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Kopf voller Watte

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Es war zehn Minuten nach Mitternacht, als ich in der Gesellschaft einer Ratte auf die U-Bahn wartete. Die Bahn kam nicht. Es war kalt. Es roch nach Kotze. Und der Einzige, der Spaß zu haben schien, war der Obdachlose neben mir. Er aß Pommes, meine, und schien ein ganz okayer Typ zu sein. Nun, zumindest wirkte er okay. Aber wer wirkte nicht okay, um zehn nach zwölf und mit noch warmen Pommes in der Hand? Vermutlich wäre selbst Hitler um einiges entspannter gewesen, wenn man ihn im Suff nur mit genügend Fast Food versorgt hätte.

Ich meine - versteht mich nicht falsch. Hitler war ein irrer Arsch und Pommes waren keine Allheilmittel, aber sie hoben die Laune ungemein. Zumindest bei anderen. Ich war weiterhin scheiße drauf.

„Schöne Ratte“, sagte der Obdachlose mit vollem Mund. Er deutete auf das graue Fellbündel auf meinem Schoß, welches sich schon seit einer Weile versuchte durch meine Jogginghose in meinen Oberschenkel zu graben. Dieses Vieh hatte echte Killerkrallen. „Wie heißt er?“

„Sie“, sagte ich. „Sie ist eine SIE.“

Mein Blick war starr auf die elektronische Anzeige am Gleis gerichtet.

Sonderfahrten - Feiertag - Bitte beachten Sie die ausgewiesenen Fahrpläne im Aushang

Einfach geil, wenn einen der elektronische Fortschritt hochmodern darauf hinwies, dass man sich doch bitte nach dem Offline-Aushang richten soll. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal einen Fahrplan gelesen hatte. So einen echten, meine ich. So einer, der noch hinter Acrylglas hing und wegen der ganzen Kratzer und Graffiti völlig unleserlich war. Fahrpläne. Die Leinwände für Pubertierende mit einem hormonellen Drang zur Zerstörung. Kunst in Bestform.

„Und wie heißt sie?“ Der Obdachlose hielt der Ratte eine halbe Pommes hin. „Schöne Frauen brauchen schöne Namen.“

Ich starrte die Ratte an.

„Keine Ahnung“, gab ich zu. „Hab sie erst seit einer Stunde.“

Der Obdachlose drückte die unbeachteten Pommes mehrmals gegen das graue Fell. Wie es schien, waren warme Pommes doch nicht jedermanns Sache. Die Ratte kratzte ungerührt weiter. Fest davon überzeugt, endlich einen Durchbruch zu erzielen, was den geplanten Tunnel in meinem Oberschenkel anbelangte.

„Ich hatte auch mal eine Ratte.“ Der Obdachlose tätschelte liebevoll seine Pommes. Er starrte glasig in weite Ferne. Oder zumindest bis zum gegenüberliegenden Werbeplakat auf der anderen Seite des Gleises. Heiße Nacht? Benutzt Kondome! Danke, Bundesministerium für Gesundheit. In manchen Ecken der Welt galt Verhütung noch als Teufelswerk - hier wurde dafür Werbung gemacht. Verrückt, diese Erde. Und es war immer noch keine U-Bahn in Sicht. WEIT UND BREIT.

„Ey“, sagte ich. „Wo bleibt diese Scheißbahn?“

„Sie wurde gefressen.“

„Was?“

„Was, was?“

„Die Bahn wurde gefressen?“

Der Obdachlose starrte mich irritiert an.

„Nee“, sagte er. Er rückte etwas von mir weg. Nicht, ohne die Pommes mitzunehmen. „Meine Ratte. Die wurde gefressen. Von einer Taube.“

„Deine Ratte“, echote ich. „Wurde gefressen. Von einer Taube.“

Der Obdachlose rückte noch etwas weiter. Seine rechte Arschbacke hing gefährlich weit über den Rand der Wartebank. Wie jede Bank in Berlin war diese besonders hart und unbequem. Wer auch immer für die Bänke in dieser Stadt zuständig war, war fest davon überzeugt, dass Warten keinen Spaß machen durfte. Es musste wehtun. Im Rücken drücken. In den Arschbacken zwicken. Komfort war etwas für die Weicheier im Westen.

Der Obdachlose tippte sich gegen die faltige Stirn. „Du bist ein bisschen komisch, Junge. Im Kopf, mein ich. Du tickst nicht ganz richtig.“

Wahre Worte.

„Quatsch. Ich bin nur müde. Lange Nacht und so.“

Der Obdachlose nickte. Es war ihm anzusehen, dass er sich nicht sonderlich für meine Erste-Welt-Probleme interessierte. Der Kerl war nur wegen den Pommes hier. Sobald diese leer waren, würde er das Weite suchen und wieder das tun, was Obdachlose in dieser Stadt nun eben so taten.

Apropos. Was taten Obdachlose eigentlich? Außer auf Parkbänken zu schlafen und von Irren hin und wieder angezündet zu werden. Es gab so viele von ihnen - und trotzdem hörte man sie kaum. Sie schienen in ihrer völlig eigenen Welt zu leben. In einem anderen Berlin. Ein Ort, wo es völlig okay war, auf alles und jeden zu scheißen. Wieso auch nicht? Der Alte neben mir sah nicht so aus, als hätte er noch etwas zu verlieren.

„Viktoria“, nuschelte der Mann neben mir mit vollem Mund. Die Pommes neigten sich langsam dem Ende zu. Seine Toleranz für meine Gesellschaft ebenfalls. „Du solltest die Ratte Viktoria nennen. Schöner Name. Zeitlos.“

Kurz herrschte nachdenkliche Stille. Zumindest in der U-Bahnstation. Über uns feierte die Welt mal wieder Abriss. Irgendwo prügelten sich laut brüllend irgendwelche besoffenen Wichser. Polizeisirenen und Feuerwehrgeheul lärmten um die Wette. Happy New Year.

Mein Handy klingelte. Ich ignorierte es. So wie ich es schon die ganze letzte Stunde ignorierte. Die Sache war gelaufen. Zumindest für mich.

„Oder Chantal“, sagte der Obdachlose und tippte die Ratte mit seiner letzten Pommes an. „Ja. Sie sollte Chantal heißen.“

Ich dachte kurz darüber nach. Maximal drei Millisekunden lang.

„Niemals.“

Die elektronische Anzeige wies sämtliche Wartenden erneut mit passiv-aggressiver Sturheit darauf hin, gefälligst die Fahrpläne im Aushang zu beachten. Als wäre es der Anzeige ihr verdammtes Recht jede Verantwortung von sich zu schieben.

Immerhin war Silvester. War ja nicht der BVG ihr Problem, wie irgendwer in dieser Stadt irgendwohin kam. Wieso auch? Wäre ja auch albern. Die Berliner Verkehrsbetriebe hatten immerhin genug damit zu tun, imaginäre Nachtbusse zu navigieren. Manche Linien fuhren angeblich im fünfzehn bis dreißig Minutentakt, jedoch hatten weder ich, noch sonst irgendein Berliner, diese Busse jemals gesehen. Es gab nur zwei Möglichkeiten: Bus kam nicht und blieb verschwunden. Oder es tauchten gleich drei Busse hintereinander auf und alle drei fuhren sauber an einem vorbei, weil sie bereits überfüllt waren.

Ich war kein Freund von Verschwörungstheorien, wirklich nicht, aber meine Fresse - da lauerte Potenzial. Hinter dem gesamten öffentlichen Verkehrsnetz dieser Stadt steckten Aliens. Area 51 war ein Witz dagegen.

Mein Handy klingelte erneut. Der Obdachlose drückte sich die letzte Pommes rein und stand auf. Er summte eine sonderbare Melodie, die mehr laut als melodisch war. Der Alte starrte kurz wehmütig die leere Pommesverpackung an, dann warf er sie leicht schwankend in den Mülleimer.

„Tschüss“, sagte er und salutierte. „Nächstes Mal aber mit Mayo, nee?“

Dann drehte er eine recht gelungene Pirouette und wankte davon. Ich starrte ihm hinterher.

Mann, dachte ich. Diesen Scheiß hier glaubt mir wieder keiner. Mein Handy klingelte immer noch. Tausend Stunden später regnete es Textnachrichten.

Alter, wtf?

Nicht lustig, Veik.

GEH RAN!

Menachem war wütend. Sauer. Angepisst. Aber verfluchte Scheiße. Ich war auch wütend. Sauer. Angepisst. Immerhin war er es, der alles versaut und verkompliziert hatte. Nicht umgekehrt. Okay, zugegeben. Ich war mit seiner Hausratte abgehauen. Es stand also unentschieden. Wir waren beides Wichser. Irgendwie.

Es prasselten weitere Nachrichten auf mein Handy ein.

WO BIST DU?

Ich weiß, dass du meine Ratte hast.

Wehe Soho passiert was.

Scheißdieb.

DIEB!

„Soho“, murmelte ich stumpf den Namen und hob misstrauisch die Ratte in die Höhe. Sie gab ein unzufriedenes Geräusch von sich, hielt aber still. Zwei schwarze Knopfaugen starrten mich ungerührt an. „Fuck, bist du vielleicht doch ein Kerl?“

Soho schnupperte kurz. Er/Sie/Es kratzte fröhlich weiter, kaum hatte ich ihn/sie/es wieder auf meinem Oberschenkel abgesetzt. Scheiße, diese Nacht hier war echt für den Arsch. Die elektronische Anzeige stimmte mir da voll und ganz zu.

!!ACHTUNG!! — SONDERFAHRTEN WEGEN STÖRUNG EINGESTELLT! WEITERE INFORMATIONEN FINDEN SIE UNTER WWW.BVG-BERLIN.DE ODER ÜBER DIE BVG-APP

Keine Ahnung, wie lange ich eigentlich so dasaß. Auf dieser harten Scheißbank. Nutzlos und müde. Mit einer Ratte auf dem Schoß, die mich ganz eindeutig zerfleischen wollte. Menschen kamen und gingen. Die meisten dieser verlorenen Kinder der Nacht stolperten lärmend die Treppe nach unten, nur um gebrochen wieder von dannen zu ziehen, nachdem ihnen klar wurde, dass keine Bahn kommen würde.

Gehen Sie weiter, Ladies und Gents! Hier gibt es nicht das geringste zu sehen.

Niemand hat die Absicht ein funktionierendes Verkehrsnetz zu bauen!

Meine Hände waren eiskalt. Die Finger halb erfroren. Die Luft stank nach Kotze und längst erloschenem Feuerwerk. Soho gab immer mal wieder ein merkwürdiges Geräusch von sich, machte aber immer noch keine Anstalten abzuhauen.

Irgendwann stand ich auf und verließ den U-Bahnhof. Soho hockte dabei auf meiner rechten Schulter, was ziemlich cool war. Veik und Soho - das magische Duo. Keine Ahnung, was Menachem mit dieser Ratte angestellt hatte, aber sie war eindeutig besser dressiert als so mancher Hund.

Apropos Köter. Überall lag Scheiße. Jeder in dieser Stadt hatte einen Kläffer, aber niemand hob die Kacke auf. Peter Fox hatte Recht. Jeder hat einen Hund, aber keinen zum Reden. Eine Stadt voller Hundekot. Scheiße, so weit das Auge reichte.

Meine Turnschuhe klatschten über nächtlichen Asphalt. Besoffene Nachzügler brüllten und johlten. Hysterische Ladies keiften sich vor einem Späti auf Albanisch an. Das Make-Up war längst verschmiert. Eine von ihnen war am heulen. Drama über Drama.

Nicht mein Problem.

„Arschloch!“, brüllte ein verkotzter Kerl am Straßenrand einem Taxi nach, welches nicht für ihn gehalten hatte. Wieso auch? Es war immerhin die Nacht der Nächte. Ein Lottogewinn war wahrscheinlicher, als hier und jetzt ein freies Taxi zu erwischen. Wer nach Hause wollte, hatte gefälligst zu gehen. Einmal von Kreuzberg nach Charlottenburg. Im gemütlichen Schlendergang. Why. The. Fuck. Not?

„Coooooole Ratte, Keule.“

Ein einsamer Punk prostete mir mit einem Dosenbier zu. Er hockte auf dem Boden, unter seinem Arsch ein Stück Pappe und den Rücken gegen eine versprayte Häuserwand gelehnt. Seine Jeans war rissig. Die brüchige Lederjacke mit Patches und Nieten übersät. Ich wusste gar nicht, dass man Docs so kaputt tragen konnte. Aus dem Handy des Typen röhrte irgendeine aggressive Punk-Musik. Ich setzte mich zu ihm, da ich keinen Bock mehr hatte zu latschen. Außerdem hatte er Gras. Gestatten, Veik Thies. Eine Nase wie ein Spürhund.

„Hast du was?“

Der Punk grinste. „Scheiße, Keule. Bulle oder was?“

„Ne“, sagte ich und streichelte Soho. Die Ratte verweilte eisern auf meiner Schulter. Langsam dämmerte mir, dass das Vieh Angst vor der Stadt hatte und lieber bei mir blieb, als sich mit dem Rest dieser Irren herumzuschlagen. Weise Entscheidung. Tat gut, die erste Wahl zu sein. „War aber eine Scheißnacht.“

„Übel.“

„Total.“

Der Punk kramte eine Weile in seiner linken Tasche herum. Er zog einen Joint aus dem magischen Narnia seiner Lederjacke. „Mein Letzter“, sagte er feierlich. Ein Feuerzeug klickte. „Das ist echt voll die krasse Ratte, yo.“

Der Punk reichte mir den Joint.

„Ist nicht meine. Habe sie entführt.“

„Brutal.“

„Ziemlich.“

Wir schwiegen. Wir rauchten. Wir hingen unseren Gedanken nach.

„Yo, Keule. Hast du vielleicht ein paar Euro?“

„Klar.“

Nun war ich an der Reihe, etwas aus meinem privaten Taschen-Narnia zu zaubern. Vier Euro, zehn Cent und ein sauber verpacktes Kondom. Das Bundesministerium für Gesundheit wäre sicher stolz auf mich.

„Hier.“

Der Punk grinste. Er nahm sogar die zehn Cent, Geld war immerhin Geld, und wedelte mit dem Kondom. „Heute Nacht kein Glück, yo?“

„Sieht nicht so aus. Gönn dir, Loverboy.“

„Krass. Die Firma dankt.“

Der Joint war aufgeraucht und es fing leicht an zu pissen. Regen. An Neujahr. Fan-fucking-tastisch.

Ich kämpfte mich auf die Beine. Leichtes Schwanken, von links nach rechts. Es waren Stunden vergangen. Jahre. Jahrhunderte. Was zählten schon alberne Fakten. Der Regen wurde immer stärker.

„Yo, Keule!“, rief mir der Punk noch nach, ehe ich außer Hörweite war. „Immer schön trocken bleiben!“

Er verpisste sich vor Lachen. Ich verzog keine Miene.

„Gleichfalls!“, rief ich zurück und schlurfte davon. Soho krallte sich in meine Schulter. Die Leute guckten blöd. Irgendwann, so auf halbem Weg, fing der Stoff an zu knallen.

Und zwar riiiiiichtig.


Es war vier Uhr morgens, als ich vor Menachems Tür landete.

Keine Ahnung wie, aber hier stand ich. Nass. Philosophisch. Bekifft.

Zumindest ein bisschen.

Vielleicht auch ein bisschen viel, denn es dauerte einen in Watte gepackten Moment, bis ich realisierte, dass ich Sturm klingelte. Mein rechter Zeigefinger war wie ein Maschinengewehr. DRRRR-DRRRR-DRRRR-DRRRR.

Eine Tür wurde aufgerissen. Nicht Menachems, die blieb eisern verschlossen, aber die vom Arschloch nebenan.

„BOAH, LECK MICH!“, brüllte der Typ. Er stand in Unterhose auf dem Flur. Sein Oberkörper war behaarter als achtzig Prozent aller Männerköpfe ab Ende dreißig. „BEHINDERT ODER WAS? Es gibt Leute, die haben Frühschicht!“

„Dann früh mal los, Alter.“

Der Kerl starrte mich fassungslos an. Ich starrte zurück. Dann brach ich in Gelächter aus. Früh mal los. HAHA. Wusste gar nicht, dass ich so ein beschissener Komiker sein konnte. Veik, der Komiker. Ich lachte und lachte. Zumindest klang es wie Gelächter, fühlte sich aber eher wie ein Schluchzen an.

„Scheißirrer.“ Der Typ schüttelte den Kopf. Die Tür wurde wütend zugeknallt. Irgendwo bellte ein Hund. Ich bellte zurück. Irritierte Stille. Tja. Irgendwann wurde es selbst einem lästigen Kackköter zu dumm.

Soho bewegte sich unruhig auf meiner Schulter. Die Ratte war klatschnass, aber treu bei ihrem Entführer geblieben. So lobte ich mir das. Ich lehnte mich müde gegen die Wand.

„Sag mal, spinnst du?“

Die Wand gab nach. Zumindest dachte ich kurz, dass es die Wand war. In Wirklichkeit war es Menachems Tür, die sich nach hundert Jahren endlich öffnete. Ich stolperte halb in den dunklen und engen Wohnungsflur.

Menachem starrte mich an. Ich starrte zurück. Immerhin war ich nach meinem Duell mit dem Arschloch-Nachbar der absolute Anstarr-Meister.

„Veik, Alter.“ Menachem verzog das Gesicht. „Was soll der Scheiß?“

„Ha!“, rief ich lauter als gewollt. Ich hatte keinerlei Gefühl mehr für Lautstärke. Hatte ich nie, wenn ich gekifft hatte. „Das wollte ich DICH gerade fragen.“

Menachem starrte mich an. Ich starrte zurück. Dann brach ich in taktloses Gelächter aus.

„Du bist bekifft.“

Menachem, der israelische Meisterdetektiv.

Soho kletterte von meiner Schulter. Die verräterische Ratte wuselte nass zwischen den nackten Füßen ihres Besitzers hindurch und verschwand in dem offenen Käfig, der unter dem völlig zugestellten Fensterbrett stand. Leere Bierflaschen und vertrocknete Topfpflanzen drängten sich auf engsten Raum. Der Fernseher lief. Die Decke auf dem Schlafsofa war zerwühlt. Mein Magen knurrte. Boah, hatte ich Hunger.

„Scheiße.“ Menachem verzog albern das Gesicht. Scheiße schien neuerdings sein Lieblingswort zu sein. Erneuter Lachflash meinerseits. „Scheiße, Veik. Ich habe dich tausendmal angerufen.“

Ich lachte, bekifft und lärmend, während Menachem die Wohnungstür schloss und dabei den Kopf schüttelte. Sein dunkles Haar war zerzaust. Er wirkte blass und müde. Ich lehnte mich kurz gegen die Wand, dieses Mal war die Wand auch wirklich eine, und kniff die Augen zusammen. Die Wohnung drehte sich. Nein, das Haus drehte sich. Nein, die ganze verdammte WELT drehte sich. Rundherum. Immer im Kreis. Wie ein Karussell. Extra-EXTRA-Runde! Spaß, Spaß, Spaß!

„Veik? Bist du okay?“ Verschwitzte Finger berührten meine kalte Stirn. „Alter, ernsthaft. Du machst mir Angst.“

Ich lachte und lachte. Ich bekam mich überhaupt nicht mehr ein. Alles war witzig. So unfassbar komisch. Das Leben war eine einzige Satire. Wieso merkte das keiner? Nichts hatte einen Sinn, keine Bestimmung, sondern war eine endlose Ansammlung von zufälligen Ereignissen. Dingen. Taten. Worten.

Menachem lachte nicht. Er heulte. Rotz und Wasser. Seine Augen waren nass. Seine linke Wange klebrig und feucht, als er sie gegen meine rieb. Wir standen immer noch im kleinen und engen Flur. Menachem roch nach Bier, frischem Schweiß und so, wie er irgendwie immer roch. Nach Waschpulver und warmen Brot. Ich war noch nie in Israel gewesen, aber ich stellte mir völlig naiv vor, dass dort alle wie Menachem rochen. Es vergingen Jahre. Jahrhunderte. Wir waren wie zwei Bäume. Festgewachsen. Die Wurzeln tief in den Boden gegraben - und dennoch haltlos. Im freien Fall. Immer nach unten. Nie nach oben. Pure Physik.

Ich lachte nicht mehr. Menachem hatte aufgehört zu heulen. Wir schwiegen. Wie echte Profis. Einatmen. Ausatmen. Einatmen -

„Veik.“

- ausatmen

„Ich mag dich.“

- einatmen

„Wirklich.“

- ausatmen

Menachems Mund war nass und schmeckte nach Salz. Tränen und Bier. Seine Zähne stießen gegen meine. Seine Finger und Handflächen waren schwitzig. Sie klebten auf meiner Haut. Auf meinen Wangen. Ich wünschte, ich wäre weniger stoned. Oder mehr. Oder gleich der König der Welt. Herrscher über tausend Städte voller Hundescheiße.

Ich bekam langsam aber sich keine Luft mehr. Ich erstickte an Menachems Gier. Knick-Knack zerbrach unsere Freundschaft in tausend Stücke. Menachem verzog das Gesicht, als ich ihn wegstieß. Nicht so grob wie beim ersten Mal in dieser Nacht, aber kräftig genug, dass er nach hinten stolperte. Seine nackten Füße patschten über den alten Holzboden. Wir starrten uns an.

„Wieso bist du immer so ein Arsch, Veik?“

Gute Frage. Nächste, bitte.

Menachem sah aus, als würde er jeden Moment wieder heulen. Ich kannte ihn seit über acht Jahren und hatte ihn in dieser Zeit nicht einmal flennen sehen. Und dann heute, ausgerechnet HEUTE an Neujahr, wurde er emotional. Seine Tränen machten mich aggressiv. Trotz des Punker-Joints, der immer noch ordentlich knallte.

„Wieso hast du alles kaputtgemacht?“ Ich stieß mich stolpernd von der Wand ab. Wie ein Profi-Wrestler im Ring. Das Publikum johlte begeistert. Jetzt wurde es spannend. Die Show begann. „Wieso musst du mich plötzlich anfassen? Weißt du was, Mann? Ich hasse dich!“

Meine Worte waren die brennende Zündschnur. Menachem der Feuerwerkskörper. Er flog zischend in die Luft.

Seine Rechte war mies. Seine Linke ebenfalls. Menachem explodierte in tausend knallende Farben, irgendwo hoch oben am Himmel, nur um als verbrannter Müll wieder auf die Erde zu regnen. Er schlug wie irre auf mich ein. Ich schlug zurück. Erwiderte seinen Zorn mit der gleichen Heftigkeit. Nur langsamer. Bekifft zu kämpfen war wie das Meer zu teilen. In einzelne Tropfen.

Wir packten uns an den Hälsen. Wir schlugen uns. Wir waren völlig entgleist. Meine Finger vergruben sich in Menachems schwarzen Locken und rissen und zerrten. Sein Kopf schnellte in den Nacken und sein Hinterkopf knallte brutal gegen die Wand. Menachems Beine sackten weg. Ich sackte mit. Mir war schwindelig und schlecht. Mein Kopf dröhnte, als wäre es mein Schädel gewesen, der gerade heftig gegen die Wand geknallt war. Ich hatte Hunger. So unglaublichen Hunger…

Zusammen hockten wir auf dem kalten Holzboden. In meinem Mund war Blut. Unter meinen Fingern Menachems Haar. Keine Ahnung, ob es Menachems Kopf war, der sich bewegte - oder meiner. Mund krachte auf Mund. Wir trafen uns wie zwei Kontinentalplatten, die Bock auf Randale hatten. Beben der Stärke 8,0.

Meine Finger krallten tiefer. Fester. Menachems Hände schoben sich unter meine schwarze Trainingsjacke. Schwitzige Handflächen rutschten meinen nackten Rücken hinauf. Unsere Wut vermischte sich, ebenso wie unser Atem. Wir waren Ventile, nichts als Ventile. Menachem heulte schon wieder, aber egal. Egal, egal, egal.

Ich hatte immer noch Hunger und mein Kopf war voller Watte.

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