Nickstories - Vielfältiger als jeder Regenbogen
 
 


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Wilde Schwäne
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Die Story gehört zu folgenden Genre:

Zu mir oder zu dir?

Am frühen Samstagmorgen klingelte das Telefon in Georgs Wohnung und riss Thomas als Ersten aus dem Schlaf. Georg wurde wach, als Thomas versuchte, ihn von sich wegzurollen, um schließlich doch irgendwann mal auf das Klingeln zu reagieren. Georg brummelte irgendetwas vor sich hin und wälzte sich aus dem Bett. Weit musste er nicht, das Telefon stand in der Nähe auf dem Boden. Er langte nach dem Hörer und warf ihn erst einmal von der Gabel, bevor der Anrufer aufgab. Dann griff er danach und hielt ihn sich an sein Ohr.

„Ja“, krächzte er und räusperte sich. Er zog das Telefon ans Bett und krabbelte wieder unter die Decke, wo Thomas’ Arme ihn schon erwarteten.

„Hallo Ludwig“, begrüßte Georg den Professor am anderen Ende. Thomas schreckte zurück, als stünde der Professor im Zimmer.

„Ja“, fuhr Georg fort und kraulte Thomas auf der Brust, „der ist hier, Ludwig. Ich gebe ihn dir.“ Georg reichte den Hörer an Thomas weiter.

Thomas runzelte die Stirn und nahm den Hörer an.

„Hallo Ludwig ... Nein, ist schon OK. Ist gestern was später geworden. Was ist denn?“ Er hörte eine Weile zu, nickte, runzelte wieder die Stirn, grinste, kniff Georg in die Innenseite des Oberschenkels, als der begann, ihn zu kitzeln, nickte wieder und sagte: „Moment mal, ich check das mal.“ Thomas hielt er die Sprechmuschel mit einer Hand zu und wandte sich an Georg.

„Kann ich für ne Woche zu dir ziehen?“, fragte er so nüchtern wie er gerade konnte.

Georg legte den Kopf schief. „Ja, ähh, warum? Nee, klar kannst du für ne Woche her kommen.“ Irgendwie war Georg noch nicht richtig wach. Aber das störte Thomas nicht. Er wandte sich wieder dem Telefonat zu, hob die Hand von der Muschel und sagte: „Geht klar, Ludwig. Mach dir keine Gedanken, das passt schon.“ Er nickte schweigend. „OK, mache ich. Bis morgen!“ Er legte auf. „Grüße von Ludwig“, wandte er sich an Georg.

Thomas kratzte sich am Kopf, legte sich wieder hin, kuschelte sich an Georg, und sie küssten sich. „Guten Morgen“, grinste Thomas.

Georg lächelte ihn an. „Guten Morgen.“ Er strich ihm über den Kopf und schloss noch einmal die Augen. „Wie spät ist es?“, murmelte er.

„Halb Acht“, antwortete Thomas nach einem Blick auf den kleinen Tisch, wo der Wecker sein tickendes Dasein fristete.

„Es gibt so ganz wenige Augenblicke“, begann Georg, „in denen mag ich Ludwig nicht.“ Nun holten ihn auch die Erinnerungen an das Gespräch ein. „Worum ging es denn? Warum sollst du eine Woche zu mir ziehen? Nicht, dass mich das groß stört.“ Er drückte Thomas an sich und küsste ihn noch einmal.

Thomas stupste ihn mit der Nase an. „Ludwig sagte, dass bei der Exkursion eine Person mehr dabei ist, als Doktor Fischer es angekündigt hatte. In der Gruppe ist ein körperbehinderter Student, der eine Begleitperson mitbringt. Die Person taucht nicht auf der Studentenliste auf, deshalb ist das wohl bisher nicht aufgefallen. Ludwig ist durch Zufall drauf gestoßen. Jedenfalls brauchen die jetzt noch ein Zimmer mehr bei Frau Jakobs, und Ludwig dachte, dass ich vielleicht mein Zimmer zur Verfügung stellen könnte. Wie hat er es gesagt? Der Georg lässt dich bestimmt für ne Woche bei sich unterschlüpfen.“ Thomas konnte sich ein leises Lachen nicht verkneifen und er sah Georg an. „Darf ich? Ich zahl auch Miete.“ Er küsste Georg.

„In Naturalien?“, gab Georg zurück und erwiderte den Kuss zärtlich.

Thomas kicherte. „Au ja. In kleinen Raten. Jeden Tag einen Anteil.“

Georg zog ihn auf sich. „Genau. Und alles, was du zuviel zahlst, bekommst du von mir zurück. Aber auch in Raten.“

Sie sahen sich in die Augen. Ganz tief. Georg hörte mit dem Streicheln auf und ließ seine Hände auf Thomas’ Rücken ruhen, bevor er ihn gänzlich umschlang, wobei er mit einer Hand bis zum Nacken von Thomas hinauf griff, während Thomas den Kopf senkte und seine Wange an die von Georg schmiegte.

„Ich denk grad an das, was du gestern Abend gesagt hast“, flüsterte Georg. Seine Stimme war wieder voller Wärme und ganz sanft.

„Geschockt?“, fragte Thomas vorsichtig, während er sich der Umarmung gänzlich hingab und die Nähe zu Georg genoss.

„Nein.“ Georg hatte ein Lächeln in der Stimme. „Schließlich bekomme ich durchaus mit, was so um mich herum passiert.“

„Und?“ Thomas hob den Kopf und schaute Georg wieder in die Augen.

„Reicht es dir vorerst, wenn ich dir sage, dass ich dich sehr, sehr lieb habe?“ Georg hatte große Angst, Thomas sehr zu verletzen.

Thomas lächelte. Er küsste Georg. „Das reicht, Georg.“ Er streichelte ihm über die Wange. „Das ist OK.“

Georg drückte ihn wieder an sich. „Ich bin noch nicht soweit.“ Seine Hand strich Thomas über den Kopf. „Hey, ich freue mich auf die Tage mit dir hier!“

Thomas strahlte. „Ich mich auch!“

Sie rollten sich gemeinsam auf die Seite. Georg gähnte hingebungsvoll. Thomas streichelte ihn am Rücken entlang und schmiegte sich wieder an ihn. „Lass uns noch ein wenig kuscheln und dösen“, schlug Thomas vor.

Georg brummte zustimmend. Sie kuschelten sich zusammen, schlossen die Augen und überließen sich dem tiefen Atmen und der Nähe des Anderen. Thomas genoss Georgs Duft. Er beruhigte ihn, erzeugte gleichzeitig ein sinnliches Gefühl und ergab eine wunderschöne, körperliche Geborgenheit, die übergangslos in seine Seele hinein floss und dort das Gefühl tiefer Ruhe und Gelassenheit verbreitete. Georg strich im Halbschlaf durch Thomas’ Brusthaare. Er mochte es, wenn er Thomas an sich spürte, sei es, dass er ihn streichelte oder wenn er Thomas zu sich zog. Die Behaarung empfand Georg zunehmend als erotisch und erregend, während er anderseits sich an das Gefühl des Maskulinen an Thomas auch regelrecht anlehnen konnte. Und er hatte zunehmend den Eindruck, dass durch die Körperhaare der Duft von Thomas intensiver war. Das mochte er. Die Empfindungen veränderten sich beinahe von Woche zu Woche, wurden intensiver und vertrauter. Und schöner.

Bis fast neun Uhr dämmerten sie beide zusammen in diesem Halbschlaf dahin und überließen sich der Wärme und Geborgenheit des anderen.

Georg öffnete die Augen und sah Thomas an. Thomas lag inzwischen halb auf ihm, den Kopf auf Georgs Brust, und Georg hatte einen Arm um ihn gelegt. Er kraulte Thomas sanft im Nacken. Thomas hatte einen Arm auf Georgs Oberkörper gelegt, wobei die Hand auf Georgs Schulter lag. Wie schon öfter, empfand Georg es als sehr schön, dass Thomas sich in seiner Nähe so offensichtlich wohl und sicher fühlte. Er hatte im Grunde ein schlechtes Gewissen gegenüber Thomas, besonders seit gestern Abend. Tief in seinem Inneren war ihm schon lange klar, dass Thomas ihn wohl wirklich liebte. Vielleicht empfand er auch selber so und war nur nicht in der Lage es zuzulassen oder auszudrücken. Oder er war selber noch längst nicht soweit. Wie dem auch sei, Georg hatte das Gefühl, dass er Thomas bei weitem nicht das zurückgab, was er von ihm bekam. Und dafür schämte er sich. Umso schöner war es für ihn, wenn er Thomas wenigstens auf diesem Weg etwas Nähe und Sicherheit geben konnte. Und dann war da noch dieses tiefe Gefühl von Dankbarkeit, dass er mit Thomas’ Hilfe es geschafft hatte, seine Seele zu befreien. Er betrachtete das friedliche Gesicht von Thomas und musste lächeln. In diesem Moment öffnete Thomas die Augen und schaute Georg an. Er kuschelte sich noch näher an ihn an.

„Hallo“, murmelte er.

Georg küsste ihn auf die Stirn. „Noch mal guten Morgen.“

Thomas nahm einen tiefen Atemzug und streckte sich vorsichtig. Wirklich lösen wollte er den Körperkontakt mit Georg nicht. Georg räkelte sich mit ihm zusammen und versuchte, die Trägheit der Nacht allmählich abzustreifen.

„Gut geschlafen?“, fragte Georg.

Thomas nickte langsam mit dem Kopf. „Ja. Und vor allem mit dir aufgewacht.“ Er gab Georg einen Kuss. „Das werden wir eine ganze Woche lang haben.“

„Stimmt“, sagte Georg. „Hoffentlich gehen wir uns nicht nach drei Tagen auf den Sack.“

Thomas erwiderte darauf nichts. Natürlich hatte Georg Recht. Sie hatten jeder viel Zeit für sich und konnten alleine sein, wenn sie es wollten. Das würde sich nun für ein paar Tage ändern. Thomas war sich darüber im Klaren, dass sie in den nächsten Tagen auch in Momenten beieinander sein würden, wenn ihnen vielleicht nicht unbedingt danach war. Thomas war nicht so blauäugig, zu glauben, dass er bei allen guten Gefühlen für Georg nicht auch mal ohne Georg sein wollte. Innerlich lächelte er, weil er sich in diesem Moment sehr reif fühlte; er war kein Teenager mehr, der glaubte, ohne den Partner nicht länger als vier Sekunden lebensfähig sein zu können. Gleichzeitig hoffte er, sich nicht selber zu überschätzen. Und nebenbei bemerkte er jetzt, dass er Georg inzwischen völlig als seinen Partner ansah. Das erschreckte ihn.

Georg hatte den Eindruck, dass seine Bemerkung Thomas verletzt hatte. Er sah ihn an und überlegte, was in ihm jetzt vorging. Er wusste nicht, was er sagen sollte, hatte das Gefühl, sich in eine Sackgasse manövriert zu haben. Georg schwieg lieber. Er küsste Thomas auf die Stirn und drückte ihn an sich.

Sie hatten sich das Auto am Institut ausgeliehen und die große Sporttasche von Thomas mit Kleidung und seinen Lebensmitteln aus der Pension geholt. Frau Jakobs war dafür recht dankbar, weil sie auf diese Weise noch etwas Zeit hatte, das Zimmer zu reinigen. Zwar hatte Thomas den Raum geputzt, aber Frau Jakobs vertrat in dieser Hinsicht ihre eigene Vorstellung.

Sie kratzte sich nachdenklich am Kopf und sah die Treppe hinauf. „Also ein Rollstuhlfahrer kommt hier leider nicht rauf“, bemerkte sie besorgt.

Thomas hob die Schultern. „Ich weiß nicht, was die Person für eine Behinderung hat. Der Professor hat nur etwas von einer Begleitperson erwähnt. Darin liegt wohl das eigentliche Problem.“

Die alte Frau winkte ab. „Wird schon gehen. Der Georg und du, ihr werdet euch ja für die eine Woche vertragen, oder?“

Thomas musste sich ein Lachen verkneifen. „Ich glaube, das wird keine größeren Probleme geben.“ Innerlich fürchtete er, dass seine Augen schon beinahe zu sehr leuchten könnten. Es gab eine Seite in Thomas, die sich gerne Frau Jakobs anvertraut hätte; er fühlte sich sehr unwohl damit, dieser herzensguten Frau nicht ehrlich gegenüber zu treten. Das Gleiche galt auch für Ludwig.

„Die Tasche ist im Wagen. Fehlt noch was?“ Georg kam vom Parkplatz ins Haus.

Thomas sah ihn an. „Nö, ich glaub, das reicht. Meine anderen Sachen hab ich verstaut, da geht keiner dran.“

Georg stellte sich neben Thomas und grinste Frau Jakobs an. „Da haben sie ja das Haus ordentlich voll nächste Woche.“

Sie nickte. „Wird auch mal wieder Zeit. Aber wenn die Gruppe weg ist, kommen auch schon Sommergäste. Im Frühjahr mag ich ja keinen Stress, aber im Sommer muss ein wenig Geld in die Kasse kommen.“ Sie lachte laut, sah die beiden an und legte den Kopf schief. „Und ihr beiden rauft euch jetzt mal eine Woche zusammen? Hast du genug Platz bei dir, Georg?“

Georg nickte. „Geht so, aber das passt schon.“

„Na ja“, kicherte Frau Jakobs, „Dann müsst ihr halt etwas näher zusammenrücken.“ Wieder lachte sie fröhlich auf.

Georg schaute kurz auf seine Schuhe und bemerkte trocken: „Glaub ich auch.“ Thomas krümmte sich unmerklich und rang so unauffällig wie möglich um Fassung.

Georg wandte sich an ihn. „Können wir? Vielleicht müssen wir für nächste Woche noch was einkaufen.“

Thomas nickte nur und quetschte ein „Ja klar“ hervor.

Sie verabschiedeten sich von Frau Jakobs und stiegen in den Wagen. Frau Jakobs verschwand zum Glück im Haus.

Thomas prustete los. „Du oller Sausack!“ Er klatschte Georg mit dem Handrücken seitlich gegen den Oberschenkel. „Mann, mich hätt’s fast zerrissen.“

„Dann müsst ihr halt etwas näher zusammenrücken“, flötete Georg im Tonfall von Frau Jakobs und startete den Motor. „Ich glaube, die arme Frau träfe auf der Stelle der Schlag, wenn die wüsste, was los ist.“

„Ich mag es nicht, nette und freundliche Menschen anzulügen. Das haben sie nicht verdient.“ Thomas schaute aus dem Fenster.

„Ja, da ist was dran“, gab Georg zurück.

Sie schwiegen eine Weile, und fuhren zu Georgs Wohnung. Nachdem sie den Wagen abgestellt hatten, trugen sie Thomas’ Sachen ins Haus. Georg schloss seine Wohnungstür auf, trat beiseite und machte eine einladende Geste.

„Willkommen daheim“, sagte er und grinste.

Thomas durchfuhr es bei dem Wort „daheim“ wie mit einem Stromschlag. Er sah Georg an und wartete auf ein Zeichen dafür, dass Georg erst noch klar werden müsste, was er gerade gesagt hatte.

„Daheim?“ wiederholte ungläubig.

Georg schaute ihn an. Er hob etwas unschlüssig die Schultern, wirkte verlegen, so als wolle er nicht, dass über sein Empfinden irgendein besonderes Aufhebens gemacht würde.

„Jetzt mach schon, lad dein Zeugs ab. Über die Türschwelle muss ich dich ja wohl nicht tragen“, sagte er schnell und scheuchte Thomas vor sich her.

Thomas stellte die Tasche ab und wandte sich Georg zu. Er umarmte ihn, gab ihm einen Kuss.

„Danke, dass ich hier sein darf.“

Georg drückte ihn an sich und küsste ihn seinerseits. „Schön, dass du da bist.“

Sie bleiben eine Weile so stehen.

„Ich pack mal flott paar Sachen aus“, sagte Thomas, knuffte Georg sanft in die Seite und löste sich von ihm.

„Mach das.“ Georg hatte etwas Platz geschaffen.

Er ging zum Schrank und kramte kurz darin herum. Nun schien er gefunden zu haben, wonach er gesucht hatte.

„Hier hab ich noch einen Schlüssel für die Haustür und die Wohnung. Falls wir mal zu unterschiedlichen Zeit rein wollen oder müssen.“ Er reichte Thomas den Ring mit den Schlüsseln.

„Oh, jetzt ist es ganz offiziell, dass wir zusammen wohnen“, grinste Thomas.

Georg verdrehte die Augen. Dann grinste er auch.

„Ja, genau.“ Er klopfte Thomas sachte auf den Bauch.

Sie suchten noch ein paar Sachen zusammen und verbrachten den Tag in ruhe am Strand. Die kommende Woche könnte anstrengend werden.

Die Gruppe

Der Wecker riss Georg am nächsten Morgen ziemlich unsanft aus dem Schlaf; irgendwie schienen ihre morgendlichen Starts in letzter Zeit immer so plötzlich die Nacht zu beenden. Bei seinen Versuchen, den kleinen scheppernden Kasten zum Schweigen zu bringen, rempelte er Thomas an, der auch sofort aufwachte.

„Was’ n los“, brummelte Thomas.

Georg hatte endlich für Ruhe gesorgt und kuschelte sich an Thomas an. „Guten Morgen.“

Thomas hatte noch keine Lust die Augen zu öffnen. „Guten Morgen“, raunte er. „Müssen wir denn schon aufstehen?“

Georg sah auf die Uhr. „Nein, wir können noch ein wenig liegen bleiben, ich war so frei, den Wecker etwas früher zu stellen.“

Thomas schlang seine Arme um Georg und streichelte ihn sanft. „Das war eine gute Idee.“ Sie küssten sich. Thomas ließ seine Hände über Georgs Körper gleiten und gab sich seiner Erregung hin. „Du fühlst dich nämlich so unverschämt gut an, weist du das?“

„Du dich auch.“ Georg umschlang ihn und rollte sich mit ihm auf den Rücken, so dass Thomas auf ihm lag.

„Und das haben wir jetzt eine Woche lang jeden Morgen.“ Thomas öffnete endlich seine Augen und strahlte Georg an.

Georg strich ihm über die Wange. „Stimmt.“ Er gab Thomas einen langen, leidenschaftlichen Kuss. „Da freue ich mich drauf.“

„Das ist schön“, entgegnete Thomas leise und sah ihm tief in die Augen. „Ich bin glücklich, weist du das?“

Georg drückte ihn an sich. „Ja, weiß ich. Ich sehe es dir an.“

Thomas versenkte sein Gesicht an Georgs Hals und sog den Duft ein. So lagen sie lange beieinander. Irgendwann rollten sie auf die Seite, küssten sich und begannen, sich gegenseitig zu stimulieren.

Sie stellten das Auto in der Nähe der Anlegestelle ab und sahen der sich nähernden Fähre entgegen. In etwa einer halben Stunde würde die Gruppe an Land kommen. Bald konnten sie die drei Kleinbusse auf der Stellfläche sehen. Die Sonne schien, aber der Wind hatte aufgefrischt. Dennoch sandte der Sommer unmissverständliche Signale; es war deutlich wärmer, als in der vergangenen Woche. Georg und Thomas hatten sich für Cargoshorts entschieden.

„Ich bin mächtig auf die Gruppe gespannt“, sagte Georg und versuchte einzelne Gestalten auf dem Schiff auszumachen.

„Hoffentlich ist der Körperbehinderte nicht an den Rollstuhl gebunden, sonst bekommt der in der Pension echte Probleme“, bemerkte Thomas.

„Ja, das wäre übel“, gab Georg zu. „Aber selbst wenn, das bekommen wir auch noch gelöst.“ Er strahlte Zuversicht aus. „Es wäre eine Schande, wenn es daran scheitern müsste, oder?“

„Stimmt“, nickte Thomas.

Zunächst warteten sie, bis die Fähre angelegt hatte. Sie beobachteten, wie die Studentengruppe die Busse bestieg und diese von Deck rollten. Auf dem nahen Parkplatz hielt die kleine Kolonne und der Professor ließ die Gruppe aussteigen und einen Halbkreis bilden.

„So, da wären wir. Das sind Georg und Thomas, die werden euch in der Woche hier mit betreuen. Wir werden zuerst mal in der Pension einchecken und in Ruhe ankommen. Heute Abend treffen wir uns alle in der Pension, essen gemeinsam und sprechen die Woche durch.“

Dann wandte er sich an Georg und Thomas. „Könnt ihr mich erst am Institut absetzen und danach mit zur Pension fahren und denen ein wenig Starthilfe geben?“

Die beiden nickten.“ Wir haben die Räder am Institut stehen, das passt schon.“

Der Professor nickte. „Ich guck mal, ob ich den Wagen noch brauche, ansonsten braucht ihr nicht mit den Rädern fahren.“

„Sehen wir mal“, gab Georg zurück. Er ließ seinen Blick über die Gruppe schweifen. Fünfzehn Studentinnen und Studenten, alle im zweiten Semester. Drei junge Frauen fielen ihm sofort auf, ihm war klar, dass die spätestens am zweiten Tag in den Dünen keine Lust mehr haben würden, weil sie sich die künstlichen Fingernägel ruinierten. Andere wiederum schienen Wetterfest zu sein, hatte gutes Schuhwerk und waren an den Aufenthalt im Freien gewohnt. Bei den Jungs sah es ähnlich aus. Der eine oder andere hätte vielleicht besser Betriebswirtschaft oder Jura studiert, einige wirkten jedoch robust genug für die anstrengende Arbeit an der frischen Luft. Und ihm fiel der junge Mann mit den Gehstöcken auf. Das rechte Bein schien nicht voll einsatzfähig zu sein. Aber abgesehen davon wirkte er am besten ausgestattet, was Schuhwerk und Kleidung betraf.

„Gut“, beendete Ludwig die Situation. „Machen wir uns also auf den Weg.“

Die Gruppe stieg wieder in die Kleinbusse. Georg, Thomas und der Professor gingen zum Kombi und verstauten die Reisetasche im Kofferraum. Thomas setzte sich ans Steuer.

„Wie geht’s euch?“, fragte Ludwig gut gelaunt.

„Gut, gut“, antwortete Thomas.

Ludwig drehte sich nach hinten zu Georg um. „Jetzt hab ich dir einfach so den Thomas für eine Woche untergeschoben. Schlimm?“

„Nee, passt schon. Mach dir keinen Kopf“, beschwichtigte ihn Georg und vermied den zu offensichtlichen Blick auf Thomas.

„Und dir hab ich einfach so die Unterkunft geklaut“, wandte der Professor sich an Thomas, der sehr froh darüber war, sich auf die Straße konzentrieren zu müssen.

„Ist nicht schlimm, Ludwig. Ich werd mich schon bei Georg wohl fühlen.“ Thomas schaute kurz in den Rückspiegel zu Georg.

Van Bergen grinste. „Das glaube ich allerdings auch“, bemerkte er, wobei sein Tonfall für Georg und Thomas in diesem Augenblick etwas zu süffisant klang, was ihnen wieder einmal einen gewissen Schrecken in die Knochen fahren ließ. Ob Ludwig das bemerkte, konnten sie nicht einschätzen, und wenn, dann überspielte er es perfekt. Oder es war ihm nicht wichtig.

Der Professor fuhr fort. „Wisst ihr, ich war völlig geschockt, als mir klar wurde, dass wir ein Zimmer zuwenig hatten. Ich hatte noch mal ein Gespräch mit Markus, dem jungen Mann mit den Stöcken, und hatte den gefragt, ob das alles so geht, wie er sich das vorstellt. Da hat der auf ein Mal seine Begleitperson erwähnt und uns wurde klar, dass davon absolut keiner was wusste. Das war ein schöner Schreck.“

„Das kann ich mir vorstellen“, bemerkte Thomas.

„Was haltet ihr so auf den ersten Blick von der Gruppe?“, wollte Ludwig wissen.

Georg lehnte sich etwas vor. „Sieht ganz witzig aus. Ich bin gespannt, wie lange die drei Modepüppchen durchhalten.“

Ludwig schaute auf die Straße. „Gib ihnen ne Chance.“ Ein väterliches Lächeln umspielte seinen Mund.

Thomas hatte es aus dem Augenwinkel mitbekommen. „Nu sag’s schon, Ludwig.“

Der Professor grinste breit und veränderte seine Sitzposition. „Nee, mache ich nicht.“ Er zwinkerte den beiden nacheinander zu.

„Gut, dass der Markus kein Rollstuhlfahrer ist“, warf Georg ein.

Ludwig nickte. „Stimmt. Der hat aber einen dabei. Wenn wir im Institut sind, wird der wohl viel mit dem Rollstuhl machen, um sich zu schonen.“

„Was hat der eigentlich?“, wollte Thomas wissen.

Ludwig dachte kurz nach. „Der hat ein kaputtes Bein. Das ist irgendwie nicht voll belastbar und er schleift es auch nach. Markus hat was von Operationen erzählt, die da anstehen und so weiter. Ich sage jetzt mal, er hätte das alles auch ohne extra Begleitung geschafft, aber wenn er das für sich benötigt, soll’s mir recht sein. Ich finde es einfach toll, dass er sich trotz des Handicaps für dieses Studienfach eingeschrieben hat und das auch durchzieht.“

Sie hatten das Institut erreicht. Der Professor nahm seine Sachen aus dem Auto. „Ihr könnt meinetwegen das Auto für heute haben, wenn ihr wollt.“

Georg und Thomas schauten sich an und schüttelten einhellig die Köpfe.

„Danke, aber ich glaube, heute ist schönes Wetter zum Radfahren“, grinste Georg.

Ludwig nickte. „Begebt euch mal zur Pension und helft der Gruppe, sich zu sortieren. Grüße an Frau Jakobs!“

„Machen wir“, sagte Thomas, während sie sich zu ihren Rädern begaben.

Ludwig winkte ihnen noch einmal zu, die beiden schwangen sich auf die Drahtesel und fuhren los.

„Mann, sind wir heute jung und dynamisch“, witzelte Thomas. „Hoffentlich verschrecken wir die Studis nicht mit unserer Sportlichkeit.“

Georg musste lachen. „Stimmt. Die halten uns noch für Leistungssportler oder so was. Die Armen.“

Thomas setzte noch einen drauf. „Kernige Naturburschen, die ihr halbes Leben draußen verbringen und mit nem Klappspaten auf’ s Klo gehen.“

Georg musste lachen. „Ja, so ungefähr.“

Den Rest der Strecke fuhren sie schweigend.

Die Exkursionsgruppe hatte sich schon in der Pension ausgebreitet. Thomas war verblüfft, wie belebt das Haus plötzlich war. Frau Jakobs begrüßte sie freudig, widmete sich aber sofort wieder ihren neuen Gästen. Außerdem musste sie für den Abend ein Essen für über zwanzig Personen auffahren. Einige Studenten saßen schon im Speiseraum und unterhielten sich.

Georg und Thomas winkten ihnen zu, und die Gruppe winkte zurück.

„Ich geh mal rauf und mach ne Runde durch die Zimmer“, sagte Thomas.

„OK, ich setz mich mal hier mit dazu“, antwortete Georg und wies in den Speiseraum. „Vielleicht kann ich die ja auch ins Freie locken“, fügte er grinsend hinzu.

Thomas nickte und stieg die Treppe nach oben. Er hörte schon einige Stimmen, bevor er den Flur betrat. Direkt in der Nähe der Treppe hatte sich Markus in einem Zimmer niedergelassen. Die Tür stand auf, und Thomas klopfte an den Rahmen.

Markus sah zur Tür. „Ach hallo! Komm rein...“ Er zögerte kurz. „Sag mir bitte noch mal deinen Namen“, bat er.

„Ich bin der Thomas.“ Ein kurzer Rundblick im Zimmer. „Du kommst soweit zurecht?“

„Ja klar, geht schon.“ Markus hatte sich vor dem Schrank postiert und räumte Kleidung aus der Reisetasche hinein.

Thomas nickte. „OK. Wenn du Hilfe brauchst, meldest du dich einfach, ja?“

Markus lächelte ihn an. „Ja, danke. Tobias kümmert sich um mich, da hab ich auch Hilfe.“

Bevor Thomas etwas erwidern konnte, kam ein anderer junger Mann ins Zimmer.

Markus wies auf ihn. „Das ist Tobias, mein Bruder.“

Thomas und Tobias gaben sich die Hand und stellten sich einander vor.

„Dann ist ja alles OK“, bemerkte Thomas. „Wie gesagt, meldet euch, sobald was zum Problem wird. Wartet nicht.“

Tobias nickte. „Machen wir.“

Thomas nickte beiden noch einmal zu und verließ das Zimmer. Als er auf dem Gang war, sah er eines der „Modepüppchen“ aus dem Bad kommen. Er musste sich beherrschen, als ihm der Begriff durch den Kopf ging. Als sie ihn sah, winkte sie ihm kurz zu. Er erwiderte den Gruß und folgte ihr in Richtung zu dem Zimmer, in dem sie sich niedergelassen hatte. Sie bemerkte es und ließ die Tür offen stehen.

Alle drei Studentinnen hatten sich in dem Zimmer breit gemacht und versuchten, ihre Kleidung in den Schränken unterzubringen.

„Hallo, du bist der Thomas, oder?“ wurde er begrüßt.

„Jep“, entgegnete er. „Ihr kommt zurecht?“

„Ja klar.“ Die Studentin musterte ihn erst von Oben bis Unten und wies auf ihre Kommilitoninnen. „Das ist Valerie, das ist Suhal, ich heiße Svenja.“

Thomas reichte ihnen die Hand. Währenddessen ließ er den Blick eher unbewusst durch den Raum schweifen.

„Wo kann man denn hier weggehen?“, wollte Valerie wissen. Sie erwischte Thomas mit dieser Frage auf dem falschen Fuß.

„Oh, das weiß ich nicht“, gab er zu. „Es gibt ein kleines touristisches Zentrum, aber die sind eher auf Familien ausgelegt. Einen Club oder ne Disco hab ich da noch nicht gesehen. Ich bin da aber auch der falsche Ansprechpartner.“

„Vielleicht kann uns der Georg ja weiterhelfen“, warf Suhal ein.

„Fragt ihn, aber ich fürchte, der weiß auch nicht mehr. Wir sind noch nie hier irgendwie weggegangen. Außer in die Kneipe bei ihm in der Nähe.“ Thomas zuckte mit den Schultern und schaute in ziemlich enttäuschte Gesichter. „OK, ich geh mal weiter durch“, verabschiedete er sich.

„Ja, ist gut.“ Svenja wandte sich wieder ihrer Tasche zu.

An der Tür bemerkte Thomas jede Menge Schuhe, jedoch keine, die für die Arbeit im Freien geeignet waren. Thomas wandte sich noch einmal um.

„Habt ihr auch festes Schuhwerk für Draußen dabei?“

Suhal nickte. „Ja, wir haben doch diese da.“ Sie wies auf Stiefelletten mit Absätzen.

Thomas kratzte sich am Kopf und hob die Augenbrauen. „Eigentlich meinte der Professor damit richtige Wanderschuhe. Wir werden viel in den Dünen unterwegs sein.“

Valerie schüttelte den Kopf und lachte etwas unsicher. „So was hab ich gar nicht.“

„Wird schon irgendwie gehen“, sagte Thomas, winkte den dreien zu und verließ den Raum. Auf dem Flur schüttelte er den Kopf. Alles musste er nicht verstehen, sagte er sich. Inzwischen war es auf dem Flur ruhig geworden. Er ging zurück zur Treppe und sah gerade Markus und Tobias unten ankommen. Thomas folgte ihnen. Der Speiseraum war leer. Die Gruppe hatte sich draußen versammelt und saß in der Frühsommersonne auf den Bänken oder einfach auf dem Boden. Einige schienen schon mit einem ersten Ausflug ins Gelände zu rechnen und waren entsprechend ausgestattet. Georg hatte Karten von der Insel verteilt, half bei den ersten Orientierungen und beantwortete Fragen. Thomas setzte sich dazu und folgte Georgs Ausführungen. Wenig später kamen auch Suhal, Valerie und Svenja hinzu. Es war einfach auffällig, wie sehr sie aus der Gruppe alleine schon durch ihre Kleidung hervorstachen. Georg war mit seinen Erläuterungen am Ende und wandte sich an Thomas.

„Wir haben noch gut fünf Stunden, bis zum Abendessen. Ich glaub, die meisten freuen sich auf den Strand.“ Er erntete zustimmendes Gemurmel aus der Gruppe.

Thomas nickte. „Nehmen wir die Busse?“

Georg stimmte zu. „Ja, macht Sinn.“ Er schaute in die Runde. „Gut. Wir fahren zum Strand, heute nix Besonderes, einfach mal das Wetter und das Meer genießen und ankommen. Wer noch was aus dem Zimmer braucht, holt es, wir fahren in etwa zehn Minuten, würde ich sagen. Proviant nicht vergessen, bis zum Essen dauert’ s noch.“

Die Gruppe stand auf, einige gingen noch einmal zurück ins Haus, andere bewegten sich schon auf die Fahrzeuge zu.

Georg und Thomas einigten sich auf die Stelle, zu der sie fahren wollten, und jeder ging zu einem der Kleinbusse. Nach kurzer Zeit war die Gruppe abfahrbereit. Tobias fuhr den dritten Bus.

Die Fahrt war kurz, und die Gruppe stieg aus.

„Wir haben noch knappe fünfhundert Meter durch die Dünen, dann sind wir am Strand.“ Thomas wies in Richtung Küste. Er vermied es dabei, Valerie und ihr Gefolge anzusehen, die ihrerseits recht skeptisch auf den sandigen Dünenweg schauten.

Auf dem Weg zum Strand zog sich die Gruppe in die Länge. Thomas blieb zunächst bei Markus und Tobias, um sich zu vergewissern, wie die beiden zurechtkamen. Markus kam unerwartet schnell voran, was Thomas freute. Nun sah er sich suchend nach Georg um und entdeckte dessen Strubbelkopf weiter vorne in der Gruppe, offenbar im Gespräch vertieft. Thomas bemerkte, wie er den Drang verspürte, in Georgs Nähe zu sein. Er wollte wissen, was Georg machte. Sekunden später gab er sich innerlich eine Ohrfeige und nannte sich einen Spinner. Aber dieses beunruhigende Gefühl in seiner Magengrube konnte er nicht einfach so abschalten. Es war neu für ihn, Georg mit anderen Menschen so offensichtlich teilen zu müssen. Und er war sehr entsetzt über sich selber, dass er damit wohl. offensichtlich ein Problem hatte.

Als sie am Strand angekommen waren, schloss er zu Georg auf und ließ sich neben ihm im Sand nieder, als die Gruppe sich setzte.

Die Studentinnen und Studenten stellten wieder ein paar Fragen zur Insel und über die kommenden Tage.

„Nun wartet doch einfach mal ab“, sagte schließlich einer aus der Gruppe. „Wir sind noch ne Weile hier, und erst mal finde ich das Meer einfach nur klasse.“

Georg stimmte ihm zu. „Das ist für heute genau die richtige Einstellung. Wir werden uns noch genug mit dem Reservat beschäftigen. Aber nehmt euch das generell mal für die Woche vor; verliert nicht die Natur aus den Augen. Genießt es einfach auch mal, hier zu sein.“

Der Student stand auf und begann, sich auszuziehen. „Gute Idee. Wer kommt mit ins Wasser?“

Damit spaltete er die Gruppe in zwei Lager. Einige schüttelten einfach nur den Kopf oder verneinten lautstark, während sich der Rest zu ihm gesellte.

„Mist, ich hab kein Handtuch dabei.“ Georg zog den Mund schief.

Thomas schaute in seinem Rucksack nach. „Doof, ich auch nicht. Hättest du sonst haben können.“

Die Studentin neben Georg suchte in ihrem Rucksack. „Ich glaub, ich hab eines mit. Ich hab’s vorhin eingepackt, aber mir ist das doch noch zu kalt, glaube ich.“ Sie hielt es Georg hin. „Hier, wenn du magst.“

Ihr Lächeln verbesserte Thomas’ Gefühl im Bauch nicht.

„Cool, danke.“ Georg legte das Handtuch auf seinen Rucksack und zog sich aus. Offenbar wollte er in Boxershorts ins Meer. Thomas sah ihm recht unverhohlen zu.

Schließlich hatten sich die Badewütigen versammelt und stürmten lautstark ins Wasser.

„Ist das das Wasser so kalt, wie es aussieht?“, wandte sich die Studentin an Thomas und riss damit seinen Blick von Georg weg.

„Wie? Ähh, ja schon. Ach, es geht“, stammelte er erschrocken, fing sich aber wieder. „Also wir beide gehen öfters schon mal kurz rein, Georg und ich. Ist eine Frage der Gewohnheit. Man härtet mit der Zeit ab.“

„Ihr zwei seid ja schon echte Inselmenschen, oder?“, wollte sie wissen. „Ich heiße übrigens Sabine.“

Thomas nickte. „Hallo Sabine. Ähh, och nee, so ganz Inselmenschen sind wir noch nicht. Also Georg vielleicht schon eher, aber er ist auch schon länger hier.“

Sabine schaute zu den Leuten, die im Wasser tobten. „Na ja, er hat schon so was vom kernigen Insulaner, oder?“

Thomas runzelte die Stirn; ihr Unterton gefiel ihm ganz und gar nicht. „Mag sein“, entgegnete er ein paar Nuancen kühler. „Die Arbeit hier draußen hält einen aber generell ganz gut in Form.“ Thomas stützte sich auf einen Unterarm, gerade so, als würde er sich wie ein Mittelstufenschüler im Schwimmbad in Pose werfen.

Sabine schien ihn zu ignorieren und sah wieder zum Wasser.

„Das sieht man in der Tat“, entgegnete sie lächelnd.

Thomas folgte ihrem Blick zu der Gruppe im Meer. Kurz darauf kamen sie aus dem Wasser zurück, die meisten mit einer heftigen Gänsehaut. Thomas stand auf, nahm Georg zunächst sein Handtuch ab und reichte ihm die Kleidung. Ob irgendjemand bemerkte, dass er dabei ziemlich alles versuchte, um Georg vor Sabines Blicken zu verdecken, konnte er nicht beurteilen. Und hätte man ihn darauf angesprochen, hätte er es wahrscheinlich abgestritten.

„Ihr habt doch irgendwie nen Knall“, hörte er Suhal sagen, die sich mit Svenja und Valerie immer noch nicht in den Sand gesetzt hatten.

Der Student, der die Aktion ausgelöst hatte, stellte sich demonstrativ vor sie. Er hatte noch kein Shirt an und trockne sich noch weiter ab. Er war groß, dunkelblond, sehr sportlich trainiert, hatte einen gut gepflegten Vollbart und halblange Haare. Seine Haut war gebräunt, jedoch nicht vom Solarium, sondern von Wind und Sonne. Unter seinen noch feuchten Haarsträhnen blitzen stahlblaue Augen. Mit jeder Bewegung, mit der er das Handtuch über seinen Körper führte, konnte man das Spiel seiner Muskeln erkennen. Arme, Brust, Schulter, Rücken; deutlich definiert, aber nicht überproportioniert. Die drei Mädel konnten ihren Blick nicht von ihm wenden, fühlten sich aber gleichzeitig zunehmend unangenehm berührt. Er stand vor ihnen mit, wie Thomas fand, einer Haltung, die ausdrückte, dass die drei das, was sie gerade sahen, nie würden aus der Nähe betrachten dürfen.

„Schüttelt ihr euch mal besser erst den Sand aus euren Schühchen“, gab er gelassen in einem ruhigen und sonoren Bass zurück.

Sabine sah zu ihm auf. „Komm, Martin, lass gut sein. Ist doch egal.“

Martin nickte nur und setzte sich in den Sand. Thomas versuchte, ihn nicht zu offen anzusehen. Der Auftritt hatte ihn in der Tat beeindruckt.

Georg hatte den kurzen Schlagabtausch beobachtet und setzte sich neben Thomas.

„Na hier sind die Fronten ja schon geklärt“, sagte er leise.

Thomas nickte nur.

„Die sind immer so“, warf Sabine ein. „Ich weiß nicht, warum die sich für so ein Fach entschieden haben, wenn sie sich vor allem ekeln, was nichts mit Make-up und Markenklamotten zu tun hat.“

„Vielleicht sind sie scharf auf Naturburschen“, warf Thomas grinsend ein.

„Deren Pech“, brummte Martin.

„Ich hoffe nur, dass die uns nicht die ganze Woche versauen“, sagte Sabine leise.

Georg schüttelte den Kopf. „Wir werden eh meist Kleingruppen machen. Wenn der Professor mit dabei ist, machen wir drei, wenn nur wir was mit euch machen, sind es zwei. Die ganze Gruppe ist eh zu groß, um immer auf einem Fleck zusammen zu sein.“

Er erntete zustimmendes Nicken.

Sie unterhielten sich noch eine Weile, wobei Thomas ständig versuchte herauszufinden, ob Martin vielleicht irgendwelche Besitzansprüche an Sabine geltend machen wollte. Die beiden wären seiner Ansicht nach wirklich ein sehr schönes Paar. Und überhaupt bräuchte Sabine dann Georg nicht mehr so anzusehen.

Nach dem ersten Abend

Georg schloss die Tür zu seiner kleinen Wohnung auf und öffnete sie. Er wollte Thomas den Vortritt lassen, doch dieser blieb stehen und grinste ihn an.

„Was ist?“, wollte Georg wissen

„Na ja, ich wohne ja jetzt bei dir, und eigentlich hättest du mich gestern Abend doch über die Schwelle tragen müssen.“ Nun prustete Thomas doch noch leise los, zumal sie noch im Hausflur standen, währen Georg ihn sanft und mit einem Seufzer durch die Tür schob.

„Doofkopp“, knurrte Georg, schloss die Tür und gab ihm einen Kuss. „Ich geh duschen“, sagte er.

„OK“. Thomas legte seine Sachen ab, holte aus dem Rucksack die leere Proviantdose und ging in die Küche, um schon ihre Verpflegung für den morgigen Tag bereit zu machen. Er sah Georg beim Ausziehen zu.

Dann legte er alles aus den Händen auf die Anrichte. „Das kann ich ja gar nicht mit ansehen“, sagte er und zog sich ebenfalls aus.

Georg lachte. „Und ich dachte schon, du seiest irgendwie krank.“

Er wartete, bis Thomas nackt war, zog ihn an sich und sie küssten sich wieder.

Sie duschten gemeinsam, verzichteten aber darauf, sich ihrer aufkeimenden Lust hinzugeben. Das wollten sie später im Bett nachholen.

Nach dem Duschen kümmerte Thomas sich noch um den Proviant, den Georg besorgt hatte, während Georg die Post sortierte. Als er in die Küche zum Altpapierbehälter kam, gab er Thomas einen Klaps auf den blanken Hintern.

„So was, ein nackter Mann in meiner Küche“, kommentierte er die Situation. Er trat von hinten an Thomas heran und schlang die Arme um ihn. Thomas lehnte sich gegen ihn und legte seine Wange an die von Georg.

„Da sind wir ja schon zu zweit“, kicherte er leise und verführerisch.

Georg küsste ihn zärtlich auf den Hals. „Schön, dass Du hier bist.“

Thomas schloss die Augen. „Schön, dass ich hier sein darf, Schatz.“ Da war es mal wieder.

Georg gab ein wohliges Brummen von sich, während er seinen Unterleib sanft gegen Thomas’ Kehrseite presste. Sein Glied wurde steif und wanderte langsam am Damm von Thomas entlang und zwischen dessen Pobacken.

„Das fühlt sich geil an“, raunte Thomas

„Was denn?“, Georg fuhr mit den Händen über Thomas’ Oberkörper.

„Dein Schwanz an meinem Hintern“, gab Thomas zurück.

„Aha.“ Georg wollte fast schon einen halben Schritt zurück machen, aber Thomas griff nach seinen Hüften, hielt ihn fest und beugte sich beinahe unmerklich vor und spreizte ein wenig die Beine.

Georg wusste nicht so recht was er davon halten sollte. „Hör mal, nicht dass mein Ding gleich bei dir drin steckt, oder so was.“

„Nee“, beschwichtigte ihn Thomas. „Ich möchte den da nur mal fühlen, das ist total schön.“ Er schmiegte sich wieder mit seiner Wange an Georg, sofern das bei seiner Körperhaltung noch ging.

Georg seinerseits tastete sich mit seinem Glied vorsichtig in diesen für ihn fremden Regionen vorwärts, bis seine Eichel den Anus von Thomas erreichte und Thomas leise aufstöhnte. Georg verspürte kurz den Impuls, in Thomas einzudringen, verwarf dies aber sofort, als er sich die eigentliche Funktion dieser Körperöffnung in Erinnerung rief. Bei diesem Gedanken ließ auch sofort seine Erektion nach.

Thomas bemerkte es und wandte sich zu Georg um. Er streichelte ihm mit der Hand über die Wange und küsste ihn sanft, bevor sie sich in die Arme schlossen.

„Sowas probieren wir lieber ein andermal“, gab Georg leise zu, schaute aber mit einem schuldvollen Blick, wie Thomas fand.

„Hey, wir haben doch jede Menge Zeit.“ Thomas strich Georg über den Rücken. „Uns drängt doch keiner.“

Sie lösten sich ein wenig voneinander und sahen sich in die Augen.

Thomas nickte langsam. „Mach dir keinen Stress, okay?“ Er küsste Georg auf die Stirn.

„Du hast das ‚Schatz’ vergessen“, bemerkte dieser trocken.

„Nein, hab ich nicht, Schatz“, entgegnete Thomas, drehte sich wieder um und sortierte schnell die restlichen Sachen für den nächsten Tag, während Georg ihn weiter von hinten umarmt hielt und ihn sachte dabei hin und her wiegte.

Als Thomas fertig war, gingen sie zurück in den Wohnraum. Georg suchte noch Kleidung für morgen heraus, währen Thomas die kleine Lampe einschaltete und sich ins Bett legte. Georg löschte noch das Deckenlicht und kroch zu Thomas unter die Decke. Sie kuschelten sich aneinander und schwiegen eine Weile. Worüber, konnten sie nicht sagen.

„Meinst du, die Gruppe merkt, was zwischen uns abläuft?“, fragte Georg unvermittelt.

„Warum?“ Thomas hatte keine Ahnung, worum es Georg gerade ging.

„Na ja, ich denke, dass wir vielleicht eine besondere Art ausstrahlen, miteinander umzugehen oder so was. Halt Dinge, die zeigen ...“ Er stockte. Er würde das, was sie hatten und taten, benennen müssen, wenn er weiter sprach.

„Du meinst, Dinge, die verraten, dass wir schwul sind und miteinander ins Bett gehen?“, hakte Thomas nach und brachte so unwissentlich eine Wendung in Georgs Dilemma.

„Warum sagst du ‚verraten’?“ Georg überlegte kurz, gab sich jedoch die Antwort sogleich noch selber. „Weil wir uns verstecken.“

„Ja, das tun wir in der Tat.“ Thomas konnte dem nichts entgegensetzen. Wollte er auch nicht, denn es hätte nicht der Wahrheit entsprochen. Sie versteckten sich, verheimlichten der Umwelt ihre ... Ja, was eigentlich? Thomas wollte Georg gerne fragen, was das für ihn war, was sie hatten und taten, traute sich aber nicht, weil er fürchtete, Georg unter Druck zu setzen. Aber er erinnerte sich an ihre Vereinbarung; keine Geheimnisse.

„Was verstecken wir eigentlich, Georg?“, wollte er wissen.

Georg hatte längst verstanden, dass meistens, wenn Thomas ihn in diesem Tonfall mit seinem Namen ansprach, etwas sehr Inniges oder sehr Ernstes in der Luft lag. Und er merkte auch, dass er sich vorhin zu früh gefreut hatte; jetzt ging es genau da drum. Was hatten sie beide? Führten sie eine Beziehung? Waren sie ein Paar? Genau genommen ja. Oder? Aber wollte Georg sich das eingestehen? Konnte er schon sagen, dass er mit einem Mann zusammen war und es auch sein wollte?

Für Georg war klar, dass Thomas in dieser Hinsicht schon weiter war. Wahrscheinlich stellte Thomas diese Frage nach der Beziehung nur deshalb nicht, weil er Georg nicht unter Druck setzen wollte. Georg überlegte, ob er ihm die Arbeit abnehmen sollte, das Thema ansprechen, aber was sollte er sagen, wenn er sich seiner eigenen Position nicht klar war. Sie versteckten sich vor der Öffentlichkeit. Mehr oder weniger. Aber versteckte er sich auch vor sich selber?

„Was verstecken wir“, wiederholte Georg langsam die Frage von Thomas, vielleicht auch, um Zeit zu gewinnen. Dabei drückte er ihn leicht an sich, strich ihm über den Arm und drehte sich auf die Seite, so dass sie einander ins Gesicht sahen.

Er fuhr ihm mit dem Zeigefinger durch das Brusthaar, während der weiter sprach.

„Wir empfinden sehr viel und sehr tief füreinander. Wir küssen uns, wir verbringen viel Zeit miteinander.“ Er machte eine kurze Pause. „Wir gehen miteinander ins Bett und haben Sex.“ Georg stupste nachdrücklich mit dem Finger gegen Thomas und ergänzte: „Guten Sex, wenn ich das mal betonen darf.“ Über das Lächeln auf Thomas’ Gesicht freute er sich jetzt besonders.

Georg machte ein nachdenkliches Gesicht. „Das verstecken wir, Thomas.“ Er spürte, dass dies keine komplette Antwort war, genauer gesagt, fehlte der wichtigste Teil.

Thomas sah ihn fragend an, holte Luft, wollte die Frage aus seinem Kopf raus haben, mehr noch aus seinem Gefühl; wollte Gewissheit, Sicherheit. Was er selber fühlte, das wusste er nur zu gut. Er spürte auch tief in sich, wie und was Georg für ihn empfand. Eine Seite in ihm fragte sich, was er eigentlich noch genau wollte, eine andere Seite hatte den Wunsch, es zu hören, gesagt zu bekommen, es somit offiziell zu machen; im Grunde lächerlich. Oder auch nicht.

Georg sah den Kampf in Thomas. Er hatte Angst vor der Frage, Angst, eine Antwort geben zu müssen. Deshalb traf er eine Entscheidung.

„Thomas, mir ist klar, dass wir irgendwie schon so etwas wie ein Paar sind. Alles, was wir machen, ist Bestandteil einer Beziehung. Ich ...“

Thomas legte ihm einen Finger auf die Lippen. Er hatte Georg und die gesamte Situation plötzlich verstanden. Hoffte er zumindest. „Schon gut, Georg.“ Er schluckte. „Ich weiß, dass du das für dich noch nicht wirklich klar hast.“

Georg sah ihm in die Augen. Da war Wärme, aber auch eine unleugbare Enttäuschung. Georg hatte das Gefühl, Thomas sehr weh zu tun und atmete schwer.

„Das ist nicht fair von mir, Thomas“, warf Georg ein. „Ich hab das Gefühl, ich halte dich irgendwie hin.“ Georg wand sich in Thomas Blicken und in dessen Gefühlen.

Thomas schüttelte den Kopf. „Darum geht es nicht. Ich weiß, ich muss dir Zeit geben.“

Georg presste die Lippen zusammen. Er strich Thomas zärtlich über den Kopf und die über die Wange. „Womit hab ich so jemanden wie dich verdient.“

Thomas erwiderte die Berührungen und küsste Georg sanft. „Weil du so ein wunderbarer Mann bist, und weil ich dich liebe“, sagte er zärtlich aber unerschütterlich.

Georg konnte darauf nichts erwidern. Er nahm Thomas einfach in die Arme und drückte ihn ganz fest an sich. Das war nach seinem Empfinden das Mindeste, was er machen konnte. Vielleicht nicht das Einzige, aber das Mindeste. Er nahm sich fest vor, Thomas nicht länger warten zu lassen, als nötig. Was hieß in diesem Zusammenhang schon ‚nötig’. Georg konnte nicht für sich in Worte fassen, was er noch brauchte.

Während er Thomas in seinen Armen hielt, ihn spürte, ihn streichelte und seine Nähe genoss, formte sich langsam eine Vorstellung in ihm. Es war dieses Gefühl, sich selber seine Homosexualität letztendlich einzugestehen. Er wartete auf das Gefühl, sich nicht mehr verstecken zu wollen. Seine Gedanken drehten sich, während sie beide so dalagen.

Das tiefe, gleichmäßige Atmen von Thomas, das gerade langsam in ein leises Schnarchen überging, holte ihn aus seinen Gedanken. Er sah in das friedliche, schlafende Gesicht, ein sanftes Lächeln lag darauf, der Körper schmiegte sich an seinen, war ganz schwer in der tiefen Entspannung geworden. Dieser junge Mann fühlte sich bei ihm sicher und geborgen. Thomas konnte sich in Georgs Arme legen und einschlafen. Einfach so. Getragen von einem ganz tief verwurzelten Gefühl von Vertrauen, Hingabe und schlussendlich von nichts anderem, als von Liebe.

Georg schaute eine Weile in das schlafende Gesicht. Ganz sachte küsste er Thomas auf die Stirn. „Ja, du liebst mich“, flüsterte er. Dann fügte er hinzu: „Schatz.“ Es wurde Zeit, dass er Thomas so etwas einmal sagte. Und im Grunde seines Herzens ... Er lächelte, schloss seine Augen und überließ sich der Wirkung der friedlichen Atemzüge von Thomas.

Montag

„Es ist echt bekloppt“, bemerkte Thomas, als sie das Haus verließen. „Jetzt wohne ich die paar Tage bei dir und wir müssen jeden Morgen zur Pension fahren, weil wir dort den Tagesablauf besprechen.“

Georg konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Ja, stimmt. Aber dafür können wir mit Ludwig fahren.“

Der Professor kam gerade aus dem Institut und hatte einen Stapel Karten und andere Materialien unter dem Arm.

Georg und Thomas wünschten ihm einen guten Morgen und nahmen ihm einige Dinge ab, während sie zum Auto gingen.

„Wie kommt ihr beide in der kleinen Bude zurecht?“, wollte der Professor wissen.

„Kein Problem, Ludwig“, gab Georg zurück, und Thomas nickte schnell zur Bekräftigung. Van Bergen ging nicht weiter darauf ein.

Auf der Fahrt gingen sie kurz das schon in der Vorwoche besprochene Programm durch.

„Die Studenten, die schon in meinem Seminar waren, möchte ich heute in meine Kleingruppe nehmen“, warf der Professor ein.

Georg sah Thomas an. “Sollen wir den Rest mal spaßeshalber in die Motivierten und Unmotivierten teilen?” Er konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.

Thomas überlegte kurz. „Wäre es nicht sinnvoll, beides zu mischen, vielleicht könnten die Motivierten den anderen etwas helfen.“ Er vermutete irgendeine freche Absicht hinter Georgs Frage. Ein kurzer Seitenblick auf den grinsenden Professor bestätigte seine Vermutung und er kicherte. „Okay, kommt drauf an, ob wir tagsüber unseren Spaß haben wollen oder erst heute Abend bei der Nachbesprechung.“

Van Bergen schüttelte den Kopf. „Klasse!“, kommentierte er, bevor sie alle lachen mussten.

Thomas beugte sich nach vorne zu Georg, der neben dem Professor saß, und stützte sein Kinn direkt neben Georgs linkem Ohr auf. Gleichzeitig griff er mit dem rechten Arm um den Sitz herum und legte seine Hand auf Georgs Schulter.

„Sag mal, mein Guter ...“, begann Thomas, und Georg hatte fast schon gedacht, er würde ‚Schatz’ sagen; nun beruhigte sich sein Herzschlag wieder. Thomas fuhr fort. „Hältst du mich eigentlich für völlig verblödet, oder hast du einfach nur Spaß dran, mich zu ärgern?“

„Ooch“, machte Georg, „war jetzt nur mal so ne Idee ...“

Thomas’ Hand glitt von der Schulter hinunter und kniff Georg in die Seite.

Der quiekte. „Lass das!“

Der Professor lachte. „Überlegt es euch, ist vielleicht ein spannendes Experiment, obschon Thomas prinzipiell recht hat.“

Georg wandte sich zu Thomas um. „Immer diese Pädagogen.“

Als sie an der Pension ankamen, fühlte sich Thomas anders. Er würde heute eigenverantwortlich eine Gruppe von Studenten leiten, die alle kaum oder gar nicht älter waren, als er.

Zunächst fand ein gemeinsames Frühstück statt, bei dem die Kleingruppen eingeteilt und die Aufgaben verteilt wurden. Danach brachen sie auf. Thomas und Georg besprachen noch schnell, ob sie sich zu einer Mittagspause treffen sollten oder nicht; sie verabschiedeten sich und stiegen in die Kleinbusse. Van Bergen hatte seine Gruppe schon im Bus untergebracht und besprach mit Frau Jakobs im Frühstücksraum noch die folgenden Tage für die Verpflegung. Beide sahen Georg und Thomas beim Besteigen der Busse zu.

„Da haben sie aber zwei fleißige Burschen gefunden“, bemerkte Frau Jakobs.

Der Professor nickte, beinahe in Gedanken. „Ja, stimmt.“ Er machte eine kurze Pause. „Schön, dass die beiden sich so gut verstehen.“ Er und Frau Jacobs sahen sich an, schauten kurz den Bussen hinterher, während ein Lächeln über ihr Gesicht glitt. „Ja, das tun sie wirklich“, fügte sie etwas versonnen hinzu und zwinkerte zu Ludwig. „Ein nettes Paar, die beiden, oder?“ Van Bergen lachte leise.

Er nickte. „Auf jeden Fall. Ich hoffe, die zwei bekommen das alles auf die Reihe.“

Frau Jakobs fing an, Tischtücher zu falten. „Ich hab zwar von so was nicht viel Ahnung, Herr Professor, aber ich glaube die beiden lieben sich wirklich. Also schaffen die das auch. Mein Neffe ist homosexuell, der hatte auch so seine Startschwierigkeiten, aber heute ist er glücklich mit seinem Sebastian.“ Van Bergen schaute etwas verblüfft über die Lockerheit der Wirtin, dann nickte er. „Das glaube ich auch. Was zwischen Mann und Frau funktioniert, müsste eigentlich auch zwischen zwei Männern klappen, wenn das Gefühl stimmt.“

„Eben“, entgegnete Frau Jakobs. Damit schien das Thema für sie erledigt zu sein.

Der Professor wünschte ihr noch einen schönen Tag, verabschiedete sich und ging zu seinem Kleinbus, um mit seinem Teil der Gruppe die Aufgaben für den Tag anzugehen. Er fragte sich, ob Georg und Thomas sich ihm oder anderen Menschen in der nächsten Zeit würden offenbaren können. Er wünschte es ihnen jedenfalls.

Den Tag verbrachten sie alle im Reservat. Der Professor führte seine Gruppe mit thematischen Hintergründen aus dem letzten Kurs, Georg zeigte den nördlichen Teil des Gebietes und Thomas stellte seiner Gruppe die Schwanenkolonie vor. Er hoffte, seine Begeisterung ein wenig auf die Kleingruppe übertragen zu können; sicher war er sich darüber nicht. Schlussendlich war er froh, als der Tag sich dem Ende entgegen neigte und sie sich auf den Rückweg machen konnten. In nur kurzen Abständen erreichten sie wieder die Pension.

Zunächst zog sich die Gruppe in die Zimmer zurück, so dass Georg, Thomas und der Professor ein wenig Zeit hatten, sich über den Tag zu unterhalten und sich gegenseitig ihre Erlebnisse schildern konnten. Auf Thomas’ Bericht waren die beiden anderen sehr neugierig.

„Ging gut“, begann er. „Wir haben uns die Kolonie in Ruhe angeguckt und uns verschiedenen Themen gewidmet. Ich hatte den Einsruck, dass es denen heute ganz gut tat, dass keine anderen dabei waren, die sie mit ihrer Motivation erschlagen haben. Wir haben uns auch eine Weile über so Sachen wie Ausrüstung für das Gelände unterhalten können. Das hätte andere bestimmt nur gelangweilt.“

Der Professor stimmte zu. „Demnach hatte das doch einen guten Sinn, alles so aufzuteilen. Georg, wie war es bei dir?“

Georg erzählte von seiner Gruppe. Thomas empfand ihn als müde und etwas unkonzentriert, konnte sich aber nicht erklären, warum.

Auch Ludwig hatte mit seiner Gruppe einen guten aber anstrengenden Tag gehabt.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit war das Essen fertig und die Exkursionsgruppe kam die Treppe herunter. Sie begaben sich alle in den Speiseraum. Frau Jakobs hatte die Tische für jeweils sechs Personen zusammengestellt. Als Thomas sich zu Georg setzte, bemerkte er, dass die Gruppen sich in etwa so sortierten, wie sie auch den Tag verbracht hatten. Er durchbrach damit ein wenig diese Anordnung. Nicht so Sabine, die sich auf der anderen Seite von Georg ihren Platz ausgesucht hatte. Martin setzte sich gegenüber von Thomas, daneben saßen noch eine Studentin und ein Student aus Georgs Gruppe.

Frau Jakobs zog mal wieder alle Register ihres Könnens und hatte ein großartiges Essen zubereitet. Sie strahlte, als sie in die hungrigen Gesichter schaute, die vom Tag an der frischen Luft geradezu glühten.

Nach dem Essen besprachen sie kurz den morgigen Ablauf, bevor der Professor in den gemütlichen Teil des Abends überleitete; die Tischordnung löste sich auf.

Ein paar Leute zogen sich schon auf die Zimmer zurück, andere verließen noch einmal die Pension, um für sich ein wenig Ruhe zu haben. Valerie, Svenja und Suhal stürzten sich auf den Professor und fragten geradezu gequält nach einer Disco. Thomas bekam mit, dass Ludwig sie in den Hauptort schickte, mit der Bemerkung, später mal Bericht zu erstatten, ob sie fündig geworden seien. Georg und Thomas kamen noch mit einzelnen aus ihren Gruppen ins Gespräch.

Thomas sah immer wieder einmal zu Georg und bemerkte, dass Sabine ihm scheinbar nicht von der Seite wich. Er hatte nicht bemerkt, dass Ludwig sich plötzlich neben ihn setzte.

„Sag mal“, machte der Professor sich bemerkbar, nachdem Thomas ein anderes Gespräch beendet hatte, „wie haben sich denn unser drei Grazien heute so geschlagen?“ Dabei wies er mit dem Kopf in die Richtung zu den dreien, die gerade Richtung Bushaltestelle die Pension verließen.

Thomas sah ihn nach. „Die sind froh, wenn sie am Wochenende wieder daheim sind. Aber sie werden durchhalten, glaube ich.“ Er sah Ludwig an. „Die kann man noch mit ganz einfachen Dingen verblüffen.“ Er grinste frech und nahm einen Schluck aus seinem Glas.

Ludwig lachte. „Das glaube ich dir. Ich bin gespannt, morgen sind die ja mal mit mir unterwegs.“

Thomas prustete ein wenig. „Mach sie aber nicht kaputt, okay?“

„Ich gebe mir Mühe“, versprach Ludwig mit einem Zwinkern.

Während Thomas noch ein „Gut“ entgegnete, wanderte sein Blick wieder zu Georg, der sich mittlerweile angeregt mit Sabine und Martin unterhielt.

„Markus hat sich heute auch gut gehalten“, setzte der Professor das Gespräch fort, während er dem Blick von Thomas kurz folgte.

Thomas sah zu ihm zurück, ein wenig wie in Trance. Irgendwann erreichte der Nachklang von Ludwigs Worten auch seinen Verstand und er konnte antworten.

„Oh, ja, der Markus! Das wollte ich dich noch fragen. Aber das klingt ja gut.“ Manchmal war es von Vorteil, wenn er sich nicht bewusst beim Sprechen zuhörte.

Ludwig sah ihn kurz an; es war ihm völlig klar, dass Thomas mit seinen Gedanken überall war, nur nicht bei Markus. Aber das verstand er. Van Bergen nahm das Gespräch mit einer Studentin aus seiner heutigen Gruppe auf, so dass Thomas ihm noch zunickte, sich erhob und zum Tisch von Georg zurückschlenderte. Er wies mit einem fragenden Blick auf den freien Platz.

Georg schob ihm sofort den Stuhl hin und lächelte ihn an. „Na du?“ Er hob sein Glas. "Auf einen gelungenen Start, möchte ich mal meinen.“

Thomas stieß mit ihm an. „Ja, glaube ich auch.“ Irgendetwas in Thomas’ Augen verunsicherte Georg, er konnte aber nicht sagen, was es war.

In sich spürte Thomas eine gewisse Erleichterung. Er rückte mit seinem Stuhl etwas näher an Georg heran, mehr instinktiv, als geplant. Martin sah sie beide an und grinste, als er einen Zug aus seiner Bierflasche nahm.

„Wir haben uns gerade über die Arbeit hier im Reservat unterhalten“, erläuterte Georg.

„Aha.“ Thomas stellte sein Glas auf den Tisch.

Martin sah in Richtung Ausgang. „Wo wollten unsere drei Models eigentlich hin?“

„Wenn ich das richtig mitbekommen habe“, brachte sich Sabine ein und folgte seinem Blick, „ suchen die verzweifelt nach einer Disco oder nem Club hier auf der Insel.“

„Ach so“, grinste Martin. „Sind wir den Damen mal wieder zu uncool. Nicht stylisch genug.“

„Gibt’s hier so was?“, wollte Sabine an Georg gewandt wissen.

„In der Hauptsaison machen die an den Wochenenden meist irgendwas. Aber das ist nun mal hier nicht Mallorca, Ibiza oder so was. Hier kommen eher Kurgäste her, Familien mit kleineren Kindern und Öko-Touristen.“

Sabine nickte. „Davon hat der Professor heute schon erzählt. Er möchte ja in diese Richtung hier Geld ranschaffen. Mich würde das vielleicht für ne Diplomarbeit interessieren. Tourismus und Ökologie.“

Thomas bekam weiche Knie, als er sich vorstellte, dass Sabine womöglich in absehbarer Zeit auch öfters oder für längere Zeit auf der Insel sein würde.

Martin sah sie an. „Das ist eine gute Idee. Da würde ich mich mit nem Unterthema gerne dranhängen.“

Sabine schaute ihn an. „Dann müsstest du auch herkommen, denke ich.“

Martin stellte seine Flasche hin und machte einen enttäuschten Eindruck. „Das wird nichts. Marie kann ich nie und nimmer hier her bekommen und der Kleine käme gerade in den Kindergarten. Das wäre alles zu viel durcheinander, glaube ich.“

Georg und Thomas guckten verdutzt. „Der Kleine?“ Wiederholten sie beinahe gleichzeitig.

Martin lachte ein tiefes Bass-Lachen, mit dem er fast die ganze Aufmerksamkeit im Raum auf sich zog. „Ja, unser Leon.“ Er zögerte kurz. „War nicht so ganz geplant, kam ein paar Jahre zu früh, aber nun ist er da, unser Kleiner.“ Er zog sein Mobiltelefon aus der Tasche und zeigte Bilder von einer jungen Frau mit einem kleinen Jungen auf dem Arm. „Ein Jahr wird er am kommenden Wochenende alt.“

Thomas und Georg waren sehr beeindruckt.

„Wie alt bist du?“, fragte Georg.

Martin legte das Telefon zur Seite. „Ich werde im Herbst achtundzwanzig. Ich habe nach der Schule ein ökologisches Jahr und eine Schreinerlehre gemacht, aber eigentlich wollte ich doch noch was anderes machen. Marie und ich sind seit drei Jahren zusammen und wollten eigentlich erst nach meinem Studium heiraten und so. Aber Leon meinte, das müsste alles schneller gehen.“ Er lachte wieder leise. „Na ja, ich kann viele Sachen selber bauen, das spart schon mal Geld.“ Es folgte ein tiefer Zug aus der Flasche und beeindruckte Stille.

„Und ihr beiden?“ Martin sah zwischen Thomas und Georg hin und her.

Sie sahen sich an, schauten wieder zu Martin und auch zu Sabine; wussten nicht so genau, was diese von ihnen wollten, beziehungsweise schreckten ein wenig vor dem Thema zurück.

„Wie jetzt ...“, machte Thomas unbeholfen.

Sabine gab eine kleine Starthilfe. „Na ja“, begann sie, während sie ein wenig mit den Händen gestikulierte, „Freundinnen, Kinder ... Ich meine, was machen zwei Burschen wie ihr auf so einer Insel?“

Thomas spürte sofort, dass er darauf keine ehrliche Antwort geben wollte, zumindest nicht in jeder Hinsicht. Er warf einen schnellen Seitenblick auf Georg.

„Freundinnen keine, ansonsten studieren und arbeiten“, sprang dieser in die Bresche. „Kinder hab ich auch keine“, fügte er noch hinzu. Er sah Martin zwinkernd an, dann guckte er zu Thomas. „Du denn?“

Thomas hätte ihn fast unter dem Tisch getreten. „Nee, ich hab auch keine Kinder.“

„Klingt ja jetzt nicht so sehr aufregend“, kommentierte Sabine und strich sich eine Harrsträhne aus dem Gesicht; eine in Thomas’ Augen völlig überflüssige Geste.

Da saßen sie nun mit der Bemerkung.

„Och ja, ich meine, geht so ... Also wir haben schon genug zu tun, oder?“ Thomas gab den Ball zurück an Georg.

Dieser führte gerade sein Glas an den Mund so dass sein „Definitiv“ beinahe akustisch im Glas verschwand.

Vorerst herrschte wieder Schweigen am Tisch.

In diesem Moment legte sich eine Hand auf die Tischfläche und Ludwig beugte sich zu ihnen.

„Ich fahre jetzt nach Hause. Soll ich euch mitnehmen? Ihr habt doch keine Räder hier.“

„Oh prima, Ludwig. Danke!“, sagte Thomas schnell, eh die Chance zur Flucht aus irgendeinem blöden Grund vorüber war.

Georg und Thomas tranken schnell ihre Gläser leer und rafften ihre Jacken zusammen, während Sabine in einer Mischung aus Enttäuschung und Brüskiertheit zu Martin sah.

Sie verabschiedeten sich voneinander und wünschten sich eine gute Nacht. Für Thomas’ Geschmack schaute Sabine Georg etwas zu intensiv an, aber jetzt gingen sie ja.

Auf dem Weg zum Auto sprachen sie nicht. Thomas stieg vorne neben Ludwig ein. Georg wirkte etwas abwesend.

„Na, war ja ein langer Tag.“ Ludwig versuchte ein Gespräch zu beginnen.

„In der Tat“, entgegnete Thomas, aus dem nun allmählich die Anspannung aus der Situation von vorhin wich. „Ich bin jetzt auch echt müde“, fügte er hinzu. Ein häufig gebrauchtes Argument, wenn man keine große Lust auf ein Gespräch hatte.

Van Bergen sah in den Rückspiegel zu Georg, der mehr oder minder teilnahmslos vor sich hinguckte.

„Der Georg schläft auch gleich ein“, setzte der Professor nach.

Von hinten kam zunächst keine Reaktion, aber schließlich drang zu Georg die Erwartung einer Antwort durch.

„Wie ... hä? Ja ..., bin ich. Also mache ich, meine ich.“

Der Professor grinste nur, sagte aber nichts mehr. Er fuhr den kleinen Umweg durch den Ort und setzte die beiden vor Georgs Wohnung ab.

„Also macht es euch mal noch ein wenig gemütlich und schlaft schön, ihr zwei“, verabschiedete er sich.

Thomas und Georg wünschten ihm eine gute Nacht.

In der Wohnung angekommen, standen sie sich gegenüber und schauten sich an. Dann nahmen sie sich in die Arme und küssten sich.

„Darauf hab ich gewartet“, gestand Thomas und schmiegte sich an Georg.

Der kraulte ihm durch die Haare und sah ihm in die Augen.

„Ich weiß“, sagte er leise und ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

„Das klingt so schön, wenn du das sagst, weist du das?“ Er küsste Georg wieder.

„Freut mich“, flüsterte Georg. Eine Weile hielten sie noch einander fest.

„Ich schlafe gleich im Stehen ein“, bemerkte Georg. „Ich glaub, ich dusche erst morgen früh, wenn das okay für dich ist.“

Thomas küsste ihn auf den Hals. „Oh ja, dann riechst du wieder so männlich.“

„Das Wort, das du meinst, heißt nach wie vor ‚müffeln’“, korrigierte er.

„Mir egal, wie du das nennst“, gab Thomas zurück.

Sie ließen voneinander ab und fingen an, ihre Sachen für den nächsten Tag vorzubereiten. Als sie ihre Schuhe ins Bad gebracht hatten, kamen Thomas ernste Zweifel, ob sie nicht vielleicht doch noch duschen sollten; die er auch äußerte.

Mit den Worten „Nein, da müssen wir jetzt durch. Hab ich jetzt so beschlossen“, zog sich Georg aus und ließ sich auf das Bett fallen. Thomas entkleidete sich ebenfalls, gab ihm einen Kuss und ging zur Toilette.

Als er zurückkam, schnarchte Georg. Thomas schüttelte den Kopf, zog vorsichtig die Decke unter Georg weg und schubste ihn ein wenig zur Seite. Georg brummte irgendwas vor sich hin und ließ sich in Position bugsieren. Thomas legte sich zu ihm, sie kuschelten sich zusammen und Thomas zog die Decke über sie.

„Schlaf gut“, sagte er, als er das Licht löschte.

„Du auch“, murmelte Georg mit geschlossenen Augen.

Thomas lächelte. Er küsste Georg auf die Stirn. „Ich liebe dich“, flüsterte er.

„Ich weiß“, wisperte Georg und drückte ihn ganz fest an sich.

Mittwoch

Thomas erwachte vom Geräusch der Toilettenspülung. Die Tür zum Bad öffnete sich und Georg trat so leise wie er konnte heraus. Er schlich durch das Zimmer und stieg wieder zu Thomas unter die Decke, wo ihn dessen Umarmung erwartete.

„Guten Morgen“, raunte Thomas.

„Tach auch.“ Georg erwiderte die Umarmung. „Ich wollte dich noch gar nicht wecken, sorry.“

Thomas hielt die Augen noch geschlossen. „Macht nix. Wenn ich jetzt alleine wäre, fände ich es schlimmer.“

„Auch wieder wahr.“ Sie küssten sich.

„Wie spät ist es“, wollte Thomas wissen.

Georg sah auf die Uhr. „Eine gute halbe Stunde können wir noch liegen bleiben, heute machen wir den Seminartag im Institut. Die Gruppe frühstückt alleine und kommt mit dem Inselbus hier her.“ Er gähnte herzhaft und steckte sich geräuschvoll.

„Oh schön“, brummelte Thomas und streichelte Georg sanft. Seine Hände erkundeten langsam den schon mehr vertrauten Körper, während Georg mit dem Brusthaar von Thomas spielte und zärtlich dran zupfte.

Irgendwann stieß Thomas mit der Hand auf das steife Glied von Georg.

„Nanu, was ist das den?“, fragte er mit einem sinnlichen Unterton.

„Was denn?“ Georg legte allen Rest von Unschuld in seine Stimme.

„Haben sie noch eine Morgenlatte oder sind sie einfach geil, mein Herr“, wollte Thomas breit grinsend wissen.

Georg fuhr ihm fordernd über den Rücken und küsste ihn. „Letzteres, und das könnte durchaus an ihnen liegen, mein Herr“, konterte er.

„Na so ein Glück, dass ich grad da bin.“ Thomas lachte leise.

„In der Tat.“ Georg hatte seinerseits gefunden, was er suchte und begann langsam, Thomas harte Männlichkeit zu massieren.

Mit den Worten „Ich glaube, der Tag wird gut“, nahm Thomas die gleiche Tätigkeit bei Georg auf.

Als Georg aus dem Bad kam, brachte Thomas gerade frischen Kaffee aus der Küche.

„Der Service hier ist echt perfekt“, bemerkte er, nahm ihm die Tassen ab und stellte sie auf den Tisch.

Thomas ging in die Küche zurück und löschte das Licht.

„Nur noch paar Tage, Schatz. Dann bin ich wieder in der Pension.“ In Thomas’ Stimme schwang Bedauern mit, was Georg nicht überhörte.

„Ja.“ Er ging auf Thomas zu und legte ihm die Arme um die Hüften. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals zu einem Mann sagen würde, aber ich glaube, ich werde mich echt erst wieder dran gewöhnen müssen, alleine zu sein.“

Thomas küsste ihn. „Vor nicht all zu langer Zeit hätte auch nicht gedacht, dass das mal ein Mann zu mir sagt. Noch dazu ein so schöner, nackter Mann, während wir in dessen Wohnung stehen.“

„Tja, merkwürdige Dinge geschehen zuweilen“, grinste Georg.

Sie lösten sich voneinander, Georg zog sich eine Boxershorts an und sie frühstückten schnell.

„Heute wird’s ein ruhiger Tag, denke ich. Viel Theorie.“ Georg warf einen Blick auf die Planung, die der Professor ihnen gestern gegeben hatte.

„Die halbe Zeit ist ja auch schon fast rum.“ Thomas schmierte ein paar Brote für den Tag.

„Ach stimmt ja. Richtig, am Samstagmittag fahren sie schon wieder. Die Zeit rast.“ Georg stand auf und sammelte in der Küche Früchte für sie beide zusammen, die er auch einpackte.

Thomas behielt es für sich, dass er dafür gar nicht so unbedingt undankbar war. Für ihn ging von Sabine eine gewisse Bedrohung aus; fand er einerseits völlig kindisch, deshalb sagte er Georg nichts davon. Gleichzeitig war er froh, wenn diese unterschwellige Anspannung weg war. Tief in seinem Inneren fürchtete er, dass sie in Georg noch einmal etwas wecken könnte, was Georg vielleicht auch durchaus in sich wecken ließe. Andererseits signalisierte Georg zurzeit alles andere, als das.

„Erde an Thomas ...“ Georg strich Thomas im Vorübergehen über den Kopf und holte ihn aus seinen Gedanken. Genau solche Gesten waren es, die Thomas eigentlich Sicherheit geben sollten. Thomas schämte sich sehr.

„Wir müssen langsam los, sonst schaffen wir es heute echt, zu spät zu kommen.“ Georg griff nach seiner Hose, zog sie an und streifte sich ein frisches Shirt über. Thomas stand auf, packte schnell den Rest seines Rucksacks zusammen, zog sich auch seine restlichen Sachen an, und sie konnten losgehen.

Wie angekündigt, verbrachten sie den Tag mit viel Theorie. Der Professor ließ sie Erschließungspläne erstellen, machte Einzel- und Kleingruppenarbeit. Georg und Thomas dienten öfter als Beispiel für ein gut eingespieltes Team. In der Mittagspause gab es einen kleinen Imbiss in der „Möwe“.

Tobias und Markus setzten sich zu Thomas an den Tisch, während Georg noch am vorbereiteten Mittagsbuffet etwas zu Essen aussuchte.

„Guten Hunger“, wünschte Tobias. Markus schloss sich an und Thomas erwiderte den Gruß kauend.

„Georg und du, ihr seid wirklich total gut aufeinander eingespielt. Das ist echt klasse.“ Tobias meinte es ehrlich, das spürte Thomas, und er freute sich über das Kompliment.

„Danke. Wir verstehen uns einfach sehr gut, das macht es leichter.“ Thomas nahm einen Bissen in den Mund.

Markus richtete einen Seitenblick auf seinen Bruder. „Das ist wirklich das Wichtigste. Ich sehe das ja bei uns beiden. Wenn er nicht mein Bruder wäre, würde das bestimmt nicht so gut funktionieren. Ich muss ihm halt ganz viele Dinge nicht erklären.“ Markus schwieg kurz. „So jemand ist unbezahlbar.“ Er strich Tobias über den Arm.

Thomas sah die Geste und fand es schön, dass die beiden als Brüder so in der Öffentlichkeit miteinander umgehen konnten. Ein wenig beneidete er sie, obgleich ihm in diesem Augenblick klar wurde, dass außer Georg nur er selber der Grund war, dass sie beide nicht ebenso in der Öffentlichkeit miteinander umgingen.

Derweil hatte Georg ein Essen nach seinem Geschmack gefunden, während Sabine ihn entdeckt und in ein Gespräch verwickelte. Jetzt lotste sie ihn an einen anderen Tisch. Thomas sah ihn an, um auf sich aufmerksam zu machen, aber Georg bemerkte es anscheinend nicht.

Tobias folgte dem Blick von Thomas und nickte. „Sabine hat einen guten Geschmack, wenn sie sich an Georg ranhängt.“

Thomas blitzte ihn über den Tisch an, biss sich jedoch auf die Zunge. „Ja, hat sie.“ Er brachte ein gequältes Lächeln zustande.

„Ist der vergeben?“, erkundigte sich Markus.

Thomas stutzte. Was sollte er jetzt sagen. Wenn er ja sagte, würde es sich in der Gruppe verbreiten, und sie hatten gegenüber Sabine und Martin schon das Gegenteil behauptet. Natürlich war Georg vergeben, zumindest, wenn es nach Thomas ging.

„Er hat keine Freundin“, rettete sich Thomas aus der Frage.

Tobias nickte. „Wäre ja auch nicht so einfach, es sei denn, sie wohnt auch hier auf der Insel, oder?“

Thomas quälte den nächsten Bissen in sich hinein.

„Ja, stimmt. Wenn man hier für mehrere Monate arbeitet und lebt, bleiben die Leute zuhause schon irgendwie zurück. Man ist einfach weg von dort.“ Er warf einen Blick zu Georg und Sabine.

Markus kaute nachdenklich und schluckte. „Ist eigentlich der ideale Job, wenn man einfach mal alles hinter sich lassen will. Beinahe wie auswandern, nur ohne dass man das Land verlassen muss.“ Er lachte kurz. Wie sehr er damit den Nagel auf den Kopf traf, konnte er nicht wissen.

„Ihr seid doch Samstagabend auch auf der Party dabei, oder?“, erkundigte sich Tobias.

Thomas merkte, dass er viel lieber den Samstagabend alleine mit Georg verbringen würde. „Ja klar“, sagte er kurz.

„Schön.“ Tobias freute sich. Er sah auf seine Uhr. „Ich glaube, die Mittagspause ist gleich vorbei.“

Sie standen auf, und Thomas sammelte Geschirr und Bestecke zusammen. „Ich mach das schon, ist okay.“ Er wirkte abwesend.

„Hey, nett von dir. Danke.“ Markus griff nach seinen Gehstöcken und Tobias zog den Stuhl zurück.

An der Geschirrrückgabe traf er Georg und Sabine.

„Hallo, Thomas.“ Sabine schaute ihn an. „Irre, wie schnell die Pause vorbei ist.“

„Ja, stimmt.“ Er schaute an ihr vorbei und lächelte Georg unsicher an.

Der stellte seine Sachen ab und klopfte ihm auf den Rücken. „Wir sind gelobt worden“, sagt er mit Seitenblick auf Sabine.

„Aha.“ Thomas konnte die Begeisterung nicht teilen.

„Ja, wirklich“, bekräftigte Sabine. „Ich hab selten zwei Leute so gut zusammenarbeiten gesehen.“ Sie fuhr unbeirrt fort. „Ich hab vor paar Monaten mit drei Leuten ein Referat gehalten. Das war der reinste Einzelwettkampf. Da war nichts mit Zusammenarbeit.“

Thomas musste aufpassen, dass er nicht über das Ziel hinausschoss. „So was kann passieren, wenn man nicht in der Lage ist, sich aufeinander einzustellen.“ Dabei stellte er sich neben Georg. In seiner Stimme lag ein Quäntchen zu viel Schärfe.

Georg musterte ihn und runzelte die Stirn. Sie verließen das Lokal. Kurz vor der Tür klopfte Georg auf seine Hosentasche. „Ich glaub, ich hab den Schlüssel liegen lassen.“ Während er sich schon halb umdrehte, sagte er zu Sabine: „Geh schon vor, ich suche schnell mal.“

„Okay, bis gleich.“ Sie ging weiter.

„Hilfst du mir schnell mal beim Suchen?“, wandte Georg sich an Thomas. Der nickte und folgte ihm zurück in die „Möwe“.

Als sie im hinteren Bereich angekommen waren, drehte sich Georg um.

„Hey, was ist los mit dir?“ In seiner Stimme lagen Sorge und auch ein wenig Ärger in einer Mischung, vor der sich Thomas fürchtete.

„Nichts“, log Thomas schnell und tat so, als würde er sich auf den Tischen umsehen.

Georg griff in seine Tasche und hielt Thomas den Schlüssel vor das Gesicht. „Noch mal. Was ist los mit dir?!“ Er griff Thomas am Arm.

Der starrte auf den Schlüssel. Dann in Georgs Augen. Pitt verschwand gerade mit gebrauchten Tellern in der Küche.

Thomas biss sich auf die Lippen. „Was ist das mit dieser Sabine?“

Georg schloss die Augen und atmete tief durch. „Ach scheiße, Mann.“ Er fuhr sich durch die Haare. „Das ist nichts, okay?“

Thomas sah auf den Boden und wieder in Georgs Gesicht. „Hast du gesehen, wie sie dich ansieht? Die ist hinter dir her, Georg.“ Er hatte Mühe, seine Stimme zu dämpfen.

Georg sah sich um. Als er sich wieder zu Thomas wandte, spiegelten sich Wut und Hilflosigkeit auf seinem Gesicht; dennoch wurde es weicher, als er fortfuhr.

„Thomas, vertrau mir doch bitte einfach.“

„Aber ...“ In Thomas drehte sich alles.

„Nein“, sagte Georg scharf und hob eine Hand. Mit dem Zeigefinger wies er auf Thomas. „Kein ‚aber’. Was soll das denn alles wert sein, wenn wir einander nicht vertrauen können, Thomas?“

Thomas wollte etwas sagen, schluckte es jedoch. Er sackte ein wenig in sich zusammen.

„Wir müssen rüber“, murmelte er.

„Ja.“ In Georgs Stimme lag Niedergeschlagenheit. „Lass uns gehen.“ Sie machten sich auf den Weg. „Wir reden heute Abend“, fügte er leise hinzu.

Den restlichen Nachmittag hatten sie es beinahe vermieden, einander anzusehen. Auch jetzt fiel es ihnen schwer.

Georg schloss die Wohnungstür, und sie gingen langsam in das große Zimmer. Thomas setzte sich auf das Bett, Georg hockte sich im Schneidersitz davor.

„Also gut“, begann Georg. Er sah zu Thomas, der langsam seine Jacke auszog. Thomas sah niedergeschlagen aus, blass, hatte Ränder unter den Augen. Nun aber nahm er all seinen Mut zusammen, vielleicht war es aber auch eine Form der Resignation, die ihn sprechen ließ. Er hatte keine Kraft mehr, seine Gedanken für sich zu behalten. Aber er hatte die Kraft, Georg gerade ins Gesicht zu sehen.

„Ich sehe schon seit Sonntag, wie Sabine dich anschaut, Georg. Und ich sehe, dass du ständig mit ihr unterwegs bist, mit ihr sprichst, dir Zeit für sie nimmst, mit ihr arbeitest. Sie flirtet mit dir, das ist so offensichtlich, dass es alle sehen. Und ich habe Angst, dass sie sich zwischen uns drängt.“ Seine Stimme klang fest und entschlossen. „Das geht in mir grad vor, wenn du es genau wissen willst“, fügte er noch hinzu.

Georg war beeindruckt. Von dem, was Thomas gesagt hatte und von dem, was Thomas gerade ausstrahlte. Es hatte etwas Verletzliches oder bereits Verletztes, und es war echt. Thomas hielt nichts zurück. Das imponierte Georg mehr, als er es sich zunächst eingestehen wollte. Obwohl Thomas gerade Verlustangst und Eifersucht zeigte, bewunderte Georg diese Offensive. Und wenn er ehrlich war, schmeichelte es ihm auch ein klein wenig.

Georg nickte langsam.

„Das kann ich verstehen, Thomas.“ Er zog auch seine Jacke aus, legte die Handflächen aneinander und berührte mit den Spitzen der Zeigefinger seine Lippen. Was in ihm vorging, was mehr als chaotisch. Er wusste, dass Thomas ein Recht hatte, zu erfahren, was sich in ihm abspielte, aber er hatte Angst, dass er ihn nicht verstehen würde. Und er hatte Angst, Thomas zu verletzen. Schließlich hob er den Blick.

„Thomas, ich bekomme sehr wohl mit, was sie tut. Sabine flirtet mit mir und zwar auf Teufel komm raus. Sie sendet eindeutige Signale und ist an mir interessiert; ja, da hast du völlig recht.“ Er gönnte ihnen beiden eine Pause. „Und wenn ich ehrlich bin, genieße ich das sogar ein wenig.“ Egal, wie Thomas jetzt reagierte, er wollte ihn auffangen.

Thomas hatte das Gefühl, als würde er in Stücke gerissen. Er hatte keine Worte für das, was in ihm tobte. Da war die Angst, Georg zu verlieren, Angst, dass alles, was sie erlebt hatten, nur ein einziger Traum war, aus dem er jetzt erwachen musste. Wahrscheinlich lag er in seiner Heimatstadt in seinem Bett, und alles war so, wie immer. Und er spürte einen nie gekannten Hass in sich. Auf Sabine.

Georg fuhr fort. „Das hat nichts mit uns zu tun, Thomas. Da geht es um meine Vergangenheit, Thomas. Den letzten drei Monaten stehen über zwanzig Jahre gegenüber, die ich schon vorher gelebt habe.“ Das klang so ärmlich, fand er.

„Und du willst diese drei Monate jetzt aufs Spiel setzen oder wegwerfen?“ In Thomas’ Stimme lagen Trauer und Bitterkeit.

Georg schüttelte den Kopf. „Um nichts in der Welt, Thomas.“ Er griff nach Thomas’ Händen und hielt sie fest. „Ich möchte diese Zeit um nichts in der Welt wegwerfen. Ich genieße das mit Dir wirklich, Thomas.“ Er schaute sich hilflos um, rang nach Worten. „Schau, hier sind wir. Und hier ist das, was uns verbindet, Thomas. Das ist mir wichtig, bitte glaub mir das.“ Georg spürte, dass er alle Ängste von Thomas mit einem Satz hätte auflösen können. Er war einfach nicht soweit.

„Aber?“ Thomas wollte Klarheit, egal, was sie kosten sollte.

„Ich kann Gefühle nicht mit einem Schalter aus- oder einschalten. Vielleicht trage ich beides in mir, verdammt; ich weiß es doch nicht!“ Georg hasste sich dafür. „Ich weiß nicht, ob du das verstehen kannst. Ich erwarte es eigentlich auch nicht, wenn ich ehrlich bin. Ich habe nur das Gefühl, dass ich keine andere Wahl habe. Da ist neben den Gefühlen für dich noch etwas, was ich nicht einfach ausknipsen kann.“ Er machte eine kurze Pause. „Außerdem möchte ich auch mit anderen Menschen reden dürfen, ohne dass du gleich vor Eifersucht durchdrehst.“

Georgs Kehle schnürte sich zusammen. „Bitte vertraue mir.“

Thomas starrte auf seine Hände, auf Georgs Hände, die seine hielten, in Georgs Gesicht, in dem Schmerz und Kampf sich nur all zu deutlich abzeichneten. Er begriff plötzlich, dass es nur so gehen konnte. Georg hatte in der Tat keine Wahl. Er würde sich niemals für Thomas entscheiden können, wenn er nicht herausfand, was von diesen über zwanzig Jahren übrig geblieben war. Und was die Eifersucht betraf, damit hatte Georg vollkommen recht; das musste Thomas selber in den Griff bekommen.

Thomas löste den Blick von ihren Händen. „Du hast keine Wahl, Georg, das stimmt.“ Er stand vom Bett auf. „Aber das macht es nicht besser.“ Er legte seine Jacke hin und sah auf die Uhr. „Ich geh jetzt duschen.“

Georg blieb auf dem Bett sitzen. Er fühlte sich schlecht mit dem, was sich in seinem Inneren abspielte. Er glaubte nicht, in der Lage zu sein, Thomas begreiflich zu machen, was gerade in ihm passierte. Er rang nach Klarheit. Natürlich verstand er die Ängste von Thomas. Auch er selber hatte Angst. Die letzten Wochen und Monate waren …; er zögerte, sich das einzugestehen, aber es war die schönste Zeit seit langem für ihn. Er überlegte, ob er sich jemals mit Sonja damals so gut gefühlt hatte und kam zu dem Schluss, dass dem nicht so war. Mit Thomas war es anders. Bei ihm fühlte er sich wohl. Frei. Und sicher. Georg hatte die bislang schönste Zeit seines Lebens mit Thomas verbracht, und wenn es ihm noch so schwer fiel, sich das einzugestehen; es war einfach so.

Georg stand auf und schaute in der Küche nach, ob noch genug Essen im Kühlschrank war. Er stellte fest, dass sie noch Lebensmittel benötigten. Er sah schnell auf die Uhr, zog seine Jacke an und klopfte an die Badezimmertür.

„Ich bin gleich fertig.“ Thomas klang mürrisch.

„Ich muss nicht rein. Ich bin noch mal kurz weg, paar Sachen einkaufen. Dann kann ich was kochen.“ Er wartete auf eine Antwort.

„OK“, erwiderte Thomas durch die Türe.

Georg nickte wieder vor sich hin, murmelte ebenfalls missmutig „OK“ und verließ die Wohnung.

Wenig später kam Thomas aus dem Bad. Einer mittlerweile inneren Gewohnheit folgend, hatte er seine gebrauchte Kleidung in der Hand, verstaute sie nun in seiner großen Tasche und legte sich nackt auf das Bett. Er schaltete den Fernseher an. Kurz darauf stand er auf und setzte Wasser für einen Tee auf. Er musste wieder an jenen Abend denken, als er zum ersten Mal hier übernachtet hatte; ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Thomas überlegte, wie lange das nun her war und musste zu dem Wandkalender an Georgs Schreibtisch hinübergehen. Er rechnete eine Weile nach und konnte ungefähr den Tag eingrenzen. Er verglich seine Überlegungen mit dem Kalender und bemerkte, dass Georg einen Freitag in diesem in Frage kommenden Zeitraum mit einem Stern im Kalender gekennzeichnet hatte. Zu gerne hätte er jetzt geglaubt, dass es genau dieser Freitag gewesen, und dass er selber der Grund für diese Markierung dort war. Er wollte Georg fragen. Aber nicht heute.

Der Kocher schaltete sich ab und Thomas goss zwei Tassen Tee auf. Georg müsste in ein paar Minuten zurück sein. Bei diesem Gedanken sah er an sich hinunter, ging zu seiner Tasche und zog sich frische Wäsche an. Er wollte nicht nackt sein, wenn Georg zurückkam.

Den Abend verbrachten sie sehr schweigsam. Georg kochte, sie aßen, Thomas wusch ab, während Georg duschte. Später sahen sie fern. Körperkontakt mieden sie weitestgehend, konnten nicht sagen warum, wollten diese plötzliche Mauer aber auch nicht durchbrechen. Da war nun die Situation, in der sie beide eigentlich gerne alleine gewesen wären. Vielleicht. Thomas gestand sich ein, dass er nicht wollte, dass Georg jetzt möglicherweise noch einmal wegging; genauso wenig, wie er ihn gerade alleine lassen wollte. Gleichzeitig belastete ihn aber die Stimmung zwischen ihnen beiden sehr.

Als sie zu Bett gingen, behielten beide Shirt und Boxershorts an. Sie rollten sich jeder in eine Decke. Nach kurzem Zögern legte Thomas einen Arm um Georg. Der schmiegte sich etwas an ihn, konnte sich aber nicht so an ihn lehnen, wie sonst. Sie spürten beide, dass etwas nicht stimmte, konnten es aber jetzt nicht lösen.

Sie schliefen schlecht in dieser Nacht.

Dazwischen

Auch in den nächsten beiden Tagen gingen sie einander aus dem Weg. Das war nicht sonderlich schwer, zumal Ludwig die Gruppe oft teilte und den Vorteil von zwei Assistenten nutzte, wo er nur konnte. Dass er Thomas und Georg damit gerade half, konnte er nicht wissen. Zumindest glaubten die beiden das. In den Nachbesprechungen blieben sie jeweils bei ihrer Tagesgruppe und halfen mit, die Berichte zu verfassen, die der Professor zur Aufgabe gestellt hatte. Am Freitag sollten im Rahmen einer Führung durch das Gelände alle Ergebnisse vorgestellt werden. Am Donnerstagabend saßen alle noch lange zusammen im Institut und bereiteten den folgenden Abschlusstag vor.

Georg und Thomas kämpften noch mit dem Schlafdefizit der letzten Nacht und gähnten herzhaft.

„Ihr macht heute einen etwas schlappen Eindruck“, bemerkte Martin.

Georg sah von seinen Unterlagen auf. „Ja, kann sein, ich hab nicht gut gepennt, letzte Nacht.“

Thomas fühlte regelrecht, wie Sabines Blick auf ihm landete. Er sah ebenfalls kurz auf.

„Nun schau nicht so, als wäre das meine Schuld“, sagte er leicht gereizt.

Sabine stutzte, entgegnete jedoch nichts.

Georg schien etwas erwidern zu wollen, doch Tobias rettete die Situation.

„Stimmt es eigentlich, dass du wegen uns dein Zimmer in der Pension für die Zeit geräumt hast?“ Er sah Thomas kurz an, dann sortierte er weiter seine Blätter.

„Ja“, antwortete Thomas. „Macht aber nix. Ich penne die Woche über bei Georg.“ Er griff nach dem nächsten Blatt, überflog es und ordnete es in die Vortragsunterlagen ein.

„Aha“, machte Suhal und grinste. Für den Geschmack einiger Beteiligter etwas zu mehrdeutig.

Georg sprang ein. „Ist halt etwas eng bei mir und auf Dauer, da schläft es sich schon mal schlecht.“ Ihm gefiel das Thema nicht und er hatte plötzlich die unbestimmte Sorge vor einer Eskalation. Außerdem gehörten ihre privaten Angelegenheiten nun wirklich nicht hier her in diesen Kreis.

Martin sah zwischen allen Hin und Her, fixierte Sabine, kurz auch Georg und schaute dann zu Thomas. Der glaubte, in Martins Augen zu erkennen, dass dieser nur zu genau wusste, was hier los war. Er war gespannt, als Martin Luft holte, um etwas zu sagen.

„Das finde ich sehr entgegenkommend von euch beiden.“ Seine Bassstimme brachte etwas Ruhe und Entspannung in die Atmosphäre zurück.

Markus lehnte sich zu Thomas herüber und klopfte ihm auf den Arm.

„Danke dir. Ich hätte Tobias sonst nicht mitbringen können. Ich hab davon heute Früh erst erfahren, als Frau Jacobs etwas in der Richtung sagte. Sonst wäre ich schon längst zu dir gekommen.“ Er freute sich wirklich, und Thomas tat das im Augenblick gut.

„Ist doch klar, war kein Problem.“ Er hoffte, dass dieses Thema damit durch war.

Der Professor kam herein mit Valerie und Svenja.

„So, hier kommen die letzten Grafiken. Noch eine halbe Stunde, dann müssten wir fertig sein.“ Er sah zur Uhr. „Jetzt habt ihr auch mal einen langen Arbeitstag gehabt.“

„Kann man wohl sagen“, gähnte Georg erneut.

Sie teilten die neuen Unterlagen den Gruppen zu und beeilten sich mit der Sortierarbeit. Bald waren alle losen Blätter vom Tisch verschwunden.

Professor van Bergen besprach noch schnell mit allen den Ablauf der morgigen Runde durch das Gelände, und sie beendeten den Tag. Thomas bot sich an, einen Teil der Gruppe mit dem Kleinbus zur Pension zu bringen, die anderen beiden Busse würden der Professor und Tobias fahren. Der Vorschlag fand Zustimmung.

Beim Verlassen des Institutes sah Thomas, dass sich Sabine mit Georg unterhielt. Er konnte nicht verstehen, was sie sagten, doch er erkannte eine gewisse Eindringlichkeit in Sabines Körpersprache. Plötzlich schüttelte Georg den Kopf und wies zu den Bussen. In seinem Gesicht mischten sich Bedauern und Müdigkeit.

Als Sabine sich umwandte, las Thomas zunächst Enttäuschung aus ihren Augen; ihre Blicke begegneten sich, und er hatte das Gefühl, von offener Ablehnung durchbohrt zu werden.

Georg hatte sich abgewandt und machte sich auf den Weg zu seiner Wohnung.

„Bis gleich!“ Thomas hob die Hand in seine Richtung.

Georg schaute sich um. Er erwiderte die Geste.

„Soll ich uns noch eine Kleinigkeit zum Essen machen?“, fragte Georg.

„Gute Idee!“ Thomas hob beide Daumen und lächelte. Georg winkte noch einmal, bevor er weiterging. Er schien bedrückt; zumindest empfand das Thomas in diesem Augenblick.

Thomas wollte gerade sein Rad in den Bus einladen, als Martin auf ihn zukam.

„Ludwig meint, ich kann auch fahren. Also lass gut sein und geh heim.“ Er sah über Thomas’ Schulter hinter Georg her. Thomas folgte kurz seinem Blick, dann sah er Martin wieder an. Dieser zwinkerte ihm zu.

„Ist schon OK, ich fahr zuhause auch zuweilen Transporter, ich kann mit den Dingern umgehen. Und ihr beide kümmert euch schon genug um uns.“ Er hielt die Hand hin, damit ihm Thomas den Schlüssel geben konnte.

„Na gut“, zögerte Thomas. Er wusste die Geste von Martin nicht genau zuzuordnen, gab ihm aber die Autoschlüssel und bedankte sich.

„Keine Ursache.“ Martin stieg ein. Bevor er die Fahrertür schloss, fügte er hinzu:

„Macht euch noch nen schönen Abend, morgen wird’s ein langer Tag.“ Martin zwinkerte noch einmal.

Thomas nickte nur und blieb vor dem Institut zurück. Er sah der kleinen Kolonne nach und schob sein Rad zur Wohnung.

Er hatte inzwischen den Eindruck, dass die ganze Gruppe ahnte, was mit ihm und Georg los war. Allen voran Sabine. Andererseits vermutete Thomas auch, dass lediglich Martin die Situation erkannt hatte und einfach nichts sagte, um niemanden in eine blöde Lage zu bringen. Sollte das zutreffen, rechnete ihm Thomas das sehr hoch an.

In Gedanken versunken stieg Thomas die Treppen hinauf und schloss die Türe auf. Er hörte das Wasser in der Dusche rauschen. Noch vorgestern hätte er jetzt seine Sachen ausgezogen und wäre zu Georg in die Dusche gestiegen. Ihm war heute nicht danach. Obwohl er sich fragte, wie das mit ihnen beiden weiter gehen sollte. Lag es an ihm, lag es an Georg? Wie sollten sie diese Mauer durchbrechen? Oder wer von ihnen beiden? Vielleicht konnte es nur einer von ihnen beiden, aber Thomas wusste nicht, wer derjenige sein würde. Er fragte sich, ob er vielleicht selber einfach nur stur war. Oder ob Georg gerade seinen Dickkopf durchzusetzen versuchte. Aber das war es nicht. Die Mauer war wirklich da. Keine Sturheit, kein Trotz, keine verletzte Eitelkeit; eher Angst vor den nächsten Tagen. Zumindest ging das Thomas so. Außerdem fragte Thomas sich für einen Moment, ob er nicht schlicht und einfach nur vollkommen überreagierte und aus einer Mücke einen Elefanten machte. Beziehungsweise eine ganze Elefantenherde.

Er machte bewusst etwas Krach, damit Georg ihn bemerkte. Als das Wasser in der Dusche abgestellt wurde, rief er kurz durch die Tür:

„Ich bin schon da, Martin hat den Bus gefahren!“ Thomas ging zur Küche und verschaffte sich einen Überblick über das, was sie zu Essen da hatten. Er stellte einen Teller mit Wurst, Schinken und Käse zusammen und brachte ihn ins Wohnzimmer. Als er wieder in der Küche war und Brot in den Korb sortierte, kam Georg aus dem Bad. Er hatte ein Duschtuch um die Hüfte gewickelt und brachte eine leere Flasche Duschgel zum Mülleimer. Dabei musste er sich an Thomas vorbeizwängen.

Thomas ließ den Brotkorb sinken.

„Du riechst gut“, bemerkt er leise, fast vorsichtig. Er schaffte es kaum, Georg anzusehen.

Dieser blieb bei Thomas stehen, zögerlich zunächst, aber er blieb. Sein Lächeln wollte sich nicht so richtig auf seinem Gesicht ausbreiten, blieb beim Mund und erreichte die Augen kaum. Er hob eine Hand, strich Thomas sachte über den Arm und sah auf den Brotkorb.

„Dusch doch auch schnell. Ich schmier uns derzeit paar Scheiben.“ Sein Blick war weich.

Thomas nickte nur. Während er sich an Georg vorbei schob, strich er ihm flüchtig über den Rücken.

Als Thomas aus der Dusche kam, räumte Georg gerade die Lebensmittel wieder in die Küche. Auf dem Tisch vor dem Bett standen zwei Teller mit belegten Broten. Georg hatte noch immer nur das Duschtuch am Körper. Das brachte er jetzt zurück ins Bad und zog sich eine Boxershorts an. Den Oberkörper ließ er frei. Thomas tat es ihm gleich. Dann setzten sie sich auf das Bett und aßen.

Georg beugte sich leicht zu Thomas herüber.

„Jetzt riechst du auch gut“. Er versuchte vorsichtig zu lächeln.

„Sonst nicht?“ wollte Thomas wissen.

Georg sah ihn an, ließ seinen Blick über Thomas’ Körper gleiten und schaute ihm in die Augen. Er legte ihm einen Arm um die Schulter, zog ihn an sich und küsste ihn sanft auf die Stirn.

„Doch, sonst auch“, flüsterte er. „Sonst auch.“

Thomas lehnte sich an ihn. Eine Ewigkeit schien es ihm her zu sein, dass er Georg so bei sich gespürt hatte. Er hatte das vermisst. Er hatte Georg vermisst, der so nah und doch so unendlich weit weg in den letzten beiden Tagen gewesen war. Er spürte aber auch, dass es noch nicht vorbei war.

„Werden wir das schaffen?“, fragte Thomas.

Georg strich ihm über die Wange und drehte dann Thomas’ Gesicht zu sich.

„Das hier kann uns keiner nehmen, Thomas. Was wir haben, kann uns keiner jemals mehr wegnehmen. Niemals. Vergiss das nie.“ Er drückte Thomas wieder an sich, den leeren Teller schob er vom Rand des Tisches weg und legte sich auf das Bett. Schnell schoben sie den Überwurf zur Seite, löschten das Licht und rollten sich zusammen in die Decken ein, so als wollte sie den Augenblick retten. Und beide waren noch dazu völlig erschöpft.

In dieser Nacht schliefen sie besser.

Party am Freitag

Nach der guten Vorbereitung am Vorabend verliefen die Vorträge und die Runde durch das Naturschutzgebiet sehr gut. Der Professor war mit der Woche sehr zufrieden und freute sich, dass er mit Thomas und Georg gute Unterstützung gehabt hatte. Am späten Nachmittag hatten sie ihr Programm beendet und saßen nun am Strand. Grüppchen bildeten sich, es wurde sich unterhalten. Sabine saß wieder neben Georg. Thomas hielt sich fern, er saß bei Tobias und Markus. Er hatte Georg bewusst den Rücken zugewandt, da er sonst befürchtete, ihn und Sabine nicht aus den Augen lassen zu können. Außerdem wollte er Georg vertrauen.

Irgendwann regte Martin wieder an, ins Wasser zu gehen. Diesmal hatten wohl mehrere die Idee gehabt, denn über die Hälfte der Gruppe war mit Handtüchern und Badekleidung bewaffnet.

Markus sah auf die See hinaus.

„Ich würde ja auch gerne mal rein gehen“, sagte er und schaute Tobias an.

„Ich helfe mit“, bot sich Thomas an. „Klar gehst du ins Wasser mit!“

Tobias nickte, stand auf und sah in Markus’ strahlendes Gesicht.

„Also los!“ Thomas zog sich aus, half auch noch mit, Markus bis auf die Unterhose zu entkleiden und gemeinsam mit Tobias stützten sie Markus, als sie sich zum Wasser aufmachten. Viele der anderen waren schon im Meer und tobten in der leichten Brandung. Auch Georg war dabei. Sabine hatte länger gebraucht und stürmte jetzt gerade auf ihn zu. Thomas sah weg und achtete wieder auf Markus.

Gemeinsam hatten auch sie das Wasser erreicht. Markus schrie kurz auf, als die kalte See seine Füße umspülte, er wollte aber weiter. Stück für Stück arbeiteten sie sich voran, bis sie schließlich bis zum Bauch im Wasser standen. Schließlich warf sich Markus mit einem Freudenschrei ins Meer. Thomas und Tobias blieben bei ihm, tobten mit ihm durch die sanften Wellen, ließen sich tragen, tauchten unter, nahmen Markus auf die Schultern und warfen ihn ins Wasser. Es war mittlerweile warm genug, um es eine kleine Weile auszuhalten. Thomas sah gerade noch, wie Sabine Georg untertauchte, als er selber von Tobias unter Wasser gezogen wurde. Geschickt tauchte Tobias dann unter Markus und nahm ihn wieder auf die Schultern. Markus ließ sich nach hinten fallen und hielt sich mit den Armen über Wasser. Thomas tauchte neben ihm auf, hier konnte man gut stehen, das Wasser ging ihm knapp bis zur Brust. Markus kam auf ihn zu, lachend vor Freude. Spontan umarmte ihn Thomas, drehte sich mit ihm und nahm ihn auf die Arme; im Wasser wog Markus praktisch nichts.

„Hey, starker Mann!“, lachte Markus, legte einen Arm um Thomas und drückte sich an ihn.

„Danke für alles, Thomas. Danke.“

Thomas sah ihn überrascht an.

„Gern geschehen!“, gab er zurück.

Markus klopfte ihm mit der anderen Hand auf die Brust. Als er sie sinken ließ, hatte Thomas kurz das Gefühl, als zupfte Markus ganz kurz und sachte an seinem Brusthaar. Thomas entschied sich, es zu ignorieren, aber der Blick von Markus hatte etwas Vertrautes, etwas, das Thomas zu kennen oder zu erkennen glaubte.

„Du bist echt ein klasse Kerl, Thomas. Georg kann echt froh sein, so einen guten Freund zu haben.“

Thomas musste schlucken, er wusste nicht, was er mit der Situation gerade anfangen sollte. Er begann, Markus aus dem Wasser zu tragen, musste ihn aber bald auf die eigenen Beine stellen, als sie das tiefere Wasser verließen. Tobias half nun wieder mit und stützte seinen Bruder. Sie halfen ihm dabei sich abzutrocknen, möglichst ohne sich in den Sand setzen zu müssen. Während Thomas sich selber abtrocknete, sah er Sabine und Georg aus dem Wasser kommen. Immer wieder nahm sie Tuchfühlung zu Georg auf, einmal legte er ihr auch die Hand auf den Rücken. Das passte für Thomas nicht zum gestrigen Abend. Es versetzte ihm einen heftigen Stich. Je näher beide der Gruppe kamen, desto mehr Abstand hielt Georg aber zu ihr, was sie mit Stirnrunzeln und einem irritierten Blick kommentierte.

Als alle wieder reisefertig waren, teilten sie die Busse ein. Georg und Thomas sollten bei Georgs Wohnung abgesetzt werden. Später würden sie mit den Rädern zur Pension kommen, wo heute die Abschiedsparty stattfand. Aber sie alle wollten sich auf jeden Fall vorher erst frisch machen. Irgendwie hatte doch jeder noch Sand in den Zähnen.

Georg schloss die Wohnungstür auf. Er hatte schon auf der Fahrt hierher nur zu deutlich gespürt, dass sich die Stimmung zwischen ihnen wieder verschlechtert hatte. Thomas’ Gesichtsausdruck sprach Bände, wirkte jedoch nicht wütend, sondern eher resignierend.

Sie stellten die Schuhe ins Bad, Georg schüttelte die Jacke aus. Jetzt standen sie einander im Wohnzimmer gegenüber. Wieder einmal.

„Mann jetzt geht die aber echt richtig ran.“ Thomas kam ohne Umschweife zum Thema.

„Ja, das sehe ich auch so“, gab Georg zu.

Thomas stellte die Hände in die Hüfte.

„Und?“ Thomas hatte gerade das Gefühl, nichts zu verlieren zu haben, was ihn jedoch selber schockierte.

Georg schluckte. Er war auf den Ausdruck in Thomas’ Augen nicht gefasst gewesen. Er überlegte, was er sagen sollte, aber ihm fiel nichts ein, von dem er glaubte, dass es richtig wäre.

„Ich weiß nicht, Thomas.“ Das war das Ehrlichste, was er sagen konnte.

„Das Gefühl hab ich auch, Georg.“ Thomas sah ihm noch einmal kurz in die Augen, schüttelte den Kopf und ging zum Bad.

„Wir sollten uns beeilen, sonst kommen wir zu spät zu dieser scheiß Party.“ Die Tür fiel hinter Thomas zu.

Georg sah hinter ihm her. Als die Tür vom Bad ins Schloss schnappte, verbarg Georg sein Gesicht in seinen Händen. Hilflos. Was sollte er machen? Natürlich versprach er sich von dem, was Sabine tat, überhaupt nichts. Morgen reiste sie ab, und sie würden sich vielleicht noch einmal zufällig in der Uni sehen. Mehr wollte er gar nicht. Es ging auch gar nicht darum. Was ihn verwirrte, war seine Reaktion auf ihre Offerten. Seine tiefen Gefühle für Thomas stellte Georg in keiner Sekunde in Frage, das stand fest. Aber was bedeutete es, wenn eine Frau wie Sabine in ihm Regungen auslöste, die er von früher kannte? Begriffe drehten sich und schwirrten in einer wirren Wolke durch Georgs Kopf. Schwul. Hetero. Was denn nun? Wie sollte er sich auf eine Beziehung zu einem Mann einlassen, wenn er sich nicht klar war, ob er das Richtige dabei tat? Kurz huschte ein bitteres Lächeln über sein Gesicht. Da war er wieder. Der Wunsch nach Kontrolle, nach Sicherheit; rechts oder links, rauf oder runter, schwarz oder weiß.

„Es gibt keine Garantien. Für nichts. Und ich steh mir mal wieder selber im Weg.“ murmelte er kopfschüttelnd.

Georg überlegte, ob sie nicht besser hier bleiben sollten. Aber er wusste genau, dass Thomas sich darauf nicht einlassen würde. Jetzt nicht mehr.

Georg ging langsam zum Schrank, suchte sich Sachen für den Abend aus, räumte den Rucksack leer und spülte die Thermoskanne sauber. Jeder Handgriff fiel ihm schwer.

Als Thomas aus dem Bad kam, suchte er aus seinen Sachen das seiner Ansicht nach Passende für die Party.

„Du kannst ins Bad“, sagte Thomas tonlos.

Sekunden später zog Georg die Tür hinter sich zu. Thomas ging in die Küche und setzte sich einen Tee auf. Während er wartete, dass das Wasser im Kocher heiß wurde, ging er müde zum Fenster. Er sah auf den anbrechenden Abend. Die Sonne stand tief, aber schon weit im Westen. Schnell würde der Sommer nun richtig da sein. Die Schwäne in der Kolonie brüteten. Es dauerte nicht mehr lange, und er konnte in den Gelegen die ersten Jungtiere sehen. Die Tage waren inzwischen länger und draußen würde es endlich richtig wärmer sein. Draußen zumindest.

Mit einem „Klack“ schaltete sich der Kocher aus, das Wasser war fertig. Thomas goss sich seinen Tee auf. Beinahe automatisch und ohne nachzudenken bereitete er eine zweite Tasse für Georg. Thomas sah lange auf diese Tasse und folgte dem Dampf des Wassers mit dem Blick. Er hörte es, als Georg aus dem Bad kam, aber er wollte nicht hinsehen. Thomas nahm seine Tasse von der Anrichte und ging zurück zum Fenster. Er würde vertrauen müssen. Aber worauf? Dass Georg feststellte, seine Homosexualität sei seine Natur? Auf sich selber und das, was er Georg gab? Dabei hatte er das Gefühl, Georg gab ihm mehr, als er ihm. Sollte er darauf vertrauen, dass er in ihnen ein richtiges Paar sah, Georg sich aber mit seiner Homosexualität noch nicht abfinden konnte? Da war nichts, so glaubte er, worauf er sich verlassen konnte, außer vielleicht einer Hoffnung; die Hoffnung, dass jene letzten Monate etwas geschaffen hatten, dass Georg einen echten Halt geben konnte. Mehr hatte er nicht. Auch nicht nach dem gestrigen Abend. Nur Hoffnung.

Georg hatte sich angezogen, war in die Küche gekommen und hatte den Tee gefunden. „Danke“, sagte er leise und strich vorsichtig über den Unterarm von Thomas. Dieser schaute auf die Stelle, an der Georg ihn berührt hatte; lächeln konnten sie beide nicht.

Georg ging zu seinem Schreibtisch und sortierte ein paar Dinge, die nicht sortiert werden mussten. Thomas trank derweil den Tee aus. „Wir müssen langsam los. Bis wir mit den Rädern dort sind, dauert es eine Weile.“ Er spülte seine Tasse aus, stellte sie in das Regal, holte seine Jacke und wartete an der Tür auf Georg, der ihm schnell folgte.

Sie verließen die Wohnung, gingen zu ihren Rädern und fuhren schweigend durch die beginnende Nacht.

Die Gruppe hatte die Party selber organisiert. Frau Jakobs hatte die Küche zur Verfügung gestellt, jedoch ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sie am Morgen das Frühstück machen musste und dafür eine intakte Küche brauchte. Nach etlichen Zusicherungen war sie zufrieden. Die Party konnte beginnen.

Als Georg und Thomas eintrafen, hatten sich schon kleine Gruppen gebildet, und ein Bereich des Speiseraums war als Tanzfläche freigeräumt worden.

Auch Professor van Bergen saß an einem Tisch und hob grüßend die Hand, als er Georg und Thomas hereinkommen sah.

Beide gingen kurz zu ihm hin und wechselten ein paar Worte, dann wandte sich der Professor wieder den Studenten zu, mit denen er im Gespräch gewesen war. Georg und Thomas sahen sich um und Thomas entdeckte Martin und Sabine. Jetzt sah er auch Markus mit Tobias und entschied sich für die beiden, zumal Markus ihm auch gleich zuwinkte. Georg folgte ihm und setzte sich dazu.

„Hey, da seid ihr ja endlich“, begrüßte sie Tobias. „Ich geh mal Bier besorgen.“

Georg und Sabine wechselten Blicke durch den Raum; Sabine wirkte verunsichert, so als wäre sie überzeugt gewesen, dass Georg sich sofort zu ihr setzen würde. Aber er blieb bei Thomas.

Wenig später kehrte Tobias mit dem Bier zurück und sie stießen an.

„Auf die gelungene Woche“, sagte Markus.

Thomas versuchte, im Augenwinkel Sabine im Blick zu behalten. Sie sah ab und zu herüber, blieb aber noch bei Martin.

Svenja und ihr Gefolge kamen die Treppe herunter und steuerten auf Markus zu. Sie hielten jede eine Handvoll CDs hoch und winkten ihm.

Tobias grinste. „Jetzt kann’s gleich losgehen, der DJ wird mit Material versorgt.

Georg schaute interessiert. „Der DJ?“ Er sah zu Markus.

„Klar“, gab dieser zurück. „Wenn ich schon nicht tanzen kann, mache ich wenigstens die Musik.“ Mit diesen Worten rollte er auf die drei Studentinnen zu und ließ sich von ihnen die CDs überreichen. Nun schob ihn Valerie zu der Musikanlage, mit der Frau Jakobs bei Feiern aller Art den Speiseraum beschallte.

„Das hätte ich den drei Mädels nicht zugetraut“, gab Georg zu.

Tobias lachte. „Pure Verzweifelung. Die waren so gefrustet, als sie bemerkt haben, dass hier in Sachen Clubs und Party nix läuft. Die wollen wenigstens zu einem geringen Maß auf ihre Kosten kommen.“

Georg nickte kurz. „Es sei ihnen gegönnt.“

„Markus hat das echt drauf. Wir beide haben auch immer paar CDs mit, die hole ich jetzt auch noch und gleich geht’s hier mächtig ab, Leute.“ Tobias hob die Flasche zum Gruß und verschwand in Richtung Treppe. Georg und Thomas blieben alleine zurück.

Markus hatte inzwischen die Anlage in Betrieb genommen und unternahm zaghafte Versuche, etwas Bewegung in die Gruppe zu bekommen. Erfahrungsgemäß sollte das aber noch dauern. Außerdem steckten die letzten Tage sicherlich allen in den Knochen.

Thomas suchte sich erneut einen Tisch und setzte sich hin. Georg folgte ihm und sie kamen mit den dort sitzenden Studenten ins Gespräch. Sie unterhielten sich über die Woche und sprachen über das Leben auf der Insel.

Nach einiger Zeit hatte Markus sich auf den Abend musikalisch eingestellt, und allmählich traute sich der eine oder andere auch auf die Tanzfläche. Martin war einer der Ersten gewesen.

Georg beobachtete immer wieder die rhythmischen Bewegungen von Thomas’ rechtem Fuß. Schließlich spielte Markus ein Stück an, welches ihm gut gefiel; Georg stand auf.

„Da kann ich unmöglich sitzen bleiben“ grinste er, trank seine Flasche aus und sah Thomas an. „Na komm schon, du hältst das doch eh nicht mehr lange aus.“

Thomas war angenehm überrascht, leerte ebenfalls seine Flasche und folgte Georg. Das Musikstück gefiel ihm auch, und er war schon sehr lange nicht mehr ausgegangen. Und mit Georg zusammen würde es auf der Tanzfläche noch mehr Spaß machen.

In diesem Augenblick trat Sabine an sie beide heran. „Na endlich, ich dachte schon, ihr bleibt da ewig hocken“, rief sie, um die Musik ein wenig zu übertönen. Sie lächelte Georg an und musterte ihn wieder von Kopf bis Fuß.

Er lächelte unsicher. „Wurde halt Zeit“, gab er zurück und begann zu tanzen. Thomas vermied es, Sabine anzusehen und versuchte, sich in seinen Bewegungen der Musik anzupassen, was ihm noch nie so schwer gefallen war, wie jetzt. Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, sah Markus an der Anlage zufrieden strahlen und den erhobenen Daumen zeigen; die Party war in Gang gekommen.

Thomas rang sich ein Lächeln ab und winkte zurück. Dann fiel er wieder in seine Gedankenwelt. Er kannte solche Partys, hatte ziemliche klare Vorstellungen darüber, was passieren würde, wenn bei allen der Alkoholpegel entsprechend gestiegen war. Er sah sich weiter um und überlegte, wer von den Jungs wohl mit welcher von den Mädels anbandeln würde. Oder umgekehrt. Das eine oder andere Pärchen war sowieso schon deutlich erkennbar. Nur Martin schien der uneinnehmbare Felsen in den Wellen zu sein; groß, selbstbewusst, in festen Händen, denen er sicherlich auch angesichts der Entfernung unverrückbar treu blieb; Vater eines Kindes, gelernter Handwerker, ein klares Studienziel vor Augen, mit beiden Beinen fest im Leben verankert. Thomas spürte, dass er ihn ein wenig beneidete. Er konnte gar nicht genau sagen, warum oder wofür, aber da war etwas an Martin, das er als erstrebenswert erkannte. Es war nicht der Beruf, geschweige denn die ungeplante frühe Vaterschaft. Die Körpergröße vielleicht; Thomas musste kurz grinsen. Mit einem Mal wurde ihm jedoch klar, was es war. Martin strahlte eine Klarheit aus, wie sie Thomas nur selten bislang bei einem Menschen gesehen hatte. Es war diese Gradlinigkeit bei Martin, mit der er auch die unerwarteten Veränderungen in seinem Leben zu meistern schien. Die Festigkeit, mit der Martin stand und auftrat. Es war selbstverständlich, dass er dort war, wo er war. Martin war dort, wo er sein wollte und er ging dort hin, wo er hin wollte. Gleichzeitig spürte Thomas, dass sowohl Martins Freundin, als auch sein Kind keinen besseren Lebensgefährten und Vater finden konnten. Diese Erkenntnis imponierte Thomas. Er spürte, dass eine solche Sicherheit für ihn selber erstrebenswert war, besonders in solchen Situationen wie dieser hier. Sicherlich könnte er Sabine mit mehr Lockerheit begegnen. Aber was war mit Georgs Sicherheit? Thomas hatte das Gefühl, als müsse er auf ihn und sich selber achten. Blödsinn, schimpfte er sich selber. Schließlich war Georg ein erwachsener Mensch, der sehr gut auf sich selber aufpassen konnte. Thomas spürte, dass er viel mehr auf sich selber aufpassen musste. Dafür wünschte er sich Sicherheit. Und auch dafür, irgendwann einmal selbstbewusst als schwuler Mann mit seinem Partner offen leben zu können.

Thomas merkte, dass er schon seit geraumer Zeit in Gedanken auf den Boden vor sich starrte und sich dabei mehr oder weniger automatisch zur Musik bewegte. Georg und Sabine hatten sich auf der Tanzfläche etwas entfernt. Sabine kam gerade freudig lächelnd mit zwei Flaschen Bier heran, reichte Georg eine davon, und sie stießen zusammen an. Thomas geriet bei dem Anblick sofort aus dem Rhythmus. In jeder anderen Konstellation hätte er jetzt sofort sein Revier verteidigt und klar signalisiert, wer hier zu wem gehörte. Aber er traute sich nicht. Er wollte jetzt nicht seine Eifersucht zeigen, konnte es auch nicht, ohne zu riskieren, dass sofort klar würde, was sich eigentlich abspielte. Und das wollte er Georg nicht zumuten. Außerdem wollte er Georg vertrauen. Er wollte es wirklich. Er wusste nur nicht, ob er es selber konnte und ob er es schaffte. Und ganz davon abgesehen hatten sie ja auch immer noch nicht geklärt, ob sie überhaupt ein Paar waren oder sein wollten. Mann, war das alles kompliziert.

Georg und Sabine waren in ein Gespräch vertieft. Angesichts der lauten Musik mussten sie die Köpfe dicht zusammenstecken, um einander zu verstehen. Thomas bemerkte, dass Georg viel lachte.

„Ich finde es grad total spannend, wer sich hier so mit wem abgibt“, kommentierte Sabine die Tanzenden um sie herum und machte mit der freien Hand eine umschweifende Geste.

„Warum?“, wollte Georg wissen.

„Na ja“, fuhr sie fort, „ich hätte das bei dem einen oder anderen so niemals vermutet.“

Sie schaute sich um und deutete auf ein Pärchen, welches sich an einen Tisch gesetzt hatte, einander sehr tief in die Augen sah, dabei drauf und dran war, in eine andere, ziemlich weit entfernte Dimension zu verschwinden.

Sabine kommentierte die Szene. „Dass sich Angelo und Britta näher kommen würden, hätte ich Leben niemals vermutet.“

„Kann passieren“, gab Georg zurück. „Wahrscheinlich reden die nach der Exkursion kein Wort mehr miteinander.“ Er lachte kurz.

Sabine sah sich weiter um, wies in eine Ecke des Raumes, wo zwei aus der Gruppe schon ein paar Schritte weiter waren und sich innig küssten.

„Guck dir die beiden an“, forderte sie Georg auf.

„Ja und?“, machte Georg und setzte die Bierflasche an die Lippen.

Sabine schüttelte kurz den Kopf. „Ich war bisher der festen Überzeugung, Florian wäre schwul. Normalerweise hab ich sehr gute Antennen für so was.“

Georg verteilte beinahe den Schluck Bier auf dem Boden, als er husten musste.

„Hoppla, nicht so gierig!“ Sabine klopfte ihm auf den Rücken, was Georg mit einer beschwichtigenden Geste kommentierte. Dann sah er zu dem Pärchen hinüber.

„Der sieht mir aber nicht schwul aus, so wie er das Mädel da gerade küsst.“

„Das wundert mich ja, ich dachte halt, er wäre es.“ Sabine nahm ihrerseits einen Schluck Bier.

„Woran hast du das festgemacht?“, erkundigte sich Georg.

Sabine zuckte mit den Schultern. „Kann ich gar nicht so genau sagen. Er hatte halt bislang nie was mit Mädels, hing oft mit seinen Kumpels rum, schien sich auch nicht für Mädels zu interessieren. Ich kenne ihn schon aus der Oberstufe. Der Rest ist halt die typische weibliche Intuition. Scheint aber auch nicht immer zu funktionieren.“ Sie zuckte noch mal mit den Schultern und sah Georg zuerst in die Augen und zuletzt auf seine Lippen.

„Bei Thomas glaub ich’s ja eigentlich auch, ich hab sogar mal überlegt, ob ihr beide was miteinander habt, so gut, wie ihr euch versteht.“ Etwas Forderndes lag in ihrer Stimme.

„Der Eindruck kann entstehen“, entgegnete Georg trocken. Jetzt begann er, sich unwohl zu fühlen. Er sah sich suchend nach Thomas um und fand ihn in der tanzenden Gruppe. Georg hatte das Gefühl, Thomas sähe bewusst weg, als er sich ihm zuwandte. Da war der Impuls, zu Thomas zu gehen und mit ihm sofort die Party zu verlassen. In dem Fall hätte er Sabine jedoch auch direkt sagen können, dass ihre Vermutung stimmte. Er stutzte innerlich; genau genommen hatte sie ja auch völlig Recht, was ihn und Thomas betraf. Alles, was er von jetzt an tat, um diesen Eindruck zu revidieren, kam eigentlich einer Lüge gleich. Er stellte sich in Gedanken vor, wie er sich an Sabine wandte und ihr sagte, dass er selber schwul sei und mit Thomas ein Verhältnis habe. Er stieß sich jedoch sofort an dem Wort „Verhältnis“; es tat dem, was sie beide verband, völlig unrecht. Es war deutlich mehr, als ein Verhältnis. Und er merkte auch sofort, dass er es nicht schaffen würde, ihr das zu sagen. Im kam der Bergriff „outen“ in den Kopf, was ihn zusätzlich verwirrte, ließ er ihn doch spüren, dass er sich selber schon im Grunde als homosexuellen Mann betrachtete. War das schon die Bestätigung, nach der er suchte? Eine Seite in ihm hoffte es, eine andere hatte aber auch Sabines Blick bemerkt, der ihn nicht völlig kalt ließ. Er sah kurz zu dem sich küssenden Pärchen hinüber und überlegte, was passieren würde, wenn er jetzt dort hinten mit Sabine stünde. Würde er das zulassen können? Ganz abgesehen davon, dass Thomas sie sehen würde, und das würde er ihm niemals antun. Er versuchte, Thomas für einen Moment auszublenden und sah Sabine an. Er konnte nicht leugnen, dass er sie attraktiv fand. Er versuchte zu ergründen, was sie in ihm berührte. War es allein ihre Erscheinung oder waren es die Annäherungsversuche, die ihm schmeichelten und eine Saite in ihm anschlugen, die er einfach seit langer Zeit beiseitegeschoben und nicht mehr klingen gehört hatte. Sie weckte Erinnerungen, soviel stand fest. Und sie bot eine Sicherheit, die er auf der homosexuellen Seite bislang nicht sah. Die Sicherheit, sich öffentlich zeigen zu können, ohne aufzufallen. Die Sicherheit, als normal betrachtet zu werden; ein Zustand, der vieles einfacher in seinem Leben machen konnte.

Mit der Entscheidung, die er jetzt traf, würde er Thomas sehr verletzten, das wusste er. Georg rang mit sich, sein Gewissen nannte ihn rücksichtslos und egoistisch. Georg würde jetzt alles riskieren und aufs Spiel setzen, was er in den letzen Wochen entdeckt, kennen, schätzen und vielleicht sogar auch lieben gelernt hatte. Aber er konnte nicht anders; schließlich und endlich musste er mit sich selber ins Reine kommen, erfahren, was er wissen musste, um sein Leben irgendwann einmal in den Griff und sortiert zu bekommen.

Er leerte mit einem Zug die Flasche, gerade so, als bräuchte er es, um sich Mut anzutrinken. Georg stellte die leere Flasche auf einen Tisch und sah Sabine an.

„Sollen wir uns hier mal verziehen?“, rief er gegen die Musik an und deutete zum Ausgang.

Sabine war überrascht, damit hatte sie nicht gerechnet. Aber sie schien sich auch sehr zu freuen.

„Ja klar, ich find’s hier auch grad etwas zu laut.“

Im Vorübergehen griff sie nach ihrem Pullover und folgte Georg, der den Speiseraum verließ. Aus dem Augenwinkel sah sie Thomas, der ihnen wie versteinert nachsah. Sie erschrak bei seinem Gesichtsausdruck, ließ sich aber nichts anmerken, wie sie hoffte.

Georg hatte es indes vermieden, sich umzusehen, als er den Raum verließ; er musste es auch nicht, er wusste, nein er spürte, dass Thomas ihn sah. Und er hasste sich dafür.

Thomas hatte das Gefühl, als würde ihm eine monströse Klaue Hieb um Hieb Teile aus seinem Körper reißen, sich langsam und genüsslich bis zu seiner Seele vorarbeiten, um diese zum Schluss zusammen mit seinem Herzen in wilder Raserei zu zerfetzten, während sie sich höhnisch darüber amüsierte, dass er hilflos und bei vollem Bewusstsein dieser höllischen Schlachterei zusehen und die Schmerzen ertragen musste.

Thomas wusste, dass er alles machen konnte, nur folgen durfte er ihnen nicht. Aber seine Beine schienen ihr Eigenleben zu haben. Wie in Trance ging er durch den Saal, schob sich an den ausgelassen tanzenden Menschen vorbei, unfähig, sie in diesem Moment wahrzunehmen, den Blick zur Tür gerichtet, durch welche Georg und Sabine eben verschwunden waren; schwang sie noch leicht von Georgs Berührung? Thomas griff nach ihr und hielt sie fest, als wolle er noch den Rest des geliebten Menschen für sich bewahren. Erst, als er schon auf dem kleinen Parkplatz stand und langsam den mittlerweile leeren Weg zur Küste entlang sah, merkte er, dass er das Haus verlassen hatte.

Der Klang der Musik aus dem Saal wurde kurz lauter und wieder leiser, als die Tür sich öffnete und schloss.

„Thomas, lass es.“ Die ruhige, sanfte Stimme des Professors drang durch den rasenden Schmerz in Thomas Brust zu ihm.

Thomas drehte sich herum und starrte den Mann an, der ihm nun direkt in die Augen sah. Gütig, voller Verständnis, vielleicht spürte er sogar die Trauer, die gerade in Thomas hochstieg.

Unfähig zu sprechen, schüttelte Thomas nur ganz langsam den Kopf, sah sich wieder und wieder um, Richtung Küste, dann zum Professor. Er kämpfte gegen den Impuls, loszurennen, um Georg einzuholen. Aber was hätte er ihm sagen können, was Georg nicht schon von ihm wusste.

Van Bergen näherte sich Thomas, schaffte es endlich, dessen Blick mit seinem festzuhalten.

„Thomas, wenn du jetzt hinterherläufst, verlierst du ihn.“ Der Professor sprach langsam aber mit einer Bestimmtheit, der Thomas nichts entgegensetzen konnte.

Mit einem Mal spielte es auch keine Rolle mehr, ob Thomas sich mit seinen Gefühlen für Georg zu erkennen gab; das war alles völlig unwichtig. Jetzt ging es nur noch darum, das hier zu überleben.

„Aber …“, stotterte er.

Der Professor schüttelte den Kopf. „Kein Aber; Thomas.“ Er trat an Thomas heran, stellte sich neben ihn, die Hände in den Hosentaschen und schaute den Weg zur Küste entlang.

„Du hast Georg alles gegeben, was du ihm für seine Entscheidung mitgeben konntest. Jetzt ist er am Zug. Und du musst warten.“ Er sah Thomas wieder an.

„Vertrau auf das, was du ihm gegeben hast, Thomas. Wenn das nicht genug war, dann hat es keinen Sinn.“

Thomas schaute den Professor an, ungläubig; aber gleichzeitig auch erleichtert, nichts mehr sagen zu müssen.

Van Bergen lächelte, beinahe wie ein Großvater.

„Du tust ihm gut, Thomas. Er hat sich seit deiner Ankunft so sehr verändert. Der ach so harte Bursche hat endlich zugelassen, dass er einen weichen Kern mit Gefühlen hat. Ich habe immer gehofft, dass irgendwann jemand kommt, der das schafft. Ich bin zugegeben überrascht, dass derjenige ein Mann ist, aber was soll’s. Wenn ihr glücklich werdet, gönne ich euch das von Herzen.“

Thomas liefen Tränen über die Wangen.

„Ich habe Angst, ihn zu verlieren, Ludwig“, sagte er mit erstickter Stimme.

„Du kannst einen Menschen nicht besitzen, Thomas. Er kann sich nur dafür entscheiden, bei dir zu bleiben. Und dazu hast du deinen Teil beigetragen. Mehr, als so mancher und vor allem mehr, als du glaubst. Du hast das Beste getan, was du tun konntest. Vertraue da drauf. Wenn es tragfähig ist, hat Georg sich längst entschieden.“ Die tiefe Stimme des Professors schaffte es tatsächlich, Thomas ein wenig zu beruhigen, wenn auch seine Angst noch da war.

„Aber warum muss er noch mit ihr weggehen?“, fragte er, den Blick starr in die Nacht gerichtet.

Van Bergen zuckte mit den Schultern.

„Er braucht vielleicht eine letzte Gewissheit. Oder er entscheidet sich doch für ein anderes Leben.“ Ludwig wusste, dass der zweite Satz nicht dass war, was Thomas hören wollte, aber die Realität war etwas, dem Thomas sich stellen musste und vor dem Ludwig ihn nicht schützen konnte oder wollte.

„Dann habe ich ihm doch nicht genug gegeben, Ludwig.“ Thomas senkte den Kopf.

„Es geht nicht um genug oder zu wenig, Thomas. Er hat bekommen, was er braucht, glaub mir. Wenn ihm das nicht reicht, gibt es keine Chance, so weh das auch tut.“ Der Professor griff nach Thomas’ Arm und wandte ihn zu sich.

„Aber was auch geschieht, Thomas; ich glaube, er liebt dich. Ich hab da bei Männern zwar nicht so Blick dafür, aber ich glaube, er liebt dich.“

Da war wieder das Jugendliche in der Stimme, was so viel Lebendigkeit und Zuversicht ausstrahlen konnte. Ein kleiner Teil davon erreichte jetzt sogar Thomas.

„Ich hoffe es“, gab er leise zurück. Ganz allmählich erlaubte das Chaos in ihm, auch wieder andere Aspekte des Lebens wahrzunehmen. Er hob den Kopf.

„Seit wann weist du es?“, wollte Thomas wissen.

Ludwig grinste.

„Ich bin doch nicht blind Thomas. Ich denke mal, das läuft bei Euch genauso ab, wie bei heterosexuellen Menschen, oder? Irgendwann war’s mir einfach klar.“

Thomas wurde rot und war froh, dass Ludwig das in der Dunkelheit nicht sehen konnte. Aber seine Verlegenheit wurde in seinem Tonfall deutlich.

„Ich denke schon …“, druckste er herum.

„Na also“, fuhr der Professor fort. „Meine Töchter sind Anfang dreißig und Ende zwanzig, mein Sohn ist Mitte zwanzig. Ich weiß, wie verliebte junge Menschen aussehen. Besonders, wenn sie das nicht zeigen wollen, aus welchem Grund auch immer.“ Er lachte kurz.

„Es ist auch nicht einfach, um ehrlich zu sein.“ In kleinen Stücken fiel eine große Last von Thomas ab; es tat gut, endlich mit jemandem über alles sprechen zu können, noch dazu mit einem Menschen, dem er vertraute und den er achtete.

„Eigentlich zum Kotzen, dass ihr teilweise noch immer das Gefühl haben müsst, euch nicht offen zeigen zu können.“ In Ludwigs Stimme mischte sich Härte. „Die Gesellschaft ist da echt zum Teil etwas langsam; schwule Politiker hin oder her.“

Thomas nickte. „Weißt du, wenn man schon selber ein Problem damit hat, das einfach so bei sich selber zu akzeptieren, wie soll erst eine ganze Gesellschaft damit umgehen.“

Ludwig brummte zustimmend. „Das macht es aber nicht einfacher.“

Dann sah er zum Haus zurück. „Magst du noch mal mit reinkommen?“

Thomas hatte eigentlich keine Lust, aber er entschied sich dazu, es dennoch zu tun.

Auch wenn er vom Rest des Abends im Grunde nichts mehr mitbekam. Er unterhielt sich noch ein wenig mit Martin, setzte sich eine Weile zu Markus an die Musikanlage und sah immer wieder zur Tür, in der Hoffnung, dass Georg und Sabine zurückkommen würden. Er erinnerte sich an den Schlüssel in seiner Hosentasche und überlegte, ob er schon nach Hause fahren sollte. Er stutzte innerlich, als er bemerkte, dass er die Wohnung von Georg als sein Zuhause betrachtete. Eigentlich war zurzeit hier die Pension sein Zuhause. Thomas fragte sich, ob er wirklich so grundlegend entwurzelt war, dass er so schnell einen neuen Ort als sein Zuhause bezeichnete. Das bereitete ihm Sorgen. Er fürchtete, den Boden unter den Füßen zu verlieren und ohne einen echten Halt zu sein. Thomas kehrte zurück zu der Überlegung, schon in Georgs Wohnung zu fahren. Ihm wurde schlecht bei dem Gedanken, vielleicht Georg mit Sabine im Bett anzutreffen. Andererseits fragte er sich, warum es gleich soweit kommen sollte; so schätzte er Georg nicht ein. Andererseits hätte er auch nicht gedacht, dass er mit Sabine losziehen würde. Die Worte des Professors kamen ihm zurück in den Sinn. Ja, Georg musste das gerade tun, was er tat. Aber trotzdem tat es weh. Das konnte Thomas nicht einfach so mit dem Kopf ausschalten.

Die ersten Studenten verließen allmählich die Party, vereinzelt wurde mit dem Aufräumen begonnen. Der Tag war lang gewesen, ihnen allen steckte noch der Marsch durch das Gelände in den Gliedern. Und das Packen für die Rückreise stand noch an. Thomas half hier und da noch mit beim Saubermachen. Merkwürdigerweise sprach ihn niemand auf Georg an; die meisten hatten wohl mitbekommen, dass er und Sabine gegangen waren, und wunderten sich nicht, dass Georg nicht hier war. Markus gähnte ausgiebig.

„Der DJ ist immer der Arsch“, bemerkte er zu Thomas. „Der kommt immer als Letzter ins Bett.“ Jetzt legte er einen ruhigeren Musikstil ein.

„Kannst die Truppe ja mal langsam zur Ruhe kommen lassen“, schlug Thomas vor.

„Mache ich jetzt auch.“ Markus kramte in seinen CDs.

Thomas sah auf die Uhr. Er traf eine Entscheidung; er würde nicht auf Georg warten. Zumindest nicht hier.

„Ich mache mich jetzt mal auf den Heimweg“, sagte er zu Markus.

Der nickte und sah sich kurz um. „Wartest du nicht auf Georg?“

Thomas schüttelte den Kopf. „Nö, der findet alleine den Weg.“ Er bemühte sich um Fassung.

Markus schaute ihn an. Zögernd, aber mit einem Lächeln. Er klopfte mit der flachen Hand auf den freien Stuhl neben sich. Thomas folgte der Aufforderung und setzte sich hin.

„Ja?“ Thomas war etwas verwirrt.

Markus wechselte noch von einem Song in den nächsten. Dann wandte er sich Thomas zu.

„Ich wette, Georg weiß genau, was er an dir hat. Aber der ist noch nicht so weit, für sich das alles klar zu haben.“ Markus ließ den Blick über die wenigen schweifen, die noch tanzten. Andere räumten weiter auf. Ganz langsam sackten Markus’ Worte in Thomas’ Bewusstsein, und er machte große Augen.

Markus sah Thomas wieder an. „Als ich mir damals darüber klar wurde, dass ich auf Kerle stehe, da dachte ich, ich könnte mir auch gleich die Kugel geben.“

Thomas wusste nicht, was er sagen sollte. Er war von diesem Vorstoß völlig aus dem Konzept geraten.

Markus grinste nur, als er fortfuhr.

„Guck mich an, Thomas. Gehbehindert und schwul. Ein schwuler Krüppel.“

Thomas machte ein entsetztes Gesicht, wollte etwas sagen, doch Markus konnte offenbar Gedanken lesen und winkte ab.

„Geschenkt, hab ich zu oft gehört, Thomas. Im Ernst.“ Er schwieg kurz. „Da hab ich überlegt, ob ich das mit den Kerlen nicht drangebe und mir lieber ne Frau suche, damit wenigstens das klappt.“

„Und wie ging’s weiter?“ Thomas kam die Frage unendlich dumm vor, er hatte den lebenden Beweis vor sich, dass Markus offenbar sein Leben anders gestaltet hatte.

Markus zog ein Mobiltelefon aus der Tasche, suchte eine Weile darin herum und zeigte Thomas ein Bild von einem jungen Mann. Unscheinbar, aber irgendwie sehr attraktiv; zumindest fand Thomas das.

„Das ist mein Andi“, sagte Markus schlicht. „Der hat dieses ganze Auf und Ab mit mir durchmachen müssen, die arme Sau.“

Markus legte kurz das Mobiltelefon zur Seite und wechselte den Musiktitel.

„Den hab ich echt Nerven gekostet, Thomas. Bis der mich mal soweit hatte, dass ich auf ne Schwulenparty mitkam; ich sag dir, wir haben uns teilweise angebrüllt ohne Ende.“

Jetzt musste Thomas sogar lachen. „Echt?“

Markus nickte. „Ständig. Bis ich mich irgendwann drauf einlassen konnte. Da ging’s plötzlich.“

Thomas nickte versonnen vor sich hin. Er konnte nichts sagen. Er war noch viel zu sehr überrascht von der Offenheit, die ihm Markus gerade entgegenbrachte. Nach Dieter war Markus auch erst der zweite schwule Mann, den Thomas überhaupt als solchen wahrnahm. Und er war geschockt, dass Markus erkannt hatte, was los war. Andererseits, wenn er selber die Situation kannte, was das wiederum eigentlich gut zu verstehen.

Markus legte wieder einen Arm um Thomas.

„Durchhalten, Thomas. Ich wünsche euch beiden alles Gute und viel Glück miteinander.“ Er drückte Thomas an sich und näherte sich dessen Ohr, so dass niemand sonst hörte, was er ihm noch sagen wollte.

„Georg ist ein Vollidiot, wenn er einen Kerl mit so nem geilen Body in die Wüste schickt.“ Schnell und unauffällig gab er Thomas einen Kuss auf die Wange.

„Mach dir keine Sorgen, Thomas.“ Er zwinkerte ihm aufmunternd zu.

Mehr als ein gequältes und verunsichertes Lächeln bekam Thomas gerade nicht zustande. Das war etwas viel für einen Abend. Aber das Kompliment über seinen Körper freute ihn. Er drückte Markus kurz an sich.

„Danke dir, das tat echt gut. Du bist auch ein toller Bursche.“ Er klopfte ihm auf die Schulter, nickte ihm noch einmal zu und ließ ihn am DJ-Pult zurück. Thomas verabschiedete sich noch bei ein paar Anderen aus der Gruppe, trat hinaus in die Nacht und war alleine.

Zurück

Thomas fuhr durch die Dunkelheit. Das Gespräch mit Markus ging ihm nach. Er fühlte sich zwar nicht sicherer, aber es tat gut, gehört zu haben, dass er mit der Situation nicht alleine auf der Welt war. Und dazu kam noch das schöne Kompliment. Aber nun waren seine Gedanken wieder bei Georg.

Je näher er dem Dorf kam, je näher er dem Haus kam, je näher er Georgs Wohnung kam, desto heftiger schlug ihm das Herz. Bis zum Hals spürte er es, die Beine wurden ihm schwer, so als wolle ihn sein Körper daran hindern, das Ziel zu erreichen.

Er hatte zunächst noch gezögert, ohne Georg loszufahren, wollte eigentlich doch wieder erst auf ihn warten, aber dann war da diese Leere. Und er wollte nicht dastehen und sehen, wie beide zurückkamen. Seine Vorstellungen reichten ihm aus, er wollte nicht auch noch in ihrer beide Augen schauen. Und er wollte nicht, dass Sabine Fragen stellte oder sich wunderte, wenn er dort stand. Womöglich auch noch wie ein Trottel. Er bemerkte, dass er Georg schützen wollte. Und er spürte, dass er versuchen wollte, dem Vertrauen, von dem Ludwig gesprochen hatte, eine Chance zu geben. Er wusste nur gerade nicht, wie er das schaffen sollte. Gleichzeitig nannte er sich selber einen Dummkopf. Er fühlte sich betrogen, ohne zu wissen, ob das der Fall war, schon gar nicht vor dem Hintergrund des ungeklärten Beziehungsstatus. Thomas ließ sich den Begriff durch den Kopf gehen und war verblüfft, wie theoretisch und kopflastig er dieses Thema gerade für sich umrissen hatte.

„Beziehungsstatus“, murmelte er vor sich hin und schüttelte den Kopf. „Wir sind ja noch nicht einmal wirklich zusammen“, fügte er bitter hinzu. Vielleicht sollte er sich besser mit genau diesem Umstand endlich einmal anfreunden.

Er wünschte sich, dass es ihm egal sein könne. In diesem Augenblick wünschte Thomas sich das wirklich.

Vor dem Haus angekommen, sah er hinauf; in der Wohnung brannte kein Licht. Thomas wusste nicht, ob er sich deswegen nun beruhigen sollte, oder nicht. Bei Pitt war es ebenfalls dunkel. Thomas spürte Trotz in sich hochsteigen. Wenn er in die Pension gekonnt hätte, nähme er jetzt seine Sachen und führe dorthin zurück. Er wusste beim besten Willen nicht, wie er sich verhalten sollte, wenn Georg irgendwann heimkam. Er konnte nichts anderes tun, als die Situation auf sich zu kommen zu lassen. Thomas fühlte sich ausgeliefert.

Langsam ging er die Treppen hoch und betrat die Wohnung. Ganz kurz hoffte er, dass Georg schon dort war, im Bett lag und schlief. Oder sich sorgte und auf ihn wartete. Aber die Wohnung war leer. Thomas schaute sich um. Alles war so, wie sie beide es verlassen hatten, niemand war inzwischen hier gewesen.

Thomas zog sich die Schuhe aus, hängte die Jacke auf, schlüpfte aus seinem Pullover und setzte sich auf das Bett. Lange starrte er in die Dunkelheit. Er wollte nicht weinen. Er wollte es nicht. Aber konnte nicht anders. Er musste weinen. Er musste weinen, wie schon lange in seinem Leben nicht mehr. Und irgendwann war es ihm egal. Es war egal, dass er am ganzen Leib zitterte, die Schmerzen in seiner Seele fast schon körperlich spürte, er von ihnen geradezu zerfetzt wurde, bis nichts mehr übrig war, was an ihn erinnerte. Es war egal. Er liebte Georg. Das war so. Da gab es keinen Ausweg. Er liebte Georg und musste damit umgehen, ganz gleich, wie es weiterging. Diese Klarheit brachte ihn zurück in das Zimmer. Und sie gab ihm etwas Zuversicht. Zumindest, was sich selber betraf. Thomas konnte sich etwas beruhigen und das Schluchzen hörte auf.

Er ging ins Bad und wusch sich das Gesicht, legte sich dann auf das Bett und schaltete den Fernseher ein. Er durchsuchte die Programme nach etwas, was ihn interessierte oder ablenken konnte. Schließlich fand er eine Dokumentation und schaute sich den Beitrag eine Weile an.

Trotz seiner inneren Aufgewühltheit wurden ihm allmählich die Augen schwer. Immer wieder merkte er, dass er wohl eingenickt war und von einem lauteren Geräusch aus dem Fernseher wieder wach wurde.

Das nächste Mal erwachte er jedoch von Stille. Der Fernseher war aus. Eine Kerze brannte auf dem kleinen Tisch neben dem Bett und verbreitete ein warmes Licht im Raum. Vor dem Bett saß Georg und schaute ihn an.

Thomas schreckte innerlich kurz auf. Es war sein erster Impuls, Georg zu berühren, doch bevor die Meldung vom Hirn den Arm erreicht hatte, scheute er davor zurück.

Er sah Georg nur an.

Und Georg sah Thomas an. Thomas hatte geweint, das konnte Georg sehen. Er wollte ihm einfach eine Hand auf den Kopf legen, ihm wie schon so oft durchs Haar streichen. Aber er spürte, dass dies gerade nicht ging. Georg hatte Schuldgefühle. Er wusste, dass er Thomas sehr weh getan hatte. Er hatte aber das Gefühl, dass er das nicht hatte verhindern können. Und das machte es umso schlimmer für ihn.

Er sah den Schmerz in Thomas’ Augen, konnte geradewegs in dessen Seele blicken, und die Agonie, die er dort sah, versetzte ihm einen Stich in sein eigenes Herz. Er spürte die Trauer von Thomas auch selber in sich aufsteigen. Er schloss seine Augen und senkte den Kopf, als ihm die Tränen kamen.

„Es tut mir leid, Thomas“, flüsterte er mit gepresster Stimme.

Thomas konnte nichts sagen. Er sah Georg nur an und spürte die Leere in sich. Er fragte sich, ob das nun das Ende war, ob er jetzt aus seinem wunderschönen Traum aufwachen musste. Musste er jetzt feststellen, dass er noch daheim war, in seinem Elternhaus, in seinem alten Zimmer, in seinem Bett? Folglich wären die Erinnerungen an Georgs zärtliche Berührungen nur eine Trugbild seiner Wünsche und Hoffnungen; nicht einmal eine reale Erinnerung, an die er sich klammern könnte, wenn ihm von innen her kalt wurde.

Ehe er etwas sagen konnte, fuhr Georg fort.

„Ich konnte nicht anders, ich musste mit ihr losgehen.“ Er unterbrach sich kurz. „Ich hab dich verletzt, Thomas. Aber ich konnte nicht anders.“ Georg wirkte verzweifelt. So als versuchte er, mit einer Hand zwei wertvolle Gegenstände im freien Fall aufzufangen; einen musste er zerschellen lassen, um den anderen zu retten. Oder beide würden zu Bruch gehen.

Thomas war über sich selber geschockt, wie scheinbar kalt er reagierte.

„Hat es dir wenigstens was gebracht?“, fragte er nur.

Georg hob den Kopf. Er wischte sich die Tränen aus seinem Gesicht, und auch er schien diese Frage nicht erwartet zu haben. Er zuckte mit den Schultern.

„Wir haben nur geredet, sonst nichts. Belangloses Zeugs.“ Georg machte eine hilflose Geste mit den Händen.

Vor ein paar Monaten hatte sie sich beide ein Versprechen gegeben. Sie wollten ehrlich zueinander sein. Sie wollten nicht mit Gefühlen und Themen hinter dem Berg halten, wollten einander sagen, was den Einzelnen bewegt, was in ihm vorgeht. Keine Geheimnisse. Thomas hatte Georg lange seine Liebe verschwiegen. Und nun spürte er, dass er Georg nicht glaubte. Er wollte es gerne, wollte es auch können. Aber es ging nicht. Da waren Zweifel. Er glaubte Georg nicht.

Georg musste ihn nicht ansehen, er spürte es auch so.

„Was kann ich jetzt tun, damit du mir glaubst?“ fragte er, während er den Kopf in die Hände stützte.

Thomas wusste darauf keine Antwort. Wie auch; es war an ihm, Georg zu glauben. Entweder vertraute er ihm oder er vertraute ihm nicht. Ludwigs Worte kamen ihm in den Sinn. Georg war zurückgekommen, saß jetzt vor ihm und wollte mit ihm sprechen. Georg hätte auch wegbleiben können. Bei Sabine. Oder wer weiß wo. Aber er war hier und schaute Thomas an.

„Schön, dass Du hier bist.“ Thomas hatte zum ersten Mal das Gefühl, Georg seit dessen Rückkehr wirklich zu sehen.

Georg hob das Gesicht, ließ die Hände sinken. Im Schein der Kerze begannen seine Augen wieder feucht zu glitzern. Er sah Thomas lange an, hielt zunächst dessen Blick stand, dann schweifte er über Thomas’ Stirn, seine Augen, den Mund; als würde er ihn mit seinem Blick berühren wollen. Am Ende kehrte er zu Thomas’ Augen zurück.

„Hier ist der Ort, wo ich heute Nacht sein möchte.“ Seine Stimme klang brüchig, geschwächt, wie die eines Kranken, der ganz langsam sich auf den Weg der Genesung begab.

Georg atmete tief, nahm Anlauf. „Ich bin wegen dir hier.“

Die Worte berührten Thomas, bargen die Erfüllung seiner Hoffnungen in sich. Ein tiefer Atemzug entrang sich seiner angespannten Brust; eine Last schien zu fallen, jedoch nicht vollends, das spürte er genau. Aber er merkte auch, dass Heilung möglich war. Er zwang sich ein kleines Lächeln ab.

„Dann ist es gut, dass wir beide hier sind“, gab er zurück und rutschte auf dem Bett beiseite.

Zögernd stand Georg auf und ließ sich auf dem Bett nieder. Körperkontakt vermieden sie beide. Die Brücke war brüchig, zu viel, was noch nicht wieder fest war und sie beide hätte tragen können. Keiner traute sich schon, den Fuß wieder darauf zu setzen.

Georg schnaufte angestrengt, lag auf dem Rücken und starrte die Zimmerdecke an.

„Als ich mit ihr wegging und dich zurückgelassen habe, da wäre ich fast umgekehrt. Ich hab erst gedacht, du kämst hinterher. Aber …“ Er zögerte.

„Sprich weiter.“ Thomas hatte die Hände auf der Brust gefaltet. Er wollte es hören. Alles, was Georg ihm sagen wollte. Er wollte alles hören.

„Sie hat sich auch noch einmal umgesehen, nach dir, glaube ich. Ich dachte, sie würde mich nach dir fragen, aber sie hat’s nicht gemacht. Wir sind losgegangen. Sie wollte zum Strand. Das war blöd, ich wollte nicht mit ihr irgendwohin, wo ich mit dir schon mal war, aber mir fiel keine Stelle ein. Also hab ich gesagt, dass ich nur oben am Weg bleiben möchte.“

Thomas hatte kurz den Impuls, nach einer Hand von Georg zu greifen, hielt sich aber zurück.

„Wir haben geredet. Alles Mögliche. Sie hat von sich erzählt. Was sie macht, wo sie herkommt, den ganzen Kram halt.“ Georg schwieg eine Weile, und Thomas glaubte schon, er wäre eingeschlafen. Aber Georg sprach weiter.

„Und sie wollte alles Mögliche von mir wissen. Irgendwann hat sie mich auch nach einer Freundin gefragt.“

„Aha“, machte Thomas.

In Georgs Stimme lag ein Grinsen.

„Das war ja erst mal einfach, da konnte ich nein sagen.“ Für einen Moment war wieder das Freche in seiner Stimme, das Thomas so liebte. Er wurde aber wieder ernst.

„Na ja, da hat sie halt in die Trickkiste gegriffen, so mit an der Hand berühren und so.“

Thomas’ Kehle schnürte sich zu.

Georg verschränkte die Hände hinter seinem Kopf.

„Ich hätte sie haben können, Thomas. Dort und sofort. Aber ich wollte nicht. Ich konnte nicht und wollte nicht.“

„Warum nicht, Georg?“ Thomas hatte all seinen Mut zusammengenommen. Den Mut, den er in dem Gespräch mit dem Professor schon ganz vage gespürt hatte.

„Es hätte nicht gepasst, Thomas. Es kam mir falsch vor.“ Er schüttelte den Kopf, setzte sich auf und sah auf Thomas hinunter.

„Nach den letzten Wochen und Monaten kam es mir falsch vor. Das wäre nicht ich gewesen. Ich bin mir zwar nicht sicher, wer ich genau bin, aber das wäre sicherlich nicht ich gewesen.“ Georg wirkte verloren, irgendwo zwischen den Welten, irgendwo zwischen seinen Gefühlen.

Thomas setzte sich ebenfalls auf.

„Aber wenn du hier sein willst, weist du doch eigentlich, wer du bist, oder?“

Georg konnte nicht sagen, ob er mehr Hoffnung oder mehr Bestimmtheit in der Stimme von Thomas gehört hatte; egal, beides tat ihm gerade gut. Beides war ein kleines Leuchtfeuer für ihn, während er auf stürmischer See in tiefer Nacht nach einem rettenden Hafen suchte.

Ganz sachte stupste er mit seiner Schulter gegen die von Thomas, sah ihn aber nicht an.

„Mag sein, ja.“ Müdigkeit lag in seiner Stimme. Er war vollkommen fertig.

Thomas spürte, dass es keinen Sinn hatte, weiterzureden.

„Lass uns bitte pennen.“ Georg stand auf und begann, sich bis auf Shirt und Boxershorts auszuziehen. Als er ins Bad ging, zog Thomas die Tagesdecke weg und machte sich auch bettfertig. Sie wechselten sich im Bad ab. Als Thomas ins Zimmer zurückkam, legte Georg sich gerade hin. Thomas legte sich dazu, jeder rollte sich in seine eigene Decke ein. Wortlos. Georg lösche die Kerze auf dem Tisch. Eine Weile lagen sie so da. An seinen Atemzügen erkannte Thomas, dass Georg noch nicht schlief.

„Als ich mit Sabine zur Pension zurückkam und du schon weg warst, da hab ich mich erschrocken.“ Georg machte eine Pause. „Und ich hatte Angst, du wärst nicht da, als ich hier ankam.“

Beinahe gleichzeitig drehten sie sich beide auf die Seite und sahen sich an.

„Ich bin da, Georg. Das müsstest du doch wissen, oder?“ Traurigkeit lag in Thomas’ Stimme. Aber auch Erleichterung, Wärme und sehr viel Liebe. Er hoffte, Georg damit nicht zu erdrücken.

„Eigentlich sollte ich das. Ja, das stimmt.“ Georg würde noch eine Zeit brauchen, bis er für sich wusste, wer und was er war. Und was der Mensch hier neben ihm für ihn wirklich bedeutete.

Die Mauer blieb. Sie konnten sie nicht durchdringen. Zumindest nicht jetzt. Nicht in dieser Nacht, die sowieso nur noch wenige Stunden währte. Lange wälzten sie sich noch von einer Seite auf die andere; jeder für sich ruhelos und aufgewühlt von den vergangenen Stunden. Als sie endlich Schlaf fanden, wurde es draußen schon wieder hell.

Die Brücke

Sie hatten am Vorabend vereinbart, die Gruppe am Fährhafen der Insel zu verabschieden. Thomas und Georg wollten mit den Rädern hinkommen und den Tag so mit einer kleinen Tour über die Insel verbinden.

Als er am Morgen erwachte, war Thomas irgendwie erleichtert. Er hoffte, dass mit der Abreise von Sabine sich ihre Krise ebenfalls von der Insel verabschiedete, wusste aber, dass Georg und er dazu auch ihren eigenen Beitrag würden leisten müssen. Vielleicht half die vereinbarte Radtour ein wenig.

Er streckte sich und weckte Georg damit auf.

Eine Weile sahen sie sich an. Da war diese Frage zwischen ihnen, wie sie miteinander umgehen sollten; keiner wusste eine gute Antwort darauf.

„Guten Morgen“, sagte Thomas unsicher. Er drehte sich auf den Bauch, stützte den Oberkörper auf die Ellenbogen und schaute zu Georg.

„Konntest du noch pennen?“, fragte Georg und rieb sich die Augen.

„Geht’s so.“ Thomas gähnte. Eigentlich sollte er sich freuen, dass Georg hier war, sagte er zu sich selber. Und er verstand nicht ganz, warum es ihm schwerfiel. Doch da waren diese Zweifel in ihm. Zweifel, ob Georg sich wirklich mit dem wohl fühlte, was sie hatten. Er sagte das zwar, aber Georg hatte vollkommen Recht, wenn er auf über zwanzig Jahre verwies, in denen er nicht ernsthaft daran gedacht hatte, mit einem Mann zusammen sein zu wollen. Thomas wurde klar, dass auch ein gutes Stück Selbstschutz in dieser Mauer verbaut war. Er hatte sich Georg offenbart, mit seinem Herzen und seiner Seele. Nun musste er warten. Sie alle hatten Recht. Ludwig, Markus …

Siedendheiß schoss es Thomas durch den Kopf. Er räusperte sich bedeutungsvoll, so dass Georg erwartungsvoll schaute.

„Ludwig weiß übrigens bescheid“, sagte er. Innerlich genoss er die aufgerissenen Augen von Georg sogar ein wenig. Das war nicht nett, zugegeben; aber er gestand sich das zu. Und er war verblüfft, dass Georg offenbar sofort wusste, was er meinte.

„Na toll.“ Georg schloss die Augen. „Und woher?“ Er behielt die Augen zu.

Thomas schilderte die Situation am Abend vor der Pension.

„Aber du hast nichts von dir aus gesagt, oder?“, hakte Georg nach.

„Ganz sicher nicht“, bestätigte Thomas. „Da ist er von selber drauf gekommen. Markus übrigens auch.“

Jetzt öffnete Georg die Augen wieder, besser gesagt, er riss sie auf. „Markus?!“

Thomas musste fast lachen.

„Ja, Markus. Er hat genau mitbekommen, was ablief, auch wegen Sabine. Der hat da ein ziemliches Gespür dafür. Und er hat mir ein Kompliment gemacht.“ Er grinste.

„Aha“, mache Georg. „Wegen des Zimmers in der Pension?“

Thomas grinste noch breiter. Diese Karte wollte er jetzt unbedingt ausspielen.

„Auch“, begann er langsam. Er genoss kurz den fragenden und fordernden Blick von Georg. Als er fortfuhr, versuchte er alle für ihn verfügbare Beiläufigkeit in seinen Tonfall zu legen.

„Markus meinte zu mir, ich hätte einen geilen Body, und du wärst ein Idiot, wenn du mich in die Wüste schickst. Markus ist übrigens auch schwul.“

„Aha“, machte Georg noch einmal und merkte, dass heute Morgen sein Repertoire an Äußerungen noch ziemlich ausbaufähig war. Er sah Thomas kurz an, blickte zur Seite und wieder zu Thomas. Er holte Luft, stockte, überlegte, sackte ein wenig in sich zusammen und überlegte wieder eine Weile. Thomas wartete einfach nur.

„Vermutlich hat er sogar recht mit dem Idioten“, sage Georg schließlich leise. „Das mit dem Body kann ich sowieso nur bestätigen“, murmelte er noch, fast beschämt.

Thomas hatte noch keine Lust, Georg aus der Situation zu befreien. Er sah auf die Uhr und kletterte über Georg hinweg aus dem Bett.

„Ich leg schon mal los, damit wir hier keine Wurzeln schlagen.“

Georg drehte sich auf die Seite und sah ihm nach. „Thomas?“

Vor der Tür zum Bad drehte Thomas sich um. „Ja?“

„Ich glaub, ich bin ein ziemliches Arschloch, oder?“ Er meinte es ernst. Und er öffnete eine Tür. Oder eine kleine Lücke in der Mauer.

Thomas zögerte kurz, ging zum Bett zurück und hockte sich davor. Er sah Georg in die Augen.

„Die letzten Tage haben mich fast umgebracht.“ Er legte eine Hand auf seine Brust. „Hier drinnen Georg.“ Er schluckte kurz. „Hier drinnen tat das alles verdammt weh.“ Aber er fuhr Georg mit der Hand durchs Haar. „Du bist ein liebenswertes Arschloch, OK?“

Georg sah ihn ebenfalls an. „OK“, sagte er leise. Er spürte, dass sie noch Zeit brauchten, um wieder zueinander zu finden. Nicht aus Trotz, sondern weil das einfach so war. Aber erste Schritte hatten sie unternommen. Das tat gut.

Thomas stand auf und ging ins Bad. Georg sah ihm nach. Er spürte, dass er an Thomas hing. Er wollte ihn nicht verlieren, nicht ihn, und nicht das, was sich zwischen ihnen entwickelt hatte.

Sabines Avancen am Abend waren eindeutig gewesen. Er wollte von sich und Thomas erzählen, aber er zögerte. Vielleicht wäre das für sie einfacher gewesen, aber er konnte ihr nicht sagen, dass er mit einem Mann zusammen war … Georg stockte innerlich bei dem Gedankengang und merkte einmal mehr, dass er eine Seite in sich trug, die in Thomas eindeutig den Partner sah. Er hoffte, das auch endlich einmal zum Ausdruck bringen zu können, wenn Thomas neben ihm lag oder sonst wie bei ihm war. Georg hämmerte ein paar Mal den Kopf ins Kissen; er hätte sich selber ohrfeigen können für sein verdrehtes Innenleben, mit dem er Menschen, denen er etwas bedeutete und die ihm etwas bedeuteten, so viel Leid zufügte. Dann warf er sich auf den Rücken und starrte in die Luft.

„Ich hinterlasse überall nur Schutt und Asche“, brummte er verzweifelt und rieb sich noch einmal die Augen. Georg stand auf, öffnete das Fenster und sah nach draußen. Es war wunderbar warm und die Luft roch nach Sommer.

Das Frühstück hielten sie knapp, dafür packten sie ordentlich Verpflegung in ihre Rucksäcke für den Tag. Aber nun hatten sie den Hafen erreicht und warteten auf die Gruppe. Sie hatten die T-Shirts ausgezogen und lagen auf der Mole in der Sonne. Allmählich sammelten sich Autos und Fußgänger am Fähranleger. Das Schiff konnten sie auch schon lange sehen; in etwa einer viertel Stunde würde es anlegen und neue Besucher auf die Insel bringen.

Endlich tauchten auch die Kleinbusse auf. Georg und Thomas standen auf, zogen sich die Hemden wieder über und gingen zum Parkplatz. Die ganze Gruppe stieg aus, sogar Markus machte sich die Mühe. Schnell waren Thomas und Georg umringt und in Gespräche verwickelt. Als die Fähre anlegte, machte der Professor ein Zeichen, woraufhin sich die Gruppe wie am ersten Tag im Halbkreis um Georg und Thomas aufstellte. Jetzt holte Martin einen großen Karton aus einem der Busse und stellte ihn vor sich hin. Er wartete kurz, bis die Gruppe ruhig war, und ergriff das Wort.

„Lieber Georg, lieber Thomas; wir wollen euch danke sagen. Für eure Hilfe, für die Arbeit, die ihr mit uns hattet. Wir haben in dieser Woche sehr viel erlebt und auch sehr viel Neues entdeckt. Sicher hattet ihr mit uns viel zu tragen, deshalb haben wir uns überlegt, dass ihr die hier vielleicht gebrauchen könnt …“ Mit den letzten Worten zog er zwei nagelneue Tagesrucksäcke aus dem Karton und überreichte sie unter lautem Gejohle an die beiden.

Georg und Thomas waren sehr gerührt und verblüfft. Sie betrachteten die beiden Rucksäcke von allen Seiten; die Gruppe hatte es wirklich gut mit ihnen gemeint.

Als der Krach verstummte, fügte Markus noch hinzu:

„Wir haben ganz bewusst für jeden den gleichen Rucksack besorgt. Ihr werdet die immer wieder mal unterwegs verwechseln und deshalb in komische Situationen kommen. Und dann werdet ihr immer an uns denken.“ Die beiden stimmten in das gemeinsame Gelächter mit ein.

Georg hob die Hand; er wollte auch etwas sagen.

„Tja“, begann er zögernd. „Ich sage auf jeden Fall danke. Ich kann den gut gebrauchen und werde ihn in Ehren halten. Ihr wart echt klasse, mir hat die Woche gut gefallen.“ Er sah zu Thomas. „Jetzt hilf mir doch mal, ich kann so was hier nicht.“

Wieder lachten sie alle.

Thomas wandte sich seinerseits an die Gruppe. „Ich kann mich Georg nur noch anschließen. Es war eine gute Woche mit Euch, schön, dass ihr da wart, und toll, dass wir euch hoffentlich zeigen konnten, wie schön es hier ist.“ Er hob den neuen Rucksack hoch. „Und auch hierfür Danke, auch ich kann den gut gebrauchen.“

Wieder applaudierte die Gruppe, und es folgten die einzelnen Abschiede.

Markus nahm Thomas in die Arme und drückte ihn an sich. „Meld dich mal, wenn du demnächst für die Prüfungen zur Uni kommst.“ Er sah kurz zu Georg. „Klappt doch.“ Er zwinkerte Thomas noch einmal zu. Als er vor Georg stand, nahm er ihn ebenfalls kurz in den Arm.

„Pass gut auf den Thomas auf, sonst klaut dir den noch jemand“, sagte er leise zu Georg. Der sah daraufhin zu Thomas und lächelte. „Mache ich“, entgegnete Georg schnell.

Plötzlich stand Sabine vor ihm. Auch sie umarmte ihn. Ihm war, als täte sie es mit einem Seitenblick auf Thomas. Schließlich sah sie ihn an; traurig, aber mit etwas Wissendem im Blick. Und er spürte, dass nichts Ungeklärtes zwischen ihnen zurückblieb. So oder so.

Thomas verabschiedete sich von Martin. „Pass gut auf deinen Kleinen auf. Und viel Glück für Euch drei.“ Martin umarmte ihn, und Thomas war sofort klar, was Martins Frau an ihrem Mann liebte und was sie bei ihm fand. So ein Fels in de Brandung wollte Thomas auch irgendwann einmal für Georg sein können.

Dann war Sabine an der Reihe. Zögernd stand sie vor ihm. Doch sie nahm ihn auch in die Arme, etwas hölzern und mit Überwindung.

„Ich glaube, du hast sehr viel Glück“, sagte sie leise. „Halte es gut fest.“ Thomas spürte, dass sie es ernst meinte. Er hatte das Gefühl, dass sie etwas zwischen ihnen beiden bereinigen wollte; beinahe so, als würde sie ihm Georg überlassen; in, wie sie nur zu genau wusste, sehr gute Hände.

Als Letztes verabschiedete sich der Professor.

„Ich bin bis einschließlich Mittwoch weg. Macht euch in der Zeit paar schöne freie Tage und erholt Euch. Ich will nicht hören, dass ihr euch im Institut habt blicken lassen, verstanden?“ Er legte jedem einen Arm um die Schulter.

Georg und Thomas bedankten sich, damit hatten sie nicht gerechnet.

Ludwig schüttelte den Kopf. „Ich habe zu danken. Und ihr habt Freizeit verdient nach den letzten Tagen. Genießt die Zeit miteinander. Und wenn ich zurückkomme, lade ich euch in die „Möwe“ ein.“ Er grinste über das ganze Gesicht.

Inzwischen waren alle anderen wieder in den Bussen oder hatten zu Fuß die Fähre bestiegen. Nacheinander rollten die Fahrzeuge auf das kleine Schiff. Georg und Thomas blieben am Kai stehen und warteten, bis sich das Schiff in Bewegung setzte. Langsam gingen sie bis zum Ende der Kaimauer mit und winkten der Gruppe noch lange nach. Dann sahen sie einander an.

„Strand?“, fragte Georg.

„Strand!“, entgegnete Thomas.

Sie gingen zu ihren Rädern.

„Wie mache ich das denn am Geschicktesten mit meinen Klamotten? Die müssen irgendwie zurück in die Pension.“ Der Zweispalt brodelte in ihm. Er musste sich eingestehen, dass er einerseits wirklich mal wieder eine Nacht für sich alleine sein wollte. Er spürte, dass ihnen beiden das sicherlich gut tat. Andererseits sehnte er sich zurück nach dem, wie es noch vor ein paar Tagen war. Die Nähe, die Geborgenheit, die Berührungen, der Sex; das fehlte ihm sehr. Vielleicht fehlte es Georg auch, das konnte er gerade nicht gut einschätzen.

Georg blieb kurz stehen.

„Stimmt“, sagte er langsam. Der Gedanke, dass Thomas in die Pension zurückging, wirkte für ihn überraschend befremdlich. Er überlegte eine Weile und hatte eine Idee.

„Mein Vorschlag wäre, wir fahren zum Institut, holen dort für heute das Auto. Du packst, danach fahren wir zum Nordstrand, und du bringst schon mal deine Tasche zu dir. Heute Abend setze ich Dich an der Pension ab.“ Er sah Thomas erwartungsvoll an.

Thomas nickte langsam. Irgendwie bereitete ihm das gerade Unbehagen, aber er fand die Idee gut. Er hatte jedoch das Gefühl, etwas Unerledigtes bei Georg zurückzulassen. Das gefiel ihm nicht, er wollte es gerne vorher regeln. Aber vielleicht konnten sie es nur so regeln, indem sie akzeptierten, dass sie es heute einfach nicht regeln konnten.

Sie fuhren mit den Rädern zurück zur Wohnung. Thomas packte seine Tasche zusammen, und Georg räumte kurz in der Küche ein wenig auf. Vorher hatte er das Auto besorgt.

Thomas sah sich um. Es kam ihm seltsam vor, die Wohnung zu verlassen. Er dachte an die ersten Tage hier zurück und auch an die letzten. Jene machten es ihm leichter, zu gehen. Soviel stand fest. Aber andererseits wäre er gerne geblieben und hätte mit Georg versucht, wieder dorthin zu kommen, wo sie miteinander glücklich sein konnten. Er hatte sich vor einer Woche den Abschied hier anders vorgestellt. Er wünschte sich, es würde ihm schwerer fallen, wenn auch aus anderen Gründen.

Die Pension hatten sie schnell erreicht.

„Da bist du ja wieder, mein Junge. Schön!“ Frau Jacobs strahlte ihn an. Dann begrüßte sie Georg nicht minder freudig.

„Ja, ich ziehe wieder ein. Kann ich direkt Wäsche in die Maschine packen?“, fragte Thomas.

Die Frau nickte. „Weißt ja, wo. Ich hab nix mehr drin, die Maschine ist frei. Dein Zimmer ist auch soweit wieder sauber.“

Zu Georg gewandt, sagte er: „Ich bring's schnell runter und schmeiß die Klamotten in die Wäsche. Wir können gleich weiter.“

Georg nickte. „OK.“ Sein Blick bat Thomas, sich etwas zu beeilen.

Als Thomas aus dem Waschkeller hoch kam, stand Georg schon neben der Terrasse, unterhielt sich aber immer noch mit Frau Jacobs. Thomas stellte sich dazu.

„Ich habe dem Georg gerade schon gesagt, dass ihr beide heute Abend hier zum Essen herkommen könnt. Ich habe genug da.“ Frau Jacobs war an Herzensgüte einfach nicht zu überbieten. Und Thomas honorierte das gerne.

„Klar kommen wir zum Essen. Übliche Zeit?“ Er freute sich wirklich darauf, heute nicht mehr selber etwas kochen zu müssen.

„Wie immer.“ Frau Jacobs lächelte und wies zum Himmel. „Und nun ab mit euch zum Strand, sonst steht die Sonne tief bevor ihr im Wasser seid!“

Sie verabschiedeten sich, gingen zum Auto und stiegen ein.

„Nett von ihr“, meinte Thomas schließlich.

„Auf jeden Fall“, entgegnete Georg und startete den Wagen. „Und ich wette, die weiß es auch schon.“

Thomas stellte sich gerade vor, wie die Meldung über ihre; da war wieder das innerliche Zögern … Also wie die Meldung über zwei homosexuelle junge Männer die Runde über die Insel machte. Er gab der Sache einen, höchstens anderthalb Tage. Aber vielleicht tat er der guten Frau auch schrecklich unrecht.

„Wie kommst du darauf?“, fragte er Georg.

Der zuckte mit den Schultern. „Ist so ein Gefühl. Aber wenn sie es weiß, dann scheint es sie offenbar nicht zu stören.“

Thomas dachte kurz darüber nach. „Kann sein. Ludwig stört es zumindest überhaupt nicht.“

Georg rang sich ein Lächeln ab. „Mir ist es unangenehm. Ich hätte es ihm gerne selber gesagt. Es hat so was von entlarvt werden. Das stört mich.“

„Verstehe ich. Aber dann hätten wir direkt was sagen müssen.“ Thomas sah ihn an.

Georg presste kurz die Lippen zusammen. „Man kann es drehen und wenden, wie man will, es ist immer irgendwie blöd.“

Thomas sah aus dem Fenster, er wollte Georg bei seiner nächsten Frage nicht ansehen.

„Bereust du es so sehr? Ich meine, es klang grad so …“ Er hielt den Blick auf die Straße gerichtet. Für seinen Geschmack kam die Antwort von Georg zu zögerlich.

Und Georg zögerte in der Tat; er musste sich wirklich überlegen, was in ihm in dieser Hinsicht vorging.

„Bereuen ist das falsche Wort. Lass es mich so sagen; wenn ich gewusst hätte, was sich alles ändert und was es für einen elendigen Rattenschwanz nach sich zieht, hätte ich vielleicht nicht den Nerv oder den Mut gehabt, das zuzulassen. Jedenfalls verstehe ich inzwischen jeden noch wesentlich besser, der Probleme damit hat.“ Er wartete an einer Kreuzung und ließ den Verkehr auf der Vorfahrtsstrasse durch. Dann bog er ab. „Aber ich bereue es nicht, Thomas.“

Immer, wenn er einer Aussage besonderen Nachdruck verleihen wollte, hing er den Namen des Angesprochenen mit diesem besonderen Tonfall dran. Thomas fielen mehrere Tonnen an Steinen vom Herzen. Er spürte, Georg meinte das ernst.

„Schön.“ Thomas wagte einen kurzen Seitenblick auf Georg.

Wenige Minuten später hatten sie einen Parkplatz erreicht, wo sie den Wagen abstellten und zum Strand gehen konnten.

Diesmal waren schon ein paar mehr Besucher da. Außerdem war Wochenende, so dass auch etliche Insulaner das schöne Wetter hier genossen. Georg und Thomas liefen eine Weile am Strand entlang, bis sie sich von der Ansammlung der Menschen entfernt hatten.

Sie richteten sich mit Strandmatten ein Lager ein und zogen sich bis auf die Badehosen aus. Zunächst spielten sie eine Zeitlang mit dem Frisbee. Diesmal schwitzen sie schneller, der Wunsch nach Abkühlung kam früher, und sie schwammen für eine Weile im Meer. Aber sie waren ruhiger, als sonst. Ernster, nicht so stürmisch und ausgelassen, wie noch vor ein paar Wochen bei der langen Wanderung. Ihre Unbeschwertheit war fort. Oder noch nicht wieder zurückgekehrt. Fehlte sie ihnen? Das hätten sie nicht einmal sagen können; sie war einfach nicht da. Sie genossen zwar den schönen Tag, aber es fiel ihnen schwer, sich richtig zu freuen; besonders darüber, den Tag gemeinsam verbringen zu können. Und das konnten sie noch vier weitere Tage, bis der Professor wieder zurück war. Vor einer Woche hätten sie Pläne gemacht, oder es zumindest einfach genossen, sich um nichts kümmern zu müssen, außer um sich selber und um einander. Aber dieses Gefühl war weg. Und es kehrte auch über den Rest des Tages nicht zurück.

Am frühen Abend machten sie sich auf den Rückweg zur Pension.

Thomas räumte seine Wäsche in den Trockner, und sie gingen in sein Zimmer.

„Wenn du hier duschen willst, mach ruhig. Duschgel steht im Bad“, schlug Thomas vor.

„Ist gut.“ Georg holte Wechselkleidung aus seinem Rucksack und verließ den Raum.

Einerseits wusste Thomas, dass Georg hier sehr ungern mit ihm zusammen duschte, andererseits hatte er dazu auch gerade überhaupt keine Lust. Ihm fiel auf, dass er generell im Moment keine Lust auf körperliche Nähe mit Georg verspürte, obwohl sie ihm doch gleichzeitig fehlte. Thomas schüttelte den Kopf; er musste dieses Durcheinander an Gedanken und Gefühlen unbedingt in Ruhe sortieren, sonst drohte er noch den Verstand zu verlieren.

Während er nachdachte, hatte er alle seine persönlichen Gegenstände dort platziert, wo sie vorher waren; das Zimmer gehörte wieder ihm. Dabei fiel ihm auf, dass er offenbar seine Papiere bei Georg liegen gelassen hatte. Und das Fahrrad stand auch noch dort. Er fluchte leise.

Georg kam zurück und bemerkte sofort, dass Thomas über irgendetwas verärgert war. Er fragte ihn.

„Ich hab meine Papiere bei dir liegen gelassen. Und mein Rad steht auch noch bei dir.“ Er suchte genervt noch einmal die Tasche nach der Mappe mit seinen Unterlagen durch.

„Brauchst du die Sachen direkt morgen früh?“, fragte Georg.

Thomas kratzte sich am Kopf. „Eigentlich schon; ich muss in meinem Uni-Account was nachgucken und die Zugangsdaten sind in den Papieren drin. Es geht um die Prüfungen.“

Georg zog sich weiter an. „Am besten nehme ich dich später wieder mit. Du kannst ja wieder mit dem Rad hierher zurückfahren, damit du das auch direkt wieder hier hast.“

Thomas seufzte. Das war ein sinnvoller Vorschlag. Und vielleicht täte die Bewegung nach dem Abendessen auch gut, so wie er Frau Jacobs kannte.

Er duschte auch schnell, damit sie beide zum Essen gehen konnten.

Frau Jacobs hatte ihnen etwas abseits einen Tisch für zwei Personen gedeckt und sich sehr viel liebevolle Mühe gegeben. Zwischen zwei niedrigen Kerzenleuchtern stand eine Vase mit zwei Blumen darin. Auf den Tellern waren kunstvoll gefaltete Servietten platziert. Dem gepflegten Dinner für Zwei bei Kerzenschein stand nichts mehr im Wege.

Thomas schwankte zwischen Rührung und Schrecken, als er sich setzte.

„Und ich sag doch, sie weiß es“, raunte Georg, während er sich gequält lächelnd umsah, ob andere Gäste sie vielleicht anstarrten.

„Wenn ja, find ich das eine super schöne Geste von ihr. Wenn nicht, will sie uns offenbar verkuppeln.“ Thomas konnte sich einen Rest Humor nicht verkneifen.

Georg brummte vor sich hin. So unangenehm wie ihm das jetzt auch war, gleichzeitig fand er es auch schön. Er und Thomas brauchten vielleicht genau so etwas. Möglicherweise kam es einen oder zwei Tage zu früh, aber die Richtung stimmte, das spürte er genau.

Frau Jacobs kam bald mit dem Essen heran. Der gute Duft eilte voran und machte zum schon vorhandenen Hunger auch noch ordentlich Appetit.

Sie strahlte wieder über das ganze Gesicht und stelle die Portionen ab.

„So ihr zwei. Nun lasst es euch gut schmecken und macht euch einen schönen Abend. Ihr hattet ja in den letzten Tagen wenig Zeit füreinander und viel Stress.“ Ihr ehrliches aber auch wissendes Lächeln verunsichert nun auch Thomas, doch er zuckte innerlich mit den Schultern. In dieser Hinsicht war er durch die Gespräche mit Ludwig und mit Markus schon mehr gewohnt als Georg.

Sie bestellten noch beide etwas zu trinken, dann genossen sie die hervorragende Inselküche von Frau Jacobs.

Während des Essens sprachen sie nicht viel. Es war, als hinge jeder seinen eigenen Gedanken nach. Vielleicht waren es durchaus Gedanken, welche sie beide betrafen, aber sie teilten sie einander nicht mit.

Zwischen dem Hauptgang und der Nachspeise gönnte Frau Jacobs ihnen eine kleine Pause.

„Was machen wir denn in den nächsten Tagen?“, fragte Georg unvermittelt und holte Thomas aus dessen Gedankenwelt heraus in die Gegenwart zurück.

Thomas guckte ihn an, als wäre Georg völlig überraschend aus einem Spalt im Raum-Zeit-Gefüge aufgetaucht.

„Ähhh… also weiß nicht. Ausspannen auf jeden Fall. So halt. Einfach mal nichts machen. Außerdem muss ich wohl bald mit dem Lernen anfangen.“ Er trank einen Schluck.

Georg erwiderte seinen Blick. „Klingt gut.“ Der Mangel an Euphorie in seiner Antwort war nur zu deutlich spürbar. Ein wenig enttäuscht wirkte er auch.

Um das Thema zu wechseln, fragte er Thomas über die anstehenden Prüfungen aus und sie unterhielten sich über den Stoff, den Thomas vorbereiten musste.

Frau Jacobs erschien mit der Nachspeise.

Nachdem sie diese auch bewältigt hatten, fühlten sie sich für die nächsten Tage gesättigt.

Georg trank sein Glas leer. „Ich glaube, ich laufe lieber nach Hause.“ Er klang schwerfällig.

Thomas lachte kurz. „Hoffentlich kipp ich nicht gleich vom Rad auf dem Rückweg.“

„Wenn du auf den Bauch fällst, landest du wenigstens weich“, gab Georg zurück und machte ein Zeichen für den Aufbruch. „Wollen wir?“

Thomas nickte und stand auf.

Auf dem Weg nach draußen bedankten sie sich bei Frau Jacobs für das hervorragende Essen.

„Das habt ihr euch verdient, Jungs; nach der anstrengenden Woche.“ Sie klopfte beiden auf den Rücken.

Draußen vor dem Haus streckte Georg sich. „Mann, bin ich froh, dass ich so ein Essen nur ab und zu habe. Ich wäre sonst sicher zu dick.“

„Könnte passieren“, grinste Thomas. „Sie kocht einfach aber auch zu gut, das kann man nicht stehen lassen.“

„Stimmt.“ Georg öffnete den Wagen, und sie stiegen ein.

Die Nacht war sternenklar, wodurch es auch noch recht kühl wurde. Aber in wenigen Wochen wäre auch das vorbei.

„Wenn es richtig warm ist, könnten wir mal nachts im Meer baden.“ Thomas legte sich im Beifahrersitz so weit zurück, wie es ging.

„Gute Idee“, stimmte Georg zu. „Leider hat man hier nicht diese leuchtenden Algen wie im Süden. Da glitzert es immer um einen herum, wenn man nachts in solchen Algen schwimmt.“

Das hatte Thomas auch schon erlebt. „Ja, stimmt. Das ist klasse. Aber dazu ist das Wasser hier zu kalt.“

„Genau. Leider.“ Georg konzentrierte sich auf die Straße. Am Wochenende liefen gerne Touristen im Dunkeln noch umher, besonders in so klaren Nächten, und man erkannte sie meist daran, dass sie viel zu dunkel gekleidet waren. Und man erkannte sie oft erst sehr spät. Aber sie kamen ohne Zwischenfall bei Georgs Wohnung an. Unten am Eingang des Hauses stand auch noch Thomas’ Fahrrad.

Sie gingen die Stufen hoch und Georg öffnete die Tür. Thomas fand seine Papiere sofort auf dem Schreibtisch.

„Da sind sie ja. Wusste ich es doch.“ Er steckte sie ein.

Dann standen sie einander gegenüber. Sie sahen sich an. Lange sahen sie sich an. Langsam machten sie einen kleinen Schritt aufeinander zu und nahmen sich sachte in den Arm. Zaghaft, als wollten sie das filigrane Gespinst zwischen sich nicht zerquetschen, denn es enthielt den Rest von allem, was war, und nur daraus konnte es sich wieder neu entwickeln. Das wollten sie hegen und hüten.

„Wir sehen uns morgen“, sagte Thomas leise.

„Komm einfach vorbei. Ich bin hier.“ Georg schaute ihn an, unfähig mehr zu sagen.

„Gut zu wissen“, entgegnete Thomas. Er schien gerührt zu sein, überspielte es jedoch.

Sie lösten sich voneinander, Thomas ging zur Tür und öffnete sie. Georg folgte ihm und lehnte sich in den Rahmen, während Thomas in den Flur hinaus trat.

„Komm gut heim, fahr vorsichtig.“ Er versenkte die Hände in den Hosentaschen.

„Mach ich.“ Thomas lächelte unsicher, hob eine Hand zum Gruß und war am Ende des Flures verschwunden.

Georg hörte die Schritte im Treppenhaus, während er wieder in seine Wohnung zurücktrat. In seine leere Wohnung. Er sah sich um und ging zum Fenster, um es zu kippen. Es war wie vor etlichen Wochen, als Thomas sich verabschiedet hatte, und Georg zurückblieb. Er hatte sich damals gewünscht, sich von Thomas anders verabschiedet zu haben. Eigentlich wollte er ihn schon damals gar nicht gehen lassen. Viel lieber hätte er Thomas bei sich gehabt, wäre mit ihm zusammen eingeschlafen und am nächsten Morgen wieder mit ihm aufgewacht. In seinen Armen oder mit ihm in den Armen, das war völlig egal; wenn Thomas nur hier bei ihm bliebe. Georg fuhr sich mit beiden Händen über den Kopf. Vielleicht hatte er damals einen Fehler gemacht, vielleicht war es aber damals noch zu früh gewesen. Vielleicht, vielleicht, vielleicht; was sollte er damit anfangen? Es gab kein vielleicht mehr, er wusste genau, was er wollte. Wenn er damals einen Fehler gemacht hatte, so wollte er ihn nicht wiederholen, unter keinen Umständen. Und wenn er jetzt einen Fehler machte, dann war es ihm egal. Er wusste aber was er wollte, und das war das Einzige, was zählte.

Georg griff seinen Schlüssel und stürmte aus der Wohnung. Er nahm mehrere Stufen auf einmal, fiel fast die Stockwerke hinunter, holte sich etliche blaue Flecken, als er in einer Biegung an das Treppengeländer stieß, doch das spürte er nicht. Die Haustür flog auf und er stand auf der Straße. Das Rad war fort, er sah jedoch hinten am Ende der Straße noch das Rücklicht und die vertraute, ersehnte Gestalt des Menschen, den er heute nicht wegfahren lassen würde. Unter keinen Bedingungen. Er begann zu rennen. So schnell, wie schon lange nicht mehr. Aber es war ihm auch schon lange nichts mehr so wichtig gewesen.

„Thomas!“, reif er in die Nacht hinein. Jeder in der Straße konnte ihn hören. Egal, es ging um etwas Wichtigeres, als um die idiotische Meinung anderer Leute. Es ging um das für ihn bislang Wichtigste in seinem Leben. Er rannte weiter.

„Thomas! Warte!“ Seine Lungen begannen zu brennen, aber er rannte.

Das kleine rote Rücklicht hatte angehalten. Thomas stieg vom Rad und sah Georg auf sich zu kommen. Dann hatte der ihn eingeholt.

Georg keuchte, beugte sich nach vorne, stützte sich mit den Händen kurz auf den Oberschenkeln ab und schnappte nach Luft.

Thomas sagte nichts. Inzwischen konnte Georg allmählich wieder sprechen.

„Thomas …“ Er legte ihm die Hände auf die Schultern, noch immer außer Atem. Aber er konnte fortfahren. „Ich hab dich an dem Abend vor paar Wochen gehen lassen …“

„Ja …“, begann Thomas, doch Georg machte eine Geste, die ihn schweigen ließ.

„Vielleicht war das damals richtig, vielleicht war es damals schon falsch …“ Seine Augen wurden feucht. „Ich weiß nur eines … Heute wäre es ein Fehler, dich gehen zu lassen. Und diesen Fehler werde ich nicht machen.“

Er keuchte noch einmal tief; nun konnte er wieder ruhig sprechen. Er nahm die Hände von Thomas Schultern runter und sah ihm in die Augen. Ganz ruhig.

„Ich bin nicht Superman, Thomas. Ich werde dich nie auf die Arme nehmen können, um mit dir rund um die Welt zu fliegen.“ Er stockte kurz. „Aber ich will, dass du in meinen Armen einschläfst. Und ich will dich als Erstes spüren, wenn ich am Morgen aufwache. Und wenn ich …“

Thomas nahm Georgs Gesicht in beide Hände. Mit dem Daumen wischte er vorsichtig die Tränen aus den Augenwinkeln.

„Halt endlich deine Klappe“. Dann küsste er ihn.

Georg schloss ihn in seine Arme, drückte Thomas an sich, erwiderte den Kuss des geliebten Menschen, ließ dessen Hände ihn umgreifen, ihn halten, hielt ihn auch; endlich dort angekommen, wo sie hin wollten, jeder dort, wo er sein wollte. Und jeder mit genau demjenigen, den er gerade in den Armen hielt und fühlte.

Und eigentlich konnte sie doch gemeinsam fliegen, wenn sie es nur wollten. Das war ein wunderbarer Gedanke.

Semesterende

Thomas packte seine Tasche. Er überlegte, was er für zwei Wochen brauchte. Am Montag fingen die Klausuren an. Drei pro Woche, in zwei Wochen wollte er wieder hier sein und seine Studien mit der Kolonie weiterführen. Nein, vorrangig wollte er in zwei Wochen wieder zurück zu Georg kommen. Er freute sich auf den gemeinsamen Sommer. Aber jetzt hatte er einen Kloß im Hals.

Er hörte Schritte auf dem Flur. Georgs Schritte, das erkannte er sofort. Bevor Georg klopfen konnte, öffnete Thomas die Tür. Sie lächelten sich an, und Thomas schloss hinter Georg die Tür. Wortlos nahmen sie sich in die Arme, küssten sich, hielten sich fest, küssten sich wieder und ließen sich vorerst nicht los. Dann schauten sie sich in die Augen.

„Sind doch nur zwei Wochen“, murmelte Georg.

„Trotzdem werd ich dich vermissen.“ Wenn er die Wahl gehabt hätte, nähme er Georg mit.

Georg boxte ihm leicht gegen das Kinn. „Ich dich auch.“ Georg lies seinen Blick über Thomas’ Gesicht wandern und fügte hinzu: „Schatz.“

Thomas musste schlucken; vor Erstaunen und vor Rührung. „Du hast mich noch nie so genannt.“

Georg schluckte ebenfalls. „Dann wurde es ja wohl mal Zeit, oder?“

Sie schlossen einander wieder in die Arme. „Ich liebe dich, Georg“, flüsterte Thomas.

„Ich weiß.“ Georg drückte Thomas noch einmal mit Nachdruck an sich. Er wollte mehr sagen, aber er schaffte es noch immer nicht. Also hielt er Thomas einfach fest.

Thomas löste sich irgendwann und schaute auf die Uhr. „Ich fürchte, wir müssen los, sonst verpasse ich die Fähre.“

„Ich bring dich bis zum Bahnhof, wenn du magst. Ludwig hat mir den Wagen gegeben, wir müssen nicht mit den Rädern zum Hafen fahren“, sagte Georg.

„Gut.“ Thomas sah sich um und griff nach seiner Tasche. „Was für ein Aufwand für lächerliche zwei Wochen.“

„Nervös wegen der Klausuren?“, fragte Georg.

Thomas zuckte mit den Schultern. „Geht so. Ich hab gelernt. Eigentlich müsste es klappen. Mir gehen ganz andere Sachen durch den Kopf.“

„Lass uns im Wagen drüber sprechen, sonst wird’s echt eng mit der Zeit.“ Georg griff nach der großen Sporttasche. Thomas sah sich noch einmal kurz um, und sie verließen das Zimmer.

„Geh schon mal zum Wagen, ich verabschiede mich von Frau Jakobs.“ Thomas sah sich im Essraum um.

„OK, aber mach nicht zu lange“. Georg steuerte auf die Tür zu. Draußen verstaute er die Tasche im Kofferraum des Kombis und stieg in das Auto.

Thomas fand Frau Jakobs in der Küche.

„Junge, ist es soweit?“, begrüßte sie ihn.

„Ja, Frau Jakobs. Aber in zwei Wochen bin ich ja wieder hier. Sind ja nur paar Klausuren, danach komme ich zurück für die Forschungen.“

Frau Jakobs wischte sich schnell die Hände in der Schürze ab. „Thomas, ich wünsche dir viel Glück für deine Prüfungen. Und wenn du in zwei Wochen wieder da bist, wartet ein schönes Essen auf dich und den Georg.“ Sie drückte ihn ganz kurz aber herzlich an sich.

„Vielen lieben Dank, Frau Jakobs“, entgegnete Thomas. „Ich freue mich schon darauf zurückzukommen.“

„Schön!“, strahlte Frau Jakobs und folgte Thomas zum Ausgang.

Als die Tür sich öffnete, schaute Georg aus dem Wagen. Er winkte Frau Jakobs zu und ließ schon mal den Motor an. Thomas stieg ein und hob noch einmal die Hand zum Gruß. Frau Jakobs winkte dem Auto hinterher, bis es um die Ecke gebogen war.

„Ich hab schon gedacht, die gute Frau Jakobs packt mir noch was zu essen ein“, witzelte Thomas.

„Das hätte mich nicht gewundert“, schmunzelte Georg.

Sie schwiegen eine Weile, während Thomas den Blick über die mittlerweile so vertraute Landschaft schweifen ließ.

„Kennst du dieses Gefühl, dass eine Landschaft, die man neu kennen gelernt hat, bei der Abreise immer irgendwie anders aussieht, als sonst?“, fragte Thomas nachdenklich.

„Wie meinst du das?“ Georg war sich nicht sicher, ob er verstand, was Thomas sagen wollte.

„Ich kann das schwer in Worte fassen“, fuhr Thomas fort. Er griff nach Georgs Hand, die auf seinem Oberschenkel lag. „Es ist fast so, als wolle die Landschaft sich von einer weniger schönen Seite zeigen, damit einem die Abreise nicht so schwer fällt.“ Er schwieg kurz. „Eigentlich müsste es regnen und stürmen“, fügte er leise hinzu.

„Man könnte meinen, du würdest für immer fortgehen“, beschwichtigte Georg die trüben Gedanken des Freundes. „Was liegt dir eigentlich wirklich so im Magen?“

Thomas atmete tief durch. „Ich werde auch zuhause sein. Ich werde meine Eltern sehen und die werden fragen, was sich so alles ereignet hat. Das liegt mir im Magen.“ Dann sah er Georg an. „Und ich werde dich nicht da haben, wenn mir das alles tierisch auf den Sack geht und ich dich einfach nur mal knuddeln will.“

Georg nickte nur. Was konnte er dem schon entgegensetzen? Nichts. Oder zumindest nicht viel. „Tröstet es dich, wenn ich dir sage, dass ich die zwei Wochen mit meiner Semesterarbeit kämpfen werde? Tippen, bis mir die Augen und Finger abfallen? Und keiner da, der mir den Nacken massiert.“

„Das Leben kann echt scheiße sein“, bemerkte Thomas mit einem Augenzwinkern.

Sie schwiegen wieder. Thomas fühlte sich einerseits albern. Georg hatte natürlich völlig Recht. Er würde in zwei Wochen wieder hier sein, seine Arbeit fortsetzen, und sie würden sich wieder sehen. Darauf konnte er sich freuen. Thomas war sich zwar seiner Gefühle für Georg vollkommen bewusst, erschrak aber dennoch darüber, wie sehr ihn die bevorstehende Trennung für die kurze Zeit beschäftigte, wie nahe ihm das ging und wie unwohl er sich damit fühlte. Georg kniff vorsichtig in den Oberschenkel von Thomas. „Noch da? Oder schon zuhause?“

Thomas hob Georgs Hand hoch und küsste sie. „Ich bin noch bei dir“, sagte er einfach.

Bis zum Hafen sprachen sie nicht mehr. Sie stellten das Auto ab und gingen zum Schalter. Thomas holte seine Geldbörse hervor.

„Einfache Fahrt?“, fragte der Mann am Schalter.

Thomas schüttelte den Kopf. „Kann ich schon Hin- und Rückfahrt kaufen? Ich komme in zwei Wochen zurück.“

„Kein Problem“, antwortete der Mann, und Thomas besorgte bereits beide Tickets. Georg löste sein Tagesticket, und sie gingen an Bord. Die Sonne schien vom blank geputzten Himmel, es war sehr warm. Ohne Absprache gingen sie zum Bug und suchten sich einen Platz an den Bänken. Thomas legte seine Tasche auf den Platz und ging zur Reling. Georg stellte sich neben ihn, für wenige Augenblicke hielten sie Tuchfühlung. Sie schauten sich an und Thomas deutete mit den Lippen einen Kuss an. Georg erwiderte die Geste unmerklich, dann sahen sie auf die Insel. Als die Motoren im Inneren der kleinen Fähre anfingen zu arbeiten, begann die Landschaft ganz langsam, an ihnen vorüberzuziehen. Thomas seufzte leise, und Georg klopfte ihm auf den Rücken.

„Ich hoffe, ich schaffe diese Klausuren, sonst muss ich den ganzen Scheiß im Winter noch mal machen.“ Thomas kratzte sich am Kopf.

„Na ja, gelernt hast du ja. Wird schon passen“, beruhigte ihn Georg und ging zu seinem Rucksack. Thomas überlegte, ob er Georg außerhalb seiner Wohnung überhaupt schon mal ohne Rucksack gesehen hatte, er konnte sich kaum daran erinnern. Georg holte zwei Brote und etwas zu trinken hervor und reichte Thomas eine der geklappten Schnitten. „Magst du?“

„Ja, gerne. Daran hab ich gar nicht gedacht. Au scheiße, ich hab doch die lange Zugfahrt!“ Thomas schaute genervt vor sich hin.

Georg grinste. „Nimm doch einfach den Rest mit“, sagte er und wies auf seine Tasche. „Ist noch was drin für Dich.“

Thomas schaute ihn an. „Du bist ein Schatz.“

Georg kniff die Lippen zusammen. „Ich weiß“, brummelte er verlegen. Es war genau dieser Ausdruck bei Georg, den Thomas so mochte, den er liebte.

Sie schauten weiter auf die Insel, deren östliches Ende sie nun erreicht hatten. In Fahrtrichtung konnten sie schon die Umrisse des Hafens am Festland erkennen. Aber für eine Weile waren sie nun von allen Seiten vom Meer umgeben sein. Sie setzten sich zu ihren Taschen und lehnten sich zurück, um die Frühsommersonne zu genießen.

„Wenn ich wiederkomme, erkunden wir mal die Binnenseen per Boot“, schlug Thomas vor.

„Klar“, sagte Georg. „Bis dahin ist es auch warm genug zum richtig Schwimmen und in der Sonne liegen und so.“

Thomas kicherte leise. „Auf das ‚und so’ freue ich mich besonders“, raunte er.

„Denk ich mir“, bestätigte Georg leise. „Ich mich auch.“ Er boxte Thomas schnell an die Seite des Oberschenkels.

„Und wir suchen dein großes Fernglas“, ergänzte Thomas.

Georg nickte. „Stimmt, wollten wir ja auch noch machen. Da bin ich gespannt.“

„Wird schon klappen“, meinte Thomas.

„Weist du schon genau, wann du wieder kommst?“, wollte Georg wissen.

„Nee, aber ich sag dir paar Tage vorher bescheid, sobald ich die Verbindung rausgesucht habe. Hätte ich eigentlich gestern noch machen können.“ Thomas schaute missmutig.

„Eilt ja nicht. Den Tag weiß ich ja“, gab Georg zurück.

Thomas senkte die Stimme. „Ich werd dich eh öfters anrufen.“

Georg drehte den Kopf zu ihm. „Täglich?“

„Vielleicht ...“, entgegnete Thomas vorsichtig.

„OK“, gab Georg zurück.

Thomas richtete sich ein wenig auf und guckte etwas verwirrt. „Echt?!“

„Mach doch.“ Georg ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Seine Worte waren nicht spöttisch, sondern ganz ernst und ruhig. Er meinte es ernst, das spürte Thomas.

„Gut, mache ich“, sagte Thomas.

„Sonst ruf ich dich an“, ergänzte Georg.

Thomas begriff mehr und mehr, dass es diese Momente waren, in denen Georg ihm zeigte, was er für ihn empfand.

Sie genossen noch eine Weile die Sonne, hielten die Augen geschlossen, lauschten dem gleichmäßigen Brummen des Schiffsmotors und dem Wellenschlag am Bug der kleinen Fähre. Gelegentlich stießen sie einander sacht mit dem Knie an. Eine Reihe lauter Stöße aus dem Signalhorn kündigte bald die nahe Einfahrt in den Festlandhafen an. Thomas und Georg standen auf und sahen zu, wie sich das Fährschiff allmählich dem Kai näherte.

Georg sah Thomas an. Auch wenn er es nicht so zeigte, er hatte auf die kommenden zwei Wochen auch keine große Lust. Er hatte sich an Thomas gewöhnt, besonders an das Gefühl der Nähe, an die Zärtlichkeiten und an das Gefühl, einfach nicht einsam zu sein. Da war jemand an seiner Seite, der ihn verstand. Jemand, der da war, wenn er ihn brauchte, und jemand, der auch begriff, wenn er alleine sein wollte. Georg war noch immer überrascht, wenn er sich vor Augen führte, wie schön es war, einen Menschen wie Thomas in seinem Leben bei sich zu haben, und auch bei einem Menschen wie Thomas sein zu dürfen. Und vielleicht brauchte er die kommende Unterbrechung, um den Freund zu verabschieden und in zwei Wochen einen richtigen Partner wieder zu begrüßen. Georg fürchtete sich davor, Thomas zu vermissen. Aber er wusste, dass es so sein würde. Und wenn er sich gegenüber ehrlich war, war es genau diese Erkenntnis, die er brauchte; die Tatsache, dass ihm etwas fehlte, wenn Thomas nicht da war. Besonders, seit sie ihre Krise vor zwei Wochen gemeistert hatten.

Mit einem leichten Ruck legte die Fähre an. Die Autos ließen die Motoren an und wenige Momente später bewegten sich Fahrzeuge und Fußpassagiere an Land. Zum Bahnhof brauchten sie knapp fünfzehn Minuten, ohne sich zu beeilen. Viel Zeit hatten sie aber nicht, wenn Thomas seinen Zug nicht verpassen wollte. Sie gingen zügig durch den kleinen Ort, schauten hier und da kurz in die Schaufenster, blieben aber nicht länger stehen. Je näher sie dem Bahnhof kamen, desto mehr Menschen waren um sie herum. Die nahe Abfahrt des Fernzuges machte sich bemerkbar.

Thomas kaufte sich noch ein Magazin, dann gingen sie auf den Bahnsteig. Georg sah auf die Anzeige. „In zehn Minuten geht’s los.“

Sie sahen sich an. Um sie herum verabschiedeten sich die Menschen voneinander, halfen sich gegenseitig mit Gepäckstücken, standen an Abteilfenstern, hielten sich an den Händen oder küssten sich. Thomas machte Anstalten, Georg zu umarmen. Dieser breitete die Arme aus, und sie hielten einander fest.

„Ich liebe dich“, sagte Thomas ganz leise.

Georg löste sich ein wenig und sah ihm in die Augen. Eine kleine Ewigkeit. Neben ihnen schaute ein älteres Ehepaar etwas irritiert auf die beiden jungen Männer. Thomas wurde rot. „Die Leute gucken“, raunte er.

Georg schaute das Ehepaar an. „Haben sie ein Problem?“, fragte er ruhig.

Die Frau sah beide von oben bis unten an und schaute abschätzig. Der Mann runzelte die Stirn. „Müssen sie das so zeigen, dass sie so sind?! Das ist ja nicht normal!“, blaffte er die beiden an.

Georg schaute Thomas wieder in die Augen. Er zog er ihn an sich, sah noch einmal das ältere Ehepaar an und sagte: „Ja, müssen wir.“ Er wechselte den Blick zwischen den beiden und Thomas.

„Mein Freund fährt nämlich weg und ich werde ihn sehr vermissen“, fügte er hinzu.

Er sah wieder zu Thomas, schaute ihm fest in die Augen.

„Ich liebe Dich.“ Dann küsste er ihn. Ganz sanft aber mit aller Kraft seiner Gefühle.

„Ich liebe dich, Thomas“, wiederholte Georg, nur für ihn, seinen Freund, der eine Weile fortging und der ihm sehr fehlen würde. „Sehr sogar.“ Er schlang die Arme um Thomas und hielt ihn fest. Nur zu gerne wäre er mitgefahren, und sei es, damit er Thomas jetzt nicht würde loslassen müssen; jetzt, wo er es sagen konnte, musste er Thomas gehen lassen. Wenn auch nur für zwei Wochen, aber er musste ihn gehen lassen. Er gestand sich ein, dass es ihm sehr wehtat.

„Ich liebe dich auch, Georg“, sagte Thomas und drückte Georg seinerseits ganz fest an sich.

Das Ehepaar wandte sich ab. Ein paar andere Leute guckten zu den beiden hin, manche lächelten, aber die Mehrheit war mit dem eigenen Abschied beschäftigt. Eigentlich fielen Thomas und Georg gar nicht auf, denn sie fühlten das Gleiche, wie viele andere um sie herum. Sie waren zwei Menschen von vielen, die einander nicht gehen lassen wollten, weil sie sich liebten. So einfach war das.

Irgendwann stieg Thomas in den Zug. Er stand am Fenster und reichte Georg noch einmal die Hand heraus.

„Rufst du mich heute Abend an, wenn du da bist, Schatz?“ Georg spielte mit den Fingern von Thomas’ Hand.

„Ja, auf jeden Fall.“ Thomas drückte die Hand von Georg.

„Ich mach schon mal das Boot für den See klar“, schlug Georg vor.

„Mach das!“, gab Thomas zurück.

Der Zug setzte sich in Bewegung, und ihre Hände mussten sich voneinander lösen.

„Ich freue mich auf den Sommer mit dir!“, sagte Georg noch schnell.

„Der Sommer wird klasse!“ Thomas lehnte sich ein wenig aus dem Fenster.

Sie hielten einander mit dem Blick fest, solange sie konnten.

Epilog

„Da hinten. Am Rand vom Schilf, glaube ich.“ Georg wies mit der Hand zur Uferbegrenzung.

„Sicher?“, fragte Thomas und legte seinen Rucksack auf den Holzsteg.

Georg nickte. „Ja. Ich war mit dem Boot letztes Jahr drüben an der Schutzzone und hab Nester gesucht. Irgendwie ist das Fernglas mir runter gefallen, weil ich mit dem Boot zu sehr gewackelt hab.“

Thomas sah sich um. Der Steg gehörte dem Institut und war mit einem Gittertor gesichert. Keine hundert Meter entfernt vom Steg war ein kleiner öffentlicher Badebereich mit einem Sandstrand, der gut besucht war. Zu dem Steg gehörte ein kleines Ruderboot.

„Meinst du, die Schnorchel reichen? Vielleicht brauchen wir auch richtige Taucherflaschen“, gab Thomas zu bedenken.

„Also vier bis sechs Meter schaffe ich so“, überlegte Georg und zuckte mit den Schultern. „Versuchen wir es einfach mal.“ Georg begann damit, Flossen und Rucksäcke in das Ruderboot zu legen.

Thomas zog sich das T-Shirt aus.

„Was machst du?“, wollte Georg wissen.

„Lass uns erst mal in den See springen zum Abkühlen“, schlug Thomas vor.

Georg sah ihn an. „Jetzt? Einfach so?“

„Klar“, sagte Thomas. „Und ohne Klamotten.“

Georg hob eine Augenbraue und sah zu dem belebten Strand hinüber. „Sicher?“, fragte er nach.

„Ganz sicher“, gab Thomas zurück und zog sich aus.

Georg hob die Schultern und legte auch seine Sachen ab. Nun standen sie beide auf dem Steg und sahen sich an. Thomas machte einen Schritt auf Georg zu.

Sie küssten sich, wandten sie sich dem See zu, nahmen einander an der Hand, rannten den Steg entlang und sprangen johlend ins Wasser.

Der Sommer wurde wunderschön.



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