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Ehrensache

Teil 1 - Prolog

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Normalerweise sind meine Vorworte eher humoristischer Natur. Häufig auch ein wenig albern. Ein wenig schräg - und ich wage zu behaupten auch ein wenig fabulous -, aber dieses Mal sind ein paar ernste Worte angebracht. Auch wenn diese Geschichte eher humorvoll aufgebaut ist, will ich in keinster Weise ernste Themen wie Vergewaltigung oder Rassismus als harmlos veranschaulichen – oder gar lächerlich machen.

Hier sei betont, dass nichts explizit beschrieben wird und es sich bei der sexuellen Gewalt um einen „Nebenstrang“ handelt, der im Hintergrund passiert. Hauptsächlich geht es hier um Freundschaft. Liebe. Toleranz. Ein wenig anders sein. Oder auch ein wenig mehr.

Diese Worte lagen mir einfach auf dem Herzen.

In Ehren

N. Kalinina

POLIZEISTATION OST - VERHÖR DES GERRI W. -

Der Polizist wusste, dass ich log. Ich wusste, dass er es wusste und wir wussten beide, dass ich gerade mächtig in der Scheiße steckte. Ich war ein mieser Lügner, schon immer gewesen. Für gute und glaubhafte Lügen brauchte man einen schnellen Verstand. Meine durchschnittliche Denkgeschwindigkeit lag knapp hinter dem lahmarschigen Internet dieser Kleinstadt. Unter Druck versagte ich komplett.

Die Tatsache, dass mich besagter Polizist kannte, machte die Sache auch nicht gerade besser. Jeder Polizist in diesem beschissenen Ort kannte mich. Immerhin war ich ein Witzke - und das bedeutete Ärger. Meine Familie war die ansässige Mischpoke, über die man sich permanent das Maul zerriss. Jede Kleinstadt brauchte ihre Skandale. Ihre Sonderlinge. Diese eine Familie, die zu viele Kinder hatte und zu wenig Geld und Anstand. Besonders der alte Moor hatte es auf mich abgesehen.

„Ich frage Sie nun ein letztes Mal, Herr Witzke.“ Es war merkwürdig, vom alten Moor Herr Witzke genannt zu werden. Normalerweise duzte er mich, ohne jeden Hauch von Respekt. Aber das Aufnahmegerät lief und alles war super offiziell. Spätestens jetzt war klar, dass die Sache ernst war. Für uns alle. „Hören Sie? Ein allerletztes Mal. Denken Sie gut nach. Wo steckt Herr Çelik?“

In Filmen gab es immer einen guten Bullen und einen bösen Bullen. Moor war beides im Alleingang. Gut und böse in einer Person, wobei er heute ausgesprochen müde und grau wirkte. Er war unrasiert. Das Haar hatte er notdürftig mit Gel an den Kopf geklatscht. Er trank löslichen Kaffee, der längst kalt war.

„Wohin ist er abgehauen, Herr Witzke?“

„Ich dachte, Sie wollten mich nur noch einmal fragen?“

Ich war noch nie der hellste Stern am Himmelszelt, aber selbst ich konnte das einfache Einmaleins. Moor sah aus, als würde er jeden Moment explodieren. Mit einem ohrenbetäubenden Knall, so wie die Sache letzte Nacht. Die Sache, wo alles aus dem Ruder gelaufen und völlig eskaliert war. Nun war der Stahlmann hinüber, der Sultan auf der Flucht und ich steckte in der Klemme.

Einer war immer der Arsch. Der Idiot, der mit Handschellen von der Arbeit abgeholt wurde. Schön dramatisch, damit auch ja niemand die Show verpasste. Jeder in dieser beschissenen Kleinstadt sollte mitbekommen, dass etwas GROSSES passiert war und das natürlich ein Witzke seine Finger im Spiel hatte.

„Herr Witzke.“

Moor rieb sich erschöpft über das graue Gesicht. Wir hockten hier schon seit Stunden und kamen kein bisschen voran. Dieses Verhör war ein einziger Krebsgang. Vor. Zurück. Vor. Zurück.

„So kommen wir nicht weiter.“

Gerissener Hund, der alte Moor.

„Ich bleibe bei meiner Aussage.“

Moor verzog das Gesicht. Das Leid des gesamten Universums lastete auf seinen Schultern. Minuten vergingen. Stille herrschte. Der alte Moor beugte sich leicht nach vorne, dann schaltete er das Aufnahmegerät aus. Alles klar. Der gute Bulle hatte Feierabend. Jetzt hatte der alte Drecksack Schichtbeginn.

„Ich warte schon lange darauf, dass du endlich in den Knast wanderst, Gerri.“ Ta-da, da war er. Der duzende und respektlose Moor, der es sich bis zur überfälligen Pensionierung zur Aufgabe gemacht hatte, meine Familie zu nerven. „Wir wissen beide, dass ich nicht viel von dir halte. Aber so wenig wie ich dich auch leiden kann, Junge, weiß ich, dass du keiner bist der Frauen wehtut. Du bist auch keiner, der in Selbstjustiz loszieht und einem anderen Mann den Schädel einschlägt. Du knackst Automaten, betreibst Sachbeschädigung und gehst einem auf den Geist. Aber du tötest niemanden. Ich kann jedoch nichts für dich tun, und auch kein verfluchter Anwalt dieser Welt kann etwas für dich tun, wenn du nicht redest.“

Ich schwieg.

„Ich weiß, dass ich weder einen Vergewaltiger, noch einen Mörder vor mir habe.“ Moor beugte sich etwas nach vorne. „Und ich weiß auch, ziemlich sicher sogar, dass du mich von vorne bis hinten verarschst. Ich bin nicht taub, noch bin ich blind oder blöde. Zwischen Benjamin Stahlmann und Serif Çelik herrschte mehr als nur dicke Luft. Der eine hat etwas unverzeihliches getan, der andere hat reagiert. Aber ich lasse mich nicht verarschen. Weißt du, was du hier abziehst, Gerri? Beihilfe zum Mord. Rate mal, wie lange du dafür in den Knast wanderst.“

Ich schwieg.

„Lange, Junge. Verdammt lange.“

Ich schwieg. So wie es aussah, würde ich das für den Rest meines Lebens tun. Moors Ansprache war ja ganz nett, aber ich traute ihm nicht. Niemand würde trotz noch so übermächtigem Scharfsinn so richtig verstehen können, was auf diesem alten Spielplatz passiert war. Niemand außer denen, die dabei gewesen waren. Und davon war einer tot.

Moors flache Hand knallte laut auf den Tisch.

„Es reicht, Gerri! Du hilfst Serif nicht, indem du ihn deckst. Du hilfst ihm auch nicht, wenn du hier selbstgefällig auf dem Stuhl herumhängst. Ich weiß, dass du Angst hast. Und weißt du was?“ Moor beugte sich noch etwas weiter über den Tisch. Unsere Nasen berührten sich fast. „Du solltest auch Angst haben.“

Ich hielt mir die Ohren zu. Reiner Reflex. Ich hielt mir immer die Ohren zu, wenn ich Panik hatte. Wenn ich unter Druck stand. Meine Ohren waren meine Achillesferse. Meine Ohren und Serif, der Sultan. Der Junge, der damals immer ein wenig zu schick in die Schule gekommen war. Der Mann, der heute Extravaganz auf zwei Beinen darstellte.

Moor war ein Arschloch, aber er war auch ein verflucht guter Polizist. Er wusste, dass er mich mit Serif an den Eiern hatte. Er spürte meine Schwachstellen wie eine Spinne die noch so kleinsten Schwingungen in ihrem Netz. Ich war die gefangene Fliege, die drauf und dran war die Nerven zu verlieren.

„Serif Çelik wird wegen Mordes gesucht, Gerri. Wenn man ihn ohne deine Hilfe findet, sieht es übel aus. Für euch beide.“

Ich konnte Moor trotz meiner zugehaltenen Ohren hören. Seine Worte waren pure Gammastrahlen, die alles und jeden durchdrangen. Die alles zerstörten. Moor lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete mich. Moor hatte mich im Netz. Und er wusste es.

„Ich bin hier nicht der Böse, Junge. Ich mag Serif. Guter Bursche. Hat nie Ärger gemacht. Die ganze Familie besteht aus ehrlichen und guten Leuten. Ich will ihm helfen, verflucht nochmal. Serif ist kein brutaler Mörder. Er wollte seine Schwester rächen, richtig? Auf eine völlig falsche Art wollte er etwas gutmachen, was man nicht gutmachen kann. Benjamins Tod war ein Unfall.“

Mir brach kalter Schweiß aus.

„Na los, Gerri.“ Moor starrte mich an. „Mund auf, Zähne auseinander und hör endlich damit auf meine Zeit zu verschwenden. Die Uhr tickt. Tick-Tack-Tick-Tack.“

„Ich war es.“

Moors Gesicht wurde noch eine Spur grauer, als ich meine erste und gelogene Aussage wiederholte. Wir waren wieder am Anfang.

„Ich habe den ollen Stahlmann umgebracht.“

PROLOG

Meiner Meinung nach fing der ganze Ärger damit an, dass mein Großvater völlig besoffen mit einem gestohlenen Kleinbus und einer alten Morrissey-Kassette in einen See raste und dort ertrank. Der Bus konnte zwar aus den Tiefen geborgen werden, mein Opa und die Kassette waren jedoch komplett im Arsch.

Der Tod von Henri Witzke kam völlig unerwartet. Der alte Säufer galt nach allgemeiner Ansicht nach als zu stur zum Sterben und niemand, wirklich niemand, hatte damit gerechnet, dass er sich jemals vor diesem letzten Gericht verantworten musste, von dem diese ganzen verrückten Katholiken sprachen. Wobei ich mir nicht vorstellen konnte, dass mein Opa zur Anhörung aufgetaucht war. Gesetze waren nicht so sein Ding. Gerichtsverfahren und anschließende Verurteilung noch viel weniger.

Auch wenn niemand mit dem Tod des alten Witzke gerechnet hatte, wunderte sich niemand über die Art, mit der sich der Spinner selbst ins Jenseits befördert hatte. Mit einem geklauten Kraftfahrzeug, ordentlich Promille im Blut und die Musik auf volle Lautstärke gedreht. Immerhin war der schrulle Henri ein Witzke - und da endete es immer mit laut schepperndem Drama.

Der spektakuläre Selbstmord meines Großvaters war über einen ganzen Sommer lang das Stadtgespräch schlechthin. Jeder hatte etwas zu sagen. Jeder hatte eine Meinung, um die niemand gebeten hatte. Hunderte Bewohner der Kleinstadt pilgerten wochenlang zu dem See, um sich ein eigenes Bild vom Schauplatz machen zu können. Man wollte bloß nichts verpassen. Besonders der alte Kaminski, der Besitzer des geklauten Kleinbusses, wurde nicht müde zu erwähnen, dass dieser Diebstahl ohne jeden Zweifel die größte Unverschämtheit aller Zeiten war. Dass es früher niemand gewagt hätte, ihm als stadtbekannten Mechaniker den Bus unter dem Arsch wegzuklauen.

Der alte Kaminski redete immer einen Haufen Scheiße. Er war ein mieses und rassistisches Arschloch und es kam nicht von ungefähr, dass es ausgerechnet seine Lehrlinge waren, die in ihren blauen Overalls ständig gegen die Scheiben vom Gemüseladen der Çeliks rotzten und pissten.

Vagna meinte einmal, dass Arschlöcher wie alter Kaugummi seien. Respektlos in die Welt gespuckt, versauten sie einem den Tag, ganz egal, wo oder wann man in sie hinein trat. Mit solchen Sachen kannte sich Vagna aus. Sie war ziemlich philosophisch, wenn sie einen nicht gerade anbrüllte oder schwere Dinge nach einem warf. Oder irgendeinen selbstgefälligen Idioten per Schulterwurf zu Boden rang, weil er sie scherzhaft ‘Vagina’ genannt hatte. Ein Fehler, den die meisten Männer nur einmal machten. Es war nämlich schwierig schlechte Witze zu reißen, wenn einem die Zähne fehlten.

Auch wenn sich meine Familie bei vielen Dingen nicht einig war, gab es eine Sache, von der wir alle gleichermaßen überzeugt waren. Und zwar, dass der alte Kaminski den Diebstahl mehr als verdient hatte. Er hatte es verdient, dass es ausgerechnet seine blöde Karre war, die mein Opa geklaut und geradewegs mit seinem versoffenen Arsch versenkt hatte. Nur wäre es uns allen lieber gewesen, der alte Henri wäre mit dem Kleinbus in die verdammte Werkstatt des Rassisten gebrettert - und nicht in einen verflucht tiefen See.

Aber so funktionierte das Leben nicht. Man konnte sich nicht einfach etwas wünschen und alles kam schon irgendwie in Ordnung. Das Schicksal war wie Lose ziehen - mit lauter Miesen. Weder das Universum selbst, noch der Zufall kümmerten sich einen Dreck darum, ob die Kosten gerecht verteilt waren. Ob es gleichviel Gerechtigkeit für alle gab. Denn wäre das Leben gerecht, würden sich die gehässigen Kleinstadt-Hexen vom Blocksberg weniger das Maul über meine Familie zerreißen, sondern sich mehr um ihren eigenen Kram kümmern. Wäre das Leben fair, wäre der kleine Laden der Çeliks niemals bis auf die Grundmauern abgebrannt und ich wäre niemals dafür beschuldigt worden, einer Frau weh getan zu haben, die ich seit Kindheit an kannte. Nichts von dieser ganzen Scheiße wäre passiert, die schlussendlich dazu geführt hatte, dass Serif dem verfluchten Stahlmann den Schädel einschlug.

Und an allem war irgendwie Henri Witzke Schuld, der alte Säufer, der im Sommer 1999 einen Kleinbus geklaut hatte, nur um damit geradewegs in einen See zu rasen. Wegen ihm verloren Vagna und Kord fast die Musik und ich mein Gehör. Wegen ihm entwickelten Lemis und Lew eine panische Angst vor tiefen Gewässern und Wim die Gabe, merkwürdige Dinge zu sehen. Ohne Henri Witzkes Tod im See wäre vieles nicht passiert. Zwanzig Jahre später ging ich, sein Enkel, nicht weniger spektakulär unter. Aber was hatte man schon erwartet?

Immerhin war ich ein Witzke.

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