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Die Hartmann-Brüder

Kapitel 2 - Die zwei E's

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Informationen

Kapitel 2: Die zwei E's

Ihr Name ist Elena und kurz vor elf stößt sie zu uns. Sie ist nicht nur meine Freundin, sondern manchmal, wenn Asa keine Zeit hat, unsere Verstärkung für die Mittagszeit. Wir haben uns im Sommer auf einem Sklab!-Konzert kennengelernt, wo sie genau wie ich lauthals mitgerockt hat, ohne auf ihre Umgebung zu achten. Irgendwann stand sie plötzlich nicht nur neben mir, sondern auf mir. Sie hinterließ an meinem kleinen Zeh einen bleibenden Eindruck, der erst nach einem guten Monat hinausgewachsen ist, und bei mir den Wunsch, sie wiederzusehen.

Wir trafen uns am nächsten Tag an der gleichen Stelle, an der wir uns am Abend zuvor kennengelernt hatten. Wir merkten, dass unsere Sklab!-Besessenheit etwa auf gleicher Höhe schwebte, denn wir wussten beide etwas, von dem die meisten Sklab!-Anhänger keinen blassen Schimmer haben, nämlich dass Sklab! nicht einfach nur ein Fantasiename ist, den sich die Bandmitglieder ausgedacht haben, sondern eine Philosophie, eine Lebenseinstellung.

Das reichte Elena, um mir noch am gleichen Tag zu verkünden, dass wir ab sofort ein Paar waren. Dass ich keine Einwände hervorbrachte, der Freund des schönsten Mädchens zu sein, das ich je gesehen hatte, half sicherlich auch.

Seit jenem Tag haben wir zahlreiche Nachmittage zusammen verbracht, nicht selten zu zweit im Westerpark, jenem Park, in dem wir uns zum ersten Mal getroffen haben und der auch als Namenspate für den ganzen Stadtteil gestanden hat, in dem meine Familie und ich leben.

Elena löst Linus an der Kasse ab, damit er sich in den nächsten zwei Stunden ganz auf die Kunden und ihre Wünsche konzentrieren kann, was wir zwei E‘s, wie wir im Freundeskreis mittlerweile genannt werden, dazu nutzen, uns immer wieder anzuschauen und flüchtig zu berühren, einander zuzulächeln und uns gelegentlich auch zu unterhalten, wenn die Zeit es erlaubt.

In einer dieser Pausen, als der Ansturm gegen ein Uhr allmählich abebbt und wir Linus in die Wohnung hochschicken, um sich für die letzten beiden Stunden zu stärken, erzähle ich Elena von meinem Ausbruch am Morgen, obwohl ich weiß, dass ich mir keine Sorgen zu machen brauche, weil er mir bereits vergeben hat.

„Er ist dein Bruder“, spricht sie das Offensichtliche aus. „Er kennt dich wie kein anderer und weiß, dass du oft impulsiv bist, besonders wenn es um deinen Schlaf geht. Du bist nun mal kein Morgenmensch“, sagt sie und lacht jenes schöne Lachen, das ich damals, als ich es zum ersten Mal zu hören bekam, sofort mit dem Adjektiv klangvoll assoziiert habe.

„Natürlich werdet ihr heute Abend darüber reden, weil ihr über alles redet“, fährt sie fort. „Ich beneide euch darum. Dass ihr euch so nahe steht. Dass ihr einander habt und euch alles anvertraut. Unabhängig davon, wie heftig ihr euch gestritten habt.“

Ich nehme ihre Hände in meine, bevor ich mich zu ihr beuge und meine Lippen auf ihre drücke.

„Ich bin immer für dich da, ganz egal, worüber du reden willst“, versichere ich ihr.

„Wirklich? Ganz egal?“, fragt sie mit hochgezogenen Augenbrauen und ich wundere mich eine Sekunde lang, ob sie auf etwas Bestimmtes hinaus will.

Meine Augen weiten sich, als mir klar wird, dass es tatsächlich etwas gibt, worüber wir Jungs auf gar keinen Fall sprechen wollen. Zum Glück werde ich von Herrn Weißenborn gerettet, der für seine Enkelin ein romantisches, aber nicht zu oberflächliches Buch sucht. „Am liebsten etwas aus dem Fantasy-Bereich“, ergänzt der Kunde, sobald wir vor der Jugendbuchwand stehen. „Und für meine Frau und mich noch ein paar skandinavische Krimis.“

Während ich für meinen Kunden passende Buchvorschläge heraussuche, nehme ich aus den Augenwinkeln ein rothaariges Mädchen wahr, das sich kurz mit Elena unterhält und dann eine Schnute zieht, bevor sie enttäuscht wieder den Laden verlässt. Ein Schmunzeln huscht über mein Gesicht und ich mache mir eine gedankliche Notiz, Asa darüber zu informieren, dass das Mädchen, dessen Namen keiner von uns kennt, erneut nach ihm gefragt hat.

Mit einem zufriedenen Herrn Weißenborn im Schlepptau kehre ich zur Kasse zurück, kassiere und packe einige der Bücher als Geschenk ein. Anschließend begleite ich den weißhaarigen Kunden zur Tür, wo ich einen Augenblick lang stehenbleibe und die frische Oktoberluft einsauge, in der Hoffnung, einen klaren Kopf zu bekommen, der mich Elena gegenüber nichts Falsches sagen lässt.

Elena hat diese seltsame Fähigkeit, sich lautlos anzuschleichen. Dann nimmt sie immer meine Hand und hält sie fest und, auch wenn ich das nie öffentlich zugeben würde, in dem Moment fühle ich eine Geborgenheit, die so nur ein einziger anderer Mensch in mir hervorrufen kann.

„Ist okay, Eli“, flüstert sie. „Es gibt Dinge, über die ihr Jungs …“

Doch das will ich nicht hören. Sie ist was Besonderes für mich und deswegen will ich nicht irgendeiner von den Jungs sein, eine austauschbare Marionette meines Y-Chromosoms. Ich drehe mich zu ihr um und lege ihr einen Finger auf die Lippen. „Nein. Es ist nicht okay. Es wäre nicht okay. Du bist meine Freundin und das großartigste Mädchen, das ich kenne. Deswegen kannst du mit mir auch über die Farbe Rot sprechen, wenn dir danach ist.“

„Über meine Periode“, spricht sie das Unaussprechliche aus.

„Über …“, ich atme tief ein, dann aus, „über deine Periode, ja. Und Binden, Tampons und PMS. Über alles, Elena.“

Sie küsst mich auf die Wange und kuschelt sich an mich. Ich lege meine Arme um sie und eine ganze Weile stehen wir nur so und sehen dem zunehmend stürmischen Wetter zu.

Die Wolken am Himmel sind dunkler als noch vor wenigen Stunden, die Bäume beugen sich im heftigen Wind und das Wasser der Vivera wird lauter und unruhiger. Die Straße kommt mir ausgestorben vor, die wenigen Menschen, die noch unterwegs sind, sind Nachbarn, die ihre Schritte verdoppeln, um sich rechtzeitig vor dem Sturm in Sicherheit zu bringen.

„Was hältst du davon, wenn wir deinem Bruder ein frühes Wochenende bescheren?“, schlägt Elena vor, während wir uns in die Gemütlichkeit des Ladens zurückziehen, nachdem wir die Rolltische reingefahren haben. „Viel wird sowieso nicht mehr los sein.“

Ich nicke, drücke sie noch einmal an mich und küsse ihre schwarzen Haare, die hin und wieder, wenn das Licht in einem bestimmten Winkel drauffällt, einen Blaustich bekommen, bevor ich sie loslasse und die Treppe hoch eile. Wenige Minuten später kehre ich mit einem Tablett zurück. Wir machen es uns auf einem der Zweisitzer bequem und lassen uns die Kekse sowie den heißen Tee schmecken, während auf meinem Handy Imagine Dragons leise unseren aktuellen Lieblingssong spielen, I Bet My Life.

Von unserem Platz aus haben wir nicht nur einen guten Blick auf die Tür, für den Fall, dass sich bei diesem Wetter doch noch jemand hierher verirren sollte, sondern auch über die Vivera hinweg auf die benachbarte Südstadt, die üblicherweise vor Leben pulsiert, mittlerweile aber auch eher einer Geisterstadt ähnelt.

Ich überlege, am Abend meinen Cousin Basti anzurufen, damit wir Elena nach Hause fahren, ans andere Ende von Waldenstadt. Oder ich rufe ihr ein Taxi. Aber vielleicht ist das gar nicht nötig.

„Was hältst du davon, heute bei uns zu übernachten?“, schlage ich ihr vor. „Ich kann bei Linus schlafen und du bei mir.“

„Oder wir könnten es uns beide in deinem Bett kuschelig machen“, erwidert Elena und ich frage mich, ob sie mir damit vielleicht etwas Bestimmtes sagen will. Aber es liegt nichts Anzügliches in ihrem Blick, sondern, da bin ich mir ziemlich sicher, lediglich der schlichte Wunsch, ihrem Freund nah zu sein, was ich mir nicht weniger wünsche. Ihre bloße Anwesenheit reicht, damit ich mich gut fühle.

„Aber nicht heute“, seufzt sie und macht meine Hoffnung damit zunichte. „Meine Eltern holen mich nach der Arbeit ab und fahren mit mir zu Tante Ceciles Geburtstag. Ich freu mich schon riesig drauf“, sagt sie, doch ihr Gesicht verrät, dass sie die Zeit viel lieber mit mir verbringen würde.

„Nächstes Wochenende“, verspreche ich ihr. „Wir gehen essen, dann ins Kino und dann kommen wir her und machen uns einen tollen Abend.“

„Oder wir fahren zu mir, dort sind wir ungestört“, bietet sie an. „Meine Eltern fliegen für eine Woche nach Spanien und, so sehr ich deinen Bruder auch mag, allein wäre es bestimmt noch schöner.“

Ich springe auf, so schnell, dass mir leicht schwindelig wird. Oder liegt das eher an ihrem Vorschlag? Hat sie eben das gesagt, was ich glaube, gehört zu haben? Habe ich es mir vorhin womöglich doch nicht eingebildet? Wieso können Frauen nicht Klartext reden? Ein einfaches Lass uns endlich miteinander schlafen kann ich unmöglich fehlinterpretieren, aber ihre Andeutungen …

Und wenn es keine Andeutungen sind? Wenn sie gar keinen Hintergedanken hegt, sondern wirklich nichts weiter als einen gemütlichen Abend zu zweit verbringen will?

Ich wünschte, ich könnte hochlaufen und Linus fragen, wie ich mich verhalten, was ich sagen soll. Oder meinem besten Freund eine Nachricht schreiben, aber das wäre nicht weniger auffällig. Abgesehen davon, dass Asas Erfahrung mit Mädchen irgendwo im Minusbereich liegt, falls das überhaupt möglich ist. Linus‘ auch, wenn ich so darüber nachdenke.

„Eli?“

Ich zucke leicht zusammen, als ich merke, dass sie mit mir spricht. „Jap?“

„Alles okay, Elias?“

„Jap“, antworte ich knapp und kratze mich nervös hinter dem linken Ohr.

Sie steht auf und stellt sich neben mich. „Du tust das Ohr-Ding“, bemerkt sie und ihre Mundwinkel wandern nach oben.

„Jap.“

Sie streicht mit der Hand über meine Wange und beginnt, die Bücher, die die Kunden aus den Regalen genommen und einfach irgendwo abgelegt haben, an ihren Platz zurückzustellen. „Lass uns die letzte Viertelstunde hier aufräumen“, schlägt sie vor.

„Jap“, nicke ich und flüchte in die entgegengesetzte Ecke des Ladens.

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