zur Desktop-Ansicht wechseln. zur mobilen Ansicht wechseln.

Geiles Leben

Weihnachtschallenge 2019

Lesemodus deaktivieren (?)

Informationen

 

Es ist Ende November und wir befinden uns in Ludwigshafen am Rhein in Rheinland-Pfalz. Dort im Stadtteil Oggersheim bzw. im Ortsteil Notwende saß Noel am Fenster seines Zimmers und starrte in die Dämmerung hinaus.

Es war ein Tag Ende November 2019 und es wurde um diese Uhrzeit gerade dunkel. Er sah geistesabwesend auf die vielen kleinen Lichter, die sich in den Fenstern der Nachbarn von Tag zu Tag mehrten. "Noel?" Manche waren Weiß, einige bunt und oft blinkten sie auch noch. "Noe-hel?!"Zwar hatte er im 1. Stock des Plattenbaus eine gute Sicht, aber er fand es dennoch öde.

"So ein Kitsch…", dachte er sich, "gibt es denn wirklich Leute, denen das ganze Gedöns gefällt?"

"Noooee-heellll!", dröhnte es erneut aus der Küche.

Noel zuckte vor Schreck zusammen und musste sich räuspern, bevor er antworten konnte. Er war ganz weit weg gewesen und hatte nicht mitbekommen, dass seine Mutter ihn offenbar schon mehrfach gerufen hatte.

"Jaaaa Mama?", meldete er sich.

"Was du auf deiner Pizza willst, hatte ich dich gefragt.", kam es ungeduldig zurück.

"Na jedenfalls nich' so 'ne 'Gesunde' wie eure. Für mich mit Salami und Schinken, wie immer.", gab Noel seine Bestellung auf. Er stand auf und machte sich auf den Weg in die Küche, wo seine Mutter am Tisch stand und ein Blech Pizzateig vor sich stehen hatte und gerade dabei war, den Käse auf die Tomatensoße zu verteilen. Er umklammerte seine Mutter von hinten mit beiden Armen. Seine blonden halblangen Haare standen in alle Himmelsrichtungen und die Jogginghose hing 'auf Halbmast'.

"Schön, dass du mich umarmst, aber dann wird die Pizza wohl nie fertig!", meinte sie etwas hektisch, als sie sich umdrehte und seine Frisur und die Hose in den Kniekehlen sah. "Wie siehst du denn aus?", kicherte sie und griff ihm seitlich an die Taille, um wenigstens die Hose hochzuziehen.

"Mammmaaaaa!", schimpfte Noel, "Ich bin doch kein kleines Kind mehr! Das passt schon so! Außerdem hatte ich mich kurz hingelegt.". Schnell griff er zum Hosenbund und zog sich die Hose selbst ein homöopathisches Stückchen weiter nach oben. Dann fuhr er einmal mit beiden Händen durch seine Harre, die daraufhin in die gleiche wirre Ausgangslage zurück fielen und immer noch die Richtungen zu allen großen Städten Europas wiesen. "Sieht doch so auch ganz nett aus, oder?", fragte er schnippisch, zwinkerte sie mit einem Auge an und machte einen Kussmund.

"Ganz nett…?! Du weißt ja: 'Ganz nett' ist die kleine Schwester von 'Scheiße'! Du warst doch gestern erst beim Frisör. Wieso sieht das heute schon wieder aus, als hättest du die letzten 3 Jahre mit Tom Hanks und seinem 'Wilson' auf der einsamen Insel verbracht?! Ich versteh' das nicht…", brabbelte sie vor sich hin, drehte sich wieder um und befreite sich aus Noels Umklammerung.

"Gestern auf dem Elternabend bekamen wir außerdem immer noch keine genaueren Infos zum Schüleraustausch in London nächstes Jahr. So langsam würde ich da gerne mal Näheres erfahren. Auch wegen Brexit und wie ihr dann rüber kommt, also ein Perso genügt oder ob wir noch 'nen Reisepass beantragen müssen. Das dauert doch alles und die Schule bekommt mal wieder nichts geregelt!", wetterte sie gegen die organisatorische Unfähigkeit der Schule, die schon oft ein Thema war, weil einfach nichts ordentlich strukturiert war, den Kindern aber durchaus genau das abverlangt wurde. Das regte Frau Brenner immer maßlos auf.

"Ach jo, bis ich nächstes im Februar zum Schüleraustausch nach London fahre, bekommen die den Brexit sowieso nicht gebacken! Da ist ja eher der BER fertig. Von daher sollte mein Perso genügen.", witzelte Noel.

"Ich mach' mir trotzdem Gedanken, dass man Kinder mit 14 oder 15 Jahren einfach in ein fremdes Land zu irgendwelchen Leuten schickt und...", fing sie mit ihren mütterlichen Bedenken an, als Noel sie ruppig unterbrach, "16 Mama, ich bin seit letztem Donnerstag 16!", korrigierte er sie etwas brüskiert. Er war froh, nun endlich 16 zu sein und ohne elterliche Zustimmung offiziell Bier, Sekt und Wein trinken zu dürfen, auch wenn er dies nicht oft tat oder nun im Spezielle vorhatte.

"Ach ja, entschuldige. Daran muss ich mich erst noch gewöhnen. Der Bub wird groß! Trotzdem ist dein Englisch ja eher mau. Nicht, dass du da drüben verschütt' gehst?!", meinte sie etwas besorgt.

"Französisch ist auch viel befriedigender!", dachte er für sich und musste grinsen. Er hätte sich natürlich nie getraut, das laut auszusprechen. Denn auch wenn er sich inzwischen sicher war, dass er schwul war und auf Jungs stand, wussten seine Eltern sowie seine Schwester davon noch nichts. Und auch sonst noch keiner. Er traute sich einfach nicht, es zu jemandem sagen, weil er ja in der Schule mitbekam, wie man mit Ausdrücken und Hänseleien bedacht wird. So zwei oder drei wusste er, die bi oder schwul waren. Und die konnten es nicht verheimlichen, weil sie einfach extrovertierter waren und es schlichtweg nicht zu übersehen war, dass sie schwul sind. Daher war er froh, dass er allgemein als 'hübscher Hetero' galt. OK, dafür musste er sich dann eben oftmals auf die Lippen beißen und so manche Bemerkung oder Kommentare für sich behalten.

"Was grinst du denn so komisch? Nu' frag' doch mal beispielsweise auf Englisch, wo der nächste Taxistand ist!", befahl seine Mutter. Er setzte gerade an, so etwas wie "Where's the next Taxi stop?" in perfektem Auswärts aufs Parkett zu legen, als er hinten im Flur seinen Vater zur Haustüre herein kommen sah, "Hallo Paps!".

Seine Mutter machte auf dem Hacken kehrt und meinte, "Hallo Schatz!". Sie gab ihrem Mann einen Kuss zur Begrüßung. Noel nahm seinen Vater in den Arm. So machten sie das immer, wenn einer von ihnen kam oder ging. Das war ein ungeschriebenes Gesetz in der Familie, auch wenn man mal nicht zu gut drauf war. Eine ordentliche Verabschiedung bzw. Begrüßung war Pflicht, denn man konnte ja nie wissen, wann und ob man sich tatsächlich gesund und munter wieder sieht.

"Was magst du denn auf deiner Pizza haben, Max?, fragte sie ihren Mann, der sich den Mantel auszog. "Ach ich nehm' wohl...", fing er an, während er in die Küche schlenderte und das offensichtlich Noel gehörende Viertel des Pizzableches musterte, "...das gleich wie der Bub.", und zwinkerte Noel zu.

"Wie hätte es auch anders sein können!? Haltet ihr nur wieder zusammen, ihr Barbaren!", meinte sie gekünstelt aufgeregt und warf lieblos Salami und Schinken auch auf das letzte Viertel des Bleches. Eigentlich hätte sie sich die Frage auch sparen können, da es fast schon Tradition war, dass die beiden Männer ihre 'Mafiatorte' eben mit Salami, Schinken, schwarzen Oliven und roter Paprika wollten und auf die Mädels-Seite nur Champignons, Oliven und Mais kamen.

"Wo ist denn Michèle?", meinte Herr Brenner zu seiner Frau. "Ist sie auch schon zu Hause?"

Wie auf Kommando flog die Türe von Michèles Zimmer auf und eine Prinzessin… ein Einhorn… ein bunt gekleidetes kleines Mädchen stürmte heraus, "Hallo Papa! Ja ich bin schon laaaange da weil der Geigenunterricht heute ausfiel.", meinte sie und umarmte Papas Bauch. Sie war erst 11 und dem entsprechend eben noch etwas kleiner, als der große Herr Brenner mit seinen 1 Meter 85.

"Ich schieb' dann die Pizza jetzt in den Ofen und in 20 Minuten gibt’s Essen!, verkündete Frau Brenner.

"Jaaa…" kam es unisono von allen zurück. Nur Kater Moritz blieb stumm und strich den vielen Menschen im Slalom um die Beine. War da nicht rein zufällig ein Stückchen Salami oder ganz aus Versehen ein kleiner Brocken Schinken runter gefallen? Nein, natürlich nicht! Leicht angezickt lief er wieder ins Wohnzimmer und sprang in sein Körbchen und fing an, sich ausgiebig zu putzen.

Da gab Noels Handy ein Signal ab, da er eine WhatsApp-Nachricht bekommen hatte. Er ging in sein Zimmer und machte die Tür zu.

Die Nachricht war von Hanna, eine seiner besten und engsten Freunde: "Hi Noel. Heute Abend schon was vor? Zeit und Lust, mit Ben, Joshua, Lisa und mir zu chillen?"

Er schrieb zurück: "ja klar. hier ist gleich pizza-essen. komme dann so um 7 rüber" Kurz darauf kam noch ein "OK" von Hanna zurück.

Das Essen verlief wie jeden Abend ruhig und im Anschluss verflogen die Kinder in ihre Zimmer, Frau Brenner räumte den Geschirrspüler ein und Herr Brenner setzte sich vor den Fernseher. Noel machte sich fertig und zog im Flur seinen Anorak an. "Ich geh noch mal kurz rüber zu Hanna.", rief er ins Wohnzimmer. "Ist gut.", meinte sein Vater, "Aber denk' dran, dass morgen Schule ist. 21 Uhr ist tuc!".

Noel kannte das schon und flog mit einem "Is' gut, tschüß!" aus der Haustüre und das Treppenhaus hinunter. Es waren nur 5 Gehminuten zu Hanna und er klingelte. Hanna öffnete die Türe und umarmte ihn zur Begrüßung. "Hallo du Traum meiner schlaflosen Nächte!", witzelte sie und ging voran in 'ihr Wohnzimmer'. Sie hatte nämlich im 1. OG des Einfamilienhauses praktisch ihre eigene Wohnung mit Bad, Küche, Wohn- und Schlafzimmer. Die Eltern wohnten unten und so hatte sie hier oben ihr eigenes Reich.

Weil diesen Luxus natürlich sonst keiner aus der Clique hatte, traf man sich bevorzugt bei Hanna. Bereits auf dem Sofa saßen oder besser lümmelten sich Joshua und Ben. Etwas ordentlicher und nicht ganz so flapsig saß Lisa zwischen ihnen.

"Hi Alder!", föhnte Ben künstlich auf 'cool' machend zu Noel rüber und lächelte ihn an. Denn so cool war er eigentlich gar nicht, aber er meinte eben, er müsse es sein – pubertätsbedingt und um sich nicht zu verraten, wenn er 'zu nett' wirkte.

Joshua begrüßte ihn mit einem "Hi, alles gut bei dir?" und Lisa stand auf und nahm Noel in den Arm. "Hi, schön, dass du das bist. Wollen wir morgen zusammen auf den Weihnachtsmarkt gehen? Der hat doch gestern aufgemacht und wir sind eigentlich schon alle dafür.", überfuhr sie ihn gleich mit Infos.

"Ja, es soll arschkalt aber trocken bleiben. Da schmeckt der Glühwein doppelt so gut.", stimmte Lisa ein. Die Jungs nickten nur und so kam außer einem "Von mir aus gern!" von Noel nichts mehr dazu.

"OK, dann morgen Abend um 7 bei mir?", fragte Hanna abschließend in die Runde und erntete erneutes Kopfnicken und Daumen nach oben. Sie erzählten noch etwas über die Schule und dass jetzt noch mal viele Arbeiten und Tests anstehen würden und die besinnliche Vorweihnachtszeit dadurch mal wieder auf der Strecke bleiben würde. Und schon war es kurz vor 9 Uhr und unter der Woche hatten alle diese Uhrzeit als Deadline ihrer Eltern, um daheim zu sein.

Daheim angekommen, erzählte Noel gleich seinen Eltern, dass er morgen Abend mit seinen Freunden auf den Weihnachtsmarkt gehen würde, wogegen weder Mutter noch Vater etwas einzuwenden hatten.

Als dann der schulische Teil des Freitags geschafft war, kam Noel beschwingt nach Hause und feuerte seinen Rucksack durch den Flur in sein Zimmer. "Alle Neune!", kommentierte er die Aktion.

Am Abend trafen sich alle um 19 Uhr bei Hanna und fuhren in die Stadt. Der Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen befindet sich am Berliner Platz, einem Knotenpunkt für Busse, Straßen und S-Bahnen. Der Weihnachtsmarkt ist also mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Und da alle noch zur Schule gingen und jeder eine Monatskarte hatte, kostete die Fahrt dorthin auch keinen etwas extra.

Sie gingen etwas herum und blieben an einem der Glühweinstände hängen. Die Mädchen hatten nach zwei Tassen genug, während die Jungs derweil bei der vierten Tasse angelangt waren. Es war kalt und trotz Glühwein waren sie alle irgendwann durchgefroren und beschlossen, wieder zu Hanna zu fahren und lieber dort im Warmen noch etwas im Wohnzimmer zu chillen und ihre Musikrichtung zuhören.

Noel trank nicht oft oder viel Alkohol und so langsam fing sich das berühmte Karussell im Kopf an zu drehen. Ben und Hanna waren – wie Noel – 16, Joshua und Lisa waren beide schon 17. Joshua war mittlerweile eher ein Drauflos-Typ, während die anderen eher zurückhaltend und introvertiert waren.

Ben hatte – ohne dass Noel das wissen konnte – bereits seit Wochen ein Auge auf ihn geworfen, denn auch er war schwul, aber eben auch noch nicht geoutet. Vielmehr machte es in der Clique den Eindruck, als wären Hanna und Noel sowie Ben und Lisa ein Paar.

Nur Joshua war irgendwie der typische Einzelgänger und ließ keine Gefühle zu irgendwem erkennen. Er hatte gelernt, dass man leichter verletzbar ist, wenn man mit seinen Gefühlen allzu offen umgeht, aber das hatte auch familiäre Gründe bzw. mit seinen Schwestern zu tun, die ihn teils sehr nervten.

Sie tauschten immer mal die Plätze durch, wenn jemand zur Toilette ging oder sich etwas zu trinken holte. An Hannas Kühlschrank durfte sich jeder bedienen. Es waren allerdings in der Regel nur alkoholfreie Getränke und Essen von Hanna darin. Von der Letzten Party war jedoch noch eine halbe Flasche billiger Wodka übrig geblieben. Joshua nutzte die Gelegenheit und kam mit dem Wodka und einem Tetra-Pack O-Saft zurück und setzte sich neben Noel, wo gerade ein Platz frei war.

"Ey komm Alder, ich füll' dich jetzt ab und dann machen wir'n bisschen 'rum, ja?", lallte er schon sichtlich angeheitert. Von den anderen bekam das gar keiner so richtig mit, weil sie gerade angeregt über andere Themen diskutierten. Und Noel hatte das eher als typisch blöden Spruch von Joshua abgetan. Also tranken sie jeder von der Mischung, bis der Wodka leer war. Von den andern hatte auch von dieser Mischung niemand etwas abbekommen, wobei auch keiner wirklich scharf darauf war.

Noel merkte jetzt deutlich, dass er einen im Tee hat und wankte zur Toilette. Da er sich im Stehen nicht sicher halten konnte, setzte er sich lieber hin… und schlief tatsächlich wohl kurz ein.

Als er wieder aufwachte, war es ruhiger im Wohnzimmer geworden und es saßen nur noch Hanna und Joshua da. Hanna sprang auf und meinte "Mann zum Glück, da bist du ja wieder. Bist du wirklich eingepennt? Ich dachte schon, ich müsste die Feuerwehr rufen." Sie sah Noel an. Er sah sie an, konnte sie aber mit dem Blick nicht fixieren und sah Doppelbilder. Außerdem drehte sich alles bzw. bewegte sich. Er stolperte und plumpste auf die Couch.

"Alllles Okeeee!", lallte er.

"Oh mann. So kannst du nicht mehr heim gehen. Willst du hier auf der Couch pennen, Noel?"

"Ja, wennisch daaf? Besser isch dasch wohl.", nuschelte er vor sich hin.

"Kann ich auch hier im Sessel pennen, Hanna?", fragte Joshua, der zwar auch sichtlich mitgenommen wirkte, jedoch wenigstens noch halbwegs geradeaus schauen und reden konnte.

"Ja, von mir aus. Aber dass mir keiner von euch hier hin kotzt oder ins Schlafzimmer kommt, habt ihr verstanden?!", meinte sie vorsorglich. Beide Jungs nickten und Hanna legte noch 2 Decken auf die Sofaecke, damit jeder etwas zum Zudecken hatte.

"Brauchst du 'nen Eimer, Noel?", wollte sie wissen, aber Noel winkte ab. "OK, dann schlaft mal den Rausch aus, ihr Pappnasen!", meinte sie schadenfroh und ging in ihr Schlafzimmer.

Die Schuhe hatte man bereits beim Heimkommen ausgezogen, sodass Noel nur seine Jeans und den Pulli auszog und sich mit einer der Decken zudeckte. Joshua schaute sich Noels tapsige bzw. eher unkoordinierten Verrenkungen interessiert an und zog sich dann ebenfalls aus. Es gab keine Rollläden und so blieb es von der Straßenbeleuchtung her etwas dämmerig im Zimmer und man konnte nach einer Zeit durchaus Umrisse und Details erkennen.

Irgendwann in der Nacht wurde Noel davon wach, dass sich jemand an ihm zu schaffen machte. Eine Hand griff in seine Hose und spielte dort herum. Dann hörte er eine vertraute Stimme, es war Joshua.

"Ich kann dir gar nicht sagen, wie geil ich dich finde und endlich hab ich dich mal für mich alleine. Hörst du, Noel?" Noel drehte sich zu der Stimme um. Das Zimmer drehte sich irgendwie mit. Er war wohl immer noch besoffen. "Joshi…? Du…? Woher weist'n du, dass isch schwul bin?", verhaspelte sich Noel noch immer. "Ich bin bi und wollte schon lange mal mit dir was anstellen, weil ich dich so geil finde. Bisher hat sich eben nie die Gelegenheit ergeben, aber heute!", erklärte ihm Josh.

Langsam regte sich bei Noel trotz Alkohol etwas in der Shorts und schließlich kam es, wie es kommen sollte und er kam. Josh lächelte ihn nach vollbrachtem Werk zufrieden an und meinte "Siehste, wenn du nicht schwul oder bi wärst, hättest du mir eine gescheuert und wärst nicht einfach so ruhig liegen geblieben.", rechtfertigte Josh die etwas überfallartige Aktion.

"Dass wir beide mal... hätt' ich nie gedacht!", meinte Noel und zog Joshuas Hand aus seiner Hose. "Hol' ma' Tücher oder so!", flüsterte er Josh etwas verärgert zu. Irgendwie fand er es zwar schön, aber auf der anderen Seite hatte er sich sein 1. Mal mit einem Jungen doch irgendwie ganz anders und eben romantischer vorgestellt. Auch mochte er Josh zwar, aber 'sein Traumprinz' wäre er nun nicht gerade gewesen. Alleine schon, weil er so ein Macho-Typ geworden war. Josh kam zurück und drückte ihm Küchentücher in die Hand. "Da, mein Kleener", meinte Josh belustigt. Jetzt musste auch Noel etwas schmunzeln, war aber trotzdem noch angepisst wegen der Aktion an sich und natürlich immer noch benebelt vom Alkohol.

"Sind wir jetzt zusammen?" meinte Noel ebenso unsicher wie unerfahren. "Ja klar, wenn du willst?", meinte Josh und gab ihm einen Kuss auf den Mund. Es fühlte sich warm, weich und salzig an. OK, Joshuas Fahne war nicht so lecker, aber an den Rest konnte man sich gewöhnen. Noel ging nun auch Joshuas in die Shorts und wartete, ob Josh zurück weichen würde, was er natürlich nicht tat. OK, das hieß dann wohl 'ja, ich will auch' und so begann er, Josh zu befriedigen. Als dieser soweit war, fuchtelte er mit dem rechten Arm nach Halt und stieß dabei gegen eine Deko-Figur. Diese fiel runter und während Josh gerade kam, erklang ein lautes und fröhliches "HOO-HOO-HOOOO…. MEEERRRYYYY CHRISMAS".

Beide waren wie vom Donner gerührt und konnten sich schließlich beide das Lachen nicht mehr verkneifen. Sie giggelten herum, bis auf einmal das Licht anging und Hanna im Wohnzimmer stand.

"Alles gut bei euch? Was macht'n ihr hier für'n Lärm!?", meinte sie in einem lauten Flüsterton, obwohl die fröhliche Botschaft der Deko-Rudolf-Rentier-Figur um einiges lauter gewesen war. Dann sah sie, dass Noel und Josh zusammen auf der Couch so halb unter einer Decke lagen und anhand der Silhouetten konnte sie durchaus erkennen, dass sich Noels Hand noch in Joshuas Hose befand. Sie starrte wortlos und wie versteinert hin und konnte einfach nicht wegschauen. "Ähm… Ihr habt jetzt nicht gerade wirklich zusammen…" sie holte nochmals tief Luft "…Sex auf meiner Couch gehabt, oder?!"

Josh und Noel sahen erst sich und dann wieder Hanna an und nickten nur schuldbewusst.

"Seid ihr denn… also beide… schwul? Zusammen?", stammelte sie ungläubig.

"Ich schon.", meinte Noel, der sich auf einmal wieder etwas nüchterner fühlte und seine Hand aus Joshuas Hose zog.

"Jo, und ich bin bi. Nich' gewusst?" meinte Josh eher beiläufig-aufmüpfig.

"Nee, woher denn auch. OK, alles gut. Kein Ding!", suchte sie nach Wörtern, "Dann macht bitte eure Sauereien weg und viel Spaß noch! Ich geh' dann wieder ins Bett. Gute Nacht ihr zwei Helden in Strumpfhosen und seid jetzt bitte leise!"

Hanna drehte sich um, knipste das Licht wieder aus und verschwand im Schlafzimmer. Nachdem sich auch Josh gesäubert hatte, legte er sich neben Noel und umarmte ihn. "War das gerade schön mit dir!", meinte er. "Rudolf war nervig aber sonst war's schön, ja.", stimmte Noel zu. Dann schliefen sie ein.

Sie wachten etwa um 10:30 Uhr auf. Hanna saß schon mit einer Tasse Kaffee in ihrer Küche und las ein Buch. Hanna hörte, dass sich im Wohnzimmer etwas tat und ging rüber.

"Guten Morgen ihr Weihnachtsmänner!", meinte sie und lächelte sie an. Die Jungs zogen sich wieder an und legten die Decken zusammen. Glücklicherweise waren keine unangenehmen Überbleibsel ihrer nächtlichen Aktivitäten sichtbar. Nachdem Hanna das gesehen hatte, war sie sichtlich beruhigt.

"Mann Jungs, warum sagt mir oder uns denn keiner was, wenn ihr zusammen seid und so? Habt ihr Angst von unseren Reaktionen gehabt oder was?", fing Hanna an, ihnen eine freundschaftliche Standpauke zu halten. "Wir kennen uns jetzt schon sei der Grundschule und können doch über alles miteinander reden, oder?"

Beide schauten wie geprügelte Hunde und es kamen nur Wortfetzen wie "Nee", "ja klar" oder "hätte ja sein können" von ihnen. Josh fing sich als erster wieder und meinte, er müsse dann aber langsam los, weil er heute Abend noch auf eine Party gehen würde und noch etwas vorbereiten müsse. Er machte sich fertig, umarmte Hanna zum Abschied und verabschiedete sich von Noel, indem er ihm einen Kuss gab, durch's Haar wuschelte und "Ciao, Süßer!" sagte.

Noel blieb noch da und Hanna machte ihm einen Schoko-Cappuccino, den er so gerne mochte.

Als sie mit der Tasse zurück ins Wohnzimmer kam, wunderte sie sich, wo 'der Noel von eben' geblieben war. Noel saß still da, etwas in sich zusammen gesunken. Hanna setzte sich neben ihn, stellte die Tasse ab und nahm ihn in den Arm. "Was'n los?", fragte sie und ließ Noel Zeit.

Er erklärte ihr, wie es eigentlich dazu gekommen war und dass er zwar schwul sein, aber sich sein erstes Mal nicht unbedingt im Vollsuff und auch nicht mit Josh gewünscht hatte und dass es jetzt womöglich die Runde machen würde und er es nicht mehr im Griff hätte, wer es nun alles erfahren würde. Hanna beruhigte ihn, dass sie für ihren Teil zu niemandem etwas sagen würde, bis sie von Noel etwas anderes gesagt bekäme. Und Josh würde es ja sicher auch nicht weiter erzählen, da er ja sein Freund wäre und zudem selbst bi und eigentlich auch noch nicht geoutet sei. Es gab also kein ungewolltes Outing und die Jungs könnten selbst entscheiden, wer es wann und wie erfahren sollte.

Nachdem er sich etwas gefangen hatte, nippte Noel an der Tasse und so langsam wurde es ihm wieder etwas besser.

"Gehst du dann heute Abend auch auf die Party, von der Josh gesprochen hat?", wollte Hanna wissen.

"Nee, welche Party? Mir hat Josh nix gesagt. Keine Ahnung, was das für 'ne Party ist, wo die ist und ob ich da mit hin soll oder kann. Ich weiß grad' gar nix mehr, sorry." meinte er und machte sich so langsam fertig und auf den Weg nach Hause. "Aber trotzdem danke, dass ich hier bei dir pennen durften!", meinte er zum Abschied und gab Hanna einen Kuss auf die Backe. Die grinste nur, bis ihr noch etwas einzufallen schien: "Du warte mal, Noel! Ich muss dir noch was sagen, glaub' ich. Komm bitte noch mal mit." Hanna lief nach oben und Noel folgte ihr neugierig, was denn nu' wieder los sei.

"Also, du muss mir was versprechen!", legte sie los.

"Ähm ja, was denn?", fragte Noel gespannt.

"Also ich sollte es eigentlich für mich behalten und das würde ich sicher auch, aber nachdem, was heute Nacht war, MUSS ich's dir trotzdem sagen und damit mein Versprechen brechen. Aber offiziell darfst du es natürlich nicht wissen, verstehst du?!", meinte Hanna geheimnisvoll.

"OK? Aber was für ein Geheimnis, von wem? Welches Versprechen?", hielt Noel es langsam nicht mehr aus und wurde ungeduldig.

"OK, also Ben… Er ist…", sie zögerte kurz, "Oh mein Gott, ich trau's mich gar nicht sagen. Das ist so crazy! Also er ist auch schwul und hat mir gestanden, dass er auf dich steht. So, jetzt isses raus und du weißt inoffiziell Bescheid, auch wenn du ja jetzt mit Josh zusammen bist."

Hanna holte einmal tief Luft und erklärte dann weiter, "Vielleicht nehmt ihr Rücksicht auf Ben und knutscht nicht gerade vor seinen Augen miteinander rum und so. Ich glaube, das würde ihm schon sehr weh tun.", schloss sie ihr Plädoyer ab und wartete auf Noels Reaktion.

"Moment. Mama langsam!", Noel war ein sensibler Junge und wollte natürlich niemandem absichtlich weh tun. "Ben ist… auch schwul? Und er steht auf… MICH?!", fasste er sinngemäß zusammen und konnte sich ein abschließendes "Krass!" nicht verkneifen.

"Yep! Isso!", meinte Hanna und wusste nicht, was sie noch dazu sagen sollte.

"Und warum sagt er mir das nicht und wann hat er dir das erzählt, wenn ich fragen darf?", wollte Noel wissen.

"Das ist bestimmt schon 3-4 Wochen her und ich sollte es dir bzw. keinem sonst sagen, weil er Angst vor dem Outing hat. Bei mir hat er's quasi das erste Mal ausprobiert. Ich glaub' das geht jedem so, der irgendwie anders ist und sich erklären will, muss, soll, was auch immer. Jedenfalls hätt' ich dir das auch nie erzählt und mein Versprechen gebrochen, wenn letzte Nacht nicht gewesen wäre! So wie ich das von dir natürlich auch erst mal nicht sagen werde. Aber bitte, sag du bald Ben und Lisa Bescheid, damit es keine Enttäuschungen oder Streit gibt."

Noel brauchte einen Moment, um diese ganzen Informationen zu verarbeiten.

"Ja nee, ist klar. Ich überleg' mir was und rede mit Ben. Und mit Lisa natürlich auch. Danke und ich mach' dann mal los!", meinte er und ging wieder runter und dann nach Hause.

Dort angekommen, wartete die Mutter schon auf ihn, weil sie am Wochenende eigentlich immer relativ pünktlich um 13 Uhr Mittag aßen und es war schon 12:30. Es braucht nicht weiter erwähnt zu werden, dass Noel an alles gedacht hatte, nur nicht daran, seinen Eltern Bescheid zu geben, dass er bei Hanna übernachtet. Am Abend war er dazu schlicht und ergreifend nicht mehr fähig und am Morgen hatte er andere Dinge im Kopf und außerdem wäre es da sowieso zu spät gewesen.

"Ach da bist du ja endlich. Ich wollte dir schon 'ne Nachricht schicken, ob alles OK ist. Kaum isser 16… Wie war der Weihnachtsmarkt? War's schön? Oder ist was passiert? Wart ihr danach noch bei Hanna? Du hast zu viel getrunken gehabt, weil du dort übernachtet hast, oder habt ihr euch verquatscht? Am Wochenende ist das ja mal OK, aber nicht zur Gewohnheit werden lassen, ja!? In 30 Minuten gibt’s essen.", führte Frau Brenner einen schier endlosen Monolog und schien dabei doch mit Allem, was sie ansprach, voll ins Schwarze zu treffen.

Noel hatte sie derweil nur angesehen und nickte, schüttelte den Kopf, nickte wieder zustimmend und meinte abschließend nur, "Jo, genau so war das eigentlich. Aber alles gut soweit. Ich geh' noch schnell duschen, ja?", fragte er und wartete das "OK" seiner Mutter ab, bevor er in sein Zimmer verschwand.

Nach dem Duschen blieb kaum Zeit, weil das Mittagessen schon auf dem Tisch stand. Zum Glück nur ein Auflauf. Noels Magen war noch nicht wieder ganz auf dem Damm und hätte womöglich bei anderen Dingen rebelliert. Nach dem Essen stellte Noel seinen Teller in der Küche ab. Nur seine Mutter war hier. Sein Vater war im Wohnzimmer und Michèle in ihrem Zimmer. So konnten beide das Gespräch nicht mitbekommen, "Hast du mal kurz Zeit für mich, Mama?", wollte Noel wissen.

Wenn ein 16jähriger Sohn mit diesen feierlichen Worten beginnt, schrillen vermutlich bei jeder Mutter und jedem Vater die Alarmglocken! Sie ließ alles stehen und liegen und setzte sich auf einen Stuhl. "Natürlich Noel, was ist denn los? Ist gestern doch was passiert? Ich hab' dich vorhin gar nicht zu Wort kommen lassen, stimmt's?" Noel wurde rot. "Ja, ich wollte auch eigentlich noch damit warten, aber…", fing er an.

Und sie dachte zunächst an etwas wie "...aber ich hab nicht aufgepasst und werde nun Papa.". Um Noel eine goldene Brücke zu bauen und ihm vermeintlich damit zu helfen, sprach sie es aus: "Du wirst Papa?".

Diese Anmerkung jedoch brachte Noel voll aus dem (nicht vorhandenen) Konzept und er saß nur da und starrte sie ungläubig an. "Noel, nu' sag' schon – raus mit der Sprache! Du kannst uns doch alles sagen und wir schauen, wie wir das hin bekommen, ja?". Da fasste er sich ein Herz und es brach kurz und prägnant aus ihm raus: "Ich bin schwul und seit gestern mit Joshua zusammen."

Die Mutter hielt einen Moment inne, lächelte, runzelte die Stirn und meinte, "Mit dem Bleiske?", denn so hieß Joshua mit Nachnamen und den kannte sie natürlich auch sie seit Kindertagen. Und seine Mutter ebenso, denn die kaufte immer mal in der Boutique ein, in der Frau Brenner halbtags arbeitete. "Ja genau, mit dem.", bestätigte Noel.

"Das ist überhaupt kein Thema für mich. Das musst du wissen. Ja OK, von dir kommen dann eben keine Enkelchen aber Michèle ist ja auch noch da. Und auch wenn nicht, dann ist es eben so! Bub, da hast du dir ganz umsonst so große Gedanken gemacht. Und Papa wird da sicher auch nicht anders zu stehen. Mach dir mal keinen Kopf!", schloss sie ihre Ansprache und wollte wieder aufstehen, um ihren Haushalt fertig zu machen. "Oh entschuldige, oder willst du noch darüber reden?", fragte sie und ließ sich wieder auf den Stuhl sinken. "Nein, ist OK.", meinte er und sie stand auf und ging wieder zur Tagesordnung über. Noel stand auf und fiel ihr in den Arm, "Danke Mama, ich hab dich so lieb!", woraufhin sie erwiderte "Ich dich doch auch, mein Großer!".

Damit war sein erstes Outing geschafft. Aber seinem Vater wollte er es erst später erzählen. Jetzt brauchte er erst mal 'ne Stunde für sich, um sein Hirn durchzulüften. Also gab er seiner Mutter zu verstehen, dass er es ihm später sagen würde und jetzt erst mal für sich sein wolle, was sie gut nachvollziehen konnte.

In seinem Zimmer warf er sich aufs Bett und ließ nun in Ruhe die letzte Nacht Revue passieren. So hatte er sich das 1. Mal zwar nicht vorgestellt, aber dafür war er nun schon fast geoutet. OK, der Vater wäre kein Problem, Lisa auch nicht. Michèle war noch etwas zu klein, um ihr das zu sagen und zu erklären. Nur um Ben machte er sich Sorgen. Wie sollte er es ihm beibringen? Unter Freunden hätte er einfach gesagt "Du ich bin schwul, nur dass du Bescheid weißt, aber zwischen uns ändert sich ja nix!". Nun wusste er aber, dass Ben auf ihn stand. Und wie er so überlegte… ja Ben war eigentlich schon ein ganz lieber Kerl. Nicht so ein Macho-Typ wie Josh und von daher eigentlich eher Noels Kragenweite.

Er fühlte sich wieder zerrissen und uneinig, was nun richtig wäre und was nicht. Wie sollte er sich weiterhin verhalten? Zu Hause, in der Schule…? Er steckte sich seine In-Ears rein und hörte eine melancholische Playlist, die von Barclay-James-Harvest über Sigur Rós bis zu M83 reichte, aber auch Titel von Genesis, Juli oder Glasperlenspiel beinhaltete. Er döste vor sich hin und war ab und zu den Tränen nahe. Seine Gefühlswelt war eben noch nicht so ganz im Reinen mit sich selbst.

Zwar freute er sich über das mehr oder weniger unfreiwillige Outing, andererseits war er in Sachen 1. Beziehung, wenn er die Wahl gehabt hätte, tatsächlich eher bei Ben als bei Josh. Aber dann war er auch wieder froh, jetzt den ersten festen Freund zu haben. Es fing schon an, dunkel zu werden, da war die Playlist fertig und er setzte sich zu seinem Vater ins Wohnzimmer. Michèle war bei einer Freundin und das 'Taxi Mama' war noch unterwegs. "Prima!", dachte er sich und holte aus zum 2. Outing.

"Du Paps? Ich möchte dir gerne was sagen." Dann machte er eine Pause, um seine Reaktion bzw. Aufnahmebereitschaft abzuwarten. Sein Vater drehte sich zu ihm herum, drückte den TV aus und meinte "Jaa? Was ist denn los?", und konnte seine Mimik nicht ganz unterdrücken, denn der eine Mundwinkel wollte schon lächeln, obwohl es noch gar nichts zu lächeln gab. Da stutzte Noel, "Hat Mama dir etwa schon was gesagt?", wollte er wissen. "Ja...", gab er zu, "Sie war der Meinung, mich darauf vorbereiten zu müssen, dabei hätte sie das gar nicht gebraucht!", meinte er in einem ruhigen und gütigen Tonfall. Als Rechtsanwalt war Herr Brenner gewohnt, sich Sachverhalte und Erklärungen erst mal nüchtern und sachlich anzuhören und nicht gleich überzureagieren. Dann fuhr er fort, "Und ich kenne einen guten Kollegen, der boxt dich da wieder raus!", schloss er nun ab und wartete mit angespanntem Lächeln auf Noels Reaktion, die natürlich nicht auf sich warten ließ.

"Einen Anwalt? Raus-boxen? Was zum Geier hat Mama dir denn erzählt?" Noel war verunsichert und wusste gerade nicht, wie ihm geschieht. Der Vater bekam das sehr wohl mit und löste deshalb gleich seinen kleinen Scherz auf, "Nein Blödsinn, Noel! Sie hat mir natürlich gesagt, was Sache ist! Dass du schwul bist, ist überhaupt kein Ding für mich. Ich freue mich im Gegenteil, dass du dich gefunden hast und seit gestern mit dem Bleiske sogar deinen ersten Freund hast. Sorry, dass ich einen Scherz gemacht habe, aber ich wollte dir die Anspannung nehmen.", rechtfertigte er sich für die Aktion.

"Uff, dann ist's gut!", atmete Noel erleichtert auf. "Ja stimmt, ich bin schwul. Und ich bin so froh', dass ihr damit kein Problem habt!"

Noels Vater nahm ihn in den Arm und meinte dann noch "Egal was ist. Du kannst und sollst es uns immer sagen, hörst du? Und wenn wirklich mal was ist, kenn' ich da 'nen Kollegen, der dich…", setzte er an, also Noel ihn in die Seite zwickte, "Ja klar, weiß ich doch, Paps, danke!".

Wie sehr hatte er sich in den Wochen zuvor bei der Suche nach Outings bei DBNA oder YouTube Anregungen geholt, gehört, wie schlimm es für mache Jungs war und hoffte immer, dass seine Eltern cool reagieren würden, was zum Glück auch der Fall war. Er hatte es aber auch gehofft und erwartet, da sie wirklich ein sehr enges und gutes Verhältnis hatten.

"Ich geh' heute Abend mit Josh auf 'ne Party, ja?", meinte Noel dann noch.

"Ja schon. Und was für 'ne Party ist das? Privat oder öffentlich?", wollte sein Vater wissen. Stimmt… das wusste Noel ja selbst noch nicht. Auch nicht, ob er überhaupt eingeladen war und mit konnte oder durfte. "Ich klär' das noch ab und sag' dir noch mal Bescheid, ja?", meinte er und ging in sein Zimmer. "Ist gut.", rief ihm sein Vater nach.

Er schnappte sich sein Handy und schrieb Josh eine WhatsApp-Nachricht: "hi josh. wegen der party heute abend... kann ich mit und wenn ja - wo ist die?"

Er wartete etwas 20 Minuten und saß wie auf glühenden Kohlen, bis sein Handy summte, weil er es lautlos gestellt hatte. Ah da war die ersehnte Nachricht von... BEN!

"Hallo Noel. Hanna, Lisa und ich wollen heute Abend Essen gehen – lecker Grieche! Haste Bock, mitzukommen? P.S. Wehe du sagst 'nein' :-)"

Noel rutschte fast das Handy aus der Hand. Wusste Ben jetzt schon was oder hatte Hanna wie versprochen zunächst dicht gehalten? Eigentlich kannten sich alle fünf schon aus Grundschulzeiten und waren daher eine eingeschworene Gemeinschaft, in der man sich wirklich vertrauen konnte. Wie die 'Fünf Freunde' eben, nur dass es nicht Timmy den Hund, sondern Moritz den Kater gab.

Er grübelte, ob er jetzt mit den anderen essen gehen sollte, denn Josh ließ nichts von sich hören und so konnte er auch nicht mitgehen… so ganz ohne Infos. Also schrieb er Ben zurück.

"ja, denke schon, dass ich mitgehe. wann treffen wir uns bei hanna?", schrieb er und tippte auf das Senden-Symbol. Da kam schon eine Antwort… dieses Mal jedoch war sie tatsächlich von Josh.

"Hallo Noel! Die Party ist im Loft Club. Das ist an der Rohrlachstr. zwischen Industriestr. und Frankenthaler. Heute ist da großes Techno-Event um 23 Uhr. Davor geht’s noch zum Schampus-Schlürfen in 'ne Bar. Wann kommst du? Ich hol dich an der Haltestelle Rohlachstr. ab."

Uff, das musste Noel erst mal sacken lassen. Party und Techno waren ja OK, aber 'Schampus-schlürfen'? Woher hatte Josh die Kohle, um sich das leisten zu können? Und schon wieder saufen, war eigentlich nicht so doll. Außerdem mochte er Sekt eigentlich gar nicht. Er freute sich irgendwie mehr auf ein gemütliches Essen mit den anderen. Andererseits wollte er natürlich auch bei seinem Freund sein. Doch das ging in der Öffentlichkeit eh nicht – noch nicht. Oder sollte er Josh fragen, ob er nicht doch lieber mit zum Essen kommen würde?

Noel hatte sich im Internet auch schon über Schwulenclubs oder die sogenannte 'Szene' erkundigt und wo etwas los ist und wo man als Schwuler besser nicht auftaucht und so weiter. Das Schrille und Laute war so gar nicht Seins. Er mochte Jungs, die wie er eher schüchtern und gefühlvoll, zärtlich waren. Keine Machos wie Josh oder Partyhelden. Er war sich nicht sicher, was er nun machen sollte. Da gab das Schicksal einen letzten Anstoß: eine weitere Nachricht von Ben.

"Ach und… 1. freu ich mich tierisch, dass du mitkommst und 2. muss ich dann mal kurz was mit dir bequatschen. Bis gleich!". Nun war Noels Entscheidung gefallen: Er würde also mit zum Essen gehen und wenn Ben mit ihm reden wollte... Na prima! Dann konnte er vielleicht auch gleich Ben erklären, dass er schwul aber eben bereits 'vergeben' ist. Und zwar noch ohne Josh, um Ben nicht gleich komplett zu überfahren. Denn eine Sache hatte sich Noel schon immer geschworen. Er würde niemals so eine 'Schlampe' werden, wie so viele Schwule! Wenn er in einer Beziehung wäre, bliebe er 100% treu und monogam. Und eine offene Beziehung kam für ihn schon gar nicht in Frage. Alleine schon aus medizinischen Gründen wegen der diversen Krankheiten, aber eben erst recht aufgrund seiner moralischen Einstellungen.

So konnte und musste er, ohne groß überlegen zu müssen, Ben eine eindeutige Abfuhr in Sachen 'Beziehung' erteilen, auch wenn ihm so eine Abfuhr wahrscheinlich weh tun würde. Umgekehrt wäre es ja auch so. Aber lieber so und dafür kein Hin und Her oder endlose Diskussionen. Er ging zu seinem Vater und sagte ihm, dass sich seine Pläne nun doch geändert hätten und er mit Ben und den beiden Mädchen zum Essen gehen würde, weil die Party, auf der Josh war, nicht für ihn wäre.

Der Vater wunderte sich zwar etwas, dass er gerade geoutet war, seinen ersten festen Freund hatte und dann doch ohne diesen mit den anderen Freunden los zog, aber vielleicht war man da heute nicht mehr so stringent wie zu seiner Zeit. Herr Brenner war ein '69er Baujahr und bis praktisch zu diesem Jahr bzw. noch bis 1973 hätte es sowieso weitaus mehr Probleme bereitet, offen schwul zu sein. Zwar wurden Vergehen gegen den sogenannten 'Schwulenparagraphen' seit den 50er Jahren nicht mehr verfolgt, aber strafbar war es dennoch, was man aus heutiger Sicht gar nicht glauben mag. Vom Leumund und dem Gerede mal ganz abgesehen. Da hatte sich zwischen damals und heute vermutlich leider noch nicht viel verändert. Aber Noel würde schon wissen, was er tut. Schließlich war er nun 16 und musste seinen eigenen Erfahrungen machen, auch wenn da mal Negative dabei sein würden.

Nun schreib Noel noch an Josh: "hi du. mir ist heute absolut nicht nach alk und party. ich geh lieber mit den anderen essen. viel spaß und schön artig bleiben! kuss"

Relativ schnell kam die Antwort von Josh "OK, schade. Versteh ich. War auch zu kurzfristig alles. Wir lesen und sehen uns dann morgen, ja?. Hau rein und pass mit dem Ouzo auf! :-) Kuss zurück"

So, das war geklärt. Noel machte sich fertig und ging zu Hanna rüber. Er klingelte bei Schuster im 1. OG, also direkt in Hannas Wohnung. Komischerweise surrte der Türöffner nicht, wie sonst üblich. Waren sie etwa schon ohne ihn gegangen?! Das konnte ja wohl nicht sein. Doch nein, im Treppenhaus konnte man hören, dass jemand hinunter kam. Die Türe öffnete sich und Ben kam zu Noel heraus.

"Hi Noel! Schön dass du da bist!", begrüßte ihn Ben und nahm ihn in den Arm.

"Hallo Ben. Ja, ich freu' mich auch auf euch und auf's Essen. Warum gehen wir nicht hoch? Oder holst du mich ab weil der Türöffner kaputt ist?", scherzte Noel, doch mit dem Türöffner war natürlich alles in Ordnung.

"Nee du. Ich hab ja geschrieben, dass ich mit dir reden will oder muss.", fing Ben an.

"Jetzt? Hier draußen?", wunderte sich Noel etwas. Schließlich war es November, kalt und nass.

"Ja, Hanna weiß zwar schon Bescheid aber Lisa noch nicht und vor den Mädels will ich dir das nicht sagen. Da trau' ich mich nicht", fing Ben zaghaft an. "Es ist so schon schwer genug. Also ich…", stammelte er weiter, als Noel seine Chance sah und ihn unterbrach.

"STOP! Warte bitte kurz. Vielleicht fange ich mal kurz mit etwas an, denn ich muss dir bzw. allen auch etwas sagen, obwohl es Hanna auch schon weiß. Also kipp' mir jetzt nicht aus den Latschen, aber ich bin schwul und seit gestern mit Josh zusammen. Bei meinen Eltern hatte ich heute bereits mein Familien-Outing und sie haben es super geil aufgenommen. Nun will ich es eben auch euch sagen und mit dir fange ich jetzt an. Ich hoffe, das bringt dich jetzt nicht komplett raus, aber vielleicht hilft's dir ja bei dem, was du mir sagen willst.", schloss Noel ab und wartete auf eine Reaktion von Ben. Die kam auch, jedoch völlig anders, als erwartet.

Ben stützte sich mit den Händen auf den Oberschenkeln ab, atmete schnell und flach und meinte dann eher zu sich selbst als zu Noel "Scheiße scheiße scheiße, verdammt noch mal! So'n Dreck Mensch!". Dann blickte er hoch und schob mit der einen Hand die Haustüre wieder weiter auf. "Geh' doch schon hoch. Ich will bitte 'nen Moment alleine sein!"

Da Noel ja eigentlich wusste, was Ben ihm hätte sagen wollen und er ihm jetzt wirklich Leid tat, richtete er ihn auf und nahm ihn in den Arm. Dann meinte Noel, "Willst du wirklich alleine sein? Ich bleibe auch gerne hier bei dir, bis du soweit bist, mir deine Sache in Ruhe zu erzählen! Die will ich jetzt unbedingt auch noch erfahren! Und wenn es bis in die nächste Steinzeit dauert.".

Mittlerweile fühlte sich Noel schon wie ein alter Outing-Hase. Es war eben sehr befreiend, sich nicht mehr verstecken zu müssen und bei jeder Geste oder jeder Bemerkung jedes Wort genau vorher zurecht zu legen. Daher traute er sich jetzt sogar, Ben zum Trost mit den Fingern der rechten Hand über die Wange zu streicheln. "Na was wolltest du mir Wichtiges sagen, ohne dass es jemand mitbekommt. So was Ähnliches?", versuchte er ihm auf die Sprünge zu helfen.

Tatsächlich fiel es Ben nun ein wenig leichter und er fing an, sich zu erklären und zu outen. "Ja, ich weiß seit Monaten, dass ich schwul bin und ich habe mich bisher nur bei Hanna geoutet. So vor 'nem Monat oder so. Die hat's natürlich supi aufgenommen aber bei meinen Eltern oder euch hab ich da halt voll Muffensausen."

"Ja, das kenn' ich.", Noel stockte kurz, "Ich kann das natürlich gut nachvollziehen, weil's mir genauso geht.", versuchte er, Ben moralisch zu unterstützen.

"Aber da ist ja noch was…", setzte Ben an, um fortzufahren, wo er gerade so schön im 'Flow' war. "Ich hab mich in jemanden verguckt, den ich schon lange ganz toll finde und mich nur nie getraut habe, etwas zu sagen, weil der eben nicht schwul war bzw. ich wusste eben nicht, ob... Also bis jetzt."

Da Noel insgeheim von Hanna erfahren hatte, dass ER es war, den Ben hier meinte, machte er einen Vorstoß, "Du hast dich in mich verknallt, oder? Ich galt bisher nicht schwul und war daher unerreichbar und jetzt bin ich sozusagen endlich schwul und hau' dir um die Ohren, dass ich bereits vergeben bin, stimmst?! Und das ist nicht fair! Nein, stimmt! Das ist es auch nicht, aber ich konnte das von dir ja auch nicht ahnen und jetzt ist es eben erst einmal so, wie es ist und es tut mir Leid für dich!"

Bens Blicke wurden ungläubig und seine Stirn kräuselte sich zusammen. "Ja verdammt, Genau so. Woher wusstest du das alles? Steht auf meiner Stirn, was ich denke oder so? Ich kann grad' nicht so viel fressen, wie ich kotzen könnt, echt mann!" Ben ging zwei Schritte hin und her.

"Nein! Ich bin kein Hellseher.", kam es von Noel. "Bitte sei nicht böse, aber Hanna hatte heute Nacht mitbekommen, wie Josh und ich quasi zusammen gekommen sind und hat mir… oh bitte sei nicht sauer auf sie… gesagt, dass du schwul bist und mich dabei im Blick hattest."

"Ach so. Ja das erklärt alles. Find' ich aber blöd von Hanna!", wollte er sich beschweren, "Aber so gesehen kann ich's sogar nachvollziehen und bin froh, dass du es schon wusstest und mir alles zurecht gelegt hast, was ich sagen wollte. Alleine wäre das etwas holpriger geworden."

Nun hatte Ben also auch sein Outing im Freundeskreis begonnen. Nur fühlte er sich im Gegensatz zu Noel nicht wirklich besser. Schließlich hatte es für ihn erst mal kein Happy End mit festem Freund und einem Kuss oder gar Sex. Drum meinte er nur kleinlaut, "Ja ich freu' mich zwar für euch, aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht enttäuscht bin. Ich wollte mich eigentlich nach meinem Outing bei dir besser fühlen."

"Whow Ben, so offen und ehrlich haben wir zwei noch nie über Gefühle gesprochen! Hut ab mann. Komm her du!" Noel nahm Ben ganz fest in den Arm und gab ihm sogar einen Kuss seitlich an den Hals, weil er das nun mal eben gerade so fühlte und das für ihn jetzt auch nix Schlimmes war oder so. "Und klar kann ich deine Enttäuschung verstehen, aber sieh's mal so: bis eben wusstest du ja noch nicht mal, ob ich schwul oder bi bin und ob du überhaupt Chancen bei mir hast."

"Naja,…", fing Ben kleinlaut an, "...Hanna hatte es wohl gut mit uns beiden gemeint und mir vorhin gesagt, dass du auf Jungs stehen würdest und ich soll es dir doch einfach sagen und sehen, was weiter passiert."

"Diese kleine Hexe!", grinste Noel still vor sich hin und musste schmunzeln, aber Ben hörte es auch und stimmte nickend zu, "Aber nun wissen wir beide wenigstens, woran wir sind und können endlich hoch gehen. Wir bleiben ja Freunde, oder? Und mir frieren schon die Eier ab und auch, wenn ich sie derzeit wohl gerade nicht brauche, irgendwann tät ich die schon gerne mal einsetzen.", scherzte Ben.

Noel lachte laut los, "Deine süßen Versuchsmurmelchen da unten nennst du Eier?!" So neckten sie sich noch etwas weiter, als sie die Treppe hoch gingen. Die Anspannung löste sich dadurch allmählich.

Oben in Hannas Wohnung angekommen zogen sie ihre Jacken aus, Noel umarmte zur Begrüßung Hanna und Lisa und setzte sich dann neben Ben aufs Sofa, als wäre nichts gewesen. Hanna und Lisa schauten angespannt zwischen Ben und Noel hin und her, also schienen sie auf etwas zu warten.

"Is' was, Doc?", meinte Ben und äffte die Stimme von Bugs Bunny nach. Noel lächelte nur.

Hanna verlor die Geduld, "Ja genau… WAS is' jetzt? Habt ihr gequatscht? Ist alles gesagt? Seid ihr noch Freunde? Oden nein? Nu sagt doch was!"

"Weiß Lisa denn zufällig auch bereits alles oder müssen wir das jetzt alles noch mal zurück spulen und auf Play drücken?", fragte Noel etwas schnippisch, da er tatsächlich davon ausging, dass Hanna auch Lisa zumindest ansatzweise eingeweiht hatte. Aber wieder Erwarten war dem nicht so.

Lisa holte Luft und legte los: "Mann da geht man einmal 'ne Stunde früher nach Hause und am nächsten Tag dreht sich die Sonne um die Erde! Könnt ihr mir bitte mal sagen, was hier grad' ab geht? Hab' ich was verpasst?! Ja, hab ich. Aber was denn bitte? Klärt mich mal auf!", motze sie rum.

"Ja,", fing Hanna an und sah zu Noel, "also ich hab' Lisa nur gesagt, dass Ben mit dir was bereden muss. Ansonsten weiß sie tatsächlich von nichts.", woraufhin Lisa nun zu den beiden Jungs sah und von ihnen Aufklärung erwartete.

"OK, sorry Lisa!", startete Noel und erzählte ihr von der letzten Nacht, der Geschichte mit Josh und dass Hanna zwangsläufig eingeweiht war, weil sie ja alles mitbekommen hatte. Am Ende stupste er Ben an, damit er 'seinen Part' selbst vortragen und erklären konnte. Am Ende angekommen, rollte Lisa mit den Augen, "Oh mann, drei Jungs und alle irgendwie neben raus… das glaubt uns keiner!", und schüttelte dabei ungläubig den Kopf.

Sie stand auf, ging zu Ben und Noel rüber und gab jedem ein Küsschen auf die Backe. "Herzlichen Glückwunsch zu euren Outings, Jungs! Das war bestimmt nicht leicht für euch und es wird wohl auch nie aufhören mit den Outings, zumindest wenn ihr das öffentlich durchziehen wollt. Aber zwischen euch ist noch alles gut?", wollte sie zum Schluss erfahren. Ben und Noel sahen sich an und nickten dann beide Lisa zu. Die Stimmung wurde nun gelöster und sie machten sich fertig, um in die Stadtmitte zu einem griechischen Lokal zu fahren.

Sie kannten das Lokal bereits und hatten daher schnell ihre Lieblingsgerichte bestellt. Gerade waren sie mit dem Hauptgang fertig, da summte Noels Handy. Eine Nachricht von Josh. Mit drei Bildern ohne Text. Sie zeigten Josh mit anderen Jungs Arm in Arm, alle hatten Sonnenbrillen auf und jeder ein Glas Sekt in der einen Hand. In der anderen Hand ein fette Zigarre. Von diesen 'Selfies' hatte Josh ihm gleich drei Stück aus verschiedenen Winkeln geschickt aber kein Wort dazu geschrieben. Na toll...

Noel bereute kurz, vorhin kein Bild von seinem Bifteki mit Pommes gemacht zu haben. Das hätte er ihm ebenfalls wortlos zurück senden konnte. Aber mobiles Internet sei Dank, fand er tatsächlich so ein Bild und sendete es Josh ebenfalls ohne Text zurück. Er war sichtlich angepisst und wusste, dass er sich gerade kindisch verhielt. Aber er musste das machen, weil er die Bilder so blöd fand. Die anderen hatten natürlich mitbekommen, dass Noel da herum hantierte und etwas sauer schien.

"Gibt's Stress?", frage Hanna zuerst.

"Naja er prollt da 'rum wie'n Macho: mit Zigarre und Schampus und macht einen auf cool und fame mit Sonnenbrille. Und rechts und links jeweils einen Kerl im Arm. Mädels wären auch nicht besser, denn er ist ja bi.", motzte er weiter. Noel schüttelte ungläubig den Kopf, "So ein Blödmann, ey!".

"Ich finde ihn ja so ganz OK, aber in der letzten Zeit ist er irgendwie voll komisch geworden.", meinte nun auch Lisa. "Also zusammen sein wollte ich mit DEM jetzt nicht gerade! Aber ich kann ihn dir jetzt natürlich auch nicht total madig machen.", schloss sie ihre Beurteilung ab und verkniff sich weitere Details, die sie offenbar noch hätte in den Ring werfen können.

"Wieso? Gibt's da noch was, was ich wissen sollte?", fragte Noel, worauf Lisa den Kopf schüttelte.

"Ja da ist schon was dran.", meinte Ben, "Denn so auf 'proll' und Macho und schaut mal, wie famous ich bin weil mich jeder kennt und ich bin der geilste Typ überhaupt…". Ben hielt inne. Denn es war ja immerhin Noels Freud, über den er da gerade her zog, aber nachdem ihm Josh 'seinen Noel' praktisch auf der Zielgeraden vor der Nase 'weggeschnappt' hatte – so zumindest fühlte es sich für Ben an – konnte und wollte er auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Ben war schon etwas traurig und sauer, dass Noel nun offiziell vergeben war, obwohl er nach dem Outing tatsächlich Chancen gehabt hätte.

Josh war früher ein auch ganz toller, lieber Junge. Sehr aufmerksam und feinfühlig. In der Pubertät, also in letzter Zeit, wurde er von seinen beiden jüngeren Schwestern immer ziemlich ausgespielt. Sie zogen ihn auf der Psycho-Schiene mit etwas auf und stachelten so lange, bis er quasi weißglühend war und sich nur noch mit Schreien oder Gewalt zu helfen und zu wehren wusste. Dann aber wurde er von seinen Eltern zurück gepfiffen, dass er gefälligst Rücksicht auf 'die kleinen Schwestern' zu nehmen habe. Dadurch hatte er sich in der letzten Zeit sehr verändert und zu dem gefühlskalt wirkenden Macho-Typ entwickelt, den seine Freunde nun gerade – zurecht – so negativ beschrieben.

Es kam auch keine Antwort mehr von Josh und nachdem sie gezahlt und den obligatorischen Ouzo getrunken hatten, gingen sie noch zu Hanna. Später gingen dann alle jeweils zu sich nach Hause.

Den Sonntag verbrachte Noel daheim bei sich, bis sich gegen Mittag Josh meldete. "Hast du Zeit und Lust? Komm doch zu mir! Meine Eltern und Schwestern sind bis heute Abend nicht da! Sturmfrei!"

Noel packte seinen Rucksack und sagte seinen Eltern, dass er zu Josh gehen würde. Dieser wohnte auch in der Gegend, nur war es etwas weiter zu laufen, als zu Hanna. Bei Josh angekommen klingelte er, worauf der Türöffner summte. Josh wohnte mit seiner Familie in einer großen Mietwohnung im obersten Stockwerk, also dem 4. OG und von dort hatte man einen tollen Blick über das Wohnviertel bzw. eine Neubausiedlung bis rüber nach Oppau und zur BASF, deren Reaktoren und Kühltürme gut zu sehen, oft zu hören und manchmal leider auch zu riechen waren.

"Ah, da bist du ja, komm rein, Schatz!", begrüßte ihn Josh und gab ihm sofort einen Kuss auf den Mund. Eigentlich wollte Noel sich sofort über die Party und die Bilder beschweren, aber das war jetzt gerade verflogen. Er genoss den Kuss und umarmte Josh lange, bevor sie rein gingen.

"Die Bilder gestern fand ich aber nicht so prickelnd, Josh!", beschwerte er sich nun aber doch.

"Ach wieso, Hase… let's Party, oder? Du kommst schon auch noch auf den Geschmack. Nächstes Mal bis du dabei, ja? Hast du schon mal 'ne Pille geschmissen oder so?", fragte Josh vollkommen selbstverständlich. Noel sah ihn verwundert an, "Du redest von Drogen? Ecstasy, oder? Nee, so was hab ich noch nie genommen! Ich rauch' ja nicht mal!", wollte er sich distanzieren, da ihm Drogen nicht geheuer waren.

"Ach komm schon. Das macht man ja nicht jeden Tag, aber am Wochenende geht damit voll der Punk ab, sag' ich dir. Und Schlaf brauchst du dann auch keinen. Kann man alles unter der Woche nachholen. Lieber 8 Stunden Schule als gar keinen Schlaf, ne?", witzelte Josh herum und zog alles etwas ins Harmlos-lächerliche.

"Naja, ich weiß nicht…", entgegnete Noel, der einfach anders sozialisiert war und so was wie Drogen bisher nie brauchte oder probiert hatte. Mal eine Zigarette probiert und gehustet hatte er, das war's!

Josh wechselte das Thema, indem er Noel etwas zu trinken anbot und sich dann mit ihm auf das Sofa im Wohnzimmer setzte. Der Fernseher lief – irgendeine Wiederholung einer Musiksendung. Noel war noch nicht so oft bei Josh, weil sie sich ja meinst bei Hanna trafen und zudem sonst immer die Eltern und oder Joshuas Schwestern anwesend waren. Das war dann nicht so entspannt und daher schaute sich Noel mal ganz in Ruhe um, während seine Hand langsam vom Oberschenkel in Joshuas Schritt wanderte. Josh tat es ihm gleich und so dauerte es auch nicht lange, bis ihnen ihre Hosen zu eng wurden und sie sich gegenseitig auszogen und befriedigten.

Beide genossen es und im Anschluss kuschelten sie zusammen, bis man die Haustüre kappen hörte. "Hallo Josh, ich bin wieder da. Die Mädchentruppe rückt auch gleich an!", informierte Joshuas Vater und kündigte so seine Frau und die Schwestern an. Ihm war auch klar, dass die Mädchenfront sich teils verbündete und Josh dann aufzog. So hatten Vater und Sohn ein spezielles, enges Verhältnis und hielten zusammen, was natürlich nicht bedeutete, dass sich die Familie insgesamt nicht verstand – ganz im Gegenteil, wie Noel noch erfahren sollte.

"Wissen deine Eltern, dass wir…", fragte Noel schnell, bevor Herr Bleiske rein kommen und sie da zusammengekuschelt sehen konnte. "Ja.", beruhigte Josh ihn knapp, als sein Vater schon im Raum stand. "Oh, du hast Besuch. Ach du bist der Noel, stimmt's? Angenehm, Bleiske.", prasselte er auf die Jungs ein und stellte sich vor, obwohl es ja offensichtlich war, wer er ist.

"Ja, hallo, Herr Bleiske.", antwortete Noel etwas schüchtern und der Vater war dann auch schon auf dem Weg zur Haustüre, um diese für die Damenwelt zu öffnen. Schon hörte man Geschnatter, wie auf einer Gänsefarm. Zwei 'Quietschies' mit 12 und 13 Jahren, die eigentlich Lea und Emma hießen und dahinter Joshuas Mutter, die zwischen den beiden offenbar streitenden Mädchen zu vermitteln versuchte.

"Meine Mutter ist eigentlich Diplomatin, wie du gerade siehst…", scherzte Josh und spielte darauf an, dass sie eben oft die streitenden Mädchen auseinander pflücken musste. Das nervte gewaltig. Und wenn da mal Ruhe war und die Schwestern sich gerade verstanden, heckten sie zusammen etwas aus und zogen Josh auf. Das nervte dann noch mehr.

Er war tatsächlich nicht zu beneiden und Noel dachte sich gerade, was für ein Glück er mit Michèle hatte. Die war zwar auch noch kleiner, aber eben alleine als Mädchen und zudem eher ruhig und nicht so aufgedreht wie diese beiden Exemplare hier.

"Ritalin, wo ist das Ritalin…", meinte Frau Bleiske amüsiert und natürlich nur im Spaß. "Ach Josh, hallo mein Großer! Du bist da wesentlich pflegeleichter und… ach, das ist bestimmt dein neuer Freund. Hallo Noel!". Derweil umarmte sie Josh kurz und gab Noel die Hand.

Sie schien tatsächlich das Multitasking zu beherrschen, wobei sie das als Erzieherin auch dringend brauchte. Herr Bleiske war Veranstaltungsmanager und eigentlich gerade an den Wochenenden oft nicht zu Hause.

"Komm, wir gehen in mein Reich.", meinte Josh und zog Noel mit sich. Er schob ihn vor sich her und führte ihn an den Schultern: Rechts, den Flur lang und wieder rechts – da waren sie. Josh machte die Tür hinter sich zu. "So, hier haben wir wieder Ruhe!", meinte er und schien von den 3,5 Minuten schon wieder genervt zu sein. "Deinen Schwestern sagst du nicht 'hallo'?", wollte Noel wissen. "Nope." kam die kurze Rückmeldung von Josh, der seinen PC startete und eine Playlist anklickte.

Sie warfen sich auf das Bett und hingen einen ganze Zeit lang aneinander, küssten sich und genossen die Zeit zu zweit. Es klopfte einmal und zeitgleich ging die Türe auch schon auf. "Mama sagt, ihr sollt essen kommen!", meinte Emma, die kleinere der Schwestern, und zog die Türe wieder zu.

"Irgendwie ist sie ja schon niedlich.", meinte Noel und erntete dafür einen düsteren Blick. "Na ja, einzeln sind sie durchaus auch mal zu ertragen. Aber wehe, wenn sie zusammen sind: entweder Gekreische und Zoff oder sie machen mir das Leben zu Hölle!", versuchte Josh, das Bild seiner Schwestern in Noels Kopf etwas zurecht zu rücken. "Versteh' schon.", meinte Noel nur und gab Josh einen Kuss. Dann standen sie auf und gingen in die Essküche, wo schon alle am Tisch saßen. Auch für Noel war ein Stuhl beigezogen worden, der eigentlich sonst nicht benutzt wurde. Man sah, dass der Stuhl noch neuer aussah, als die Anderen.

"Setz dich, Noel und bediene dich bitte!", meinte Frau Bleiske gastfreundlich. Es standen diverse Brotsorten, aufgebackene Brötchen, Wurst, Schinken, Käse, gekochte Eier und Mixed Pickles zur Auswahl. Noel baute sich ein Sandwich aus Toast, Schinken und einem Ei zusammen, während die anderen erzählten, Noel aber eher in Ruhe ließen. Ihnen war klar, dass er normalerweise mit Fragen bombardiert würde und das wollten sie ihm ersparen… zumindest die Erwachsenen!

"Liebst du den Joshua?", fragte Lea ganz ungeniert und brannte Noel mit ihrem Laser-Blick ein Loch in die Stirn.

"Ja!", sagte Noel und musste dabei lachen, weil er die offene Frage irgendwie süß fand und sich ja hier zum Glück auch nicht verstellen musste. Er genoss es sogar etwas, alles genau so sagen zu können, wie er es wollte, ohne groß nachdenken zu müssen.

"Und tut ihr auch rum-sexen?", wollte Emma nun doch ganz genau wissen.

Frau Bleiske fiel fast das Brötchen aus dem Mundwinkel und sie fuhr dazwischen, "Emma! So was fragt man nicht. Das gehört sich nicht! Lass die Jungs jetzt in Ruhe essen, hört ihr?!". Ihr Blick schwenkte dabei zwischen den Mädchen hin und her und beide nickten und aßen weiter. "Tut mir Leid, Noel, aber…", wollte Frau Bleiske sich für die unangenehme Frage entschuldigen, als Josh die Hand vor den Mund hielt und der neben ihm sitzenden Emma zuflüsterte "Ja, mehrmals am Tag, wenn du's genau wissen willst!".

Die Kleine riss die Augen weit auf, bevor sie sie wieder ganz klein zusammen kniff und nur ein "Iiiiiii" von sich gab. Alle musste daraufhin lachen, wobei sich Frau Bleiske ein "Ach Josh!" nicht verkneifen konnte. Es gefiel Noel jedenfalls sehr gut hier und er fühlte sich gut aufgenommen. Nach dem Essen verzogen sie sich wieder in Joshuas Zimmer und hörten Musik, während sie sich im Arm hielten und einfach nur so da saßen, ohne groß zu reden.

Kurz nach halb neun gab Noel zu verstehen, dass er sich langsam auf den Heimweg machen müsse und Josh entließ ihn aus der Umarmung. "Schön, dass du da warst! Wir sehen uns dann die Tage?", fragte Josh.

"Ja, denke schon, wobei ich bis Weihnachten noch 3 Arbeiten schreibe und noch viel lernen muss. Aber spätestens am Wochenende sehen wir uns und unternehmen was, ja? Ich liebe dich!"

"Ich liebe dich auch. Ich freu' mich schon auf's Wochenende. Ich bring' dich noch zur Tür."

Beide trotteten zur Haustüre und Noel zog seine Schuhe an.

"Ah du gehst? Dann komm gut heim und bis zum nächsten Mal.", meinte Frau Bleiske, die mitbekommen hatte, dass Noel am Gehen war.

"Ja, danke Frau Bleiske. Und auch für's Abendessen! War lecker.", bedankte sich Noel nochmals.

"Keine Ursache. Ich denke, Josh wird sicher auch mal bei euch sein und wie ich deine Mama kenne, wird er da genauso gut aufgenommen und verpflegt.", meinte sie.

"Ach? Sie kennen meine Mutter noch von früher?", fragte Noel.

"Ja und nein, sie arbeitet doch noch in dieser Boutique in Oggersheim. Da geh' ich ab und zu mal stöbern und da tratschen wir dann schon auch mal ein paar Takte.", klärte sie ihn auf.

"Ach so ja, klar. Na dann bis zum nächsten Mal. Tschüß!", lachte Noel, gab Josh noch einen Kuss und stapfte die Treppen hinunter. "Ja, mach's gut!", rief ihm Frau Bleiske noch hinterher. Draußen war es nasskalt und Noel zog seinen Kragen vom Anorak hoch. Daheim angekommen begrüßte er seine Eltern. Michèle war schon im Bett und schlief.

Er ging dann auch in sein Zimmer und ließ sich das Wochenende nochmals in Bildern durch den Kopf gehen. Er grinste gut gelaunt und sah aus dem Fenster. "Ach diese kleinen Lichter sehen ja doch irgendwie nett aus.", dachte er sich und träumte vor sich hin. Nun fand er sie also schön.

In der Kommenden Woche schrieb er sich zwar täglich mit Josh Nachrichten, aber ein Treffen war zeitlich einfach nicht drin, da Noel an drei Tagen erst gegen 17 Uhr aus der Schule kam und dann auch noch Hausaufgaben zu erledigen hatte. Zusätzlich musste er noch für die Klassenarbeiten lernen. Wenn die 9. Klasse schon so anstrengend war, wie sollte dann erst die 10. werden? Er hatte da von Mitschülern schon Schauergeschichten gehört, dass man das Jahr der 10. Klasse komplett als Zombie verbringt, nur noch Schule, essen, schlafen und ab und an mal Duschen auf dem Plan stehen und man absolut null Freizeit hat. Die Woche zog sich also dahin und schließlich war der lange herbeigesehnte Freitag-Nachmittag gekommen.

"Wochenende!", rief Noel, der zur Haustüre herein kam, seinen Schulrucksack mit einem elegant-abfälligen Schwung durch den Flur in sein Zimmer segeln ließ und "Alle Neune!" hinzu fügte.

"Na hast du's mal wieder geschafft?", meinte seine Mutter. "Ja, zum Glück! Ich dreh' bald durch, wenn ich nicht zu Josh komme!", meinte er. So frisch verliebt ist eine Woche schon eine Herausforderung. Daher fasste sich Frau Brenner auch kurz und wollte nur wissen "Kommst du zum Abendessen nach Hause oder unternehmt ihr gleich was zusammen?"

"Das weiß ich noch nicht so genau, also was wir machen werden, aber plane mich mal nicht mit ein.", gab Noel zur Antwort. "Ist gut, hab ich mir auch schon fast gedacht.", meinte sie lachend.

Nach einer WhatsApp-Runde in ihrer Cliquen-Gruppe stand fest: sie treffen sich bei Hanna und beraten dann, was sie machen. Noel machte sich fertig und wollte schon mit einem "Ciao!" zur Haustüre ausfliegen, als ihn seine Mutter bremste, "Du sagst aber dieses Mal Bescheid, wenn du nicht zum Schlafen nach Hause kommst. Ich will dich wirklich nicht kontrollieren, aber ich will trotzdem wissen wo du abbleibst. Schließlich bist du ERST 16.", meinte sie kompromisslos und betonte das 'erst', um Noel zu verdeutlichen, dass 16 eben noch keine 18 waren.

"Ähm ja OK, hab's verstanden, Mama. Ich weiß noch nicht, was wir machen, wo wir hingehen und wie spät es wird. Aber ich schicke dir 'ne WhatsApp, wenn ich was sagen kann, versprochen, ja?"

"Alles klar, das wollte ich hören!", gab sie nun grünes Licht, woraufhin Noel mit einem "Ich weiß!" die Tür öffnete und die Treppen hinunter segelte, scheinbar ohne dabei mit den Schuhen die Treppenstufen zu berühren.

Bei Hanna surrte der Türöffner bereits, als er ankam. Scheinbar hatte sie ihn schon kommen sehen. Er eilte hinauf und begrüßte Hanna und Ben. Lisa und Josh fehlten aber noch. Sie tranken etwas und erzählten schon mal von ihren schulischen Erlebnissen. Schließlich waren sie nicht in den gleichen Klassen und sahen sich so auch in der Schule nicht häufig oder lange. Als Josh und Lisa dann um 19 Uhr auch da waren, beratschlagten sie, was sie machen wollten. Es sollte mal wieder etwas mit etwas Action sein. Etwas wie Bowling oder Kegeln, Billard vielleicht? Darten? Kickern?

"Da fahren wir am besten zum Felix. Da kann man alles machen und wir können uns kurzfristig entscheiden.", schlug Hanna vor. Alle nickten zustimmend und so fuhren sie zum Felix Bowling Center an der Hochstraße. OK, Freitag Abend ohne Voranmeldung oder Reservierung um diese Uhrzeit eine Bowling- oder Kegelbahn zu bekommen, war – insbesondere jetzt im Herbst, wo man draußen nicht viel machen konnte – eher unmöglich. "Keine Bahnen mehr frei, tut mir Leid! Wenn ihr auf Warteliste wollt...", meinte der Angestellte dort und zuckte mit den Schultern.

Also gingen sie zu den Billardtischen nach unten und Sammy, ein Angestellter, der dort schon zum Inventar gehört, gab ihnen die Bälle und schaltete einen Tisch ein. Der Verein hatte sein Training gerade beendet und so waren viele Tische frei. Sie spielten in verschiedenen Konstellationen, was bei 5 Leuten nicht so einfach war, aber es funktionierte dennoch und sie hatten alle ihren Spaß.

"Ich geh' mal hoch eine rauchen.", meinte Josh nach einer Weile. Da eigentlich alle Nichtraucher waren und das Wetter nicht gerade zum Mitgehen einlud, winkten sie ab und Josh trottete alleine nach oben. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis er wieder runter kam.

"Wo warst du denn so lange?!", wollten alle wissen, insbesondere Noel schaute ihn fragend an.

"Ach ich hab da 'nen Kumpel beim Rauchen getroffen und wir haben uns verquatscht. Alle schienen das so hinzunehmen und spielten weiter, nur Noel hatte ein komisches Bauchgefühl, wollte jetzt aber nicht den Abend durch eine eifersüchtige Zickerei verderben.

Als Josh nach einer guten Stunde wieder eine rauchen ging, wartete Noel kurz und ging ihm dann nach. Den anderen sagte er, dass er mal für kleine Königstiger müsse. Zwar sind unten auch Toiletten, aber seine Freunde merkten nicht, ob er nach rechts zu den Toiletten oder nach links ins Treppenhaus verschwand. Er ging hinauf, blieb aber auf halber Treppe stehen, um nicht gesehen werden zu können.

Josh stand tatsächlich draußen beim Aschenbecher und rauchte. Während den 5 Minuten kam jedoch zweimal jemand auf Josh zu, sie gaben sich kurz die Hand und dann ging derjenige wieder. Als Noel langsam nach unten ging, holte ihn Josh ein. "Ach, warst du auch oben?", fragte er harmlos. "Ja, und ich hab gesehen, dass du da Leute begrüßt oder so was. Kennst du hier so viele?", wollte Noel wissen.

"Ähm, nee. Das ist so, dass ich. Boah, aber behalte das bloß für dich, ja?! Ich verticke hier so bisschen Zeug, um meine Kasse aufzubessern, verstehst du?", klärte Josh ihn auf. "Du dealst hier?!", entkam es Noel, ohne dass er darauf geachtet hätte, ob und wer das mitbekommen könnte. Allerdings waren sie alleine auf der Treppe und Josh fuhr ihn an, "Mann sei bloß still, sonst nehmen die mich noch hops!"

"Boah das find' ich aber mega Scheiße, was du da machst!", gab Noel enttäuscht und erbost zu verstehen. "Sag' mir, wie ich sonst zu Kohle komme, außer vielleicht noch, alten Herren oder Pedos einen zu blasen! Und das willst du sicher noch weniger, oder?", fragte er herausfordernd. Noel fehlten die Worte und er machte nur eine abwertende Handbewegung.

"Da sind ja unsere Turteltäubchen wieder!", witzelte Lisa und grinste die beiden an.

Josh nahm sie in den Arm und meinte, "Ja, da sind wir wieder und ihr habt bestimmt die Zeit gut genutzt, um über uns zu lästern, oder?"

Hanna ging auf Noel zu und fragte, "Hast du was? Alles gut bei euch?"

"Ja, alles im grünen Bereich.", meinte Noel wahrheitswidrig. Er wollte hier und jetzt keine Bombe platzen lassen. Außerdem wollte er loyal zu seinem Freund stehen, das war einfach so seine Art.

Es war an der Zeit, zu gehen und nachdem sie die Bälle vom Billard wieder abgegeben und gezahlt hatten, gingen sie nach oben. Josh meinte, er müsse noch mal kurz abbiegen und zog Noel mit sich. Dieser ging hinter Josh her und sie verschwanden in den Toiletten. Josh ging in eine Kabine und zog Noel mit rein.

"Whow, Hase! Das ist jetzt aber etwas eng um zu…", weiter kam er nicht, da hatte er schon die Zunge von Josh im Hals. Der Kuss schmeckte wieder lecker, salzig, stürmisch, warm, bitter! Bitter?! Noel wich zurück, "Wie schmeckst du denn?!", wollte er wissen. "Take X-T-C and feel free.", meinte Josh und gab ihm zu verstehen, dass er Noel soeben eine Ectasy-Tablette "übergeben" hatte.

"Spinnste jetzt komplett?!", fuhr ihn Noel an und spuckte in Kloschüssel. Josh meinte aber, dass das so 'ne neue Micro-Tablette gewesen sei, die gleich über die Schleimhäute im Mund absorbiert würde und er sich schon auf die wohlige Extase freuen dürfe, die in wenigen Momenten einsetzen würde. Das Ausspucken würde da nichts bringen, da ein Großteil der Wirkstoffe bereits aufgenommen wären.

Tatsächlich durchströmte Noel auf einmal ein Gefühl von wohliger Wärme und Bewegungsdrang. Er wollte tanzen, tanzen, tanzen. Wahlweise wäre ein Marathon oder 'ne Kletterwand ohne Sicherung auch OK gewesen. Josh nahm ihn wieder mit nach draußen und sie gingen oder besser: sprangen zu den anderen. Noel fiel es sichtlich schwer, in einem einigermaßen normalen Tempo zu gehen.

Die beiden wirkten Hyperaktiv wie kleine Kinder, die nicht still sitzen oder stehen können (oder wollen) und eigentlich fanden das alle recht amüsant. Komischerweise mochte auch Noel dieses unbekannte, neue Gefühl der Unbeschwertheit voller Tatendrang. Im Moment könnte ihm jedenfalls keiner was und er hatte alles fest im Griff, war stark und… hatte Durst!

Sie wollten sowieso noch etwas trinken gehen und versackten schließlich in einer Bar. Sie tranken Bier und was man eben mit 16-17 schon offiziell bekommt, wobei Josh schon wieder Lust auf Schampus hatte und eine Flasche bestellte. Kostete ja "nur" 28 Euro die Flasche – ein Schnäppchen!

"Hey Joshi! Schön, dass du uns einlädst, aber woher hast'n du so viel Asche?", wollte Ben wissen.

"Das bleibt mein…", er drehte sich zu Noel und fuhr fort, "...unser kleinen Geheimnis! Und jetzt: zur Mitte, zur T...", und alle stimmten mit ein, stießen an und tranken das teure Prickelwasser.

Josh genoss sichtlich das Gelage mit den Freunden, zog wie selbstverständlich seine verspiegelte 08/15-Pilotensonnenbrille hervor, obwohl es in der Bar recht spärlich beleuchtet war, setzte sie auf und zückte sein Handy, um Selfies von sich mit den anderen zu machen. Angesteckt durch seine Euphorie machten die anderen mit und schon orderte Josh eine weitere Flasche. Eigentlich war es ein sehr schöner Abend gewesen und alle hatten sich gut amüsiert.

Auf dem Nachhauseweg mit der Straßenbahn und im Bus wurden sie natürlich, da sie immer noch im 'Party-Modus' waren, oft mit einem Kopfschütteln abgewertet, jüngere Leute allerdings prosteten ihnen durchaus auch mal mit einer Bierdose oder Weinflaschen zu und grölten ihnen unverständliche Gesänge entgegen. So kamen sie schließlich alle ausgelassen und gut angeheitert bei Hanna an.

"Aber pschhhhht! Seid bitte etwas leise! Meine Eltern schlafen schon!", flüsterte Hanna beschwipst, als sie unten die Haustüre aufschloss. Sie schlichen leise die Treppe hinauf in Hannas Wohnung.

Aus welchen Grund zwar alle ruhig blieben, sich jedoch auch niemand traute, Licht einzuschalten, war nicht ersichtlich, vermutlich aber dem Alkoholpegel geschuldet. Klong… irgend etwas war gerade zu Boden gefall… "HOO-HOO-HOOOO…. MEEERRRYYYY CHRISMAS" ertönte es erbarmungslos schrill und Josh und auch Noel prusteten laut los vor Lachen.

"Mistviech, blödes!", verteufelte Hanna ihr 'Rudof-the-red-nose-Rendeer' und schaltete endlich das Licht an und Rudolf aus.

"So, dann setzt euch erst mal. Wer will noch 'was trinken?", meinte sie in die Runde. Alle sahen auf die Uhr… es war schon 01:00 Uhr durch, allerdings war Wochenende: es war also ERST 01:00 Uhr!

Nach allgemeinem Kopfnicken stellte Hanna Gläser und Getränke hin und sie ließen den Abend chillig ausklingen. Noel legte seinen Kopf auf Joshuas Schulter und war… high. Die anderen hielten es natürlich für den Alkohol und der frische Liebe. Sie ahnten ja nichts von den Pillen.

Lisa meinte, dass sie langsam nach Hause müsse und machte sich fertig zum Gehen. "Komm, ich bring' dich nach Hause.", meinte Ben und machte sich ebenfalls startklar. "Danke! So ein Gentleman!", lobte Lisa und "Jo, dann mal tschüß und bis morgen vielleicht!", verabschiedete sie sich von den anderen. Ben stimmte ein, "Jo, ciao dann leute! Man sieht sich." Die anderen Winkten zum Abschied und die beiden gingen nach unten.

"Kommst du mit zu mir?", fragte Noel und sah Josh mit großen Augen an. "Klar, gerne!", meinte Josh und gab Noel einen Klapps auf den Oberschenkel und schon standen beide auf, um auch zu gehen.

"OK, dann also auch für euch: bis morgen vielleicht, wir texten uns zusammen, ja?", meinte Hanna und umarmte die beiden zum Abschied.

Noel zückte sein Handy und gab seiner Mom Bescheid, dass er jetzt in Begleitung kommen würde. Schon als sie unten bei der Tür angekommen waren, kam ein "OK, bis gleich" als Antwort. Sie gingen zu Noel und kamen zur Türe rein.

"Hallo Jungs, hallo Josh! Braucht ihr noch 'ne Decke oder so?", begrüßte sie Frau Brenner, die auch gerade ins Bett wollte und schon im Nachthemd da stand.

"Hallo Frau Brenner!" / "Hallo Mama!" kam es von den Jungs und Noel umarmte sie und gab ihr zu verstehen, dass sie alles hätten, was er… bzw. sie bräuchten. Dann gingen sie leise in Noels Zimmer. "Gute Nacht! Schlaft gut!", flüsterte ihnen Frau Brenner nach. "Gute Nacht!", antworteten beide.

Sie zogen sich aus und krochen ins Bett. Zum Glück hatte Noel ein französisches Bett mit 1,40m Breite. So war es diese Nacht nicht ganz so eng, wie letztes Wochenende auf Hannas Couch. Sie schmiegten sich dennoch dicht aneinander und, wie es die kleine Schwester von Josh genannt hatte, 'sexten' sie nun auch noch herum, bevor sie zufrieden einschliefen.

Am Samstag kamen sie gegen 11 Uhr aus dem Zimmer und Noel fragte seine Mom, die gerade die Zeitung studierte, ob sie 'nen Kaffee bekommen könnten. "Ja, da in der Kanne sollte noch genug für 2 Tassen sein, schau mal…", meinte sie und deutete auf eine Thermoskanne auf der Anrichte. Sie bedienten sich und Noel schob Josh die Milch rüber.

Nach dem Kaffee wollte sich Josh gerade auf den Weg nach Hause machen, als Frau Brenner ihn bremste, "Ach bleibst du nicht zum Essen? Ich hab Gulasch gemacht und es gibt Semmelknödel dazu. Magst du das?", fragte sie. "Oh ja gerne, danke.", meinte Josh und die Jungs fingen dann an, unter Anleitung von Noel den Tisch zu decken. Josh gab seiner Mutter Bescheid, dass er zum Essen blieben würde.

Vom Geklapper angelockt, kam auch Michèle aus ihrem Zimmer und musterte Joshua. "Hallo!", sagte sie nur und sah Josh gar nicht großartig an, als würde sie ihn erstens schon Jahre kennen und zweitens auch nicht weiter interessant oder besonders zu finden. "Hallo kleines Fräulein!", erwiderte Josh etwas verdutzt. Mehr gab es hierzu wohl nicht zu sagen, also versammelten sich alle am Tisch. Auch Herr Brenner war inzwischen aus dem Arbeitszimmer gekommen und setzte sich dazu.

"Hallo allerseits. Na, gut geschlafen ihr beiden?", wollte er von den Jungs wissen.

"Ja, prima, Herr Brenner.", meinte Josh und Noel fügte "Na klar.", hinzu.

"Dann haut mal rein!", gab Frau Brenner die Töpfe auf dem Tisch frei zur Selbstbedienung.

Nach dem Essen gingen die Jungs in Noels Zimmer und Noel nahm Josh in den Arm. "Die komische Pille da gestern war schon der Hammer! Hast du davon noch mehr? Sind die teuer?", wollte er wissen.

"Ja klar hab ich davon noch'n paar. Ne 'E' kostet 5, 5 für 20 und für'n Fuffie gibt's 13.", ratterte Josh seine Preisliste herunter. Man merkte, dass er diesen Satz offenbar schon viele Male gesagt hatte.

"Whow!", meinte Noel nur. Ob er damit den Satz an sich oder die Preise meinte, ließ er offen.

"Du bekommst die von mir natürlich zum EK. Also 2 € pro 'E'", meinte Josh und kramte in seiner Hosentasche. "Schau mal, hier hab ich noch 2 übrig. Die gönnen wir uns heute Abend ja?", meinte er und grinste Noel dabei dämonisch an." Noel lachte, nickte und gab Josh einen Kuss. "Ja, cool!", untermauerte er seine Zustimmung. Er freute sich schon darauf, wieder das leichte Gefühl voller Energie und Tatendrang zu verspüren.

Gegen Abend schrieben sie sie mit den anderen und verabredeten sich wieder bei Hanna, um dann weg zu gehen. Seine Eltern fragte Noel beim Gehen, ob Josh heute Nacht noch mal bei ihm schlafen dürfe, was diese erlaubten. Dann gingen sie zu Hanna, Ben und Lisa, die schon versammelt waren.

Heute schlug Josh vor, in einen Club zu gehen. Es war ein kleiner aber ordentlicher Club, in den er auch mit 17 schon rein kam. Den anderen machte er klar, dass er die Leute dort kenne und so der Einlass auch für sie kein Thema war. Zwar waren Ben und die Mädchen nicht absolut überzeugt, aber sie wollten es ja wenigstens mal ausprobiert haben, bevor sie sagen konnten, dass es für sie nichts ist. So fuhren sie zu diesem Club in Mannheim, der sich als arabische Shisha-Bar entpuppte.

Tatsächlich kamen sie anstandslos an den Türstehern vorbei, wobei diese dezent waren und eher wie gut gekleidete Gäste am Eingang standen. Josh begrüßte beide mit Handschlag. Da Noel darauf geachtet hatte, war ihm auch nicht entgangen, dass er jedem mit dieser Begrüßung etwas in die Hand gab. Ob es Geld oder 'Stoff' war, hatte er jedoch nicht genau gesehen. Aber egal – sie waren drinnen!

Die erste Runde, natürlich eine Flasche Sekt, ging auf Josh. "Die gebe ich aus und auch eine Shisha mit Apfeltabak.", meinte er und sie bekamen noch einen gemütlichen kleinen Ecktisch mit breiten Sofas drum herum, auf die man sich nicht wirklich setzen konnte… da konnte man nur 'Lümmeln'.

Sie lagen alle mehr oder weniger auf den Canapés und zogen abwechselnd an der Wasserpfeife. Dazu immer mal ein Schluck Sekt. Da kamen auf einmal zwei Cocktails und die Bedienung deutete beim Abstellen bei den Mädchen auf eine Gruppe junger Kerle, die zwei Tische weiter auch in einer Runde zusammen saßen. Die Mädels überlegten nicht lange, nahmen die Gläser und prosteten den Jungs mit einer Geste des Dankes zu.

"Müssen wir denen jetzt auch was spendieren oder so?", fragte Lisa etwas ahnungslos in die Runde.

"Nein nein, das ist schon in Ordnung so!", klärte sie Josh auf, "Die Jungs da drüben kenne ich und das sind ganz nette Kerle. Bei denen ist es völlig normal, dass man hübschen Mädchen und Frauen wie euch einen aus gibt, ohne gleich Hintergedanken zu haben. Also nehmt es ruhig an, sagt einfach danke, was ihr ja schon gemacht habt, und damit ist es dann auch gut.", schloss er den offiziellen Teil seiner Erklärung ab. Dann beugte er sich zu seinem Schatz, als wenn er ihm 'nur' einen Kuss geben würde und flüsterte Noel ins Ohr, "Und natürlich bekommen sie dafür auch immer 'nen guten und fairen Kurs von mir. Küss mich! JETZT…", meinte er weiter und sie gaben sich einen Kuss, während dem Josh mit der Zunge etwas in Noels Munds schob. Da war sie also… die nächste 'Happyness'!

Es dauerte auch nicht lange, bis das 'E' seine Wirkung entfaltete und Noel fühlte sich wieder toll und voller Elan. Er fing an, auf dem Sofa herum zu zappeln und zu hüpfen. Die anderen machten mit, allerdings etwas zaghafter. Und auch Josh wurde lockerer und machte den Blödsinn gerne mit.

Da Noel ja nun schon wusste, womit Josh sich etwas nebenher verdiente, brauchte er nicht lange zu warten, bis Josh 'mal kurz' am Tisch bei den jungen Männern war und lächelnd zurück kam. Er schien im wahrsten Sinne einen guten Deal gemacht zu haben.

Sie verbrachten noch Stunden in der Bar, bis diese schließlich um 03:00 Uhr schloss.

"Mann ist das spät geworden!", merkte Hanna erschrocken an. Ben fügte hinzu, dass es jetzt natürlich kaum noch Bahnen und Busse gebe und sie mit den Nachtlinien eine gefühlte Ewigkeit brauchen würden, bis sie daheim wären. Das bekamen die arabischstämmigen Kerle am übernächsten Nachbartisch mit, woraufhin einer zu ihnen kam. "Hallo, ich bin der Saleh. Kein Problem wegen nach Hause kommen! Ich habe Freund mit Mercedes Kombi, der fährt euch nach Hause. Ich sag' euch Bescheid, wenn er da ist, ja?".

Alle nickten, obwohl sich keiner so recht vorstellen konnte, dass das jetzt auch noch ganz normal wäre. "Alles Klar, danke dir Saleh", mischte sich Josh ein und klärte die Runde auf: "Saleh und seinen beiden Brüdern da drüben gehört dieser Club. Glaubt mir: Sie können es sich leisten, uns nach Hause zu fahren, ohne dass wir dafür etwas bezahlen müssen. Alles in Ordnung, keine Angst!"

Nach 10 Minuten gab Saleh Josh ein Zeichen, welches wohl die Ankunft des Fahrers ankündigte. Nachdem jeder immerhin um die 15 € für weitere Getränke gezahlt hatten, gingen sie zum Ausgang.

"Der Preis ist doch ein Witz, oder Josh?", wollte Hanna wissen.

"Ja, bei mir bzw. bei uns runden die halt recht großzügig ab.", versuchte Josh, es halbwegs plausibel rüber zu bringen. In Wahrheit versorgte Josh den Club mit diversen Substanzen, machte faire Preise bei guter Qualität und Auswahl und genoss daher quasi 'freie Kost und Logie'. Das galt dann eben auch für seine Freunde und die mussten daher nur einen eher symbolischen Rechnungsbetrag zahlen.

Nachdem sie der Fahrer zu Hannas Adresse gebracht hatte, stiegen sie aus und Josh drückte dem Fahrer wieder etwas in die Hand – als normalen Handschlag getarnt, aber Noel sah dieses Mal, dass es ein Blättchen Tabletten war. Die anderen gingen schon hoch, als Noel Josh an der Schulter etwas bremste und ihm ins Ohr flüsterte "Was waren das für Tabletten?". "Flunis.", meinte Josh knapp und ging weiter, ohne es näher zu erklären. Noel gab sich damit dann auch erst mal zufrieden.

Nachdem es nun doch schon kurz vor 4 Uhr war, beschlossen sie, sich nicht mehr lange bei Hanna aufzuhalten sondern nach Hause zu gehen. Josh kam mit zu Noel und Lisa bliebt heute Nacht hier bei Hanna. So machte sich Ben alleine auf den Weg nach Hause und Noel ging mit Josh zu sich. Auf dem Weg fragte er dann noch mal nach, was zum Geier denn 'Flunis' für Tabletten wären. "Flunitrazepam, ein Beruhigungsmittel, das Junkies gerne nehmen, wenn sie nix Besseres haben.", klärte Josh ihn auf.

"Und wo bekommst du das her?", fragte Noel neugierig nach.

"Das willst du nicht wissen. Lass' es gut sein!", wiegelte Josh ab und schon standen sie vor dem Haus, in dem Noel wohnte. Sie gingen hoch und verzogen sich leise in Noels Zimmer, zogen sich aus. Obwohl sie müde waren, hatten sie noch Sex. Umso besser und schneller schliefen sie danach ein.

Im Esszimmer drüben hörte man schon Geschirr und Gläser klappern, als Noel wach wurde. Er sah auf sein Handy und es war tatsächlich schon 11:53 Uhr. "Oh mann….", meinte er schlaftrunken. Er umarmte Josh und streichelte ihn wach. "Hmmmm hmmm hmmm?", brummelte Josh vor sich hin.

"Falls du damit fragen wolltest, ob es wirklich schon kurz vor 12 ist und es bei uns gleich Mittagessen gibt: ja!", fasste Noel die Walgesänge von Josh zusammen. Dieser musste nun lachen, weil er anscheinend genau das hatte mit seinem Gebrummel zu Ausdruck bringen wollen. Er erhob sich langsam und setzte sich zunächst auf die Bettkante.

"Boah ich hab geträumt, dass ich 'nen Freund habe und der lag neben mir und dann hat er auf einmal 'Aua' geschrien, weil ich SO gemacht habe.", meinte Josh und mit dem 'SO' holte er aus und gab Noel einen ordentlichen Klapps auf den Po. "Aua! Menno!", kam prompt die vorhergesagte Reaktion von Noel, woraufhin Josh zufrieden lächelte und leise vor sich hin murmelte "Ohmmm, ich kann hell sehen auch wenn es draußen dunkel ist!". Da musste auch Noel wieder lachen und umarmte Josh von hinten und gab ihm einen Kuss in den Nacken.

"Du bist schon ein verrückter Kerl. Hab dich lieb!", meinte Noel verträumt.

"Ich dich auch!", meinte Josh, gab ihm einen Kuss auf den Mund. Dann stand er auf und zog sich an.

Noel trottete ins Bad, gefolgt von Josh. Sie machten sich halbwegs salonfähig und gingen dann rüber ins Esszimmer. Noch stand kein Essen auf dem Tisch und es saß auch noch niemand und wartete auf sie. Frau Brenner kam aus der Küche und sah die beiden an. "Oh weh, wie früh war es denn?", wollte sie wissen. Josh sah Noel an und überließ ihm die Antwort.

"Es war wohl nach 4, oder?", meinte Noel und sah Josh an, der zustimmend nickte.

"Ihr habt noch 10 Minuten, falls ihr überhaupt was essen wollt. Kaffee ist noch in der Küche.", bot sie den Jungs an. Es roch nach Frittiertem oder Gebratenem. "Was gibt’s denn, Mama?", fragte Noel.

"Schnitzel mit Pommes. Ich wollte euch eigentlich 'nen Gefallen damit tun, aber dass ihr so lange pennt, hatte ich nicht erwartet.", meinte Sie und ging wieder in die Küche, wo die Schnitzel schon in der Pfanne lagen.

"Boah klasse!", entfuhr es Josh und er hielt beide Daumen hoch zu Noel und grinste. "Du nicht?", meinte er dann, wobei ihm das Lachen aus dem Gesicht zu fallen schien. "Doch doch, schon. Aber 'nen Kaffee will ich trotzdem vorher noch. Du auch?"

"Lieber nur Wasser.", meinte Josh und sie gingen in die Küche und tranken etwas.

Nach dem üppigen Essen gingen sie in Noels Zimmer, wo sich Josh auf's Bett fallen ließ. "Fressnarkose setzt ein…", murmelte er und tat so, als würde er augenblicklich einschlafen. Noel beugte sich über ihn und überlegte, ob er ihn kitzel soll. "Wag es nicht, sonst kotz' ich dir im Strahl auf's Bett!", warnte Josh mit geschlossenen Augen.

"Ja aber wie? Ich meine woher? Was denkst du, was ich?", stammelte Noel, woraufhin Josh die Augen öffnete. "Also ICH hätte MICH jetzt an DEINER Stelle gekitzelt oder mich auf dich gelegt. Beides wäre nicht gut, wenn die Wampe gerade frisch gefüllt ist!", meinte Josh und rieb sich den Bauch. Noel lachte und fühlte sich durchschaut wie Fensterglas. "Also gut, ich hatte genau das überlegt.", meinte er, setzte sich zu Josh und legte sich behutsam neben ihn. Er brauchte nicht lange zu warten, bis Josh nur allzu gerne den Arm über ihn legte und ihn zu sich heran zog und fest im Arm hielt.

Es war schon am Dunkel werden und etwas war wohl gerade in der Küche oder im Wohnzimmer runter gefallen. Noel schreckte hoch. Josh lag hinter ihm und wurde durch das schnelle Hochschrecken von Noel ebenfalls wach. "Oh, sind wir noch mal eingepennt?!", meinte er noch etwas abwesend. "Scheint so." sagte Noel und machte sich auf den Weg, die Ursache für den Lärm zu erkunden. Tatsächlich hatte Kater Moritz das Bücherregal im Wohnzimmer abgeräumt und ein paar schwere Wälzer lagen auf dem Boden. Noel räumte sie zurück, kraulte Moritz kurz und ging in die Küche, um nachzusehen, ob er noch Trockenfutter im Napf hat.

"Alles OK?", fragte Josh, der dazu gekommen war.

"Ja, mein Kater war nur der Meinung, wir bräuchten die Bücher nicht mehr und wollte sie entsorgen.", meinte Noel und füllte Trockenfutter in den Fressnapf.

"Ich glaub', ich muss dann so langsam mal Heim.", sprach Josh aus, was Noel befürchtet hatte. Aber klar, Josh hatte auch ein Zuhause und auch für ihn war morgen wieder Schule. "Ja, ist gut.", bedauerte Noel und sah stumm zu, wie Josh seine Schuhe und Jacke anzog. Nach einem sehr langen Kuss stapfte Josh die Treppen hinunter, so als ob er jede Stufe dafür bestrafen hätte wollen, dass sie es wagen konnte, sich ihm in den Weg zu legen.

Nun war das Wochenende auch schon wieder vorbei. Noel setzte sich in Wohnzimmer, schaltete den TV ein und ließ sich berieseln. Er registrierte auch nicht wirklich, was er da gerade sah. Aber Moment… er lebte ja nicht alleine und auch wenn es schön war, mal die Fernbedienung für sich zu haben… wo waren denn Mama, Papa und Michèle? Draußen war es dunkel geworden. Die Lichterketten funkelten und es schien windig geworden zu sein. Im Freien angebrachte Lichterketten schaukelten im Wind.

Noel ging durch alle Zimmer, aber es war tatsächlich niemand zu Hause. Sein Handy! Sicher hatte ihm Mama eine WhatsApp geschickt, wenn etwas los gewesen wäre. Aber nein, auch nichts. Er setzte sich ins Wohnzimmer und wartete. Er war fast schon wieder am einschlafen, als die Haustüre ging und er vertraute Stimmen hörte. Da kam Michèle ins Zimmer und auf ihn zugerannt, "Hallo Noel!"

"Ja hallo Michèle! Wo wart ihr denn?", fragte er neugierig, während seine Schwester ihn umarmte.

"Wir waren bei Tante Melanie und Onkel Tom zum Kaffeetrinken und ich hab 'nen Adventskalender bekommen.", quasselte sie drauflos.

"Ach so ja. Heute ist ja der 1. Advent… Och mann, ich wär' gerne mitgefahren!", beschwerte er sich.

"Ihr habt da so süß gelegen und geschlafen, da wollte ich euch nicht wecken!", meinte Frau Brenner, die ins Wohnzimmer kam und Noel kurz in den Arm nahm. "Ich hatte angeklopft, aber es rührte sich nichts. Drum habe ich nachgesehen, ob ihr noch da seid und lebt.", witzelte sie und rechtfertige sich, dass sie ins Zimmer gegangen war. "Schon OK, wir sind noch mal...", setzte Noel an, als ihm sein Vater ins Wort fiel, "Dann hättet ihr nicht den ganzen Tag verschlafen sollen.".

Sei Vater kam gerade ins Wohnzimmer. "Hallo Noel, komm her, lass' dich drücken!" Er setzte sich zu Noel, der nicht mehr wusste, was er eben noch sagen wollte. "Was guckst du denn da, Großer?", fragte er und sah, dass Noel den Sender N24 eingeschaltet hatte.

"Du…?", fing er an, "...und Nachrichten?", fuhr er fort. "Weiß ich da etwas nicht?"", witzelte er. Noel interessierte sich ansonsten nicht wirklich für das Tagesgeschehen und Nachrichten, drum war Herr Brenner zurecht verwundert, dass Noel am 1. Adventssonntag freiwillig Nachrichten schaut.

"Ach ihr wart nicht da und da hab ich einfach irgend was laufen lassen und gar nicht mitbekommen, was es ist.", meinte Noel, als wenn er sich entschuldigen müsste.

"Wir sollen dir übrigens 'nen schönen Gruß ausrichten und am nächsten Sonntag sollen wir dich und Joshua mitbringen. Sie kennen ihn ja noch nicht und wollen ihn kennen lernen.", meinte Frau Brenner.

"Ja ist OK. Ich schreib' Josh nachher sowieso noch mal und da sag' ich ihm gleich Bescheid, dass er mit eingeladen ist. Sie wissen also Bescheid? Auch Finn?", wollte Noel noch wissen.

"Ja, wir haben es notgedrungen erzählt, weil ich meiner Schwester ja erklären musste, warum ihr Neffe nicht mitkommt. Ja und dein Cousin weiß auch Bescheid. Er war ja da und hat es auch mitbekommen.", klärte ihn seine Mutter auf.

"Naja, dann kann ich mir meine Ansprache wenigstens sparen.", meinte Noel durchaus etwas erleichtert. "Und haben sie was gesagt?", bohrte er weiter.

"Nee, eigentlich nicht. Nur Finn war etwas verwundert aber ich glaube, da ist er vielleicht auch noch etwas zu jung für. Also um das verstehen zu können."

"Finn ist 13 und kein kleines Kind mehr! Ich hab auch nicht erst mit 16 gewusst, was ich fühle.", meinte Noel etwas angesäuert.

"Darf ich fragen, seit wann du dir da so im Klaren drüber warst? Also dass es so ist, wie es ist?", fragte sein Vater noch doch noch einmal nach.

"Das wusste ich schon sehr lange.", meinte Noel. "Eigentlich schon immer, wenn ich's mir recht überlege.", legte er nach.

Er hatte zwar als Kind nicht klischeehaft mit Puppen gespielt, sondern sich wie jeder andere Junge auch verhalten, aber er mochte schon immer lieber mit Jungs zusammen sein als mit Mädchen. Wobei es bei kleinen Kindern nichts Ungewöhnliches ist, wenn sie sich zunächst mit Kindern gleichen Geschlechts umgeben und bevorzugt mit diesen Spielen wollen.

Sie redeten noch etwas über das Thema und alles Mögliche, die Schule, die bevorstehende Klassenfahrt nach London im Februar, ein Landschulaufenthalt von Michèle im März für 3 Tage im Saarland und welche Wünsche das Christkind denn noch so erfüllen könnte.

Dann war auch dieses schöne Wochenende schon wieder vorüber und Noel schrieb Josh, dass sie nächsten Sonntag mit nach Bad Dürkheim zu Tante, Onkel und Cousin fahren würden. "Oh schön, danke für die Einladung. Da komm ich gerne mit, ja!" meinte Josh dazu.

Die Schulwoche verlief in den gewohnt monotonen Mustern und schon am Montag freute sich Noel wieder auf Freitagnachmittag. Dieser Freitag war ein klein wenig etwas Besonderes, weil es zugleich Nikolaus war und die Kinder in bekannter Tradition etwas bekamen. Bei den Brenners gab es für jeden einen roten Stiefel auf Kunststoff, der mit Süßigkeiten gefüllt wurde.

In der Schule hatte sie das bekannte "Wichteln" durchexerziert, wobei jedes Kind einem anderen Kind in der Klasse etwas im Wert zwischen 3 und 5 € schenkt. Noel hatte einen kleinen Plüsch-Elch als Fingerpuppe von "Kinder" bekommen. Dieser konnte zwar nichts, außer 'süß auszusehen', aber für 3-5 € kann man eben auch nicht mehr erwarten und bei einer Fingerpuppe hat ja auch der Finger darin die Aufgabe, die Puppe mit Leben zu erfüllen.

Freitag-Nachmittag: Die Kegelbahn für Noels Schulrucksack war eröffnet. Er holte Schwung und der Rucksack segelte mit einer bewunderungswürdigen Eleganz immer wieder auf gleichem Kurs und von den gleichen, abfälligen Blicken verfolgt in die gleiche Ecke seines Zimmers, selbstverständlich begleitet von der stets gleichen Beschwörungsformel "Alle Neune!". Doch oh weh, da stand ja heute etwas im Weg… Ein rotes, kleines Stiefelchen aus Kunststoff, gefüllt mit Süßigkeiten. Zu spät…

"Da ist der Niko Laus ja endlich!", scherzte Frau Brenner, "Allerdings randaliert er dieses Jahr ganz schön 'rum. Schlechtes Jahr gehabt, wie, Herr Laus?".

Noel grinste sie an und meinte dazu mit tief verstellter Stimme "Ho-Ho-Ho, für dich gibt’s aber auch nur die Rute, meine Gute!". Derweil sammelte er ein paar Teile zusammen, die beim Nikolaus-Kegeln aus dem Stiefel katapultiert worden waren und räumte sie wieder ein.

Frau Brenner spielte mehr schlecht als recht einen Heul- und Wuntanfall vor "Nein, lieber Herr Laus! Das könnt ihr doch mit mir nicht machen! Bitte habt erbarmen – ich war doch ganz artig!".

"Also gut!", entließ Noel sie aus dem Schauspiel und nahm sie zur Begrüßung nun auch in den Arm. Aus seiner Anoraktasche zog er eine kleine Schachtel und drückte sie ihr in die Hand.

"Für mich?", fragte sie ungläubig.

"Na klar, du gibst uns doch auch immer was, warum sollen du oder Papa da nichts bekommen?", meinte Noel und zog noch so eine Schachtel aus der anderen Tasche und legte sie auf die Kommode. "Die ist für Papa.", meinte er beiläufig, während sie die kleine Schachte aufmachte. Darin lag eine kleine Nikolaus-Figur und 4 einzeln verpackte Pralinen. "Oh das ist aber süß!", freute sich Frau Brenner. "Noel hatte schon damit gerechnet und meinte nur trocken, dass es leider keine salzigen Pralinen gegeben hätte er daher auf die Süßen zurück greifen musste. Frau Brenner nahm ihn in den Arm, "Nein im Ernst, vielen Dank!", versicherte sie und deutete auf die Schachtel für Herrn Brenner.

"Ja, da sind auch Pralinen drin.", kam er ihrer Frage zuvor. "Du hast welche mit verschiedenen Likören und Papa mit Whiskey-Sorten.", erklärte er und holte aus seiner Innentasche noch eine flache Schachtel. "Und die hier bekommt Michèle von mir.", meinte er und zeigte seiner Mom, was drin war: Eine "Notfall-Prinzessinenkrone" mit Glitzer-Steinchen und Bling-Bling eben. Frau Brenner musste lachen, "Ja, das passt genau! Hast du dir schön ausgedacht, mein Großer! Da freut sie sich ganz sicher drüber".

Noel klopfte und ging in Michèles Zimmer. Sie war aber nicht da. "Wo ist denn unsere kleine Prinzessin?", wollte er wissen und legte die Schachtel neben ihren Nikolaus-Stiefel auf den Tisch.

"Die ist zu Anna rüber und kommt erst zum Abendessen wieder.", meinte Frau Brenner, "Aber ich glaube, sie hat dir auch was ins Zimmer gelegt, weil es nicht in den Stiefel passte.", ergänzte sie.

Neugierig ging Noel in sein Zimmer und da lag ein Briefumschlag auf seinem Tisch. Er machte ihn auf und zog ein selbstgemaltes Bild raus, das ihn und Josh zeigen sollte. Man brauchte zwar etwas Vorstellungskraft, um sie beide zu erkennen, aber Noels blonde Wuschel-Haare und Josh mit seinen eher kurzen, braunen Haaren konnte man durchaus erkennen. Unten hatte sie "Der beste Bruder der Welt und sein neuer Freund" drauf geschrieben. Gerührt zeigte Noel seiner Mutter das Bild, "Süß, nicht?!", meinte er und Frau Brenner nickte, "Ja, wirklich goldig!"

Noel suchte seine Sachen zusammen und meinte, dass er zu Hanna rüber gehen würde, weil sie dort auch noch wichteln wollten.

"Ja, geh' nur. Kurz vor 7 essen wir. Papa kommt heute etwas später.", meinte Frau Brenner und verzog sich ins Wohnzimmer.

Noel hatte für seine Freunde auch solche kleinen Pralinen-Schachteln besorgt, da ihm einfach nichts Besseres eingefallen war. Hauptsache war jedoch, er hatte für jeden etwas. Für Josh hatte er noch einen Ring dazu gelegt. Es war kein edles Metall sondern Modeschmuck für 4 € aber symbolisch fand er das ganz schön, einen Ring zu verschenken. Er selbst hatte sich den Gleichen geholt und so konnten sie im Partner-Look gehen.

Bei Hanna angekommen, begrüßten sich erst mal alle. Auch Josh war schon da und auch er drückte Noel eine kleine längliche Schachtel in die Hand. Noel öffnete sie und fand eine 5er-Packung "Mon Chéri" und daneben ein Tütchen mit einigen Tabletten. Noel machte die Schachtel schnell wieder zu. "Danke!", meinte er eilig und gab Josh einen Kuss, "Du Chaot!", fügte er hinzu. Seine Pralinen kamen bei allen gut an und Josh freute sich sehr über den Ring, den er gleich stolz in der Runde herum zeigte und sich an den Finger steckte. Er passte.

Von den anderen hatte Noel auch Süßigkeiten bekommen und Hanna sehen wollte, was Noel von Josh bekommen hatte, zog er die "Mon Chéri" heraus und ließ das Beutelchen derweil unbemerkt in seine Hosentasche wandern.

Sie unterhielten sich und es stand wie immer die Frage an, ob und was sie heute Abend unternehmen würden. "Also ich muss heute leider passen!", warf Ben in die Runde. "Ich geh' mit ein paar Kumpels ins Kino. Der eine hatte gestern Geburtstag und hat uns für heute eingeladen. Ich bin also erst morgen dabei, wenn wir was machen."

"Schade, kam es von Lisa. Morgen kann ich dann nicht. Ich gehe mit meinen Eltern zum Essen, weil sie Hochzeitstag haben. Dann sehen wir uns dieses Wochenende nicht mehr", meinte sie zu Ben.

Die anderen beratschlagten weiter und wollten noch mal auf den Weihnachtsmarkt gehen, aber dieses Mal zu dem in Mannheim am Wasserturm. Dort waren – zumindest in der Vergangenheit – viel mehr Buden mit Sachen zum Ansehen gewesen und das machte es insgesamt gemütlicher, als eine Reihe von Fressbuden aneinandergereiht abzuschreiten und das als "Weihnachtsmarkt" zu bezeichnen.

Also gingen alle ihrer Wege und sie wollten sich nach dem Abendessen bis spätestens um 8 Uhr alle wieder hier treffen – außer Ben natürlich.

Noel kam kurz vor 7 Uhr zur Türe rein und war genau richtig. Gerade kamen Michèle und sein Vater aus dem Wohnzimmer und wollten sich an den Esstisch setzen.

"Na mein Großer? Danke für deinen Nikolausi.", umarmte ihn sein Vater. Gleich dahinter Michèle und sie hatte doch tatsächlich schon das Notfall-Krönchen auf, "Danke Noel. Die ist richtig toll!", begeisterte sie sich. "Bitte bitte! Dein Bild ist aber auch mega-süß, danke schön!", erwiderte er und drückte seine kleine Schwester fest an sich, "Bist auch die beste kleine Schwester der Welt!", fügte er hinzu. "OK.", meinte Michèle dazu nur knapp und setzte sich auf ihren Stuhl.

Nach dem Essen verlor Noel keine wertvolle Zeit und verkündete, dass sie heute "iweer die Brick nach Mannem" auf den Weihnachtsmarkt gehen würden. Seine Eltern nickten und erzählten, dass sie den Mannheimer Weihnachtsmarkt früher auch sehr gerne besucht hatten, nur die letzten Jahren irgendwie nicht mehr dazu gekommen waren.

Bevor sie auf die absurde Idee kommen konnten, sich beim Jungvolk anzuhängen, machte sich Noel fertig und meinte bei der obligatorischen Verabschiedung, dass es spät werden könnte und er vielleicht bei Josh übernachten würde. Er würde dann aber noch mal Bescheid geben.

Seine Eltern stimmten zu und ließen ihn ziehen. Tatsächlich war er gerade gegangen, als seine Mutter den Gedanken laut aussprach, dass sie eigentlich hätten mitgehen können. Herr Brenner meinte aber, dass Noel alles, nur eben genau das sicherlich nicht gewollt hatte und daher auch so schnell verschwunden war. Er grinste seine Frau an, "Jaaa, wir fanden es damals auch nicht so prickelnd, wenn unsere Eltern irgendwo mit uns hin gingen, oder?". Frau Brenner nickte zustimmend und der Gedanke war auch schon wieder vom Tablett.

Bei Hanna versammelt, machten sich die vier nun auf den Weg nach Mannheim. Da Mannheim nicht nur eine andere Stadt sondern auch ein anderes Bundesland ist, galten hier ihre Monatskarten nicht und sie mussten wegen den drei Stationen extra Fahrkarten nachlösen. Sie hätten auch schwarz fahren können und hatten das früher auch schon mal gemacht, aber heute wollten sie keinen Nervenkitzel.

Am Wasserturm angekommen, drehten sie ihre Runden um den Turm und schauten sich die Stände an, bevor sie hier etwas aßen und dort etwas tranken. Glühwein, Meet, Jagertee… die Auswahl war groß. Josh und Noel trauten sich nicht, Hand in Hand zu gehen und auch der ein oder andere Kuss fiel sehr flüchtig und eher zufällig im Vorbeigehen aus. In der Öffentlichkeit wollten sie das vorerst noch so belassen.

Allerdings waren sie trotzdem gegen 23 Uhr mindestens zwei Mal komplett herum gelaufen und fingen langsam an, zu frieren. Also fuhren sie zurück und waren kurz nach Mitternacht bei Hanna. Lisa hatte sich schon auf dem letzten Stück des Weges ausgeklinkt und war direkt nach Hause gegangen. So waren sie nur noch zu dritt und bei Hanna im Wohnzimmer angekommen, zog Josh ein Tütchen mit Tabletten aus der Tasche. "Willst du?", meinte er zu Noel und Hanna bekam riesengroße Augen, "Ist das etwa das, wofür ich es halte, Josh?!", meinte sie enttäuscht, böse, gereizt und entrüstet.

"Ja, nur so'n kleiner Aufmunterer gegen die Müdigkeit der Woche.", versuchte Josh, es schönzureden.

"Nee, hier bei mir bitte nicht! Macht das sonst wo aber in meiner Bude gibt's keine Drogen. Alkohol OK, aber sonst nichts weiter! Steck die Dinger weg oder geh' bitte.", forderte sie energisch. "Kommst du mit zu mir?", fragte er Noel, worauf dieser nur stumm nickte und sich erhob.

"Wir sehen uns dann morgen, ja?", verabschiedete er sich von Hanna und nahm sie wie immer in den Arm. Sie löste sich aber recht schnell wieder und ließ ihn deutlich spüren, dass sie das nicht gut fand. Auch Josh nahm sie kurz in den Arm aber auch hier war die Verabschiedung heute eher kurz und kühl.

"Ich bin enttäuscht von dir!", meinte sie zu Josh und sah dann zu Noel, "Und von dir schon zwei Mal, Noel!", fügte sie hinzu und ließ die beiden dann gehen. Sie gingen hinunter und auf dem Weg zu Joshuas Wohnung nahmen sie jeder eine Pille. "Wollen wir noch wohin gehen?", fragte Josh. "Jetzt mit den Pillen können wir eh nicht pennen!", meinte er trocken. Da Noel einsah, dass er recht hatte, fuhren sie also mit dem nächsten Bus wieder nach Oggersheim und mit einer Straßenbahn in die Stadt.

Damit sich seine Eltern keine Gedanken machten, schrieb ihnen Noel, dass er bei Josh übernachten würde. "Musst du deinen Eltern auch Bescheid geben, wenn du spät nach Hause kommst oder ist das egal bei euch?", wollte Noel wissen.

"Meine Eltern schlafen eh schon und ich hatte gesagt, wenn ich bis 12 nicht daheim bin, übernachte ich bei dir. So können wir so lange bleiben, wie wir wollen", fasste er ihre Möglichkeiten zusammen.

Sie gingen also in eine Bar, die aber nicht so toll war. Dann endeten sie wieder in der Shisha-Bar und wurden schon wie Stammkunden begrüßt, was sie bzw. zumindest Josh ja auch waren. Nach Ende der Öffnungszeiten konnten sie heute in der Bar bleiben und feierten als 'geschlossene Gesellschaft' weiter. Da sie in einem Nebenraum saßen, konnte man sie von draußen auch nicht sehen. Sie warfen sich noch zwei Pillen nach und bei Noel führte das zu unkontrollierter Hektik, Bewegungsdrang, kaltem Schweiß und er fühlte sich dieses Mal tatsächlich nicht mehr so gut.

Das merkten auch die Araber und mahnten Josh, mal etwas langsamer zu treten, da sein Freund sonst kollabieren könnte. Josh, selbst 'drauf' ohne Ende, konnte diese Info aber momentan nicht adäquat verarbeiten und versuchte Noel damit zu helfen, indem er mit ihm wie ein Irrer über die Tanzfläche hottete und ihm viel zu trinken gab, da man unter 'E' sehr leicht dehydriert und das die Wirkung noch verstärkt.

Gegen 6 Uhr war die 'high tide' bei beiden so langsam vorbei und die Wirkung klang langsam ab. Noel war schlecht und er war bleich, wie ein Betttuch – wahlweise auch weiß, wie die Wand. Aber er schien sich zu fangen und nach 3 Tassen Tee, den die arabischen Freunde für ihn zubereitet hatten, war er auf bestem Wege, wieder in die Realität zurück zu kehren.

"Mann was ein Trip!", meinte er zu Josh und beschwor' ihn, dass er nie wieder zulassen dürfe, dass er so viele Pillen nimmt. Josh war nun auch wieder etwas mehr Herr seiner Gedanken und nickte stumm.

Also sie wieder in ihrer Siedlung ankamen, war es kurz vor 8 Uhr. "Frühstück bei dir oder bei mir?", fragte Josh, der schon wieder ganz normal und nüchtern wirkte. "Boah genau, ich hab Hunger ohne Ende", stellte Noel fest. "Jetzt kommt dann der berühmte Fress-Flash!", weissagte Josh und schlug vor, dass sie zu ihm gehen. Sein Vater war sowieso unterwegs wegen Veranstaltungen, die er betreute und seine Mutter würde noch tief und fest schlafen.

Also gingen sie beim Bäcker vorbei, deckten sich mit Brötchen und Croissants ein und gingen dann zu Josh. Dort machten sie sich Kaffee und frühstückten. Die beiden Schwestern kamen dazu, weil sie auch am Wochenende ihren Rhythmus hatten und ab 7 hellwach waren. Auch für sie waren Brötchen da und so waren sie auch auffallend nett zu den Jungs und vor allem: leise. Also nicht, dass sie nichts redeten, aber es blieb alles in Zimmerlautstärke. Vermutlich aber wegen der noch schlafenden Mutter und nicht aus Rücksicht auf die übernächtigten Jungs.

Anschließend gingen sie in Joshuas Zimmer und legten sich hin. Jetzt, so ohne Pillen und vom Frühstück satt gegessen, wurden bei müde. Selbst für Sex waren sie nun zu faul und schliefen Arm in Arm ein. Zum Ausziehen hatte es gerade noch gereicht. Derweil, nicht weit entfernt...

Hanna stand auf und machte sich Kaffee. Sie hatte heute Nacht mies geschlafen und sich ständig hin und her gewälzt. Die Pillen von Josh gingen ihr einfach nicht aus dem Kopf. Wie konnte man mit 17 nur so dämlich sein, dachte sie bei sich. Sie musste es irgend wem erzählen, der ihr dann nicht auch eine Moralpredigt halten oder sie als Spießerin bezeichnen würde. Da blieben also nur Lisa und Ben. Sie schrieb beiden eine Nachricht, dass sie sich melden sollen, wenn sie wach sind.

Von Lisa kam bald eine Antwort, dass sie fit sei und was es denn so Dringendes gäbe. Hanna antwortete, sie würde das gerne Ben und ihr gleichermaßen erzählen wollen und ob sie schon mal rüber kommen könnte, bis Ben sich hoffentlich bald melden und zu ihnen stoßen würde.

Lisa dachte, zwischen Josh und Noel wäre Schluss oder es wäre sonst etwas Schlimmes passiert. Da kam auch von Ben die Info, dass er wach sei und ob etwas passierte sei. Da klingelte es und Lisa war schon da. Nachdem Hanna auch Ben gebeten hatte, rüber zu kommen, waren sie nach 10 Minuten komplett.

"Also Leute…", setzte sie an und wusste gar nicht, wo genau sie anfangen sollte, "Als wir gestern um 12 hier waren, holt doch der Josh ein Tütchen mit Pillen raus und fragt, ob wir eine wollen."

"Und?", wollte Ben wissen.

"Ja nix und… ich hab' Josh gesagt, dass es hier bei mir keine Drogen gibt und auch keine konsumiert werden! Und wenn ihm das nicht passt, solle er gehen."

"Dann hat er sie weg gepackt und ihr habt drüber geredet?", vermutete Lisa.

"Nee, eben nicht. Das ist es ja! Er hat Noel gefragt, ob sie zu ihm gehen würden und dann sind sie tatsächlich gegangen!", meinte Hanna und verdrückte eine Träne. "Die sind lieber gegangen, als den Scheiß einfach sein zu lassen!", gab sie enttäuscht und frustriert zu verstehen.

"Also das hätte ich echt nicht gedacht. Und schon gar nicht vom Noel!", wunderte sich Ben. Noel hatte sich durch Josh da in Kreise und Dinge rein ziehen lassen, die Ben gar nicht gefielen. "Ich rede heute Abend mit denen mal Tacheles!", meinte er sichtlich angesäuert. Lisa nickte eifrig und meinte, sie würde auch nicht verstehen, wie man diese Pillen so toll finden könne. Da sie ja heute Abend nicht hier wäre, sollten die beiden ihr dann Bescheid geben, wie das Gespräch gelaufen wäre. Dann gingen Ben und Lisa wieder nach Hause.

Es war schon nach 12, als Josh aufwachte. Er kraulte Noel wach, doch dieser drehte sich nur etwas und wollte weiterschlafen. "Hey aufwachen, du Knacktüte! Verpenn' nicht den ganzen Tag!", mahnte Josh. "Aha und wie lange bist du schon wach?", kam eine Frage von unter der Decke. "Naja, ich meine…", stammelte Josh, "Was machen wir heute noch so?".

"Schlafen?", kam es knapp und gedämpft von Noel.

Es klopfte an der Tür. "Herein.", meinte Josh und die Tür ging auf. Frau Bleiske stand da und sah Josh und das große Bettdecken-Knäuel neben ihn an, "Alles gut bei euch?", wollte sie wissen.

"Ja, wieso?", fragte Josh argwöhnisch.

"Weil Frau Brenner gerade angerufen hat und wissen wollte, ob ihr hier seid, weil Noel nicht zum Mittagessen erschienen ist und keine Antwort auf die WhatsApp kam.", meinte Frau Bleiske.

"Oh Mist, mein Akku is' leer!", meinte das Bettdecken-Knäul neben Josh. Josh hob die Schultern, als ob er sagen wolle, dass das nun wirklich nicht seine Schuld sei.

"Schon gut, ich rufe deine Mutter an sage Bescheid, dass ihr hier seid. Mir sagst du," fuhr sie fort und sah Josh dabei an, "dass ihr bei Noel schlaft und seine Mutter war der Meinung, ihr schlaft hier. Das muss ja Durcheinander geben. Mensch Jungs, reißt euch mal zusammen und ballert euch nicht jedes Wochenende die Nächte um die Ohren!", meinte sie, als ob sie schon etwas ahnen würde.

"Nee, alles gut. Alles unter Kontrolle, Mama!", stellte Josh klar.

Frau Bleiske ging und schloss wortlos die Tür. Im Flur oder Wohnzimmer hörte man sie dann mit Noels Mama telefonieren. "Ja, die Jungs sind hier. War wohl etwas lang bzw. die Nacht kurz. Ja, ich denke zum Kaffeetrinken ist er wieder drüben. Ja, mach's gut, Paula."

Die Türe ging abermals auf und Frau Bleiske sprach zu der Bettdecke, die immer noch unverändert da lag. "Ist er wach? Kann er sprechen?", fragte sie und deutete mit den Augen auf Noel unter der Decke, woraufhin Josh an Noel rüttelte, damit er antworten konnte. Noel kämpfte sich notgedrungen unter der Decke hervor und blinzelte Frau Bleiske an. "Ja, ich bin wach.", meinte er.

"Ihr sollt bitte beide um 3 drüben sein, weil ihr heute schon zu deiner Tante fahrt und nicht erst morgen.", klärte sie die Jungs auf. Noels Augen wurden groß, "Was? Heute schon?".

Josh sah auf die Uhr. Es war schon kurz nach 1 Uhr. OK, dann hatten sie knappe 2 Stunden, um fit und herzeigbar zu werden. "OK, Mama.", meinte Josh und Frau Bleiske ging wieder.

"Oh mann, gerade heute.", keuchte Noel. "Hast du was zu trinken da?"

"Ja klar. Kaffee, Wasser, Bier?", witzelte Josh.

Noels Mine verzog sich, "Alles nur keinen Alk. Nie wieder Alk oder Pillen, ey. Ich bin durch!", meinte er und ließ sich zurück ins Bett fallen und zog die Decke wieder über den Kopf. "Kaffee wäre cool.", meinte das Bettdecken-Knäuel dann noch mit gedämpftem Ton.

Josh ging in die Küche und kam mit 2 Tassen Kaffee zurück. Noel konnte den Kaffeeduft bis unter die miefige Decke riechen und kroch nun doch heraus.

"Oh ja, das brauch' ich jetzt.", meinte er, nach der Tasse greifend und schon schlürfte er den ersten Schluck.

"Wollen wir duschen gehen?", meinte Josh dann mit einem frechen Blick.

"Ehm, ja, aber ich hab keine frischen Sachen hier.", entgegnete Noel.

"Ach komm, wir haben doch wahrscheinlich eh die gleichen Größen. M oder?", fragte Josh.

"Weiß nicht, bei mir sind die Dinger durch's Waschen nicht mehr lesbar aber ich denke mal, ja.", meinte Noel. Josh fackelte nicht lange und grabschte Noel hinten in die Hose und versuchte, das Etikett zu entziffern. "Der Inhalt dieser Hose ist Eigentum von Joshua Bleiske. Bei Nichtgefallen ist ein Umtausch nur mit Kassenbon möglich.", witzelte Josh. Noel musste lachen. Dann meinte Josh noch lapidar, "Und ja, da steht ein M. Hab ich doch gesagt! Gleiche Größe wie ich."

Er ging zum Schrank, holte ein T-shirt, Socken und eine Boxershort raus und drückte sie Noel in die Hand, "Hier, festhalten und mitkommen!", befahl er. Dann kramte er noch ein Handtuch im Flur aus dem Schrank und gab Noel ein Zeichen, schon mal ins Bad abzubiegen. Sie gingen ins Badezimmer und Josh schloss zur Sicherheit ab. Nicht wegen seiner Mutter sondern eher, weil er seinen Schwestern nicht wirklich über den Weg traute. Sie duschten und seiften sich gegenseitig ein, was fast zwangsläufig dazu führte, dass sie sich am Ende gegenseitig befriedigten. Zwar mussten sie mit der Lautstärke aufpassen, aber ansonsten fanden es beide sehr schön und entspannend.

Joshuas Sachen passten Noel wie seine Eigenen. Seine schmutzigen Klamotten nahm Noel als Bündel mit ins Zimmer rüber. Nachdem sie sich dort fertig angezogen hatten, war es kurz nach 2 Uhr.

"Ach komm, wir sind jetzt eh fertig. Lass uns schon rüber zu euch gehen.", schlug Josh vor und sie machten sich auf den Weg. "Wir sind dann schon drüben, Mama. Und ich weiß nicht, wie spät es wird!", rief Josh ins Wohnzimmer hinein.

"Ja ist gut, viel Spaß ihr beiden Vögel, ihr!", meinte Frau Bleiske und hob nur die Hand über den Kopf. Sie saß mit dem Rücken zur Tür und hatte sich nicht umgedreht.

"Tschüß!", rief Noel noch, dann war die Haustüre auch schon hinter ihnen ins Schloss gefallen.

Bei den Brenners angekommen, begrüßten sich erst mal alle und Frau Brenner meinte nur, dass die Koordination bzw. die Kommunikation gestern Abend nicht das Gelbe vom Ei gewesen wäre." Die Jungs wussten ja schon Bescheid und nickten nur kleinlaut, ohne wirklich etwas dazu zu sagen.

"Wir haben aber noch 'ne halbe Stunde, bevor wir los müssen.", meinte Frau Brenner und die Jungs verzogen sich noch mal in Noels Zimmer. Er steckte seine Powerbank an sein Handy, damit es auch auf der Fahrt zur Tante weiter laden konnte. Nach 5 Minuten schaltete er sein Handy schon wieder ein. Eine Reihe von Nachrichten kamen rein. Von der Mutter, wo sie denn seien, weil die Tante Sonntag verhindert wäre und sie Samstag schon zum Kaffeetrinken fahren würden, eine Nachricht von Hanna und eine von Ben. Zuerst öffnete er Bens Nachricht. Da war nur ein sad-smiley, der Enttäuschung und Traurigkeit signalisieren sollte. Was sollte das denn bitte? Noel schüttelte den Kopf. Dann Hannas Nachricht: "Hallo Noel. Ich bin enttäuscht und traurig. Wir wollen gerne morgen mit dir bzw. euch reden. Du weißt schon, worüber. Bis denn, LG Hanna"

"Hat dir Hanna auch geschrieben?", fragte er Josh.

"Äh ja, ich glaube. Warte, hab die Nachrichten nur überflogen… Ja, hier… Aha, sie will mit mir bzw. uns reden. Wegen der Pillen wahrscheinlich. Oh mann shit. Blöd...", fasste Josh zusammen.

"Jo, das findet sie wohl nicht so gut, was?", meinte Noel dazu. "Vielleicht sollte sie auch mal eine nehmen, damit sie lockerer wird." Josh grinste und meinte nur, dass er ihr gerne eine spendieren würde, wenn dann wieder alles OK wäre.

Noel schrieb zurück, dass sich die Pläne leider kurzfristig geändert hätten und sie daher heute beide nicht hier wären. Aber morgen könnte man sich treffen – nach dem 2.-Advents-Kaffeetrinken so um 17 Uhr.

"Ja, OK, ist gut, bis dann", kam die Antwort und Noel zeigte sie Josh, da Hanna nur ihm geantwortet hatte.

Es war kurz vor 15 Uhr und im Flur hörte man Geräusche. Josh und Noel gingen raus und stellten sich dazu. "So, können wir?", fragte Herr Brenner. Alle fünf sahen sich um, als könnte eventuell sonst noch jemand von irgendwoher kommen, aber sie waren tatsächlich komplett.

Die Fahrt nach Bad Dürkheim dauerte nur eine gute halbe Stunde und man konnte rechts die Salinen sehen. Dahinter befindet sich der Platz, auf dem der "Dürkheimer Wurstmarkt" alljährlich statt findet. Sie aber borgen in die andere Richtung in ein Wohngebiet ab und nach ein paar mal Abbiegen waren sie angekommen. Sie stiegen aus und gingen zum Haus. Noels Tante, also Frau Brenners Schwester, öffnete schon die Haustür, "Hallo, da seid ihr ja. Fein, dass es heute klappt bei euch. Die haben mir kurzfristig für morgen 'nen Spätdienst reingeknallt und das haut mit dem Kaffeetrinken nicht wirklich hin.", rechtfertigte sie sich, noch bevor man sich überhaupt die Hand gegeben oder begrüßt hatte.

"Hallo Noel. Das ist also dein Freund?", meinte sie und nahm Noel in den Arm. "Ja, das ist Joshua.", meinte er, "Und das ist meine Tante Melanie.", stellte er sie sich gegenseitig vor. "Hallo Joshua. Das ist aber ein schöner Name. Da muss ich an den 'Joshua Tree' und 'U2' denken, aber das sagt dir wahrscheinlich nichts, oder?", versuchte sie gleich, ins Gespräch zu kommen.

"Doch, Sie werden lachen. Nachdem das schon so viele gesagt haben, habe ich das mal gegoogelt und finde ein paar Songs von der LP sogar recht gut.", meinte Josh und verwunderte damit auch Noel.

"Ach, so was hörst du?", erkundigte er sich, weil er selbst von U2 auch zwei oder drei Songs gut fand.

"Joah, schon.", meinte Josh etwas schüchtern, was so gar nicht zu ihm passte, aber hier war er natürlich auch unter mehr oder weniger Fremden und hielt sich daher etwas zurück. Hinter den Erwachsenen lugte auch ein kleiner Junge mit hellblonden Haaren durch und traute sich nicht so recht, die Besucher zu begrüßen.

"Oh hallo Finn!", meinte Noel dann ganz locker, bahnte sich den Weg durch Eltern, Tanten und Onkels und gab ihm die Hand. "Das ist Josh, mein Freund…", fing er auch hier an, "...und das ist Finn, mein kleiner Cousin.", schloss er die Vorstellungsrunde ab. Sie gaben sich auch die Hand und dann wuselte Finn auch schon wieder in den Hintergrund. Er war gerade 13 geworden und noch eher Kind als Teenie. Michèle lief ihm nach und sie verschwanden miteinander im Haus.

Nach der Begrüßung setzten sich alle gleich an den gedeckten Tisch, die Kaffeetafel und neben Kaffee gab es auch heißen Kakao und natürlich Plätzchen, Lebkuchen, Stollen, usw.. Das Übliche in der Adventszeit eben und vieles davon hatte Frau Dahlem auch tatsächlich selbst gebacken.

Nach dem Kaffeetrinken wurden "die Kinder" von der Kaffeetafel entlassen, was für Josh und Noel bedeutete, dass sie sitzen bleiben konnten oder aufstehen durften. Sie entschieden sich aber für's Aufstehen und gingen ins Wohnzimmer. Finn verschwand mit Michèle in sein Kinderzimmer.

Noel machte den TV an, da er sich ja hier auskannte und sie sahen sich zum Zeitvertreib einen Spielfilm an. Hin und wieder gaben sie sich einen Kuss und hielten sich am Oberschenkel des anderen oder im Arm. Als sie sich gerade wieder mal einen Kuss gab, sah Noel im Augenwinkel, dass Finn sie beobachtete. Er dreht seinen Kopf und meinte nur "Hi Finn. Komm' ruhig her und schau den Film mit, wenn du willst. Wo ist denn Michèle?" Finn kam tatsächlich zu ihnen und setzte sich neben Noel auf's Sofa. Michèle kam um die Ecke und setzte sich nun auch mit aufs Sofa. "Und? Alles gut bei dir?", fragte ihn Noel. Sie sahen sich nicht wirklich oft, hatten aber sonst ein gutes Verhältnis zueinander.

"Joah, und bei dir so?", kam es zurück, "Ihr seid zusammen?", wollte er nochmals wissen.

"Ja, wir sind seit 2 Wochen zusammen.", antwortete ihm Noel.

"Hast du schon 'ne Freundin?", drehte Josh die Fragestunde herum.

Da musste Finn lachen und meinte ganz frech, "Eine?"

Daraufhin mussten nun auch Josh und Noel lachen. Ein kleiner Casanova war das also. Naja, jedenfalls schien er die Beziehung zwischen den Jungs locker zu sehen und nichts dabei zu finden. Michèle meinte gar, sie hab nun quasi 2 Brüder, was insbesondere an Weihnachten oder zum Geburtstag klasse sei. Josh konnte sich ein Schmunzeln darüber nicht verkneifen, sagt jedoch nichts.

Sie unterhielten sich über xbox, Playstation und welche Spiele es wohl vom Weihnachtsmann geben würde, als es von der Geräuschkulisse her so klang, also würden sich die Erwachsenen im Aufbruch befinden und anfangen, voneinander zu verabschieden. So war es auch…

"Noel, Joshua… Kommt ihr so langsam? Wir wollen zurück fahren.", meinte Herr Brenner.

"Jo, ist gut", meinte Noel und sie standen auf.

"OK, dann tschüß und bis zum nächsten Mal!", meinte Finn und umarmte Noel und Michèle. Dann ging er zu Josh und wusste nicht so recht, ob er ihm nun die Hand geben sollte oder… Aber Josh war schneller, schnappte sich Finn mit einer Umarmung und hob ihn ein Stück nach oben. "Ciao Großer! Man sieht sich!", meinte er und ließ Finn dann wieder zu Boden plumpsen. Der grinste nur breit.

Nachdem sich alle voneinander verabschiedet hatten, stiegen sie ins Auto und machten sich auf den Rückweg. Es war erst kurz nach 18 Uhr und Noel sah zu Josh rüber. "Oder wollen wir das heute noch hinter uns bringen mit dem Gespräch?", wollte er wissen.

"Von mir aus. Aber ich will heute Abend noch weg gehen und nicht den ganzen Abend diskutieren!", gab Josh klar zu verstehen.

"OK, ich melde uns mal an.", meinte Noel und tippte eine Nachricht an Hanna.

Abgesehen davon, dass heute Lisa nicht dabei war, ging alles klar und sie verabredeten sich für 19:30 Uhr bei Hanna. Da sie schon kurz vor 19 Uhr wieder zu Hause waren, gingen sie noch mal in Noels Zimmer und hörten Musik.

Um halb war es dann soweit. Noel sagte seinen Eltern Bescheid, dass er mit Josh zu Hanna und Ben gehen würde und heute zum Schlafen sicher nach Hause kommen würde.

Josh sah' ihn an und wollte wissen, ob Noel den Abend schon komplett durchgeplant hätte, weil sie doch noch weg gehen wollten und wann sie dann wieder daheim wären, wäre ja noch gar nicht klar. So weit hatte Noel aber noch gar nicht gedacht. Er wollte erst mal das Gespräch abwarten und sich dafür auch Zeit nehmen. Sie gingen also rüber und wurden schon erwartet.

"Wollt ihr 'ne Cola?", fragte Hanna gastfreundlich wie immer und machte sich auf den Weg zum Kühlschrank, ohne eine Antwort abzuwarten. Im Vorbeigehen machte sie ihr Webradio an und es dudelte nun vor sich hin.

"Ja gerne.", rief Noel ihr nach.

"Also was soll das werden mit Pillen und Drogen?", setzte Ben schon mal eine Duftmarke, wie das Gespräch verlaufen würde. Er sah Josh und Noel an und wollte nun wissen, warum, woher, einfach alles. Aber da hatte er sich in Josh getäuscht, denn der war inzwischen recht unterkühlt und meinte nur, "Was sich Noel und ich einwerfen, geht euch nichts an. Das ist unsere Sache und wir schreiben euch ja auch nicht vor, was ihr tun oder lassen sollt!"

OK, das konnte ja ein netter Abend werden, dachte sich Hanna, als sie mit den Getränken zurück kam.

"Seid ihr denn sicher, dass ihr das wollt? Und dass ihr wisst, was das Zeug mit euch macht?", wollte sie wissen.

"Ich mach das schon 'ne Weile und ja, ich weiß, was ich tue und wie viel ich wann vertrage und so. Danke der Nachfrage.", meinte Josh schnippisch.

"Und du Noel?", Hanna sah ihn direkt an, "Sagst du bitte auch mal was dazu?!", forderte sie ihn auf.

"Boah was soll ich dazu sagen, mann. Die ganze Woche Schule und nur fucking Arbeiten, lauter bitches, die mich aufziehen, weil ich sie nicht geil finde und flach legen will und dann will ich am Wochenende einfach nur chillen und abschalten. Ist doch OK, oder?", versuchte er, sich die Dinge zurecht zu legen.

"Ja schon, aber wir gehen doch weg, du hast 'nen Freund, du kannst chillen und was trinken. Musst du dich da noch mit so Dingern wegballern?! Ich dachte echt, du wärst gescheiter…", warf Ben ein.

"Gescheiter als wer?!", griff Josh die verbale Attacke auf und sah Ben böse an. "Pass bloß auf, mein Freundchen!", warnte er ihn.

"Hey Jungs, können wir einfach nur drüber reden, ohne dass ihr euch zum Schluss hier noch an die Kehlen geht?!", ermahnte Hanna als Hausherrin ihre Gäste zur Contenance.

"Ey von dem Eierlutscher da lass' ich mich nicht als blöd hinstellen!", brauste Josh immer weiter auf.

Er wusste selbst nicht genau, warum, aber Noel war eben so erzogen und wollte loyal zu seinem Freund stehen, weshalb er sich dazu genötigt sah, diesen nun in Schutz zu nehmen bzw. sich auf seine Seite zu stellen. "Wenn ihr auf Josh 'rum hackt, hackt ihr auch auf mir 'rum, ja? Ich hab die Dinger auch genommen und ja, sie knallen geil wech und man fühlt sich fit und voller Energie. Bei Alkohol wird man schlapp und müde – die Dinger sind da genau der richtige Ausgleich und uns geht es gut damit. Ist damit jetzt alles klar?!", versuchte er, das Thema schnell zu erledigen. Doch Hanna und Ben wollten das natürlich nicht akzeptieren.

Die Argumente schaukelten sich gegenseitig immer weiter hoch, aber eine wirkliche Lösung oder Beilegung des Streits war offenbar nicht in Sicht. So kam es dann, dass Josh irgendwann aufstand, Noel fragend mit einer Kopfbewegung zum Mitkommen animierte und sie beide gingen.

Unten angekommen machten sie sich zunächst mal auf den Weg zum Kiosk an der Ecke, um erst mal ein Sixpack zu holen. Und sie warfen jeder eine Pille ein.

Sie redeten dabei nicht viel miteinander, immer nur kurze Wortfetzen, die jedoch dem jeweils anderen genügten, um die mehr oder weniger komplexen Gedankengänge und Zusammenhänge nachvollziehen zu können.

"Bevormundung…"

"Kindergarten…"

"3 Käse hoch und stinken wie 4…"

"Sollten auch mal ne 'E' werfen, dann wären sie cooler drauf!"

"Der ist ja nur neidisch, weil du zu mir gehörst!"

Zur gleichen Zeit saßen Hanna und Ben noch da und starrten sich mehr oder weniger fassungslos an. Auch sie kommunizierten eher nonverbal und konnten mit einem leichten Kopfschütteln komplexe Sachverhalte ausdrücken – so zumindest empfanden sie es.

Aber da half der ganze gut gemeinte Sermon nichts: Wenn die beiden sich Pillen besorgen und einwerfen wollten, dass war das so und dann würden sie es tun. Da hatten sie keine großartigen Möglichkeiten, ihnen das zu verbieten oder es zu verhindern.

Ben war zudem immer noch nicht so 100%ig über Noel hinweg, was ihm zusätzlich zu schaffen machte. Er fühlte sich zerrissen wie ein alter Vorhang, der sich nach dem letzten Akt schloss und der den Leuten völlig egal war. Er hing eben da, aber die Vorstellung war gelaufen und für ihn interessierte sich nun am Ende niemand mehr. Über die Akteure wurde geredet, aber hat man jemals schon gehört, dass sich Besucher über den tollen Vorhang positiv echaufieren, der am Ende fällt und so selbstverständlich wie unaufhaltsam den letzten Akt endgültig abschloss? Nein, hatte man natürlich nicht!

Ben war gerade Lichtjahre weit von der Realität entfernt auf einem anderen Stern. Wie bei den Matrix-Filmen fühlte er, wie alles um ihn herum immer langsamer zu werden schien und er dabei selbst Gewehrkugeln auszuweichen vermochte. Man möge nun auf ihn schießen, dann könne er der Welt zeigen, dass ER der Auserwählte ist und nicht dieser Josh. Noel würde nur zu ihm passen, weil er… Aber genau DER hatte sich ja nun mittlerweile auch so negativ verändert.

Aber… hatte er vorhin nicht gestutzt, bevor er Josh in Schutz nahm? Meinte er das wirklich oder fühlte er sich nur dazu verpflichtet und tief im Inneren war ihm das selbst gerade alles 'too much'?

Er schrieb Noel eine lange Nachricht, da er dabei sowohl seine eigenen Gedanken sortieren als auch diese Noel mitteilen konnte:

Hallo Noel,

Du führst ein Leben ohne Limit

und veränderst dich in letzter Zeit total ins Negative!

Josh ist längst in seiner eigenen, verkorksten Welt angekommen, aber

Merkst du nicht, dass auch du langsam verschwindest?

Ich hab' 'ne Weile gebraucht, um zu versteh'n

Es geht nicht darum, was Andere in dir seh'n

Ich wünsch' dir noch 'n richtig geiles Leben

Denn wie du dich veränderst, will ich nicht erleben

Ich wünsch' dir noch 'n geiles Leben

Mit knallharten Champagnerfeten

Mit fame, viel Geld, dicken Villen und Sonnenbrillen

Ich seh' doch ganz genau, dass du eigentlich was Andres willst

Ich will meinen alten Noel zurück! Ich liebe dich – ja: immer noch – und kann und will mir das Trauerspiel nicht weiter mit ansehen. Aber eigentlich geht es ja nicht darum, was ich oder andere in dir sehen, sondern was du selbst in dir siehst und für dich willst! Und ich denke, da bist du gerade auf dem Holzweg!

Wenn das Partyleben tatsächlich deine Erfüllung sein sollte, was ich nicht glauben kann, dann wünsch' ich dir noch'n geiles Leben mit euren Schampus-Feten, Pillen und diesen dämlichen Sonnenbrillen auf den Selfies! Ich weiß, dass du eigentlich mal was Anderes wolltest und jemand anderes warst – hoffentlich wachst du bald aus deinem bescheuerten Partykoma auf und kehrst zu uns zurück.

Bis dahin brauchst du dich bei mir nicht mehr melden! Ich klinke mich jetzt aus und schalte ab, wie es in einem Film mal so schön hieß. Ich lieb' dich aber dennoch, das darfst du nie vergessen!

Küsse, Dein Ben

Ben liefen Tränen die Wangen runter, als er die Nachricht sendete und Hanna konnte das nicht mit ansehen. Sie nahm ihn in den Arm.

"So schlimm?", fragte sie, also ob sie jedes Wort der Nachricht gelesen hätte. Tatsächlich konnte Ben gerade nicht so gut reden und zeigte Hanna einfach sein Handy mit der Nachricht. Sie fing an, zu lesen.

Am Ende angekommen, kämpfte auch sie mit den Tränen und nahm Ben wiederum in den Arm. Sie meinte dann zwar, dass sie jetzt nicht gleich den Kontakt zu Noel oder Josh abbrechen wolle, aber Ben und seine Entscheidung respektiere. Es wäre schade, wenn sie jetzt entweder mit ihm oder eben mit den anderen etwas unternehmen konnte und nicht mehr gemeinsam, aber vielleicht würde es sich mit der Zeit ja auch wieder einrenken.

Da Lisa heute Abend sowieso nicht da war und die Jungs auf und davon waren, konnten Hanna und Ben den Abend einfach nur zusammen da sitzen und sich immer wieder die gleichen Fragen stellen, die jedoch unbeantwortet blieben. Wie konnten die Jungs und insbesondere Noel so abrutschen?

Komischerweise waren auch Josh und Noel nicht wirklich weiter gekommen. Sie saßen auf einem Kinderspielplatz und zischten das Sixpack weg. Obwohl sie eine Pille eingeworfen hatten, kamen sie heute nicht so recht in Fahrt. So hatten sie den Abend nicht geplant. OK, Noel ahnte wohl schon so etwas und nun fragte auch Josh, ob sie nicht zu Noel ins warme Zimmer gehen wollen. Sie hatten das Sixpack geleert und waren gerade bei Noel angekommen, als Noels Handy eine Nachricht signalisierte. Es war eine ewig lange Nachricht von Ben. Was wollte der denn jetzt noch?

Noel fing an zu lesen und konnte nicht fassen, was Ben da geschrieben hatte. Hatte er sich wirklich so verändert in der letzten Zeit? OK, er hatte sich geoutet, hatte einen festen Freund und mit dem war er eben viel unterwegs. Und ja, er hatte die ein oder andere Pille genommen, um runter zu kommen bzw. um Spaß zu haben, so what?! Er zeigte Josh die Nachricht und nach dem Lesen schob dieser Noel das Handy eingeschnappt zurück.

"Dann geh' doch zu ihm, wenn dich dieser 'Alleswisser' immer noch so liebt!", bellte er Noel an.

"Heee, was soll'n das jetzt werden? Ich hab doch die ganze Zeit zu dir gehalten und zeig' dir Nachrichten, die dich eigentlich gar nix angehen und dann furzt du mich hier so von der Seite an?!", konterte Noel beleidigt.

"Ja sorry, mann. Der Tag heute, also zumindest heute Abend ab dem Gespräch, war voll für'n Arsch!", merkte er kleinlaut an, "Und 'tschuldigung, dass ich dich so blöd angemacht hab'!".

Noel stand auf und ging zur Tür. "Schatz, ist es OK, wenn wir heute Abend nichts mehr machen? Ich hab' gerade keinen Sinn mehr nach Gesellschaft.", wollte er wissen. Noels Laune war auf dem Nullpunkt angelangt und Josh konnte nur stumm nicken. Noel konnte nicht mal sagen, ob er böse, traurig, enttäuscht, angepisst oder sonst etwas war. Er fühlte sich wie ein Schluck Wasser in der Kurve und da war es gut, die eigenen Gedanken mal ein paar Stunden ohne Party und Gesellschaft ganz für sich alleine wieder auf die Kette zu bekommen.

Josh stand auf und ging auch zur Tür, gab Noel aber demonstrativ einen langen Kuss und hielt ihn fest im Arm. Als sie gemeinsam zur Haustüre gingen, kam Frau Brenner gerade aus dem Wohnzimmer und sah, dass Josh gehen wollte.

"Ach, du gehst schon, Josh?", fragte sie verwundert. "Heute keine Übernachtung hier? Oder geht ihr später zu dir?", wollte sie wissen.

"Nee, Frau Brenner, wir machen heute mal 'nen 'lonely-evening', weil wir keine Lust zum Weggehen haben.", versuchte er, die Situation möglichst nüchtern darzustellen.

"Aha…?", merkte Frau Brenner skeptisch an, "...dann macht das. Ich hoffe, es ist nix passiert?", wollte sie dann aber doch wissen.

"Nein, Mama. Alles gut. Wir wollen einfach nur mal 'nen Abend jeder für uns alleine verbringen. Sonst nichts.", klärte Noel sie auf.

Etwas beruhigt verabschiedete sie sich von Josh und als der gegangen war, hakte sie erneut nach. "Wirklich alles OK bei euch?"

"Ja, denke schon. Weiß nicht. Ich bin in meinem Zimmer.", meinte Noel verunsichert und verschwand in sein Reich. Er ließ sich auf's Bett fallen und setzte sich seine Ohrstöpsel ein. Er suchte ein ganz bestimmtes Lied, das er schon oft gehört, aber noch nie so genau auf den Text geachtet hatte. Da war es: Geiles Leben von Glasperlenspiel. Er startete die Wiedergabe und hörte sich den Text genau an.

Oh weh. Hatte Ben etwa doch recht? Wäre es egal, was andere sagen und denken und vielmehr käme es darauf an, was er für sich will und wie er sich sieht? Und weiter: wie er sein will!? Er grübelte und musste sich eingestehen, dass er sich tatsächlich verändert hatte. Er hatte es nur nicht so negativ empfunden, wie es Ben ihm nun unter die Nase rieb. War das mit Josh denn wirklich Liebe oder nur gute Freundschaft und vielleicht eher eine Mischung aus 'Ausprobieren' und 'falscher Loyalität'?

Stimmt schon: Früher hatte er sich weder etwas aus Sekt gemacht, noch aus dem Partyleben oder Bars. Auch Drogen waren eigentlich nie ein Thema für ihn gewesen – er hatte nie welche probiert und sie schon gar nicht gebraucht, um gut drauf zu sein, runter zu kommen oder sonst was. Warum war das jetzt in wenigen Wochen alles anders geworden? Lag es an ihm? An Josh? An beiden? Würden sie überhaupt wirklich zueinander passen? Oder machte sich Noel da nur was vor? Pushten sie sich nur gegenseitig hoch und eigentlich war jeder von ihnen alleine genommen immer noch ein 16jähriges Kind? OK, Josh war schon 17 aber das musste ja noch nichts heißen.

Er spulte seine Erinnerungen ganz an den Anfang zurück, als ihm Josh nachts ungefragt einfach an die Wäsche gegangen war. Punkt eins war, er hatte sich Josh nie wirklich als Freund im Sinne einer Beziehung ausgesucht oder gewünscht, vielmehr ging das alles von Josh aus.

Punkt zwei: Er wollte bisher eigentlich nie etwas mit Drogen zu tun haben. Nun gut, Josh nahm welche und dealte sogar damit. Eigentlich gleich zwei fette Minuspunkte auf Joshuas 'Punktekonto'.

Die ausgeflippte Art, sich dann unter Drogen in Szene zu setzen und Selfies mit Sonnenbrille und Schampus und Zigarren, war eigentlich auf nicht seine Art. Es war zwar auch mal witzig, aber Noel war eher zurückhaltend, humorvoll, aber nicht so schrill und extrovertiert. Klar, ist man gerne beliebt, aber doch nicht um jeden Preis! Und der Preis, den er zahlte, war Noel eigentlich zu hoch, je genauer er darüber nach dachte.

Und dass Ben es nicht mit ansehen konnte und wollte, wie er sich offenbar in etwas verrannte, machte ihm auch zu schaffen. Er kannte Josh und Ben zwar gleich lange, aber wenn er nach dem Äußeren hätte entscheiden müssen, wäre schon immer eher Ben seine 1. Wahl gewesen. Und nachdem, wie sich Josh seit etwa einem halben Jahr verändert hatte, war auch vom Charakter her Ben nach wie vor die Nummer Eins.

Wenn Josh ihn nun also, wie Ben es ausdrückte, 'mit runter' ziehen würde, müsste er wohl besser die Notbremse ziehen und das Ruder herum reißen. Er stellte sich bildhaft vor, wie er in einem ICE am roten Griff ziehen und dann ein altes Holzsteuerrad, wie er es aus 'Fluch der Karibik' kannte, herumreißen würde. Es wirkte grotesk und er musst nun selbst über die komischen Bilder in seinem Kopf lächeln. "Ich werde die 'Black Pearl' wieder in ruhige uns sichere Gewässer steuern, phantasierte er kichernd vor sich hin.

Denn warum eigentlich war er mit Josh zusammen und bliebt dann auch noch so treudoof an ihm kleben. Vermutlich, weil er zum ersten Mal die Zuneigung zu einem Jungen erwidert bekam. "Freud wäre stolz auf mich…", dachte er sich ob seiner dilettantischen Anamnese und den daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Noel war sich aber nicht wirklich sicher, was nun richtig und was falsch wäre. Darüber schlafen? Schluss machen? Vor einen Zug springen? Letzteres wäre die dämlichste Lösung, dachte er sich und schloss eine derartige Kurzschlusshandlung als Option aus.

Was machen schwule Jungs oder Männer sonst, wenn sie nicht mehr weiter wissen? Genau: sie fragen Mutti. OK, halt… noch eher gehen sie wohl zur ABF, also zur allerbesten Freundin! Gesagt, getan. Obwohl… erst mal anfragen, ob sie überhaupt Zeit für ihn hätte. Noel griff zum Handy und schrieb bzw. fragte Hanna, ob er nochmal und alleine zu ihr kommen könne. Er bräuchte Rat.

Es dauerte nur kurz, da sagte sie ihm zu und er könne gleich rüber kommen.

Noel machte sich auf den Weg und setzte sich bei Hanna kleinlaut in den Sofasessel. Er brauchte jetzt möglichst überall rundherum eine Stütze und Halt. Eine Kuschelecke sozusagen, in der er sich geborgen fühlen konnte.

"Vorhin warst du aber noch anders drauf.", warf Hanna ihm noch etwas schroff vor die Füße.

"Ja, ich weiß! Tut mir Leid! Ben hat mir Dinge geschrieben, die ich dir gar nicht erzählen will! Und als ich drüben so für mich alleine drüber nachgedacht habe, musste ich mir eingestehen, dass Vieles davon einfach stimmt. Findest du auch, dass ich gerade zum Arschloch mutiere?", fragte er und legte innerlich schon die Ohren an, denn eigentlich wollte er die Antwort, die jetzt unweigerlich kommen würde, gar nicht hören!

"Yep!", meinte Hanna kurz und schmerzlos. "Du bist echt soooo blöd, Noel! Aber es gehören natürlich zwei dazu. Josh hat auch dazu beigetragen. Also zusammen seid ihr echt zum Kotzbrocken-Duo des Jahres verkommen." Hanna nahm jetzt kein Blatt mehr vor den Mund. Zum einen hatte sie ja die Anfänge zwischen Josh und Noel mitbekommen, zum anderen wusste sie ganz genau, was Ben Noel vorhin alles geschrieben hatte. "Und wieso hast du für dich alleine drüber nachgedacht?", hakte sie nach, "Seid ihr etwa…", Hanna verstummte und wartete, ob die Andeutung schon genügen würde.

"Nein, wir sind wohl noch zusammen. Ich weiß nur nicht mehr, ob ich das will. Was soll ich deiner Meinung nach nun tun? Wie soll ich mich verhalten? Ben, mein bester Freud, schaut mich nicht mehr mit dem Arsch an und Josh hat nur seine Party im Kopf!" Noel war sichtlich unsicher und sank immer mehr im Sessel zusammen.

"Es klingt wahrscheinlich ebenso simpel wie blöde: hör' auf dein Herz! Und lass' dir Zeit!", riet sie ihm. Mit einer so simplen Antwort hatte er nicht gerechnet und musste das erst mal sacken lassen. "Was fühlst du denn gerade?", wollte Hanna ihm entlocken.

"Na eigentlich, wenn ich's mir recht überlege, würde ich jetzt einfach nur gerne von jemand männlichen im Arm gehalten. Nix weiter. Dann wäre es wohl für mich und alle wieder gut.", fasste Noel seine wirre Gefühlswelt zusammen. "Für fast alle…", schränkte er ein.

"So?", fragte Hanna neugierig. "Für wen denn nicht?"

"Na für Josh. Schließlich sind wir noch zusammen und da wäre er bestimmt auch erst mal mega enttäuscht, angepisst, sauer, keine Ahnung was…"

"Und wer bitte soll dann der männliche 'in-den-Arm-nehmer' sein?", fragte sie rhetorisch. Dennoch war Noel gerade so neben sich, dass er nicht verstand, dass Hanna längst den Namen wusste. "Ben natürlich!"

"Und was würdest du ihm jetzt gerne sagen, wenn du könntest?", meinte Hanna hinterlistig.

"Dazu müsste er das alles hier mitbekommen haben oder ich müsste ihm eben auch eine sehr lange Nachricht schreiben und ihm alles erklären. Dass ich blöd war, mich auf Josh einzulassen und dass es mir voll Leid tut, wie derbe ich ihm bei seinem Outing mir gegenüber ein Brett vor's Gesicht geschlagen hatte, als ich ihm sagte, dass ich zwar auch schwul aber schon mit Josh zusammen wäre.", bedauerte Noel und überlegte, was er Ben noch gerne sagen würde. Ach genau: das Wichtigste fehlte ja noch, "Und dass ich ihn wohl mehr liebe, als Josh und eigentlich schon immer nur ihn geliebt habe.", fügte er noch hinzu.

"Okeee, und wäre das schlimm für dich, wenn du dir die Arbeit sparen könntest?", wollte Hanna auf einmal wissen.

Wieso könne er sich das alles sparen? Hanna war ja nicht gerade 'ne große Hilfe in Sachen Beziehungsprobleme. Oder hatte Ben schon jemand Anderen und daher wäre nun jede Rechtfertigung, jede Entschuldigung, jeder Versuch, die Freundschaft zu retten oder gar eine Beziehung aufzubauen, umsonst? Angesichts dieser Vorstellung konnte er nun gut Bens Gefühle nachvollziehen, als er ihn damals vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Noel war wurde unsagbar traurig.

"Ja wenn er schon jemand Anderen hätte…", fing er an und seufzte einmal tief, "...dann wäre das grausam. Ich weiß: vor 2 Wochen war ich genauso herzlos zu ihm. Aber er wüsste dann wenigstens Bescheid und ich hätte mich entschuldigt und könnte wieder mit gutem Gewissen in den Spiegel sehen.", schloss er sein 'Plädoyer für die Freundschaft' ab.

"Ach so scharf wäre ich da gar nicht drauf, diese Hackfresse jeden Tag im Spiegel sehen zu müssen!", kam es aus Hannas Schlafzimmer.

Noel sah Hanna fragend an, da er die Stimme kannte, Hanna jedoch den Mund keinen Millimeter bewegt hatte. Da fiel ihm auf, dass es auch gar nicht Hannas Stimme gewesen war, die er gerade gehört hatte, und er fragte vorsichtig: "Ben? Bist du das etwa?"

"Ja, du Blödmann!", kam es erneut aus den Schlafzimmer, wobei sich die Stimme näherte. Schon kam Ben ins Wohnzimmer getrottet. "Ich war die ganze Zeit noch bei Hanna und war nur nach nebenan gegangen, als du dich angemeldet hast.", erklärte er die Situation. "Ich hoffe, du bist mir oder nicht böse, weil ich nun alles mitbekommen habe. Aber Hanna hatte da so nen Riecher…", klärte Ben auf.

"Deswegen hab' ich ja gefragt, ob es schlimm wäre, wenn Ben das alles schon weiß!", grinste ihn Hanna an. "Sei uns nicht böse, aber ich war mir fast sicher, dass du eigentlich Ben liebst."

"Oh ihr seid soooo mies!", lachte Noel nun sichtlich erleichter heraus, stand mit einem Satz auf und nahm Ben in den Arm. "Es tut mir so Leid! Hörst du?! Ich wollte dich nicht verletzen sondern nur verhindern, dass du dir Hoffnungen machst!", schluchzte er und konnte nichts mehr sagen.

Ben konnte nicht glauben, was gerade passiert war. Sein Traumprinz heulte ihm gerade die Schulter nass. Und noch dazu wegen ihm! Es fühlte sich toll an, auch wenn Noel gerade weinte. Er erwiderte die Umarmung und kraulte Noel mit einer Hand die Haare im Nacken. So könnte es die nächsten Stunden, Tage oder Wochen bleiben, dachte er sich. Und tatsächlich konnten sie sich geschlagene 20 Minuten nicht voneinander trennen, bis sich alle Gemüter soweit beruhigt hatten.

Als sie sich nun endlich wieder lösten, schaute Noel verschämt auf Bens nasse Schulter.

"Alles gut!", beruhigte ihn Ben und traute sich nun endlich, Noel einen Kuss auf den Mund zu geben.

Für Ben war es der erste Kuss eines Jungen überhaupt und das Feuerwerk in seinem Kopf raubte ihm die Sinne. Ja ihm wurde regelrecht schwarz vor Augen und er musste sich an Noel klammern. Aber der kurze Augenblick war auch schon wieder vorüber und Ben genoss das Feuerwerk der Gefühle.

"Boah ihr zwei seid ja so süß zusammen!", konnte sich Hanna nun nicht mehr beherrschen und hätte am liebsten mitgeknutscht. Sie nahm beide zusammen in den Arm und freute sich mit ihnen.

Sie setzten sich und Noel verbrachte den restlichen Abend weiterhin mit Entschuldigungen, Beteuerungen, dass er es nicht so gemeint habe und dass es eben nur eine Phase des Ausprobierens gewesen sei oder was für Arsch er um ein Haar geworden wäre.

Und natürlich, da schwang einfach Noels Erziehung und Gewissen mit, hatte er dennoch ein schlechtes Gewissen, Josh gegenüber. Er hatte Ben geküsst und ja, es hatte ihm sogar besser gefallen, als die Küsse mit Josh. Aber offiziell waren Josh und er noch zusammen. Zumindest ging Josh derzeit noch davon aus. Und so entschloss sich Noel, es Josh auf der Stelle zu sagen… persönlich!

Sie verabschiedeten sich und Noel ging zu Josh rüber und klingelte. Der Türöffner summte und Noel ging hoch. Frau Bleiske stand in der Tür und sah Noel verwundert an. "Nanu, was machst du denn hier? Ich denke, du weißt Bescheid!?", begrüßte sie ihn etwas verwundert.

Als sie bemerkte, wie pikiert Noel ihre Aussage aufnahm, ergriff sie seine Hand und signalisierte ihm, dass er herein kommen solle. "Ach komm doch kurz rein, Noel!" Als sie im Flur in der Wohnung standen und die Türe geschlossen war, meinte Frau Bleiske einfühlsam, "Es tut mir Leid für euch!"

Noel nickte zustimmend und etwas traurig. Dann fuhr es wie ein Blitz durch seinen Körper, dass Frau Bleiske doch noch gar nichts davon wissen kann. Er erklärte ihr kurz aus seiner Sicht, was heute alles passiert war und dass er es nun Josh persönlich sagen wollte, dass es aus ist zwischen ihnen. Das Beenden einer Beziehung über WhatsApp, SMS oder E-Mail fand Noel völlig daneben.

Frau Bleiske verzog leicht sauer das Gesicht. Sie sagte Noel, dass vorhin eine Klassenkameradin zu Josh gekommen sei, sie hätten sich geküsst und seien dann zusammen los gezogen. Sie, also Frau Bleiske, habe Josh dann noch gefragt, was denn mit Noel - seinem festen Freund – wäre und da hätte Josh nur gemeint, dass Noel wohl schon einen anderen hätte und dass Schluss sei. Josh würde Noel das gleich noch sagen. Noel konnte natürlich nur bestätigen, dass Josh genau dies nicht getan hätte.

Da sie sich eigentlich gut verstanden, nahm Frau Bleiske Noel zum Trost und Abschied in den Arm.

Noel bedankte sich bei ihr noch dafür, dass sie ihm alles erzählt hatte. Dann ging er nach Hause und verzog sich in sein Zimmer. Damit musste er jetzt erst mal klar kommen. Was bildete sich dieser Fatzke eigentlich ein?! Und dem hatte er wie ein dressierter Schoßhund auch noch Loyal die Stange gehalten?! Noel ärgerte sich über seine eigene Dummheit.

Frau Brenner kam ins Zimmer, nachdem sie angeklopft und Noel 'herein' gesagt hatte. Sie sah sich im Zimmer um. Sie suchte wohl seinen bisherigen Dauer-Schatten, aber Josh war scheinbar nicht hier.

"Ganz alleine?", fragte sie doch sicherheitshalber.

"Ja, Mama. Mit Josh ist Schluss! Er hatte noch nicht mal die Eier, es mir persönlich zu sagen, zu schreiben, Rauchzeichen zu geben oder sonst etwas! Der Arsch!", regte sich Noel immer noch auf.

"Ähm, dazu muss ich dir was zu sagen!", begann sie. "Er war vorhin da, als du unterwegs warst. So vor 'ner guten halben Stunde. Er wollte dir etwas sagen, aber nur dir und ich bräuchte nichts auszurichten. Vielleicht habt ihr euch einfach dummerweise verpasst und er wollte dir genau das sagen?, meinte sie und fragte mit ihren Blicken, ob bei Noel alles OK sei oder ob er eine Schulter zum Anlehnen bräuchte. Aber er fing nur an zu lächeln und atmete etwas erleichtert auf, was Frau Brenner umso mehr zu verwundern schien.

"Ah…", setzte Noel an, "...jetzt wird mir einiges klar. OK, danke Mama. Dann ist's doch nicht ganz so übel, wie ich dachte. Aber Schluss ist trotzdem, denn wenn er nicht Schluss gemacht hätte, hätte ich heute einen Schlussstrich gezogen und war gerade eben bei ihm zu Hause, wo aber auch nur seine Mutter da war. Mit der habe ich allerdings geredet und sie weiß Bescheid. Allerdings wusste sie auch schon, dass er mit seiner neuen Freundin unterwegs ist.", erklärte er.

Frau Brenner wunderte sich, "...mit seiner neuen Freundin?", und wartete auf eine Erklärung.

"Ja, Mama, Josh ist bi und hat somit fast 100% freie Auswahl…", erklärte er ihr.

"Aha. Na mir soll's egal sein.", meinte sie nur und schien das Thema damit abzuschließen. Jedenfalls ging sie dann aus dem Zimmer.

Damit es nicht weiterhin aneinander vorbei ging, beschloss Noel nun doch, eine Nachricht an Josh zu schicken: "hallo josh. wir haben uns leider verpasst! ich war bei deiner mom und du bei meiner. und wir wollten uns wohl zeitgleich aber unabhängig voneinander dasselbe sagen. ich will schon nochmal mit dir reden aber du sollst auch wissen, dass ich über alles bescheid weiß und es ok für mich ist! gruß noel"

An der Haustüre klingelte es. Frau Brenner öffnete und machte die Türe dann weit auf. Es war Besuch für Noel. Es klopfte an seiner Tür und er rief 'herein'. Die Türe öffnete sich langsam und zögerlich…

"Darf ich rein kommen?", fragte Ben unsicher.

Noel sprang wie von der Tarantel gestochen vom Bett auf und fiel Ben um den Hals. Dieser war zuerst überrascht über den Ansturm und meinte dann in seiner trocken-humorigen Art, "Hey Sie. Ich habe nur gefragt, ob ich rein kommen darf, nicht ob Sie mich mal bitte kurz über meinen eigenen Haufen rennen und zu Boden knutschen möchten!".

Noel reagierte gar nicht darauf. Hatte er das nicht mitbekommen? Da merkte Ben, dass Noel weinte. "Och Hase, was ist denn?", fragte er nun ernst und drückte Noel fest an sich. "Nur Freude!", krächzte Noel, räusperte sich einmal und ergänzte dann, "Ich freu' mich so, dass du da bist! Ich hab dich schon vermisst, als ich bei Hanna unten zur Türe raus war. Kannst du dir sowas verrücktes vorstellen?", fragte er und ließ Ben nun langsam wieder los.

"Klar kann ich mir das vorstellen! Was glaubst du, wieso ich hier bin?!", meinte Ben und lächelte ihn an.

Frau Brenner konnte nicht weghören und hatte alles mitbekommen. Sie stand in der Tür und fragte ganz geniert, "Und jetzt seid ihr beide also zusammen, ja?" Beide Jungs nickten ihr zu und lächelten sie an. "OK, das mit den Beziehungen geht ja wirklich fix bei euch.", schüttelte sie ungläubig den Kopf und ging wieder ins Wohnzimmer.

Noel machte die Türe zu und gab Ben einen Kuss. Noels Handy vibrierte und gab sein Signal ab.

"Weiß Josh inzwischen Bescheid?", wollte Ben wissen, woraufhin Noel ihm erklärte, wie Josh und er jeweils bei der Mutter des Anderen waren und dass er ihm jetzt wenigstens eine Nachricht gesendet hätte, damit auch er wüsste, was Sache ist.

"Ach das ist Joshuas Antwort. Er schreibt, dass er beruhigt ist, dass wir nun alle die gleichen Infos haben und wir reden nochmal morgen.", klärte er Ben auf.

"Dann ist's ja gut. Wollen wir noch weg gehen?", meinte Ben und sah Noel erwartungsvoll an.

"Nimm's mir nicht übel, aber mein Bedarf an Action ist für heute so was von gedeckt! Ich habe mir vorhin außerdem etwas versprochen: Ich sage von jetzt ab immer, was ich denke und fühle und nehme kein Blatt mehr vor den Mund. Es klingt jetzt vielleicht blöd, aber ich will lieber hier mit dir kuscheln. Unterwegs will ich das im Moment noch nicht so."

"Ja nein, das ist vollkommen OK für mich. Hauptsache, mit dir. Also ich will den Abend bitte mit dir verbringen – egal wo oder womit!", sagte Ben.

So blieben sie bei Noel im Zimmer, kuschelten und genossen ihre neue Liebe.

Mit Josh hatte Noel am kommenden Tag noch ein klärendes Gespräch, in dem sie überein kamen, dass sie Freunde bleiben würden und auch künftig zusammen los ziehen könnten. Josh konnte seine neue Freundin Helena mitbringen und dafür hatte er auch kein Problem damit, wenn sich Noel und Ben hier und da einen Kuss gaben.

Sogar Josh bekam das Ruder nochmal herum gerissen und hörte mit der Party-Episode auf. Keine Drogen mehr und kein Schicki-Micki-Gehabe mehr. Auch er hatte sich den Text von Ben, der ja eigentlich an Noel gerichtet war, nochmals durch den Kopf gehen lassen und eingesehen, dass Pillen nicht gut sind und ihm im blödesten Fall das ganze Leben versauen.

So konnten alle trotz der turbulenten Geschehnisse befreundet bleiben und unternahmen in der folgenden Zeit an den Wochenenden regelmäßig etwas zusammen. Silvester feierten sie gemeinsam bei Hanna und hatten einen guten Start ins neue Jahr.

Vor allem aber hatten alle ein ruhiges, nicht jedoch zu ruhiges Weihnachten und konnten sich jetzt, wo alle Dinge geklärt waren, auf eine gute Zeit und ein Geiles Leben freuen…


Interpret: Glasperlenspiel

Songtitel: Geiles Leben (original Version erschienen am 28.08.2015)

Autoren: Philipp Klemz, Carolin Niemczyk, Christian Raab, Peter Stanowsky.

Komponisten: Philipp Albinger, Benjamin Bistram, Daniel Grunenberg + die Autoren.

Produzenten: (Single) Philipp Albinger, Johannes Burger, Kilian Wilke.

Veröffentlicht: unter Polydor durch Universal Music Publishing

Nachwort

Gleiches wünsche ich jetzt in der Vorweihnachtszeit 2019 allen Lesern meiner Geschichte! Ich habe die Story zugegebenermaßen im "Schweinsgalopp" in nur 10 Tagen geschrieben, da sie ja im Rahmen der "Weihnachts-Challenge" eingereicht werden soll. Ansonsten wären mir bestimmt noch einige Passagen und Ausflüge eingefallen, die ich eingebaut hätte. Ansatzpunkte habe ich schon einige gesetzt… bei entsprechenden Nachfragen kommt vielleicht eine Fortsetzung… vielleicht zur "Oster-Challenge" von Nickstories...?

Leider habe ich auf Zuschriften an Autoren recht selten eine Antwort erhalten und auf meine anderen Storys bekam ich wiederum kein Feedback (allerdings auch wegen eines veralteten Email-Accounts, wofür ausschließlich ich verantwortlich bin!) und so wird es wahrscheinlich bei der in sich abgeschlossenen Geschichte bleiben.

Ich hoffe, sie gefällt euch und auch wenn nicht: mir hat es gefallen, sie zu schreiben! ;-)

Lesemodus deaktivieren (?)