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Ehrensache

Teil 2 - 1996-1997

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Inhaltsverzeichnis

- Sommer, 1996 -

Der Mann im grauen Anzug schwitzte. Er wischte sich immer wieder mit einem fleckigen Tuch über das runde und rote Gesicht. Viele Männer schwitzten, wenn Vagna in der Nähe war, aber dieser Mann hier schien jeden Moment flüssig zu werden und davon zu fließen. Er lief aus, als wäre er eine undichte Wasserflasche.

„Seien Sie doch vernünftig, Frau Witzke.“ Der Schweißmann spielte nervös mit seinem Taschentuch herum. Seine Finger waren kurz und dick. „Ein Junge wie Gerri braucht spezielle Förderung.“

Vagna, die trotz Rauchverbot ihre zweite Zigarette einatmete, verzog mürrisch das Gesicht. Meine Mutter und ihre Kippen, unzertrennlich. Vagna beugte sich auf dem Stuhl etwas nach vorne und musterte den schwitzenden Mann. Das Möbelstück unter ihrem riesigen Körper ächzte leidend. „Wieso?“, brummte sie. „Gerri ist ein Idiot. Na und? Was wollen Sie tun, Sie Lackaffe? Ihm etwa ein neues Gehirn einsetzen?“

Der Mann wurde fast ohnmächtig.

„Himmel, nein! Frau Witzke, so habe ich das nicht gesagt.“

„Aber Sie haben es gedacht. Deswegen sitzen wir doch überhaupt erst hier. Sie glauben, dass mein Sohn dumm ist. Nicht ganz hell in der Birne.“

Der Mann starrte und schwitzte. Vagna starrte ebenfalls, schwitzte aber nicht. Sie hatte nie vor irgendwas Angst. Auch nicht vor Männern in grauen Anzügen, die Bälle nach mir warfen, mich auf einem Bein hüpfen ließen und mir schwere Fragen stellten, die ich nicht kapierte. Dieser Einschulungskram war genauso blöde wie der im letzten Jahr.

„Gerri ist für sein Alter sehr groß.“ Der Schweißmann sah aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. „Körperlich gesund. Topfit, der Junge. Alle Achtung! Aber sein Reaktionsvermögen und seine Konzentration sind, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Ganz zu schweigen von seinem Gleichgewichtssinn. Zudem legt Gerri ein unglaublich aggressives Verhalten an den Tag. Er hat den Arzt gebissen, als dieser ihm die Mütze ausziehen wollte.“

„Er hat’s nicht so mit den Ohren.“

Gebissen, Frau Witzke. Der gute Mann musste mit drei Stichen genäht werden.“

„Na und?“ Vagna zuckte mit den Schultern. „Kinder beißen. Gehört dazu. Sie als Vollprofi müssten das doch wissen. Pädagogischer Kram, und so. Sind wir hier fertig?“

Der Mann starrte meine Mutter an, als wären ihr gerade zwei Köpfe gewachsen.

„Ob wir hier fertig sind?“, fragte er und schnappte hörbar nach Luft. „Meine Güte, nein! Gerri ist bereits sieben. Ein siebenjähriger Junge, der das Verhalten eines Kleinkindes an den Tag legt, indem er sich stur sämtlichen Tests verweigert und beißt.“

„Und?“

„Frau Witzke, das durchschnittliche Alter liegt bei sechs. Gerri wird nächstes Jahr bereits acht.“

„Und?“

Ich zog den Kopf ein. Ich kannte diesen Tonfall. So redete Vagna immer, wenn sie wusste, dass ihr Gegenüber den Kürzeren gezogen hatte. Sie redete so, wenn Lemis und Lew mal wieder heimlich auf dem Dachboden rauchten. Sie redete so, wenn sie mich dabei erwischte, wie ich erfolglos versuchte die Spardose in der Küche aufzubrechen. Sie redete so, wenn sie ihre Stimme darauf vorbereitete jeden Moment laut zu werden.

Und niemand brüllte lauter als Vagna Witzke.

Der Mann im grauen Anzug war jedoch nicht aus der Gegend. Er kannte Vagna nicht, daher lief er geradewegs in die Falle. „Nun, Frau Witzke. Versetzen Sie sich doch einmal in Gerris Lage. Wenn er erst nächstes Jahr eingeschult wird, ist er acht Jahre alt. Er ist jetzt schon größer als die meisten Jungen in seinem Alter. Er wird größer und älter sein als alle anderen Kinder.“

Vagna rauchte nachdenklich. Sie starrte den Mann ohne zu blinzeln an. „Was wollen Sie mir damit sagen?“

Der verschwitzte Mann wischte sich nervös über das Gesicht. „Ich will damit sagen, Frau Witzke, dass Gerri dieses Jahr eingeschult werden muss. Er wird spezielle Förderung benötigen, wie bereits erwähnt. Es wird ohne jeden Zweifel ein steiniger Weg, aber ein erneuter Aufschub ist aus pädagogischer Sicht nicht vertretbar. Gerri ist längst schulpflichtig.“

Mit einem lauten Schnapp! schlug die Falle zu.

Die Zigarette qualmte noch kurz, dann drückte Vagna sie aus, indem sie ihren linken Zeigefinger und die Überreste ihres verstümmelten Daumens mit Spucke befeuchtete und das glühende Ende des Glimmstängels einfach zusammendrückte. Die Kippe verschwand in einer der unzähligen und magischen Taschen ihrer schwarzen Arbeitshose. Dann gab Vagna Vollgas.

„Gerri muss einen Scheiß!“, donnerte sie so laut, dass der Schweißmann wie geschlagen zusammenzuckte. „Wenn er Ihnen und Ihrer blöden Pädagogik nicht in den Kragen passt, dann bleibt er halt ein weiteres Jahr zu Hause. Diese verdammte Einschulung läuft schon nicht davon.“

„Frau Witzke, hören Sie mir doch bitte richtig zu -“

„Nein, Sie verdammter Lackaffe. Sie hören mir jetzt zu!“

Vagna stand so heftig von ihrem viel zu kleinen Stuhl auf, dass dieser laut polternd nach hinten kippte. „Gerri wird nicht auf Biegen und Brechen in dieses dumme System hineingequetscht, nur weil er aus der Reihe tanzt. Förderung? Von wegen!“

„Sie verstehen überhaupt nicht -“

„Oh, und wie ich verstehe. Na los, Gerri. Bewege deinen Arsch. Wir gehen.“

„Frau Witzke -“

„Wir sind hier fertig, Sie aufgeblasener Fatzke. Ich wünsche einen beschissenen Tag.“

Der Schweißmann sagte noch irgendwas, jedoch sollte die Welt niemals erfahren, was es war. Seine Worte gingen in dem lauten Krachen der zuknallenden Tür unter. Vagna zerrte mich wütend am Handgelenk hinter sich her, während sie sich laut über den arroganten Blödmann aufregte, der zu dumm zum Scheißen war. Wir polterten an einer Wartebank vorbei, die voll besetzt war mit aufgeregten Kindern und deren Eltern, die im Alphabet noch nach W kamen. W, wie Witzke. Ich kannte zwar noch nicht das gesamte Alphabet, aber wie sagte Opa immer? Buchstaben sind wie Poker. Man lernt den Kram, nur um dann ein Leben lang zu bluffen.

Die Kinder starrten die fluchende Vagna mit großen Augen an, während empörte Mamas und Papas ihnen rasch die Ohren zuhielten. Vagna kümmerte sich nicht groß darum. Sie zerrte mich grob den Gang entlang, bis zu der breiten Holztreppe, die irgendwie nach Motten und Staub roch. Das Gebäude, indem man mich schon letztes Jahr mit einem Ball abgeworfen und mir blöde Fragen wegen der Schule gestellt hatte, war das ehemalige Rathaus. Alles in dieser Kleinstadt war ehemalig. Ehemalig hieß, dass man in einem Haus etwas völlig anderes tat, als man eigentlich tun wollte. Im Rathaus Kinder mit einem Ball abwerfen und komische Fragen stellen, zum Beispiel.

Vagna zerrte mich quer über den Parkplatz. Die Sonne knallte vom Himmel und meine Haare unter der dicken Strickmütze klebten an meinem Kopf. Die Mütze war wichtig. Ich zog sie nur zum Duschen und zum Schlafen aus und das auch nur, weil Vagna damit gedroht hatte sie zu verbrennen, wenn sie mich noch einmal damit im Bad oder im Bett erwischen sollte. Lew hatte die Mütze gestrickt. Im Jugendknast, der gar kein echter Knast war und auch keine Irrenanstalt, wie Lemis immer blöd grinsend beschwor. Man durfte den Zwillingen nichts glauben. Das war sogar mir klar. Mir, als Idiot.

Wims verheultes Gesicht begrüßte uns. Er presste es fest gegen das schmierige Beifahrerfenster des alten Ladas. Von Innen.

„Scheiße!“, fluchte Vagna. „Den habe ich ja ganz vergessen.“

Mein jüngerer Bruder presste sein rotziges und nasses Gesicht noch etwas fester gegen die Scheibe und starrte uns vorwurfsvoll an.

„Ich muss Pipi!“, jammerte er, kaum hatte Vagna das Auto aufgesperrt und den verheulten Wim vom Beifahrersitz gezerrt. „PIPI!“

„Nix Pipi. Wir sind gleich zu Hause, dann kannst du auf’s Klo.“

Vagna kämpfte den sich windenden Wim mühelos auf seine Sitzerhöhung und schnallte ihn an.

„Ich muss aber jetzt! Pipi-Pipi-PIPI!“

„Gerri“, knurrte Vagna, während sie die Überreste ihrer letzten Zigarette aus den Tiefen ihrer Hosentaschen zauberte. „Was tun große Jungs?“

„Petzen“, sagte ich wie aus der Pistole geschossen. „Petzen was das Zeug hält.“

„Ganz genau. Große Jungs petzen, wenn sie Pipi müssen. Bist du ein großer Junge, Wim?“

„Ja“, murmelte Wim verheult. Er breitete die Arme aus. „Soooooo groß bin ich!“

„Also wirst du was nicht tun? Und besonders nicht in meinem Auto?“

„Pipi machen.“

Vagna zündete sich zufrieden die Zigarette an. „Schlauer Bursche. Und schlaue und große Jungs bekommen auch keinen Ärger mit der gigantischen Vagna.“

Vagna tat so, als würde sie wie ein wütender Riese auf und ab stampfen. Wim lachte kreischend und klatschte begeistert, denn er liebte Vagnas Riesen-Nummer. Ich verzog das Gesicht, weil mir sein Lachen in den Ohren weh tat. Mir tat so ziemlich alles in den Ohren weh. Meiner Meinung nach wäre die Welt besser, wenn es keine Geräusche geben würde.

„Entschuldigen Sie mal!“

Eine Frau mit braunen Haaren und einem roten Sonnenhut kam auf uns zu. Sie hatte eine rote Handtasche, ein rotes Kleid und rote Fingernägel. Ihr Gesicht war kreidebleich.

„Ihnen sei verziehen“, brummte Vagna. „Und jetzt verpissen Sie sich.“

Die bleiche Frau verpisste sich jedoch nicht, also nicht so wie Wim, wenn er mal wieder Pipi musste und es einfach laufen ließ, sondern im metaphorischen Sinne. Ich hatte das Wort erst kürzlich gelernt und verwendete es laut Vagna „stolz wie Oskar“, wobei ich keine Ahnung hatte, wer dieser Oskar war.

Die Frau deutete mit einem vor Wut zitternden Finger auf Wim, der sie verwirrt von seinem Kindersitz aus anstarrte. „Es sind fast dreißig Grad im Schatten und SIE - “, der Finger zeigte nun auf Vagna, „ - haben einen kleinen Jungen bei geschlossenen Fenstern in der grellen Sonne zurückgelassen! Wissen Sie eigentlich, wie schnell so ein armer Wurm dehydriert?“

Ich wusste nicht, was dieses dehydingsbums bedeutete, aber ich wusste, dass Wim kein Wurm war. Auch wenn er immer ein wenig schleimig und klebrig war und sich irgendwie am wohlsten fühlte, wenn er von Dreck und seinem eigenen Pipi umgeben war. So gesehen könnte er tatsächlich ein Wurm sein. Ein Wurm mit zwei Beinen.

Vagna starrte die Sonnenhut-Frau nachdenklich an.

„Verstehe“, brummte sie schließlich. „So eine sind Sie.“

„Bitte?“

„Na, eine Einmischerin. Eine, die alles besser weiß. Ich wette, Sie haben nicht mal eigene Kinder. Trotzdem nett, dass Sie mich an Ihrer ungebetenen Weisheit teilhaben lassen. Und nun trollen Sie sich, Schneewittchen. Dem Kleinen geht es gut. Ist ja nicht das erste Mal, dass er im Auto vergessen wurde.“

Die Frau wurde noch bleicher. „Schämen Sie sich denn überhaupt nicht, dass Sie ein Kind vergessen haben?“

Vagna zuckte mit den Schultern.

„Passiert“, sagte sie ungerührt. „Kinder sind wie Autoschlüssel. Die liegen nie dort, wo sie liegen sollen.“

Die Frau sagte nichts mehr, sondern starrte nur mit offenem Mund dem alten Lada nach, als Vagna mit knatterndem Motor vom Platz fuhr. Die alte „Russenkiste“ war laut dem alten Kaminski schon seit Jahren nicht mehr zugelassen, jedoch kümmerte sich weder Vagna, noch der Lada irgendwie groß um irgendwelche Zulassungen und TÜV. Die Kiste fuhr noch, also wurde auch mit ihr gefahren. So einfach war das.

„Merk dir eins, Gerri.“ Vagnas riesige Hände umklammerten das Lenkrad so fest, dass ihre Knöchel weiß hervortraten. „Leute wie dieser Fatzke und diese Tusse haben keine Ahnung. Die tun nur so. Hör niemals auf Idioten. Wenn du schon Scheiße baust, dann stets deine eigene. Niemals die eines anderen.“

Wim summte auf der Rückbank eine Melodie, die er in Vagnas und Kords Werkstatt aufgeschnappt haben musste. Das ganze untermalte er mit seinem neusten Hit „Pipiwurm muss Pipi“. Wim hatte ein Gespür für Melodien und Musik, genau wie Vagna und Kord, nur seine Texte waren ziemlicher Blödsinn. Aber so waren Vierjährige nun mal. Klebrig und blödsinnig.

„Hast du das verstanden, Gerri?“

Vagna sah mich kurz ernst an, ehe sie wieder verbissen auf die Straße starrte. Ich nickte, auch wenn ich überhaupt nichts verstanden hatte.

Es sollte noch einige Jahre dauern, bis mir vollständig klar wurde, was mir meine Mutter damit sagen wollte.

Ich wurde wie zu erwarten nicht eingeschult. Nur, weil irgendein Ministerium für Bildung die alberne Meinung vertrat, alle Kinder müssten auf die Sekunde genau in dieses Irrenhaus namens Schule gesteckt werden, hieß das noch lange nicht, dass es Vagna Witzke auch so sah. Nach langen und ziemlich lauten Telefonaten mit irgendeiner armen Sau in Berlin war die Sache klar. Meine Gnadenfrist wurde um ein weiteres Jahr verlängert.

Während alle anderen Kinder im Osten zur Schule mussten, verbrachte ich die Tage im kleinen Werkzeugschuppen hinter der Werkstatt von Vagna und Kord und sammelte zwischen rostigen Sägen, Schrauben und Zangen tote Insekten. Egal ob Schmetterling, Spinne oder Grashüpfer. Ich sammelte alles auf, was ich finden konnte. Vorausgesetzt, es war tot. Tote Tiere machten keine Geräusche. Vagna und Kord war es egal, was ich in dem Schuppen trieb, so lange es nichts mit Feuer und Silvesterböller zu tun hatte.

Kord hatte mir zum siebten Geburtstag sogar eine große Tafel aus Holz gebastelt, auf der ich die toten Motten und Schmetterlinge befestigen konnte. Die Käfer kamen in ein großes Glas. Niemand durfte in den alten Werkzeugschuppen. Niemand durfte irgendwas anfassen, außer ich. Alle hielten sich daran und selbst die Zwillinge ließen mich dort in Ruhe. Nur Wim, der als Jüngster davon überzeugt war, dass sämtliche Regeln der Witzke-Brüder nicht für ihn galten, tauchte ständig auf. Er wollte alles mit seinen klebrigen Händen befummeln und heulte und schrie, wenn ich ihn an den Haaren packte und aus dem Geräteschuppen schleifte.

Ich machte was ich wollte, während die anderen Kinder in stickigen Räumen eingesperrt stumpf dummes Zeug lernen mussten. Aber auch meine Freiheit endete. Ein Jahr später, im Sommer 1997, war es dann auch für mich so weit. Es gab keinen Aufschub mehr. Ich war fällig und meine Hinrichtung bestand aus neun bis zehn langen Jahren voller Lärm und dummen Aufgaben.

1997 war jedoch ein besonderes Jahr. Es war das Jahr, in dem die Çeliks nach Deutschland kamen. Sie kauften die ehemalige Bäckerei in der Innenstadt auf, direkt neben der ehemaligen Post, und eröffneten einen überhaupt nicht ehemaligen Gemüseladen, den niemand haben wollte. Zumindest war das so, ganz am Anfang, lange bevor wirklich jeder regelmäßig bei den Çeliks einkaufte, weil es dort das beste Obst und Gemüse der ganzen Stadt gab.

1997 war das Jahr, in dem sich die Idioten und Hexen aus dem Ort über die Fremden beschwerten. Indem der alte Kaminski gegen die Neuen stachelte und die Sankt Johannes Grundschule sich stur weigerte, muslimische Kinder aufzunehmen. Die Çeliks waren nämlich nicht nur fremd, sondern gehörten auch einer anderen Religion an, was dem uralten Schuldirektor fast einen Herzinfarkt verpasste. Der trauerte nicht nur der DDR nach, sondern war auch davon überzeugt, dass die Fremden nichts als Ärger bedeuteten. Die ganze Angelegenheit führte zu einem ziemlichen Skandal, nachdem sich die Oberaufsicht der Schulbehörde einmischte und den alten Schrat endlich in Rente schickte. Seine Nachfolge war niemand anderes als die Krallenberg. Die Kralle, wie sie von allen genannt wurde, war streng, aber um einiges moderner als ihr Vorgänger. Sie kam aus dem Westen und bezeichnete den getrennten Sportunterricht von Mädchen und Jungen als überholt. Sie setzte mit ihrer Amtseinführung nicht nur das gemeinsame Turnen durch, sondern wurde auch die erste weibliche Direktorin in der Geschichte der Sankt Johannes.

1997 war somit ein verrücktes Jahr. Es war das Jahr, in dem Mädchen und Jungen zum ersten Mal in der gleichen Halle Sport machen durften. Es war das Jahr, wo ein bereits achtjähriger eingeschult wurde - zusammen mit einem muslimischen Jungen, der kein Wort Deutsch konnte.

Serif und ich waren die ersten unserer Art. Wir waren Pioniere, die sich zwar nicht verständigen konnten, sich aber von der ersten Minute an wortlos verstanden. Wir waren dazu bestimmt, Freunde zu werden.

Der Rest war scheißegal.

- Sommer, 1997 -

„Jetzt beeilt euch endlich, verdammt nochmal!“

Vagna scheuchte uns die breiten Steinstufen zur Kirche hinauf. Orgelmusik war zu hören und der Schulchor, der wie jedes Jahr zur Einschulung seinen großen Auftritt hatte. Die Zeremonie war bereits im vollen Gange. Wir waren hoffnungslos zu spät.

„Na los!“ Vagna riss grob die schwere Tür der Kirche auf. Die Orgelmusik war ohrenbetäubend. „Zackzack!“

Wir stürzten genau in dem Moment laut keuchend und polternd in den riesigen und hohen Saal, als die Musik verstummte und der Schulchor unter Applaus den vorderen Bereich beim Altar verließ. Sauber geordnet, einer nach dem anderen. Die zukünftigen Erstklässler standen in einem weiten Halbkreis um den Altar herum und grinsten breit. In den Händen hielten sie riesige Schultüten, die zum Platzen gefüllt waren.

Ich hatte keine Schultüte. Vagna hielt nichts von diesem Schwanzvergleich, der immer dann unter den Eltern entbrannte, wenn es darum ging, dass das eigene Kind nur das Beste vom Besten hatte. Ich tauchte also nicht nur zu spät, sondern auch mit leeren Händen auf.

Getuschel brach in den Reihen aus. Stolze Eltern, die sich für heute extra schick gemacht hatten, steckten wie kleine Kinder die Köpfe zusammen und zerrissen sich mal wieder das Maul über andere. Bevorzugt über meine Familie.

„War ja klar“, hörte ich eine Frau direkt am Gang zischen. „Wenn einer zu spät kommt, dann die.“

Vagna ignorierte das Gemurmel und stampfte zu einer kaum besetzen Bank in der letzten Reihe. Kord folgte ihr, den müden Wims auf dem Arm, während die Zwillinge noch kurz bei mir stehen blieben.

„Werde vorne bloß nicht ohnmächtig.“ Lemis schlug mir hart auf den Rücken. Er hatte mal wieder die Fingernägel lackiert. Schwarz. „Kinder, die vorne ohnmächtig werden, frisst der Pfarrer auf.“

„Und starr der Maria nicht so auf die Titten.“ Lew grinste blöd und deutete auf eines der bunten Bilder. „Auch wenn sie echte Mörderglocken hat.“

„LEMIS! LEW!“, donnerte Vagna ohrenbetäubend laut. Sämtliche Anwesenden zuckten zusammen. „HERKOMMEN! GERRI! NACH VORNE!“

Wir stolperten zeitgleich los. Die Zwillinge verzogen sich lachend und sich raufend zu Vagna und Kord, während ich mit schmerzenden Ohren so lustlos nach vorne schlurfte, dass man meinen könnte, ich wäre ein Verurteilter auf dem Weg zu seiner Hinrichtung.

Der uralte Pfarrer hatte die Arme hinter dem Rücken verschränkt und starrte mich zornig an. Der graue Gottesmann mochte es ganz eindeutig nicht in seiner Prozession gestört zu werden. Seiner Meinung nach war das hier keine blöde Einschulung, sondern ein heiliges Ritual, welches über den Fortbestand der Menschheit bestimmte.

„Mütze aus!“, zischte mich der Pfarrer gereizt von der Seite an. „Sofort!“

Der alte Mistkerl konnte mich mal. Ich behielt die Mütze stur auf, was ihn nur noch zorniger machte. Er blaffte mich an, mich gefälligst endlich zu den anderen zu stellen, damit man fortfahren könnte. Unter meinen zukünftigen Mitschülern brach Gekicher aus, als ich mich ganz an den Rand stellte. Ich überragte sämtliche Kinder um gut einen Kopf.

„Sieh dir mal seine Tasche an.“ Katharina, ein rothaariges Mädchen, stieß kichernd ihre blonde Freundin an. „So eine will ich auch.“

Ich spürte, wie meine Ohren unter der Strickmütze rot wurden. Mein ganzes Gesicht brannte und ich zog rasch meine Schultasche aus um sie hinter meinen Beinen zu verstecken, was nur für weiteres Gekicher sorgte. Ich hatte nicht nur keine Schultüte, sondern auch keine nagelneue und selbst ausgesuchte Schultasche, so wie die anderen Kinder. Es fehlte mal wieder an allen Ecken Geld und somit war ich dazu gezwungen, vorerst die alte Tasche von Lemis zu benutzen.

Zu meinem großen Pech hatte mein älterer Bruder kurz vor seiner eigenen Einschulung seine Leidenschaft für das Ballett entdeckt und stur auf eine dazu passende Schultasche beharrt. Vagna und Kord waren keine Eltern, die ihren Kindern irgendwelche Farben verboten. Ihnen war es allerlei, ob ein Junge Rosa oder Blau mochte und so war Lemis vor Jahren höchst zufrieden mit einer furchtbar kitschigen Ballerina-Schultasche eingeschult worden. Ich war weniger begeistert und hasste Lew dafür, dass er seine viel coolere Dinosaurier-Schultasche angezündet hatte, kaum war er mit der Grundschule fertig gewesen. Die Zwillinge hatten die Sankt Johannes Grundschule gehasst und wie es aussah, würde es bei mir kein Stück besser laufen.

Zu meiner großen Überraschung war ich jedoch nicht das einzige Kind, welches keine Schultüte hatte. Wie es schien hatte niemand den Neuen erklärt, wie so eine Einschulung hier ablief, denn der Çelik Junge stand ebenfalls mit leeren Händen da. Seine Schultasche war auch nicht wirklich die neuste und schien aus Leder zu bestehen, anstatt aus buntem Stoff mit Tiermotiven. Aber meine Fresse, schick sah er aus.

Während ich kaputte Turnschuhe, ein altes Shirt und die Jeans von gestern trug, sah der dunkelhaarige Junge aus, als würde er nicht eingeschult werden, sondern hier und jetzt heiraten. Er trug polierte Schuhe, einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und roter Fliege. Seine Locken waren mit Gel frisiert und er starrte so grimmig zu Boden, als würde er jeden Moment mit einem Anschiss vom Herrn persönlich rechnen. Die Fremden waren vor wenigen Wochen aufgetaucht. Ich wusste nur wegen Opa Bescheid, der sich über den alten Kaminski und seine dummen Sprüche aufgeregt hatte.

Alles miese Nazischweine“, hatte Opa gelallt, als er vor ein paar Nächten von seiner üblichen Pokerrunde nach Hause gestolpert war. Wie immer völlig besoffen - und noch mehr pleite, als zuvor. „Alles miese Feiglinge. Hass macht einen dumm. Hört ihr, Jungs? Dumm.“

Der Pfarrer machte eine ziemlich große Sache daraus, sich für diese unerhörte Unterbrechung zu entschuldigen und fuhr damit fort, aus einer Einschulung einen religiösen Staatsakt zu machen. Er redete irgendwelches Zeug über die Wichtigkeit von Wissen und Demut und zitierte immer wieder irgendwelche Textstellen aus der Bibel. Niemand hörte ihm zu. Die stolzen Eltern waren viel zu sehr damit beschäftigt mit teuren Kameras unzählige Fotos und Videos von ihren Kindern vorne beim Altar zu machen, während die zukünftigen Wissensträger sich gegenseitig mit ihren Süßigkeiten aus den Schultüten die Nasen lang machten.

Ich schaute mir während des ganzen Geschwätz gelangweilt die Fensterbilder an und starre dabei besonders auf Marias Brüste. Viel war von denen nicht zu sehen. Immer mal wieder schaute ich kurz zu meiner Familie, die allein schon wegen ihrer Kleidung auffiel. Während sich die anderen Eltern schick gemacht hatten, trugen Vagna und Kord schwere Arbeitskleidung. Sie saßen mit Stahlkappen und Arbeitshose zwischen Anzügen und Sommerkleidern. Vagnas blondes und kurzes Haar ragte wie ein explodiertes Vogelnest aus der Menge heraus, während Kord seine langen Haare wie immer als lockeren Pferdeschwanz trug. Lemis und Lew trugen die gleichen Sachen, die sie schon seit Tagen trugen, wobei sie in der Hektik heute Morgen ihre Schuhe vertauscht hatten. Wim saß im Schlafanzug und Gummistiefel auf Kords Schoß und schniefte unzufrieden. Niemand hatte in der Panik seinen Stoffaffen finden können und ohne seinen Affen war für meinen kleinen Bruder der Tag gelaufen.

Die Witzkes waren ein chaotischer Haufen aus zerwühlten Haaren und offensichtlich verschlafener Unordnung. Andere Familien drehten sich immer mal wieder tuschelnd zu ihnen um. Jedoch wurde nicht nur über meine Familie getuschelt. Die Çeliks, die Fremden mit dem neuen Geschäft, waren ebenfalls gefundenes Fressen für die Lästerhexen.

Die Çeliks saßen etwas Abseits von allen. Sie waren ruhig, machten keine Fotos und schienen sich generell überhaupt nicht zu bewegen. Der Mann sah aus wie der schicke Junge. Dunkelhaarig und gebräunt, während die Frau fast noch blasser wirkte als meine Mutter. Sie trug ein buntes Kleid aus Perlen, welches leicht schimmerte. Ihre Haare waren von einem Tuch bedeckt, welches noch bunter war als ihr Kleid. Besonders das Tuch schien die anderen Frauen zu stören. Ständig drehte sich irgendeine Mutter mit Hochsteckfrisur zu der Frau um und schüttelte empört den Kopf.

Der Pfarrer kam endlich zum Ende seiner langen Volksrede und erwartungsvolle Stille herrschte. Drei ältere Schüler, die vermutlich Mist gebaut hatten und nun als Strafe hier antanzen mussten, trugen einen kleinen Baum ohne Blätter in den Saal. Spätestens jetzt fotografierten und filmten die ganzen Mamas und Papas was das Zeug hielt. Der Baum wurde unter lauten „Ohs!“ und „Ahs!“ direkt vor den Altar gestellt. Die drei Jungs tollten sich wieder, nicht ohne sich gegenseitig anzurempeln. Frau Pohl, meine zukünftige Klassenlehrerin, trat mit einem bunt bemalten Korb neben den Pfarrer. Ich wusste, was in dem Korb war. Diese ganze Nummer war seit Jahrzehnten schon Tradition bei der Sankt Johannes Grundschule. Jedes Jahr musste jeder einzelne Erstklässler seinen Namen an den Baum der Weisheit hängen. Es war total bescheuert und Vagnas Meinung nach auch eine absolut unnötige Müllproduktion.

Der Namen eines jeden Kindes stand auf einem Stück Papier, welches wie ein Ahornblatt geformt war. Man wurde nach alphabetischer Reihenfolge aufgerufen, bekam feierlich sein Blatt überreicht und hatte es dann an den blöden Baum zu hängen. Wenn alle Kinder durch waren, wurde nochmal ein Gebet runtergeleiert und man durfte endlich aus dieser dummen Kirche raus. Alle Eltern und Kinder wussten; wenn der Baum aufgestellt wurde, war endlich ein Ende in Sicht.

Der Pfarrer rief jedes einzelne Kind laut und deutlich auf. Rahel Amsel. Viktor Baumann. Lea Brüssel. Nach Robin Casper kam der alte Mistkerl ins Stocken. Er starrte einen Moment lang ehrlich irritiert auf das Blatt in seiner Hand, dann zu Frau Pohl. Diese zuckte sichtlich verlegen mit den Schultern.

„Serif“, donnerte der Pfarrer mit dramatischer Pause. „Cählik!“

Unzählige Blicke richtete sich auf den fremden Jungen, der immer noch grimmig auf den Boden starrte. Er rührte sich nicht. Er stand dort hübsch angezogen und völlig verloren.

„Du musst das Blatt holen“, murmelte ihm Robin zu. Er hielt sich ganz eindeutig für einen Experten, nur weil er schon an der Reihe gewesen war. „Na los, hol es schon. Holen und aufhängen.“

„Der Araber versteht dich nicht“, ätzte Benjamin Stahlmann, die blöde Sau. Er hatte die größte Schultüte von allen. „Mein Papa sagt, die können alle kein Deutsch.“

Gemurmel brach aus, als sich Serif immer noch nicht in Bewegung setzte. Er starrte auf den Boden, als wäre er ganz alleine auf dieser Welt. Als würde es nur ihn geben und alle anderen wären egal. Der Pfarrer verlor schließlich die Nerven. Er stampfte nach vorne, packte Serif grob am Arm und drückte ihm das Blatt in die rechte Hand. Ein Fehler.

Serif ließ das Blatt so erschrocken fallen, als wäre es eine lebende und riesige Made. Er stolperte sichtlich verwirrt nach hinten, wobei er über seine Schultasche fiel und prompt nach Luft schnappend auf seinem Hintern landete. Lautes Gelächter brach aus und Serif wurde mit einem Schlag kreidebleich. Dann fing er an zu weinen.

Ich hatte noch nie einen anderen Jungen weinen gesehen, abgesehen von Wim. Aber der zählte nicht, denn Kleinkinder heulten immer. Lemis und Lew meinten, dass echte Männer niemals weinen dürften. Es sei denn, man hatte ihnen mit Anlauf in die Eier getreten. Serif mit den dunklen Augen hatte aber niemand getreten. Niemand hatte ihm wehgetan, und dennoch hockte er da halb auf seiner Tasche, halb auf dem harten Steinboden und heulte Rotz und Wasser.

Frau Pohl versuchte ihn erfolglos zu trösten, während sie ihm vorsichtig aufhalf. Sie murmelte was davon, dass alles gut werden würde und dass ja nichts passiert sei. Von wegen. Dem blöden und gehässigen Grinsen nach zu urteilen, welches sich in den Gesichtern der anderen Jungen ausbreitete, war Serif so gut wie geliefert. Heulsusen mochte keiner.

Serif riss sich von Frau Pohl los, stolperte die wenigen Stufen nach unten und lief zu der sonst verlassenen Bank, wo seine Eltern saßen. Dort nahm ihn seine Mutter in den Arm und schien leise mit ihm zu reden. Kurz darauf verließen die Çeliks die Kirche.

Es dauerte einen Moment, bis sich der Pfarrer und der Rest der Anwesenden wieder gefangen hatten. Die Kameras wurden wieder angeschaltet und die nächsten Kinder wurden aufgerufen, als sei nichts passiert. Niemand folgte den Çeliks. Man tat einfach so, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

„Mein Vater hat gesagt, dass diese Araber nichts als Ärger machen.“ Benjamin Stahlmann tippte sich an die breite Nase. Er sah aus wie ein Schwein in zu engen Hosen. „Ein Kanake und ein Witzke in der Klasse. Das wird lustig.“

„Meine Mama hat gesagt, dass die aus der Türkei sind.“ Robin hob belehrend den Zeigefinger. „Nicht aus… Dings. Arabien.“

„Kanaken sind Kanaken.“ Benjamin grinste blöde, als der Pfarrer ihn aufrief. Er nahm das Blatt entgegen, hob es wie eine Medaille nach oben und schlenderte zum Baum, um es aufzuhängen. Seine Eltern, Mama Schwein und Papa Schwein, riefen laut und stolz seinen Namen. Sie feuerten ihr verzogenes Ferkel so laut an, dass man es in der ganzen Kirche hören konnte. Schließlich war ich an der Reihe.

Der Pfarrer brüllte hörbar unzufrieden meinen Namen, drückte mir das Blatt grob in die Hand und scheuchte mich zum blöden Baum, den ich auch prompt umwarf. Es war wirklich keine Absicht, aber ein wenig Stolz war ich trotzdem.

Zum zweiten Mal herrschte empörte Stille, als der Baum unter Krachen umkippte. Sämtliche Blätter und Namen verteilten sich lose über den Boden. Der Pfarrer zitterte vor Wut. Er starrte mich so wütend an, dass ich jeden Moment mit kochendem Dampf rechnete, der aus seinen Ohren stieg. Wie ein religiös-verrückter Wasserkocher. In der letzten Reihe brach lauter Applaus aus. Die Zwillinge, natürlich.

„Yeah!“, brüllte Lew. „Geiler Scheiß!“

„Zugabe!“, feuerte Lemis hinterher. „Zugabe!“

„PIPI!“, heulte Wim. „Muss Pipi!“

Vagna brummte Wim etwas zu, woraufhin dieser laut zu heulen anfing. Scheinbar war er heute nicht in der Laune, um wie ein großer Junge zu petzen. Ich starrte noch kurz zu dem wütenden Pfarrer, dann tat ich es dem schönen Serif einfach gleich und haute ab.

Manchmal war Abhauen gar nicht so verkehrt.

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