meine Entscheidung. Und dazu stehe ich auch.“

„Es wäre für mich eine große Entlastung. Ich habe eben einige Lücken aufgebaut, die jetzt zu schließen mehr Zeit benötigen als gedacht.“

„So, damit sprichst du ein weiteres Thema an. Du hast dann die Schule im Prinzip durch, bis auf die Abschlussprüfungen im nächsten Frühjahr, aber Dustin steht das im nächsten Jahr noch bevor. Ich sehe jetzt, dass wir weniger Turniere mit diesem Aufwand und auf diesem Niveau spielen sollten. Das geht so nicht. Ihr müsst mehr Zeit in der Schule anwesend sein. Oder zumindest mehr Zeit zum Lernen bekommen. Und bevor du an dir zweifelst, es war und ist unsere Verantwortung und diese nehme ich jetzt wahr. Vielleicht etwas spät, hoffentlich aber nicht zu spät und dafür entschuldige ich mich, das etwas aus den Augen verloren zu haben. Aber ich werde nicht weiter zulassen, dass du dich hier quälst.“

„Danke, es gibt mir jetzt mehr Luft. Ich werde diese Luft ganz sicher nutzen. Aber ich möchte nicht, dass du dann Zoff mit deinem Bruder bekommst.“

„Nochmal,- Fynn. Das ist nicht deine Baustelle. Mach du das Beste aus diesen Prüfungen was dir möglich ist. Damit würdest du jede weitere Diskussion beenden. Gute Leistungen in der Schule, die haben wir schließlich als Voraussetzung für Tennis gesetzt. Und zwar genau in dieser Reihenfolge. Da kann auch Jan nichts dagegen sagen, sollte er es denn überhaupt tun.“

Mit dieser Argumentation konnte er einverstanden sein und damit beendete ich auch dieses Thema. Es war entschieden: Fynn würde bis zum Montag kein weiteres Training auf dem Platz mehr machen. Maxi schien entweder weniger hohe Anforderungen an seine Prüfungen zu haben oder besser damit klar zu kommen, aber ich nahm mir vor, auch mit ihm dazu noch ein Gespräch zu führen.

Für Dustin müssten wir auf jeden Fall den nächsten Turnierplan vorsorglich entsprechend ändern. Diesem Druck würde er noch weniger gewachsen sein als Fynn.

Als Stefan und Andi bei uns auftauchten, hatte Fynn dieses Gespräch schnell weggelegt und wir arbeiteten noch zwei Stunden intensiv an dem Physikthema. Je mehr wir darüber auch diskutierten, desto klarer wurde den drei Jungs, worauf sie mehr achten mussten. Wir hatten viel erreicht an diesem Abend und entsprechend zufrieden und dankbar machten sich Stefan und Andi gegen zehn Uhr am Abend auf den Heimweg.

Ich wollte mit Fynn noch einen Tee zum Abschluss trinken und so gingen wir in die Küche.

„Es ist jetzt doch ein beruhigendes Gefühl, dass du immer noch den Blick nicht nur auf den Tennisplatz hast. Ich verspreche dir, dass ich alles versuchen werde, eine gute Prüfung zu schreiben.“

„Passt schon, bedanke dich bei Martina. Ich hatte da vielleicht doch schon zu sehr den Tennisblick. Obwohl mir manchmal schon leise Zweifel gekommen waren. Ich bin ich nicht konsequent genug gewesen, weniger Turniere zu fordern. Aber jetzt werden wir aus der Situation lernen und das Beste draus machen. Ich bin eben auch nicht fehlerfrei.“

Der gemeinsame Tee zum Abschluss tat uns beiden gut und so konnten wir den Tag vernünftig beenden.

Dustin: Beziehung zu Niko wird enger

Niko hatte heute sein erstes Match zu bestreiten und wir standen auf dem Trainingsplatz, damit er sich vernünftig einschlagen konnte. Justin spielte erst am späten Nachmittag. Jan stand hinter Niko am Zaun und gab immer wieder kleine Anweisungen. Mir wurde deutlich wie beliebt Niko hier schon in den Staaten war. Es standen etwa hundert Zuschauer an unserem Platz. Die Plätze zum Aufwärmen waren nicht abgesperrt. Die regulären Trainingsplätze waren hingegen für Zuschauer nicht zugänglich.

Nach etwa einer halben Stunde beendete Jan unsere Einheit. Niko bedankte sich bei mir für die gute Arbeit.

„Danke, das macht richtig Spaß mit euch zu arbeiten. Außerdem kann ich mich dabeivoll auf mich konzentrieren und muss nicht mehr auf euch Rücksicht nehmen. Das ist sehr schön.“

Ich nickte ihm nur zu. Was sollte ich auch dazu noch sagen? Jan kam zu mir und wir besprachen den weiteren Ablauf. Ich sollte später auch Justin einschlagen. Daher schickte mich Jan nur unter die Dusche.

Der Weg dorthin gestaltete sich dieses Mal recht einfach, denn Niko hatte jetzt doch die meisten Autogrammjäger gebunden. Allerdings standen vor dem Eingang zur Umkleide doch ein paar Jugendliche, die von mir ein Foto wollten oder nur ein Autogramm. Das war immer noch komisch für mich.

Als ich unter die Dusche ging, konnte ich einen Moment durchatmen und meine Gedanken gingen nach Halle. Fynn hatte mir heute früh eine Überraschung bereitet. Er hatte mir ein paar Fotos aus Halle vom Training geschickt. Und ein Video von der Analyse des Aufschlags. Chris hatte mit ihnen eine Videoanalyse gemacht. Dadurch wurde mir aber auch bewusst und ich spürte jeden weiteren Tag der Trennung mehr, wie ich meinen Freund vermisste. Klar, ich wusste, dass wir uns bald wieder treffen würden, dennoch fehlte mir Fynn einfach.

Niko spielte natürlich auf dem Centre Court und dort gab es richtige Logen. Auch für die Spieler und deren Angehörige oder Trainer. Das hatte für mich schon so etwas wie bei den Gerry Weber open. Nur, dass ich jetzt selbst als Spieler in so einer Box saß und von dort mit Jan und Justin Nikos Spiel verfolgen konnte.

Niko begann stark und setzte seinen Gegner sofort unter Druck. Die Grundschläge hatten eine unglaubliche Geschwindigkeit. Niko galt als einer der Spieler, der die härtesten Grundschläge in der Welt besaß. Das konnte ich heute deutlich erkennen und irgendwann stellte ich mir die Frage, ob er im Training auch so schnell und hart spielte? Wir konnten ja mittlerweile gut im Training mithalten.

Egal, es kristallisierte sich recht bald heraus, dass Niko dieses Match glatt in zwei Sätzen gewinnen würde. Kurz vor Ende des Matches bat Jan Justin und mich, auf den Trainingsplatz zu gehen, dass ich Justin gut einschlagen konnte.

Justin und ich hatten gerade einen guten Rhythmus gefunden, als Jan plötzlich bei uns am Platz auftauchte und fragte:

„Wollt ihr nicht mal langsam aufhören? Justin muss in fünfzehn Minuten auf dem Platz sein.“

Mist, wir hatten komplett die Zeit aus den Augen verloren. Allerdings war Justin der Meinung, dass ihm das gutgetan hatte. Mal schauen, ob er in der zweiten Runde auch mithalten konnte.

Und wie er konnte. Im ersten Satz spielte er Weltklassetennis. Allerdings eben auch nur im ersten Satz. Ab Mitte des zweiten Satzes bewegte er sich nicht mehr gut und dadurch stieg seine Fehlerquote deutlich an. Das fiel auch mir auf. Justin schien das gleiche Schicksal zu ereilen wie mich. Ihm ging die Kraft aus.

Jan blieb seelenruhig auf seinem Platz und beobachtete das Match und die Versuche von Justin, sich gegen den Verlust des Satzes aufzubäumen. Plötzlich drehte sich Jan zu mir um.

„Ich gehe jetzt zum Schiedsrichter und breche das Spiel ab. Das Risiko einer muskulären Verletzung ist zu groß. Justin scheint es für sich nicht zu sehen, dass die Reise hier zu Ende ist.“

Bevor Jan aufstehen konnte, fing Justin an mit uns Kontakt aufnehmen zu wollen. Er spürte die Probleme in den Beinen und Jan brauchte auch nicht mehr hinunterzugehen. Mit einem einfachen Zeichen war es klar. Justin nickte auch nur noch einmal und ging zu seinem Gegner zum Gratulieren. Dieser schien sehr überrascht und fragte noch nach. Aber das Match war zu Ende.

Irgendwie war ich enttäuscht, dass wir die erforderlichen Leistungen noch nicht bringen konnten. Auch wenn Jan uns klar erklärt hatte, dass wir vollkommen im Soll lagen. Es ist einfach schwer zu akzeptieren, dass es noch nicht reicht.

„Hey, lass den Kopf nicht so hängen“, lachte Niko, als Jan Richtung Bank gegangen war, „du wirst jetzt als Seelentröster gebraucht. Los, geh zu Jan und kümmer dich um Justin. Ich werde John und Aaron beschäftigen. Die kann Justin jetzt noch nicht gebrauchen.“

Cool, dachte ich. Darauf wäre ich jetzt überhaupt nicht gekommen. Aber umso schneller war ich bei Justin und Jan, der noch vor Justin an der Bank stand.

„Ah, sehr gut, Dustin. Begleitest du Justin bitte in die Umkleide. Er soll bitte sofort zum Physio gehen und ich möchte, dass du ihn begleitest.“

„Ja, kein Problem. Mach ich“, antwortete ich und nahm Justins Tasche über die Schulter.

Justin wirkte niedergeschlagen, aber nicht sehr lange. Als wir zur Umkleide kamen, meinte er zu mir:

„Boah, ich fühle mich, als ob eine Dampfwalze über mich gefahren ist. Innerhalb von wenigen Minuten war es vorbei. Ich konnte keine drei Schritte mehr laufen. Jetzt kann ich verstehen wie sich Chris wohl manchmal fühlt.“

„Hihihi, ja. Das könnte wohl sein. Wie gut, dass Chris das jetzt aber nicht gehört hat. Sonst könnte es passieren, dass du dir beim nächsten Training ein paar nette Worte anhören musst. Aber mir ging es gestern genauso. Nur erstaunlicherweise habe ich mich heute schon gut davon erholt. Also so schlecht können wir nicht in Form sein. Sonst würde ich heute noch nicht richtig laufen können.“

„Vielleicht sind wir wirklich schon ganz gut beieinander. Jan hat uns das ja auch so erklärt. Hoffentlich ist das morgen bei mir auch so. Momentan bin ich einfach nur platt.“

Der Physio bearbeitete Justin fast zwanzig Minuten und danach waren die Lebensgeister schon recht gut zurückgekehrt. Justin war schon in Gedanken bei den US Open und träumte von der dritten Runde in der Qualifikation. Ich empfand das etwas überzogen, aber träumen war ja auch erlaubt.

Kurze Zeit später saßen wir mit Niko und Jan im Spielerbereich auf der Terrasse. Ich vermisste John und Aaron. Justin hatte denselben Gedanken und fragte:

„Wo sind denn Dad und mein Bruder?“

„Die sind schon in den kleinen Vergnügungspark gegangen. Wir treffen uns gleich dort. Ne Runde Achterbahn fahren ist doch der richtige Abschluss für einen guten Tag“, erwiderte Jan.

Für einen guten Tag? Das irritierte mich und auch Justin schaute verwundert.

„Warum so skeptisch?“, fragte Jan, „Es war ein guter Tag. Ich bin total zufrieden mit euch. Ihr habt das Maximum gezeigt und mehr kann ich nicht erwarten. Glaubt mir einfach, ihr werdet in naher Zukunft auch auf dieser Ebene Erfolge haben. So, jetzt lade ich euch zu einem gemütlichen Getränk ein und dann machen wir uns noch einen lustigen Abend im Park nebenan.“

Meine Einschätzung zu Jan musste ich in den letzten Tagen immer wieder überdenken. Er interessierte sich viel mehr für unsere Entwicklung als ich das bislang wahrgenommen hatte. Außerdem schaute er über den Platz hinaus. Er sah auch den Spieler als Menschen.

Ich hatte mir vorgenommen, ihn bei sich bietender Gelegenheit mal zu fragen ob er von seinem Bruder auch etwas lernen kann. Doch sicher nicht mehr heute. Jetzt ging es in den kleinen Park neben der Tennisanlage.

Dort gab es einige interessante Fahrgeschäfte und vor allem gab es viele Eisstände. Justin liebte das amerikanische Softeis.

Niko schien auch nicht abgeneigt und entsprechend bald standen wir vor einem Eisstand und hatten für jeden von uns eine große Waffel Softeis besorgt. Niko winkte uns zu einer kleinen Sitzgruppe mit zwei Holzbänken. Dort ließen wir uns nieder und genossen das Eis.

Wir hatten nur T-shirt und Shorts an. Es war noch angenehm warm. Auf den Shirts waren allerdings auch das Teamlogo und einige Sponsorenaufnäher zu sehen. Niko wurde hier schnell erkannt und entsprechend musste er Autogrammwünsche erfüllen. Jan bat uns, weiterzugehen.

Das taten wir auch und wenige Minuten später trafen wir auf John und Aaron. Justin wurde von seinem Bruder stürmisch mit einer Umarmung begrüßt. Eigentlich fand ich das für einen dreizehnjährigen ein wenig übertrieben, aber andererseits sahen sie sich so selten. Es zeigte einfach, dass Aaron seinen Bruder wohl häufiger vermisste. Auch Justin genoss intensiv die Anwesenheit seines Bruders. Auffällig war insbesondere, dass Justin viel mehr mit seinem Bruder als mit seinem Vater sprach.

Niko hatte diese Herzlichkeit zwischen Aron und Justin beobacchtet, kam dann zu mir und fragte:

„Wie geht es dir ohne deinen Freund? Ist es sehr schwierig oder geht es?“

Ich war nicht wirklich auf diese Frage vorbereitet, aber es wirkte als ehrliches Interesse. Deshalb erwiderte ich:

„Beides. Es geht, aber es ist auch schwierig. Manchmal fehlt er mir als Sicherheit. Ich habe Fynn immer um Rat fragen können oder wir haben viele Dinge immer gemeinsam entschieden oder gemacht. Jetzt geht das nicht, aber ganz ehrlich, ich habe es mir noch viel schlimmer vorgestellt. Dennoch sehne ich mich aber nach dem Tag, wo er wieder bei mir ist.“

„Ich kann dich gut verstehen. So geht es mir auch manchmal. Meine kleine Tochter sehe ich auch viel zu selten. Meine Frau kann manchmal zu meinen Turnieren kommen, aber die Kleine ist noch zu jung, um lange Reisen zu machen. Ich sehe sie praktisch nur über Skype heranwachsen. Oder wenn eine Turnierpause ansteht und ich nach Hause fliegen kann.“

„Das ist bestimmt auch nicht einfach. Daran denkt die Mehrzahl der Menschen überhaupt nicht, wenn sie euch bei den Turnieren sehen. Es wird nur darüber gesprochen oder spekuliert, ob ihr ins Viertelfinale usw. kommt und wie hoch euer Preisgeld ist. Nur wenige Leute wissen eigentlich, wie hoch der Aufwand für einen Tennisprofi ist.“

„Ja, das stimmt sicher. Aber es ist auch für die meisten einfach eine Freizeitbeschäftigung. Sie wollen unterhalten werden, wenn sie ins Tennisstadion gehen. Ich kann gut damit leben, dass ich manchmal mehr in der Öffentlichkeit stehe als ich möchte. Aber letztlich sind es ja die Zuschauer und Fans, die uns Spielern ermöglichen diesen Sport so auszuüben.“

Wir sprachen noch einige Minuten über dieses Thema, aber dann tauchte Aaron bei uns auf.

„Los, kommt mit. Wir wollen in die Achterbahn. Das wird mega cool.“

Da konnten wir schlecht kneifen und auch Jan stieg mit in den Wagen ein. Chris würde garantiert nicht auf die Idee kommen, sowas mitzumachen. Allein schon wegen seines Rückens. Ein wenig mulmig wurde mir schon, als wir die Schienen hochgezogen wurden. Oh man, dieser Roller Coaster sah vom Boden viel harmloser aus als er tatsächlich war und als der Zug am Ende ausrollte und abbremste stand mir echt der Angstschweiß auf der Stirn. Mit wackeligen Knien stieg ich wieder auf festen Boden.

Auch Jan musste tief durchatmen während Justin, Aaron und Niko bester Laune waren und sofort ein zweites Mal fahren wollten.

John, Jan und ich verzichteten dankend, doch waren die drei nicht von einer weiteren Fahrt abzuhalten. Allein beim Zuschauen wurde mir wieder komisch.

„Ich werde das nie verstehen, was man an so krassen Fahrgeschäften gut finden kann“, stöhnte Jan.

„Allerdings“, antwortete ich, „dabei sah das von außen erst gar nicht so extrem aus. Ich muss diese Achterbahn aber auch nicht noch einmal fahren.“

Chris: Die zweite Woche in Halle

Die Informationen aus den USA stimmten mich fröhlich. Meine Jungs hatten sich toll präsentiert und Niko war mittlerweile ins Halbfinale am heutigen Samstag gekommen.

Allerdings spürte ich wieder diesen Druck und den Stress. Obwohl wir ja in Halle waren und eine gewöhnliche Trainingswoche hatten, fühlte ich mich genauso unter Druck wie auf einer Turnierreise. Ich hatte wenige Ruhephasen. Das gefiel mir nicht sonderlich. Vielleicht sollte ich über einige Dinge noch mehr nachdenken.

Auch die Situation, dass Justin und Dustin gerade nicht von mir betreut werden konnten, löste innere Unruhe aus. War das richtig gewesen?

Als ich aus meiner Wohnung kam und meine Panigale nehmen wollte, stutzte ich. Ich war mir sehr sicher, dass ich sie so nicht abgestellt hatte wie sie jetzt im Carport stand. Allerdings konnte das auch nicht sein, denn sie war ordnungsgemäß verschlossen. Also konnte sie so nicht groß bewegt werden ohne dass die Alarmanlage sich gemeldet hätte. Dennoch stand sie leicht schief.

Gut, vielleicht hatte ich sie beim letzten Mal doch so abgestellt. Ich steckte den Schlüssel rein und startete. Als ich dann aus der Einfahrt rollte, hatte ich diese Gedanken schon wieder vergessen.

Eine Stunde später stand ich bereits mit Maxi auf dem Platz und scheuchte ihn über das Feld. Er zog voll mit, wobei ich einige Konzentrationsdefizite feststellen musste. Ihn selbst ärgerte das am meisten und irgendwann flog doch mal ein Ball in Richtung Zaun. Beim ersten Mal blieb ich ruhig und ließ es so stehen, aber beim zweiten Mal innerhalb weniger Minuten brach ich die Übung ab.

„Trinkpause“, rief ich über den Platz.

Maxi schaute finster zu mir als er an der Bank ankam.

„Sorry, Chris. Das war dumm, ich weiß, aber ich musste einfach mal Dampf ablassen.“

„Kannst du mir sagen, was dich so unruhig sein lässt? Es ist doch jetzt nicht diese Übung.“

Er lachte.

Ein gutes Zeichen für mich.

„Nein, natürlich nicht. Es ist einfach so, dass mir diese ganze Situation ähnlich wie Fynn über den Kopf wächst. Ich will gute Prüfungen schreiben und weiter gutes Tennis spielen. Das bekomme ich aber gerade nicht hin. Es nervt einfach alles.“

„Das ist absolut nachvollziehbar. Was könnte dir denn helfen, besser damit umzugehen? Doch bestimmt nicht frustriert die Bälle durch die Gegend zu schießen. Sprich doch mal mit mir über deine Situation.“

„Du kannst doch auch nichts an den Prüfungen ändern und Jan und das Team erwartet doch, dass ich beides hinbekomme. Da wirst du ja schlecht etwas dran ändern können.“

„Bitte? Natürlich kann ich jederzeit entscheiden, wie ich mit dir arbeite. Und wenn ich die Überzeugung gewinne, dass du eine Trainingspause benötigst, dann gebe ich dir die auch und es wäre mir vollkommen egal, was Jan dazu sagen würde. Es ist meine Verantwortung und die nehme ich ernst. Ich will aber nicht über deinen Kopf hinweg entscheiden. Du musst und sollst mit mir reden und mich einbeziehen. Dann werde ich mit dir gemeinsam nach einer guten Lösung suchen und die dann notwendige Entscheidungen dazu treffen. Genauso wie bei Fynn. Können wir jetzt aber erst einmal normal weiter trainieren oder möchtest du aufhören?“

„Nein, nein, natürlich machen wir weiter. Vielleicht können wir aber danach mal reden?“

„Sicher können wir das. Besprechen wir nach dieser Einheit, in Ordnung?“

„Ja, danke. Und sorry, es ist grade einfach alles blöd.“

Danach ging es im Training weiter. Und zwar viel besser als vorher. Maxi kniete sich wieder hoch konzentriert rein und gab eine gute Performance ab.

Als ich die Einheit beendete, blieb Maxi noch bei mir stehen.

„Willst du nicht erst duschen gehen? Ich warte auf dich auf der Terrasse.“

„In Ordnung, wenn du so viel Zeit hast, dann gehe ich gerne erst duschen.“

Ich nickte ihm nur zu und dann verschwand er Richtung Clubhaus. Mir gab das etwas Zeit, auch über die Situation bei Maxi nachzudenken. In den letzten Tagen hatte ich eigentlich nur auf die Termine geachtet und das Ziel der Qualifikation für die US Open vor Augen. War das richtig oder vielleicht doch eine Überforderung? Der Verlauf der Entwicklung der Jungs war rasant schnell und sehr gut. Hatte ich dadurch vielleicht den Schutz der Jungs vernachlässigt?

Nachdenklich nahm ich auf der Terrasse Platz. Ich bestellte mir eine Fassbrause und schaute auf die Plätze. Mir wurde deutlich, dass ich mehr mit meinen Jungs genau darüber sprechen musste. Mich nicht so stark nur auf die momentane sportliche Situation zu beschränken und zu denken, weil die Jungs nichts Negatives sagten, sei alles gut und richtig. Ich musste und wollte wieder mehr auf andere Dinge achten. Tennis ist schön, aber die Gesundheit und die persönliche Entwicklung der Jungs musste im Vordergrund bleiben.

Maxi erschien bald bei mir und brachte gleich zwei Flaschen Fassbrause mit.

„Hier, ich habe uns mal etwas Nervennahrung mitgebracht. Damit kann ich dich vielleicht etwas besänftigen.“

„Danke, aber warum besänftigen? Dafür gibt es doch gar keinen Grund. Ich bin dir dankbar, dass du mir den Hinweis gegeben hast, dass es auch für dich etwas viel auf einmal ist. Es ist doch meine Verantwortung zu entscheiden was geht und was eben gerade nicht mehr geht. Und jetzt ist wohl der Punkt gekommen, an dem wir beide reden müssen. Also erzähl mir bitte von deiner Situation und deinen Gedanken dazu.“

„Okay, manchmal bin ich mir unsicher, ob ich dieses Pensum wirklich schaffe. Entweder lerne ich und dann fehlt mir Energie auf dem Platz oder ich gebe alles auf dem Platz und dann fehlt mir Energie zum Lernen. Das ist frustrierend.“

Maxi wirkte niedergeschlagen und zweifelnd.

„Das kann ich alles gut nachvollziehen, aber warum willst du diese Dinge immer allein bewältigen? Es ist immer noch in erster Linie meine Verantwortung, ob und was du zuerst machen solltest. Wenn für dich jetzt der Punkt kommt, dass Schule und Tennis parallel zu viel wird, dann müssen wir gemeinsam nach einer Lösung suchen. Bislang hatte ich keine Information, dass es dir zu viel wird. Wir müssen über die sich verändernte Situation sprechen.“

Maxi hörte mir aufmerksam zu. Er fragte nach:

„Aber wir werden bald volljährig und müssen dann für uns allein entscheiden. Ich habe Angst, dass ich das bis dahin nicht hinbekomme. Und Dustin geht es da noch schlechter. Er spricht oft von seiner Angst, allein dann überfordert zu sein.“

Oha, da baute sich doch mehr Druck auf. Und jetzt musste ich schnell Druck wegnehmen. Egal ob Jan oder das Team gerade da war oder nicht.

„Gut, das heißt nicht gut. Aber schildere mir doch einmal, wo du jetzt bei den Schulsachen stehst. Du hast am Montag schon deine letzte Prüfung, richtig?“

„Ja, genau. Die SoWi-Prüfung. Da habe ich auch mächtig Schiss vor. Es ist einfach viel Stoff, den ich können muss. Am Dienstag gibt es dann die mündlichen Noten. Die werden ja auch nicht so toll sein, da ich ja oft gar nicht im Unterricht war. Also muss ich viel über die schriftlichen Prüfungen ausgleichen.“

„Also, erst einmal vorweg. Du bekommst keine relevante mündliche Note. Das ist doch so besprochen worden. Wusstest du das noch gar nicht? Für deine Abschlussnote zählen nur die Klausuren. Und hast du dich denn noch mit Klassenkameraden oderFreunden zum Lernen verabredet oder lernst du überwiegend allein?“

„Oh, das höre ich zum ersten Mal jetzt. Also wird mir die schlechte mündliche Note nicht die schriftlichen Ergebnisse schlechter machen?“

„Nein, das fällt raus. Aber das ist bei allen so gewesen, die viele Turniere gespielt haben.“

„Und die anderen treffen sich natürlich am Wochenende noch einmal zum Lernen. Da kann ich aber nicht, weil wir ja zwei Einheiten am Tag machen. Das schaffe ich nicht mehr noch zu lernen.“

„Gut, aber warum sagst du mir nicht einfach, dass du mehr Zeit benötigst zum Lernen?“

„Ich habe gedacht, ihr gebt uns das passend vor und ich muss selbst sehen, wie ich das auf die Reihe kriege.“

Da musste ich schlucken und tief ausatmen.

„Puh, also gut. Da muss ich mir wohl den Schuh anziehen, dass nicht gut genug mit dir/euch kommuniziert zu haben. Fynn hatte ein ähnliches Problem. Schule hat in dieser Zeit Priorität. Wenn du mehr Zeit benötigst, dann nimm dir die Zeit. Sag mir einfach, Chris, ich kann heute nur eine Einheit machen oder auch, ich möchte heute gar kein Training machen. Es geht einfach nicht. Dann ist das einfach so. Ich kann das nicht beurteilen. Da verlasse ich mich auf deine bzw. eure Einschätzung.“

Maxi überlegte und zögerte. Er traute sich wohl nicht, jetzt eine Entscheidung zu fällen.

„Also, was überlegst du jetzt noch?“

Es wurde mir jetzt erst bewusst, dass er mit so einer Entscheidung allein genauso wie Fynn überfordert war. Er wollte es allen recht machen und niemanden enttäuschen. Ich musste jetzt eingreifen, das wurde mir überdeutlich klar.

„Maxi, dann mache ich dir einen Vorschlag und du überlegst, ob und wie du damit klar kommst. Für heute und morgen stelle ich dich vom Training genauso frei wie Fynn. Du sollst dich in Ruhe und ohne zusätzlichen Druck vorbereiten können. Am Montag nach der Prüfung machen wir ein Matchtraining, um den Kopf frei zu bekommen und Dienstag ist ja eh nur eine Spieleinheit. Und dann können wir beide zumindest bis zum Freitag normal wieder trainieren. Was meinst du?“

„Das würde mir einigen Druck für Montag nehmen, aber bekommst du dann Ärger mit Jan? Ich wäre dadurch sicher nicht optimal für New York vorbereitet.“

„Lass mich mal kurz lachen. Also zwei Tage ohne Training ist doch kein Weltuntergang. Und wenn ich das für richtig halte, dann mache ich das. Ich könnte das jederzeit Jan erklären und vor ihm vertreten. Das ist nicht deine Baustelle. Also möchtest du das so machen?“

„Ja, das wäre echt klasse. Ich bin einfach am Limit, Chris. Es tut mir leid, dass ich das nicht anders hinbekomme.“

„Hey, du musst dich dafür nicht entschuldigen. Ich habe immer mit diesen Situationen gerechnet. Du musst es nur sagen und ich muss besser hinschauen. Wir sind für deine Gesundheit verantwortlich und du bist außerhalb des Platzes auch noch nicht fertig mit der Entwicklung. Alles gut. Entspann dich etwas. Also dann gehst du jetzt in die WG zum Essen und heute Nachmittag und morgen hast du Zeit in Ruhe zu lernen. Und mach dir kein schlechtes Gewissen. Das ist vollkommen in Ordnung so.“

Maxi wirkte erleichtert als wir das Gespräch beendeten. Zum Abschluss umarmte er mich kurz und dann trennten wir uns.

Für mich war dieses Thema damit allerdings noch nicht beendet. An dieser Stelle wurde mir sehr klar, dass eben noch lange nicht alles ein Selbstläufer war und die Jungs auch im schulischen Bereich Betreuung brauchten. Hier musste ich in Zukunft noch besser auf ihr Wohlergehen und auf notwendige Freiräume achten.

Für mich hatte diese Entscheidung eine ganz neue Entwicklung parat. Ich hatte ein freies Wochenende ohne Tennisverpflichtungen. Torsten bekam von mir noch eine ausführliche Information zur aktuellen Lage und auch Jan wollte ich später eine Email dazu schreiben.

Ich nahm meine Sachen und fuhr nach Hause. Dort ließ ich mir ein heißes Bad ein und machte mir einen frischen Tee. Gleich würde Marvin noch zu einem Gespräch kommen. Ich hatte es mir auf der Terrasse gemütlich gemacht und hörte zwei Stimmen ums Haus herum kommen.

„Hi Chris, ich habe Marvin mitgebracht. Was meinst du, wie lange werdet ihr brauchen? Ich möchte mit Marvin nachher noch etwas zocken und er bleibt bei uns über Nacht.“

„Hallo ihr beiden. Das kann ich dir nicht sagen, aber du bist doch eh zu Hause oder nicht?“

„Hm, stimmt. Ok, dann vielleicht bis später."

Marvin stand währenddessen neben Malte. Er traute sich nicht, sich bereits zu mir an den Tisch zu setzen.

„Setz dich, Marvin. Oder möchtest du lieber ins Haus gehen?“

„Nein, das passt schon. Ist ja echt nett hier bei dir.“

„Danke, mir gefällt es auch gut hier. Möchtest du auch einen Tee oder lieber etwas anderes?“

„Was für Tee ist das denn?“

„Darjeeling und sehr lecker.“

„Hm, schwarzen Tee habe ich noch nicht oft getrunken. Mama meint, dafür wäre ich noch zu jung.“

„Möchtest du oder nicht? Ich finde, du bist alt genug für einen Darjeeling. Ist auch viel bekömmlicher als Kaffee.“

Das ließ er sich nicht zweimal sagen und ich holte aus der Wohnung noch eine Tasse und goss Marvin ein.

„Möchtest du auch einen Schneeball?“, fragte ich ihn.

„Schneeball? Jetzt im Sommer?“

„Hahaha, guter Spruch. Das ist ein leckeres Gebäck. Ich hole uns mal zwei Stück.“

Als ich mit zwei Tellern wieder nach draußen kam, saß Marvin am Tisch und schaute zu mir. Mein Eindruck war, dass er verwundert über meine Freundlichkeit war. Er beobachtete mich genau.

„So, dann wollen wir uns das schmecken lassen. Guten Appetit.“

Er biss erst vorsichtig hinein, aber dann lächelte er.

„Hm, das ist lecker. Wie heißen die? Schneebälle?“

„Ja, genau. Ich mag sie auch gern.“

Natürlich war während des Essens der Schneebälle kein Gespräch möglich. Aber Marvin hatte seine Kugel schneller vertilgt und fragte mich:

„Meine Mutter fragt, ob ich durch meinen Fehler mit den Drogen und dem Alkohol bei euch noch eine Chance habe oder ob ich sozusagen als vorbestraft gelte.“

Ich nickte und legte meinen Schneeball auf den Teller, nahm einen großen Schluck Tee und erwiderte:

„Komisch, warum fragen deine Eltern erst, nachdem du so einen Bock geschossen hast. Sie sollten sich vorher mehr mit dir und deiner Situation beschäftigt haben.“

Marvin senkte den Blick und schwieg.

„Deswegen sitzen wir aber nicht hier. Ich möchte mit dir eine Lösung deiner Probleme erarbeiten. Und um deine Frage zu beantworten, du hast es jetzt in der Hand, ob du bei uns wieder richtig durchstartest oder den Weg zu Sex, Drugs and Rock ´n´roll nimmst.“

„Ahja, also du hast mich noch nicht aufgegeben. Das finde ich gut. Ich weiß, dass ich da richtig Mist gebaut habe. Vor allem, dass ich für andere Dope verteilt habe. Es war dumm, aber die gute Bezahlung hat mich schwach werden lassen. Hilft mir jetzt nicht mehr. Ich möchte, dass du mir glaubst, dass ich kein Dealer bin. Malte ist ja auch kein Dealer, obwohl er dabei war.“

„Ah, ok. Das wusste ich noch nicht. Wissen seine Eltern das bereits?“

„Ich habe keine Ahnung, aber wir haben es danach auch nicht mehr gemacht. Äh, könntest du mir den Gefallen tun und es seinen Eltern jetzt nicht erzählen? Ich habe gedacht, dass ihr das bereits eh gewusst habt.“

„Hm, ich mache dir einen Vorschlag. Ich werde es ihnen nicht zuerst erzählen, aber du wirst es ihnen mit Malte gemeinsam erzählen. Und ihr solltet es genau so erzählen wie es abgelaufen ist. Ich möchte, dass das nicht mehr vorkommt und vor allem muss dir bewusst sein, bei der nächsten derartigen Aktion, wird das Team nicht mehr so nachsichtig sein.“

Er nickte und wirkte niedergeschlagen, aber er hatte für sich eine Entscheidung gefällt und berichtete mir von der ganzen Geschichte und wer alles zu ihren Auftraggebern gezählt hatte. Für mich klang das plausibel und glaubwürdig. Aber mich interessierte noch mehr.

„Wie haben deine Eltern reagiert? Sie werden vermutlich nicht begeistert gewesen sein.“

„Nein, das war meine Mutter auch nicht. Sie hat sich furchtbar aufgeregt und sie hätte mich beinahe geschlagen. Aber dann haben wir in Ruhe miteinander geredet.“

„Das hört sich schon mal ganz vernünftig an. Und hast du eine Strafe bekommen?“

„Ja, natürlich. Meine Mutter hat mir mein Taschengeld für zwei Wochen gesperrt und es für einen wohltätigen Zweck gespendet.“

„Ach, das finde ich ja cool. Mal eine sinnvolle Reaktion von Eltern. Und wie hat dein Vater reagiert? Ist der auch so ruhig geblieben?“

Ich spürte sofort, dass ich mit dieser Frage eine Wunde aufgemacht hatte. Marvin verkrampfte sich und versuchte zu antworten. Aber es fiel im sichtlich schwer.

„Hey, du musst das nicht beantworten. Ich wollte dich damit nicht verletzen. Beruhige dich wieder und dann reden wir weiter.“

Ich ließ ihm genug Zeit, sich wieder zu fangen und ließ diese Bemerkung einfach im Raum stehen. Marvin berichtete mir dann noch von der Schwierigkeit mit Toto wieder ein normales Verhältnis zu bekommen. Für mich war Totos Reaktion zwar zuerst nachvollziehbar, aber jetzt passte es nicht mehr. Wir mussten hier wieder zur Normalität zurückkehren. Sonst würde Malte es auch nicht akzeptieren, sein Verhalten auf Dauer zu ändern.

„Gut, ich habe deine Sicht begriffen und kann dich auch verstehen. Das muss wieder anders werden. Da bin ich bei dir. Du versprichst mir,dich in Zukunft wieder normal zu verhalten und derartige Stunts zu unterlassen. Wenn du mit irgendetwas ein Problem hast, dann rede mit deiner Mutter oder du darfst auch gerne jederzeit mit mir sprechen. Ich kann dir dann helfen. Jetzt, nachdem du den Unsinn gemacht hast, ist es immer schwieriger die Situation zu retten.“

Marvin hörte mir aufmerksam zu und plötzlich fragte er mich:

„Darf ich dir eine persönliche Frage stellen?“

„Klar, fragen darfst du alles. Ich kann dir nur nicht versprechen ob du auf alles eine Antwort bekommen wirst.“

„Jaja, schon klar. Das hat mir Marco schon gesagt. Aber Fynn hat mir erzählt, dass du gar keinen Alkohol mehr trinkst. Ist das nicht schwierig oder gehst du gar nicht mehr weg?“

„Hahaha, doch klar gehe ich auch mal weg oder treffe mich mit Freunden. Aber dafür brauche ich doch keinen Alkohol. Und ja, es stimmt. Ich trinke tatsächlich seit dreißig Jahren keinen Tropfen mehr.“

„Krass, ich finde das cool. Hätte meinem Vater auch gut getan. Dann wäre es heute vielleicht anders. Ich wollte dir nochmal danke sagen, dass du eben nicht nachgefragt hast. Aber jetzt kann ich dir sagen, warum mein Vater so ein Problem für mich ist. Er ist vor drei Jahren einfach abgehauen und seitdem haben wir nie wieder von ihm gehört. Erst habe ich das gut gefunden, weil er mich oft geschlagen hat, wenn er besoffen war. Aber dass er sich überhaupt nicht mehr um mich gekümmert hat, tat sehr weh.“

Das wühlte ihn erneut auf und er kämpfte mit seinen Gefühlen. Ich stand auf, stellte mich hinter ihn und legte meine Hände auf seine Schultern. Dabei entspannte er sich spürbar. Wir sprachen dabei nicht weiter. Erst als er sich gefangen hatte, ergänzte er:

„Weißt du, es ist echt bitter, wenn dein Vater einfach weg ist und Mama plötzlich ohne Geld dasteht. Sie hat wieder voll arbeiten müssen und ich war ganz oft allein zu Hause. Das tut weh. Ich weiß bis heute nicht, was ich gemacht haben soll. Ich verstehe es einfach nicht.“

Ich stand weiterhin hinter ihm und hörte zu. Dabei konnte ich Malte oben an seinem Fenster stehen sehen. Er beobachtete uns.

„Weißt du Marvin, dass muss man auch nicht verstehen. Vor allem solltest du aufhören, dir die Frage nach dem Warum auf dich zu beziehen. Ich glaube jetzt so langsam zu begreifen in welcher Situation du warst. Es beeindruckt mich, dass du mir das jetzt erzählt hast. Aber warum erzählst du es mir?“

Er drehte sich zu mir um und schaute mir in die Augen.

„Weil Dustin mir dazu geraten hat. Er hat oft von euren Turnierreisen berichtet und wie oft du für sie der Rettungsanker gewesen bist. Dustin war bislang der einzige, dem ich von meinem Vater erzählt habe.“

Ich nahm wieder auf meinem Stuhl Platz und hatte für mich eine Entscheidung gefällt.

„Gut, Marvin. Ich danke dir für dein Vertrauen. Du kannst auch weiterhin jederzeit zu mir kommen, wenn du das möchtest. Vielleicht auch mal mit Malte gemeinsam, denn da erwarte ich von euch auch das Gespräch mit Maltes Eltern. Dafür werde ich bei Toto für dich Partei nehmen und dafür sorgen, dass ihr wieder ein besseres Verhältnis bekommt. Und dann schauen wir nach vorne und du lernst aus den Dingen. Und mach Malte klar, dass ihr großes Glück hattet, dass nicht mehr passiert ist. Hätte euch die Polizei erwischt, hätten wir jetzt ein größeres Problem.“

„Ich weiß, danke für das Gespräch und deine Zeit. Ich werde mich bei Dustin für den Rat zu dir zu gehen, wohl auch bedanken müssen.“

„Das ist vielleicht keine schlechte Idee. Und was habt ihr jetzt noch heute geplant? Du wolltest ja noch zu Malte.“

„Wir wollen noch etwas zocken und ich darf bei ihm schlafen. Vielleicht bekommen wir auch das Gespräch mit den Eltern hin. Ich möchte das gerne hinter mich bringen. Ich will wieder ohne Angst leben können.“

Dieser Gedanke gefiel mir und so beendeten wir unser Gespräch. Zum Abschied nahm ich ihn einfach noch einmal in den Arm und ermutigte ihn, auch weiterhin über seine Probleme zu reden.

„Darf ich dich bei Bedarf wieder um Rat fragen? Auch wenn du nicht mein Trainer bist, aber so ein Gespräch wie jetzt habe ich noch nie gehabt. Danke, es hat mir sehr geholfen.“

„Natürlich. Ich bin nur leider viel mit den Jungs unterwegs, aber versuch das Gespräch mit Maltes Eltern. Ich glaube, sie werden euch zuhören und nicht den Kopf abreißen. Dort wirst du immer ein offenes Ohr finden. Kennen sich deine Mutter und Maltes Eltern eigentlich schon etwas näher?“

„Ja, sie haben sich bei uns im Club kennengelernt und meine Mama war schon mal hier zum Essen und klönen. Ich glaube, sie verstehen sich ganz gut. Ich darf ja auch wieder bei Malte pennen. Also von daher geht das ganz gut.“

„Ok, dann zisch mal ab und macht euch einen schönen Abend. Wenn ihr mich noch mal braucht, meldet euch einfach. Und grüß Maltes Eltern bitte von mir.“

Danach verabschiedete sich Marvin von mir und ging nach vorn, um bei Malte zu klingeln.

Ich machte es mir auf meiner Terrasse noch gemütlich und holte meinen Laptop hinzu. Arbeitete noch eine halbe Stunde meine Emails ab und begann dann, an meiner Geschichte für Nickstories weiterzuarbeiten. Sonst hatte ich dafür immer viel zu wenig Zeit, aber in dieser Woche wollte ich verstärkt daran arbeiten.

Der Anfang gestaltete sich schwierig, aber dann kam ich doch noch in einen guten Schreibfluss und verlor jegliches Zeitgefühl. Erst als ich die deutlich kühlere Abendluft spürte, schaute ich zur Uhr und erschrak etwas. Fast drei Stunden hatte ich an meiner Geschichte geschrieben und einige neue Seiten geschafft.

Nachdem ich mein Werk erneut gelesen hatte, fuhr ich den Laptop herunter und stellte ihn auf dem Schreibtisch ab.

Den Sonntag genoss ich auf meiner Panigale. Es war bestes Motorradwetter und ich nutzte den Tag komplett aus, um mich mit vielen Landstraßenkilometern zu belohnen. Mittags speiste ich bei Carlos Eltern und am Nachmittag machte ich noch einen längeren Stopp in einem Biker Café im Kalletal.

Entsprechend müde, aber sehr zufrieden und entspannt kehrte ich abends nach Halle zurück. Allerdings spürte ich doch meinen Rücken ein wenig und ließ mir daher ein heißes Bad ein.

Mit ein paar Bratkartoffeln, Speck und Zwiebeln hatte ich es mir später auf meiner Terrasse gemütlich gemacht. Ein wunderschöner Sonntag sollte dort entspannt zu Ende gehen.

Das einzige Mal an diesem Sonntag schaute ich mir abends noch meine Emails an. Besonders erfreulich war die Mail von Jan, der mir berichtete, dass Niko heute im Finale stehen würde. Ich schaute auf die Uhr und schaute im Internet, ob es von diesem Finale irgendwo einen live stream geben würde.

Es gab einen und ich schaute mir das Match an. Ein gutes Spiel von Niko und es wurde auch häufiger ein Kamerabild von der Coaching Box gezeigt. Jan habe ich sicher mehr im Fernsehen als real gesehen, aber dass plötzlich auch Dustin und Justin dort saßen, machte mir ein komisches Gefühl. Ein verrückter Gedanke kam hoch. Was wäre denn, wenn ich mit meinen Jungs irgendwann regelmäßig auch auf der großen ATP-Tour spielen würde? Dann würde ich ebenfalls auch im TV zu sehen sein. Kein besonders schöner Gedanke für mich.

Niko agierte immer besser auf dem Platz und setzte seinen Gegner immer mehr unter Druck. So gewann er den ersten Satz glatt mit 6:4 und auch im zweiten Satz ließ er nichts mehr anbrennen und gewann das Finale in zwei Sätzen. Wieder ein Titel mehr in der Sammlung für das Breakpoint Team.

Ich wollte den Stream schon beenden, aber sie zeigten noch die Siegerehrung und irgendwie war ich doch neugierig. Was würde Niko dort sagen?

Zuerst wurde der „Runner-up“ geehrt und interviewt. Nachdem der Applaus verstummt war, wurde Niko vom Turnierdirektor aufgerufen. Der Vertreter des Hauptsponsors trat mit dem Pokal und dem übergroßen Siegerscheck hinzu. Es wurden leise ein paar Worte gewechselt und dann trat Niko ans Mikrofon.

Die üblichen Worte des Dankes an die Sponsoren folgten. Allerdings wurde es danach spannend. Niko drehte sich in Richtung der Coaching-Box und dankte Jan als seinem Coach und hob besonders hervor, dass er von zwei Nachwuchsspielern bestens vorbereitet worden sei. Er nannte sie nur bei ihrem Vornamen, aber für mich war das eine tolle Geste. Die dann folgenden Sätze möchte ich an dieser Stelle zitieren:

„Ich möchte dazu ergänzen, dass es vom Breakpoint-Team vor einem Jahr eine mutige Entscheidung war, ein schwules Spielerpaar in ihr Förderprogramm aufzunehmen. Insbesondere Jans Bruder Chris ist da federführend zu nennen. Er hat in den vergangenen Monaten Herausragendes geleistet. Ich bin mir sehr sicher, dass wir von diesen vier jungen Spielern noch viel sehen werden. Insbesondere jetzt auch auf den größeren Turnieren. An dieser Stelle danke ich Chris für die gute Zusammenarbeit und Unterstützung. Wir sehen uns nächste Woche in New York. Vielen Dank!“

Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet und entsprechend intensiv fühlte sich das für mich an.

Plötzlich meldete sich mein Handy. Auf dem Display stand Fynn.

„Na, hast du auch das Spiel von Niko verfolgt?“

„Ja, du auch?“

„Ja, ich hatte von Dustin die Info bekommen, dass ich mir das anschauen sollte. Niko wollte im Falle eines Sieges etwas Wichtiges sagen.“

„Ach, du hast das schon gewusst. Ich bin vollkommen überrascht von diesem Statement, aber auch sehr berührt.“

„Eben, deshalb hat Jan uns gebeten, dir das nicht vorher extra zu sagen. Er war der Meinung, du würdest es sehr wahrscheinlich eh im Internet verfolgen. Er wollte verhindern, dass du ein Veto einlegen würdest. Hihihi.“

Ganz schön clever, mein Bruder. Fynn hatte gar nicht so unrecht. Vermutlich hätte ich das versucht.

Ich sprach mit Fynn noch über seinen Lernfortschritt und wünschte ihm für den morgigen Tag viel Erfolg. Danach beendeten wir das Gespräch. Es war mittlerweile auch schon recht spät geworden.

Als ich im Bett lag und eigentlich schlafen wollte, kam mir der Gedanke an den nächsten Tag. Mir fiel plötzlich auf, dass ich ja kein Training und damit eigentlich einen freien Tag hätte. Also stellte ich meinen Wecker aus und beschloss auszuschlafen.

Leider begann der Montag nicht so wie gewünscht. Meine Panigale verweigerte die Mitarbeit. Die kleine Batterie streikte und somit sprang sie nicht an. Sehr ärgerlich, zumal sie gestern noch normal gelaufen war.

Ich entschied mich, zuerst einmal vom Auto zu überbrücken. Das gelang auch, aber indem Moment als ich die Kabel entfernte, erstarb der Motor sofort. Oha, das sah nach einem größeren Problem aus. Ich vermutete ein Generatorproblem. Also packte ich alles wieder zusammen und rief meine Werkstatt an.

Dort berichtete ich von dem Problem und man erklärte mir, dass aufgrund der häufigen Standzeiten die Generatoren durch Feuchtigkeit häufiger kaputt gingen.

Sie boten mir an, die Maschine abzuholen und mir ein Leihmotorrad zur Verfügung zu stellen. Das war ein toller Service und ich nahm dankend an. Innerhalb der nächsten Stunde würde man sie abholen kommen.

Damit konnte ich bestens leben und ging wieder in meine Wohnung. Ich beschloss, mir noch einen frischen Tee zu kochen.

Bald klingelte es an meiner Haustür. Der Hol- und Bringservice meiner Werkstatt stand mit einem Kleintransporter in der Einfahrt. Ich ging mit dem Servicemechaniker in den Carport. Dort zeigte ich ihm die Panigale und das Problem.

„Kein Problem. Das kennen wir bei den Panigalemodellen. Sie werden in der Regel nur bei bestem Wetter bewegt und das viele Stehen bekommt der Elektrik nicht besonders gut. Wir laden sie auf und werden mal alles durchprüfen. Dafür bekommst du von uns ein Leihmoped. So wie besprochen.“

„Danke, das ist echt ein toller Service von euch. Ich weiß schon, warum ich weiterhin zu euch in die Werkstatt komme. Was habt ihr mir denn für ein Gerät mitgebracht?“

„Ich gehe schon zum Auto und lade mit meinem Lehrling das Motorrad aus. In der Zeit könntest du deine Maschine nach vorne schieben.“

„Alles klar.“

Ich nahm meine Panigale vom Ständer und schob sie nach vorn. Mittlerweile hatte sich die Sonne hinter dem Haus hervorgearbeitet und es wurde bereits angenehm warm. Als ich meine Maschine vor dem Transporter wieder abgestellt hatte, sah ich das Gerät was ich im Austausch erhalten sollte.

Das neueste Modell der Panigale Familie. Eine V4 S, natürlich in Corse rot. Ein mega Teil. Das war sozusagen der Enkel meiner Panigale. Jetzt war das ein Vierzylinder in V-Form und kein 2 Zylinder mehr.

Der Mechaniker erklärte mir die Bedienung und was sich im Verhältnis zu meiner geändert hatte und das hörte sich spannend an. Ich war sehr neugierig wie sich das Teil fahren würde.

„Ist das ein Vorführer?“, fragte ich noch zum Abschluss.

„Ja, genau. Sie hat gerade mal siebenhundert Kilometer auf der Uhr. Also bitte noch etwas gefühlvoll sein beim Warmfahren.“

„Kann man die auch schon käuflich erwerben? Meine macht mir immer noch viel Spaß, aber man kann ja mal fragen. Hihihi.“

Da musste er auch lachen und nachdem sie meine aufgeladen und verzurrt hatten, verabschiedete er sich von mir. Wir hatten vereinbart, dass ich morgen bei ihnen in Melle anrufen sollte und dann würde man alles Weitere besprechen können.

Sofort fiel mir beim Rangieren ins Carport auf, sie war einiges leichter als meine. Und das obwohl sie zwei Zylinder mehr hatte. Das versprach bei der ersten Ausfahrt spannend zu werden. Also stellte ich sie nur auf den Seitenständer und beschloss sogleich eine Proberunde zu drehen.

Schnell in die Wohnung und die Bikersachen angezogen und los ging es.

Ich stellte mir die Spiegel ein und auch die Fußraste war einstellbar. Nachdem alles passte schaute ich mir die Bedienungselemente noch einmal genau an und dann drückte ich den Startknopf.

Wow! Was für eine Geräuschkulisse. Meine machte schon einen mega Sound, aber das war noch eine ganz andere Liga. Nicht super laut, aber ich hatte ein absolutes Gänsehautfeeling.

Ich legte den ersten Gang ein und rollte los.

Wenige Kilometer später hatte das Biest seine Betriebstemperatur erreicht und ich drehte etwas mutiger am Gas. Infernalischer Sound entwickelte sich und sehr viel Schub nach vorn. Ich war von meiner schon einiges gewohnt, aber dieses Gerät war viel stärker und dennoch zivilisiert. Nicht so zickig wie meine, gerade im Teillastbereich.

Jedenfalls machte das einen Höllenspaß mit dem Teil durch die Landschaft zu fahren. Das Auspuffgeräusch beim Gaswegnehmen war beeindruckend und als ich dann nach etwa zwei Stunden spürte, dass meine Konzentration etwas nachließ, steuerte ich ein Café an, in dem Biker willkommen waren.

Nach dem Abstellen knisterte der Auspuff genau wie bei meiner Maschine. Auch das hatten sie erhalten.

Die Latte Macchiato und ein Stück Bienenstich hatten mich wieder fit gemacht für die Heimfahrt.

Das war ein beeindruckendes Erlebnis und mir kamen Gedanken in den Kopf, die eigentlich ziemlich unvernünftig waren. Aber es machte mir Freude mit diesem Gerät zu fahren.

Als ich aus der heimatlichen Dusche kam, startete ich den Laptop und las die neuesten Nachrichten. Jan hatte mir einen Link von der Siegerehrung geschickt und gab mir ein Update über ihre weitere Planung. Sie würden morgen in Richtung New York aufbrechen, um sich bereits dort auf die US Open vorzubereiten. Das Klima in der Millionenmetropole war speziell und insofern machte das Sinn.

Dustin: Die Tage vor der Qualifikation

Am heutigen Dienstag war das erste Training in New York angesetzt. Ich war sehr beeindruckt von der gewaltigen Anlage. Die großen Plätze wurden noch nicht bespielt. Das bedeutete gerade für Niko, dass er erst mit Beginn der Qualifikation auch dort trainieren konnte. Die großen Plätze spielten sich anders. Die Bälle hatten eine andere Flugeigenschaft und das obwohl es der gleiche Bodenbelag war. Dennoch herrschten auf den Stadionplätzen andere Bedingungen.

Es war seit letztem Jahr mein großer Traum, einmal im großen Arthur Ashe Stadium zu stehen und nur zu schauen wie groß das alles ist. Vielleicht würde in diesem Jahr mein Traum in Erfüllung gehen. Allerdings fehlte mir mein Freund noch viel mehr zu meinem Glück.

Jan und Niko hatten bereits mit dem Training begonnen. Jan hatte Justin heute einen freien Tag gegeben, damit er mit seinem Vater und Aaron einen Familientag haben konnte. Ich durfte dafür etwas länger schlafen und hatte nur ein Training am Nachmittag. Allerdings wollte ich mir die Einheit von Niko anschauen und mir einen Eindruck verschaffen, wie viel härter Niko noch trainiert wenn wir nicht dabei sein würden.

Ich hatte allerdings keinen Plan auf welchem Platz sie jetzt sein würden. Die Anlage hatte dreißig Plätze, also musste ich mir irgendwo einen Überblick verschaffen. Ich beschloss ins Turnierbüro zu gehen. Dort sollten sie wissen wo Jan trainieren würde.

Mit einem mulmigen Gefühl betrat ich den großen Raum. Dort saßen bestimmt mehr als zehn Personen jeweils vor einem eigenen Bildschirm. Ich musste sogar etwas warten bevor ich an einen der Tische gehen durfte.

Ich erklärte mein Anliegen und bekam sehr freundlich eine präzise Antwort. Platz dreizehn bis achtzehn waren nur für das Training freigegeben. Also sollte er auf einem der Plätze sein.

Bei dem Weg über die Anlage fühlte ich mich schon ein wenig verloren. Auf der Anlage waren jetzt nur ein Bruchteil der Menschen anwesend. Wie würde das während des eigentlichen Turnieres sein? Für mich kaum vorstellbar.

Es dauerte einige Minuten bis ich bei Jan und Niko angekommen war. Es gab sogar eine Einlasskontrolle. Da ich einen Spielerausweis um meinen Hals trug, durfte ich ohne Einschränkungen passieren.

Jan stand in einer Ecke des Platzes und gab Niko von dort immer wieder kleine Hinweise und Anweisungen. Auf der anderen Seite spielte ein Sparringspartner, den ich noch nicht kannte.

Ich hatte mich hinter die Bank auf dem Platz gestellt. Als mich Jan gesehen hatte, gab er mir ein kurzes Handzeichen. Ich sollte zu ihm in die Ecke des Platzes kommen.

Und für mich besonders erstaunlich, er begrüßte mich während des Trainings mit den Worten:

„Hi, Dustin. Schön, dass du schon gekommen bist. Hast du dich ein wenig erholt?“

„Hallo Jan, Danke. Ja, ich habe wirklich erstaunlich gut geschlafen. Von Fynn habe ich auch einige Nachrichten bekommen. Chris lässt auch schön grüßen und von daher bislang ein guter Tag. Könnte so weiter gehen. Wie sieht es bei Niko aus?“

„Alles bestens. Ich kann nicht klagen. Und falls du dich fragst, warum du heute Morgen nicht auf der anderen Seite stehst, ich wollte dir diese Pause geben. Heute Nachmittag bist du wieder mit Niko dran, ein wenig Matchtraining zu machen.“

Richtiges Matchtraining mit Niko? Wow, das überraschte mich jetzt und mein Puls ging direkt nach oben. Bisher hatte sich Niko unseretwegen immer zurücknehmen müssen, wenn er mit uns gespielt hatte. Hier waren wir aber in einer Vorbereitung für ein wichtiges Turnier. Da würde Niko ganz sicher nicht auf mich Rücksicht nehmen.

Erst jetzt bemerkte ich, dass rund um unseren Platz einige TV Kameras standen. Verwunderlich, denn eigentlich waren diese Plätze für Zuschauer und Presse gesperrt.

Obwohl Jan mitten im Training mit Niko war, bemerkte er meine Verwunderung.

„Du musst dich nicht aufregen. Die TV Kameras habe ich heute zugelassen. Das ist ein georgisches Fernsehteam, die einen Bericht über Niko machen. Dort ist er ein Nationalheld und hat viel Aufmerksamkeit.“

„Okay, dann hoffe ich mal, dass sie heute Nachmittag wieder weg sind. Nicht dass ich dort auch noch ins Fernsehen komme.“

Jan musste laut lachen, als ich das gesagt hatte.

„Das kann ich dir nicht versprechen. Ich glaube eher, dass du dich auf ein Interview einstellen solltest. Wenn ich Niko heute Morgen richtig verstanden habe, dann wollen sie heute euer Match komplett aufnehmen. Außerdem kann ich die Aufnahmen später gut nutzen. Sie haben mehr Kameras dabei und so kann ich einige Szenen aus unterschiedlichen Winkeln betrachten.“

Na toll. Das hatte mir noch gefehlt. Jan spürte meine Abneigung, aber er blieb entspannt und legte sogar einen Arm um mich.

„Reg dich nicht auf. Du bist mittlerweile so gut, dass es kaum auffällt, dass du noch ein Nachwuchstalent bist. Außerdem ist dieses Team echt nett. Sollte es zu einem Interview kommen, werden entweder Niko oder ich bei dir sein. Das klappt schon.“

Je länger ich mit Jan zusammen war, desto sympathischer wurde er mir. Er achtete stark auch auf die Dinge außerhalb des Platzes und akzeptierte mich so wie ich war.

Nach einem etwas ungewöhnlichen Mittagessen, das TV-Team war ständig um uns herum, hatte ich noch eine Stunde Zeit, bevor es zum Aufwärmen ging.

Diese Zeit nutzte ich, um mit meinem Schatz über Whatsapp zu schreiben. Wir tauschten auch noch ein paar aktuelle Fotos aus und Fynn erzählte mir von seiner gestrigen Prüfung. Es schien besser gelaufen zu sein als befürchtet. Darüber freute ich mich sehr. Zu schade, dass wir tausende Kilometer getrennt waren.

Es wurde für mich Zeit, mich aufzuwärmen. Wir hatten den gleichen Platz wie heute Vormittag und daher hatte ich meine Tasche bereits dort abgestellt. Mit dem Sprungseil machte ich mich auf dem kleinen Rasenstück um den Platz herum warm.

Einige Minuten später standen weitere Spieler um mich herum und sprangen ebenfalls mit ihrem Seil. Es war sogar etwas lustig als wir begannen uns dabei zu unterhalten.

Irgendwann fragte einer der Spanier wo ich Fynn gelassen hätte. Ich drehte mich um und schaute in das Gesicht von Sergio. Das war eine schöne Überraschung. Ich stoppte meine Übungen für einen Moment und wir begrüßten uns mit einer Umarmung.

„Hi, wie schön, dass wir uns wiedersehen. Und bevor du dir Gedanken machst, ich bin natürlich noch mit Fynn zusammen. Nur muss er noch eine Prüfung für die Schule schreiben. Er kommt erst am Wochenende zur Qualifikation. Und dann kommt Chris auch her. Also keine Panik. Es ist alles bestens bei uns.“

„Das freut mich, Marcelo begleitet mich hier auch. Er hat Semesterferien und ist mit auf die USA Reise gekommen. Jetzt verstehe ich auch, warum wir nicht mit euch in Halle trainieren sollten. Fynn sollte sich auf seine Prüfungen konzentrieren und du warst bestimmt schon unterwegs.“

„Ja, so ungefähr. Chris war der Meinung, wir sollten einen anderen Zeitpunkt ausmachen. Ich glaube, er wollte sich mit Carlos hier bei den US Open dazu besprechen.“

Wenn man vom Teufel spricht….

Carlos Moya kam zu Sergio. Als er mich erkannt hatte, begrüßte er mich freundlich und fragte auch gleich nach Fynn. Sergio und ich mussten lachen. Sergio erklärte Carlos die Lage und dass er mich das auch gerade gefragt hätte. Da lachte auch Carlos und zwinkerte mir zu.

In diesem Moment tauchten auch Jan und Niko bei uns auf. Ob das Zufall war?

„Hallo zusammen, dann sind ja schon alle da. Sehr schön“, freute sich Jan.

Damit wurde mir klar, Jan und Carlos hatten das arrangiert und es war alles genauso geplant gewesen.

Jan und Carlos sprachen kurz miteinander und dann gingen Niko und ich auf den Platz. Sergio schaute uns noch eine Weile zu, aber plötzlich tauchte Rafael Nadal an unserem Platz auf und er ging mit Sergio auf den Nebenplatz.

Ich hatte aufgrund der Herausforderung mit Niko nicht mehr viele Gelegenheiten mir über die Situation Gedanken zu machen. Mein Kopf wurde voll auf dem Court gefordert. Niko scheuchte mich über den ganzen Platz und ich war sehr schnell an meinem Limit. Aber es machte einen höllischen Spaß, die Bälle mit vollem Risiko zurückzuspielen und nicht über Punkte oder Fehler nachdenken zu müssen.

Ich konnte sogar zwei eigene Aufschlagspiele gewinnen und nach dem ersten Satz wirkte auch Jan zufrieden. Er kam zu uns an die Bank und gab zuerst Niko eine Manöverkritik und kam dann zu mir.

„Das war eine gute Leistung, Dustin. Du hast dich bestens verkauft und gezeigt, dass du spielerisch nicht mehr so weit weg bist. Jetzt müssen wir noch an der Konstanz und Ausdauer arbeiten. Aber du liegst gut im Soll. Wir werden jetzt den zweiten Satz tauschen und du spielst gegen Sergio einen Satz, Niko wird gegen Rafa einen Satz spielen. Im Anschluss daran spielen wir noch einen Satz Doppel. Ich denke, das wird dir am meisten Spaß machen.“

Dabei lachte Jan und ich wunderte mich immer wieder über ihn. Hier bekam ich einen gsnz anderen Eindruck von ihm und war angetan, wie er mit mir umging. Meine Angst wurde immer kleiner, aber der Respekt stieg eher an.

Das Match gegen Sergio entwickelte sich für mich in Richtung Erholung, denn seine Geschwindigkeit der Schläge lag deutlich unter der von Niko. So dominierte ich den Satz und konnte recht glatt mit 6:2 gewinnen.

Das wiederum erstaunte sowohl Jan als auch Carlos Moya. Sie unterhielten sich kurz über das Gesehene und meinten dann gemeinsam:

„Wir ändern jetzt die Doppelkonstellation. Wir spielen Spanien gegen Haller Breakpoint-Team. Und wir fordern, dass Rafa und Niko richtig spielen.“

Ahja. Das machte den Druck auf mich nicht kleiner, aber gut. Ich hatte es auch nicht anders erwartet.

Nachdem wir eine Stunde später den Satz mit 7:5 gewonnen hatten, freute ich mich wie nach einem Turniersieg. Ich hatte im Doppel gegen Rafa Nadal gewonnen. Wie geil! Klar, Niko hatte den größten Anteil daran, aber ich hatte auch gut gespielt. Glaubte ich zumindest. Die Nachbesprechung stand noch an und entsprechend aufgeregt kam ich aus der Dusche.

Besprechung sollte vor dem Abendessen im Hotel sein. Natürlich hatte ich meinem Schatz geschrieben, dass ich gegen Rafa im Doppel einen Satz gewonnen hatte. Leider würde ich vermutlich erst am nächsten Morgen von Fynn eine Nachricht bekommen. Er war vermutlich schon im Bett und bereitete sich auf seine letzte Prüfung vor. Nur noch wenige Tage und wir wären wieder vereint. Die Vorfreude auf unser Wiedersehen wuchs mit jedem Tag der Trennung.

Der Weg zurück ins Hotel verlief unspektakulär und ich genoss die Ruhe in meinem Zimmer. Justin sollte erst abends wieder zurück sein.

Meine Anspannung stieg erst wieder als es zur Nachbesprechung ging. Klar, ich wusste, dass ich eine gute Leistung gezeigt hatte, aber würde Jan das auch so sehen?

Als ich in die Lobby kam, saß Jan schon an seinem Laptop und schaute sich irgendetwas sehr interessiert an.

„Darf ich mich schon zu dir setzen?“, fragte ich leise.

Er schaute zu mir hoch und lächelte:

„Ja, klar. Ich habe keine Geheimnisse. Ich schaue mir ein paar Bewegungsstudien an, die mir Chris von Fynn geschickt hat. Das schaut sehr gut aus. Die Fortschritte sind deutlich erkennbar, genau wie bei dir.“

„Also macht Chris auch aus deiner Sicht gute Arbeit mit uns?“

Jetzt schaute er mich mit großen Augen an und erwiderte:

„Natürlich macht Chris exzellente Arbeit mit euch. Warum fragst du?“

„Naja, manchmal habe ich das Gefühl, dass Chris etwas andere Vorstellungen von der Arbeit mit jungen Spielern hat als du. Und wir sind uns dann nicht sicher ob du mit uns zufrieden bist.“

Mittlerweile saß auch Niko bei uns am Tisch und hatte meinen letzten Satz mitbekommen.

Er schüttelte den Kopf, weil er vielleicht auch nicht alles auf Deutsch richtig verstanden hatte. Aber er fragte auf Englisch nach:

Ich gebe es auf Deutsch wieder

„Wie kommst du auf die Idee, dass Jan mit Chris nicht zufrieden sein könnte? Kaum jemand hat es bislang geschafft innerhalb eines Jahres aus vier jungen Spielern nahezu Profispieler zu entwickeln. Das dauert normalerweise mehrere Jahre.“

Jan nickte und ergänzte:

„Dem habe ich nur hinzuzufügen, dass ich leider oft nicht in Halle bin. Daher ist der persönliche Kontakt zu meinem Bruder nur selten möglich. Genau wie zu euch. Aber sei dir sicher, ich bin äußerst zufrieden mit der Arbeit von Chris. Ich habe einiges von ihm gelernt und auch in meine Arbeit mit den Profis übernommen. Da ist eure Wahrnehmung nicht korrekt.“

Dieses Gespräch hätte ich mir noch vor wenigen Wochen weder zugetraut noch vorstellen können, schon gar nicht ohne Fynn. Umso angenehmer empfand ich gerade diese Situation. Jan blieb weiterhin entspannt und gab mir eine detaillierte Manöverkritik. Allerdings sparte er auch nicht mit Lob. Zum Ende des Gespräches wechselte Jan noch einmal das Thema:

„Und bevor ich das vergesse, Chris hat mir bereits übermittelt, dass er nach unserer Rückkehr mit mir über eure Schulsituation sprechen möchte. Er scheint einige neue Gesichtspunkte entwickelt zu haben und mich interessiert das natürlich sehr. Er soll das im Team aber jetzt schon vorbringen. Er hat da von mir völlige Handlungsfreiheit. Und bevor du auf komische Ideen kommst, ich begrüße es, dass Chris neue Dinge ins Team trägt. Auch wenn es vielleicht heißen würde, dass wir deutlich das Tempo herausnehmen müssen. Also mehr Zeit in der Schule und weniger ausländische Turniere mit langen Reisen spielen. Wenn das aus Chris Sicht notwendig sein sollte, dann mache ich nicht mehr den Fehler, ihm zu widersprechen. Und es wird für euch keinerlei Nachteile geben. Das verspreche ich dir jetzt und hier.“

Und damit endete unsere Gesprächsrunde. Schwer beeindruckt ging ich zurück in unser Zimmer und legte mich in mein Bett. Ich war so müde, dass ich bald eingeschlafen war und nicht mehr mitbekam, als Justin irgendwann zurückkam.

Chris: Die letzten Tage vor New York

Am heutigen Donnerstag schrieb Fynn seine letzte Klausur. Maxi war bereits mit allem durch und entsprechend hatte ich mit ihm gestern schon ein Matchtraining organisiert. Heute würden wir ein normales Training machen. Allerdings war Maxi heute Abend nicht in der WG, sondern würde mit seiner Mutter nach Hause fahren. Ich hatte die Idee, Fynn das auch vorzuschlagen. Er war schon viel zu lange nicht mehr zu Hause gewesen.

Am Vormittag hatte ich bereits einige Dinge für unsere Reise in die Staaten erledigt. Kristin würde in meiner Abwesenheit meine Blumen betreuen und sie hatte mir erlaubt, mein Motorrad bei ihnen in die Garage zu stellen. Wobei da noch zu klären war, welches Bike bis dahin meines sein würde. Noch hatte ich die Leihmaschine, denn bei meiner war nicht nur der Generator kaputt sondern auch der Regler für die Batterie.

Mit der neuen Panigale hatte ich bereits Freundschaft geschlossen und hatte mich gedanklich auch mit der Idee beschäftigt, meine in Zahlung zu geben und die neue zu übernehmen. Das war jetzt eine Frage der Verhandlung. Am morgigen Freitag hatte ich Maxi und Fynn trainingsfrei gegeben und konnte meine Maschine wieder abholen. Die Werkstatt hätte sie mir auch gebracht, aber ich wollte mal mit dem Verkauf sprechen. Vielleicht würden sie mir ja ein gutes Angebot unterbreiten.

Nach der Trainingseinheit stand heute noch eine Teambesprechung an. Dort sollten nur Kleinigkeiten abgestimmt werden. Jan weilte seit einer Woche bereits in den USA und somit waren gravierende Entscheidungen nicht zu treffen.

Maxi war gut bei der Sache und ich konnte bereits gestern die Erleichterung feststellen, dass er seine Prüfungen geschafft hatte. Deshalb forderte ich ihn heute noch einmal hart. Aber er zog voll mit, bis zur Erschöpfung. Die Beine wurden langsam und sichtbar schwer.

„Pause“, rief ich über den Platz und Maxi kam schweißtriefend zur Bank.

„Puh, du willst es heute aber auch wissen, Chris“, stöhnte er.

„Naja, komm. Du hast ein paar Tage Tennispause gehabt und da ist die körperliche Seite etwas zu kurz gekommen. Aber ich finde das gut, was du bisher gezeigt hast.“

„Aber so viel geht auch nicht mehr. Meine Beine brennen schon ganz schön.“

„Das glaube ich dir sofort. Deshalb noch einen Durchgang Aufschläge und dann ist Feierabend für heute. Lass dir aber hinterher noch eine Massage geben.“

Maxi nickte und lehnte sich an die Lehne. Dabei schloss er für einen Moment die Augen und atmete tief durch. Plötzlich fragte er mich:

„Kannst du mir vielleicht einen Rat geben? Wie lange darf man um einen gestorbenen Menschen trauern?“

Diese Frage traf mich vollkommen unvorbereitet und ich wusste nicht genau wie er das gemeint hatte.

„Geht es um deinen Vater oder was beschäftigt dich?“

Er nickte stumm.

Ich wusste sofort, jetzt sollte ich mir Zeit nehmen. Ich setzte mich neben Maxi auf die Bank.

„Möchtest du mir vielleicht etwas mehr erzählen? Dafür ist immer Zeit.“

„Weißt du, es ist manchmal so, dass ich tagelang gar nicht mehr an Papa denke und er mir auch nicht mehr wirklich fehlt, aber dann gibt es Tage, da tut es richtig weh, dass er nicht mehr da ist. Ich habe gedacht, das würde mit den Wochen Abstand immer besser werden. Ich kann das vor allem nicht beeinflussen. Das macht mir dann schon ein wenig Angst.“

„Das kann ich gut verstehen. Ich glaube allerdings, dass dieser Zustand noch einige Zeit andauern wird. Dein Vater war eine wichtige Person für euch. Du hast dich nicht wirklich auf diesen Verlust vorbereiten können und auch nicht richtig Abschied nehmen können. Da finde ich es normal, dass du solche Phasen erlebst. Lass sie einfach zu. Wehre dich nicht dagegen. Kannst du mit deiner Mutter darüber sprechen oder ist das für sie noch zu schwer?“

„Nein, das möchte ich ihr nicht zumuten. Sie weint oft abends oder wenn ich nicht zu Hause bin. Das tut mir auch sehr weh. Ich würde gerne häufiger bei ihr sein. Allerdings möchte ich auch nicht ganz auf mein Tennis verzichten. Ich meine, mein Leben muss weitergehen und Papa hätte nicht gewollt, dass ich seinetwegen mit Tennis aufhöre. Ich weiß, das hört sich total egoistisch an, aber momentan könnte ich es auf Dauer zu Hause nicht aushalten.“

„Und dennoch möchtest du heute nach Hause fahren?“, fragte ich behutsam nach.

„Ja, Mama hat es sich gewünscht, dass ich vor der USA Reise noch einmal zu Hause bin.“

Ich nickte und mir gingen einige Gedanken durch den Kopf.

Für Maxi war der Tod seines Vaters noch lange nicht bewältigt und für seine Mutter auch nicht.

„Es steht dir immer ein Teufelchen auf einer Schulter und ein Engelchen auf der anderen Schulter, die dir jeweils etwas ins Ohr flüstern. Oder?“

Einen Moment schien er nicht verstanden zu haben, aber plötzlich lachte er.

„Ja, genau so. Du hast es auf den Punkt gebracht.“

„Ok, ich verstehe. Pass mal auf, Maxi. Dieses Empfinden ist ganz normal. Du solltest es einfach aus dem Bauch entscheiden. Und wenn du mal gar nicht weiter weißt oder es dir über den Kopf wächst, sprich mit uns und deinen Freunden. Wenn deine Mutter damit noch überfordert ist, dann braucht sie vielleicht auch Unterstützung. Schlag ihr doch einmal vor, dass ihr gemeinsam eine Kur beantragt. Mit therapeutischer Begleitung.“

„Denkst du, dass das geht? Was ist mit meinem Trainingsrückstand? Ich wäre dann wieder drei Wochen aus dem Training.“

„Was sind drei Wochen im Vergleich zu den noch kommenden zig Lebensjahren? Ich würde es sofort unterstützen und aus meiner Sicht wäre das überhaupt kein Problem. Du würdest im schlimmsten Fall eine Turnierreise nicht mitmachen, aber vielleicht auch nur drei Wochen Training. Bei einer Verletzung wäre es doch auch so. Besprich das doch mal mit deiner Mutter. Und ich kann dir versprechen, aus meiner Sicht wäre das überhaupt kein Problem.“

Mittlerweile war doch einige Zeit vergangen und Maxi wollte noch die Aufschlagserie machen, aber ich hielt das für keine gute Idee. Er war doch mittlerweile kalt geworden.

„Lass gut sein, Bälle sammeln und Schluss für heute. Geh bitte auslaufen und heiß duschen. Danach zur Massage und dann fährst du mit deiner Mama nach Hause.“

„In Ordnung, und wann soll ich morgen zum Training zurück sein?“

„Morgen? Gar nicht. Wir trainieren morgen nicht. Fynn schreibt heute seine letzte Prüfung und den schicke ich genauso nach Hause. Er will ja morgen Abend mit Stefan und Andi ein wenig um die Häuser ziehen . Aber ich möchte, dass er vorher einmal bei seiner Familie ist.“

Maxi schaute mich überrascht an. Ich schob noch nach:

„Ihr müsst erst am Samstagnachmittag hier sein. Torsten bringt uns zum Flughafen und wir fliegen dann abends nach New York. Bis dahin kannst du zu Hause zur Ruhe kommen. Und noch etwas, Maxi. Rede mit mir über deine Gefühle. Das ist kein Tabu und Trauer ist auch ein ganz wichtiges Gefühl. Man muss lernen damit umzugehen. Das ist genauso ein Lernprozess wie das Erwachsenwerden.“

„Danke, Chris. Es beruhigt mich zumindest etwas, dass es normal ist. Ich muss also noch mehr Geduld haben. Und ich werde das mit Mama besprechen. Vielleicht stimmt sie ja der gemeinsamen Kur zu.“

Damit verabschiedeten wir uns.

Ich ging nachdenklich meine Utensilien wegbringen und unter die Dusche.

Große Lust zur Teambesprechung hatte ich gerade nicht. Maxis Situation ging nicht spurlos an mir vorbei.

Eine Stunde später saß ich selbstverständlich in der Teamsitzung und Thorsten hatte bereits die ersten beiden Tagesordnungspunkte abgehakt.

„Bevor wir noch über die USA Reise von Chris sprechen, möchte ich Marco einmal bitten, uns über den Verlauf von Joels Entwicklung zu berichten. Sollen wir ihn bei uns aufnehmen und wie soll das aussehen?“

Marco gab einen ausführlichen Bericht und zwischendurch fragte er auch nach meiner Meinung. Ich hatte eine klare Vorstellung und würde ihn als Verstärkung unserer U15 Mannschaft sehen. Sollte er zu uns wechseln wollen, würde ich es begrüßen.

Als Marco geendet hatte, begann eine Diskussion über diese Personalie. Sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass allgemeine Zustimmung herrschte und Thorsten fasste es zum Ende so zusammen:

„Gut, ihr seid euch alle einig. Die Eltern haben klar signalisiert, dass sie Joel unterstützen und damit sollten wir ihnen einen Vertrag vorbereiten. Ich denke auch, dass Joel eine Verstärkung für die erste U15 Mannschaft wird und auch im Herrenbereich unsere Clubmannschaften unterstützen könnte. Da ist noch lange nicht Schluss mit der Entwicklung.“

Ich begrüßte diese Teamentscheidung.

Thorsten fuhr in der Tagesordnung fort und bat nun mich zum Thema USA Reise einen Ausblick zu machen.

Erst am Ende, als ich die Situation mit Fynn und Dustin mit der Schule ansprach wurde es noch einmal interessant. Burghard war der Meinung, dass die Jungs diese Doppelbelastung schaffen müssten. Andere hätten das auch geschafft. Außerdem ständen sie kurz vor dem Durchbruch auf die ATP Tour. Auch Toto ging in diese Richtung, Marco hingegen stimmte mir zu, mit der Frage ob es für die beiden so sinnvoll sei.

Thorsten unterbrach die Diskussion nach wenigen Minuten:

„Stopp, Leute. Ich wollte Chris Meinung dazu hören. Warum sollten wir den Weg hinterfragen und wie genau möchtest du es ändern?“

„Ganz einfach. Fynn hatte mit seinen Prüfungen schon richtig Probleme. Nicht weil es zu schwer für ihn war, sondern weil wir ihm zu wenig Schulzeit gegeben haben. Für Dustin wäre diese Nummer in einem Jahr definitiv zu heftig. Außerdem möchte ich ja gar nichts Grundlegendes ändern. Ich möchte nur, dass sie zwischendurch mehr Anwesenheitszeit in der Schule bekommen. Die Pausen zwischen den weiten Turnierreisen müssen länger sein.“

Burghard schüttelte den Kopf während Toto jetzt zustimmend nickte. Jetzt fehlte mir mein Bruder. Schließlich hatte Jan mir klar gesagt, es sei ganz allein meine Verantwortung welche Turniere wann gespielt würden. Ich wollte das Team bereits an Jans Aussage erinnern, da hob Thorsten seine Hand und bat um Ruhe.

„Leute, das reicht jetzt. Ich habe die Positionen und Argumentationen gehört. Für mich gilt ganz klar Chris Meinung. Außerdem hatte Jan sehr deutlich gesagt, es sei Chris Verantwortung, für diese Jungs die richtige Entscheidung zu treffen. Also er hätte eigentlich das Team gar nicht um Zustimmung bitten müssen. Es ist für Jan und mich ganz klar. Chris wird den Turnierplan entsprechend ändern und die Jungs bekommen mehr Schulzeit. Ende der Diskussion. Danke, Chris. Ich finde es gut, dass du dich auch selbst hinterfragt hast und jetzt nachsteuern kannst. Mach das genau so. Jan hat mir heute noch signalisiert, dass er deinen Weg vollkommen richtig findet.“

Das tat mir gut. Ein gutes Gefühl breitete sich in meinem Bauch aus. Marco hatte noch eine Sache dazu zu sagen:

„Leute, kommt mal klar. Chris kennt diese vier Jungs so gut wie kein anderer hier im Raum. Wenn er jetzt sagt, ein oder zwei Turniere weniger sind besser, dann heißt das ganz sicher nicht, dass die Jungs schlechter werden. Im Gegenteil, sie werden noch besser werden, weil sie mehr Zeit zur Regeneration bekommen. Sie sind sechzehn bzw. siebzehn Jahre alt. Das dürfen wir nicht vergessen. Und ihre persönlichen Geschichten sind auch nicht außer Acht zu lassen. Ich habe ein gutes Gefühl und bin mir sicher, die vier werden uns im nächsten Jahr auch in der Bundesliga voranbringen.“

Damit war das Thema durch und ich bedankte mich bei Marco mit einem Kopfnicken. Thorsten wünschte uns für New York viel Erfolg und dankte für das engagierte Diskutieren. Die Teamsitzung endete gegen halb acht. Das war für mich wieder ein langer Tag geworden.

Die Sonne schien noch und ich entschied mich, nicht direkt nach Hause zu fahren. Eine große Runde mit der Leihmaschine wollte ich mir noch gönnen.

Der Donnerstagabend ging für mich mit einem Telefonat mit Claus in der Schweiz zu Ende. Es hatte mir gutgetan mal wieder mit jemandem zu sprechen, der überhaupt nichts mit Tennis zu tun hatte.

Am nächsten Morgen hatte ich mir noch einmal Gedanken über die Jungs und deren Entwicklung gemacht. Je länger ich über meine Entscheidung nachdachte, dass sie mehr Zeit für die Schule bekommen müssten, desto sicherer wurde ich damit.

Training fand heute nicht statt und entsprechend kümmerte ich mich um die Reisevorbereitungen und wollte noch zu meinem Ducati Händler fahren. Bevor ich allerdings dorthin aufbrechen konnte, traf ich Thorsten auf der Anlage. Ich wollte mir das Training von Tim, Carlo und Joel anschauen und auch einen Blick auf Marvin werfen.

„Hi Chris, wie weit bist du mit den Vorbereitungen für New York? Passt alles?“

„Hi, Thorsten. Ja, danke. Alles ist unter Kontrolle. Falls du dich wunderst, ich habe Maxi und Fynn heute einen Familientag gegeben. Sie kommen erst morgen zur Abreise zurück.“

„Oh, hat es dafür einen Grund gegeben?“

„Ja, natürlich. Maxi hatte mir gestern von seinen Problemen mit der Verlustbewältigung erzählt. Ich habe es für zwingend erforderlich gehalten, dass er vor der USA Reise noch etwas Zeit bei seiner Mutter verbringen kann. Und Fynn ist heute ebenfalls bei seiner Familie. Ich bin der Meinung, dass es zum jetzigen Zeitpunkt am besten gepasst hat. Er braucht einfach mehr den direkten Kontakt zur Familie und deshalb habe ich das so entschieden.“

Thorsten fragte nicht weiter nach, sondern er nickte nur und meinte:

„Alles klar, du wirst dir das gut überlegt haben und ich werde mich hüten, dem zu widersprechen. Was machst du heute noch? Gehst du zum Training bei Carlo, Tim und Joel?“

„Ja, ich werde gleich ein wenig beobachten, auch bei Marvin, aber dann fahre ich mein Leihmotorrad zurück und hole meine Panigale ab. Heute werde ich zu Hause noch ein paar Dinge erledigen und ein, zwei Stunden entspannen, bevor es morgen wieder rund geht.“

„Also mal etwas ruhiger den Tag gestalten. Das finde ich eine richtige Entscheidung. Dafür viel Spaß und wir sehen uns dann morgen zur Abreise.“

Thorsten ging zurück in sein Büro und ich in Richtung Marcos Trainingsplatz.

Das Training von Tim, Carlo und Joel war bereits in vollem Gange und was ich beobachten konnte, gefiel mir gut. Eine mittlerweile homogene Gruppe, die sich untereinander sowohl anstachelte als auch unterstützte. Marco machte immer wieder direkte Korrekturen und zog unbemerkt das Tempo an. Jetzt zeigte sich, dass Joel noch nicht ganz das Niveau von Tim und Carlo hatte. Seine Fehlerquote ging nach oben. Allerdings nicht dramatisch.

Mir gefiel das und mit der Verpflichtung von Marco hatte ich einen tollen Kollegen bekommen. Er verfolgte ähnliche Ziele im Training wie ich. Der Spieler stand in seiner ganzheitlichen Entwicklung im Vordergrund.

Beruhigt konnte ich mich nun dem Training bei Toto zuwenden. Dort wollte ich mir Marvins Verhalten ansehen und hoffte auf eine positive Entwicklung auch von Toto im Umgang mit Marvin.

Besonders interessant an diesem Tag war, Marvin trainierte überraschenderweise allein. Aber was ich zu sehen bekam, beruhigte mich. Toto gab ruhige und richtige Kommandos und Marvin arbeitete konzentriert mit. Allerdings konnte ich nach zehn Minuten hoher Intensität bei Marvin Ermüdungserscheinungen erkennen. Toto unterbrach die Übung und sagte eine Trinkpause an. Marvin ging unzufrieden zur Bank. Warum, erschloss sich mir nicht.

Allerdings gefiel mir jetzt Totos Reaktion. Er setzte sich zu Marvin auf die Bank und unterhielt sich mit ihm. Marvin schaute überrascht zu Toto und nickte. Etwa nach zwei Minuten stand Toto von der Bank auf und verließ den Platz in meine Richtung. Marvin hatte mich jetzt auch gesehen und grüßte mit einer freundlichen Handbewegung.

„Hi Chris, wie ist die Lage bei euch?“, begrüßte mich Toto entspannt.

„Hi, Toto. Danke, ich bin zufrieden. Habe Maxi und Fynn für heute und morgen freigegeben. Wir fliegen ja morgen in die Staaten zu Jan. Warum ist Marvin heute allein beim Training?“

„Die anderen sind auf einem Schulausflug und heute daher vom Training beurlaubt. Aber Marvin macht sich richtig gut. Er arbeitet voll mit und hört auch gut zu. Du scheinst einen positiven Einfluss auf ihn gehabt zu haben. So macht es viel mehr Freude, mit ihm zu trainieren.“

„Ich denke, das beruht auf Gegenseitigkeit. Du nimmst dir mehr Zeit und erklärst ihm, was du warum von ihm möchtest. Ich glaube, dass ihr so ganz schnell wieder zueinander finden könnt. Du musst bei diesen Kids einfach auch mehr hinhören, was sie dir erzählen. Sie sind mitten in der Pubertät und brauchen gerade beim Sport auch Vertrauenspersonen. Wenn du so weitermachst, wirst du noch viele positive Dinge mit Marvin erleben. Ich mag ihn und er ist ehrlich. Also mach weiter so. Ich werde Marvin zwar anbieten, für ihn auch weiterhin ansprechbar zu sein, dennoch aber deutlich sagen, dass du der erste Ansprechpartner bist.“

„Danke, Chris. Es ist aber nicht so einfach, gutes Training zu machen und gleichzeitig sich auch noch für andere Dinge Zeit zu nehmen. Aber ich werde mich bemühen.“

„Sehr gut. Lass uns doch einfach mehr zusammenarbeiten. Wir können uns gut ergänzen und wenn wir untereinander mehr Austausch pflegen, merken die Kinder, dass wir sie ernst nehmen. Wir müssen unsere Stärke der Teamleistung mehr nutzen.“

Toto schaute mich an und musste plötzlich lachen. Marvin hatte währenddessen eigenständig begonnen, die Bälle einzusammeln.

„Dieser Spruch hätte auch von Jan kommen können. Er hat mir beim letzten Treffen etwas sehr ähnliches gesagt.“

Ob ich das als Lob oder Kritik auffassen sollte, war mir gerade nicht ganz klar. Jan hatte sich noch nicht so häufig in pädagogischen Fragen auf meine Linie eingelassen. Aber vielleicht würde sich ja auch dort noch etwas entwickeln.

Ich beschloss daher, mit Toto an den Platz zu gehen und Marvin auch persönlich zu begrüßen. Marvin strahlte mich regelrecht an, als er mir die Hand gab.

„Hi Chris. Schön, dass du mal vorbeischaust.“

„Hallo Marvin. Alles in Ordnung bei dir?“

„Ja, eigentlich schon. Aber könnte ich bei meinem nächsten Besuch bei Malte nochmal mit ihm bei dir vorbeikommen?“

„Klar, wenn ich zu Hause bin, dürft ihr gern vorbeikommen. Aber ich fliege morgen Nachmittag mit Maxi und Fynn in die USA.“

„Ginge auch heute Abend? Ich darf wieder bei Malte pennen. Dann würden wir mal runterkommen.“

„Klar, macht das. Ihr seht ja, wenn ich zu Hause bin. Und jetzt noch viel Spaß beim Training. Toto möchte weitermachen, glaube ich.“, erwiderte ich augenzwinkernd.

Das sollte bis zur Rückkehr aus den USA meine letzte Aktion auf der Tennisanlage gewesen sein. Ich packte meine Sachen zusammen und schwang mich auf das Moped in Richtung Händler.

Die Fahrt genoss ich in vollen Zügen und drehte ordentlich am Gashahn. Es war einfach atemberaubend diese Leistungsentfaltung. Manchmal blieb mir regelrecht die Luft weg, wenn ich die volle Kraft ausnutzte.

Diese Fahrt hatte meine Entscheidung unterstützt. Ich würde mich gleich mit dem Ducati-Team über einen Tausch der Mopeds unterhalten. Entsprechend begeistert stellte ich die neue V4 auf dem Platz vor der Werkstatt ab und betrat die Werkstatt.

„Moin“, grüßte ich freundlich in die Runde.

„Moin, Chris. Du willst bestimmt dein Moped abholen. Sie steht noch hinten in der Werkstatt“, begrüßte mich Mattes, der Inhaber.

„Ja, Mattes. So war mein Plan, aber ich möchte die neue V4 eigentlich gar nicht mehr hergeben. Können wir uns mal konkret über einen Fahrzeugtausch unterhalten?“

Jetzt schaute mich Mattes überrascht an.

„Wie? Du willst deine geliebte Panigale eintauschen? Damit habe ich ja nun überhaupt nicht gerechnet. Hihihi.“

„Ja ja. Du hast schon recht. Ich würde sie auch nicht gegen irgendein Moped eintauschen, aber die neue ist wirklich ein geiles Gerät. Total unvernünftig, ich weiß, aber sie macht Spaß. Genau wie meine alte, aber die neue fährt um Welten besser und ist viel angenehmer in der Motorcharakteristik. Außerdem dürfte die Ersatzteilversorgung viel besser sein, da sie keine limitierte Ausführung ist.“

„Sehr schön. Das freut mich, dass sie dir gefällt. Aber durch die Limitierung dürfte deine Maschine jedes Jahr im Wert steigen oder zumindest machst du keinen Verlust damit.“

„Ach, Mattes. Was hilft mir das? Ich bin ein Fahrer und kein Sammler. Ich habe sie doch gekauft, um zu fahren, nicht als Wertanlage. Vielleicht hilft mir das ja jetzt sogar ein wenig bei den Verhandlungen mit dir?“

Er lachte und bat mich, in die Werkstatt mitzukommen.

„So, hier ist dein gutes Stück. Wir haben die Batterie, den Generator und auch den Generatorregler tauschen müssen. Jetzt läuft sie aber wieder richtig.“

„Ok. Das ist schon schön zu hören, denn die Ersatzteile bekommt man ja nicht an jeder Ecke.“

„Ja, das stimmt leider. Und zum Schnäppchenpreis leider auch nicht.“

„Das ist ein gutes Stichwort. Wenn ich euch meine alte, limitierte V2 in Zahlung gebe, was müsste ich für die neue V4 noch drauflegen? Und wie lange müsste ich darauf warten?“

Jetzt schaute mich Mattes doch etwas verwundert an.

„Du hast das mit dem Tausch nicht als Scherz gemeint? Du willst das wirklich machen?“

„Naja, ich habe das ernsthaft überlegt. Wenn es nicht ein zu teures Manöver wird.“

„Okay, dann komm mal mit nach vorn. Da wollen wir uns das mal genauer anschauen. Möchtest du eine Latte?“

Wir gingen wieder in den Verkaufsraum und dort sollte ich in der Sitzgruppe auf ihn warten. Seine Freundin, die den Empfang regelte, brachte uns zwei Latte und Mattes kam mit Laptop zu mir.

„So, dann wollen wir mal schauen. Ich habe die Daten deiner Maschine eingegeben und da ich genau weiß wie sie gefahren und gepflegt wurde, kann ich da etwas großzügiger sein. Was genau hast du dir denn vorgestellt?“

„Die neue V4 Panigale in der S Version. Im Prinzip das Gerät, was ich jetzt die letzten Tage fahren durfte. Allerdings hätte ich gerne den Schaltautomaten dazu. Da habe ich mich bei meiner jetzigen so dran gewöhnt. Wenn ich mal auf der Nordschleife gefahren bin, war das echt ein Vorteil.“

Mattes tippte immer wieder etwas ein, fragte mich nach der Farbe und noch ein paar anderen Details, dann schaute er auf den Monitor und bekam ein Grinsen in sein Gesicht.

„Hmm, ich glaube, ich habe für dich etwas Interessantes hier stehen. Komm mal bitte mit.“

Wir standen auf und gingen in eine Reihe der aufgestellten Neumaschinen. Mattes ging vorweg und blieb bei einem bildschönen Gerät stehen.

„Was hältst du hiervon? Das ist zwar keine S Version sondern eine R Version, aber sonst genau das was du möchtest.“

Ich schaute auf das Teil und war beeindruckt. Das gefiel mir mehr als nur gut. Allerdings der Preis, der auf dem Schild vor dem Motorrad stand, ließ mich etwas zusammenzucken.

Mattes bemerkte das und nahm schnell das Schild an die Seite.

„Schau da nicht so genau drauf. Wir werden uns schon einig werden. Ich bin nämlich auf deine Rarität scharf. Die möchte ich gerne für mich haben. Sie gehört in eine Sammlung von Legenden, die ich hier im Laden verteilt habe.“

„Gut, dann mach mir doch ein Angebot. Was stellst du dir vor, was gehen könnte?“

Mattes lächelte und antwortete:

„Leg fünf Mille drauf und du kannst sie mitnehmen.“

Im ersten Moment hatte ich gedacht, ich hätte mich verhört. Aber er wiederholte das Angebot mit Fünftausend. - Da brauchte ich nicht zu überlegen. Das Geld hatte ich noch vom Verkauf meines Autos als ich den Teamwagen bekam.

„Deal, mache ich sofort. Wann kann ich sie mitnehmen?“

„Bis nächste Woche Mittwoch sollte alles soweit fertig sein.“

„Hm, das ist schlecht. Da bin ich noch in den USA, aber wenn ich zurück bin, wäre das auch in Ordnung. Ich bräuchte nur so lange noch meine Maschine, damit ich noch nach Hause komme.“

„Kein Problem, aber ich schlage dir vor, du nimmst so lange unseren Vorführer. Dann kann ich deine schon richtig aufbereiten. Wir melden die Maschinen um und du bekommst deine sobald du zurück bist. Einverstanden?“

„Sehr gern. Einverstanden. Kann ich das Geld überweisen?“

„Klar, kein Problem. Ich freue mich über den Deal.“

Damit hatte ich mir auch einmal etwas gegönnt und meine Freude war riesengroß über diese Entscheidung.

Auf der Heimfahrt war ich bester Laune und stellte die Maschine in das Carport. Natürlich war diese noch sehr dezent vom Geräusch im Vergleich zu meiner V2. Bei der neuen Maschine würde das wieder anders sein. Sie war deutlich aggressiver, weil sie die R Version war.

Schnell die Motorradkombi ausgezogen und eine kalte Fassbrause aus dem Kühlschrank genommen. Ich prostete mir selbst zu und machte es mir dann in der Abendsonne auf der Terrasse gemütlich.

Es dauerte nicht lange und ich hörte jemanden sagen:

„Chris, störe ich dich gerade oder hast du einen Moment Zeit?“

Ich öffnete die Augen und Kristin stand bei mir am Tisch.

„Oh, hi Kristin. Setz dich bitte.“

„Entschuldige, dass ich dich so einfach überfalle, aber wir hatten ein Gespräch mit unserem Sohn und ich mache mir etwas Sorgen.“

„Ja, ich kann mir denken, um was es dabei ging.“

„Du hast Malte und Marvin ja quasi zu uns geschickt. Was wir übrigens gut finden. Aber wie soll es jetzt mit den beiden weitergehen? Wir sind uns unsicher, wie wir damit umgehen sollen.“

„Das kann ich verstehen. Was genau haben sie euch denn erzählt?“

Kristin berichtete mir von dem Gespräch und für mich war positiv, dass sich Marvin diesem Gespräch gestellt und seine Verantwortung deutlich gemacht hatte. Es wurde von ihm nichts weggelassen, was er mir nicht auch berichtet hatte.

„Wie geht ihr damit um?“, fragte ich dann.

„Tja, das ist genau unser Problem. Momentan ist es so, dass wir klar gesagt haben, dass Drogen keine Lösung von Problemen sind, sondern nur viele neue Schwierigkeiten schaffen. Wir haben Malte sehr deutlich klargemacht und uns wünschen, dass so etwas nicht erneut passieren darf. Ich persönlich finde es gut, dass er zu uns Vertrauen hat und es uns freiwillig berichtet hat. Mein Mann war ziemlich verärgert. Aber ich fand es auch mutig von Marvin, uns gegenüber zuzugeben, dass er Malte angestiftet hatte.“

„Und habt ihr Konsequenzen gezogen oder wie geht es jetzt weiter? Darf Marvin noch mit Malte etwas unternehmen?“

„Das ist genau unser Problem. Wir wissen nicht, was richtig oder falsch ist. Ich bin dafür, beiden eine Chance zu geben und keine Strafen zu verhängen. Mein Mann sieht das anders. Er möchte die finanziellen Möglichkeiten von Malte einschränken, damit er nicht mehr solche Dinge kaufen könnte.“

„Unsinn. Das ist absoluter Unsinn. Sie kaufen es ja eh nicht legal, also würden sie sich das Geld auch irgendwie besorgen. Vermutlich genau deshalb hat Marvin ja auch das Zeug weiterverteilt. Meines Wissens haben sie es ja nicht einmal selbst genommen.“

„Danke, genau das ist auch mein Gedanke. Mein Mann ist da etwas anderer Ansicht.“

„Was haben denn die Jungs gesagt? Was wollen sie jetzt ändern?“

„Malte hat uns versprochen, dass er davon die Finger lässt und uns oder dir sofort Bescheid sagt, sollten die älteren Jugendlichen sie noch einmal dazu zwingen wollen. Ich glaube ihm das. Auch Marvin war sehr einsichtig und hat von dem Gespräch mit dir erzählt. Ich wäre dafür, ihnen weiterhin zu vertrauen und ihnen diese Chance zu geben.“

„Ich bin da vollkommen bei dir. Kommt Marvin heute zu Besuch? Er sprach davon, dass er bei euch übernachten darf.“

„Ja, er ist nach dem Training zu uns gekommen und darf heute zur Probe bei Malte schlafen. Ich glaube sogar, dass sie darauf warten, dass du nach Hause kommst. Momentan sind sie noch unterwegs, sie müssten aber gleich zum Essen zurück sein.“

„Wartet doch einfach mal das Wochenende ab. Ich habe bei Malte ein gutes Gefühl. Ich glaube, dass er das erst jetzt begriffen hat wie gefährlich das war und ist. Marvin hat auf mich auch einen vernünftigen Eindruck gemacht. Er war vermutlich in finanziellen Nöten und außerdem ist seine familiäre Situation nicht besonders gut für ihn.“

„Ja, er hat uns davon erzählt. Wir wussten das auch nicht, dass sein Vater damals einfach abgehauen war und ein Alkoholproblem hatte. Erst bei diesem Gespräch hat Marvin uns das erzählt. Das war für mich auch der Hauptgrund, ihm weiterhin zu vertrauen. Er hat uns etwas von sich erzählt und ich glaube ihm diese Geschichte. Weißt du, ich mag ihn und er tut mir leid. Ich würde mich freuen, wenn er mit unserem Sohn einen guten Freund hätte und sie immer zu uns kommen, wenn sie Probleme haben.“

„Na, das ist doch eine gute Grundlage. Mir geht es genauso. Gebt den Jungs eine Chance uns zu beweisen, dass sie etwas gelernt haben. Ich fliege ja morgen für eine Woche nach New York zu den US Open. Nach meiner Rückkehr können wir uns ja mal hier gemeinsam zum Grillen treffen. Mit Marvins Mutter und den beiden Jungs. Wie denkst du darüber? Ich bin der Meinung, sie werden uns nur dann weiterhin alles erzählen, wenn sie uns vertrauen und wenn sie spüren, dass wir an einem Strang ziehen. Auch wenn es für deinen Mann schwierig ist, er muss Malte jetzt zeigen, dass er immer für ihn da ist, denn er braucht euch jetzt mehr denn je.“

„Danke, das sehe ich genauso. Und die Idee mit dem gemeinsamen Grillen finde ich klasse. Wir könnten das ja Malte als Gelegenheit des besseren Zusammenseins erklären und er darf dazu seinen Freund mit einladen. Ich bin mir sicher, dass er Marvin mitbringen wird. Andere Freunde hat er nämlich zurzeit nur wenige.“

„Das gefällt mir. Ich werde dazu auch nichts sagen, sollten die beiden heute Abend noch zu mir kommen.“

Kristin wirkte beruhigt als sie sich von mir verabschiedet hatte. Ich musste an mein Gespräch mit Marvin denken und hatte ein gutes Gefühl. Sowohl bei Malte als auch bei Marvin. Wir waren jetzt wichtiger für die beiden denn je zuvor.

Ich lehnte mich zurück und schloss meine Augen. Diese ruhigen Minuten waren selten geworden, aber umso mehr konnte ich sie genießen.

Erst, als ich am Klingelton hörte, dass mir Dustin eine Nachricht geschrieben hatte, nahm ich mein Handy in die Hand und las. Ich freute mich über seinen Bericht und es gab mir ein gutes Gefühl, dass wir uns richtig entschieden hatten. Dass er seinen Freund vermisste und ihn sich jeden Tag mehr herbeiwünschte war nachvollziehbar. Fynn dürfte es genauso gehen und wie gut, dass die Trennung morgen vorbei sein würde. Ich war sehr zufrieden über die Art und Weise wie sie das bewerkstelligt hatten.

Es wurde langsam dämmrig und die ersten Sterne waren am Himmel zu sehen, als Malte mit Marvin bei mir auf der Terrasse erschienen.

„Hi Jungs, was liegt an? Habt ihr schon mal in den Himmel geschaut? Heute gibt es einen genialen Sternenhimmel.“

„Hi Chris“, erwiderte Marvin, „ich hatte ja gesagt, dass ich mit Malte und seinen Eltern sprechen wollte und dann noch einmal mit dir. Hast du für uns noch ein paar Minuten Zeit?“

„Klar, setzt euch.“

Interessant war für mich, dass sie sich nebeneinander und mir gegenüber gesetzt hatten.

„So, schießt mal los. Was hat euer Gespräch gebracht?“

Malte wirkte nicht so entspannt wie Marvin. Aber dennoch begann er mir zuerst zu berichten.

„Naja, wie zu erwarten, waren meine Eltern ziemlich sauer. Mein Vater ist komplett wütend geworden, während Mama mir immerhin bis zum Schluss zugehört hat.“

„Okay, und habt ihr noch ein vernünftiges Gespräch führen können?“

„Ich finde schon“, meldete sich Marvin jetzt zu Wort. „Wir haben sicher großen Mist gemacht, vor allem ich. Ich habe Maltes Eltern gesagt, dass ich ihn angestiftet hatte und es meine Verantwortung war. Und dann konnten wir zumindest mit seiner Mama gut reden. Sein Papa war ziemlich sauer auf mich.“

„Also, ich finde es klasse, dass du den Mut gehabt hast und zu Maltes Eltern gegangen bist. Auch wenn ich das vorgeschlagen hatte, hättest du es ja nicht tun müssen. Umso besser so. Was sagst du dazu, Malte?“

„Ja, es war großer Mist, was wir gemacht haben und ich habe es auch eingesehen. Allerdings ist mein Papa immer noch sauer auf mich. Er glaubt mir nicht mehr, was ich erzähle. Das tut schon weh. Allerdings habe ich wenigstens noch einen Papa. Marvin hat es zu Hause viel schwerer.“

Ich konnte jetzt bei Marvin wieder eine emotionale Reaktion bemerken, aber es gefiel mir, dass Malte seinem Freund beistand. Er legte einfach seine Hand auf seine Schulter. Ich wartete einen Moment, dann erwiderte ich auf Maltes Aussage:

„Schaut mal, Vertrauen ist ein ganz wichtiges und wertvolles Gut. Das muss man sich verdienen. Und es ist schneller weg als man es wieder aufbauen kann. Maltes Mama hat euch beiden heute wieder erlaubt, dass Marvin bei euch schlafen kann. Also ist das doch ein Vertrauensvorschuss. Dennoch solltet ihr in der nächsten Zeit viel für dieses Vertrauen tun. Redet miteinander und vor allem, wenn es Probleme gibt, geht zu euren Eltern und löst nicht alles allein. Und wenn es euch zu schwer fällt, weil vielleicht auch mal ein Problem anderer Art kommt, dann bin ich auch noch da.“

Dabei zwinkerte ich beiden zu. Marvin hatte es nicht ganz verstanden und schaute Malte fragend an. Der wiederum grinste und meinte:

„Naja, Chris meint, wenn es vielleicht mal Probleme mit der Pubertät sind.“

Da mussten beide peinlichst berührt lachen.

Marvin fragte sogar nach:

„Das heißt, wir dürfen dich dazu fragen, ohne dass es unsere Eltern sofort erfahren?“

„Genau, manche Dinge müssen Eltern auch nicht sofort erfahren. Bei solchen Fragen garantiere ich euch absolute Vertraulichkeit.“

„Danke, Chris. Es ist wirklich nett von dir, dass du für uns Zeit hast. Dürfen wir dich noch um eine Sache bitten?“

„Schieß los, Malte. Was gibt's noch?“

„Könntest du uns mal dein geiles Motorrad zeigen. Ich finde das Gerät so abgefahren. Und Marvin kennt es ja noch gar nicht richtig.“

„Na, das lässt sich machen. Kommt mit zum Carport.“

Zu dritt marschierten wir zu meinem Moped. Malte schaute einmal genau hin und beschwerte sich sofort:

„Das ist aber nicht dein Motorrad. Es hat ein anderes Kennzeichen. Sieht aber genauso geil aus.“

„Stimmt, das ist eine Vorführmaschine aus der Werkstatt.“

Malte schaute erstaunt.

„Ist bei deiner Maschine etwa etwas kaputt? Das kann ich kaum glauben.“

„Ja, sie ist zur Reparatur. Und sie wird in der Werkstatt bleiben. Sie kommt nicht wieder zurück.“

Jetzt hatte ich ihn natürlich komplett verwirrt und kopfschüttelnd reagierte er:

„Wie? Ist sie ein Totalschaden? Was hast du gemacht?“

Marvin schaute uns die ganze Zeit ziemlich ratlos zu. Allerdings hatte er sich die V4 genauestens angesehen. Bevor ich etwas sagen konnte, meinte er:

„Was für ein Problem hast du denn, Malte. Das Teil hier ist noch viel heftiger. Ich habe die Daten von der neuen Panigale im Kopf. Das Gerät ist waffenscheinpflichtig.“

„Richtig, Marvin. Deshalb habe ich getauscht. Wenn ich aus den USA zurück bin, bekomme die ganz neue Panigale V4 R. Und das ist ein mega Geschoss.“

„Cool“, reagierte Malte, „kannst du mich damit mal mitnehmen?“

„Wenn deine Eltern damit einverstanden sind, kann ich das mal machen. Aber erst, wenn bei euch alles wieder im Lot ist und ich mich an die neue Maschine gewöhnt habe. Ich möchte sicher sein, dass ich das Gerät gut kenne.“

„Super, danke.“, freute sich Malte diebisch.

Ich schaute zu Marvin.

„Was ist mit dir? Möchtest du auch eine Runde mitfahren oder lieber nicht?“

„Schon, aber ich habe keinen richtigen Helm und daher geht das wohl nicht.“, erwiderte er etwas traurig.

„Ach, das bekommen wir schon hin. Ich denke mal, Malte hat auch keinen eigenen Helm, oder?“

Malte schüttelte den Kopf und realisierte, dass das jetzt noch zu einem Problem werden könnte, aber ich wollte sie nicht auf die Folter spannen.

„Kein Problem, ich habe zwei sehr ordentliche Helme und von daher sollte das gehen, wenn eure Köpfe nicht zu klein sind.

Die beiden Jungs freuten sich wie die Kindergartenkinder über einen Schokokuss.

Mittlerweile war es richtig dunkel geworden und die Sterne funkelten am Himmel. Ich schaute nach oben und wartete was passieren würde.

Und die beiden blieben ebenfalls stehen und beruhigten sich schnell wieder. Sie schauten auch nach oben, aber bald fragte mich Malte:

„Kannst du auch schon Sternbilder erkennen? Ich sehe nur helle Punkte. Uns hat das noch keiner richtig erklärt. Und in der Schule wird so etwas sowieso nicht besprochen.“

Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich ihnen vier verschiedene Sternbilder gezeigt. Ziemlich beeindruckt fragte Marvin:

„Boah, das ist cool. Ich finde das total spannend. Könntest du uns da noch mehr erzählen?“

„Wenn es euch wirklich interessiert, sehr gern. Nach der USA Reise können wir uns ja mal an einem Abend hier treffen, dann zeige ich euch einiges mehr und kann auch etwas dazu erklären.“

„Sehr gern. Danke, Chris. Und auch danke für deine Unterstützung bei dem Gespräch mit meinen Eltern. Meine Mama hat mir gesagt, dass sie mit dir noch sprechen möchte.“

Malte wirkte jetzt erleichtert und auch Marvin wirkte entspannter als vorhin.

Mit dem Satz: „Das hat sie bereits getan, Malte. Ist schon geklärt.“, verabschiedete ich die Jungs. Es war auch schon recht spät geworden. Aber diese Zeit war sinnvoll investiert.

Entsprechend müde ging ich zu Bett und schlief sogar bis halb zehn am Morgen durch.

Der Samstag stand ganz im Zeichen der Reisevorbereitungen. Ich hatte meine Tennistasche gepackt und auch den Rucksack bereits mit dem Laptop vorbereitet. Genug Verpflegung eingepackt und dann ging ich nach oben, um mit Kristin über meine Blumen respektive Pflanzen zu sprechen.

Sie hatte mich bereits erwartet und kam direkt mit mir in meine Wohnung. Ich erklärte ihr welche Gewächse mehr Wasser benötigten und welche eher weniger. Danach wollte ich mich verabschieden, aber sie meinte:

„Bevor du dich über den großen Teich davonmachst, wollte ich dir einmal Danke sagen. Du hast einen guten Einfluss auf Malte. Ich bin zwar Mutter, aber nicht ganz blöd. Du hast doch garantiert die beiden Jungs zu uns geschickt und dieses Gespräch vorbereitet, oder nicht?“

„Naja, Marvin hatte mir von seiner schwierigen Situation erzählt und ich habe ihm den Rat gegeben, mit offenen Karten zu spielen. Dass er dann tatsächlich mit Malte zu euch gegangen ist, war seine Entscheidung.“

Kristin schaute mich an und nickte grinsend.

„Natürlich. Wenn es so war, dann hast du zumindest gute Argumente gehabt, dass sie es getan haben. Jedenfalls vielen Dank für diese Hilfe. Ich hoffe, die beiden werden etwas daraus lernen.“

Aber ihr Schmunzeln verriet mir, dass sie das so nicht ganz glauben wollte.

„Das hoffe ich auch, sonst würde ich ihnen etwas deutlicher vermitteln, was das Team von derartigen Eskapaden hält. Ich glaube aber, dass das nicht notwendig sein wird.“

Ich gab ihr zum Abschied die Hand und sie ging wieder in ihre Wohnung zurück. Für mich wurde es langsam Zeit, in Richtung Tennisplatz aufzubrechen.

Nach einer kurzen Begrüßung von Thorsten im Büro, gönnte ich mir noch eine Latte Macchiato auf der Terrasse. Interessanterweise saß Gerry Weber bereits in der Sonne und las in der Zeitung. Er grüßte und winkte mich zu sich an den Tisch.

„Guten Tag, Chris. Setz dich doch einen Moment zu mir. Ihr fliegt gleich nach New York, oder?“

„Hallo Gerry. Ja, das ist korrekt. Nun geht es in die wirklich weite und böse Welt.“

Er fing an zu lachen und erwiderte:

„Haha, der war gut. Aber ihr werdet der bösen Welt schon zeigen, dass ihr euch nicht einschüchtern lasst. Dein Bruder hat mit den Jungs schon gut vorgearbeitet hat mir Thorsten berichtete. Ihr werdet vor allem für Dustin jetzt die wichtigste Veränderung mitbringen. Nämlich seinen Freund Fynn.“

Da konnte ich nur lachend zustimmen.

Es wurde noch ein recht lebhaftes Gespräch und auch Thorsten setzte sich noch einen Moment zu uns.

Wenige Minuten später kamen die Jungs mit ihrem Gepäck und den Taschen. Ich konnte sofort die Aufregung bei ihnen spüren.

„Hi Jungs, seid ihr gut vorbereitet für den Flug über den Teich? Thorsten, gib ihnen doch bitte den Autoschlüssel. Dann können sie das Gepäck schon einladen.“

Fynn nahm den Schlüssel entgegen und überraschend fragte er mich:

„Wo hast du denn deine Taschen? Dann können wir die auch gleich mit einladen.“

„Cool, das finde ich nett von euch. Hier ist mein Autoschlüssel. Da sind alle Sachen drin, die mit müssen. Den Rucksack könnt ihr bitte vorn auf den Sitz legen.“

Danach zogen die beiden von dannen und ich spürte, es würde Zeit zum Aufbruch. Gerry wünschte uns viel Erfolg und dann ging ich mit Thorsten auch Richtung Parkplatz.

Die Jungs hatten schon alles verladen und wollten gerade zu uns zurück laufen. Aber Thorsten meinte nur:

„Habt ihr wirklich alles was mit muss dabei? Wir müssen jetzt aufbrechen, sonst darf auf der Fahrt nichts mehr passieren.“

Die beiden nickten nur und dann hieß es einsteigen.

Eine weitere neue Erfahrung wartete auf uns. Ich war sehr gespannt, genau wie die Jungs, was uns im Big Apple erwarten würde.

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