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Die Hartmann-Brüder

Kapitel 4 - Basti-Zeit

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Informationen

 

Sonntage sind klasse! Von allen Wochentagen sind Sonntage die besten überhaupt. Unsere Eltern sind nicht zu Hause, Linus schläft sich wie jeder gesunde Teenager aus und ich bekomme — endlich, immerhin einmal die Woche — die Chance, so lange zu schlafen, wie ich möchte. Es gibt kein Frühstück, keine feste Mittagszeit, und Noemi und Björn kommen erst abends heim — der perfekte Tag also, um alles langsam angehen zu lassen.

Es ist kurz vor eins am Nachmittag, als meine Augenlider zu flattern beginnen und ich die wenigen schwachen Sonnenstrahlen wahrnehme, die durch die durchsichtigen, schlichten Gardinen vor meinem Fenster hineinfallen. Von dem wütenden Sturm letzte Nacht ist keine Spur mehr zu sehen, als ich durch das Fenster hinaus auf die ruhig dahinfließende Vivera schaue, an deren Ufer zahlreiche Pärchen einen Spaziergang machen.

Kurz stelle ich mir vor, Elena und ich würden eines dieser Pärchen sein, und in dieser Sekunde wünsche ich mir so sehr, sie wäre hier, dass es fast schon weh tut. Ob sie von der Geburtstagsfeier ihrer Tante zurück ist? Oder haben sie dort übernachtet und kommen erst heute Abend wieder zurück? Bei einer Entfernung von gut zweihundert Kilometern ist Letzteres mehr als wahrscheinlich.

Ich öffne gerade die Messenger-App, um ihr zu schreiben, als mein Blick auf die dunkelblaue Limousine fällt, die in unserer Einfahrt hält. Bastians Auto. Ist es schon wieder der letzte Sonntag im Monat?

„Linus!“, rufe ich meinen Bruder, während ich das Badezimmer durchquere, um ihn mit einem Buch in der Hand und einem zweiten auf der Decke in seinem Bett beim Lesen zu erwischen — wobei auch sonst?

„Mittagszeit?“, fragt er, ohne den Blick von seinem Buch zu heben.

„Basti-Zeit“, erwidere ich und deute auf das Buch auf seiner Bettdecke. „Liest du jetzt zwei Bücher parallel? Man kann‘s auch übertreiben!“

Endlich legt er das Buch beiseite und grinst mich an. „Ich wünschte, ich könnte es, wäre bestimmt cool! Das hier“, sagt er und legt seine Hand auf das Buch auf der Decke, „ist absoluter Schrott. Eine Liebesgeschichte, was an sich nichts Schlimmes ist, aber so voller Klischees und schlechter Dialoge, dass ich mir nach dem dritten Kapitel gewünscht habe, den Figuren die Zunge rausschneiden und den Autor mit nur seinem eigenen Buch auf eine einsame Insel verbannen zu können. Deswegen habe ich das hier angefangen.“ Er hält das andere Buch hoch, ein schwarzer Umschlag mit lauter gezeichneten Gesichtern, und tippt mehrmals mit dem Finger drauf. „Auch eine Liebesgeschichte. Zwischen einem Mädchen und einem … Wesen, das jeden Morgen in einem anderen Körper aufwacht. Interessant und originell! Mal gucken, ob der Autor es schafft, das Niveau bis zum Ende zu halten. Und du siehst mich an, als sollte ich endlich mal den Rand halten. Warte! Hast du gerade Basti-Zeit gesagt?“, erinnert er sich, worauf ich kurz nicke.

„Zwei Wochen zu früh“, stellt er fest und sieht zuerst mich, dann die riesigen, digitalen Ziffern an, die von seinem Wecker an die Wand projiziert werden. „Oh“, macht er dann nur und lässt mich ohne eine Erklärung stehen, springt aus dem Bett und nimmt zwei Stufen auf einmal, reißt die Tür auf noch bevor es klingelt und schlingt seine Arme um unseren Cousin.

Kein Hallo!, kein Begrüßungsritual, bei dem wir auf Bastians obligatorische Frage, Wie geht‘s meinen beiden Lieblingscousins?, einstimmig mit den immergleichen Worten antworten: Wir sind deine einzigen Cousins, Basti!

Offenbar fällt heute unser kurzes Ritual aus, das anfangs, als wir einander erst noch kennenlernten, uns dabei half, das unangenehme Gefühl loszuwerden, das einen befällt, wenn von einem erwartet wird, zu jemandem, den man nicht kennt, eine starke Bindung aufzubauen. Und auch wenn wir uns längst nicht mehr krampfhaft bemühen, einander näher zu kommen, so ist doch diese Begrüßung zu einer Art Tradition geworden, die wir immer noch gern durchspielen.

Mich erinnert sie jedes Mal daran, dass wir uns vor sechs Jahren noch nicht kannten, ja nicht einmal wussten, dass Noemi einen Bruder hatte und wir einen Onkel, eine Tante und einen Cousin. Und das, obwohl wir immer schon in der gleichen Stadt gewohnt haben.

Bis heute weiß keiner von uns drei, was der Grund für den Streit unserer Eltern war. Aber was auch immer dazu führte, dass sie mehr als zwei Jahrzehnte lang nicht miteinander sprachen, ist keine Entschuldigung dafür, uns Kindern die Existenz der jeweils anderen zu verschweigen. Noemi hätte es uns wenigstens sagen können und uns selbst entscheiden lassen sollen, ob wir was mit ihnen zu tun haben wollen oder nicht. Aber ich schätze, Eltern sind, was so etwas angeht, im Allgemeinen egoistisch, denn Bastians Eltern haben ihm genauso wenig über uns erzählt.

Als Onkel Tristan dann vor sechs Jahren erfuhr, dass er nur noch wenige Monate zu leben hatte, tat er den ersten Schritt und flehte meine Mutter an, ihm zu vergeben, was sie nach einigem Hin und Her und vielen Tränen auch getan haben muss, denn sonst hätten wir die drei nie kennenlernt. Doch wie damals schon, frage ich mich immer wieder, was Menschen, insbesondere Geschwister, die einander ja bedingungslos lieben sollten, dazu bringt, sich voneinander so sehr zu entfremden und sogar zu hassen. Die Vorstellung, mein Bruder und ich könnten irgendwann nicht mehr zum Leben des anderen gehören, ist für mich unvorstellbar. Völlig absurd!

Onkel Tristan! Endlich macht es auch bei mir Klick. Ein hastiger Blick auf mein Handy bestätigt meine Vermutung, dann werde auch ich Teil der Umarmung, lege den einen Arm um Basti, den anderen um meinen Bruder und drücke beide, als würde unser aller Leben davon abhängen.

„Meine Mutter hat sich, wie jedes Jahr, in ihrem Zimmer eingeschlossen und will niemanden sehen“, sagt Bastian, als wir schließlich voneinander ablassen, die Tür hinter uns schließen und uns in Richtung Wohnzimmer bewegen. „Und Ole ist noch nicht wieder zu Hause“, fügt er entschuldigend hinzu, als müsste er sich dafür rechtfertigen, einfach so bei uns aufzukreuzen. Normalerweise ruft er zwar vorher an, um sicherzugehen, dass wir wach sind und er uns nicht stört, aber der fünfte Todestag seines Vaters ist kein normaler Tag. Für keinen von uns.

Linus und ich setzen uns auf die Couch und ziehen Basti mit, quetschen ihn zwischen uns. Noch bevor mein Bruder oder ich irgendwas sagen können, blickt Bastian fragend in meine Richtung: „Ihr seid noch in euren Schlafanzügen. Ich habe euch nicht geweckt, oder?

„Keine Angst, wir waren schon wach“, kommt mein Bruder mir zuvor. „Sogar die Schlafmütze hier“, fährt er fort und streckt hinter Bastis Rücken seinen Arm aus, um mir die Haare noch mehr zu verwuscheln, als sie es nach dem Aufstehen sowieso schon sind.

„Du kommst genau richtig“, stimme ich zu. „Nur schnell duschen und dann machen wir uns was zu essen – du hast hoffentlich Hunger. Danach stehen wir dir zur Verfügung.“

„Gut“, nickt unser Cousin grinsend, „denn ich habe vor, den Rest des Nachmittags mit euch zu verbringen.“

Dass er einen ganzen Nachmittag mit uns verbringt, ist nichts Besonderes, dass er das aber betont schon. Und so drehen sich meine Gedanken darum, ob er etwas ganz Bestimmtes im Sinn hat, während mein Bruder duscht und ich Bastian mit halbem Ohr dabei zuhöre, wie er sich bei mir darüber beschwert, dass Ole, sein Freund, in letzter Zeit zu selten zu Hause ist und zu viel Zeit in der Firma seiner Eltern verbringt.

Frisch geduscht und mit vollgeschlagenen Bäuchen zieht es uns zurück ins Wohnzimmer, wo wir uns im Dreieck auf den Teppich vor dem Kamin setzen. Obwohl ich weiß, dass er keinen Sinn darin sieht, das Grab seines Vaters zu besuchen, auch nicht an dessen Todestag, weil er der Meinung ist, dass Onkel Tristan sowieso nichts davon hat, bin ich doch etwas überrascht, als Bastian seinen Rucksack öffnet und einen ganzen Stapel Papiere hervorholt, die so gar nichts mit seinem Vater zu tun haben, zumindest nicht auf den ersten Blick.

„Wir haben viel Arbeit vor uns heute“, sagt er und legt meinem Bruder und mir jeweils einen Papp-Schnellhefter in die Hände. Jeder Schnellhefter, den wir bisher von ihm bekommen haben, enthielt sein neuestes Stück, das wir lesen und kommentieren sollten, was nicht nur meinem Bruder einen Heidenspaß macht. Dieser Hefter aber, auf dem in eleganter Handschrift der vielsagende Titel X prangt, ist viel zu dünn für ein Theaterstück, doch als ich ihn aufschlage, sieht die erste Seite nicht anders aus als die seiner bisherigen Stücke.

„Du stehst auf den Buchstaben X, was?“, ziehe ich Basti auf, denn sein allererstes Stück, das er noch an der Uni aufgeführt hat und das wir nur als Aufnahme kennen, trug den Titel Das X-Mas Virus, ebenso wie ein paar andere seiner Stücke ein X im Titel beinhalten. „Etwas kurz für eine abendfüllende Vorstellung“, bemerke ich noch, woraufhin Linus zuerst mich und dann Basti ansieht.

„Sean, nicht wahr?“, fragt er und Bastian nickt. Dann erklärt er, dass mein Englischlehrer Sean McArthur mit ihm daran gearbeitet hat, um es nächstes Jahr bei der Verabschiedung der Abiturienten aufzuführen, und Linus es streng genommen gar nicht lesen sollte, weil es für ihn damit keine Überraschung mehr ist.

„Aber wenn ihr es Sean nicht verratet …“

Die Szenen sind kurz, im Durchschnitt wechseln sie alle vier bis fünf Seiten. Wir gehen sie Stück für Stück durch und besprechen sie. Linus und ich geben unseren Senf dazu, während unser Cousin sich in einem eigenen Ausdruck Notizen macht, hier und da Worte durchstreicht oder ersetzt, Satzzeichen ändert und hinzufügt.

Schnell fällt auf, dass Basti, anders als in seinen früheren Skripten, auf jegliche Beschreibung der Figuren verzichtet, ebenso wie auf Regieanweisungen. Ganz besonders irritierend finde ich, dass man nicht einmal weiß, ob die Hauptfigur männlich oder weiblich ist. Ihr Name ist X, was den Titel erklärt, doch als ich Bastian frage, welches Geschlecht X hat, erhalte ich anstelle einer Antwort jenes Lächeln, das er aufsetzt, wenn einer von uns den Kern des Stückes getroffen hat.

„X hat kein Geschlecht“, schlussfolgere ich.

„Oder jedes“, kontert mein Bruder.

So schwer es auch ist, sich das vorzustellen, weil wir nun mal so erzogen sind, dass ein Mensch männlich oder weiblich ist, auch wenn mittlerweile in manchen Staaten ein drittes Geschlecht anerkannt wird, passt die Unbestimmtheit von X‘ Geschlecht zu der Figur, je mehr ich über sie erfahre.

Denn X ist jeder von uns. X ist das Mädchen, das genau weiß, dass sie nach der Schule Medizin studieren will, um später in die Krebsforschung zu gehen und zu verhindern, dass in Zukunft weiterhin Menschen an der gleichen Krankheit sterben wie seine Mutter. X ist der Junge, der seit Jahren in seine beste Freundin verliebt ist, sich aber nicht traut, mit ihr über seine intimsten Träume zu sprechen aus Angst, sie zu verlieren. X ist das Mädchen, in dessen Körper sich ein Junge gefangen fühlt, und X ist das Mädchen, das gern Fußball spielt und ihre Rundungen liebt. X ist der Schläger, der zu Hause misshandelt wird, und der Vielleser, der die Fantasiewelten seiner Bücher der Realität vorzieht.

X ist das dritte Geschlecht. Und am Ende des Stückes ist jeder auf der Bühne X.

   

„Es geht um Identitätsfindung“, sagt Linus, als wir drei Stunden später fertig sind und das Werk als Ganzes betrachten.

„Aber auch darum, dass wir uns nicht durch unsere Eigenschaften definieren“, führe ich an. „Sie sind ein Teil von uns, aber nicht alles. Weil wir mehr sind als die Summe unserer Eigenschaften. Und weil wir sogar an uns selbst immer wieder Neues entdecken. Wir verändern uns andauernd.“

„Das Leben ist ein Prozess, der nie zu Ende ist“, führt mein Bruder meinen Gedanken fort. „Deswegen hören wir nie auf, anders zu sein. Im Vergleich zu unserem früheren Selbst, aber auch zu den anderen. Das ist unsere größte Gemeinsamkeit: das Anderssein, unsere Einzigartigkeit.“

Bastian blickt uns aus ernsten Augen an, so dass ich befürchte, Linus und ich hätten die falschen Schlussfolgerungen gezogen, dann steht er auf und setzt sich auf den Couchtisch, schaut zu uns hinab und fragt: „Was haltet ihr davon? Als Stück an sich und ganz speziell als Abschied für deinen Jahrgang, Linus?“

„Großartig!“, rufe ich begeistert und sehe meinen Bruder mit derselben Erwartung an wie Basti. Er lässt sich eine Weile Zeit, nimmt das Manuskript wieder in die Hand und durchblättert es gedankenverloren. Als er endlich seinen Mund öffnet, spricht er langsam, mit Bedacht, wägt jedes Wort ab, bevor es seinen Mund verlässt.

„Du wirst dafür kämpfen müssen“, sagt Linus nüchtern. „Unsere Schule ist zwar sehr tolerant und hat einen überdurchschnittlich hohen Anteil an Schülern und Lehrern, die selbst LGBT sind oder in ihrem Umfeld haben, aber Maurer versucht schon seit Jahren, diesen ‚unchristlichen Unsinn‘ zu unterbinden.“

Sobald mein Bruder den Namen unseres Direktors erwähnt, kann ich nicht anders, als ihm zuzustimmen. Maurer liefert sich seit Ewigkeiten einen Kampf mit der Elternvertretung. Seit Neuestem versucht er anstelle der sowieso schon recht strengen Kleiderordnung eine Uniform einzuführen, um jeden Ausdruck von Individualität auszumerzen.

Und ein Theaterstück auf dem Schulgelände muss nun mal von ihm abgesegnet werden.

„Aber ich persönlich finde, dass es genial ist“, beruhigt mein Bruder Basti. „Ich würde X gern nicht nur auf unserer Bühne sehen, sondern im Stadttheater, mit richtigen Schauspielern.“

Bastian ringt sich ein gequältes Lächeln ab. „Das mit eurem Direx, davor hat Sean mich gewarnt. Er will sich aber darum kümmern. Was aber die Schauspieler betrifft: Du hältst nicht viel von eurer Theatergruppe?“

„Ich lese lieber“, gesteht mein Bruder.

„Ich weiß. Aber vielleicht wirst du die Truppe trotzdem mögen, denn du kennst X. Wenn er denn mitspielen möchte“, fügt Basti hinzu und sieht mich an, was in mir ein starkes Gefühl von fluchtartiger Panik auslöst.

„Eli soll X spielen?“, lacht Linus.

„Super witzig“, entgegne ich und feuere ein paar Blitze in Richtung meines Bruders ab.

„Könntest du dir das vorstellen, Elias?“, fragt Bastian, woraufhin ich ihn eine Sekunde lang verständnislos angucke, bis mein Gehirn schaltet und mir klarmacht, dass er allen Ernstes der Meinung ist, dass ich der Richtige für X bin. 

Ich kann ein Prusten nicht unterdrücken. „Ich soll auf einer Bühne stehen?“

„Habe ich mir so gedacht“, bestätigt er ohne das geringste Anzeichen eines Lächelns, geschweige denn eines Lachens. „Was hältst du davon?“

„Ich?“, hake ich nochmal nach in der Hoffnung, mich verhört zu haben.

„Du musst jetzt keine Entscheidung treffen“, rudert Basti etwas zurück. „Denk einfach darüber nach. Und wenn du dich entschieden hast, sag mir Bescheid, okay?“

Stumm nicke ich und lasse mich rücklings auf den Teppich fallen, schließe die Augen, blende Bastians Vorschlag und die Welt für einen Augenblick aus.

Es ist zwar noch etwas hin bis Mitternacht, aber unsere Eltern schlafen schon, als ich neben Linus liege und mir den Nachmittag mit Basti durch den Kopf gehen lasse, mir dabei vorstelle, vor Linus und den anderen Abiturienten auf der Bühne zu stehen und X zu spielen. Obwohl er vorhin, als Basti mich für die Hauptrolle vorgeschlagen hat, zunächst über die Idee gelacht hat, findet mein Bruder sie inzwischen gar nicht so abwegig. 

„Denkst du wirklich, ich sollte es machen?“, unterbreche ich Linus, der eigentlich noch die letzten Seiten seines aktuellen Kapitels lesen wollte, jetzt aber doch das Buch beiseitelegt.

„Du wärst perfekt“, versichert er mir. „Du hast das nötige Selbstvertrauen für so eine Rolle. Die richtige Stimme und volle Kontrolle darüber – du sprichst laut und deutlich, so dass dich jeder im Saal hören wird. Und du kannst Härte und Gefühlskälte ebenso zeigen wie Liebe und Verwundbarkeit“, sagt er und seine Stimme klingt so voller Überzeugung, dass ich mir einen Moment lang absolut sicher bin, die Rolle wäre für mich geschrieben worden.

„Ich hab noch nie auf einer Bühne gestanden, noch nie jemanden gespielt“, gebe ich zu bedenken.

„Wir spielen jeden Tag Rollen, ohne es zu merken. Mein Bruder ist ein anderer als Asas bester Freund. Und der wieder ein anderer als Elenas Freund. Aber alle drei sind du. In dir steckt ein Schläger genauso wie ein Liebhaber, ein Freund und ein Feind, ein furchtloser Kämpfer und ein unsicheres Kind.“

„Du meinst also, ich sollte es tun?“, ziehe ich aus seinen Worten den Schluss.

„Nein, ganz sicher nicht. Ich denke, du solltest das tun, was du für richtig hältst. Wenn du der Meinung bist, das könnte ein Spaß werden, den du dir nicht entgehen lassen möchtest, dann los! Wenn du aber Zweifel hast und sich die Idee schon nicht gut anfühlt, dann lass es sein. Schlaf ein paar Nächte drüber, rede mit Asa, mit Elena, mit jedem, der dir über den Weg läuft. Werde dir selbst klar, ob du es tun möchtest. Aber tu es nicht, weil du meinst, es für irgendwen tun zu müssen. Tu es für dich!“

„Was hältst du hiervon?“, fragt Linus und wechselt damit zum Glück das Thema zu dem ‚Geschenk‘, das Basti uns heute mitgebracht hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das als Geschenk bezeichnen würde, denn wir müssen es uns verdienen. Es ist eigentlich ein Geschenk an uns selbst, wenn wir es durchziehen.

Das Geschenk ist ein Umschlag mit einem leeren Blatt darin – jeder von uns hat einen bekommen. Und eine Kerze. Auf das Blatt sollen wir etwas aufschreiben, das uns im Moment am meisten beschäftigt. Eine Frage, ein Wort, ein Problem, eine Idee, ein Vorhaben – etwas, von dem wir uns innerhalb des nächsten Jahres eine Lösung erhoffen, ein Weiterkommen. Das Blatt stecken wir dann in den Umschlag, den wir mit Kerzenwachs zukleben und schließlich mit unserem Fingerabdruck versiegeln – oder etwas anderem Einzigartigem – und dann Bastian geben.

Die Idee ist nun, dass wir in genau einem Jahr die Umschläge zurückbekommen, sie öffnen und schauen, ob wir bezüglich des aufgeschriebenen Problems zu einer Lösung gekommen sind.

Bei Basti war es der Wunsch, eine Geschichte zu schreiben. Es war etwas, das er schon immer tun wollte, aus Angst, nicht gut genug zu sein, aber nie getan hatte. Bis Onkel Tristan ihm die Sache mit dem Umschlag vorschlug. Nachdem er den Umschlag versiegelt und seinem Vater zur Aufbewahrung gegeben hatte, verging kaum ein Tag, an dem Bastian nicht an den Umschlag denken musste, so dass er sich eines Tages endlich an den Schreibtisch setzte und anfing zu schreiben. Seine erste Geschichte, die bis heute niemand gelesen hat, liegt noch immer in den Tiefen einer seiner Schubladen und erinnert ihn an den Ursprung seiner Schriftsteller- und Theatererfolge.

„Weißt du schon, was du darauf schreibst?“, entgegne ich, ohne auf Linus‘ Frage einzugehen.

„Ja“, sagt er nur.

„Du sagst es mir nicht?“

„Es hätte keinen Sinn, oder? Dann bräuchte ich den Umschlag nicht mehr.“

„Ist es was Großes?“, bohre ich weiter nach.

„Ja.“

Seine kurze Wortwahl bringt mich dazu, seinen Wunsch widerwillig zu akzeptieren und nicht weiter zu fragen, obwohl ich immer dachte, wir würden über alles reden und hätten keine Geheimnisse voreinander.

Ich setze mich auf und will aufstehen, das Zimmer verlassen und in meinem eigenen Bett darüber nachdenken, was hier gerade passiert, weil es wehtut und ich es nicht verstehe, aber Linus packt meinen Arm und hält mich zurück.

Wir stehen voreinander und blicken uns an, als plötzlich aus dem Nichts ein weißer Zettel vor meinen Augen schwebt, auf dem anscheinend irgendwas steht. Ich trete ein paar Schritte zurück, die Unschärfe nimmt ab, aus den Strichen und Rundungen werden Buchstaben, die ein Wort ergeben.

„Abschied“, flüstere ich so leise, dass ich nicht weiß, ob mein Bruder mich gehört hat, doch dann formen seine Lippen ein ebenso leises „Ja“.

„Ich muss mich darauf vorbereiten“, fährt er mit normaler Stimme fort, „weil es mir nicht leichtfallen wird, hier wegzugehen. Mein Zimmer, meine ganzen Bücher – die kann ich bei Weitem nicht alle mitnehmen. Sogar unsere Eltern werde ich vermissen – irgendwie.“

„Du wirst doch nicht aus der Welt sein. Es ist eine halbe Stunde bis zur Uni, Inu. Du könntest sogar pendeln.“ Noch bevor ich die Worte ausgesprochen habe, weiß ich, dass das keine Option ist, weil für uns beide zu dem bevorstehenden neuen Lebensabschnitt auch eine neue Wohnung, ein neues Umfeld gehört.

„Basti hat das Leben im Wohnheim gutgetan“, erwidert mein Bruder, was mich zum Lächeln bringt. So vieles kann von einer solchen Entscheidung wie dem Auszug von zu Hause abhängen. Unser Cousin hätte seinen Freund wahrscheinlich nie kennengelernt und seine Karriere hätte möglicherweise später angefangen, hätte er nicht die Unterstützung seiner Mitbewohner gehabt.

Aber meinen Bruder kann ich mir in einer WG trotzdem nicht so richtig vorstellen.

„Ich bin dann gezwungen, irgendwie mit den Leuten klarzukommen“, grinst er, als ich meinen Gedanken ausspreche.

„Trotzdem“, komme ich auf den Zettel zurück und wedele damit vor seinen Augen. „Wieso der große Abschied? Ich werde dich ständig besuchen. Wir werden uns oft sehen.“

„Aber wir werden nicht mehr im gleichen Haus wohnen, uns nicht mehr gegenseitig auf die Nerven gehen, uns anschreien, uns wieder vertragen. Das werde ich alles vermissen. Dich werde ich am meisten vermissen.“

„Du verabschiedest dich von unserer gemeinsamen Zeit“, denke ich laut nach. „Von unserer Kindheit.“

„Irgendwie schon. Erwachsen werden und so.“

„Stell dir vor, wir könnten das Leben überlisten …“

Seine Mundwinkel wandern nach oben, als er sich auf die Zehenspitzen stellt und seine Lippen meine Stirn berühren. Dann legt er mir die Hände auf die Schultern und sieht mich eindringlich an. „Wolltest du dich vorhin allen Ernstes verziehen, ohne unser Gute-Nacht-Ritual?“

„Ich dachte … Der Zettel, du wolltest nicht …“

Er beißt sich auf die Lippen und nickt. „Erinnerst du dich daran, was ich dir letzte Nacht versprochen habe?“

„Dass du mich immer lieben wirst?“

„Genau das“, bestätigt er und legt seine Arme um mich. „Immer, Elias. Immer!“

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