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Benedict - Das Erbe der Macht

Teil 1 - Weihnachten a la Drama

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Informationen

 

Magie. Dieses Wort verbinden viele Menschen mit Illusion, Tricks oder optischer Täuschung, aber es ist mehr. Magie ist elementar und vollkommen. Es ist eine Gabe Gottes. Ich muss es wissen, denn ich bin einer dieser wenigen Menschen, die diese Gabe besitzen. Seit einigen Jahren trage ich ein großes Geheimnis mit mir herum und sollte dieses rauskommen, dann muss eine Geschichte komplett umgeschrieben werden. Eine Legende würde wahr werden und zwar die von dem mächtigsten Magier der Zeit: Die Legende von Merlin, denn ich bin sein einziger Sohn und Erbe seiner Macht.

Als ich geboren wurde, waren es schlimme Zeiten. Die Kriege um den Thron von Camelot waren noch lange nicht vorbei und Merlin wie auch seine Frau Nimue waren sich einig, dass ich dort nicht sicher war. Sollten Morgana LeFay und Mordred herausfinden, dass Merlin einen Sohn hat, würden sie mich benutzen, um ihn zu stürzen und Artus wäre verloren. Also brachte Merlin mich in das Jahr 2000, wo er gute Freunde hatte. Er machte viele Zeitreisen und hatte in den verschiedensten Jahrhunderten Bekannte gefunden. Das Ehepaar zu dem er mich brachte, nahm mich mit Freuden auf und erzog mich anständig. Ich wuchs heran und hatte ein normales und erfülltes Leben. Doch es währte nicht lange denn meine Fähigkeiten kamen immer mehr hervor und es machte mir Angst, denn dieses Gefühl, welches ich in mir gespürt habe, war komplett neu für mich. Als ich zwölf Jahre alt war, klärten mich meine Eltern auf und ich musste ihnen versprechen das ich dieses Geheimnis für mich behalte. Es wussten von da an neben mir noch drei weitere Menschen: Meine Eltern und mein jüngerer Bruder, dem meine Gabe auch aufgefallen ist. Wir sind eine Familie mit dem größten Geheimnis der Geschichte. Doch dieses Geheimnis drohte aufzufliegen, denn es kam eine große Gefahr auf uns zu. Mein Name ist Benedict, ich bin der Sohn von Merlin und das ist meine Geschichte.


Es waren noch zwei Tage bis Weihnachten und unsere Familie gestresst. Wir waren am planen für das Weihnachtsessen, am schmücken und am herumtelefonieren, wer von der Familie kommen würde und wer nicht und wo wir nach den ersten und zweiten Weihnachtsfeiertagen hinfahren würden, um dort Silvester zu feiern. Es war gewiss nicht einfach für uns alle, da unsere Großeltern schon da waren und unseren Eltern ziemlich auf die Nerven gingen. Marlon und ich hatten unseren Spaß. Wir waren schon am wetten, wer von den vieren als erstes einen Wutanfall bekommen und das Fest absagen würde. Am Abend beruhigte sich alles allmählich. Unsere Mutter war gerade am Kochen und Papa und Großvater spielten Schach, während unsere Großmutter häkelte, als wäre nie etwas gewesen. Marlon und ich waren auch fertig und saßen vor dem Fernseher als es klingelte. Nach einigen Minuten kam unsere Mutter zur Wohnzimmertür und winkte mich zu sich. “Geh bitte hoch in dein Zimmer. Da wartet jemand auf dich. Ich werde Oma und Opa sagen, dass es ein Freund von dir ist”, sagte sie flüsternd zu mir und ging wieder in die Küche.

Ich stieg die Treppe hoch und öffnete langsam meine Zimmertür. Dort sah ich jemanden den ich nicht kannte vor dem Fenster stehen. “Komm ruhig näher”, sagte er. “Du musst Benedict sein.” “Ja, der bin ich. Und wer sind Sie?”, fragte ich, während ich die Tür hinter mir schloss. Er drehte sich zu mir um und schaute mich mit seinen Bernsteinaugen an. Er hatte dunkles langes Haar und ein rötliches Gewand an. “Mein Name ist Balthasar. Ich bin ein Lehrling von Merlin und habe eine Nachricht und ein Geschenk von ihm an dich”, antwortete er auf meine Frage. Ich hatte Merlin noch nie gesehen, aber er hatte schon öfters Boten oder Lehrlinge zu mir geschickt, um mir eine Nachricht übermitteln zu lassen, aber ein Geschenk war nie dabei. “Okay, was für eine Nachricht ist es denn?”, fragte ich etwas unsicher. Er holte eine Pergamentrolle raus und übergab diese mir. “Ich weiß nicht was darin steht, denn er wollte, dass nur du das liest. Aber bevor du die Botschaft lesen kannst, musst du einen Tropfen Blut auf die Rolle tropfen lassen, damit sich diese öffnet. Öffnet man sie bevor es geschieht, geht die Rolle in Flammen auf und somit wäre die Botschaft zerstört”, erklärte er mir. Ich nahm die Rolle entgegen und schaut sie sehr, sehr lange an. “Muss wohl wichtig sein. Solche Pergamentrollen bekommt sonst nur der König”, fügte er schließlich hinzu. “Ist... ist es okay wenn ich die später öffne? Ich würde es gerne machen wenn schon alle schlafen”, fragte ich ihn, während ich die Rolle beiseite legte. Er schaute mich an und antwortete:”Sicher. Ich werde Merlin berichten, dass du die Botschaft und das Geschenk erhalten hast.” Balthasar übergab mir noch ein kleines Kästchen und verschwand in einer Rauchwolke. An das Plötzliche verschwinden der Magier oder Lehrlinge war ich schon gewöhnt. Es gehörte mittlerweile dazu. Nur wenn sie plötzlich auftauchen ist es etwas schreckhaft. Ich schaute mir das Kästchen genauer an. An den Rändern waren Runen eingraviert und in der Mitte ein Pentagramm. Viele Hexen oder Zauberer benutzten dieses Symbol und somit wurde es zum Symbol von Magie, aber es trägt den Namen Hexenpentagramm. Das fand ich damals schon komisch, da es von vielen Magiern benutzt wurde und nicht nur von Hexen. Viele Hexen benutzten es für Beschwörungen und/oder Zauberformeln und wahrscheinlich war es da zu dem Namen gekommen. Ich öffnete meine Schreibtischschublade und legte die Botschaft und das Kästchen in den doppelten Boden, den mir mein Vater kurz bevor die Großeltern ankamen eingebaut hatte und schloss die Schublade wieder. Als ich aus dem Fenster sah, war es schon am schneien und fast dunkel. Die Straßenlichter und einige Lichter von Häusern waren schon an. Mutter rief, dass es Abendessen gab, also begab ich mich wieder nach unten und ging Richtung Küche. Während ich die Treppe hinunter stieg, dachte ich über die Botschaft nach, die ich noch nicht geöffnet hatte und überlegte, was so wichtig sein könnte, dass er es mit einem Blutzauber belegte. Balthasar sagte, dass er es nur bei Artus benutzte, um ihm wichtige Informationen zu überreichen. Was ich nicht verstand war, wie Artus es öffnen konnte, denn er war weder mit Merlin noch mit Nimue verwandt.

Ich kam inzwischen in der Küche an und meine Mutter fragte mich, wer das gewesen sei und ob es Neuigkeiten von Merlin gab. “Sein Name ist Balthasar. Er ist ein weiterer Lehrling von ihm. Balthasar übergab mir eine Pergamentrolle und ein Kästchen. Ich habe allerdings noch nicht nachgeguckt, denn Merlin hat die Botschaft mit einem Zauber belegt und Balthasar sagte, dass er es sonst nur für seinen König machte, wenn er ihm eine wichtige Botschaft übermitteln möchte. Ich werde mir aber die Nachricht nachher in Ruhe anschauen. Vor allem erst dann, wenn Marlon im Bett ist”, antwortete ich so leise wie möglich, damit die anderen es im Wohnzimmer direkt neben der Küche nicht hören konnten. “Warte aber nicht zu lange mit dem Öffnen”, riet meine Mutter mir, nahm die Schüssel mit der Soße und ging in das Wohnzimmer. Beim Essen erzählten die Großeltern Geschichten aus ihrer Jugend und wie die Weihnachtsfeste damals waren. Es kam mir so vor, als ob sie sich oft beschwerten, dass die Feste heute ganz anders wären und viele Traditionen nicht mehr genutzt wurden. Trotz allem war es ein schöner Abend und alle hatten ihren Spaß mit den Kindergeschichten von Marlon und mir oder auch von unseren Eltern. Wir sahen unsere Großeltern recht selten, weil sie in Großbritannien wohnten. Aber Weihnachten sahen wir sie jedes Jahr und dann kamen sie mit ganz neuen Geschichten aus dem Königreich, die jedes Mal sehr spannend waren. Nach dem Essen wurde es dann auch wieder ruhiger und Marlon ging in sein Zimmer, während ich mich zum Duschen fertig machte. Als ich in meinem Zimmer war, ging ich nochmal kurz zu meinem Schreibtisch und öffnete die Schublade. Die Pergamentrolle und das Kästchen ließ ich heraus schweben und langsam auf dem Tisch landen. Ich nahm mir eine Nadel und stach mir in den Finger, damit ich etwas Blut auf die Rolle tropfen konnte. Das Blut verschwand in dem Papier und das Siegel brach. Bevor ich anfangen konnte zu lesen, klopfte es an der Tür. Ich schmiss die Nachricht und das Kästchen in die Schublade zurück. Ich bat die klopfende Person herein und sah, dass es mein Bruder war. “Wieder ein Alptraum, kleiner?”, fragte ich ihn. Er nickte stumm. Ich konnte sehen, dass ihm noch Schweißperlen durch sein Gesicht liefen. Marlon hatte in letzter Zeit öfters Alpträume und da war es nicht unüblich, dass er kam um bei mir im Bett mitzuschlafen. Ich selber fand es nicht schlimm, denn das zeigt mir, dass er großes Vertrauen zu mir hat, obwohl er von meinen Fähigkeiten wusste. Marlon kuschelte sich unter meiner Decke und schlief sofort ein. Mir persönlich war es zu riskant die Botschaft in Gegenwart meines kleinen Bruders zu lesen. Also ließ ich es an dem Abend sein und legte mich zu Marlon ins Bett. Er schlief ruhig, was mich selber beruhigte.

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, denn am nächsten Morgen hüpfte Marlon auf meinem Bett herum, als wäre es ein Trampolin, nur um mich zu wecken, damit ich mit ihm zusammen das vorletzte Türchen vom Adventskalender öffnete. Ich brauchte aber noch einen Moment bis ich komplett zu mir kam. Da Marlon nicht aufhören wollte mein Bett als Trampolin zu missbrauchen, zog ich ihn zu mir und fing an den Zehnjährigen zu kitzeln. Er versuchte sich quiekend und lachend zu befreien, aber das gelang ihm nicht wirklich. Nun war ich wirklich wach und ließ meinen Bruder frei, damit wir zusammen zum Kalender laufen konnten. Auf halben Weg dahin kam uns unsere Mutter entgegen und hielt mich auf. “Geh du schon mal runter, Marlon. Ich komme gleich nach”, sagte ich zu ihm und er verschwand um die Ecke zur Treppe. “Was stand in der Botschaft?”, wollte Mama wissen. Ich schüttelte den Kopf und antwortete: “Ich weiß es nicht. Marlon hatte wieder einen Alptraum und kam zu mir, um bei mir zu schlafen. Ich wollte nicht riskieren, dass er es mitbekommt.” Sie nickte leicht und zeigte mir, dass ich jetzt runter gehen konnte. Marlon rief schon ungeduldig nach mir um endlich Türchen 23 öffnen zu können.

Am Tag passierte nicht viel. Meine Eltern und Großeltern sind sich wieder gegenseitig auf die Nerven gegangen und Marlon und ich haben draußen im Schnee gespielt. Abends, als wir wieder nach Hause kamen, war unsere Mutter nicht gerade begeistert, da wir mit unseren Schneeschuhen durch die ganze Wohnung gelaufen sind. Sie wäre beinahe ausgerastet, so rot war sie schon. Sie schickte uns nach oben zum Duschen und machte dann noch einmal alles sauber. Als Marlon und ich oben angekommen waren, fingen wir an zu streiten, wer als erstes das Badezimmer in Beschlag nahm. Unsere Mutter musste uns gehört haben und schlug aus Scherz vor, dass wir beide gleichzeitig duschen sollen. Das war zu viel für uns und wir verschwanden in unsere Zimmer. Ich und mein Bruder unter einer Dusche?? Das ging ja wohl gar nicht. Ich hatte meinen Bruder noch nie nackt gesehen und das wollte ich auch beibehalten. Als ich meine Klamotten raussuchte, bemerkte ich, dass ich die Nachricht noch gar nicht gelesen hatte. Ich ging zu meinem Schreibtisch und öffnete die Schublade. Mir fiel auf, dass dieses Siegel wieder geschlossen war. Ich erinnerte mich aber daran, dass es aufgebrochen war durch den Blutzauber. Plötzlich klopfte mir jemand auf die Schulter. Ich erschrak, drehte mich schlagartig um und sah, dass es Marlon war. “Was hast du da?”, fragte er mich. “Gar nichts”, antwortete ich ganz schnell und versuchte die Schublade zu schließen, aber Marlon war schneller und hatte die Pergamentrolle schon in der Hand. Er versuchte es zu öffnen. “Nicht!!”, schrie ich ihn an, aber da war es schon zu spät. Die Botschaft ging in Flammen auf und ließ nichts mehr zurück. Marlon stand da wie erstarrt und bewegte sich kein Stück mehr. “Marlon? Alles okay?”, fragte ich vorsichtig. “Wa... Was war das?”, antwortete Marlon ängstlich als Gegenfrage. “Na toll…”, dachte ich in dem Moment. “Was?”, fragte meine Mutter erschrocken. “Ich wollte sie ja wegschließen, aber Marlon war zu schnell und hat die Botschaft geöffnet und die ist völlig niedergebrannt. Es ist rein gar nichts mehr übrig”, antwortete ich. Marlon stand noch unter Schock, denn seinen Kakao hatte er nicht einmal angerührt. “Gott sei Dank sind Oma und Opa auf einen Spaziergang und bekommen von dem hier nichts mit. Aber wieso wolltest du die Nachricht lesen, obwohl du wusstest, dass Marlon noch wach war?”, wollte Mutter wissen. Ich fing an zu erklären: ”Ich war der Meinung, das Marlon nach unserem Streit und deiner Scherzidee in sein Zimmer gegangen war und da blieb, bis ich ihm sagte, dass ich mit dem Duschen fertig war. Die Nachricht hatte ich gestern Abend vergessen zu lesen, da er wieder einen Alptraum hatte. Also wollte ich diese vor dem Duschen lesen. Marlon kam aber unaufgefordert in mein Zimmer. Ich schätze, er wollte irgendwas von mir und hat die Rolle gesehen. So neugierig wie er war, fragte er mich was es war und ich sagte ihm, dass es nichts sei. Den Rest kennst du ja.” Ich setzte mich neben meinen Bruder und versuchte auf ihn einzureden, aber er reagierte nicht. “Ich glaube, ich bringe ihn besser hoch in sein Zimmer, damit er sich ausruhen kann. Wir müssen wohl auf den nächsten Lehrling von ihm warten, damit er Bescheid weiß, was passiert ist”, sagte meine Mutter, nahm Marlon auf den Arm und ging nach oben. Natürlich gab ich mir die Schuld, dass mein Bruder so drauf war. Ich wusste nicht wie Marlon die nächsten Tage auf mich reagieren würde und hatte Angst, dass sich alles ändert. Erschöpft wie ich war, legte ich mich auf die Couch und schlief sofort ein.Mitten in der Nacht bin ich wach geworden, merkte das schon alle Lichter aus waren und meine Familie im Bett war. Ich suchte im dunkeln den Lichtschalter fand, aber nur Möbel mit meinen eigen Füßen. Nachdem ich mich schmerzend durch den Raum gekämpft und den Lichtschalter gefunden hatte, setzte ich mich auf den Sessel und begutachtete die Stellen, die spätestens am nächsten Tag blau sein würden. Mir fiel wieder ein, was am Abend passiert war und die Schuldgefühle kamen wieder zurück. Ich hörte jemanden die Treppe runterkommen, schaute zur Tür und merkte, dass der Schatten näher kam. “Marlon, was machst du denn hier?”, fragte ich erstaunt und stand auf. Er schaute mich an und setzte sich auf das Sofa.”Wieder ein Alptraum und du warst nicht in deinem Zimmer. Ich habe Geräusche gehört und bin dann runter gekommen”, antwortete er und zog sich sein Schlafanzugoberteil über die angezogenen Beine. “Ich habe mit diversen Körperteilen die Möbel gefunden, während ich den Lichtschalter suchte”, sagte ich grinsend, sah ihn dabei an und hoffte, er würde auch anfangen zu grinsen. Fehlanzeige, er zog nicht mal ansatzweise eine Mine. „Nun, ein Versuch ist es wert“, dachte ich und setzte mich neben meinem Bruder. Wir saßen eine ganze Weile still nebeneinander und sagten kein Wort. Ich wusste auch gar nicht, was ich sagen sollte, denn schließlich war es ja meine Schuld, dass er so unter Schock stand. Irgendwann bemerkte ich, dass mein Bruder an mich eingekuschelt eingeschlafen war. Ich nahm ihn vorsichtig auf den Arm, ging mit Marlon hoch in mein Zimmer und legte ihn behutsam in mein Bett. In Gedanken versunken setzte ich mich auf meinen Schreibtischstuhl und entzündete mit einer kleinen Handbewegung die Kerze auf meinem Schreibtisch. Ich nahm das Kästchen welches

mir Merlin gab aus der Schublade und öffnete es. Darin befand sich eine Kette mit einem Pentagramm, das aus schwarzem Metall gefertigt worden war. Man konnte ganz feine Verzierungen erkennen und einige Symbole die ich nicht kannte. Dieses Pentagramm war an den Spitzen mit Edelsteinen in 4 verschiedenen Farben bestückt: rot, blau, braun und gelb. Die obere Spitze hatte ebenfalls einen Edelstein, der schien aber farblos zu sein. Ich stand auf und lief mit der Kette in der Hand zum Spiegel. Das Pentagramm war ziemlich groß, also verwendete ich einen Zauber, der die Kette verkleinerte und legte mir diese um den Hals. Ich wurde langsam wieder müde und legte mich zu meinem Bruder ins Bett.


„Trödelt nicht so herum, sonst kommen wir noch zu spät zum Gottesdienst in der Kirche“, schrie meine Mutter aus der Küche, als Marlon und ich die Treppe herunter kamen.

Es war stressig an dem Morgen, denn alle waren am herumwirbeln, am durcheinander reden und am hetzen. Marlon und ich schauten uns das Schauspiel während wir frühstückten an und mussten zwischendurch schmunzeln. Jedes Jahr an dem 24.12 war es das gleiche. Alle am hetzen und immer kamen wir viel zu früh bei der Kirche an. Ich stand auf, um alle zu beruhigen, aber es half nichts.

Bei der Kirche angekommen, oh welch ein Wunder, waren wir mal wieder viel zu früh und nun regten sich meine Eltern inklusive meine Großeltern auf. Sie redeten wild aufeinander ein, dass dieser Stress zuhause nicht nötig gewesen wäre. Marlon und ich schüttelten nur unseren Kopf und dachten uns unseren Teil. Nach langem warten trafen nach und nach weitere Besucher der Kirche ein, um dem Weihnachtsgottesdienst beizuwohnen.

Die Kirchentüren öffneten sich und man ließ uns den Eintritt in die beheizte Kirche gewähren. Innen sah die Kirche aus dem 11. Jahrhundert glamourös aus, trotz das kaum was geändert wurde. Durch die Weihnachtsdekoration sah sie glamourös, festlich und einladend aus. Wir setzten uns in die siebte Reihe und nahmen uns das Programmheft, welches auf den Plätzen hinterlegt wurde. Und alle Jahre wieder war es das gleiche. Erst kam der Gottesdienst, dann wurde gesungen, daraufhin kam das Krippenspiel, es wurde wieder gesungen, auserwählte Kinder aus der Gemeinde mussten Gedichte aufsagen, es wurde gesungen, die letzten Worte des Priesters wurden gesprochen und zum Schluss wurde wieder gesungen. Alles in allem recht langweilig und ermüdend. Nach einem zweistündigen Aufenthalt in der Kirche wurden wir der Folter endlich entlassen. Bis auf Marlon und mir schien es dem Rest der Familie gefallen zu haben. Wen wundert‘s auch, sie haben diesen Kitsch… entschuldigt, diese Tradition, schon immer geliebt. Aber Marlon und mir war das doch etwas zu langweilig. Vor allem für Marlon, da dieser nie wirklich ruhig sitzen konnte.

Gegen frühen Nachmittag waren wir zu Hause angekommen und bereiteten alles für das große Familienessen vor. Wir erwarteten eine Schar von Verwandten, die alle aus den verschiedensten Teilen des Bundeslandes zu uns kamen. Der große Esstisch wurde gegen die Tafel ausgetauscht, damit alle Platz finden würden. Nebenbei wurde der Christbaum verrückt, damit man auch im Esszimmer vernünftig laufen konnte, ohne dass man aufpassen musste irgendwas umzustoßen. Dieses Mal verlief alles etwas ruhiger, was uns alle überraschte. Als dann alles endlich fertig war, gingen Mama und Oma in die Küche, um mit dem Essen zu beginnen, Papa ging nach draußen, um noch etwas Holz für den Kamin zu hacken und Marlon und ich gingen hoch in unsere Zimmer. Ich schaltete den TV an, um noch die Ruhe vor dem Sturm zu genießen. Kurze Zeit später kam mein Bruder auch ins Zimmer und wir schauten zusammen einen Weihnachtsfilm im Fernsehen an.


Heiligabend. Das Haus war mittlerweile brechend voll geworden. Nach und nach trudelten mehr unserer Verwandten ein, um mit uns das Fest der Liebe feiern zu können. Da wir alle immer nur einmal im Jahr sahen, gab es auch dementsprechend viel zu erzählen und zu berichten. Onkel Gerd war mittlerweile pensionierter Polizist, Tante Erika hatte nach der Scheidung einen neuen Freund gefunden, Cousin Henry hatte sein Outing hinter sich und ging öffentlich damit um, dass er schwul war und Tante Ingrid hatte vor ein paar Monaten Zwillinge bekommen. Was den Rest angeht will ich jetzt nicht weiter erzählen sonst, sind wir morgen noch nicht fertig.

Das Essen über war es ein reges durcheinanderreden, denn alle mussten unbedingt die ganzen Neuigkeiten erzählen. Was mich halt überraschte war, dass Henry schwul ist. Ich kannte ihn vorher halt nur als den Frauenschwarm seiner Schule. Jedes mal, wenn wir uns sahen, hatte er eine andere dabei gehabt und nur von ihr geschwärmt. Nun saß er alleine da und war schwul. Wenn das mal keine Überraschung war. Tante Ingrid hatte die Zwillinge dabei, welche oben im Gästezimmer am schlafen waren. Jedem zeigte sie die Fotos vor und nach der Geburt von Mira und Marcel. Die Frauen am Tisch waren entzückt von den Bildern und konnten nicht genug bekommen. Marlon war mit Linda am reden. Er sah sie eigentlich jeden Tag, da die beiden auf die gleiche Schule gingen. Man merkte es ihnen nicht an, dass sie verwandt waren, so wie sie miteinander umgingen. Manchmal könnte man echt denken, sie wären zusammen. Es war schön mit anzusehen, wie sich jeder verstand und wie sich alle über die schönen Nachrichten freuten. Dann kam es wie es kommen musste. Auf einmal tauchten aus dem nichts Gestalten auf, welche wir nicht kannten. Linda, Marlon und Henry wurden sofort nach oben zu den Zwillingen geschickt. Meine Mutter reagierte blitzschnell und stellte sich schützend vor mich und mein Vater sich neben sie. Der Rest der Familie versteckte sich hinter und unter der Tafel. „Denkst du wirklich, du kannst ihn vor mir beschützen?“, fragte eine Frau, die ebenfalls aus dem Nichts kam. Ihr Blick war eiskalt wie ihre Augenfarbe. Sie hatte gewelltes schwarzes Haar, welches sie aus ihrem Gesicht strich. Ein schwarz-silbernes Kleid bedeckte ihren Körper. Sie war es. Morgana LeFay, die dunkle Hexe. „Es hat lange gebraucht um ihn zu finden. Merlin hatte sich wirklich große Mühe gegeben, um ihn vor mir zu verbergen. Aber Geheimnisse bleiben ja nicht allzu lang bestehen, nicht wahr Ulrike?“ Woher wusste sie wie meine Mutter hieß? Nun, darauf konnte ich mich aber nicht konzentrieren, denn Morgana hatte bereits dafür gesorgt, dass der Rest der Familie gefangen genommen wurde. Ihre Lakaien verschwanden nach und nach mit ihnen und so blieben nur noch meine Mutter, mein Vater und ich mit Morgana und zwei von ihrem Gefolge im Esszimmer übrig. Meine Eltern versuchten standhaft zu bleiben, aber man merkte die Sorge die sie umgab. Die dunkle Hexe lief im Raum auf und ab. Sie schien auf irgendwas zu warten. Ich wusste nicht, was ich machen sollte und blieb weiterhin hinter meinen Eltern in Deckung. Irgendwas musste es doch geben. Da fiel mir ein, dass sie meinen Bruder und die anderen nicht mitgenommen haben. Sie waren noch oben bei den Zwillingen im Zimmer. Ich versuchte in irgendeiner Art und Weise Kontakt mit Marlon aufzunehmen, aber aus einem mir unbekannten Grund wollte es nicht klappen. Vielleicht war ich auch viel zu nervös dafür und konnte mich nicht richtig konzentrieren. Ich wusste mir sonst keinen Rat.

Die Zeit verging, ohne das etwas geschah. Mit jeder Minute die verging wurden meine Eltern immer nervöser und ich stets unruhiger. Ich wollte erst gar nicht wissen, wie es den anderen bei den Zwillingen erging. Ich versuchte nochmal telepathisch Marlon eine Nachricht zu vermitteln und hoffte, sie würde dieses Mal ankommen. „Merkwürdig, nicht wahr? Diese Stille in dem Haus ist wirklich bemerkenswert. Noch bemerkenswerter ist es, das Benedict noch keinen Versuch unternommen hat, mich aufzuhalten. Vielleicht war es ja wirklich nur ein Gerücht, welches besagt, dass er der Sohn des großen Merlin wäre. Dann hätte ich meine Zeit hier umsonst vergeudet, aber da ich es aus sicherer Quelle habe, warten wir hier einfach auf einen alten Freund von mir, der auch jeden Augenblick eintreffen dürfte“, sagte Morgana mit einem hämischen Grinsen im Gesicht. Ich machte mir mehr Sorgen darüber, dass man die Kinder finden würde, als um mein eigenes Leben. Wie es ihnen wohl oben ging? Ich versuchte mich auf jedes Geräusch von dem Zimmer über uns zu konzentrieren, aber es war Totenstille. Nichts regte sich, als wären wir drei alleine hier mit Morgana und ihren Schergen. Dennoch spürte ich, dass mein Bruder in der Nähe war, was mich beruhigte und zugleich beunruhigte. Ich wollte mir nicht ausmalen, was LeFay machen würde, würde sie die Kinder hier finden.

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