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Abrakadabra

Teil 1 - Prolog

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Prolog

Eddie Pecht wusste, dass er in seinem abgetragenen Sonntagsanzug und der zerknitterten Fliege nicht gerade einen besonders saloppen Eindruck machte, jedoch überraschte ihn die taktlose Schroffheit, mit der man ihm die Tür vor der Nase zuknallte.

Wobei Eddie langsam den leisen Verdacht hegte, dass er die raue Abfuhr nicht nur seiner sichtlich müden Erscheinung zuzuschreiben hatte, sondern auch seinem wenig geglückten ersten Auftritt. Es war vielleicht - wirklich nur vielleicht - nicht gerade die beste Idee gewesen, der eindeutig humorlosen Wohnungsherrin seinen Zaubertrick mit den Spielkarten zu zeigen.

Vermieter mochten es scheinbar nicht, wenn potentielle Zimmer-Anwärter Dinge verschwinden ließen. Besonders dann nicht, wenn es sich bei den besagten Dingen um eine Spielkarte handelte, auf der die skandalös detaillierte Zeichnung einer leicht bekleideten Dame zu sehen war, welche Eddie der empörten Wohnungsherrin plötzlich hinter dem rechten Ohr hervorzauberte.

Er hatte gerade noch so "Abra", sagen können, bevor die Wohnungstür knallend ins Schloss gefallen und der Rest seines Zauberspruchs, "-kadabra!", ungeachtet und ungehört am Holz abgeprallt war. Die Wohnungsherrin, Frau Mohr, schien keine Freundin von der Zauberkunst zu sein.

"Verschwinde!", keifte die überraschend tiefe Stimme von besagter Dame durch die geschlossene Holztür. Eddie wich instinktiv zurück, wobei er im schmalen und nach Seife riechenden Hausflur ungeschickt gegen eine Kommode stieß. Irgendwo weinte ein Kleinkind. "Verschwinde, habe ich gesagt! Keine Arbeit, kein Zimmer!"

Auch wenn Eddie seit fast schon dreißig Stunden auf den Beinen war und es langsam aber sicher dunkel wurde, war er noch nicht müde und verzweifelt genug, um sich mit diesem Bär von Frau anzulegen. Frau Mohr hatte die klassischen Oberarme einer Packerin, welche den ganzen Tag am Fließband stand, Kisten packte und Behälter schleppte, deren Gewicht selbst den stärksten Männern die Tränen in die Augen trieben.

Und bei Gott, Eddie wusste, wie schwer die Arbeit in einer Industrie war. Er hatte die letzten Jahre seines Lebens damit verbracht, zwischen lärmenden und donnernden Maschinen sein Brot zu verdienen. Er hatte lange genug in dieser mechanischen Hölle gearbeitet, um bereits jetzt, mit gerade einmal vierundzwanzig Jahren, an einem bleibenden Lungen- und Gehörschaden zu leiden.

"Verschwinde endlich, verdammt!" Frau Mohrs Stimme drang gedämpft durch die geschlossene Tür. "Hier ist kein Platz für arbeitslose Streuner! Und jetzt pack dich, ehe ich zum Brotmesser greife!"

Eddie schnappte sich rasch seinen Koffer und sah zu, dass er die Beine in die Hand nahm. Er wollte nun wirklich nicht wissen, was dieses riesige Weibsbild mit ihm anstellte, wenn sie ihn erst einmal in die Finger bekam. Auch wenn Eddie alles andere als ein kleiner Mann war, würde er ernsthaft in Schwierigkeiten stecken, falls Frau Mohr ernst machen sollte. Sie hatte die schroffe Art eines Menschen, der Nägel zum Frühstück aß - und anschließend mit Branntwein nachspülte.

Auf der Treppe kam Eddie ein älterer Mann entgegen, der eine Art Arbeitsanzug trug. Er hatte das Gesicht und die Hände dreckig, jedoch seine braune Mütze brav in den Händen und spähte nervös in Richtung Dachkammer. Er wirkte trotz seines Alters wie ein nervöser Jüngling, der zum ersten Mal seine Angebetete zu einer offiziellen Verabredung abholte und wusste, dass weiter oben ihr mürrischer Vater mit der Pfeife im Mund an der Tür auf ihn wartete. Der Mann war vielleicht alt und dreckig, hatte aber unübersehbar eine Arbeit. Und wer Arbeit hatte, hatte auch das Geld für ein Zimmer.

Eddie wusste sofort, dass der ältere Arbeiter wegen dem freien Zimmer hier war, welches man ihm gerade wenig taktvoll verwehrt hatte. Der Mann stieg geradewegs die Stufen nach oben, noch ahnungslos über das schreckliche Weibsbild, welches weiter oben auf ihn lauerte.

Noch ein gestrandeter und unerfahrener Neuling in dieser fremden Stadt. Obwohl sie beide mehr oder weniger im gleichen Boot saßen, fiel es Eddie schwer, auch nur ein Hauch von Sympathie für den anderen Mann zu empfinden. In Berlin, so viel hatte er bereits innerhalb der letzten zehn Stunden gelernt, war selbst das Ergattern eines freien Zimmers ein Kampf ums nackte Überleben. Hier galt; Ellbogen raus und Geld her. Eddie besaß zwar zwei gesunde Ellbogen, jedoch keinen einzigen Groschen. Kein Groschen. Kein Zimmer. Punkt.

Es war erstaunlich, wie schnell Eddie wieder unten auf dem belebten Gehweg stand, nachdem ihn der Aufstieg zur elendigen Dachwohnung gefühlte Jahre gekostet hatte. Der eisige Wind pfiff gnadenlos durch die Straßen der Stadt und Eddie hielt mit der einen Hand seinen Koffer fest, während die andere seinen schwarzen Hut daran hinderte, mit der nächsten Böe auf Nimmerwiedersehen davon zu fliegen.

Berlins Straßen waren eine Ansammlung von Lärm und Dreck. Fuhrwerke teilten sich mit laut knatternden Automobilen die scheinbar viel zu engen Straßen. Es gab überall Menschen, die sich mit eiligen Schritten zwischen den langen Schatten der Häuser bewegten. Jeder, wirklich JEDER, schien in Eile zu sein. Ein Ziel zu haben. Nur Eddie stand verloren auf dem Gehweg herum, wurde immer wieder von an ihm vorbei eilenden Passanten grob angerempelt und schien generell im Weg zu sein.

Eddie hatte weder ein Ziel, noch einen Notfallplan, trotzdem setzte er sich in Bewegung. Sein Magen knurrte und seine Augen brannten, ein Zeichen für anhaltende Erschöpfung. Er hatte versucht im Zug etwas zu schlafen, jedoch hatte ihn das laute Rattern wach gehalten. Auch die Vorfreude auf sein neues Leben, auf seine große Chance, hatte ihn einfach nicht zur Ruhe kommen lassen. Jetzt, gut zehn Stunden später, war von der Vorfreude kaum noch etwas übrig. Mit der Ankunft in Berlin war auch die große Ernüchterung gekommen. Berlin war voll. Berlin war laut. Und es gab weit und breit keine Lotte.

Zugegeben, Charlotte und er hatten sich nie sonderlich nahe gestanden, dennoch hatte Eddie darauf gehofft, dass ihn seine Cousine am Bahnhof in Empfang nehmen würde. Seine einzige Vorbereitung auf sein neues Leben in der Stadt war ein kurzer Brief an Lotte gewesen, die er in knappen Worten darüber informiert hatte, dass er ihrem Beispiel folgen und nach Berlin kommen würde. Berlin versprach Arbeit und Wohlstand. Er hatte den Brief vor gut einem Monat an die einzige ihm bekannte Adresse gesendet - und bis heute noch keine Antwort erhalten.

Nun war er hier, in der fremden Stadt und besaß nichts weiter als einen Koffer voller Spielkarten, bunter Tücher und sein altes und abgegriffenes Notizbuch voller Zaubertricks. Der traurige Rest, der von seinem hart Ersparten noch übrig war, war als Anzahlung für ein vorübergehendes Zimmer gedacht. Und eine warme Mahlzeit, so wie sein Magen knurrte.

"Bei Gott, machen sie gefälligst die Augen auf!", schnauzte ein bärtiger Mann mit Zylinder und Gehstock, als Eddie ungeschickt gegen ihn stieß. Das laute Knattern eines Automobils hatte ihn kurz abgelenkt. Es war höchstens eine einzige Sekunde gewesen, in der Eddie nicht auf den Gehweg vor sich geachtete hatte, sondern auf die abenteuerliche und sonderbare Straße, jedoch reichte dieser kurze Augenblick der Unachtsamkeit völlig aus, um in dieser vollen Stadt eine menschliche Kollision mit gleich mehreren Beteiligten zu verursachen.

Eine Frau, welche einen riesigen Hut trug, schnaubte empört, als sie Eddie und seinem Koffer ausweichen musste. Jemand rempelte ihn von links an und Eddie verlor kurz völlig die Orientierung. Dabei fiel ihm sein Koffer zu Boden, welcher sich durch die kaputte Schnalle beim Aufprall öffnete. Eddie fluchte ungeniert, als der Wind einige der Spielkarten mit den gemalten Tänzerinnen erfasste und sie davon zu wehen drohte. Es erwischte auch zwei der bunten Tücher und einige der Gänsefedern, die Eddie mit Hilfe durchsichtiger Fäden für seinen Schwebetrick präpariert hatte.

"Ungehobelt!", empörte sich eine Dame in einem warmen Pelzmantel, als Eddie beim hektischen Einfangen der Spielkarten gegen sie prallte. Ihre Begleitung, ein älterer Mann mit Anzug, verpasste Eddie einen harten Stoß gegen die linke Schulter.

"Junger Mann!", tadelte er. "Vorsicht, wenn man bitten darf! Sie sind nicht allein auf dem Gehweg."

Eddie murmelte eine halbherzige Entschuldigung, wobei seine gesamte Aufmerksamkeit seinen verstreuten Utensilien galt, mit denen der Wind seinen Schabernack trieb. Er sammelte rasch ein, was ihm der gehässige Sturm übrig ließ. Unzählige Blicke klebten auf ihm, wie er da so kümmerlich auf dem Gehweg kniete und mit zitternden Fingern geschmacklose Karten mit halbnackten Frauen aufsammelte.

Himmel, Eddie war es gewohnt, dass ihn Leute für verrückt hielten. Dass man die Augen verdrehte und sich an die Stirn tippte, wenn er mit seinen Groschentricks daher kam, aber niemals, wirklich niemals, war man so achtlos über seine Sachen hinweg getrampelt. Eine der Spielkarten blieb an einer Schuhsohle eines schlaksigen Burschen kleben, der aussah, als wäre er ein Botenjunge. Er hatte es wie der Rest der Stadt eilig und war in dem Trubel der Menschen verschwunden, noch ehe Eddie irgendwas unternehmen konnte.

Und fort war sie. Seine Herzdame.

Ausgerechnet die Herzdame! Die Dame der Herzen war Eddies erste Karte gewesen, mit der ihm der Karte-im-Ärmel-Trick gelungen war. Sie war seine Lieblingskarte. Sein Glücksbringer. Verflucht, ohne sie wäre Eddie nicht dort, wo er heute war.

Zugegeben, seine aktuelle Lage war nicht gerade sonderlich angenehm, mit oder ohne Herzdame, aber er hatte es getan. Eddie hatte endlich seinem alten Leben den Rücken gekehrt und war hier. Hier, in Berlin. In der Stadt, wo man sich einen Namen machen konnte.

Eddie wollte nichts sehnlicher, als sich einen Namen zu machen. Er wollte nicht mehr länger Eduard Pecht sein, ehemaliger Hafen- und Industriearbeiter. Er wollte Ed sein. Er wollte seinen Namen auf Plakaten lesen können. DER ZAUBERHAFTE ED. TRETET EIN UND STAUNT!

Jedoch waren Plakate und protzige Show-Namen noch ferne Zukunft. Hier, jetzt im Moment, brauchte Eddie erst einmal eine Bleibe. Ein weiches Bett und warmes Essen. Im Notfall gab sich Eddie sogar mit einem warmen Bett und einem weichen Essen zufrieden, auch wenn er noch nie so der Freund von Gerstenbrei war.

Aber Not machte ja bekanntlich erfinderisch und Eddie wurde das unangenehme Gefühl nicht los, dass er in Berlin besser sehr schnell erfinderisch wurde.


Es war bereits weit nach dem Abendbrot, als sich Eddie mit knurrendem Magen geschlagen geben musste. Er würde heute kein Glück mehr haben, denn die Sonne war längst untergegangen und niemand, der einigermaßen bei Verstand war, würde um diese Uhrzeit noch einem Fremden die Türe öffnen.

Obwohl sich am Himmel bereits der Mond zeigte, herrschte auf Berlins beleuchteten Straßen und Gehwegen immer noch lärmendes Chaos. Eddie hatte noch nie so viele Lichter auf einen Haufen gesehen. Unzählige Laternen erhellten scheinbar jeden Winkel der Stadt und zauberten eine sonderbare Atmosphäre der elektrischen Magie.

Obwohl Eddie unbeschreiblich müde und hungrig war, staunte er wie ein kleiner Junge und blieb immer wieder mit offenem Mund vor schmucken Schaufenstern stehen. Sie leuchteten förmlich und waren vollgestopft mit feinsten Kleidern, Spielsachen und den buntesten Süßwaren, die Eddie je gesehen hatte. Er war so hingerissen von dem nächtlichen Farbenspiel der Stadt, dass er im ersten Moment nicht einmal realisierte, dass es zu regnen angefangen hatte.

Der Regen kam nahezu schüchtern in einzelnen Tropfen. Verlegen fiel er auf die qualmenden Kamine und unzähligen Dächer der Stadt, nur um rasch an Selbstvertrauen zu gewinnen und schlussendlich als eine einzige Wasserwand auf die Unglückseligen niederzustürzen. Eddie war innerhalb kürzester Zeit völlig durchnässt und da er keinen Schirm hatte, rettete er sich unter den breiten Vorsprung eines Wohnhauses. Trotz des widerlichen Unwetters war irgendwo ein Fenster geöffnet und schwermütige Klaviermusik drang auf die nächtliche Straße.

Eddie lauschte den langsamen Klängen, die Augen geschlossen und den feuchten Rücken gegen die kalte Häuserwand gelehnt. Es war schwer zu sagen, wie lange er dort so an Ort und Stelle verharrte, denn er nickte leicht ein. Jemand räusperte sich laut.

"Was?" Eddie blinzelte verschlafen und verwirrt. Sein Rücken war immer noch nass und kalt und seine Augen brannten. Eine Gestalt, erst verschwommen, dann langsam etwas klarer, beugte sich halb über ihn. Erst jetzt fiel Eddie auf, dass er auf dem Boden hockte. Scheinbar war er in seinem erschöpften Nickerchen zu Boden gesackt. "Was ist?"

"Geht es Ihnen gut, Monsieur?" Die Stimme gehörte einer Frau. Langsam dämmerte es Eddies erschöpftem Gehirn. Die Gestalt, welche sich über ihn beugte, war eine Dame. Eddie rappelte sich unbeholfen auf die Beine und blinzelte mehrmals, um die alles unklar und verschwommen verzerrende Erschöpfung abzuschütteln. Es war keine Frau, die vor ihm stand, sondern viel mehr ein unglaublich zierliches Mädchen. Sie war blutjung. Höchstens vierzehn oder fünfzehn Jahre alt. Sie kicherte, als Eddie unbeholfen seinen Hut vom Kopf nahm und seine zerknitterte Fliege richtete. Mit einem hörbar französischen Akzent fragte sie überraschend keck: "Aber, aber, Monsieur! Sind Sie etwa betrunken?"

Bedauerlicherweise nicht. Gott, was sehnte sich Eddie in diesem Moment nach einer Flasche Schnaps.

"Nein", krächzte er und räusperte sich. "Nein, Fräulein. Ich… äh… warte hier nur auf das Ende des Unwetters. Der Regen hat mich überrascht."

Das Mädchen musterte ihn interessiert. Sie hatte einen sehr schmalen, dafür jedoch nahezu unglaublich roten Mund und dicke Wimpern. Ihre blonden Locken waren zu einer schicken Hochsteckfrisur frisiert. Das Mädchen musterte Eddie, wobei sich ihr amüsiertes Lächeln leicht verzog, als sie seinen mehrmals schlecht geflickten Anzug sah. Als ihre hellen und großen Augen bei seinen brüchigen Lederschuhen angekommen waren, war aus dem verführerischen Schmunzeln eine neutrale Miene geworden. "Oh", sagte das Mädchen hörbar enttäuscht. "Ist ein Mann jung und hübsch, hat er kein Geld. Hat er Geld, ist er ein alter Widerling. Es ist ein Jammer."

Eddie brauchte einen Moment, bevor er gänzlich verstand. Seine Ohren wurden knallrot und auch sein Gesicht brannte vor Scham. Er hatte schon zuvor mit Prostituierten zu tun gehabt. Himmel, er hatte mit Dutzend anderen Männern in einer schäbigen Arbeiterunterkunft auf dem Industriegelände in der Nähe des Hafen gelebt. Die Nächte als Arbeiter waren einsam und natürlich hatte sich Eddie wie viele junge Männer in seinem Alter nach Unterhaltung gesehnt. Zuneigung, auch wenn es nur für eine knappe Stunde war.

Die junge Dirne, welche inzwischen ungeniert näher gekommen war, war jünger als die am Hafen. Zudem war sie auch um einiges hübscher. Und sauberer. Aber irgendwas war… merkwürdig. Eddie konnte es nicht genau definieren, aber irgendwas an diesem Mädchen störte ihn.

Abgesehen davon, dass er sich ihre Dienste nicht leisten konnte. Eddie schluckte nervös, als das Mädchen so dicht vor ihm stand, dass er sie fast riechen konnte. Sie roch nach billiger Seife, Puder und Schweiß. Eddie war nicht nervös, weil er sich aus Prinzip vor Damen zum Affen machte, sondern weil er spürte, dass etwas faul war. Es war kein Wetter zum Anschaffen. Zudem kribbelte es in Eddies Nacken und sein Nacken irrte sich nie. Wenn es kribbelte, war zweifelsohne Ärger im Anmarsch.

"Ich muss gehen", sagte Eddie rasch und setzte sich in Bewegung, als das Mädchen Anstalten machte ihn anzufassen. Er war älter und größer als das kümmerliche Ding vor ihm. Er war auch ohne jeden Zweifel stämmiger und stärker, trotzdem verharrte er, als ihn die junge Prostituierte am Arm packte.

"Ich mache Monsieur einen guten Preis", sagte das Mädchen beinahe atemlos und hektisch. Eddie war scheinbar nicht der einzige Mensch in dieser Nacht, der unter einem knurrenden und schmerzhaft leeren Magen litt. "Ich bin gut. Madame sagt die Beste. Oui! Oui!"

Eddie riss sich wenig zärtlich los und stolperte ungeschickt in den Regen. Die Prostituierte folgte ihm mit ihrem hellen Blick aus großen Augen, verweilte aber in der trockenen Sicherheit unter dem Häuservorsprung. Jetzt, eine gute Armlänge von dem Mädchen entfernt, konnte Eddie ihren viel zu dürren Körper erkennen. Sie wirkte auf die Distanz hin sogar noch jünger. Verflucht noch eins, dieses kleine Ding war noch halb ein Kind!

"Ich habe etwas Geld", sagte Eddies Mund, ehe seine Vernunft ihn aufhalten konnte. Sein verfluchter Vater hatte Recht. Eddie war ein unverbesserlicher Idiot. Ein nutzloser Taugenichts, der als Kind einmal zu oft auf den Kopf gefallen war und selbst jetzt noch, als Mann, von nichts anderem als albernen Zaubertricks sprach und sich ständig in Schwierigkeiten brachte. "Ich gebe dir drei Mark, wenn du mir ein Gasthaus mit freiem Zimmer zeigst. Billig."

Das Mädchen starrte Eddie an, als wäre ihm gerade ein zweiter Kopf gewachsen.

"Drei Mark", wiederholte sie langsam seine Worte. "Wenn ich Monsieur ein Gasthaus zeige?"

Eddie wusste nicht, ob drei Mark in Berlin viel oder wenig waren. Er wusste nicht, was so eine Prostituierte sonst so für ihre üblichen Dienste erhielt, jedoch hatte Eddie nicht viel mehr zu geben. Er brauchte das restliche Geld für das Zimmer und etwas zu essen. Sein Magen knurrte inzwischen so laut, dass er den strömenden Regen übertönte.

Das Mädchen dachte eine Weile lang nach, wobei sie Eddie erneut von dem durchnässten Hut bis hin zu seinen ebenfalls nassen Schuhen musterte.

"Was ist in dem Koffer?", fragte sie neugierig. "Sind Sie ein Kaufmann?"

Für einen Kaufmann war Eddie zu schäbig gekleidet, dass wussten sie beide.

"Ich bin ein Zauberer", sagte Eddie. Erneut war sein Mund schneller als sein Verstand. Er tippte sich rasch gegen seinen nassen Hut. "Gestatten, Fräulein? Der Fabelhafte Ed."

Die Prostituierte hob überrascht die Augenbrauen. "Oh", sagte sie trocken. "Kein Wunder, hat Monsieur kein Geld."

Eddie versuchte sich seine Betroffenheit nicht anmerken zu lassen, jedoch spürte er, dass sein Lächeln gefroren war. "Ich bin gut", sagte sein kümmerlicher Stolz. "Warte, ich kann es dir zeigen."

Er machte trotz des Unwetters Anstalten seinen Koffer zu öffnen, jedoch hielt ihn die Hand des Mädchens davon ab.

"Ich glaube Ihnen", sagte die Prostituierte. Ihr war anzuhören, dass sie Eddie nicht mehr für jung und attraktiv, sondern für verrückt hielt. "Oui, mon cher. Monsieur hat Glück. Ich weiß, wo man für eine Nacht günstige Betten bekommt."

Eddie zögerte kurz, jedoch hatte er nichts mehr zu verlieren. Er brauchte Schlaf und vor allem etwas im Magen, um den morgigen Tag in dieser fremden Stadt zu überstehen. Selbst wenn ihn das Mädchen in eine Falle lockte, welche auch immer das für eine sein mochte, würde sich Eddie zu wehren wissen.

Die Jahre in der Industrie und dem Leben als Arbeiter zwischen einsamen und meist betrunkenen Männern hatte ihn abgehärtet. Zudem war Eddie bereits als Junge schon von der zähen Sorte gewesen. Sein Vater, dieser gottverdammte Mistkerl, war der Überzeugung gewesen, dass man einen Jungen nur mit harter Prügel und noch härterer Arbeit erziehen konnte.

Er war somit davon überzeugt, dass er es trotz seiner Erschöpfung im Notfall mit Gaunern auf sich nehmen konnte. Wobei das Mädchen nicht gerade den Eindruck machte, Teil irgendeiner kriminellen Straßengruppe zu sein. Dafür wirkte sie zu zierlich. Zu knochig. Ihre Augen waren zu groß und der Mund zu rot.

"Claudette", sagte das Mädchen leise, nachdem sie Eddie an unzähligen und grauen Außenfassaden hoher Wohnhäuser entlang geführt hatte. Berlins Straßen schienen endlos zu sein. "Mein Name. Und deiner?"

"Ed", brummte Eddie und sah sich um. Die Häuser wurden langsam aber sicher flacher, weniger ausladend und schienen immer enger zusammen zu rücken. Wie verängstigte Kinder, die sich vor dem tobenden Unwetter fürchteten. Der Wind hatte wieder zugenommen und riss wütend an Eddies Hut.

Auch vor Claudettes schöner Haarpracht zeigten die Böen keinen Respekt und rissen und zerrten so wild, als hätte das schlechte Wetter ein persönliches Problem mit der Frisur. Der Fußmarsch schien ewig zu dauern. Eddie rieb sich über die brennenden Augen und flehte, dass ihn Claudette nicht versuchte über das Ohr zu hauen, sondern ihn tatsächlich zu einem billigen und freien Schlafplatz führte. Eine weiche Matratze war genau das, was Eddies armer Rücken brauchte. Wobei, so sehr wie seine Augen brannten und sein Gehirn einem verrückten Delirium nahe war, würde sich Eddie selbst über einen löchrigen und mit Stroh ausgestopften Leinensack freuen.

"Voilà!", verkündete Claudette und deutete in eine schmale Gasse, die so eng war, dass man nur darauf hoffen konnte, dass einem niemand auf halben Weg entgegenkam. Falls doch, würde es wohl oder übel zu einem menschlichen Stau kommen.

Eddie musterte das irgendwie schief wirkende und sich dicht an den Boden drängende Haus, auf welches das Mädchen zeigte. Die Fensterläden waren geschlossen und über der Tür hing eine kaputte Laterne. Es gab kein Schild, dass es freie Betten zu vermieten gab, jedoch zögerte Eddie keine Sekunde und klopfte fest gegen das Holz. Er wollte aus seiner nassen Kleidung heraus. Er wollte etwas essen. Himmel, er würde sogar einen albernen Tanz aufführen, wenn er als Lohn ein Glas Bier bekam. Oder Schnaps. Bei Gott, hoffentlich hatte diese Bruchbude wenigstens einen großen Kamin…

Die Tür wurde brutal aufgerissen und ein rotgesichtiger Mann starrte Eddie an. Er hatte die große und mit gut sichtbaren Äderchen geschmückte Nase eines Alkoholikers.

"Wasn?", knurrte der Mann mürrisch. Er starrte Eddie kurz an, dann wanderte sein Blick an ihm vorbei. "Ach, da leck mich doch einer am Sack! Verpiss dich, du Stück Scheiße!"

Eddies Mund klappte auf, bereit dem Mann ebenso rau zu kontern, jedoch wurde ihm klar, dass es der alte Mistkerl gar nicht mit ihm hatte. Der Blick des Hausherrn klebte zornig an dem Mädchen, welches nervös von einem Bein auf das andere trat. Auch wenn Eddie sicher kein Prinz in einer strahlenden Rüstung war, kam es ihm irgendwie nicht richtig vor, wie der Mann über das arme Ding sprach.

"Die junge Dame hier war so freundlich und hat mich zu Ihnen geführt, Herr", sagte Eddie und richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Er überragte den Hausherrn um gut einen Kopf. "Ich brauche ein Bett für die Nacht."

"Dame?" Der Mann lachte dröhnend, wobei er Eddie grob gegen die Brust stieß. Berliner schienen gerne zu stoßen und zu stupsen. "Na, da hat man dich aber sauber reingelegt, Mann! Dieser kleine Stricher hier ist ebenso wenig französisch, wie er eine verdammte Fotze hat!"

Eddie wollte irgendetwas sagen, irgendetwas tun, jedoch war es längst zu spät. Der Hausherr spuckte über Eddies Schulter hinweg zu der Stelle, wo eben noch das Mädchen gestanden hatte. Oder vielmehr, wo der verkleidete Junge gestanden hatte. Claudette war weg.

"Oh", sagte Eddie und spürte erneut, wie ihm die Ohren vor Scham brannten. Das war es, was ihn so gestört hatte. Der dünne Mund. Die zu flache Brust. Eddie war wahrlich ein Trottel. "Ich wusste nicht-"

"Pah, man weiß es spätestens dann, wenn diese kleinen Ratten im Stehen pissen." Der Hausherr spuckte erneut verächtlich aus. "Du siehst mir nicht wie einer dieser kranken Spinner aus. Hier ein kostenloser Rat für dich, Bursche. Anständige Männer meiden die Gegend um die Friedrichstraße nach Sonnenuntergang. Du willst also ein Zimmer, huh?"

Obwohl sich Eddie nach dieser ganzen Sache alles andere als wohl fühlte, war er zu müde, um jetzt noch seine Meinung zu ändern. Er nickte.

"Hast Glück", brummte der Alte und machte an der Tür Platz. "Ist gerade eben ein Bett frei geworden."

Eddie nickte erneut, obwohl er wusste, dass er gerade dreist angelogen wurde. In dieser Bruchbude war vermutlich kein einziges Bett belegt. Blieb ihm nur zu hoffen, dass es wenigstens noch etwas zu essen gab.

Wie sich herausstellte hatte Eddie zum ersten Mal seit seiner Ankunft in Berlin Glück. Es gab tatsächlich noch Reste vom Abendessen, die ihm die Frau des Hausherren schweigend wärmte. Niemand stellte irgendwelche Fragen. Das Einzige, was die Hausbesitzer interessierte, war das Geld. Zwei Mark pro Nacht, was Eddie etwas viel erschien, wenn man bedachte, dass es im ganzen windschiefen Haus eiskalt war und das Zimmer dazu noch winzig klein. Das Bettzeug kratzte zudem und roch, als wäre es schon länger nicht mehr richtig gewaschen worden. Dennoch war es besser als eine Nacht auf der nassen Straße.

Eddie war gerade dabei einzuschlafen, als ihm einfiel, dass er Claudette gar nicht das Geld gegeben hatte. Das Mädchen, oder der Junge, hatte das Weite gesucht, noch bevor die abgesprochenen drei Mark ihren Besitzer wechseln konnten. Claudette war einfach verschwunden. Genau wie die Herzdame.

Das war er also. Eddies erster Tag in Berlin.

Und er war voller verdammter Verluste.

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