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Die Hartmann-Brüder

Kapitel 1 - Der Freak und der Morgenmuffel

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Kapitel 1: Der Freak und der Morgenmuffel

Ich liebe Linus, ganz ehrlich. Nicht nur, weil er mein Bruder ist und wir immer füreinander da sind, sondern auch weil er eben Linus ist, der Typ Mensch, den man nicht nicht lieben kann. Weil er zu ausnahmslos allen nett und freundlich ist und sogar in den brenzligsten Situationen, in denen ich längst ausrasten würde, einen kühlen Kopf behält und weder Worte, Miene noch der Tonfall seiner Stimme Unhöflichkeit auch nur andeuten.

Er macht es einem schlicht unmöglich, ihn nicht zu mögen. Und keiner, wirklich keiner, mag meinem großen Bruder etwas zuleide tun.

Abgesehen von mir manchmal. So wie jetzt. Denn gerade jetzt würde ich ihm am liebsten den Hals umdrehen. Ich kann es nämlich absolut nicht leiden geweckt zu werden, noch bevor mein Wecker klingelt. Vor allem nicht am Wochenende. Vor allem nicht von meinem Bruder, nicht jeden Samstag aufs Neue. An Tagen wie diesem bin ich davon überzeugt, dass er den ganzen Lärm in der Küche nur veranstaltet, um mir die kostbaren Minuten zu rauben, die ich noch schlafen könnte, wenn er bloß das Frühstück leiser zubereiten würde.

Unter der Woche, wenn Noemi und Björn zu Hause sind und unser Vater sich ums Frühstück kümmert, weil unsere Mutter um sieben schon unten im Laden steht und den Wareneingang bearbeitet, wache ich grundsätzlich erst auf, wenn der Wecker mich mit meiner Lieblingsmelodie sanft aus dem Land der Träume holt.

Es ist doch nicht zu viel verlangt, dass Linus mehr wie Björn ist oder? Mein Bruder ist immer so still und zurückhaltend, wenn er es mit Fremden zu tun hat. Warum muss er gerade mit mir und gerade in der Küche so laut sein? Am Samstagmorgen!

Seufzend öffne ich die Lider und wische mir die Schlafkrümel aus den Augenwinkeln, bevor ich nach meinem Handy taste, die eingegangenen Nachrichten überfliege und den Wecker abstelle. Dann poltere ich die Treppe hinunter, um Linus zwei Sekunden Zeit zu geben, sich auf meine schlechte Laune einzustellen, und begrüße ihn dann mit zusammengekniffenen Augen und einem Knurren, das mich mit Sicherheit bedrohlicher wirken lässt als irgendwelche Möchtegern-Bösewichte in einem drittklassigen Streifen.

Linus jedoch scheint kein bisschen beeindruckt zu sein von meiner Darbietung, denn er grinst mich fröhlich an und schafft es damit nicht nur innerhalb einer Millionstel-Sekunde, mir den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern sogar mir ein Lächeln zu entlocken – absolut abartig!

„Du kannst es nicht lassen, oder?“, beschwere ich mich bei meinem Bruder.

„Du weißt, ich tu alles, damit du nicht zu spät zur Arbeit kommst“, antwortet er.

„Wieso können wir nicht wie normale Kinder an den Wochenenden ausschlafen?“, erwidere ich.

„Weil.“

„Weil wir keine normalen Kinder sind und wir Noemi und Björn mit dieser Geste für alles danken wollen, was sie uns ermöglichen“, beantworte ich nicht zum ersten Mal meine eigene Frage mit den Worten, die stellvertretend für die Sätze stehen, mit denen mein Bruder mich damals zum Sklaven gemacht hat: „Weil du ordentlich Mist gebaut hast und unseren Eltern so zeigen kannst, dass du dich geändert hast und Verantwortung übernehmen kannst. Dass du aus deinen Fehlern gelernt hast und ihr Vertrauen wieder zurückgewinnen möchtest.“

Und so verbringe ich seit dem Ende meiner kurzen Verbrecherkarriere vor zwei Jahren meine Freitagnachmittage sowie Samstage damit, im Buchladen meiner Mutter zu stehen und Bücher zu verkaufen, wegzuräumen, einzupacken, zu kassieren – eben all das zu tun, was in einer Buchhandlung an Arbeit anfällt.

Zugutehalten muss ich meinem Bruder allerdings, dass er damals nicht nur mich, sondern auch sich selbst versklavt hat. Zugegeben, er liebt es, von Büchern umgeben zu sein, trotzdem hätte er das nicht tun müssen. Und mittlerweile finde ich es auch nicht mehr schlimm im Laden zu stehen. Das Geld, das sonntagabends in mein Portemonnaie wandert, trägt auch dazu bei, dass ich mich inzwischen mit meiner Situation angefreundet habe. An das frühe Aufstehen werde ich mich allerdings nie gewöhnen!

Die offizielle Begründung, mit der mein Bruder unsere Eltern damals köderte, war, dass Björn und Noemi an den Wochenenden abschalten und einfach mal nur an sich denken können sollten.

Und genau das tun sie seitdem fast jedes Wochenende. Freitagnachmittags, sobald wir aus der Schule kommen, küssen und drücken sie uns zum Abschied, setzen sich in den Familienvan oder bestellen sich ein Taxi, das sie zum Bahnhof bringt, und weg sind sie, um es sich irgendwo in einem der anderen fünfzehn Bundesländer zwei Tage lang gutgehen zu lassen.

„Wir sollten auch mal weg“, finde ich und wünsche mir, ich könnte für ein Wochenende nach Berlin oder an die Ostsee fahren.

„Wir waren im Juli in der Türkei und du willst schon wieder verreisen?“, fragt Linus allen Ernstes und setzt für jeden einen Teller Rührei mit Speck auf den Tisch, während ich mir ein Glas Orangensaft einschenke und meinem Bruder eine Grapefruit aufschneide.

„Wieso nicht?“ So leicht gebe ich nicht auf. „Nicht für vier Wochen und nicht so weit. Aber echt, ich würde auch gern mal einen Kurztrip irgendwohin machen. Sie lernen die ganze Welt kennen und wir versauern hier.“

„Ach Eli, sie fahren doch nie ohne uns ins Ausland“, versucht er mich zu beschwichtigen.

„Ich weiß, aber schön wär’s trotzdem. Träumst du nie davon?“

Mein Bruder schüttelt den Kopf und nimmt eine weitere Gabel voll Ei.

Um diese Haltung beneide ich ihn manchmal. Er liest so gern und so viel, dass Bücher für ihn interessanter sind als das echte Leben. Oft ist er so versunken in der Geschichte, so vertieft in der anderen Welt, dass er einige Sekunden braucht, um wieder in die Realität zurückzufinden, wenn unsere Eltern oder ich oder sein bester Freund Tony (genaugenommen Linus‘ einziger Freund) ihn stören.

Ich hingegen schaffe es praktisch nie, mich so sehr in ein Buch zu verlieren, dass es mein Fernweh stillt, meinen Hunger nach Leben, nach echter Musik, nach echtem Abenteuer, nach echter Luft. Nach echten Menschen. Mir fehlt einfach die Fantasie dazu. Oder die Geduld.

Oder das Einfühlungsvermögen, hat meine Mutter einmal zu meinem Vater gesagt. Es tut immer noch weh, daran zu denken.

Mit einem Ruck stehe ich auf und kicke dabei meinen Stuhl zu Boden.

„Das nächste Mal machst du deine blöden Eier nur für dich und bist dabei so leise, dass ich nicht einmal davon träume, ein Geräusch zu hören, ist das klar? Und viel Spaß heute im Laden, du Freak!“, herrsche ich meinen Bruder an. „Ich geh jetzt wieder pennen“, füge ich noch hinzu und stampfe anschließend zurück in mein Zimmer. Ich knalle die Tür hinter mir zu, lasse mich bäuchlings aufs Bett fallen und ziehe mir die Decke über den Kopf, in der Hoffnung, schnell wieder einschlafen zu können.

Eine Stunde später bin ich noch immer wach und kämpfe mit meinen Schuldgefühlen. Mein Bruder hat mittlerweile den Laden aufgemacht und sich allein den Stammkunden stellen müssen, die ihre freien Samstagvormittage dazu nutzen, sich für das Wochenende mit Lesematerial einzudecken. Insbesondere weil uns spätestens am morgigen Sonntag ein Sturm erreichen soll – das perfekte Wetter also für einen gemütlichen Tag im Lesesessel.

Kapitulierend werfe ich die Bettdecke beiseite, stehe auf, dusche und putze mir schnell die Zähne. Zehn vor neun und damit zwanzig Minuten nachdem mein Bruder den Laden aufgeschlossen hat, fällt die Hintertür von Hartmanns Bücherecke hinter mir zu und ich atme erleichtert auf, als ich sehe, dass die Kunden in Ruhe stöbern, anstatt Linus zu belagern.

Mein Bruder steht im Kassenbereich, wo er die Kundenbestellungen bearbeitet, und quittiert mein schuldbewusstes Lächeln mit einem süffisanten Grinsen, das mir sagen soll, dass er die ganze Zeit gewusst hat, dass sein kleiner Bruder ihn nicht im Stich lassen würde.

„Wollen wir tauschen?“, frage ich und Linus räumt das Feld, um sich den eingegangenen Lagertiteln zu widmen.

Es dauert nicht lange und die ersten Kunden wollen ihre Stapel bezahlen. Ein paar von ihnen kenne ich von den unregelmäßigen Nachmittagen, die ich in Notfällen oder Finanz-Engpässen im Laden verbringe.

Da ist zum Beispiel Frau Berger, eine kleine, zierliche Frau mit kurzen, dunklen Haaren, die immer mittwochs und samstags vorbeischaut und den Laden stets mit mindestens einem Stoffbeutel voller Bücher verlässt. Sie ist eine der Stammkundinnen, die am meisten Geld in die Kasse spülen, und ich würde echt gern wissen, ob sie sonst nichts zu tun hat, außer zu lesen, den ganzen Tag lesen, wie mein Bruder, mit dem sie sich gern auf einen der beiden Zweisitzer setzt und über die besten Neuerscheinungen unterhält, wenn sie merkt, dass Linus eine freie Minute hat.

Das Verrückte daran ist nicht, dass die beiden sich trotz des hohen Altersunterschieds blendend verstehen (Frau Berger ist bestimmt zehn Jahre älter als Noemi), sondern dass mein Bruder sich freiwillig mit jemandem unterhält.

Mein verschlossener Bruder, der besonders in der Schule mit Menschen nichts zu tun haben will, ist der geborene Buchhändler. Hier im Laden fühlt er sich genauso zu Hause wie oben in seinem Zimmer mit einem Buch in der Hand und nicht selten frage ich mich, wieso Linus diese Offenheit nicht auf das Alltagsleben, auf das Schulleben übertragen kann, um Freundschaften zu knüpfen oder wenigstens Kontakt zum anderen Geschlecht herzustellen.

Ich schüttle innerlich den Kopf und nenne Frau Berger die Endsumme. Sie legt mir einige Scheine hin sowie eine Schachtel teurer Schokopralinen aus dem Laden nebenan und obwohl sie betont, die Pralinen seien für das ganze Team, bin ich mir sicher, dass sie zuallererst an Linus denkt. Ich bin selbst überrascht, dass dieser Gedanke keine Eifersucht oder Bitterkeit in mir hervorruft. Vielmehr bin ich froh darüber, weil Menschen wie Frau Berger der Beweis dafür sind, dass mein Bruder doch nicht der Freak ist, als den ich ihn beschimpfe, wenn mir sein erwachsenes Getue mal wieder ordentlich gegen den Strich geht.

Sobald Frau Berger sich verabschiedet hat, steht Frau Kramer vor mir, eine, und das ist stark untertrieben, gutaussehende Frau Ende zwanzig, die durchaus als Doppelgängerin meiner Lieblingslehrerin durchgehen könnte mit ihren glatten, braunen Haaren, die ihr fast bis zu den Hüften gehen, den blauesten Augen, die ein Mensch haben kann, und diesen verführerischen Lippen, die sich nicht selten in meine Träume verirren. Und dann noch die …

Ich räuspere mich und hebe meinen Blick, der nun ihren Augen begegnet. Zu meiner Erleichterung stelle ich fest, dass sie mich nicht vorwurfsvoll anschaut und offenbar auch nicht beleidigt ist, weil ich ihr auf die Brüste gestarrt habe, was ihr bestimmt ziemlich oft passiert. Ich bilde mir ein zu hören, wie sie in sich hineinlacht und denkt: So sind sie nun mal, die Männer, erst recht wenn sie noch so jung sind.

Aus einem kleinen Flechtkorb, der zwischen den beiden Kassen liegt, zaubere ich zwei Lollis hervor und reiche sie den Zwillingen, die wie Kletten an Frau Kramer hängen, kassiere anschließend und winke den drei mit hochroten Wangen hinterher.

Als ich mich dem nächsten Kunden widmen will, fällt mir auf, dass mein Bruder die zweite Kasse aufgemacht hat, da die Schlange mittlerweile so lang ist, dass die Kunden sich sonst zu Recht beschweren könnten.

Linus beugt sich kurz zu mir rüber und flüstert kichernd: „Mann, vergiss nicht, dass du ‘ne Freundin hast!“

Daraufhin spüre ich, wie die Röte in meinen Wangen noch um einige Stufen feuriger wird.

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