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Die Hartmann-Brüder

Kapitel 3 - Nachtgespräch

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Informationen

Kapitel 3: Nachtgespräch

Nachdem ich mich von meiner Freundin sowie ihren Eltern verabschiedet und ihnen höflich viel Spaß auf der Geburtstagsfeier gewünscht habe, bereite ich im Wohnzimmer alles für einen Besuch in kSaEdW vor, einer von merkwürdigen Menschen und menschenähnlichen Wesen bewohnten Stadt im gleichnamigen Spiel, damit ich auf andere Gedanken komme. Während im Ofen eine Fertigpizza kross gebacken wird, rücke ich den Couchtisch aus dem Weg, stelle mir zwei Flaschen Cola auf die eine Seite, lege eine Schüssel Chips auf die andere und hole aus meinem Zimmer meinen Sitzsack, den ich mit dem Rücken zur Couch zwischen Cola und Knabberzeug postierte. Dann schalte ich den großen Fernseher, für den mein Zimmer viel zu klein ist, und die Spielkonsole ein, lege den Controller neben den Sitzsack und eile in die Küche, als die Küchenuhr mich an die Pizza erinnert. Ich halbiere sie, schneide beide Hälften in handliche Stücke und bringe einen der beiden Teller meinem Bruder, der mir dankend zunickt, ohne die Augen von seiner Lektüre zu lösen.

Und dann, endlich, ist es so weit. Ein letztes Mal checken, ob alles in Reichweite ist, bevor ich in die Online-Welt meines Lieblingsspiels eintauche, wo ich bereits von Asa und ein paar anderen Freunden erwartet werde.

 

Ein lauter, wütender Schrei durchzieht das Haus, als es plötzlich um mich herum dunkel wird. Wild um mich schauend, springe ich auf und stelle fest, dass meine Finger vor Überanstrengung schmerzen und meine Augen brennen. Konzentriert blicke ich hinaus in die Dunkelheit, die offenbar nicht nur unser Haus, sondern die ganze Straße und sogar die Südstadt erfasst hat. Einzig der Mond lässt sich irgendwo hinter den bedrohlichen Sturmwolken erahnen und spendet ein schwaches Licht, das allerdings ausreicht, um mich durchs Zimmer zu lotsen.

„Eli? Alles in Ordnung bei dir?“, höre ich die Stimme meines Bruders.

„Ja, bei dir?“

„Mhm.“ Kaum hat Linus geantwortet, kommt er schon mit einer Taschenlampe bewaffnet die Treppe runtergelaufen. Wie ein Scanner leuchtet er mich von oben bis unten an, dann legt er seine Hand auf meine Schulter. „Wirklich alles gut? Als du geschrien hast, dachte ich, du hättest dir was getan.“

„Ich war mitten in einer Mission!“, kläre ich ihn auf, woraufhin mein Bruder zu lachen beginnt.

„Von wegen ich bin ein Freak, du Junkie!“

Ich weigere mich, seine Anschuldigung mit einer Antwort zu würdigen. „Du gehst nicht wieder lesen oder? Ich meine, mit Taschenlampe oder Kerze würdest du nur deine Augen kaputt machen.“

„Nah. Ist sowieso schon spät, fast Mitternacht.“

„Genau“, stimme ich ihm zu. „Etwas frische Luft würde uns beiden guttun. Eine Runde laufen, bis zum BxD und zurück?“

„Hast du keine Angst, dass der Wind dich wegwehen könnte?“

„Nicht, wenn du mitkommst.“

Gesagt, getan. Wir laufen am Club unseres Cousins, dem BxD, vorbei und joggen weiter, bis wir das Ende der Regenbogenstraße erreichen. Dort legen wir eine kurze Pause ein und machen uns dann auf den Rückweg. Diese Zeit nutze ich, um meinen Bruder über seine neuesten Lektüren zu befragen, was meine Art ist, mir Tipps für mögliche Kundenempfehlungen einzuholen.

Ich unterhalte mich darüber lieber mit ihm als mit meiner Mutter, weil Linus exakt die Punkte herausstellt, die für die Kunden von Interesse sind, während Noemi lang und breit über die einzelnen Bücher erzählt und jeden ihrer Vorschläge, ohne Ausnahme, mit einem Das musst du unbedingt lesen beendet, obwohl sie genau weiß, dass Massen-Lesen nun mal nicht mein Ding ist.

Linus benutzt den gleichen Satz gelegentlich auch, aber wenn mein Bruder es tut, kann ich mir sicher sein, dass das Buch mich tatsächlich interessieren wird und ich lese es. Genieße es. Verschlinge es. Daher habe ich es mir angewöhnt, wann immer ich mich von meiner Mutter bedrängt fühle, ihr zu antworten, dass die Qualität zählt, nicht die Quantität.

 

Wir haben die Brücke zwischen der Südstadt und Westerpark erreicht, als wir vom plötzlichen Aufleuchten der Straßenbeleuchtung um uns herum geblendet werden, die, so zumindest kommt es mir einige Augenblicke lang vor, die Nacht zum Tag macht.

Wieder zuhause bringe ich das Wohnzimmer auf Vordermann und treffe meinen Bruder, nachdem wir uns beide bettfertig gemacht haben, in seinem Zimmer für das allabendliche Gespräch.

Linus hat es sich bereits im Bett gemütlich gemacht, sitzt mit einem Kissen im Rücken gegen die Wand gelehnt und ist, welch ein Wunder, vertieft in den letzten Seiten des Buches, das er am Nachmittag angefangen hat – ein historischer Schinken, dem Cover nach zu urteilen. Also krieche ich unter seine Decke und warte, bis mein Bruder so weit ist, dass wir anfangen können.

Ich werde mich entschuldigen und Linus wird mir sagen, dass alles in Ordnung ist und dass er kein Problem mit meinen kleinen emotionalen Ausbrüchen hat, wie er es immer tut, weil er der Meinung ist, dass ich ein Ventil brauche. Und besser ich lasse meine Laune an ihm aus, als an jemand anderem. Besser so, als in der Schule jemanden krankenhausreif zu schlagen. Und überhaupt, ich habe ihn nur angeschrien, kein Grund, so einen Aufstand darum zu machen.

„Bereit?“, höre ich auf einmal Linus fragen.

„Ja. Hör mal …“

„Ich würde heute gerne anfangen.“

Überrascht setze ich mich auf und betrachte Linus‘ Gesichtszüge auf der Suche nach einer Erklärung für seinen ungewöhnlichen Wunsch. Er sieht müde aus – nein, nicht müde, müde ist der falsche Ausdruck. Alt. Mein Bruder sieht einen Moment lang aus, als sei er in den letzten Stunden um Jahre gealtert. Nicht greisen-alt, aber älter als siebzehn.

„Du hattest heute Morgen recht“, beginnt Linus und ich sehe ihn an, als hätte er mir gesagt, der Weltuntergang stünde bevor.

„Was? Nein!“, wende ich daher ein.

„Doch, hattest du“, betont er und unterstreicht seine Worte mit einem Nicken. „Du bist keine vierzehn mehr, Elias. Du hast dich extrem verändert in den letzten zwei Jahren, das ist nicht nur mir aufgefallen. Du bist erwachsener geworden, sogar Mama hat das gemerkt. Und deswegen solltest du auch selbst bestimmen, wann du aufstehst und wenn wir ehrlich sind, kannst du um einiges besser kochen als ich. Rührei mit Speck“, sagt er und wir beide prusten los.

„Das beste Rührei, das ich bisher gegessen habe“, entgegne ich und stoße ihm brüderlich den Ellbogen in die Seite.

„Jeden Samstag nichts anderes.“

„Sonntags kochen wir zusammen“, erinnere ich ihn achselzuckend.

„Darum geht’s nicht, Eli. Es geht nicht ums Kochen. Es geht darum, dass ich dein Bruder bin, nicht deine Mutter oder dein Boss. Du bist alt genug, eigene Entscheidungen zu treffen. Und wenn du nicht mehr im Laden stehen willst, dann ist das in Ordnung, ich werd’s dir nicht übel nehmen.“

„Aber …“, setze ich an, doch Linus‘ Blick bringt mich zum Schweigen.

„Ich hab dir das eingebrockt, hab dich damals dazu gezwungen mitzumachen. Das war falsch. Sie hätten genauso gut jemanden einstellen oder Pascale darum bitten können, auch samstags zu arbeiten, denn du hattest deine Strafe schon verbüßt. Der Punkt ist, wenn du es nicht möchtest, musst du das nicht mehr machen. Ich nehme das auf meine Kappe, denk mir was aus.“

Ich kann nicht glauben, was mein Bruder von sich gibt. Er macht aus einer Mücke keinen Elefanten, sondern eine ganze Elefantenherde.

Ich springe aus dem Bett, setze mich auf seinen Schreibtischstuhl und drehe mich so lange im Kreis, bis das Chaos in meinem Kopf einen einzelnen Gedanken klar herausstellt. Dann stehe ich wieder auf und sehe zu ihm runter.

„Falls du versuchst, die letzten Jahre ungeschehen zu machen, Linus, das geht nicht. Ich meine, du und ich … Das damals war beschissen, für uns alle, aber dich und mich hat es noch näher gebracht. Und ich lass nicht zu, dass du das ausradierst, dass du es zunichtemachst, weil … weil ich ein Arsch bin und manchmal aus den blödesten Gründen ausraste. Du kannst nicht einfach aufhören, mich zu lieben. Du darfst nicht aufhören, mich zu lieben. Punkt!“

Diesmal guckt er mich entgeistert an. „Wovon redest du? Wie kommst du darauf, ich würde dich nicht mehr liebhaben? Das habe ich mit keinem Wort gesagt.“ Er steht auf und drückt mich. „Das wird nie passieren, okay? Niemals!“

„Niemals ist eine lange Zeit.“

„Nicht wenn es darum geht, Elias. Ich werde dir nie sagen, dass ich dich hasse oder irgendwas ähnlich Blödes, weil es nicht geht. Ich kann dich nicht hassen, Eli. Und ich möchte auch nichts zwischen uns ändern, okay? Du sollst nur wissen, dass du jederzeit die Möglichkeit hast, zu sagen, dass du nicht mehr im Laden arbeiten willst. Wenn wir nächstes und übernächstes Jahr mit der Schule fertig sind und ausziehen, dann müssen sie sowieso jemand anderen finden oder wieder selbst ran. Der Laden ist Mamas Traum, nicht deiner. Oder meiner.“

Mein Bruder hat die letzten beiden Worte mit einer seltsam verträumten Stimme gesagt und, obwohl wir beide den gleichen Traum, den gleichen Wunsch hegen, frage ich mich, ob ich nachbohren sollte, ob hinter seinen Worten mehr steckt. Doch ich will den wackligen Frieden nicht zerstören, also halte ich mich zurück.

Ich drücke meinen Bruder von mir und sehe ihn ernst an. „Ich liebe dich, Linus.“

„Ich dich auch, Großer“, kommt die prompte Antwort, die alles wieder gut macht.

„Was gibt‘s bei dir Neues?“, fragt Linus dann, während er die Bettdecke zurückzieht und sich hinlegt, so dass ich mich mit dem Kopf auf seine Brust legen und ihm von meiner seltsamen Unterhaltung mit Elena erzählen kann.

„Du hast Angst, dass sie sich bedrängt fühlt, wenn du das Thema ansprichst“, schlussfolgert er, sobald ich geendet habe.

„Genau. Sie ist nicht wie die anderen Mädchen, mit denen ich es getan habe. Bei ihnen ging es von beiden Seiten aus nur darum, Spaß zu haben, aber Elena ist …“

„Selbstbewusst, stark. Sie würde sich zu nichts drängen lassen, Eli, selbst wenn du es versuchen würdest. Du magst sie.“

„So ist es“, stimme ich ihm zu. „Ungefähr. Die anderen Mädchen hab ich gemocht. Elena hab ich echt gern. Sie versteht meine Witze, sie findet nicht jede meiner Ideen doof. Sie riecht verdammt gut und sie steht zu ihren Fehlern.“

„Sie hat Fehler?“

Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Fehler ist etwas übertrieben. Eigenarten. Sie bohrt mit dem Finger in ihre Wange, wenn sie sich langweilt. Und sie liest grundsätzlich das Ende eines Buches, bevor sie den Rest liest, um sich zu vergewissern, dass es ein Happy End hat. Sie kann Bücher ohne Happy End nämlich nicht ausstehen.“

„Jedem das Seine“, erwidert mein Bruder.

„Eben. Sie ist was Besonderes. Deswegen will ich, dass unser erstes Mal besonders ist. Aber ich kann es nicht planen, wenn ich es ihr überlasse, wann und wo es stattfindet.“

„Vielleicht, Bruderherz, braucht sie nichts Besonderes, sondern nur, dass du bei ihr bist. Dass du deinen Arm um sie legst und sie festhältst. Oder sie um dich. Das ist oft ein viel größeres Ich liebe dich als eine romantische Umgebung oder die Worte nur so daherzusagen“, antwortet Linus und lässt demonstrativ seinen Arm auf meine Brust sinken.

„Ich tu also gar nichts“, schließe ich daraus.

„Doch. Du kannst sie überraschen, mit kleinen Gesten oder irgendwas, was sie besonders toll findet. Aber erwarte keine Gegenleistung. Denn dann kannst du nur enttäuscht werden. Und außerdem macht man das nicht. Man tut etwas für jemanden nicht, weil man sich davon etwas erhofft. Man liebt einen Menschen nicht, weil man zurückgeliebt werden will, sondern weil man nicht anders kann.“

„Hast du diese Weisheiten aus dem Buch, das du gerade zu Ende gelesen hast?“, erkundige ich mich.

„Nicht doch. Alles Lektionen aus meiner jahrelangen Erfahrung in Sachen Liebesbeziehungen.“

„Mit jahrelang meinst du nicht vorhanden“, kontere ich mit hochgezogener Augenbraue und einem Grinsen.

„Oh, sieh nur, wie spät das schon ist“, gibt mein Bruder zurück und tippt auf seine imaginäre Armbanduhr. „Aber im Ernst, Eli, wir sollten bald schlafen gehen. Hast du noch was, was du loswerden möchtest?“

Kopfschüttelnd will ich aufstehen, da hält Linus mich zurück. „Ich aber. Ab nächsten Samstag …“

Ich seufze. „Ich dachte, das hätten wir geklärt. Ich lass dich nicht im Stich, verstanden?“

„Das weiß ich. Aber ich werde keinen Lärm mehr machen und dich länger schlafen lassen. Es reicht, wenn du erst um halb neun runter kommst, wenn wir aufmachen.“

„Mhm“, meine ich nur. „Ich soll also nicht nur allein frühstücken, sondern auch noch kaltes Rührei essen? Vergiss es.“

„Dann nicht“, antwortet Linus mit Gleichgültigkeit, doch seine Augen leuchten vor Freude, als er mir mit einer Kopfbewegung bedeutet, dass die Gesprächsrunde vorbei ist.

Ich stehe auf und beuge mich zu ihm runter, er drückt seine Lippen auf meine Stirn und wünscht mir damit eine gute Nacht. Das tut er, seit wir nach Westerpark gezogen sind und jeder von uns sein eigenes Zimmer bekommen hat.

„Gute Nacht, Kleiner“, sage ich schließlich gähnend und gehe durch die offenen Badezimmertüren in mein eigenes Zimmer.

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