Georg und Thomas
Am nächsten Morgen hatte Georg weiche Knie, als er in das Institut kam. Er konnte das Rad von Thomas nicht entdecken und befürchtete, dass er doch weg sei.
Professor van Bergen saß in seinem Arbeitszimmer und ging die Grafiken der letzten Wochen durch.
„Guten Morgen, Georg.“ Er strahlte.
„Guten Morgen, Ludwig.“ Georg tat sein Bestes, um gute Laune vorzutäuschen.
Ludwig sah ihn kurz an, so als würde er sehen, dass etwas nicht stimmte. Aber er überließ es scheinbar Georg, darüber zu reden, wenn er es wollte.
„Eure Daten sind ausgezeichnet, Georg. Du hast Thomas großartig eingearbeitet.“
„Wo ist er denn?“, fragte Georg beinahe geistesabwesend. „Sein Rad ist nicht da.“
Van Bergen schaute auf die Uhr. „Er ist heute sehr früh zu der Schwanenkolonie gefahren, er möchte die Paarbildung noch mal überprüfen.“
Georg fiel ein Stein vom Herzen; Thomas war noch da.
Der Professor sah ihn an. „Fahr mal zu ihm, ich glaube, er kann heute Hilfe gebrauchen.“ Ludwig klopfte Georg auf die Schulter.
Georg hatte den Eindruck, dass van Bergen mehr wusste, als er zeigte. Vielleicht würden sie irgendwann einmal mit ihm über alles reden. Aber nicht jetzt.
Georg machte sich auf den Weg. Normalerweise bräuchte er für die Strecke eine halbe Stunde. Heute wollte er schneller sein.
Trotz allem nähert er sich der Kolonie langsam und in Ruhe. Er entdeckte Thomas in dem Posten und blieb stehen. Kurz darauf sah Thomas auf und schaute herüber. Er hob nur ein wenig die Hand, damit er nicht alle Vögel sofort um sie herum aufscheuchte. Georg ging in die Hocke und kam langsam näher. Thomas sah ihm dabei zu.
„Hallo, Georg“, raunte er, als Georg in Hörweite war. Georg ließ sich in den Aussichtsposten gleiten und machte es sich bequem. Sie wechselten ein paar unsichere Blicke.
„Schön, dass du da bist. Ich hatte Angst, du würdest doch noch gehen“, sagte Georg verhalten.
Thomas rutschte ein wenig näher an Georg heran. „Ich hab doch gesagt, ich bleibe. Ich will gar nicht gehen.“ Er wagte ein unsicheres Lächeln. „Wie geht es dir?“
Georg hob die Schultern. „Ich hab kaum geschlafen. Ich bin ziemlich durcheinander.“
Thomas sagte nichts, sonder ließ ihn reden.
Georg fuhr fort: „Ich hab viele Dinge zu dir gesagt, die echt nicht OK waren.“
Thomas lehnte sich leicht kurz gegen ihn. „Ist schon vergessen, Mann. Hab ich doch schon mal gesagt, also lass es jetzt echt gut sein.“
Georg lächelte etwas verkrampft. „Danke dir.“ Er sah ihn an. „Es gibt vieles, was ich dir erzählen möchte.“
Thomas nickte. „Ja, ich hab da auch paar Sachen, die ich loswerden will.“
Vor einem Tag hätte eine solche Ankündigung für beide noch etwas Bedrohliches gehabt, aber nun war das anders. Da war Neugierde und das sichere Gefühl, dass es gut war, wenn sie miteinander über ihre Geschichten sprachen. Sie brauchten Klarheit, und das Vertrauen, welches sie nun spürten, bot ihnen die Sicherheit dafür.
Georg überlegte kurz. „Lass uns heute Abend zu mir gehen und alles mal in Ruhe bequatschen.“
„Gute Idee.“
Sie verbrachten den Tag im Schutzgebiet und erweiterten die Beobachtungen der Schwanenkolonie. Alles war anders. Eine Mauer war weg. Sie achteten weniger darauf, in dem relativ engen Aussichtsposten einen Mindestabstand zueinander einzuhalten. Und sie verbargen sich nicht mehr hinter flapsigen Bemerkungen. Ihr Umgang war achtsamer und irgendwie zarter geworden. Dennoch sprachen sie nicht viel miteinander.
Am Abend nahmen sie sich aus dem Supermarkt nur zwei Pizzen mit, die sie bei Georg sofort in den Ofen schoben. Sie duschten abwechselnd, während der jeweils andere auf das Essen achtete. Georg lieh Thomas eine Jogginghose und ein T-Shirt.
Als das Essen fertig war, nahm sich jeder einen Teller, und sie setzten sich auf das Bett einander gegenüber. Sie aßen schweigend. Später räumte Georg die Teller weg, brachte zwei Flaschen Bier, und sie setzten sich wieder einander gegenüber.
„Du zuerst oder ich?“, fragte Thomas leise.
„Mir egal“, sagte Georg. „Ich kann anfangen.“ Zum ersten Mal erzählte er jemandem ganz offen und ausführlich von Hannes. Von der Zeit in der Schule, den Zeltfreizeiten und von dem gemeinsamen Erlebnis bei der Abschlussfahrt. Er erzählte von seinen Zweifeln und Ängsten. Aber er erzählte auch davon, dass er das Erlebnis mit Hannes irgendwie genossen und es in ihm einen Stein ins Rollen gebracht hatte. „Ich kam eigentlich hier her, weil ich mal Abstand wollte von all dem. Ich möchte wissen, wer ich in Zukunft sein will“, schloss Georg.
Thomas war beeindruckt von der Offenheit. Er hatte einfach nur zugehört, nicht unterbrochen, keine Fragen gestellt, sondern war einfach nur da. Als er merkte, dass Georg ihm gesagt hatte, was er sagen wollte, nickte er kurz.
„Dann erzähle ich dir jetzt mal meine Geschichte.“ Er erzählte alles von Dieter. Ihre Unternehmungen und auch die eindeutigen Offerten, die Dieter ihm gemacht hatte. Er berichtete von seiner Angst und von seiner Lust. Und von seinem Unvermögen, sich auf Dieter einlassen zu können, obwohl etwas in ihm sich von Dieter angezogen fühlte. Thomas erzählte auch von Dieters Abschied und von dem Zettel, den er Dieter eingeworfen hatte. „Das war der Moment, in dem ich begriff, dass ich wohl schwul bin“, sagte er leise zum Ende.
Georg hob die Brauen. „Wow“, konnte er nur sagen. Beinahe synchron tranken sie einen Schluck Bier.
„Ist da wirklich was an Gefühlen für Dieter?“, fragte Georg.
Thomas sah ins Leere. „Ich kann mir mit Dieter nichts vorstellen. Er hat mir gezeigt, was ich empfinde, aber ich würde über diese Ebene mit ihm nicht rausgehen wollen.“ Er schüttelte den Kopf, machte eine Pause und dachte kurz nach. „Weißt du, was ich echt krass finde?“
„Nee, was denn?“ Georg legte den Kopf schief.
„Ich weiß gar nicht genau, wie ich’s ausdrücken soll ...“, zögerte Thomas.
„Keine Geheimnisse“, zwinkerte Georg ihm zu. „Sag’s einfach.“
Thomas druckste noch kurz rum, schließlich traute er sich aber doch. „Also ich find’s total schräg, dass du schon mal mit nem Kumpel so rumgemacht hast, aber nicht auf die Reihe bekommst, dass du vielleicht schwul bist, während ich ziemlich genau weiß, dass ich schwul bin, aber noch nie was mit nem Kerl hatte.“ Er sah Georg an. „Das ist doch schräg, oder?“
Georg presste die Lippen zusammen. „Ja, irgendwie schon“, gab er leise zurück und trank seine Flasche aus. „Was findest du an Männern geil?“, fragte er.
Thomas stutzte und riss die Augen auf. „Ach du Scheiße.“
Georg lachte. „Sorry. Ich würd’s einfach gerne wissen.“ Er lehnte sich leicht zurück und stützte sich auf seine Arme.
Thomas überlegte eine Weile. Er wagte kaum, Georg anzusehen; im Grunde hätte er ihn direkt beschreiben können. „Ich mag sportliche Typen“, begann er. „Aber keine Muskelmänner. Eher so den natürlichen Sportler. Die Haarfarbe ist fast egal ... Braun oder blond, irgendwas dazwischen. Es ist schwer zu beschreiben. Es ist eher eine Typenfrage. Der Kerl muss nett sein, gut erzogen, kein Arschloch, weist du. Humor ist wichtig.“ Kurz stockte er und sah Georg an. „Er muss zuhören können.“ Nun hatte er Georg beschrieben und hoffte, dass dieser es nicht sofort merkte.
„Hmm“, machte Georg. Er hatte ganz kurz den Eindruck, dass Thomas gerade ihn selber beschreiben hatte und schwankte zwischen Verunsicherung und sich geschmeichelt fühlen.
„Und bei dir? Hast du schon eine Sorte, auf die du stehst?“ Thomas war froh, ein wenig von sich ablenken zu können.
Georg seufzte. „Keine Geheimnisse?“
Thomas schüttelte entschieden den Kopf. „Keine Geheimnisse.“
Georg räusperte sich. „Also ich hab noch keine so klar erkennbaren Vorlieben wie du. Bis auf eine ...“
„Ich höre“, Thomas konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Ich glaub, ich stehe auf haarige Typen“, knurrte Georg und wurde knallrot. „Und etwas sportlich ist auch ganz OK“, ergänzte er hastig. Er hätte auch „so jemand wie du ungefähr“ noch dazusagen können.
Plötzlich löste sich ganz viel Anspannung, und sie mussten lachen.
„Damit wäre das ja auch geklärt.“ Thomas versuchte, so beiläufig zu klingen, wie es ihm in dem Augenblick nur möglich war.
„Ich muss mal pinkeln“, sagte Georg, stand auf und verschwand im Bad. Thomas starrte vor sich hin. Er lies die beiden Beschreibungen von vorhin noch mal innerlich an sich vorüber ziehen und kam zu dem Schluss, dass sie praktisch füreinander geschaffen waren. Beinahe zumindest. Oder kam ihm das nur so vor? Er wusste nicht, was als Nächstes passieren sollte. Aber er spürte, dass heute noch etwas geschehen würde, was ihr Beisammensein entscheidend verändern sollte.
Als Georg zurück war, stand Thomas auf, auch er musste sich des Bieres entledigen. Georg schaute ihm nach und fragte sich, inwiefern die beiden Beschreibungen vielleicht sogar völlig genau auf sie beide zutrafen.
Er schüttelte einmal mehr den Kopf und murmelte „Das ist ja echt wie in nem ganz schlechten Film. Sowas kann sich echt keiner ausdenken.“
Als Thomas zurückkam, setzte er sich nicht mehr Georg gegenüber, sonder neben ihn. Eine Zeitlang saßen sie beide so da, jeder schaute auf die eigenen Beine oder die eigenen Hände. Die Situation war geradezu grotesk, aber keiner von ihnen wusste, was er machen sollte. Nach einer gefühlten Ewigkeit trafen sich ihre Blicke.
Mit einer unsicheren Geste gab Thomas leise zu: „Ich würde mich gerne mal an dich lehnen.“
Georg nickte nur. Thomas rutschte näher heran, so dass sie Schulter an Schulter saßen. Irgendwann lehnte Thomas seinen Kopf an Georg.
Der strich ihm sachte über den Handrücken. Thomas ließ es geschehen.
„Das wollte ich längst mal machen“, gestand Georg. Thomas lächelte ihn nur an.
Wieder einmal trafen sich ihre Blicke und sie schauten sich lange an. In Ruhe. Die Augen, den Mund, das Haar; jetzt durften sie hinsehen.
„Ich würde dich gerne umarmen, glaub ich …“ Thomas schien unsicher, wie ein kleines Kind.
„Klar, gerne.“ Georgs Stimme war leise, aber sie öffnete eine Tür.
So schlossen sie die Augen, nahmen einander in den Arm und lehnten sich Wange an Wange. So blieben sie eine Zeitlang.
„Dafür, dass wir beide scheinbar davor weglaufen, gehen wir grad ganz schön ran“, bemerkte Thomas. Sie lösten sich voneinander.
„Stimmt“, entgegnete Georg. „Ist es dir zuviel? Ich weiß ehrlich gesagt grad selber nicht, was ich will. Ich bin total verwirrt irgendwie.“ Er atmete tief durch und legte sich hin.
Thomas zögerte kurz. „Ich weiß im Moment überhaupt nichts mehr“, gab er zu, während er sich neben Georg legte und dabei selber von sich überrascht war. Er rollte sich auf die Seite und stützte sich auf einen Unterarm. Mit der freien Hand zupfte kurz er an dem Aufnäher auf Georgs Sweatshirt, ließ aber dann die Hand still liegen. Georg strich ihm langsam durch die Haare auf dem Unterarm. Immer wieder und wieder.
„Ich kann dein Herz fühlen“, murmelte Thomas.
„Das möchte ich doch mal hoffen“, witzelte Georg, aber sein Lächeln schien eher verkrampft, als alles andere. Thomas legte sich richtig hin und ließ die Hand auf Georgs Brust liegen. Irgendwann hob Georg den Arm und Thomas rutschte ein wenig näher. Ganz vorsichtig. Schließlich spürte er, wie Georg seinen Arm um ihn legte und ihm mit der Hand über die Schulter strich. Ganz vorsichtig. Beide atmeten wieder tief durch.
So lagen sie lange da und fühlten die Nähe des Anderen.
Das Nächste, was Georg mitbekam, war ein leises Schnarchen. Er hob vorsichtig eine Hand und sah auf seine Uhr. Fast eine Stunde war vergangen, offenbar waren sie eingeschlafen. Genau wie der Arm, in dem er Thomas noch immer hielt. Er schaute Thomas an und sah in ein lächelndes, entspanntes Gesicht. Georg kniff ihn ganz sanft, damit Thomas einerseits mit dem Schnarchen vielleicht aufhörte und Georg andererseits seinen tauben Arm irgendwie befreien konnte. Aber Thomas brummte nur kurz vor sich hin und kuschelte sich noch näher an Georg ran, was rein räumlich betrachtet eigentlich gar nicht mehr ging. Georg drückte ihn sanft an sich und musste sich der Erkenntnis stellen, dass er es schön fand, wenn ein Mensch sich in seinem Arm so sicher und wohl fühlte. Wichtiger war aber die Tatsache, dass es Georg im Augenblick nicht störte, dass es sich bei dem Menschen um einen jungen Mann handelte. Das sollte dann wohl offenbar so sein. Georg war zwar noch weit davon entfernt, das als „normal“ zu betrachten, aber er spürte, dass er offener wurde, sich diesen Gefühlen weiter zu stellen. Das musste er für sich tun. Ein Teil in ihm wollte es aber auch für Thomas tun. Er dachte kurz an das Erlebnis mit Hannes zurück und spürte plötzlich, dass er Lust hatte, mit Thomas vielleicht mal Sex zu haben. Irgendwie jedenfalls. Der Gedanke löste eine Schrecksekunde aus. Sex. Mit einem Mann. Es würde dabei nicht darum gehen, einfach mal was auszuprobieren, wie mit Hannes. Es würde dabei um Sex gehen, um die Befriedigung einer ganz eindeutigen, auf ein Ziel gerichteten Lust. Schließlich war Thomas schwul. Georg fragte sich, ob Thomas auch mit ihm Sex haben wollte. Aber er fand es gleichzeitig auch schön, dass sie beide das offenbar nicht zwingend brauchten, um sich mit ihren Fragen auseinanderzusetzen. Es ging jetzt in diesem Moment wirklich um etwas anderes, das erkannte Georg. Schwulsein war mehr, als Sex mit einem Mann zu haben. Es ging darum, ob es schön war, einen Mann gerne zu haben, vielleicht sogar einmal einen Mann zu lieben. Es ging unter anderem darum, wie er sich jetzt gerade fühlte, wenn Thomas da lag und in seinem Arm schlief.
Zuerst musste Georg aber etwas unternehmen, um seinen Arm zu retten. So leid es ihm tat, er zog ganz langsam den Arm unter Thomas weg. Gleichzeitig drehte er sich auf die Seite zu Thomas hin und legte den anderen Arm um ihn.
Dennoch wachte Thomas auf. „Was isn?“, nuschelte er.
Georg strich ihm über den Rücken. „Nichts“, flüsterte er. „Du hast geschlafen.“
Thomas öffnete die Augen. „Wie spät ist es denn?“
„Bald elf.“ Georg streichelte ihn, beinahe unbewusst.
Thomas rieb sich die Augen. „Ach herrje“, machte er. Dann sah er Georg an und erwiderte die zärtliche Berührung, indem er Georg über die Körperseite strich.
„Das war schön gerade.“ Georgs Gesicht war ganz weich.
„Was denn?“
„Dich so schlafen zu sehen.“
Thomas strich sich durch die Haare. „Ich find es schön, so mit dir aufzuwachen.“
Georg nahm seinen Mut zusammen. „Magst du bleiben?“
Thomas wirkte unschlüssig, vielleicht auch überrascht.
„Du kannst deine eigene Decke haben. Boxershorts hab ich auch noch für dich“, schob Georg schnell nach.
Thomas dachte nach. Wollte er das? Andererseits hatte er schon hier übernachtet. Warum also nicht. Außerdem gefiel ihm der Gedanke, am Morgen mit Georg aufzuwachen. Und er war hundemüde. Die Vorstellung, jetzt nicht mehr raus zu müssen, tat den Rest.
„Ja, sehr gerne.“
„Schön“, sagte Georg. Er stand auf und holte Decke und Shorts aus dem Schrank. Danach ging er ins Bad und zog sich um. Thomas zog sich auch schnell um und legte sich hin. Als Georg aus dem Bad kam, sah er ihn an.
Georg bemerkte es. „Is was?“
„Jetzt kann ich dich endlich mal ganz offen anschauen. Ich hatte immer Angst, dass du es bemerkst und sonst was denkst. Wobei du ja recht gehabt hättest.“ Bei den letzten Worten zog Thomas die Decke über den Kopf. „Ich red’ mir einen Scheiß zusammen, das ist ja zum Kotzen.“
Georg stand vor dem Bett. „Is doch OK.“ Er kratzte sich am Kopf. „Ich weiß, dass wir uns beide angucken. So anders, meine ich. Und ich rede auch Scheiße ohne Ende.“ Er schüttelte den Kopf und stieg über Thomas auf das Bett, setzte sich hin, zog Thomas die Decke vom Kopf weg und fragte grinsend: „Gefällt dir wenigstens, was du siehst?“
Thomas war von der Frage sehr überrascht, gleichgültig, wie ernst Georg sie gemeint hatte.
„Ja, schon“, sagte er kurz und stockte. Mehr brachte er nicht heraus.
Georg zupfte ihm an den Haaren, die aus dem Shirt-Kragen rausguckten, und gab betont trocken zurück: „Geht mir auch so, du Pelztier“. Sein Unterton blieb jedoch nicht verborgen.
Thomas knuffte ihn in die Wade und sagte: “Nacktschnecke.“
Georg legte sie sich ebenfalls hin, und jeder rollte sich in seine Decke. Sie lagen zueinander gewand, und Georg löschte das Licht.
„Schlaf gut, Thomas“
„Du auch, Georg.“
Im Dunkeln fanden sich irgendwann ihre Hände, und bald schliefen sie ein.
Nach der Arbeit; Mai
Die nächsten Wochen waren abwechselungsreich. Zuerst hatte es viel geregnet, so dass sie nur wenig Zeit mit dem Beobachten verbrachten. Dafür konnten sie in ihren jeweiligen Bereichen des Geländes andere Arbeiten erledigten. Über die Osterfeiertage waren sie auf der Insel geblieben.
Thomas taten die Gelenke weh. Er hatte zwei Tage bei zwar einigermaßen warmen aber dennoch feuchtem Wetter damit verbracht, die Brutaktivitäten in der Schwanenkolonie zu dokumentieren. Er war froh, dass Freitag war.
Georg war wegen der Ausbesserungen der Aussichtsposten mit seinen Daten etwas im Verzug und tippte seit zwei Tagen. Sie hatten sich mehrere Tage kaum gesehen. Aber die Wochenenden hatten sie für sich reserviert. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, kochten gemeinsam, wanderten, gingen zum Schwimmen oder sprachen über Gott und die Welt. Meistens verbrachte Thomas am Wochenende eine oder zwei Nächte bei Georg. Ihre Nähe war intensiver geworden, aber bestimmte Grenzen hatten sie noch nicht gewagt anzutasten. Sie fühlten sich wohl miteinander, doch für Thomas war klar, dass früher oder später mehr passieren würde. Sei es von Georgs Seite aus oder von seiner eigenen. Zwar fühlte er sich körperlich von Georg angezogen, aber wie würde es sein? Konnte er sich überwinden? Was passiert, wenn Georg es nicht schaffte.
Auf dem Weg zum Institut konnte Thomas schon ein paar Einkäufe erledigen. Heute wollte er wieder kochen.
Im Treppenhaus des Institutes kam ihm der Professor entgegen.
„Hallo Thomas! Na, wie läuft’ s bei den Schwänen?“
Thomas erstattete kurz Bericht. Van Bergen war sehr zufrieden. „Wir müssen das schnellstens in Zahlen fassen und dem Ministerium schicken. Klappt das nächste Woche?“
Thomas nickte. „Schaffe ich locker. Am Mittwoch hast du die Daten auf dem Tisch, reicht das?“
Der Professor dachte kurz nach. „Wenn es Dienstag klappt, bin ich nicht böse, aber versaut euch nicht euer Wochenende.“
Thomas war erstaunt darüber, dass van Bergen so ganz prinzipiell davon ausging, dass sie beide das Wochenende gemeinsam verbrachten. Er war sich nicht sicher, ob der Professor nicht längst wusste, was sich zwischen ihnen beiden abspielte. Vielleicht strahlten sie es ja einfach aus. Jedenfalls hatte Thomas auch diesmal seine Sachen dabei, um bei Georg zu übernachten.
„OK, ich sehe, was ich schaffen kann.“
„Sehr schön.“ Van Bergen wies mit der Hand in Richtung Arbeitsraum. „Und jetzt erlös mal den Georg von seiner Tastatur, der fängt sonst an zu schielen.“
Sie wünschten sich ein schönes Wochenende.
Thomas betrat das Zimmer und sah Georg mehr oder minder verkrampft auf den Bildschirm starren.
„Grüß Dich.“ Thomas trat von hinten an ihn heran und legt ihm die Hände auf die Schultern.
„Nicht hier, bitte“, brummte Georg.
„Keine Panik, Ludwig ist durch die Tür“, beruhigte ihn Thomas. „Wie lange brauchst du noch?“
Georg seufzte. „Ich bin gleich fertig. Die Grafik stimmt zum Glück.“
„Schön.“ Thomas massierte ihm ganz gemächlich den Nacken.
Georg brummte wohlig. „Oh ja, das machst du bitte das ganze Wochenende, ja?“
„Und wer massiert mich?“, beschwerte sich Thomas.
„Na ja, mal gucken, vielleicht hab ich ja Erbarmen mit dir.“ Georg stand auf, sah kurz sicherheitshalber zur Tür und nahm Thomas in die Arme. Sie knuddelten sich kurz.
„Ich hab dich vermisst“, gab Thomas zu.
„Spinn nicht rum, wir haben uns jeden Morgen gesehen“, gab Georg zurück.
„Aber nicht so“, sagte Thomas leise.
„Stimmt.“ Er drückte Thomas noch einmal an sich und schaltete den Rechner aus.
Sie machten eine Runde durch die Räume und sicherten alles für das Wochenende. Beim Hinausgehen sah Georg in die Einkaufstüte.
„Oh, du warst schon fleißig!“ Georg freute sich.
„Ja, ich kam dran vorbei und dachte, den Weg können wir uns sparen. Außerdem wusste ich schon, was ich wollte. Heute koche ich.“
„Prima.“ Dann setzte Georg seinen Dackelblick auf. „Duuu?“; fragte er.
„Was willst du?“, fragte Thomas mit gespieltem genervtem Ton.
Georg legte Thomas einen Arm um die Schulter. „Ich hab jetzt zwei Scheißtage da drin gesessen und den Murks getippt. Ich würde heute gerne noch ne Runde joggen. Wenn ich mich nicht etwas bewege, werd ich wahnsinnig.“
Thomas guckte ihn an. „Mach das.“
Georg ließ ihn sofort los. „OK, danke!“ Er lachte und strich Thomas noch schnell über den Rücken, bevor sie das Haus verließen.
Während Georg unterwegs war, begann Thomas damit, das Abendessen zu kredenzen. Er hatte eine gute Stunde Zeit. Thomas kochte gerne und recht gut. Sagten zumindest andere. Er war so vertieft, dass er ganz überrascht war, als Georg die Tür aufschloss und neben ihm stand.
„Was gibt’s denn Leckeres?“
„Eine Pilzpfanne“, sagte Thomas und schnupperte an Georg. „Du riechst gut.“
Georg runzelte die Stirn. „Ich stinke nach Schweiß, Thomas.“
„Wie männlich“, witzelte Thomas.
Georg grinste. „Auch auf die Gefahr hin, dass du mich danach nicht mehr männlich findest, werde ich jetzt duschen.“
Thomas nickte nur.
Wenig später wallte eine Deo-Wolke durch die kleine Wohnung und Georg kam aus dem Bad.
„Gutes Timing, ich bin bald soweit mit dem Essen“, kommentierte Thomas.
„Schön.“ Georg reckte sich und es knackte hörbar. Er trug ein T-Shirt und Boxershorts. „Stört es dich, wenn ich so bleibe?“
Thomas musterte ihn. „Wenn du mit den Folgen leben kannst?“
Georg zwinkerte. „Darauf lass ich’s ankommen.“
Sekunden später hatte er einen Klaps auf sein Hinterteil bekommen.
„Das wusste ich irgendwie.“ Georg verdrehte die Augen, während er zum Fenster ging und es öffnete. Die Luft war schon mild, es wurde Frühling. Er atmete tief ein. „Das Joggen war klasse.“
Thomas schleckte einen Probierlöffel ab. „Warst du wieder im Wasser?“
Georg nickte. „Ja, kurz. Es wird langsam.“ Er sah zu Thomas und schnüffelte über der Pfanne. „Lass mal probieren, bitte.“
Thomas fütterte ihn mit einem Schluck Pilzsoße.
„Wow, lecker.“ Georg freute sich. Er nahm schon Geschirr und Besteck aus den Fächern.
„Ich muss grad an den Abend mit dem Regen denken, als wir uns hier rumgedrängelt haben.“ Er spielte auf die etwas intime Begegnung seines Hinterteils mit Georgs bestem Stück an.
Georg wurde rot. „Mann, war mir das peinlich. Scheiße, scheiße.“
„Ich fand es irgendwie witzig“. Thomas füllte die Pilzpfanne auf die beiden Teller um.
„Nein“, konterte Georg. „Das war alles, aber ganz bestimmt nicht witzig.“
„Vergessen wir’s. Guten Appetit, Essen ist fertig.“
Sie nahmen die Teller und setzten sich an den kleinen Tisch.
„Ich bin ja bei Pilzen immer skeptisch“, brummte Georg.
„Die sind aus dem Laden, frisch. Da kann nix schief gehen. Selber gesammelt würde ich sie nicht essen“, bemerkte Thomas. „Ich kann zwar Vögel unterscheiden, aber bei Pilzen hört’ s auf. Außerdem gibt’s grad eh nur welche aus der Zucht.“
„Gut zu wissen“, grinste Georg. „Schmeckt aber echt klasse.“
Thomas freute sich. „Schön. Ich hätte mich auch geärgert, wenn nicht.“
Georg hatte von seiner Jogging-Tour für jeden ein Eis mitgebracht, das sie als Nachtisch aßen. Er kümmerte sich schnell um den Abwasch.
„Kommt heute was im Fernsehen?“; frage Thomas.
„Keine Ahnung. Ansonsten such doch eine CD raus“, schlug Georg vor.
Thomas legte Musik ein, auf Fernsehen hatte er eigentlich auch gar keine Lust.
Georg kam aus der Küche. Er sah müde aus und rieb sich die Schultern.
„Komm mal her.“ Thomas winkte ihn zu sich. „Setzt dich mal vor mich, du Armer.“
Georg gehorchte einfach, und Thomas begann, ihm die Schultern wieder zu massieren.
Georg brummte wieder. „Das tut gut. Dieses Sitzen am Rechner ist echt auf die Dauer nur scheiße. Wie soll das erst werden, wenn ich meine großen Arbeiten schreiben muss.“
„Dann muss ich das öfter machen, glaube ich“, sagte Thomas schlicht.
Georg entgegnete nichts. Er lies Thomas einfach gewähren. Es tat gut. Es entspannte. Georg wurde locker.
Thomas knetete ihn gemächlich und mit Ausdauer. Er spürte, dass Georg sich entspannte. Thomas massierte ihm den Rücken hinunter bis zum unteren Ende, und wieder zurück zum Nacken. Nach und nach ließ Thomas in der Stärke der Berührung nach, bis er Georg eher streichelte, als massierte.
Georg empfand das als sehr angenehm. Er schaffte es, sich den Berührungen zu überlassen und war darüber überrascht. Innerlich zuckte er zusammen, als er spürte, dass er eine Erektion bekam. Keine Geheimnisse; er ließ es zu.
Thomas bemerkte die leichte Anspannung bei Georg und fuhr damit fort, ihm über den Rücken zu streichen. Er zeichnete die Linien von Georgs Rückenmuskeln auf dem T-Shirt nach und rutschte ein wenig näher heran. Irgendwann umarmte er Georg von hinten und zog ihn ganz zu sich, so dass Georg sich nun an ihn lehnte. Georg griff nach hinten und streichelte Thomas über den Kopf. Thomas beugte sich vor und legte seine Wange an die von Georg. Dabei sah er an ihm hinunter und entdeckte die Beule in den Shorts.
„Hoppla“, sagte Thomas leise.
„Was denn?“, fragte Georg unschuldig.
„Das da“, Thomas wies auf die Ausbuchtung.
„Ach so.“ Georg schwieg kurz. „Keine Geheimnisse“, sagte er nur. Dabei stieß er sachte mit einem Finger gegen die Ausbuchtung in seinen Shorts.
Thomas konnte den Blick nicht abwenden, und auch sein Glied wurde hart.
„Meiner auch“, flüsterte er.
„Ich merk’ s“, murmelte Georg und wandte ihm kurz den Blick zu. Dabei lächelte er zaghaft.
Sie schwiegen. Georg strich sich mit dem Finger weiter über seine Hose.
Thomas sah ihm mehr oder minder gebannt dabei zu. „Und jetzt?“
„Weiß nicht. Irgendwie hätte ich schon Lust, zu wichsen“, gab er zu. „Aber ich weiß nicht, ob ich das packe.“
Thomas’ Herz schlug ihm bis zum Hals. Er nahm all seinen Mut zusammen. „Ich würde es gerne sehen“, flüsterte er.
„Ich weiß“, gab Georg zurück. Noch zögerte er. „Was ist mit Dir?“, fragte er.
„Ich glaub, ich möchte dir erst mal nur zusehen“, sagte Thomas. „Ich weiß nicht, ob ich mich mehr traue.“
Georg fuhr zunächst damit fort, über seine ausgebeulte Shorts zu streichen. „Dann muss ich wohl den Anfang machen.“
Er knöpfte langsam die Hose auf und griff nach seinem Glied, befreite es vom Stoff der Hose und begann langsam, sich zu stimulieren.
Thomas starrte sprachlos auf das, was er sah. Er hielt Georg fest, streichelte ihm über die Brust und den Bauch. Plötzlich schob sich Georg das Shirt hoch, so dass Thomas seine Hände über die nackte Haut gleiten lassen konnte.
Georg richtete sich kurz auf und zog das Shirt aus. Nach kurzem Zögern streifte er auch noch schnell die Hose ab und war nackt. „Ganz oder gar nicht“, sagte er entschlossen. Er wandte sich zu Thomas um. „Los, du auch.“
Thomas zog auch sein Shirt aus, ließ seine Hose aber noch an. Georg strich mit einer Hand durch Thomas’ Brusthaar, bevor er sich wieder an ihn anlehnte und sich weiter seinen Penis massierte. Thomas wagte nicht, Georgs Glied zu berühren. Er sah nur zu und fuhr Georg über die Brust und über die Bauchmuskeln. Georgs Atem wurde schneller. Thomas atmete ebenfalls schneller. Die Bewegungen von Georg nahmen an Intensität zu, und er begann, leise zu stöhnen. Thomas spürte, wie er sich anspannte, und drückte ihn instinktiv an sich, als Georg auch schon in heftigen Stößen ejakulierte. Dabei spritzte ihm der Samen fast bis in sein Gesicht. Thomas hielt den langsam erschlaffenden Körper fest in den Armen und sog den sanften Schweißgeruch tief in sich ein. Dabei spielte er mit den harten Brustwarzen von Georg. Dieser schob seine Hand beiseite. „Lass bitte, das halte ich sonst nicht aus“, keuchte er, noch etwas außer Atem.
Georg lehnte sich an Thomas und schloss die Augen. “Boah, war das heftig“, stieß er leise hervor. Schließlich wandte er sich um. „Jetzt du.“ In seinen Augen brannte ein kleines Feuer. Thomas legte sich hin und streifte schnell die Hose runter. Sein Glied zuckte schon, als er es fest mit der Hand umschloss. Georg nahm ihn wieder in den Arm und begann, ihm durch die Brusthaare zu streichen. Danach nahm er sich Thomas’ Beine vor.
Thomas stimulierte sich eher verhalten, stöhnte aber schon bald auf.
„Los, gib’s ihm“, spornte Georg ihn an. Er kitzelte Thomas an den Brustwarzen, worauf dieser laut keuchend fast umgehend seinen Orgasmus bekam. Vier-, fünfmal spritzte Thomas sich sein Sperma auf den behaarten Bauch, während er erstarrte und nach Luft schnappte, bevor er beinahe benommen schnaufend zurück auf das Bett sank.
Georg sah auf den Bauch und bemerkte: „Das ging aber flott. Und es hat sich gelohnt.“
„Und wie“, hauchte Thomas, der langsam wieder zu Atmen kam. Jetzt zog er Georg an sich und sie nahmen sich in die Arme. Hände glitten über Rücken, über Beine und Arme. Berührungen, leidenschaftlich, Schweiß und Sperma mischten sich, während Georg und Thomas sich über das Bett wälzten und einander überall berührten und streichelten.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie geil du mich machst“; stöhnte Thomas.
Georg sagte nichts, sonder überließ sich diesem Erlebnis. Er wartete darauf, dass Thomas vielleicht sein Glied berühren würde, doch das taten beide nicht. Thomas überlegte kurz, ob er Georg küssen wollte, hatte aber Angst davor.
Allmählich ließ ihre Euphorie nach und sie streichelten sich langsamer, bis sie ineinander verschlungen lagen und sich in die Augen blickten. Sagen konnten sie nichts. Sie atmeten ruhig, sogen den Geruch des anderen in sich auf.
Sie schmiegten sich aneinander und spürten den nackten, verschwitzten Körper des anderen auf der Haut. Ganz langsam ließen sie die Hände weiter gegenseitig über die Körper gleiten. Ihre Blicken trafen sich wieder, und sie wussten nichts zu sagen. Aber das brauchten sie in diesem Augenblick auch nicht. Jetzt nicht mehr. Eine Weile lagen sie schweigend so beieinander.
„Was war das?“, fragte Georg leise in die Stille hinein. „Was ist hier grad passiert?“
Thomas hob den Kopf und sah ihn an. „Irgendwann musste das passieren, oder?“
Georg strich ihm scheinbar gedankenverloren über einen Arm. „Ja, ich glaube auch.“
Sie schwiegen wieder. Jeder Kommentar war unnötig. Thomas hatte Recht, mit dem was er sagte; das hier hatte passieren müssen. Es hatte passieren müssen, ab dem Augenblick, als Georg ihn gebeten hatte, nicht abzureisen. Es hatte passieren müssen, ab dem Augenblick, als Georg ihn zum ersten Mal bei sich hatte übernachten lassen. Ihre Bemerkungen, die Berührungen, die kleinen Gesten, die Blicke; es hatte passieren müssen, seit dem sie einander begegnet waren. Es zu vermeiden, hätte geheißen, zu fliehen, wieder davonzulaufen, weiter zu leugnen, weg zu schieben, die Wirklichkeit abzulehnen und eine Lüge zu leben. Es hatte passieren müssen. Seit dem Augenblick, als sie einander mit dem Rad begegnet waren und beide sich umsahen, um zu sehen, wer da gerade in des anderen Leben trat. Es hatte passieren müssen; weil es nicht vermeidbar gewesen war. Zu keiner Zeit. Denn es war gut und richtig.
Georg stützte sich auf einen Ellenbogen und begann, Thomas’ Körper zu erkunden. Mit den Fingerspitzen entdeckte er unbekanntes Terrain. So nah war er Hannes damals nie gekommen, hätte es auch nicht gewollt.
„Was war das hier?“ Er hatte eine kleine Narbe in der Seite von Thomas gefunden.
Thomas sah auf. „Da bin ich mal von nem Baumhaus gefallen und hab einen Ast mitgenommen.“
Georg berührte die Narbe sanft. Als Nächstes näherte er sich den Haaren auf der Vorderseite. Erst folgte er den Rändern des Bewuchses mit einem Finger, bevor er mit der Handfläche die gekräuselten Spitzen überstrich. Den klassischen dünnen Streifen Haare vom Bauchnabel zum Intimbereich gab es bei Thomas nicht, er war komplett bewachsen. Georg berührte sanft die Linie von Thomas’ Körpermitte, auf der die Behaarung etwas dichter stand. Endlich konnte er das, was er schon im Schwimmbad bewundert hatte, aus der Nähe erforschen.
„Ich find das total klasse“, kommentierte Georg seine Entdeckungen.
Thomas grinste nur, sagte aber nichts, sondern gab nur ein zufriedenes Geräusch von sich. Sein Glied begann sich wieder mit Blut zu füllen und wurde dicker, richtete sich aber noch nicht auf. Georg sah interessiert zu und grinste. Neben all den Haaren waren Penis und Hodensack glatt rasiert. Georg musste zugeben, dass er das sehr erotisch fand. Dann rutschte er weiter zu den Beinen und kraulte sich bis zu den Knien vor. Er fuhr mit dem Mittelfinger an der Innenseite des Schenkels entlang und beobachtete, wie sich die Hoden von Thomas abwechselnd hoben und senkten, während sich das Glied aufrichtete.
„Na, du bist aber schnell wieder dabei“, bemerkte er.
Thomas setzte sich auf. „Das ist alles deine Schuld.“ Er zog ihm den Ellenbogen weg, so dass Georg wieder lag und strich ihm über den Brustkorb, umrundete die ausgeprägte Muskulatur und küsste ihn auf beide Brustwarzen. Georg stöhnte leise.
„Das gefällt dir, wie?“ Die Frage war reine Formsache. Mit der Zungenspitze fuhr er die Körpermitte entlang, während er mit einer Hand einen Oberschenkel von Georg streichelte. Ungewollt berührte er dabei Georgs Hodensack, zuckte aber zurück.
„Schon OK“, brummte Georg mit geschlossenen Augen. Inzwischen war Thomas mit seiner Zunge im Bauchnabel angekommen. Weiter runter wollte er nicht, denn dort wäre er mit Georgs Penis kollidiert, der groß und hart auf seinem Unterbauch lag. Ihn zu berühren wagte er nicht. Als Georg es merkte, fing er an, sich selber wieder zu stimulieren. Thomas fasste sich ebenfalls an, und sie befriedigten sich ein weiteres Mal.
„Nächstes Mal mache ich es dir“, flüsterte Thomas in Georgs Ohr. „Wenn du magst“, fügte er hinzu. Er war selber überrascht, wie forsch er plötzlich war. Das neue Land machte ihn entdeckerfreudig.
Georg sah ihn an. „Ja, mal gucken“, sagte er nachdenklich und lächelte.
Er angelte sich sein T-Shirt.
„Du willst dich doch jetzt nicht anziehen“, fragte Thomas vorwurfsvoll.
„Nee, nur mal den Schnodder abwischen“, gab Georg zurück, während er Thomas ansah. „Ich bin gespannt, wie lange du brauchst, um das da alles aus deinem Pelz rauszukriegen.“ Er konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.
Thomas sah an sich hinunter. „Oh, scheiße. Ja, das wird ein Stück Arbeit.“ Er wischte schon mal das weg, was er so entfernen konnte. „Ich hab ganz schön rumgesifft.“
„Nicht du“, korrigierte Georg. „Sondern wir.“
Beide legten sie sich wieder hin, deckten sich zu, umschlangen den anderen und schmiegten sich wieder aneinander.
„Und du riechst doch einfach nur geil“, raunte Thomas.
Georg drückte in an sich und sog tief seinen Duft ein. „Du auch“, flüsterte er.
Thomas ließ seinen Handrücken über Georgs Wange gleiten. „Schlaf gut.“
Georg kraulte ihm den Kopf. „Ja. Du auch.“
Thomas griff zur Lampe und schaltete sie aus.
Die Dunkelheit umschlang sie in wohliger Wärme. Alles war anders. Mit einem geradezu gewaltigen Schlag. Georg strich Thomas über Rücken. Das alles war so plötzlich gekommen, dass er gar nicht wusste, was eigentlich passiert war. Fest stand nur, dass er sich gut damit fühlte. Also konnte das, was passierte und passiert war, nicht schlecht sein.
Thomas schmiegt sich an Georg, als er dessen Streicheln spürte. Er hatte keine Angst mehr.
Heute Nacht reichte eine Decke für sie beide völlig aus.
Danach, Teil 2
Georg wurde wach, weil er zur Toilette musste. Draußen überzog ein sanfter Streifen von Gold den östlichen Horizont. Vorsichtig schälte er sich aus der Decke. Thomas machte ein paar undefinierbare Geräusche, schien aber weiter zu schlafen.
Nachdem Georg im Bad gewesen war, stellte er sich an das Fenster und sah dem neuen Tag entgegen. Dann wandte er kurz den Blick auf das Bett und auf Thomas, der dort lag, in die Decke gehüllt, aber dennoch nackt. Georg sah an sich hinunter, auch er war nackt. Thomas’ Duft hing an ihm, er konnte den anderen Mann an sich selber riechen und fast schmecken. Wenn er die Augen schloss, spürte er die Umarmungen und Berührungen von Thomas. Er schaute wieder aus dem Fenster.
Plötzlich war es ihm peinlich, dass er in Thomas’ Gegenwart onaniert hatte. Georg verstand das Gefühl nicht. Er dachte eine Weile darüber nach. War es wirklich das, worauf sie in den letzten Wochen hin gesteuert hatten? War es das, was er bewusst oder unbewusst gewollt hatte? Oder was sie beide gewollt hatten?
Nun schaute er wieder zu Thomas. Ein merkwürdiges Gefühl, gestand er sich ein. Da lag ein Mann. Nackt. Georg wusste nicht, ob er das, was sie erlebt hatten, als Sex bezeichnen sollte. Eigentlich hatten sie beide sich einfach zweimal selber befriedigt. Jeder für sich. Dass sie einander dabei gestreichelt hatten, war ... Georg kam in seinen Überlegungen nicht weiter, hatte das Gefühl, sich im Kreis zu drehen. Er überlegte, was er dabei empfand, wenn er Thomas dort jetzt so liegen sah; auf dem Rücken, die Decke bedeckte halb die Brust, ein Bein war zu sehen. Georg fand dieses Bild sehr schön. Ein ästhetischer Mann in einer ästhetischen Pose. Ein schönes Bild. Ein sinnliches Bild. Ein erotisches Bild. Ein erregendes Bild, gestand er sich ein. Georg erinnerte sich an die Nähe und an die Wärme, die er gestern Abend gefühlt hatte. Der Gedanke an die zärtlichen Berührungen von Thomas ließen einen wohligen Schauer über seinen Rücken gleiten. Georg hatte sich wohl gefühlt. Geborgen und gleichzeitig auch stark, als er Thomas in seinen Armen hielt. Er spürte, dass er Thomas gerne in seinen Armen hielt und auch gerne sich von ihm halten ließ. Auch wenn er es sich nur schwer eingestehen konnte; Georg fühlte sich wirklich zu Thomas hingezogen. Nicht, dass er sich das vorher nicht auch schon gedacht hatte, aber jetzt, wo er die Nähe kannte, manifestierte sich das Gefühl in einer ganz neuen Form. Es war da. Das konnte Georg nicht mehr leugnen. Georg spürte, dass alles, was letzte Nacht beinahe wie im Rausch geschehen war, nun eine andere Qualität bekam. Den Kopf hatte er sich zermartert, über Wochen und Monate. Aber es war keine Frage des Verstandes mehr. Georg fühlte. Und er spürte, dass er sich in diesen Gefühlen wohl fühlen konnte. Vielleicht nicht sofort mit Haut und Haaren, aber er fühlte sich sicherer.
Ein unsicheres Lächeln spielte in seinen Mundwinkeln, als er noch einmal aus dem Fenster blickte und murmelte: „Ich glaube, ich bin schwul.“
Er ging zurück zum Bett und versuchte, Thomas ein wenig von der Decke abzuluchsen. Dieser knurrte nur vor sich hin und wandte Georg den Rücken zu. Georg überlegte kurz, legt dann einen Arm um Thomas und schmiegte sich mit seiner Vorderseite an dessen Rücken. Als er merkte, dass er mit seinem Glied unweigerlich Thomas’ Hinterteil berühren würde, zögerte er. „Was soll’s“, brummte Georg und machte es sich bequem. Seine Hand begann, ganz sanft, den Bauch und die Brust von Thomas zu streicheln. Wecken wollte er ihn aber nicht. Er wurde wieder müde und hörte irgendwann mit dem Streicheln auf.
„Weitermachen“, raunte Thomas, drehte sich auf den Rücken und wandte den Kopf zu Georg, die Augen ließ er aber noch geschlossen. „Das ist schön, was du da machst“, murmelte er verschlafen.
Georg sagte nichts, sondern nahm seine Tätigkeit wieder auf. Aber sie schliefen beide noch einmal ein.
Als Thomas erwachte, hielt er Georg in seinem Arm. Georg hatte sich an ihn gekuschelt und schnarchte leise. Thomas schmiegte sich an ihn und genoss die wohlige Nähe und den Frieden, die von Georgs gleichmäßigen Lauten und Atembewegungen ausgingen. Georgs Körper war warm und strahlte eine geradezu magische, schlummernde Kraft aus, die Thomas als sehr sinnlich empfand. Haut auf Haut, aber bei aller Kraft nicht hart, sondern weich und in der Ruhe sogar verletzlich. Thomas erinnerte sich an die Erlebnisse von gestern Abend und der Nacht. Es fühlte sich gut an. Thomas spürte etwas, was er bald als Dankbarkeit bezeichnete. Obgleich er hergekommen war, um die Erkenntnisse um sein Schwulsein hinter sich zu lassen, hatte er hier etwas Besonderes gefunden.
Plötzlich musste er an Dieter denken. Warum nicht schon mit ihm, schoss es ihm durch den Kopf. Gleichzeitig wurde ihm aber auch klar, dass er das von oder mit Dieter gar nicht gewollte hatte. Ja, die Versuchung war da gewesen, aber wirklich bereit war Thomas nicht gewesen. Andererseits war das aber doch noch gar nicht so lange her. Thomas wunderte sich über seine eigene Veränderung. Er überlegte, was in den letzten Wochen alles passiert war. Er konnte es bald auf einen Nenner bringen. Georg war passiert. Und Thomas bekam einen riesigen Schrecken, als ihm klar wurde, dass er drauf und dran war, sich zum ersten Mal wirklich richtig in einen Mann zu verlieben. In jenen, den er im Arm hielt. Er überlegte, was sie gestern Abend und in der Nacht erlebt hatten und musste sich eingestehen, dass dies für ihn erst einen Anfang darstellte. Die Angst von einst war weg. Zerflossen in ihrem Schweiß, fortgespült und in ihrer beider Hitze verdampft. Thomas spürte, dass ein Knoten in ihm geplatzt war. Eine Last war abgefallen. Er konnte es für sich nicht genau in Worte fassen, aber es war, als wäre er entfesselt worden. Thomas dachte an die Schwäne, die er in den letzten Wochen beobachtet hatte. Er dachte daran, wie es war, wenn sie zum Flug aufbrachen. Diese großen, schweren Tiere überwanden die Erdanziehung und erhoben sich kraftvoll in die Luft, getragen mit einer ihnen von der Natur gegebenen Selbstverständlichkeit. Das kam dem, was Thomas empfand schon recht nahe. Er fühlte sich stark und vor allem frei. Wie vor paar Wochen am Wasser.
Mit diesem Gefühl döste er vor sich hin. Draußen war es mittlerweile hell. Aber für einen Samstagmorgen war es noch zu früh zum Aufstehen. Jedoch hatte Thomas Hunger. Kein Wunder, dachte er; die Nacht hatte Energie gekostet. Er grinste verschmitzt. Dann knurrte sein Magen. Georg, dessen Ohr an Thomas’ Oberkörper lag, wurde davon wach.
Er hob ein wenig den Kopf und blinzelte vorsichtig. „Was zur Hölle war das grad?“
Thomas wuschelte ihm sanft durch die Haare. „Ich hab ein wenig Hunger“, untertrieb er.
„Das war dein Magen?“, knurrte Georg ungläubig.
„Ich fürchte, ja“, gab Thomas kleinlaut zu.
Georg lehnte den Kopf wieder an Thomas’ Oberkörper. „Warne mich bitte nächstes Mal vor, sonst bin ich nachher taub.“ Er kraulte ihm durch das Brusthaar.
Thomas streichelte Georg über den Rücken, bremste sich aber, als er an den Lendenwirbeln angekommen war. Sie schwiegen eine Weile.
„Alles klar mit dir?“, unterbrach Thomas leise die Stille.
Georg atmete einmal tief, kraulte Thomas aber weiter. „Kann ich gar nicht so genau sagen.“ Er hob er den Kopf, stützte sich mit dem Kinn auf Thomas ab und sah ihm ins Gesicht. „Jedenfalls fühle ich mich nicht schlecht.“
„Das freut mich.“ Thomas strich ihm über den Kopf.
„Und du?“, wollte Georg wissen.
„Ich find das richtig schön mit dir. Ich weiß nicht, ob ich mir das so vorgestellt hab, aber es ist mir auch egal. Ich finde es schön so, wie es ist.“ Thomas wollte gar nicht so viele Worte um das machen, was sie erlebten.
Georg nickte vorsichtig, er wollte Thomas mit seinem Kinn nicht wehtun. „Ich muss das alles erstmal sacken lassen. Aber es fühlt sich gut an.“ Er legte den Kopf wieder auf Thomas’ Brust und schlang die Arme um ihn. „Du fühlst dich gut an.“
Thomas fuhr mit beiden Händen Georgs Rücken entlang. „Du dich auch.“ Diesmal traute er sich, mit den Fingerspitzen den oberen Ansatz der Gesäßmuskeln von Georg zu berühren. Aber nur kurz, dann zog er sich zurück. Dennoch spürte er an seinem Oberschenkel, dass Georgs Glied steif zu werden begann. Er sagte aber nichts. Georg schmiegte sich an ihn. Thomas rollte sich auf die Seite, zog Georg an sich und rollte sich zurück auf den Rücken, so dass Georg nun auf ihm lag. Dabei nahm er Georgs steifen Penis zwischen seine Beine, so dass der Schaft an seinem eigenen Hodensack lag, während die Eichel fast zwischen seinen Pobacken rieb.
Georg sah ihn an. „Ich rutsch da aber jetzt nicht hinten rein bei dir, oder?“
Thomas schüttelte den Kopf. „So lang is deiner nun auch nicht.“
Georg stemmte sich auf die Arme hoch, so dass Thomas sein eigenes Glied sich auf den Unterbauch legen konnte, ließ sich wieder auf ihm nieder und fühlte dessen harten Penis an seinem Bauch. Sie schmiegten sich Wange an Wange aneinander und schlangen die Arme umeinander, bewegten sich nur ganz sanft und genossen die Nähe. Sie spürten beide die Erregung des Anderen. Viel näher konnten sie einander nicht kommen. Georg spannte immer wieder die Gesäßmuskeln an, wodurch er sein Glied ganz wenig zwischen Thomas Schenkeln hin und her bewegte. Mit seiner Eichel stieß er dabei gegen Thomas’ Damm. Sie schwitzten beide, so dass es zwischen ihnen immer feuchter und rutschiger wurde. Thomas rieb seinen Penis ganz langsam zwischen ihren Körpern und fühlte die Lust in sich aufsteigen. Obwohl sie sich nur wenig bewegten, würde er bald zum Höhepunkt kommen. Plötzlich hörte Georg mit den Bewegungen auf. Und lag schwer auf Thomas.
„Schon fertig?“, keuchte Thomas.
„Das gibt nichts“, entgegnete Georg. Er sah Thomas in die Augen. „Es geht nicht. Das ist mir im Moment zu viel.“ Er zögerte kurz. „Tut mir leid.“
Thomas klopfte ihm auf den Rücken. „Das ist OK. Muss dir nicht leidtun.“
Georg rollte sich von ihm hinunter und legte sich auf den Rücken. „Scheiße“, murmelte er.
Thomas setzte sich auf und sah Georg an. „Ist schon gut.“
Georg hatte einen Arm auf seine Augen gelegt, hob ihn jetzt aber und schaute zu Thomas hoch.
„Verstehst du, was in mir vorgeht?“, fragte Georg.
„Ich glaube schon.“ Kurzes Schweigen. „Ich meine, für mich ist das auch alles ganz neu. Diese Nähe und so. Das hast Du schon mal erlebt, wenn auch nicht ganz so intensiv.“
Georg hörte nur zu.
Thomas fuhr fort. „Ich fühl mich irgendwie von all dem einerseits fast überrollt, aber anderseits ist es so, wie wenn man was Neues entdeckt und alles ganz genau wissen will. Am liebsten sofort und am liebsten alles. Verstehst du, was ich meine?“; er hatte das Gefühl, fürchterlich wirres Zeug zu reden.
Georg nickte. „Ich weiß, was du meinst. Glaub ich. Wie früher zu Weihnachten. Man hat was Neues bekommen und spielt tagelang nur damit und mit nichts anderem mehr.“
„Genau“, bestätigte Thomas. „Das trifft es.“ Er zuckte unsicher mit den Schultern.
Georg setzte sich auf und lehnte sich an Thomas. „Das mit dem überrollt werden trifft es sehr gut, so etwa fühle ich mich. Ich glaube, ich bin noch nicht so weit wie du.“
„Das kann sein“, entgegnete Thomas. Er strich Georg noch einmal durch die Haare. „Mach dir keinen Kopf darum, Georg.“
Thomas’ Magen knurrte wieder. „Lass uns frühstücken“; kommentierte er dieses Signal seines Körpers.
Georg nickte. „Ich kann Brötchen aufbacken. Wenn du willst, kannst du schon duschen, ich mach derweil das Frühstück.“
„OK.“ Thomas stand auf und ging zum Bad.
„Thomas?“, Georg sah zu ihm.
„Ja?“, wandte dieser sich um.
„Danke, dass du es verstehst“, sagte Georg einfach.
Thomas lächelte. „Is’ schon OK.“
Georg stand auf und kümmerte sich um das Frühstück.
Wochenende
Als Thomas aus dem Bad kam, war der kleine Tisch gedeckt und die Wohnung duftete nach den Brötchen im Ofen. Außerdem hatte Georg das Fenster geöffnet und ließ den morgendlichen Frühlingswind des Meeres hineinströmen.
Thomas holte aus seinem Tagesrucksack frische Unterwäsche und zog sich an. Georg wies auf den Ofen. „Die müssten in paar Minuten fertig sein. Ich dusch mich schnell auch noch, OK?“
„Ist gut, ich kümmere mich drum“, gab Thomas zurück. Er sah Georg an. „Das ist das erste Mal, dass du so ganz ohne Klamotten in der Bude rumläufst.“
Georg schaute zögernd an sich hinunter. „Falsch“, korrigierte er. „Das ist das erste Mal, dass ich nackt in dieser Wohnung rumlaufe, während ich jemanden hier habe. Sonst hab ich fast nie was an, wenn ich zuhause bin. Außer im Winter.“
„Schöne Vorstellung“, feixte Thomas und Georg verschwand im Bad.
Thomas ging zum Fenster und ließ sich den Küstenwind um die Nase wehen. Warm war es. Zumindest für die hiesigen Verhältnisse. Der Frühling war eindeutig da. Zum Joggen konnte er jetzt schon mal eine kurze Hose anziehen, überlegte er. Und die Zeiten im Aussichtsposten würden wohl bald auch etwas gemütlicher sein. Er freute sich sehr auf die kommenden Monate.
Inzwischen konnte er die Brötchen aus dem Ofen holen und stellte sie in einem Korb auf den Tisch. Wenig später kam Georg aus dem Bad und zog sich an. Thomas sagte nichts dazu, gönnte es sich jedoch, das ein wenig schade zu finden. Aber er selber hatte sich auch, einer inneren Gewohnheit folgend, etwas angezogen. Und er fand es plötzlich total albern, an dieses Thema jetzt so viele Gedanken zu verschwenden.
Sie gönnten sich ein langes und ruhiges Frühstück. Dabei stellten sie ein paar Überlegungen an, wie sie den Tag verbringen könnten. Thomas freute sich, dass Georg scheinbar nicht auf die Idee kam, alleine sein zu wollen. Sie entschieden sich für ein besonderes Vorhaben; sie wollten die Insel zu Fuß umwandern, möglichst immer am Strand entlang.
„Wir werden mit Pausen gute sechs Stunden brauchen, eher etwas mehr“, überlegte Georg. „Danach sind wir platt wie die Flundern.“
„Macht nix, wir haben ja morgen noch frei“, bemerkte Thomas.
„Eben“, gab Georg zurück. „Musst du noch Lebensmittel einkaufen? Das sollten wir nämlich vorher noch machen.“
Thomas überlegte, was er noch alles hatte. Im Grunde waren seine Vorräte gut gefüllt, schlecht wurde auch nichts. Er brauchte vielleicht Brot; das hing aber davon ab, wo er morgen früh sein würde.
Er sah Georg an. „Wo frühstücke ich denn morgen?“, fragte er vorsichtig.
Georg zuckte mit den Schultern, sah ihn aber nicht an.
Thomas fuhr fort: „Wenn du deine Ruhe haben willst, sag’s einfach, ich muss es halt nur wissen.“
Georg nickte, vermied es aber, Thomas anzusehen. „Ehrlich gesagt, weiß ich das nicht genau. Mal wieder.“ Er konnte sich ein schiefes Grinsen nicht verkneifen. „Müssen wir das jetzt entscheiden?“
Thomas überlegte kurz. „Nein. Ich hab auch noch Müsli zum Frühstück, falls mir das Brot ausgeht. Ist schon OK. Ich brauche nicht einkaufen. So oder so.“
Sie stellten sich ihre Tagesvorräte zusammen und packten die Rucksäcke für die Wanderung. Wenig später machten sie sich auf den Weg.
Die Sonne war mittlerweile wirklich recht kräftig. An windgeschützten Stellen war es beinahe schon richtig warm, wenn auch der Sand sich am Tag noch nicht sonderlich aufheizte. Schnell baumelten die Schuhe an den Rucksäcken, die Hosen waren hochgekrempelt und sie gingen mit bloßen Füßen den scheinbar endlosen Strand entlang. Selten kamen ihnen Menschen entgegen. Ein paar Insulaner, kaum Touristen. Meistens waren sie alleine. Sie sprachen eine Zeit lang nur wenig. Am frühen Nachmittag gelangten sie an einen felsigen Teil des Inselsaumes.
„Lass uns da mal hingehen“, schlug Georg vor. „Da können wir ne Pause einlegen.“
„Gute Idee“, stimmte Thomas zu.
Georg führte sie zu einem Platz, der von fast allen Seiten von meterhohen Felsen umgeben war. Nur zur Seeseite hin öffnete sich die Formation. Hier war es windstill und die hellen Steinflächen reflektierten das Sonnenlicht. Georg breitete seine Jacke aus und setzte sich hin, Thomas folgte seinem Beispiel.
„Jetzt probier ich mal was aus.“ Georg zog sich Pullover und T-Shirt über den Kopf und befreite seinen Oberkörper von den Kleidungsstücken. „Mal gucken, ob man das schon aushält.“
Thomas fing an, bei dem Anblick ein wenig zu frösteln. „Na, ich weiß nicht.“
„Memme“, lachte Georg und öffnete seinen Rucksack.
Das konnte Thomas nicht auf sich sitzen lassen; er zog sich auch den Pullover und sein T-Shirt aus. Sie breiteten ihren Proviant aus, stärkten sich und genossen die warme Sonne.
„Das ist toll hier“, bemerkte Thomas etwas undeutlich, während er kaute.
„Im letzten Sommer war ich oft hier“, sagte Georg. „Man kann noch etwas weiter rein gehen, sieht man einen vom Strand nicht direkt. Allerdings sieht man von dort auch das Meer nicht mehr.“ Wohl wissend, was er vielleicht anrichtete, fügte er hinzu: „Da hinten kann man schrecklich ungehörige Dinge machen.“
Thomas guckte in die entsprechende Richtung und kaute weiter. „Hätte ich auch nichts gegen einzuwenden“, fügte er hinzu.
„Kann es sein, das du ein klein wenig notgeil bist“, stichelte Georg.
„Total“, brummte Thomas. “Hast du das etwa noch nicht bemerkt?”
„Nee, gar nicht. Wäre mir so jetzt auch nicht aufgefallen.“ Georg zwinkerte neckisch.
Thomas hielt seinen Blick mit den Augen fest und wies fragend mit dem Kopf in Richtung der weiter abgelegenen Stelle.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst.“ Georg lies das Brot in seiner Hand sinken.
Thomas rempelte ihn leicht an. „Doch klar. Los.“
Georg kaute weiter und nahm den nächsten Bissen. „Nöö. Lass mal.”
Thomas schien enttäuscht.
Georg lachte kurz. „Erst ist es dir zu kalt, um überhaupt den Pulli und das Hemd auszuziehen, und jetzt willst du hier rummachen.“
Thomas sah langsam ein, dass es wohl gerade keinen Sinn hatte.
Georg stellte den Becher ab und kraulte Thomas kurz an der Brust. Dabei sah er ihn ruhig und ernst an. „Ich weiß. Aber ich schaff das noch nicht so ...“, er machte eine umgreifende Geste, „... so öffentlich. Ich hab hier zwar schon nackt rum gelegen, aber mehr muss ich hier echt nicht machen, glaube ich.“ Er merkte, dass diese Argumente nicht wirklich greifen konnten, zumal jetzt kaum Menschen hier unterwegs waren. Georg stockte und brachte seine Gefühle dann auf einen Nenner. „Ich bin dafür echt nicht locker genug.“
Thomas nickte. „Tut mir leid. Ich wollte dich nicht bedrängen.“ Er starrte vor sich hin. „Ich bin ein ganz schöner Blödmann“, fügte er hinzu.
„Warum?“, wollte Georg wissen und runzelte die Stirn.
„War ne blöde Idee, hast ja Recht.“ Thomas trat in den Sand.
Georg stieß ihm leicht in die Seite. „Red’ keinen Scheiß.“ Er grinste hintergründig. „Es ist nicht so, dass ich überhaupt keinen Bock hätte. Ich trau mich nur einfach nicht.“
„Echt?“ Thomas konnte fast nicht glauben, was er gerade gehört hatte.
„Nee“, machte Georg und schaute sich peinlich berührt um.
Jetzt mussten beide lachen.
„Solange du damit zuhause kein Problem hast“, frotzelte Thomas.
Georg fing an, die Sachen zusammenzuräumen. „Ich verlasse mich da auf deine Unterstützung“, sagte er.
„Du bist fies, du weist genau, dass mich solche Sprüche noch geiler machen.“ Thomas trank seinen Becher leer und verstaute die Brotdose im Rucksack.
„Muss sich doch lohnen“, grinste Georg und zog sich Hemd und Pullover an. Bevor Thomas sein Hemd anziehen konnte, kraulte Georg ihn noch einmal schnell am Bauch. Er hatte kurz den Impuls, auf die kleine Beule im Schritt zu tätscheln, ließ es aber sein, auch wenn grad niemand weit und breit zu sehen war.
„Und ich finde, du drehst ganz schön auf. Von dem schüchternen Kerl ist nicht mehr viel übrig, wenn ich das mal bemerken darf.“ Georg hob die Jacke hoch und klopfte den Sand ab.
Thomas sah in an, beinahe wie ein kleines Kind, das beim Naschen erwischt worden war.
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist, wenn ich ehrlich bin. Ich merke das auch irgendwie, aber ich kann es nicht bremsen.“ Thomas sah beschämt zur Seite.
„Das muss dir nicht peinlich sein. Mir ist es nur aufgefallen“, gab Georg zurück.
„Wenn ich dich überrenne, sag es bitte“, bat Thomas.
„Passt schon. Ich kann mich ja wehren.“ Georg zwinkerte aufmunternd. Wenig später verließen sie ihren Lagerplatz und setzen ihren Weg am Strand fort.
„Magst du nachher noch schnell ins Wasser springen?“, fragte Georg.
„Wenn wir noch so eine geschützte Ecke zum Ausziehen finden“, gab Thomas zurück.
Georg sah ihn ungläubig an und lies die Hände sinken. „Das darf ja wohl nicht wahr sein.“
„Was denn?“ Thomas nahm seinen Rucksack auf den Rücken.
„Du willst in den Felsen gemütlich rummachen, aber traust dich nicht, dich mal eben am Strand auszuziehen und in Wasser zu steigen?!“ Georg hatte Schwierigkeiten, das zu verstehen.
Thomas hob die Schultern. „Da sind Leute am Strand, da zieh ich mich nicht aus. Zwischen den Felsen sieht keiner, was los ist. Ich weiß, das ist saublöd ...“ Wirklich glücklich war Thomas mit der Erklärung auch nicht, er hatte sich schließlich schon am Strand ausgezogen und war im Wasser. Das hatte er Georg nicht erzählt. Aber darum ging es nicht. Er war vor paar Wochen alleine gewesen. Jetzt war Georg mit dabei.
„Is ja OK“, beschwichtigte ihn Georg. „müssen wir uns halt was in den Felsen suchen und uns dort ausziehen.“ Georg musste lachen. „Und du bekommst dabei sicher ne Latte und traust dich nicht raus.“
„Du bist doof“. Thomas trat ihm mit dem Knie leicht in den Hintern.
Georg machte einen Hüpfer. „Ich mag dich auch“, sagte er, ohne Thomas anzusehen.
„Heute Abend küsse ich dich“, drohte Thomas.
Georg sah ihn an und schluckte betont geschockt. „Ach du Schande!“
Thomas legte ihm kurz eine Hand auf die Schulter, als sie weitergingen. „Ich mag dich nämlich auch.“
Sie gingen weiter den Strand entlang und genossen die klare Luft und die ersten wärmeren Strahlen der Sonne. Eine Weile unterhielten sie sich über die noch anstehende Arbeit im Naturschutzgebiet. Ab und zu hielten sie inne, wenn Vögelschwärme über ihnen kreisten oder in Formation dahin zogen. Der Vogelzug war fast beendet.
„Wunderschön“, sagte Thomas. „Ich hab früher oft am Fenster gestanden und ihnen zugesehen, wenn sie über die Stadt zogen. Im Frühjahr hab ich dann immer gewusst, dass der Winter vorbei ist.“ In seiner Stimme lag Sehnsucht. Plötzlich schien er ganz weit weg zu sein. „Wenn es soweit war, hat Mutter immer angefangen, den Garten vorzubereiten. Vater hat die Fassade des Hauses gereinigt. Meine Geschwister und ich haben alle unsere kleinen Aufgaben bekommen. Wenig später war der Frühling richtig schön da, und alles war sauber und glänzte.“ Er schmunzelte.
Georg hörte zu. Er war etwas verwirrt und wusste nicht, was Thomas ihm eigentlich erzählen wollte.
Thomas erschien seltsam abwesend und fuhr fort. „Die wissen alle nichts von Dieter.“ Er versenkte die Hände in die Taschen und drehte den Kopf zu Georg. „Die wissen alle nicht, dass ich schwul bin.“
Georg hatte keine Ahnung, was er jetzt sagen sollte.
„Und?“, entgegnete er hilflos. Blöde Frage, dachte er, aber ihm fiel nichts ein.
Thomas zuckte mit den Schultern, und sie nahmen das Gehen wieder auf. „Keine Ahnung“, entgegnete er.
Georg glaubte, in seiner Stimme so etwas wie Resignation zu hören.
„Ich werde wohl nicht drum herumkommen, es ihnen mal zu sagen. Allein schon, wenn ich keine neue Freundin mehr mitbringe“, ergänzte Thomas.
Georg sah in dieser Bemerkung eine gute Gelegenheit, das Thema auf etwas anderes zu lenken.
„Wie war das denn, als du ne Freundin hattest?“ Er schaute vor sich in den Sand, während sie weitergingen.
„Na ja“, begann Thomas, „ging so. Wir waren halt zusammen, Anna und ich. Alle fanden es gut.“
„Und?“ Georg wollte mehr wissen.
„Was, und?“ Entweder stand Thomas auf dem Schlauch oder er wollte nicht drüber reden.
Georg entschied sich, konkrete Fragen zu stellen. „Wie war’s für dich mit ner Frau im Bett? Also, ich meine ..., also ihr habt doch ...“ Mann, war ihm das jetzt peinlich.
Thomas schien aus einer Lethargie aufzuwachen. „Ach so! Tschuldigung, ich war grad echt nicht dabei.“ Er schüttelte leicht den Kopf, als wolle er wach werden. „Ging so. Ich mochte es nicht, ich fand das immer irgendwie abstoßend. Es war komisch. Fremdartig, meine ich. Ich hab’s mir lieber alleine selber gemacht, als mit ihr zu schlafen.“
Georg nickte langsam. „Kenne ich“, entgegnete er, „aber ich hab das erst gehabt, nachdem ich das mit Hannes erlebt hatte. Bis dahin hat mir der Sex mit Frauen eigentlich Spaß gemacht.“
„Danach nicht mehr?“ Thomas war verblüfft.
„Nee, nicht so. Das mit Hannes hat mich echt komplett aus der Bahn geworfen. Ich hab mich kurz danach von Sonja getrennt, weil ich nicht mehr richtig zu der ganzen Sache stehen konnte.“
Thomas wurde bewusst, dass sie bisher immer nur über ihre homoerotischen Erfahrungen oder Vorstellungen gesprochen hatten, jedoch nie über ihre Einstellungen zu Frauen.
„Jetzt verstehe ich noch mehr, dass es für dich schwierig ist“, bemerkte Thomas. „Das war mir gar nicht so klar.“ Er fühlte sich beinahe schuldig. „Hast du dich von mir schon mal bedrängt gefühlt?“, wollte er wissen.
Georg dachte nach. „Nein“, antwortete er. „Dafür hab ich mich selber viel zu sehr mit dir beschäftigt. Ich hätte dir ja sagen können, dass ich diese ganzen Berührungen nicht will, und so. Ich hätte diese ganzen Sprüche nicht mitmachen brauchen. Ich glaub sogar, dass ich es mit provoziert habe.“ Er war selber überrascht, sich das sagen zu hören.
„Da bin ich ja beruhigt.“ Thomas atmete auf.
Georg fügte hinzu: „Ich bin ehrlich zu dir, Thomas. Was wir gerade erleben, hilft mir, mit mir selber klarzukommen. Aber glaub bitte nicht, dass ich dich benutze oder so. Es klingt vielleicht egoistisch, aber ich meine es nicht so.“
Thomas legte ihm die Hand auf den Rücken. „Das würde ich von dir nicht denken, Georg. Im Grunde geht es mir ja ähnlich. Ich entdecke ja auch gerade ganz viel Neues. Und ich hab irgendwie das Gefühl, dass du mir voraus bist.“
Ein Grinsen flog über Georgs Gesicht. „Stimmt. Die Aktion mit Hannes.“
Aber er wurde schnell wieder ernst. „Ansonsten glaube ich das nicht. Ich könnte noch niemandem ins Gesicht sagen, dass ich schwul bin. Ich fange ja gerade erst an, mir das selber zuzugestehen.“
„Ich helfe dir gerne weiter“, grinste Thomas vielsagend. Sie blieben stehen.
„Glaub ich dir.“ Georg strich ihm über den Kopf.
Nun sah er sich um und zog sich den Rucksack aus. „Ich geh jetzt mal ins Wasser.“
„Hier?!“ Thomas sah sich suchend nach Felsen um, konnte aber keine entdecken. Der Strand maß etwa vierzig Meter und war von Dünen gesäumt.
„Klar. Es ist kein Mensch hier, uns schaut niemand zu. Komm, das schaffst du.“ Georg versetzte Thomas einen aufmunternden Klaps auf den Rücken. „Hier kann passieren, was will, kriegt eh keiner mit“, setzte er nach und begann damit, sich auszuziehen. Schuhe hatten sie sowieso keine an, die hingen schon am Rucksack. Pullover, T-Shirt, Hose und Unterhose in einem Rutsch.
„Los, mach schon!“ Er nahm Thomas den Rucksack ab.
Thomas warf alle Sorgen über Bord und zog sich ebenfalls aus. Als er auch nackt war, gab ihm Georg einen kleinen Stoß in Richtung Wasser. „Los geht’s!“, rief er und rannte in die friedlichen Wellen. Thomas lief hinterher, schrie auf, als er in das immer noch eiskalte Wasser kam, ignorierte es aber und folgte Georg mit lautem Gejohle. Schnell hatte er Georg eingeholt und sie spritzten sich gegenseitig nass. Zusammen warfen sie sich ins Meer, tauchten unter, schubsten sich und tobten durch das klare Wasser. Sie tauchten sich gegenseitig unter und schienen alle Berührungsängste vergessen zu haben. Georg tauchte unter Thomas hindurch und nahm ihn auf die Schultern, ließ sich mit ihm wieder nach hinten ins Wasser fallen. Thomas stand auf, das Wasser reichte ihm bis fast zur Brust. Er schnappte sich Georg und hob ihn auf die Arme, da er im Wasser beinahe nichts wog. Er drehte sich mit ihm und drückte ihn an sich und warf sich mit ihm wieder hinein in die kalte See.
Nach ein paar Minuten wurde es doch klamm, in die Beine kroch wieder jene leichte Taubheit, und so entschieden sie ohne Worte gleichzeitig, das Wasser zu verlassen. Stapfend kamen sie heraus, hielten sich für eine Sekunde an den Händen und gingen zurück zu ihren Taschen und den Kleidungsstücken. Dass sie nackt waren, spielte in diesem Moment keine Rolle mehr. Georg hatte sicherheitshalber zwei große Handtücher eingepackt.
„Das hast du geplant!“ Thomas schüttelte den Kopf und lachte.
„Na klar. Irgendwann muss doch ein echter Kerl aus dir werden“, foppte Georg und reichte ihm eines der Handtücher.
„Ich zeig dir heute Abend, was ich für ein Kerl bin, wenn du weiter so frech bist!“ Thomas piekte Georg mit dem Finger in den Bauch.
Sie rieben sich schnell trocken und schlüpften wieder in ihre Kleidung.
Georg grinste. „Jetzt hast du ganz vergessen, eine Latte zu bekommen.“
„Später“, versicherte Thomas.
Sie gingen weiter und genossen das Prickeln auf der Haut und das Gefühl, von Wärme durchflutet zu werden. Die Sonne strebte langsam dem Horizont entgegen, doch es würde noch mindesten zwei Stunden hell bleiben. In einiger Entfernung sahen sie die Stelle, wo sie am Vormittag gestartet waren, sie hatten die Insel bald umrundet.
„Heute koche ich“, kündigte Georg an.
Thomas freute sich. „Was denn?“
„Sag ich nicht.“ Georg wollte Thomas überraschen. Nebenbei überlegte er, ob er heute Nacht alleine sein wollte, konnte sich aber noch immer zu keiner Entscheidung durchdringen. Da war etwas in ihm, das gerne mal die Ereignisse in Ruhe sacken lassen wollte. Andererseits genoss er die Gesellschaft von Thomas. Er ertappte sich dabei, dass er auch Lust hatte, sich mit Thomas’ Körper weiter näher zu beschäftigen. Es hatte ihn schon ein wenig gepackt, das musste er sich eingestehen. Und er war sicher, dass Thomas nicht abgeneigt war. Daher fasste Georg für sich einen stillen Entschluss. Heute wollte er in dieser Hinsicht die Initiative ergreifen. Er wollte sich dem stellen, wovor er einerseits zurückschreckte, was ihn aber anderseits auch lockte. Er hoffte, es würde Spaß machen. Und tief in seinem Inneren spürte er, dass seine Hoffnung erfüllt werden würde.
Sie hatten ihren Ausgangspunkt am Strand erreicht und blieben stehen.
„Geschafft!“, rief Thomas und streckte eine Hand in die Luft. Georg schlug ein und sie umarmten einander spontan und gingen durch den Zugangsweg hinauf in den Dünengürtel.
Oben angekommen, zogen sie ihre Schuhe an, und Georg sah sich um. „Brauchst du etwas von dir zuhause? Wir sind jetzt ziemlich genau zwischen der Pension und meiner Bude.“
Thomas fiel nichts ein. „Nicht, dass ich wüsste.“ Er sah Georg erwartungsvoll an.
Der schlug den Weg in seine heimische Richtung ein. „Dann komm, ich hab Hunger.“
„OK“, kommentierte Thomas. Er freute sich.
Wie so oft nach einem langen Marsch kamen die letzten zwei Kilometer ihnen als die längsten vor.
Sie hinterließen eine Spur von Jacken, Rucksäcken und Schuhen und setzten sich erst einmal auf das Bett.
„Boah, bin ich tot“, brummte Thomas. „Die letzte halbe Stunde war irgendwie heftig.“
Georg kratzte sich am Kopf. „Stimmt. Finde ich auch.“ Er raffte sich aber auf. „Ich koche jetzt. Wenn du magst, kannst du ja fernsehen oder so.“
Thomas überließ Georg die Küche, sammelte schnell die fallen gelassenen Sachen zusammen, folgte Georg, trat von hinten an ihn heran und umarmte ihn. „Was kochst du denn Leckeres?“
Georg lehnte sich kurz zurück an Thomas an. „Ein Risotto gibt es heute“, antwortete er mit einem verführerischen Unterton.
„Und zum Nachtisch?“, wollte Thomas wissen.
Ohne sich aus der Umarmung zu lösen, drehte sich Georg zu ihm. „Ich hatte an Pelztier im Schlafrock gedacht.“
Thomas lächelte. „Und ich hätte gerne die Nacktschnecke. Mit Sahne.“ Er beugte sich vor und knabberte an Georgs Hals. Aber er ließ sofort von ihm ab. „Bäh, du schmeckst nach Meerwasser.“
„Na prima.“ Georg verdrehte die Augen. „Vielleicht sollten wir vor dem Nachtisch mal duschen.“
„Gute Idee.“ Thomas sah auf Georgs Lippen. Ganz lange. Unmerklich näherte er sich ihnen. Doch kurz vor der Berührung hielt er inne, schloss die Augen und legte seine Stirn an die von Georg.
„Ich traue mich nicht. Ich und meine große Klappe“, murmelte er, offenbar enttäuscht von sich selber.
Georg streichelte ihm mit der Hand über die Wange und legte ihm einen Finger auf die weichen Lippen. „Nichts sagen. Is OK. Später.“
Sie schmiegten sich aneinander und standen eine Weile so da.
„Ich muss mich weiter um das Essen kümmern“, unterbrach Georg leise die Zweisamkeit. Sie ließen einander los, aber Thomas blieb in der Tür stehen und sah Georg zu.
Bald konnte Thomas den Tisch decken und Georg fuhr das Essen auf. Es schmeckte ausgezeichnet.
„Also was das Kochen angeht, können wir uns schon mal gut abwechseln“, bemerkte Thomas.
„Stimmt“, gab Georg kauend zurück.
Hungrig, wie sie waren, hatten sie schnell aufgegessen. Georg lehnte sich zurück, während Thomas das Geschirr in die Küche brachte. Danach kam er zurück und ließ sich auf dem Bett nieder.
„Darf ich?“, fragte er und deutete auf Georgs Schoß, in den er sich legen wollte. Georg antwortete mit einer einladenden Geste. Einen Arm legte Thomas um Georgs Hüfte, mit der anderen Hand strich er langsam über dessen Bauch. Georg strich Thomas über den Rücken und durch die Haare.
„Wir müssen noch das Salzwasser loswerden“, bemerkte Georg.
„Stimmt.“ Thomas sackte in sich zusammen, er hatte gar keine Lust, sich jetzt aus der gemütlichen Lage zu erheben. Trotzdem setzte er sich auf und wollte aufstehen.
„Nicht so hastig“, hielt Georg ihn zurück und zog ihn zu sich. Er fuhr mit den Händen über Thomas’ Brust und ertastete dabei dessen Brustwarzen. Mit dem Daumen umkreiste er sie und spielte zunächst mit ihnen, ließ dann seine Hände tiefer gleiten, und er schob den Pullover mit dem T-Shirt hoch. „Lass dir doch helfen“, sagte er leise.
Thomas hob die Arme und ließ sich die Sachen von Körper ziehen. Während Georg durch seine Behaarung strich, zog Thomas ihm nun seinerseits das Oberteil hoch. Auch Georg streckte die Arme in die Höhe und glitt aus der Kleidung.
Nun standen sie auf und nahmen sich in die Arme. Hände fuhren über den Rücken, diesmal schon viel zielstrebiger, als gestern. Sie pressten ein wenig die Unterleiber aneinander und fühlten die Erregung des anderen. Als sie die Umarmung lösten, legten sie einander die Hände auf die Brust und fuhren mit den Fingerspitzen die Konturen der Brustwarzen und Brustmuskulatur nach. Georg ließ seine Hände tiefer gleiten und stieß an den Bund von Thomas’ Hose. Er fuhr mit den Fingern einmal um den Bund herum, ließ die Fingerspitzen ein wenig hineingleiten, besonders hinten, wo er ein wenig Spielraum im Ansatz der Gesäßfalte fand.
„Du gehst heute aber ran“, raunte Thomas.
„Was dagegen?“, fragte Georg betont unschuldig. „Soll ich aufhören?“
Thomas machte große Augen. „Unterstehe dich!“
„Schön.“ Mit diesem Wort nahm sich Georg den Verschluss der Hose von Thomas vor und knöpfte ihn langsam auf. Durch den Stoff der Unterhose fühlte er Thomas’ steifes Glied auf seinem Handrücken. Die Hose glitt zu Boden.
Nun machte sich Thomas ans Werk und zog langsam den Reißverschluss von Georgs Hose auf. Georg hatte das Gefühl, dass Thomas es dabei sorgsam vermied, den Penis zu berühren, er sagte aber nichts. Sie stiegen zusammen aus ihren Hosen und streiften dabei rasch die Socken ab. Georg trug Boxershorts, die nun an der Vorderseite eine ordentliche Ausbuchtung aufwies. Thomas hatte einen Slip an, durch den sich sein steifes Glied ganz deutlich abzeichnete. Wieder umarmten sie einander und ließen ihren Händen freien Lauf bei der Erkundung. Georg fand den Weg zum Bund der Unterhose von Thomas und versenkte zunächst wieder die Fingerspitzen darin. Thomas traute sich noch nicht so recht, wurde aber auch mutiger. Was er nie erwartet hätte, geschah; Georg war es, der zuerst mit den Händen in Thomas’ Unterhose fuhr und seine Pobacken griff, um sie langsam zu kneten. Vorsichtig streifte er den Slip tiefer, überließ es aber Thomas, das Glied selber aus dem eng gewordenen Stoff zu befreien. Den Rest besorgte Georg, in dem er vor Thomas in die Knie ging und ihm aus der Hose half. Als er sich wieder aufrichtete, ließ er die feuchte Eichel von Thomas über seinen Körper gleiten, wo diese eine glitzernde Spur des Lusttropfens hinterließ. Thomas stöhnte leise, und Georg zog ihn wieder an sich, führte seine Hände vorsichtig an seine Shorts. Thomas ließ die Daumen in den Bund rutschen und zog langsam und vorsichtig die Hose nach unten. Georg befreite sich aus dem letzten Kleidungsstück und streichelte Thomas über die Brust, griff seine Hand und zog ihn langsam zum Bad. Thomas ließ einfach alles geschehen. Im Bad angekommen, drehte Georg das Wasser in der Dusche auf. Schweigend mischten sie so lange, bis sie eine Wassertemperatur erreicht hatten, die ihnen beiden angenehm war und stiegen in die Duschkabine; selbst wenn sie es gewollt hätten; der Körperkontakt war jetzt nicht mehr zu vermeiden.
Sie ließen sich vom Wasser spülen, strichen sich gegenseitig mit den Händen über den Körper. Georg griff zu einer Flasche mit Duschgel und bedeutete Thomas, sich umzudrehen und ihm den Rücken zuzuwenden. Er füllte sich Gel in die Hand und begann, Thomas am Kopf einzuschäumen. Er wusch ihm das Salz aus den Haaren, seifte die Schultern ein und den Rücken. Mit einer zweiten Portion Duschgel griff er um Thomas herum und verteilte diese auf dessen Brust und am Bauch. Thomas lehnte sich gegen Georg und hielt sich an seiner Hüfte fest. Dabei griff er zunehmend weiter nach hinten, bis er die Hände auf Georgs Hinterbacken legte. Georgs Hände kreisten auf Thomas’ Brust und arbeiteten sich mit jeder Bewegung tiefer. Bald hatte er den Bauch erreicht. Vorsichtig glitt er tiefer und strich durch die Schamhaare. Dabei stieß er an den steifen Penis, der ihm entgegen ragte. Thomas zuckte zusammen und stöhnte, als Georg sein Glied ergriff und sanft massierte. Thomas’ Hände verließen ihren Standort und glitten an Georg entlang zu seinem Bauch. Georg löste die Umarmung und drehte Thomas halb zu sich, so dass sie fast nebeneinander standen. Jeder hatte noch einen Arm um den anderen gelegt. Mit der anderen Hand bearbeitete Georg sanft den pulsierenden Penis von Thomas, während dieser mit den Fingerspitzen die dünne Haarlinie von Georgs Bauchnabel an abwärts entlang glitt. Schließlich berührte er sanft Georgs Glied, das groß und fordern vom Körper abstand. Endlich nun wagte er es einmal, Georg richtig zu berühren und sie stimulierten sich gegenseitig. Die zuerst vorsichtigen und fast zarten Bewegungen wurden intensiver und stärker. Thomas legte den Kopf in den Nacken und atmete schwer. Georg hatte das Gefühl, gleich zu ejakulieren, hielt sich aber noch zurück. Die Lust stieg jedoch unablässig in ihm auf und bald würde er dem nichts mehr entgegensetzen können. Er wollte es auch nicht. Thomas hielt Georgs Glied fest im Griff und pumpte ihn langsam immer näher zum Orgasmus hin. Georg spürte, dass auch Thomas immer erregter wurde. Auch er würde nicht mehr lange brauchen. Sie stöhnten und ihre Atmung beschleunigte sich. Plötzlich spannte Thomas sich an und stieß mit einem lauten Ächzen einen schier unglaublichen Samenstoß aus, gefolgt von noch drei oder vier weiteren Stößen, die er fast unter Tränen von sich gab. Georg war so erregt von diesem Anblick, dass ihn eine bis dahin nie erlebte Welle durchfloss und er sich in mehreren heftigen Stößen ergoss. Sie mussten beide aufpassen, dass sie nicht das Gleichgewicht verloren und klammerten sich aneinander, schnauften, wie nach einem Sprint, hielten sich fest und spürten, wie sie sich langsam entspannten. Ganz allmählich kamen sie wieder zu Atem und ihr rasender Herzschlag beruhigte sich. Sie schauten sich tief in die Augen. „Jetzt geht’s“, flüsterte Thomas in das Rauschen des Wassers hinein und näherte sich mit seinen Lippen Georgs Mund. Die Berührung war überraschend weich, irgendwie süßlich, zärtlich und vorsichtig. Georg öffnete sogar seinen Mund ein wenig, tastete vorsichtig mit seiner Zunge, fuhr sich über seine Lippen, berührte die Lippen von Thomas und plötzlich auch dessen Zungenspitze. Als er sich zurückziehen wollte, folgte Thomas’ Zunge nach und sie umspielten einander eine ganze Weile. Mal waren sie in Georgs Mund, mal wieder in dem von Thomas. Eine kleine Ewigkeit, die Hände hielten den anderen fest, die Körper verschmolzen, bis sie sich irgendwann ein wenig lösten und wieder anschauten. Kein Wort konnte ausdrücken, was passiert war. Sie sahen sich nur an, streichelten sich über den Kopf, den Hals, die Brust, den Rücken, küssten sich wieder und ließen einander nicht los. Sie spülten sich gründlich den Schaum weg, stellten das Wasser ab und wickelten sich gemeinsam in ein großes Badetuch. Darin streichelten sie sich weiter, hielten sich fest, sahen sich an, lachten leise, wieder küssten sie sich, wollten und konnten sich nicht loslassen. Wie sie es geschafft hatten, zum Bett zu kommen, wussten sie später nicht mehr. Unwichtig; sie ließen nicht los, wollten einander spüren, schmecken, den anderen riechen und fühlen. Nur loslassen, das wollten sie nicht. Ganz lange nicht. Unter keinen Bedingungen.
Sie vergruben das Gesicht zwischen Hals und Schulter des anderen und schienen einander einzuatmen. Zug um Zug. Thomas hatte den Eindruck, dass Georg ein wenig zitterte, und zog die Decke höher. Aber Georg hörte nicht mit dem Zittern auf. Bald entrang sich ihm ein tiefes Schluchzen; Georg weinte.
Thomas war völlig verwirrt, sagte aber nichts, sondern drückte Georg einfach an sich und streichelte ihm den Kopf. Er wiegte sie beide ein wenig Hin und Her und hielt Georg einfach nur fest.
Irgendwann hörte das Zittern auf, aber Thomas streichelte Georg weiter.
„So schlimm?“, flüsterte er vorsichtig. Er spürte ein Kopfschütteln.
„Nein“, entrang es sich Georg, der sich an ihn klammerte.
„Ich bin bei dir, Georg. Ich halte dich fest“, sagte Thomas ganz leise.
„Ich weiß.“
Lange blieben sie so liegen, sagten kein Wort. Das brauchten sie auch nicht.
Thomas sortierte später ein wenig die Decke, griff zur Lampe und löschte das Licht. Sie rollten sich beide ein und kuschelten sich aneinander.
Nach einer Weile atmeten sie im gleichen, langsamen Rhythmus. Ihre Atemzüge wurden tiefer und begleitet vom Rauschen eines schweren Landregens schliefen sie ein.
Thomas wurde wach von einem zunächst undefinierbaren Geräusch. Er hob den Kopf und sah Georg, der aus dem Bad kam und gegen den Tisch gestoßen war.
„Sorry“, brummte der.
Thomas schlug die Decke zurück und Georg schlüpfte wieder zu ihm. Erste Schimmer des Morgengrauens tauchten das Zimmer in ein weiches Halbdunkel. Thomas umschlang Georg und drückte ihn an sich.
„Wieder besser?“, raunte er.
Georg gab ihm einen Kuss; vielleicht aus einem Reflex heraus. „Mir geht’s gut.“
„Schön.“ Thomas’ Stimme lächelte.
Auch Georg nahm Thomas in die Arme, sie brummelten wohlig und schlossen die Augen, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen. Während sie langsam dahin dösten, kraulten sie sanft einander. Thomas bekam eine Erektion und sein Glied stieß gegen Georg. Der griff hinunter und legte Thomas’ Penis an dessen Unterbauch. „Nee, mach selber“, maulte er, musste aber kichern.
Thomas knuffte ihn leicht und taste ein wenig herum, bis er fand, was er suchte.
„Aber du!“, machte er und kitzelte Georg an der prallen Eichel.
„Lass das“, knurrte Georg, klang aber belustigt.
„Ich bin ganz artig“, säuselte Thomas und ließ von ihm ab.
Sie verlagerten sich wieder auf sanftes Streicheln und glitten hinüber in einen wunderbar dämmrigen Halbschlaf.
Als Thomas das nächste Mal erwachte, lag Georg halb auf ihm und schnarchte ihm ins Ohr. Thomas drehte ein wenig den Kopf zur Seite und versuchte, sich etwas unter dem Körper herauszuwinden. Gleichzeitig genoss er aber auch das Gefühl des schweren, ruhenden Mannes auf ihm, spürte jedoch, dass sein rechtes Bein einschlief. Von den Bewegungen war Georg offenbar aufgewacht; das Schnarchen unterbrach sich und Georg rollte zur Seite. Thomas nutzte die Gelegenheit, sich vorsichtig aus dem Bett zu begeben und zur Toilette zu gehen. Draußen war es hell, aber der Morgen war noch jung. Außerdem regnete es in Strömen.
Als Thomas aus dem Bad kam, lag Georg auf dem Rücken und streckte sich geräuschvoll. Jetzt verschränkte er die Hände hinter dem Kopf und lächelte Thomas entgegen. Der trat an das Bett heran, zog die Decke beiseite und legte sich langsam auf Georg. Er stützte sich auf die Ellenbogen und gab Georg einen sanften Kuss. Er wartete, ob Georg sich wehren würde, doch er ließ ihn gewähren.
„Guten Morgen.“ Thomas fühlte sich so wohl, wie nie zuvor in seinem Leben. Er hoffte, dass dies kein Trugbild war.
Georg hob den Kopf, nahm die Hände hervor, ließ sie aber zusammen und legte die Arme um Thomas.
„Guten Morgen“, erwiderte er und Thomas glaubte, ganz viel Wärme und Zärtlichkeit in Georgs Tonfall zu spüren. So sehr dies ihn freute, so überrascht war er auch. Er gestand sich ein, dass er seit gestern Abend sehr oft von Georg überrascht worden war.
Georgs Hände glitten über Thomas und liebkosten ihn. Thomas hatte den Eindruck, als würde Georg nach den richtigen Worten suchen. Wofür, das wusste er nicht.
„Ich danke dir“, murmelte Georg. Etwas Trauriges lag in seinem Blick. „Danke, dass du da warst.“
Thomas wusste nicht genau, was er sagen sollte. „Ich war gerne für dich da. Und bin es noch immer.“
Georg atmete tief durch. „Da ist ganz viel hochgekommen, heute Nacht.“
Thomas schüttelte den Kopf. „Du musst mir nichts erklären.“
„Ich will aber“, widersprach Georg.
Thomas nickte.
„Ich habe gestern Abend etwas gemacht, was mich sehr viel Überwindung gekostet hat. Ich will wissen, wer ich bin, was das für Gefühle sind.“ Georg wirkte etwas abwesend.
„Ich war sehr überrascht, als du gestern die Initiative ergriffen hast“, gab Thomas zu.
Georg sah ihn direkt an. „Ich wollte wissen, ob ich das kann, mit dir ins Bett zu gehen.“
„Ich fand’s geil.“ Thomas konnte ein Grinsen nicht unterdrücken.
Georg erwiderte es. „Wie war’s denn für dich, endlich mal nen anderen Schwanz in der Hand zu haben?“, fragte er schmunzelnd.
„Es war irre. Ich glaube, ich hätte fast noch ganz andere Sachen machen wollen.“ Thomas bekam einen roten Kopf.
„Das muss dir nicht peinlich sein“, beruhigte ihn Georg.
Thomas schwieg, überlegte sich, ob er die Frage stellen konnte, die ihm auf der Zunge lag. Georg schien zu sehen, was in ihm vorging.
„Frag mich einfach, was du fragen willst“, ermutigte er ihn und war verblüfft, wie gut er Thomas inzwischen kannte.
„Warum hast du geweint?“ Thomas hatte das Gefühl, in einen Bereich einzudringen, in dem er eigentlich nichts zu suchen hatte.
Georg wurde wieder ernst, schaute an ihm vorbei, gedankenverloren. „Ich weiß nicht genau. Es kam einfach. Vielleicht war es das Gefühl, dass das alte Leben weg ist. Keine Ahnung. Ich hab das Gefühl, dass ich mit allem von Vorne anfangen muss. Nichts ist mehr sicher. So irgendwie ...“ Er schaute Thomas wieder an.
Thomas griff ihm sanft in die Kopfhaare. „Vielleicht ist das ja auch eine Chance.“
Georg zuckte mit den Schultern. „Ich glaube, ich brauche noch Zeit, bis ich das so sehen kann.“ Er zögerte eine Weile. „Aber es fühlt sich gut an.“ Ein Lächeln huschte über sein ernstes Gesicht. „Du machst mir Mut, Thomas.“
„Soviel du brauchst, Georg.“ Thomas meinte das ernst. Er spürte, dass etwas aus ihm heraus wollte, eine Tatsache, die er loswerden musste. Er hatte Angst davor, Georg zu überrumpeln und in die Enge zu treiben, aber er konnte es nicht länger unterdrücken. Er küsste Georg auf die Stirn und sagte: „Du bist mir nämlich nicht gleichgültig.“
Da war wieder der traurige Blick in Georgs Augen. Er drückte Thomas an sich und entgegnete: „Ich weiß, Thomas.“ Mehr konnte er nicht sagen. Er wusste, dass Thomas sich von seiner Offenbarung mehr erhofft hatte, aber Georg brauchte Zeit. Vielleicht auch Gewöhnung. Er spürte Thomas auf sich und es gefiel ihm. Er mochte Thomas sehr gerne, er genoss seine Nähe und auch das, was sie bislang an Sexualität entdeckt hatten. Er war gerne mit Thomas zusammen und verbrachte seine Zeit mit ihm. Er fühlte sich bei Thomas geborgen und sicher. Er wollte diese Sicherheit auch an Thomas zurückgeben, und wenn Thomas nicht da war, vermisste Georg ihn oft. Er fühlte sich zu Thomas hingezogen, fand ihn erotisch; zuweilen einfach nur geil. Thomas war ihm auch nicht egal; im Gegenteil. Aber er konnte das alles nicht in diese Worte fassen, die ihm durch den Kopf gingen. Sie bedeuteten Manifestierung, Gestaltwerdung, das Schaffen von Tatsachen, denen er sich noch nicht richtigstellen konnte. Es tat ihm aus tiefster Seele weh, Thomas noch nicht mehr geben zu können.
„Thomas, ich kann dir nicht sagen, was ich für dich empfinde. Das heißt nicht, dass ich es nicht weiß oder fühle oder es dir nicht sagen will. Ich kann es dir einfach nicht sagen. Ich kann nicht.“ Er schaute in Thomas’ Augen, die alles versuchten, um ihre Enttäuschung zu verbergen. „Aber du bist mir auf jeden Fall nicht egal“, setzt Georg hinzu und bekräftigte seine Worte, indem er Thomas’ Kopf an seine Schulter zog. „Gib mir bitte Zeit, Thomas“, sagte er leise.
Thomas konnte nichts sagen. Er wusste, dass er Georg diese Zeit geben musste. Er wollte das genießen, was sie jetzt hatten. Er hatte in der letzten Nacht die letzte Gewissheit für alle seine Empfindungen bekommen. Die Saat, von Dieter gelegt, war aufgegangen. Thomas hatte das Gefühl, angekommen zu sein. Bei sich und dem, was er war und wer er war. Und tief in seinem Innersten spürte er, dass er Georg liebte.
Georg rollte sich mit ihm auf die Seite. „So ist es bequemer auf Dauer“, gab er zu. Eine Weile lauschten sie auf den Regen, der ans Fenster klopfte.
„Ich hab noch ne Idee“, sagte Georg bedeutungsvoll.
Thomas hob den Kopf. „Was denn?“
Georg grinste. „Wie wäre es bei dem Wetter mit Frühstück im Bett?“
„Und wer bringt uns das?“, fragte Thomas.
„Na ja, mir fällt grad niemand ein, den ich jetzt zusätzlich gerne hier drin hätte, also lass uns da mal selber drum kümmern.“ Georg konnte so schrecklich praktisch sein.
„Das ist ein gutes Argument“, stimmte Thomas zu.
„Also los.“ Georg stand auf und zog Thomas hinter sich her.
Sie setzten Tee an und backten Brötchen auf. Georg legte Käse und Wurst auf ein Tablett. Dann mussten sie warten, bis das Wasser kochte. Georg sah Thomas von oben bis unten an, Thomas konnte sich selbiges auch nicht verkneifen. Sie lachten, als sie beide fast gleichzeitig wieder eine Erektion bekamen.
„Wo soll das bloß enden.“ Georg schüttelte den Kopf.
„Da!“ Thomas wies zum Bett.
„Ich glaub’s auch.“ Sie küssten sich, was ihren körperlichen Zustand nicht entspannte.
Zum Glück kochte das Teewasser. Georg goss den Tee auf und Thomas nahm das Tablett mit zum Bett. Sie ließen sich nieder und lehnten sich aneinander.
Georg schnitt ein Brötchen auf und bestrich es mit Marmelade. Thomas sah ihm zu. Georg bemerkte es und schüttelte den Kopf. „Nein, du wirst mich jetzt nicht mit Marmelade einschmieren und abschlecken.“
Thomas setzte seinen Dackelblick auf. „Och bitteeee“, machte er, konnte aber nicht ernst bleiben.
Georg lachte auch und hielt Thomas das Marmeladenbrötchen hin, damit er mal abbeißen konnte, was Thomas auch tat.
Danach machte Thomas noch zwei Brötchen fertig und nippte an dem heißen Tee.
„Wir krümeln das ganze Bett voll.“ Thomas schaute sich um.
„Das muss ich eh neu beziehen“, entgegnete Georg.
Thomas grinste süffisant, was Georg nicht entging.
„Mir wird grad klar“, bemerkte Thomas nachdenklich, „dass ich noch nie im Bett gefrühstückt habe.“
„Echt nicht?“ Georg schob sich einen Bissen in den Mund.
„Nö. Nicht dass ich wüsste.“ Thomas hob die Schultern. „Da musste ich erst dich kennen lernen, wie es scheint.“ Er hielt Georg ein Stück hin und fütterte ihn. Währenddessen fiel sein Blick auf eine neue Konfitüre, die er noch nicht kannte. „Schmeckt die?“, fragte er.
Georg sah ihn an, drehte das Glas auf, nahm etwas von der Konfitüre auf ein Messer und leckte sie ab. „Probier mal“, quetschte er etwas undeutlich hervor und wandte sich Thomas zu.
Sie küssten sich und Thomas holte sich mit seiner Zunge etwas von der Konfitüre aus Georgs Mund.
„Lecker.“ Thomas fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.
Georg bereitete ein halbes Brötchen mit der Konfitüre vor, räumte das Tablett vom Bett auf den kleinen Tisch und schwang die Beine über Thomas’ Schoß. Er hielt Thomas das halbe Brötchen hin. Thomas biss davon ab und kaute genüsslich.
„Schmeckt’ s?“ Georg hatte Spaß. Er imitierte die Kaubewegungen von Thomas, der seinerseits Mühe hatte, nicht lachen zu müssen.
„Eines für Mami.“ Georg fütterte Thomas weiter.
„Du bist doof“, quetschte Thomas an dem Essen vorbei.
„Ich weiß, hast du gestern auch schon gesagt“, gestand Georg. „Macht aber Spaß.“ Das letzte Stück nahm er selber in den Mund und hielt es Thomas hin.
„Meine Rache wird grausam sein“, versicherte Thomas und nahm mit seinem Mund das Stück zwischen Georgs Lippen weg.
„Das möchte ich doch hoffen“, grinste Georg und zupfte beiläufig an Thomas Brustwarzen. Dann stand er auf und goss noch zwei Tassen Tee ein.
Thomas sah ihm ungläubig hinterher. „Komm sofort hier her!“ Er erhob sich auch und ging zu Georg.
„Warum?“ Georg guckte unschuldig.
Thomas nahm ihm die Tassen aus der Hand, trat an ihn heran, legte ihm die Hände auf die Taille und gab ihm einen Kuss. Er ließ seine Hände an Georg entlang gleiten, nahm Georgs Hoden und massierte sie sanft.
Georg strich ihm durch die Körperhaare und folgte dem langsamen Zug, den Thomas ausübte, in Richtung Bett. Dort angekommen, setzte sich Thomas hin. Er sah an Georg hinauf und streichelte dabei langsam dessen Glied. Dabei zog er ihn zu sich heran und küsste ihn auf den Unterbauch. Mit der Zunge fuhr er zunächst um den Nabel herum, aber auch allmählich tiefer. Er umspielte die Peniswurzel und richtete dabei den Blick nach oben.
Georg hatte seine Hände in Thomas’ Nacken gelegt und kraulte ihm die Haare, während er beobachtete, was Thomas mit seiner Zunge so alles anstellte. Ein wohliger Schauer, der ihn hörbar Luft einziehen ließ, durchfloss ihn als Thomas sein Glied küsste.
„Das machst du jetzt nicht wirklich.“ Georgs Stimme zitterte beinahe.
„Halt die Klappe“, raunte Thomas und umschloss die Eichel mit seinen Lippen. Er glitt an dem steifen Schaft auf und ab und seine Zunge spielte mit Georgs Eichel. Die feuchte Wärme von Thomas’ Mund breitete sich durch Georgs Körper aus. Er atmete tiefer und stöhnte leise. Thomas ließ sich nicht beirren, sondern vollführte mit seiner Zunge wahre Kunststücke, die er selber nicht für möglich gehalten hätte. Er nahm das Glied so weit auf, wie er konnte, glitt zurück, ließ die Eichel über seine Zunge gleiten, spielte mit der Spitze und kitzelte sie an der Unterseite, so dass Georg sich fast schon aufbäumte und seine Finger in Thomas’ Nacken zu krallen schien.
„Pass auf, mir kommt’s gleich“, warnte er Thomas zwischen zwei Atemstößen. Thomas griff mit einer Hand um den Schaft und machte gegenläufige Bewegungen, so dass er Georg keine Pause mehr ließ. Mit der anderen Hand massierte er den Damm von Georg und fühlte die beginnenden Kontraktionen der Muskulatur. Er spürte, wie die Männlichkeit in seinem Mund sich noch mehr verhärtete und die inneren Muskeln sich anspannten. Georg stöhnte laut auf, während Thomas das Glied aus dem Mund nahm und sich die warmen Stöße auf die Brust spritzen ließ. Dabei stimulierte er die zuckende Eichel weiter sanft, bis Georg einfach seine Hand festhielt, unfähig vor Erregung auch nur ein Wort zu sagen. Thomas legte sich zurück und zog Georg auf sich, so dass dieser schwer auf ihm lag. Georg schnappte nach Luft und kam langsam wieder zu Sinnen. Als er wieder klar sehen konnte, schaute er in Thomas’ lächelndes Gesicht.
„Scheiße“, presste Georg hervor. „War das heftig!“
„Französisch“, sagte Thomas so trocken, wie er konnte.
Georg sackte auf ihm zusammen. „Mann, so was hab ich noch nicht erlebt.“
„Geil?“ Thomas kitzelte ihn vorsichtig in den Seiten.
„Geil is gar kein Ausdruck“, lallte Georg. Er war völlig fertig, in mehrerlei Hinsicht.
Als er sich ein wenig erholt hatte, rollte er sich von Thomas runter. „Du willst mir jetzt allen Ernstes erzählen, dass du so was noch nie gemacht hast?“
„War das erste Mal“, bestätigte Thomas. Er stützte sich auf einen Unterarm, beugte sich über Georg und küsste ihn zärtlich. „Und ich hätte es bei niemand anderem machen wollen“, fügte er hinzu.
„Woher wusstest du, wie’ s geht?“ Georg verstand die Welt nicht mehr.
Thomas kicherte. „Weist du, ich hab auch so’n Teil da wie du. Und ich weiß, was mein Schwanz geil findet. Alles in jahrelangen Selbstversuchen probiert.“
Georg sah ihn verwirrt an. „Du kannst dir selber einen blasen?!“
„Nein!“ Thomas verdrehte die Augen. „Aber wenn du weist, wo Berührungen mit den Händen schön sind, dann wird’s mit der Zunge höchstens noch besser.“
„Aha“, machte Georg. Er fühlte sich noch immer benommen.
Thomas streichelte ihn weiter und fragte wie beinahe nebenbei: „Hat dir noch nie jemand einen geblasen?“
Georg schüttelte den Kopf. „Nicht so. Klar, meine Freundin halt. Aber nicht so. Das war anders. Ganz anders.“
„Tja, Georg.“ Thomas versuchte, so überheblich zu klingen, wie er konnte. „Es gibt Dinge, die können Kerle besser.“ Er musste lachen.
Georg schien zu resignieren. „Da scheint was dran zu sein.“ Dann drehte er sich auf die Seite und begann, Thomas’ Berührungen zu erwidern. Das Brusthaar war verklebt, so dass er vorsichtig sein musste. Er entschied sich, ein wenig tiefer seine Tätigkeiten fortzusetzen. Thomas’ Glied ragte ihm erwartungsvoll entgegen. Georg streichelte über den harten Schaft und spielte mit der Eichel.
„Ich kann das nicht, glaube ich. Zumindest noch nicht, fürchte ich.“ Sein Blick traf Thomas’ Augen.
„Na und? Meinst du, es macht mir so keinen Spaß?“ Thomas legte sich hin und langte nach Georgs Rücken, um ihn weiter zu liebkosen.
„Ich werde mich bessern“, zwinkerte Georg ihm zu.
Thomas legte den Kopf schief. „Und für solche Bemerkungen mag ich dich.“
Georg knetete vorsichtig Thomas’ Hoden. „Warum?“
„Weil du das ernst meinst. Ich spüre, dass das nicht einseitig ist“, fügte Thomas hinzu.
Georg sagte nichts. Er umfasste Thomas’ Glied und schob die weiche Haut am dicken Schaft auf und ab. Den anderen Arm schob er unter Thomas Oberkörper. Thomas überließ sich der Lust, die allmählich in ihm aufstieg, und schloss die Augen. Georg beobachtete den Körper, den Wechsel von An- und Entspannung, horchte auf den Atem, der immer tiefer und schwerer wurde. Er veränderte minimal den Griff und die Geschwindigkeit und spürte, wie Thomas sich lustvoll wand. Ein leises wohliges Stöhnen entrang sich ihm. „Du machst das total geil“, keuchte er. Georg berührte mit seiner Zungenspitze eine Brustwarze von Thomas, woraufhin dieser zusammenfuhr und lauter stöhnte. „Ja, das ist geil“, presste er hervor. Georg hatte das Gefühl, dass der Penis in seiner Hand noch härter wurde.
„Ich spritz gleich ab!“ Thomas schnappte nach Luft, riss den Mund auf, aber es kam zunächst kein Laut über seine Lippen. Sein ganzer Körper zuckte, er ächzte heftig und in mehreren heftigen Stößen quoll sein Saft heraus. Georg bekam einen Schwall auf die Brust, aber es störte ihn nicht. Er ließ langsam in den Bewegungen am Glied nach und drückte Thomas an sich, der sich seinerseits an ihn schmiegte.
Es dauerte eine Weile, bis Thomas sich beruhigt hatte. „So ganz glauben kann ich auch nicht, dass ich erst der zweite Typ bin, dem du einen runterholst“, sagte er, als er wieder sprechen konnte.
„Ich bin halt ein Naturtalent“, feixte Georg und lachte leise.
„Den Eindruck hab ich auch.“ Thomas war erschöpft.
Eine Weile lagen sie so miteinander da, froh, den anderen bei sich zu haben.
„Lass mich bitte mal grad aufstehen.“ Georg stemmte sich aus dem Bett hoch. „Ich hab Durst.“ Er holte den Tee und stellte die Tassen auf dem Tisch ab, ging ins Bad und kam mit zwei kleinen Handtüchern zurück. Eines warf er Thomas zu, während er sich wieder auf dem Bett niederließ. Sie versuchten, sich von den klebrigen Überresten ihrer Lust zu befreien.
„Du hast mich ganz schön vollgesifft“, bemerkte Georg.
„Du mich auch“, konterte Thomas.
Georg schaute ihn an und grinste. „Du hast dir meinen Schwanz quasi vor die Brust gehalten, also selber schuld. Beschwer dich nicht.“
„Stimmt“, gab Thomas zu. „Und es war geil.“
Georg sah an sich hinunter. „Das hätte ich mir vor einem Jahr nicht träumen lassen.“
„Was denn?“ Thomas hatte nur mit einem Ohr zugehört, während er sich die Flocken aus den Brusthaaren zog.
„Dass ich mir mal Sperma von nem Kerl von der Brust wegmache, das der da drauf gespritzt hat, während ich ihm einen wichse“, erläuterte Georg.
Thomas hörte mit dem Zupfen auf und sah Georg an. „Schlimm?“, fragte er.
Georg legte das Tuch weg, trank eine halbe Tasse Tee und dachte kurz nach. Da war wieder dieser Schalk in seinem Blick, der Thomas völlig willenlos machen konnte.
„Nö“, gab Georg zu. „Schlimm ist anders. Der Untergang der Titanic, der war schlimm.“
Thomas schüttelte den Kopf. „Auf den Vergleich muss man erst mal kommen.“
„Ich meine das ernst“, sagte Georg. „Das hier tut keinem weh.“ Er legte sich hin. „Es ist nur gewöhnungsbedürftig.“
Thomas legte auch das Tuch zur Seite. „Wenn das dein kleinstes Problem ist ...“ Er kuschelte sich dazu und zog die Decke halb über sie. Wie automatisch nahmen sie sofort Körperkontakt auf. Es schien so natürlich.
Georg schaute zu seinem Schreibtisch auf den Wandkalender. „Krass“, murmelte er.
„Was ist krass“, wollte Thomas wissen.
Georg wandte ihm den Kopf zu, ihre Hände lagen ineinander verschränkt auf Georgs Brust. „Vor zwölf Wochen kannten wir uns noch nicht einmal.“
Thomas erwiderte nichts darauf. Er hatte das Gefühl, jedes Wort würde etwas zerstören.
„Und irgendwie ist es ganz einfach“, fuhr Georg fort.
„Na ja ...“, relativierte Thomas. „Einfach fand ich das nicht. Erinnere dich mal an den Abend am Strand, wo ich überlegt hab, ob ich nicht einfach abreisen soll.“
Georg presste die Lippen zusammen. Er dachte nicht gerne an diesen Abend zurück. Er nahm Thomas’ Hand und küsste sie. „Ja, ich weiß. Du hast recht“, sagte er leise.
Thomas bemerkte, was in Georg vorging. „Aber seitdem ist alles anders. Seitdem ist es irgendwie leichter.“
Georg nickte und wiederholte ihr Versprechen von jenem Abend: „Keine Geheimnisse.“
Thomas wich dem Blick aus, denn er hielt sich nicht an die Abmachung. Sonst hätte er Georg alle seine Gefühle gestehen müssen. Er drehte sich auf den Bauch und Georg strich ihm über den Rücken.
„Lass uns heute im Bett bleiben“, schlug Thomas vor, während er den Blick zum Fenster richtete; Regen lief wieder in Strömen an der Scheibe hinab.
Georg zog eine Braue hoch und guckte ein wenig skeptisch.
„Wir könnten fernsehen“, entschärfte Thomas den Vorschlag.
„Das ist eine Idee“, gab Georg zu. „Guck mal, ob du vor dem Bett irgendwo die Fernbedienung findest.“
Thomas wurde fündig. Er schaltete das Gerät ein und bald hatten sie ein Programm gefunden, was ihnen beiden gefiel. Georg setze sich auf, legte sich ein Kissen in den Rücken und lehnte sich an die Wand. Thomas setzte sich vor ihn und Georg legte die Arme um ihn, während Thomas sich an ihn schmiegte und dabei die Decke über ihnen ausbreitete.
„Du hast recht“, bemerkte er nach einer Weile.
„Womit?“, wollte Georg wissen.
„Vor ungefähr fünf Wochen lagen wir in diesem Bett, jeder in eine eigene Decke gerollt, so weit voneinander entfernt wie möglich. Und schau uns heute an.“ Er streichelte über Georgs Unterarme und ließ die Hand darauf liegen.
Georg stimmte ihm zu. „Heute sitzen wir hier nackt, kuscheln uns aneinander, und wir hatten Sex.“
Thomas lachte leise. „Geilen Sex“, ergänzte er.
„Aber hallo.“ Georg konnte dem nicht widersprechen.
„Ich find’s schön“, beschloss Thomas.
„Ich auch“, entschied Georg. Ja, es war einfach so. Er konnte es sich durchaus eingestehen. Plötzlich kicherte er. „Sag mal, wenn wir jetzt schwul sind, dürfen wir dann eigentlich noch Action-Filme gucken?“
„Wer ist denn hier schwul? Ist hier irgendjemand schwul?“ Thomas sah sich entsetzt um.
Georg tastete sich vor und kniff ihn vorsichtig ins Glied. „Also du bist offenbar ein Kerl.“ Er tastete für Thomas fühlbar nach der eigenen Männlichkeit. „Ich bin offenbar auch ein Mann, schau mal einer an. Wir sind nackt und liegen zusammen unter einer Decke.“ Er beugte sich vor, drehte Thomas’ Gesicht zu sich und küsste ihn. „Wir küssen uns auch noch zu allem Überfluss“, fuhr er fort. „Der Schluss liegt also recht nahe, dass wir vielleicht ein kleines bisschen schwul sein könnten. So ein ganz klein wenig, meine ich. Also? Was ist nun mit Action-Filmen?“
Thomas sah ihn kopfschüttelnd an. „Du bist unglaublich, weist du das? Du bist so unglaublich!“
„So unglaublich was?“, fragte Georg. „Und sag jetzt nicht, so was wie ‚süß’ oder so’n Scheiß. Ich bin ein Kerl, ich bin nicht süß.“
„Ich glaube, ich halte besser die Klappe“, schmollte Thomas. „Guck doch, was du willst!“
Georg zwickte ihn in die Seiten, so dass Thomas hoch zuckte. „Zick hier nicht rum.“ Sie lachten und Georg drückte Thomas ganz fest an sich. Er wollte ihm eigentlich etwas sagen. Aber es fiel ihm so schwer. Er hatte Angst davor, trotz allem. Er konnte es nicht. Dabei wäre es so einfach, dachte er sich. Ich hab dich lieb, sagte er in Gedanken immer wieder, als hoffte er, dass Thomas ihn hören könne. In Gedanken war alles ganz einfach. Aber nun schauten sie den Film weiter.
Zwischendurch machten sie sich ein paar Brote.
„Was hältst du davon, wenn wir heute Abend in der „Möwe“ essen gehen“, schlug Georg vor. „So als krönenden Abschluss des Wochenendes.“
Thomas dachte nach. Die Idee war schön. Er fühlte aber auch eine gewisse Traurigkeit in sich, wenn er daran dachte, die kleine Wohnung zu verlassen. Er wusste, dass er heute Abend zu sich fahren würde. Er wollte es aber eigentlich auch selber, sie beide mussten auch mal wieder alleine sein und für sich die Ereignisse sacken lassen. Aber jetzt waren sie ja noch zusammen, und Thomas entschied sich, das zu genießen. Er freute sich, dass Georg sich einen schönen Abend überlegte. Außerdem konnte das Leben nicht nur in diesem Zimmer stattfinden, so schön es auch gerade war.
„Schöne Idee“, gab Thomas zurück und lehnte sich wieder bei Georg an. Er schloss die Augen. Das gleichmäßige Auf und Ab von Georgs Atemzügen hatte etwas Meditatives und Beruhigendes. Er ertappte sich bei dem Gefühl, dass er sich daran würde gewöhnen können. Er wollte öfter mit Georg einschlafen und aufwachen. Er wollte mit Georg zusammen sein. Schnell schob er diese Gedanken zur Seite, sie bargen auch etwas Dunkles in sich, das sehr wehtun konnte.
Irgendwann schliefen sie beide noch eine Weile, geborgen in den Armen des anderen. Sie hatten den Fernseher wieder ausgeschaltet und ließen leise Musik laufen. Irgendwann wachten sie auf.
Georg räkelte sich. „Ich werde mal so ganz langsam aber sicher duschen gehen.“
Thomas grunzte vor sich hin, während er sich auch streckte. Er griff nach Georg, zog ihn zu sich, und sie küssten sie sich.
„Wenn wir jetzt damit anfangen, kommen wir nicht weg“, nuschelte Georg, als er mal gerade den Mund frei hatte.
Thomas wollte jetzt etwas sagen, bremste sich aber, weil er fürchtete, dass Georg bei so viel schmalziger Romantik die Krise bekommen würde. Er beschränkte sich auf ein „Stimmt“, ergänzte dabei noch schweren Herzens: „Vor allem sollte jeder für sich alleine duschen, glaube ich.“
Georg zwinkerte wissend. „Ja, das glaube ich auch.“ Er löste sich und ging ins Bad.
Thomas blieb im Bett und starrte die Zimmerdecke an. Er fragte sich plötzlich, ob sie beide nun eigentlich ein Paar waren. Er kam sich vor wie ein Fünftklässler, der seiner Flamme einen dieser Willst-du-mit-mir-gehen? - Zettel hingeschoben hatte und auf Antwort wartete. Albern, dachte er schließlich.
Georg kam aus dem Bad und zog sich vor dem Schrank an. Thomas schwang sich aus dem Bett und ging unter die Dusche.
Georg sah ihm nach. Er hatte kurz überlegt, ob er beim Herauskommen etwas wie „Schatz, das Bad ist frei!“ sagen sollte, entschied sich aber dagegen. Er konnte nicht einmal ausdrücken, warum. Vielleicht hatte das schon zu viel Beigeschmack einer Beziehung, gleichgültig, ob er es scherzhaft gesagt hätte oder nicht. Er war verblüfft, dass er einerseits sich solche Gedanken machte, und andererseits scheinbar den Impuls in sich trug, Thomas wie einen Partner zu behandeln. Aber wenn er auf dieses Wochenende zurückblickte, war es im Grunde einleuchtend. Sie hatten gelebt wie ein Paar. Seit Freitagabend waren sie gemeinsam unterwegs, beziehungsweise beieinander. Georg runzelte die Stirn und fragte sich, ob ihm die Vorstellung gefiel. Wann fängt eigentlich eine Beziehung an, fragte er sich und fürchtete, dass er sich noch über etwas mit sich selber uneinig war, was streng genommen bereits begonnen hatte, ohne auf ihn oder seine Meinung warten zu wollen oder darauf Rücksicht zu nehmen. Die Umstände waren zuweilen einfach schneller als er, fürchtete er. Aber er beschloss, in sich und Thomas kein Paar zu sehen ..., sehen zu wollen ...; scheiße. Da waren Gefühle, die dem eindeutig entgegenstanden. Gefühle, die deutlich über eine Freundschaft hinausgingen. Und er vermutete, dass diese Gefühle auch bei Thomas schlummerten. Vielleicht war ja doch alles ganz einfach. Aber nur vielleicht.
Georg räumte ein paar Sachen zusammen und brachte schnelle ein wenig Ordnung in seine Unterkunft. Als er das Fenster öffnete, wehte der kühle Abendwind hinein. Es hatte fast den ganzen Tag geregnet, die Luft war regelrecht ausgewaschen. Er roch deutlich das Salz des Meeres.
Als Thomas aus dem Bad kam, hatte Georg schon bei Pitt angerufen. Heute Abend war nicht viel los, sie konnten einfach so vorbeikommen.
Thomas zog sich an und packte seine Sachen in seinen Rucksack. Es herrschte eine merkwürdige Stimmung. Er hatte das Gefühl, abzureisen. Eigentlich lächerlich, zumal er nur drei Kilometer mit dem Rad fahren würde. Ihm war, als wäre er für eine lange Zeit woanders gewesen und führe nun wieder nach Hause. Er konnte kaum glauben, dass er nur zwei Nächte hier bei Georg gewesen war. Ihm kam es vor wie ein halbes Leben. Nein, eher wie ein Traum, aus dem er nun erwachen musste, ob er wollte oder nicht.
„Alles OK?“ Georg stand plötzlich neben ihm und riss ihn aus seinen Gedanken.
„Wie? Äh, ja schon, warum?“, stammelte Thomas gedankenverloren.
„Du warst grad irgendwo, nur nicht hier, hatte ich das Gefühl“, sagte Georg.
Thomas schüttelte den Kopf. „Es ist nichts“, log er.
Georg nahm ihn bei den Schultern und drehte ihn zu sich. „Keine Geheimnisse.“
Thomas entrang sich ein Lächeln. „Schon gut. Es ist wirklich nichts. Ich spinne nur grad wieder rum.“
„Was spinnst du denn wieder rum?“, fragte Georg.
„Ich hab Angst, dass ich morgen früh aufwache und feststelle, dass alles nur ein schöner Traum war“, gab Thomas leise zurück und senkte den Blick. Er fürchtete sich davor, dass Georg ihn auslachen würde. Er kam sich ja selber lächerlich vor.
Georg boxte ihn ganz leicht am Kinn. „Hey. Wir hatten ein klasse Wochenende. Morgen sehen wir uns und dann auch jeden Tag in der Woche und nächstes Wochenende haben wir wieder Zeit für uns. Wo ist das Problem?“
Thomas zog einen schiefen Mund. „Ich hab doch gesagt, es ist nichts. Es ist nur irgendwie seltsam. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Es ist so viel passiert seit vorgestern.“
Georg gab ihm Recht. „Ja, das ist wohl wahr.“ Er sah sich um. „Aber wir können nicht die ganze Zeit hier drinnen bleiben“, entschied er und gab Thomas einen Klaps auf den Oberarm. „Komm, bei Pitt wartet ein gutes Essen auf uns.“
Sie ließen die Räder bei Georgs Haus stehen und gingen zu Fuß. Aus den Fenstern der Häuser fiel hier und da gemütliches Licht auf den nassen Asphalt. Thomas fragte sich, wie andere Menschen miteinander lebten. Es waren solche Momente, in denen er sich selber beinahe als fremdartig empfand. Andererseits; hatten sie nicht beide in den vergangenen fast achtundvierzig Stunden genau so miteinander gelebt? So ... Thomas suchte für sich nach einem Begriff, der umschrieb, was er fühlte. So normal; ja, das war es, das traf es am Besten. Normal. Georg und er. Ganz normal.
In der „Möwe“ empfing sie die gewohnte Wohnstubenatmosphäre, die Thomas so sehr an dem Lokal mochte. Pitt winkte ihnen.
„Hallo Pitt“, begrüßte Thomas den Wirt und suchte sich einen Tisch aus. Georg schloss sich dem Gruß an und folgte Thomas durch den Raum. Sie setzten sich in den hinteren, etwas ruhigeren Bereich. Sobald sie Platz genommen hatten, brachte Pitt die Speisekarten. „Ihr seht irgendwie geschafft aus, ihr braucht ne ordentliche Stärkung, was?“, dröhnte er. Die beiden erwiderten die Bemerkung nur mit einem Grinsen, während sie die Karten aufschlugen.
„Ich hätte heute Lust auf einen Wein“, schlug Thomas vor.
Georg linste über den Rand seiner Karte. „Feiern wir was?“
„Möchtest du was feiern?“, hielt Thomas dagegen.
Georg ließ die Karte etwas sinken. Er schaute nachdenklich herüber. Zögerlich machte er: „Jooaa“ und nickte. „Doch ja, warum nicht.“
„Also ich möchte ein wenig feiern. Irgendwie.“ Thomas schien etwas enttäuscht zu sein. Offenbar hatte er gehofft, Georg mit seiner Feierlaune ein wenig mehr anstecken zu können.
„Dann überlasse ich dir die Auswahl beim Wein.“ Georg bemerkte die Enttäuschung bei Thomas und versuchte, ihn etwas aufzuheitern. Er schlug ein Gericht vor, dass sie zu Beginn ihrer Zeit auf der Insel schon gegessen hatten.
Thomas gefiel diese Geste. Er suchte einen seiner Ansicht nach passenden Wein aus. „Aber vorher erst was ohne Alkohol, OK?“
Georg nickte. „Gute Idee.“
Als sie bestellten, hob Pitt die Brauen. „Oh, heute mal ganz vornehm, die Herren.“
„Muss auch mal sein“, entgegnete Georg.
Pitt nickte. „Stimmt. Gönnt euch was Gutes.“ Er nahm die Karten mit und verschwand in Richtung Küche, um die Bestellung weiterzugeben.
Georg und Thomas schauten sich an, lächelten unsicher. Sie wussten nicht, was sie sagen sollten. Thomas hatte den Eindruck einer unbestimmten Befangenheit. Ihm war, als würden alle Personen um ihn herum ihm, oder besser ihnen beiden, ansehen, was zwischen ihnen passiert war, und jedes Wort, was sie sprachen, könnte sie verraten. Er stolperte innerlich über das Wort „verraten“. Ihm gefiel die Vorstellung nicht, sich zu verstecken. Sich verstecken zu müssen? Thomas spürte, dass sich seine Gedanken zu drehen begannen. Er wollte jetzt nicht weiter darüber nachdenken. Wie lange Georg ihn schon anschaute, konnte er nicht sagen. Aber nun bemerkte er es.
„Woran denkst du?“, wollte Georg wissen. Er glaubte aber, so in etwa zu wissen, was in Thomas gerade vorging.
„Mir gehen grad total bescheuerte Gedanken durch den Kopf“, antwortete Thomas leise. „Bilde ich mir das ein, oder starren uns hier alle an?“
Georg hob eine Augenbraue. „Hier sind kaum Leute, die sind alle vorne.“ Dann schaute er etwas nachdenklich vor sich hin. „Ich weiß aber, was du meinst. Glaube ich zumindest.“ Er sah sich um.
Thomas saß mit dem Rücken zum Schankraum und fühlte sich ein wenig sicherer.
„Steht es uns eigentlich auf der Stirn geschrieben?“ murmelte er mit zusammengepresstem Mund.
„Was denn?“, fragte Georg.
Thomas formte mit seinem Mund lautlos das Wort „schwul“. Georg wurde rot und rutschte auf dem Stuhl herum. Er sah sich irritiert um.
„Quatsch“, brummte er. Aber er dachte darüber nach, was es bedeuten würde, beispielsweise mit einem Mann Hand in Hand am Strand entlang zu gehen. Tatsächlich konnte er sich nicht vorstellen, mit Thomas in der Öffentlichkeit Zärtlichkeiten auszutauschen. Er hatte Angst vor den Blicken. „Aber“, sagte er noch, „ich weiß wirklich, was du meinst.“
Pitt brachte die ersten Getränke und stellte sie auf den Tisch.
„Essen kommt gleich“, grinste er.
Die beiden nickten. Als Pitt weg war, nahmen sie die Gläser in die Hände und stießen an. Thomas rang sich ein Lächeln ab, das Georg erwiderte.
„Auf ein schönes Wochenende, das fast vorbei ist und auf hoffentlich schöne Wochenenden, die noch kommen.“ Er flüsterte beinahe.
„Darauf trinke ich gerne“, entgegnete Georg leise.
Sie tranken und stellten die Gläser ab.
„Wir müssen mit Ludwig die Exkursion vorbereiten. In einer Woche kommen die Erstsemester“, bemerkte Georg.
„Da wollte ich ja letztes Jahr mitmachen, hab aber keinen Platz bekommen“, erinnerte sich Thomas.
Georg nickte wieder. „Die Plätze sind immer rasend schnell weg. Außerdem sind ja nur immer zwanzig Leute dabei, wegen der Unterkunft.“ Er grinste. „Die wohnen übrigens bei dir in der Pension.“
Thomas riss die Augen auf. „Ach du Scheiße“, entfuhr es ihm. Da würde es ja mit der Ruhe vorbei sein.
„Ist ja nur ne Woche“, beruhigte ihn Georg und senkte seine Stimme. „Zur Not schlüpfst du bei mir unter.“
„Klingt reizvoll“, raunte Thomas. „Wie läuft die Exkursion eigentlich ab?“ Thomas wollte schnell auf ein anderes Thema kommen.
Georg lehnte sich zurück. „Letztes Jahr hat Ludwig die Gruppe zeitweise auf ihn und mich aufgeteilt. Dieses Jahr können wir das wohl noch besser einteilen, je nach dem, wie Ludwig dich einsetzt.“
Thomas überlegte kurz. „Wenn ich mir vorstelle, dass ich als Zweitsemester vielleicht schon Studis betreuen soll, gruselt es mir.“
„Halb so wild“, gab Georg zurück. Er wollte noch mehr dazu sagen, doch Pitt kam mit dem Essen.
Sie räumten schnell die Gläser zur Seite, und der Tisch füllte sich.
„So, Kameraden. Nun haut mal rein!“ Pitt strahlte, als er in die hungrigen Gesichter sah, denen bereits das Wasser im Munde zusammen lief.
„Machen wir doch glatt“, entgegnete Georg.
Pitt schenkte den Wein ein und ließ Thomas kosten. „Sehr gut“, bestätigte Thomas. Dann überließ Pitt das Essen seinem Schicksal.
Georg nahm das Besteck zur Hand. „Guten Appetit!“
„Gleichfalls!“ Thomas schnupperte den leckeren Geruch, der über dem Tisch schwebte, und sie legten los.
„Beherrsch dich, Thomas, das kann man ja nicht mit ansehen.“ Georg nutzte die Pause zwischen zwei Bissen und täuschte Entrüstung vor.
„Aber du!“, gab Thomas ziemlich ungerührt zurück. „Hör auf, so zu schlingen“, setzt er noch nach.
Beide konnten sich das Lachen nur schwer verkneifen, beruhigten sich aber wieder. Thomas griff zum Weinglas.
Georg nahm seines auch in die Hand. Sie sahen sich an. Es war, als würde jeder darauf warten, dass der andere etwas sagte. Vielleicht traute sich nur keiner von ihnen, das zu sagen, was ihm gerade in den Sinn kam. Also sahen sie einander an. Schauten sich in die Augen und überließen ihren Blicken die Worte der Stille.
Da war wieder die Wärme, die Thomas schon einmal in Georgs Augen zu sehen geglaubt hatte. Dieser kleine Anteil von Traurigkeit im Blick, sanft, weich, beinahe zärtlich, so als würden sie einander mit den Blicken streicheln wollen.
Georg spürte einmal mehr, dass er Thomas’ Augen mochte. Er hatte das Gefühl, Thomas könne in ihn hineinsehen. Doch er fühlte sich von diesem Blick nicht durchbohrt oder ertappt. Vielmehr spürte er, dass er sich nicht verstellen musste, sondern sich offenbaren konnte. Georg glaubte, in diesen Augen viel Güte und Zuneigung zu sehen. Aber auch Schmerz und Verletzlichkeit.
In diese Stille hinein stießen sie die Gläser an. Das leise Klingen erfüllte den Raum, zunächst nur zwischen ihnen, breitete sich dann aus, umschloss sie, umgab sie schützend und erzeugte eine kleine Welt, in der sie ungestört waren. Und sie brauchten nichts sagen, weil sie eigentlich schon wussten, was sie einander zu sagen hatten. Es war klar, wenn auch unausgesprochen. Sei es, weil sie sich nicht trauten, es auszusprechen, oder weil sie Angst hatten, vor dem, was dahinter kommen könnte oder kommen sollte. Es wäre zu früh gewesen, durch Worte Tatsachen zu schaffen. Aber tief in ihrem Inneren wussten sie beide, was sie einander sagen würden. Irgendwann einmal, wenn der Augenblick da war. Wenn es gut war, zu sagen, was es zu sagen gab.
Bald löste sich das Klingen der Gläser allmählich auf, und der Hall des Schankraumes kehrte zurück. Die hauchdünne Wand aus Klang löste sich unmerklich auf und enthüllte sie wieder für die Realität. Ein Schluck Wein, ein Blick, ein Lächeln, schüchtern, die Augen senkten sich. Sie aßen weiter.
„Der Wein ist gut“, sagte Georg ruhig.
„Ja, finde ich auch“, antwortete Thomas. „Passt zum Essen.“
Georg nickte kauend.
Sie waren langsamer geworden. Plötzlich trauten sie sich, einander anzusehen, schauten einander beim Kauen zu, grinsten, oder genossen es einfach, den anderen zu betrachten.
„Ich bin früher nicht so oft essen gegangen“, bemerkte Georg.
„Meine Eltern sind mit uns öfters mal zum Essen ausgegangen. So einmal im Monat“, erzählte Thomas. „Meistens, wenn Papa von einer Dienstreise kam.“
„Bei uns wurde immer groß gekocht, wenn was Besonderes war“, erinnerte sich Georg. „Wir waren nicht so oft weg. Aber diese größeren Essen im Familienkreis waren immer schön.“
„Vermisst du das nicht, wenn du so oft und auch lange hier bist?“, wollte Thomas wissen.
„Schon irgendwie. Aber ich glaube, ich fühle mich im Ganzen wohler, wenn ich grad nicht zuhause bin.“ Georg kaute nachdenklich.
Thomas musste das jetzt nicht weiter verfolgen, um zu wissen, worauf Georg hinauswollte. Er nickte nur.
„Vermisst du dein Zuhause?“, fragte Georg zurück.
Thomas dachte nach. „Ich telefoniere regelmäßig mit meiner Familie. Ein wenig vermisse ich das schon alles. Aber im Semester bin ich ja eh nicht zuhause.“ Er machte eine Pause. „Ich bin gespannt, wie es ist, wenn ich das nächste Mal nach Hause gehe.“
Georg steckte sich den letzten Bissen in den Mund. Er sah Thomas an, sagte aber nichts. Sie wussten beide, woran sie dachten. Alles war anders geworden. Sie waren anders geworden. Ihre Welt hatte sich verändert. Irgendwann konnten sie vielleicht sogar offen zugeben, dass sie reicher geworden war, ihre Welt.
Als Thomas seinen Teller geleert hatte, erschien Pitt und räumte den Tisch ab.
„Hat es euch geschmeckt?“ Sein Gesicht leuchtete etwas bierselig.
Thomas nickte. „Einfach genial, Pitt.“ Georg bestätigte das sofort. „Echt klasse.“
Pitt strahlte. „Ein Eis zum Nachtisch? Geht aufs Haus!“ Er brauchte die beiden nur anzusehen, eine verbale Antwort erübrigte sich. Mit einem „Kommt sofort!“ zog er davon.
Sie tranken ihre Weingläser leer und Thomas verteilte noch den Rest aus der Karaffe. Dann stützte er sich mit den Ellenbogen auf den Tisch auf, jetzt war ja Platz. Er schob das Weinglas vor sich und strich mit dem Finger über den Rand.
„Ich fand das Wochenende richtig schön“, sagte er und schaute Georg an.
„Ja“, gab Georg etwas gedankenverloren zurück. „Es ist viel passiert in den letzten zwei Tagen.“ Er erwiderte Thomas’ Blick und lächelte.
„Das stimmt wohl“, entgegnete Thomas leise.
„Und?“, machte Georg.
Thomas war verwirrt. „Wie, und?“
„Willst du was Bestimmtes damit sagen?“, fragte Georg.
Thomas schaute auf den Rand des Weinglases. „Nein“, sagte er. „Einfach so halt. Ich fand es schön.“ Er trank einen Schluck Wein.
Georg stützte sich nun auch auf die Ellenbogen und kam Thomas ein kleines Stück näher. „Ich fand das Wochenende auch schön.“ Mit dem Mund deutete er ganz versteckt einen Kuss an.
Mitten in diese Situation platzte Pitt mit dem Eis.
Thomas und Georg bedankten sich und machten sich über den Nachtisch her.
„Wir könnten auch mal Eis fürs Wochenende besorgen“, zwinkerte Thomas.
Da war wieder dieser schreckliche schelmische Blick, mit dem Georg alles von Thomas bekommen konnte. Thomas überlegte kurz, ob es wohl günstig wäre, Georg das irgendwann einmal zu verraten. „Auf die Idee kannst auch nur du kommen“, raunte Georg.
„Wieso?“, verteidigte sich Thomas. „So ein Eis zum Nachtisch ist doch lecker.“ Er setzte seinen Unschuldsblick auf.
„Ja, klar. Da hast du recht.“ Georg musste sich schwer beherrschen, nicht loszuprusten. „Ich kann mich noch an den Nachtisch von gestern Abend erinnern.“
Thomas zuckte harmlos mit den Schultern. „Ich fand die Nacktschnecke lecker“, flüsterte er.
Georg wurde rot. „Das Pelztier war auch OK“, quetschte er fast lautlos durch einen Mundwinkel.
„Na siehste“, machte Thomas weiter. „Und jetzt stell dir mal vor, da gibt’s noch Eis dazu.“
„Nee, stell ich mir jetzt nicht vor.“ Georg starrte gezielt auf seinen Eisbecher.
Thomas merkte, dass die Situation für Georg schon beinahe richtig unangenehm wurde. Er ließ das Thema fallen, und sie aßen in Ruhe ihren Nachtisch. Am Ende tranken sie den Wein aus. Als Pitt die leeren Eisbecher holte, baten sie um die Rechnung. Obwohl sie nicht viel Geld für sich übrig hatten, gaben sie Pitt ein gutes Trinkgeld.
Draußen empfing sie die kühle Abendluft. Es war schon dunkel. Langsam gingen sie zu Georgs Haus zurück, wo Thomas sein Fahrrad abgestellt hatte.
Thomas hatte seinen Rucksack aufgezogen. Nun schauten sie sich an.
„Danke für den schönen Abend. Das mit dem Essen war ne tolle Idee.“ Thomas sprach leise.
„Ein würdiger Abschluss für ein ganz tolles Wochenende“, sagte Georg.
Sie umarmten sich kurz. Wenn jemand sie sah, wäre ihm nichts aufgefallen. Da waren sie sich ganz sicher.
Thomas stieg auf sein Rad. Wieder trafen sich ihre Blicke.
„Das müssen wir wiederholen“, bemerkte Georg. War doch ganz einfach, es zu sagen, gestand er sich ein.
„Gerne.“ Aus Thomas’ Stimme klang Erleichterung. Sie schauten sich beide instinktiv um. Niemand war zu sehen. In den Häusern gegenüber brannte Licht, aber niemand stand an einem der Fenster. Die Tür des Lokals war geschlossen und zu weit weg. Die Straße war leer.
Sie küssten sich ganz kurz, dann fuhr Thomas los. Georg sah ihm nach, an der Ecke wandte sich Thomas auch noch einmal um und winkte. Georg hob die Hand zum Gruß, und Thomas war verschwunden.
Georg atmete tief durch, ging ins Haus, die Treppen hoch und betrat seine kleine Wohnung. Sie war leer.
Er sah sich um, beinahe suchend. Die Küche war aufgeräumt, darum hatten sie sich noch gekümmert. Georg legte ein paar Sachen zusammen, schaltete den Fernseher ein, zog sich aus und legte sich auf das Bett. Ihm fiel ein, dass er noch die Bettwäsche wechseln wollte. Er stand auf und begann, den Überzug am unteren Ende aufzuknöpfen, aber plötzlich hielt er inne. Er hob die Bettdecke hoch, versenkte das Gesicht darin und sog den Duft ein. „Thomas“, murmelte er leise. Ja, das roch nach Thomas. Ohne den zusätzlichen Geruch von Deo, Rasierwasser oder sonstigem Beiwerk. Das war einfach Thomas. Ganz natürlich und unverfälscht. Georg ließ die Decke sinken, strich mit einer Hand darüber und lächelte. Dann legte er legte hin, kuschelte sich in die Decke ein und sah noch eine Weile fern. Irgendwann schaltete er das Gerät aus, löschte das Licht und rollte sich in die duftenden Erinnerungen zum Schlafen ein. Mit jedem Atemzug roch er Thomas. Das Vermischen mit seinem eigenen Geruch erinnerte Georg an das, was sie erlebt hatten. Es machte ihm immer weniger Angst. Er hatte viel über sich erfahren. Er hatte sich überwunden und neue Seiten von sich entdeckt. Es hatte ihn Mut gekostet, keine Frage. Aber das war es ohne Frage wert. Georg hatte etwas gefunden, von dem er lange Zeit gar nicht wusste, dass er es vermisste. Allerdings überraschte ihn die Tatsache, wie sehr er jetzt Thomas vermisste. Er spürte, dass er eigentlich schon viel weiter war, als er sich das eingestehen wollte. Er hatte das Gefühl, sich selbst überholt zu haben; da war auch jener Teil von Kontrollverlust dabei, und das mochte er nicht. Dennoch sog er den Duft von Thomas tief in sich ein, und genoss die Erinnerungen an die Berührungen und Zärtlichkeiten, erzeugte der Duft doch das Gefühl tiefer Ruhe und Geborgenheit, wenn auch jetzt gerade mit einem Beigeschmack von Einsamkeit. Mit diesen Empfindungen schlief Georg bald ein.
Tausend Dinge waren Thomas auf der Heimfahrt durch den Kopf geschossen. Einmal wäre er beinahe noch einmal umgekehrt, konnte sich aber beherrschen. Der Weg zur Pension schien ihm niemals zuvor so lang gewesen zu sein. Die Vorstellung von seinem Zimmer hatte etwas merkwürdig Unwirkliches für ihn. Aber dennoch erreichte er das Haus.
Es gelang ihm, sich an Frau Jakobs vorbei zu schleichen.
Thomas legte seine Sachen auf den Stuhl und packte seine Wäsche aus. Dann nahm er alle Dinge für den nächsten Morgen zusammen und packte den Rucksack für den nächsten Tag. Als er mit allem fertig war, setzte er sich auf sein Bett und schaltete noch leise Musik ein. Sein Blick wanderte im Zimmer umher. Der Raum kam ihm seltsam fremd vor, beinahe so, als hätte das Zimmer sich bis zur Unkenntlichkeit verändert. Ihm wurde jedoch schlagartig klar, dass nicht der Raum sich verändert hatte, sondern er selber. Thomas stand auf und ging die zwei Schritte zum Schreibtisch. Er hob ein paar Blätter hoch und fand das Foto von Dieter. Er nahm es in die Hand und betrachtete es lange.
„So also fühlt sich das an“, murmelte er. Er verstand, was in Dieter vorgehen musste, und es tat ihm leid. Er wusste es vorher nicht. Bis gestern. Oder heute? Egal.
Nun war alles anders. Thomas hatte sich verändert. Seine Welt hatte sich verändert. Nicht nur in der Vorstellung, nicht nur in der Phantasie, erfüllt mit Tagträumen und Wunschvorstellungen. Die Wirklichkeit hatte sich verändert. Thomas fühlte sich erleichtert und doch auch verängstigt, ob der Konsequenzen für ihn und sie beide außerhalb ihres Lebens hier auf der Insel. Er würde Zeit brauchen, sich darauf einzustellen. Aber Thomas merkte auch, dass er die Zeit weniger für sich selber brauchte, sondern eher dafür, um sie Georg überlassen zu können.
Thomas legte das Bild in eine Mappe und stellte sie in das Regal, zog sich um und legte sich ins Bett. Er hörte noch eine Weile Musik und stellte sich vor, Georg läge neben ihm. Wäre er hier, so legte er nun einen Arm um ihn, könnte seinen Atem spüren, ihm einen Kuss geben und eine gute Nacht wünschen. Und morgen früh würden sie wieder gemeinsam aufwachen.
Ende Mai
Am nächsten Morgen stelle Thomas sein Rad vor dem Institut ab. Von weitem hatte er noch gesehen, dass Georg gerade die Treppe hoch ging und im Haus verschwand. Thomas freute sich auf Georg und hatte auf den letzten Metern geradezu beschwingt in die Pedalen getreten.
Als er den Besprechungsraum betrat, goss Professor van Bergen gerade Kaffee in drei Tassen.
„Guten Morgen, Thomas“, begrüßte ihn der Professor mit der für ihn so typischen Fröhlichkeit.
Georg lächelte ihm zu. „Taaag“, zog der den Gruß.
„Hallo, Ludwig“, grüßte Thomas zurück. Er wählte seinen Weg durch den Raum so, dass er ihn an Georg vorbeiführte. „Hi“, sagte er und klopfte Georg rasch auf den Rücken.
Sie besprachen den Tagesablauf, und auch die Planung für die Woche. Van Bergen hatte die Exkursion schon sehr detailliert vorbereitet. Er wollte Thomas stark mit dessen Projekt einbinden. Thomas war angenehm überrascht.
Van Bergen erläuterte kurz, wie er die Gruppe verteilen wollte.
Die beiden nickten. „Klingt gut“, bemerkte Georg.
Der Professor zwinkerte wieder auf seine beinahe jungenhafte Weise. „Das wird schön. Wir sind gut vorbereitet, Jungs!“
Ludwig drückte jedem einen kleinen Stapel Blätter in die Hand. „Das sind ein paar Daten mit Standorten und zu erhebenden Informationen. Fahrt heute und morgen mal herum und testet, ob wir das so machen können. Mittwoch machen wir einen Bürotag mit der Vorbereitung unserer eigenen Präsentationen, Donnerstag machen wir das abschließende Meeting und dann ist noch mal Ausruhen möglich. Am Sonntag reist die Gruppe an, am Montag legen wir los.“
„Wow“, machte Thomas. Er war beeindruckt, wie gut van Bergen alles strukturiert hatte.
Georg grinste, er kannte den Professor schon besser.
Van Bergen lehnte sich zurück und legte beide Hände auf seine Arbeitsmappe.
„Der Georg kennt das schon, Thomas. Gib dich lieber mit wenig Gutem zufrieden, anstatt viel Mittelmaß zu produzieren. Da kommen Erstsemester, die wollen in erster Linie feiern. Die haben noch keinen blassen Schimmer, was es heißt, bei Regen und Kälte tagelang in einem Beobachtungsposten zu sitzen. Also setzt die Messlatte nicht zu hoch, verleugnet aber auch nicht eure Ansprüche an eure Arbeit.“
Thomas freute sich auf die anstehenden Erfahrungen.
Wie gewohnt deckten sie sich noch mit Verpflegung ein und machten sich auf den Weg in das Naturreservat. Als sie das Gebiet erreicht hatten, stellten sie die Räder ab und ketteten sie fest.
Sie sahen sich um, weit und breit war noch kein Mensch zu sehen.
Schließlich nahmen sie einander in den Arm und sahen sich an.
„Guten Morgen“, grinste Thomas.
„Guten Morgen“, erwiderte Georg. Endlich konnten sie sich küssen. Sanft, verhalten, nicht überschwänglich. Eher vorsichtig und zärtlich.
„Darauf hab ich mich gefreut“, gestand Thomas.
„Ich mich auch“, hörte Georg sich entgegnen. „Doch, ja.“
Thomas hätte noch viel mehr sagen wollen, fürchtete aber, dass es zu viel sein könnte. Vielleicht ein andermal. Nicht jetzt.
Georg überlegte, ob er Thomas von der Decke erzählen sollte, von der Erinnerung an die Nähe, die er damit verband. Und davon, wie gerne er sich gestern Abend in den Duft von Thomas gekuschelt hatte und darin wohlig eingeschlafen war. Aber das schien ihm jetzt zuviel zu sein. Vielleicht ein andermal. Nicht jetzt.
Sie gingen in das Gebiet hinein und begannen, die von ihnen ausgearbeiteten Strecken abzugehen. Damit verbrachten sie den gesamten Vormittag.
Für das Mittagessen ließen sie sich an einer windgeschützten Stelle am Strand nieder. Der lange Regen vom Vortag hatte einen Schwall Warmluft mitgebracht. Georg zog sich wieder Pullover und Shirt aus. Thomas tat es ihm gleich und grinste nur. Zunächst aßen sie in aller Ruhe. Eine Stunde konnten sie sich gönnen, denn am Abend wollten sie möglichst bis kurz vor der Dunkelheit im Naturschutzgebiet arbeiten. Georg breitete seinen Pullover aus und legte sich darauf.
Thomas rutschte neben ihn. „Hallo, schöner Mann. Ist hier noch frei?“
„Klar doch“. Georg hatte die Augen geschlossen und die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
Thomas nahm ein wenig Sand und ließ ihn vorsichtig in die Achselhaare von Georg rieseln.
Georg öffnete ein Auge und sah ihn an. „Was gibt das, wenn es fertig ist?“
Thomas guckte schnell zum Himmel, als würde er etwas suchen. „Was meinst du?“
Georg schnappte ihn sich und rollte sich auf ihn. „Nur so“, brummte er.
Thomas schlang die Arme um ihn. „Ich hab dich heute Früh echt irgendwie vermisst“, rutschte es ihm heraus.
Georg lächelte. „Da hatte ich es ein wenig besser.“
„Wieso?“, wollte Thomas wissen.
„Die Bettdecke roch noch nach dir“, sagte Georg sanft. „Das war schön.“ Er zögerte und überlegte, ob er das, was ihm auf dem Herzen lag, sagen konnte oder wollte. Keine Geheimnisse. „Aber das Original wäre mir durchaus lieber gewesen“, fügte er hinzu, und Thomas spürte, dass Georgs Herz stärker schlug.
Thomas strich ihm über die Wange. „Du bist echt lieb, weist du das?“
Georg senkte den Blick und machte nur „Hmm“.
„Was denn?!“ Thomas knuffte ihn in die Seite.
„Ich kann mit solchen Sprüchen nicht gut umgehen“, sagte Georg zögerlich.
„Das war kein Spruch. Ich hab das ernst gemeint.“ Thomas schaute ihm direkt in die Augen.
„Weiß ich doch“, erwiderte Georg. Er näherte sich mit seinen Lippen, und sie küssten sich leidenschaftlich. So wie am Vorabend, lange, ausdauernd, ihre Zungen spielten miteinander, liebkosten sich, während die Hände den Körper erkundeten. Nach einiger Zeit ließen sie voneinander ab.
„Das hätten wir uns vorgestern hier draußen noch nicht getraut“, bemerkte Thomas.
Georg guckte sich um und schien ein wenig erstaunt. „Stimmt“, gab er zu. Dann sah er Thomas wieder an und grinste. „Ich bin jetzt zwar ziemlich rattig, aber das schaffe ich hier noch nicht.“ Er rollte sich von Thomas herunter und legte sich neben ihn.
„Macht ja nichts“, sagte Thomas und strich über die Wölbung in Georgs Schritt. „Wir müssen eh mal weitermachen, glaube ich.“ Er sah auf seine Uhr.
„Stimmt.“ Georg setzte sich auf und befreite sich so gut es ging vom Sand.
Thomas stand auf und klopfte sich ab. „Das geht nur mit ner Dusche weg, glaub ich.“
Georg hielt ihm eine Hand hin und Thomas zog ihn hoch, dabei auch direkt noch einmal an sich. „So ein Zufall, duschen muss ich heute Abend auch“, raunte er.
Georg kniff ihn leicht in die Brust. „Gute Idee“, gab er zu.
Beide klopften sich gegenseitig ab und zogen ihre Sachen an.
Auch am Nachmittag liefen sie die Routen ab, machten sich Notizen und arbeiteten die vorbereiteten Inhalte für die Exkursion aus. Ihre Zusammenarbeit hatte sich verändert. Die Nähe zwischen ihnen war intensiver geworden. Wenn sie sich ansahen, hielten sie den Blicken stand, wichen nicht mehr aus. Immer wieder nahmen sie kurz Tuchfühlung auf, über viele Dinge mussten sie nicht diskutieren, sondern sie ergaben sich einfach. Sie verstanden sich ohne viele Worte, fanden Lösungen für Probleme und entwickelten Vorschläge für die Besprechung am Donnerstag. Eine gewisse Leichtigkeit lag in ihnen, sie konnten sein, wie sie sich fühlten.
„Wenn wir morgen auch so gut durchkommen, haben wir am Mittwoch alles, was wir brauchen und können die Führungen gut planen“, freute sich Georg.
Direkt nach Einbruch der Dunkelheit hatten sie sich auf den Rückweg gemacht und ihre Notizen im Institut deponiert. Es war doch später geworden, als sie es ursprünglich vorgehabt hatten. Sie waren müde und mal wieder recht hungrig.
Georg sah auf seine Uhr. „Mist, ich hab nicht eingekauft. Och nö!“
„Hast du nichts mehr?“, fragte Thomas.
„Nee, der Kühlschrank ist leer.“ Georg zog die Mundwinkel hinab.
„Also bin ich heute dran. Wir können zu mir fahren, ich hab noch was.“
Sie schwangen sich auf die Räder und fuhren die drei Kilometer zur Pension. Als sie die Räder in der Garage abstellten, wurden sie von Frau Jakobs entdeckt.
„Hallo Thomas! Oh schön, du hast den Georg mitgebracht! Habt ihr Hunger? Ich hab noch was in der Küche.“ Sie sah an den beiden hinauf.
Thomas und Georg sahen sich an. „Warum nicht?“ Die Aussicht auf ein leckeres Essen aus dem Hause Jacobs war einfach zu verlockend. „Ja, wir haben Hunger. Danke für das Angebot.“
Frau Jakobs wackelte in Richtung Haustür. „Die Gäste vom Abendessen sind weg, es ist noch etwas da, Jungs. Ich bin froh, wenn ich euch noch was Gutes tun kann.“
„Das ist prima, Frau Jakobs“, gab Thomas zurück. „Wir duschen noch schnell, sonst machen wir alles voller Sand.“
„Macht das, Jungs, ich kümmere mich um alles. In einer halben Stunde könnt ihr essen.“
Sie bedankten sich und gingen die Treppe hinauf. Vor Thomas’ Zimmer zogen sie die Schuhe aus. „Lass uns die Klamotten ins Bad bringen, sonst ist nachher alles voller Sand“, schlug Thomas vor. Er nahm Georg den Rucksack ab und stellte ihn mit seinem eigenen in sein Zimmer, öffnete die Tür des Badezimmers und bugsierte Georg hinein.
Dieser schien etwas überrascht und wies in Richtung Flur. „Und jetzt?“
Thomas grinste und begann, Georgs Pullover hochzuziehen.
„Einfach die Klappe halten“, sagte er und küsst ihn.
Thomas lieh Georg ein Shirt und eine Jogginghose, dann gingen sie hinunter in den Speiseraum der Pension. Frau Jakobs hatte einen Tisch gedeckt, sogar eine Kerze stand in der Mitte. Georg schaute etwas irritiert, überging dies aber.
Sobald sie die Treppe hinter sich gelassen hatte, erschien Frau Jakobs mit zwei gut gefüllten Tellern. „Salat kommt noch!“, trällerte sie und stellte die beiden Teller auf den Tisch. Das Essen duftete sehr gut.
„Das sieht aber lecker aus, Frau Jakobs“, lobte Thomas.
„Jungs, das wäre alles weggekommen. Wäre doch schade gewesen, oder? Lasst es euch schmecken, ihr seht aus, als könntet ihr es gebrauchen.“
„Danke“, gaben Thomas und Georg im Chor zurück.
Frau Jakobs ging zurück in die Küche.
Sobald sie fort war, ergänzte Thomas leise und süffisant: „Vor allem müssen wir den kleinen Eiweißverlust von vorhin ausgleichen.“
„Vor allem ‚klein’“, brummte Georg. „Das sagt der Richtige.“
Thomas nahm einen Bissen. „Nur keinen Neid. Hast du gar nicht nötig.“
Sie kicherten kurz möglichst leise, aßen in aller Ruhe und genossen die Stärkung nach dem anstrengenden Tag.
„Mögt ihr ein Bier?!“ Frau Jakobs streckte den Kopf aus der Durchreiche am Tresen. „Geht aufs Haus“, fügte sie hinzu und lachte herzlich.
Georg beeilte sich, zu schlucken. „Ja, von mir aus gerne!“ Er sah kurz zu Thomas, der nur kauend nickte.
„Dachte ich’s mir doch!“, lachte Frau Jakobs, und kurz darauf erschien sie mit zwei vollen Gläsern mit frisch gezapftem Gerstensaft. „Schön, dass ihr mal hier seid.“ Sie zwinkerte und stellte die Gläser auf den Tisch.
Georg und Thomas schauten sich an. Was wollte Frau Jakobs damit sagen?
„Äh, ja; warum?“, machte Thomas.
Frau Jakobs schien etwas zu erröten und guckte zuerst auf dem Tisch herum und sah kurz zu Georg.
„Na ja, der Thomas ist ja an den Wochenenden in letzter Zeit meistens weg ... Aber das geht mich ja eigentlich auch gar nichts an.“ Sie lächelte Georg an und verschwand wieder in der Küche.
„Was war das jetzt?“, murmelte er. Er blickte kurz in Richtung Küche und sah dann zu Thomas.
„Frag mich was Leichteres“, brummte Thomas zurück. „Vielleicht ahnt sie was.“
Von Georg kam nur sein undefinierbares „Hmm“, und sie aßen weiter.
Später brachte Thomas das Geschirr in die Küche, während sich Georg lieber im Hintergrund hielt.
„Danke, Frau Jakobs, das war richtig lecker. Können wir Ihnen noch helfen?“ Thomas sah sich in der Küche um.
Frau Jakobs scheuchte ihn umgehend raus. „Kommt gar nicht in Frage, Jungs, das stelle ich in die Maschine, und nun ist Schluss für heute.“
Georg und Thomas bedankten sich noch einmal und gingen zurück in Thomas’ Zimmer.
Thomas ließ sich auf dem Bett nieder und zog Georg zu sich. „Ich möchte noch ein wenig mit dir kuscheln, bevor du gehst.“ Er küsste ihn.
Georg legte sich zu ihm auf das Bett. Er wirkte angespannt. „Hoffentlich steht die gute Frau Jakobs jetzt nicht draußen auf dem Flur“, sagte er leise.
Thomas sah zur Tür. „Demnach solltest du nicht so laut stöhnen“, feixte er.
Georg boxte ihn in die Seite, lachte aber.
Sie nahmen sich in die Arme und küssten sich lange und ausgiebig. Thomas spürte genau, dass Georg nicht mehr zulassen würde. Die Vorstellung, Frau Jakobs könnte etwas mitbekommen, war jedoch auch für Thomas nicht angenehm.
„Vielleicht hätten wir das vorhin in der Dusche nicht machen sollen“, meinte Thomas.
„Glaubst du, sie hat was mitbekommen?“ Georg wirkte erschrocken.
„Quatsch“, lenkte Thomas ein. „Sie hat sich um das Essen gekümmert.“ Er grinste frech. „Außerdem waren wir viel zu schnell fertig.“ Er nahm Georgs Gesicht in seine Hände und küsste ihn wieder.
Bei dem Versuch, sich gemeinsam auf die Seite zu rollen, wären sie beinahe aus dem Bett gefallen und mussten lachen.
„Scheiße, stell dir mal vor, wir wären vor paar Wochen bei dem Regen hier gelandet“. Thomas hatte sich mit einem Bein abfangen können.
„Das wäre eng geworden“, bemerkte Georg trocken.
„Schöne Vorstellung“, lächelte Thomas. „Aber damals wäre es echt problematisch gewesen, glaube ich.“
„Aber hallo. Ich glaub, da wäre ich gefahren“, gab Georg zu.
„Ganz sicher.“ Thomas sah nachdenklich aus.
Georg schaute ihn eine Weile an und versuchte, Thomas dort hin zu folgen, wohin dessen Gedanken ihn trugen. „Was ist los?“, fragte er schließlich und strich Thomas über die Brust.
Thomas kam zurück in die Realität und sah Georg in die Augen. Er legte wieder beide Arme um ihn und schmiegte sich an ihn. „Ich finde es schön, dass du da bist, Georg. Ich genieße das sehr.“
Georg drückte ihn an sich. „Ich find es auch schön. Ich merke zwar, dass ich mich teilweise noch unsicher mit allem fühle, aber ich gebe mein Bestes. Glaube ich jedenfalls.“ Er grinste verschmitzt.
Thomas löste sich ein wenig, damit er ihn wieder ansehen konnte. „Georg, ich möchte nicht, dass du etwas machst, was du nicht willst.“
Georg fuhr ihm sanft durchs Haar. „Ich passe schon auf. Das ist nicht alles so einfach für mich, mir gehen noch immer so viele Dinge durch den Kopf.“
„Geht mir auch so. Aber ich fühle mich mit dir trotzdem wohl.“ Thomas überkam eine Furcht, die er nicht näher betrachten wollte. Vielleicht war das, was er jetzt sagte, zuviel, aber er wollte es nicht verheimlichen. „Du bist mir sehr wichtig.“
Georg schluckte. Er strich Thomas über eine Wange. „Du mir auch, Thomas. Und genau daran muss ich mich noch gewöhnen. Diese Gefühle für einen Mann zu haben, ist für mich noch ganz komisch.“
„Welche Gefühle? Mit einem Mann ins Bett zu gehen?“ Thomas riskierte mehr, als er wollte.
„Es geht nicht nur um das sexuelle“, gab Georg zurück. „Du bist mir auch sonst wichtig. Es geht nicht nur darum, dass ich offenbar behaarte Männer geil finde. Es geht viel mehr darum, dass ich mich wohl fühle, wenn du da bist, wenn wir beide unterwegs sind, wenn wir kochen, wenn wir essen. Wenn wir beisammen sind.“ Georg unterbrach sich kurz, gerade so als wolle er Anlauf nehmen.
„Und es geht darum, dass ich dich vermisse, wenn du nicht da bist. Das meine ich.“ Sein Herz schlug heftig und raubte ihm fast den Atem.
Thomas war wirklich sprachlos. Und er rechnete Georg diese Offenbarung hoch an. „Du vermisst mich?“, wiederholte er beinahe ungläubig.
Georg sah zur Seite, dann wieder in seine Augen. „Ja“, knirschte er.
Thomas sah ihm tief in die Augen. Nun wollte er es sagen; nein, er musste es sagen.
„Ich hab dich lieb, Georg. Weißt du das?“ Er schluckte.
Georg zog ihn wieder zu sich und drückte ihn fest an sich. „Das weiß ich, Thomas.“ Er strich ihm über den Rücken. „Ich ..., also weist du ..., ich ...“ Georg hasste sich für dieses Herumgestammel.
Und endlich konnte er es. „Ich dich auch, Thomas. Ich hab dich auch lieb.“
Eine tonnenschwere Last fiel von ihm ab, glitt durch seine Finger, floss hinfort und war von einer Sekunde auf die andere vollkommen ohne Bedeutung. Im Grunde war es doch eigentlich so einfach.
Sie hielten einander fest. Einfach so. Ganz lange. Und es tat gut.
„Und jetzt?“, fragte Thomas in die Stille hinein.
„Was jetzt?“ Georg verstand nicht, worauf Thomas hinauswollte.
„Was passiert als Nächstes?“, wollte Thomas wissen.
Georg zuckte mit den Schultern. „Wir heiraten? Heimlich, und irgendwann sagen wir’s unseren Eltern!“ Da war wieder das spitzbübische Grinsen.
Thomas knuffte ihn so kräftig, so dass Georg sich krümmte. „Du bist blöd!“
Georg bog sich wieder gerade. „Tschuldigung. Ich wollte das nicht lächerlich machen. Aber was bitte soll ich auf so eine Frage antworten?“
Nun zuckte Thomas mit den Schultern. „Weiß nicht, war auch ne beschissene Frage, wenn ich drüber nachdenke.“ Er kuschelte sich wieder an Georg.
„Wenn du hier übernachtest, weiß Frau Jakobs übrigens morgen Früh sofort bescheid, fürchte ich.“
Georg atmete tief durch. „Das wäre dir egal, oder?“, fragte er ruhig.
Thomas hob den Kopf. „Vielleicht, weiß nicht. Es ist mir nicht egal, weil ich weiß, dass es dir nicht egal wäre.“
Georg begann zu schielen. „Immer diese hochphilosophischen Gespräche am späten Abend“, ächzte er. „Aber du hast sicher recht.“ Er versuchte, sich aufzurichten, ohne Thomas aus dem Bett zu werfen.
Thomas versuchte nicht, ihn aufzuhalten. Er ließ die Hand an Georgs Rücken hinab gleiten, während dieser sich aufsetzte.
Georg sah ihn an. „Glaub nicht, dass ich gerne gehe. Aber ich hab damit so in der Form noch ein Problem. Wenn die gute Frau Jakobs uns morgen früh hier zusammen rauskommen sieht ... Ich glaub, das kann ich noch nicht.“ Er fühlte sich schlecht und senkte den Blick zum Boden. „Tut mir leid“, sagte er leise, und Thomas hatte beinahe das Gefühl, dass Georgs Augen feucht wurden.
Thomas setzte sich auch auf und legte einen Arm um ihn. „Hey“, macht er leise. „Schon OK. Ich glaub, ich würde mich auch noch nicht trauen, mit dir draußen Händchenzuhalten.“
Georg sah ihn an. „Du kannst das echt verstehen, ne?“
„Klar.“ Thomas küsste ihn sanft.
„Du bist wirklich klasse, Thomas.“ Georg lehnte den Kopf an Thomas’ Oberkörper.
„Du auch.“ Thomas stand auf und zog Georg vom Bett hoch. „Lass meine Klamotten einfach an, die hole ich mir in den nächsten Tagen zurück.“
„Ich bitte darum“, sagte Georg. Sie nahmen sich noch einmal in die Arme und küssten sich innig.
„Bis morgen“, flüstere Georg.
„Schlaf schön“, gab Thomas zurück.
„Du auch.“ Georg nahm seinen Rucksack und ging zur Tür. Thomas öffnete ihm und sie schauten sich noch einmal an. Ein schneller, vorsichtiger Kuss, und Georg ging durch den Flur, verschwand an der Treppe. Thomas schloss die Tür, trat zum Fenster und öffnete es leise. Georg verließ das Haus und holte sein Rad aus der Garage. Dabei sah er hoch, winkte und radelte in die Dunkelheit.
Die Woche verging schnell. Am Abend waren sie meist todmüde, sei es vom langen Tag an der Luft oder von dem Erstellen der Routen und Vorträge im Institut. Sie waren nicht komplett mit allem fertig geworden, so dass sie den halben Freitag noch arbeiten mussten. Van Bergen hatte das Institut mit der Mittagsfähre verlassen und war unterwegs, um die Exkursionsgruppe an der Universität abzuholen. Thomas und Georg gingen ein letztes Mal ihre Arbeiten und Vorbereitungen durch, dann packten sie alles zusammen. Sie hatten van Bergens Rat noch im Ohr: „Wenn ihr über den Punkt der guten Vorbereitung hinausarbeitet, macht ihr mehr kaputt, als ihr verbessert.“
Am frühen Nachmittag verließen die beiden das Institut.
„Lass uns schnell einkaufen gehen, damit hätten wir das schon mal erledigt“, schlug Thomas vor.
„Gute Idee. Ich hab auch etwa im Kopf, was ich brauche.“ Georg zog seinen Rucksack auf.
Sie fuhren zum Supermarkt und kauften für die nächsten Tage ordentlich ein, da sie vermuteten, in der nächsten Woche dafür nicht viel Zeit zu haben. Thomas half Georg noch dabei, dessen Einkäufe in die Wohnung zu bringen.
„Braucht Frau Jakobs eigentlich dein Zimmer, wenn die Gruppe kommt?“, erkundigte sich Georg.
„Sag doch einfach, wenn ich zu dir kommen soll“, witzelte Thomas.
Georg überging die Bemerkung. „Was machen wir denn heute Nachmittag?“
„Strand?“, schlug Thomas vor. „Ich mag heute nichts Aufwändiges machen. Am liebsten einfach nur rumliegen. Die nächste Woche wird stressig.“
Georg gefiel der Vorschlag. Das Wetter war noch etwas wärmer geworden, und man konnte sich vielleicht schon richtig einige Zeit in die Sonne setzen.
„Gute Idee“, sagte Georg. „Brauchst du noch Sachen von dir?“
Thomas überlegte kurz. „Ich hole was zum Wechseln, vielleicht ne kurze Hose oder so was.“
„OK“, gab Georg zurück. „Ich räume hier noch ein wenig auf.“ Sie küssten sich, und Thomas verließ die Wohnung.
Während Thomas auf dem Rad saß, fühlte er Georgs Berührung auf seinen Lippen. Es schien so einfach. Thomas spürte, dass er dabei war, sich in der Rolle eines Partners zu fühlen. Besonders, seit sie sich getraut hatten, offener über ihre Empfindungen zu sprechen. Thomas fürchtete jedoch, dass Georg das Gefühl der Partnerschaft nicht in dem gleichen Maße teilte. Aber darüber wollte Thomas nicht nachdenken.
Georg stand am Fenster und sah Thomas nach. Er fuhr sich mit der Hand über seine Lippen und lächelte. Er fragte sich, ob sich so eine Beziehung zu einem Mann anfühlte. Mehr aber beschäftigte ihn die Angst, mit einer solchen Beziehung an die Öffentlichkeit zu gehen. Von seiner Familie ganz zu schweigen. Er stellte sich vor, mit Thomas am Wochenende Hand in Hand über den Markt zu schlendern. Alle würden sie anstarren, hinter vorgehaltener Hand tuscheln und schnell wegsehen. Ihm kamen Wörter wie „Schwuchtel“, „Schwanzlutscher“ und „Arschficker“ in den Kopf. Er erinnerte sich an seine vorpubertäre Zeit, in der er in seiner Clique mit derartigen Kraftausdrücken versucht hatte, Eindruck zu schinden. Georg fragte sich, ob er eigentlich ganz tief im Inneren schon damals hätte wissen können, dass er sich im Grunde doch eher zu Männern hingezogen fühlte. Er schüttelte den Kopf, so als wolle er diese Gedanken verbannen. Schließlich begann er, ein wenig aufzuräumen.
Frau Jakobs traf mit Thomas im Treppenhaus zusammen, als dieser mit seiner vollen Tasche sich auf den Weg zu Georg machen wollte.
„Na, wieder unterwegs?“, fragte sie mit einem Blick auf die Tasche.
„Ja, ich werde wohl bei Georg übernachten. Wir wollen heute Abend kochen und es uns gemütlich machen. Da werden wohl paar Bierchen fällig sein, da möchte ich nicht mehr durch die Gegend fahren.“
„Das ist vernünftig“, nickte Frau Jakobs. „Ihr seid richtig gute Freunde geworden, der Georg und du, nicht wahr?“
Thomas hoffte, dass er nicht zu verunsichert lächelte. „Ja, das sind wir. Wir verstehen uns richtig gut. Hätte ich nicht gedacht.“
„Schön“, strahlte sie. „Dann lass ihn mal nicht warten. Und grüß ihn bitte.“
„Mache ich, Frau Jakobs! Schönen Tag noch!“ Thomas musste dringend aus der Situation raus. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, Frau Jakobs nicht die Wahrheit zu sagen.
Georg deutete auf eine Stelle im Bereich nahe den Dünen. „Da sieht’s gut aus, oder?“
Sie waren knappe zwanzig Minuten gegangen und suchten ein schönes Eckchen am Strand, um dort den Rest des Nachmittags zu verbringen.
„Prima“, stimmte Thomas zu.
Die Stelle lag etwas geschützter vom Wind, der zum Glück ablandig wehte. Die Sonne schien und wärmte den Sand schon etwas besser. Ganz vereinzelt hatten sich erste Touristen auf dem Strandbereich verteilt. Man kam sich aber noch nicht näher, als höchstens fünfzig Meter. Sie hatten sich schnell niedergelassen und die Shirts ausgezogen. Zum ersten Mal trugen sie kurze Strandhosen und darunter Badehosen. Man konnte ja nie wissen.
Georg hatte ein Frisbee mitgenommen und sie spielten eine Weile ausgelassen.
Einmal hatte Thomas den Eindruck, dass zwei junge Frauen sie länger beobachteten. Sie gingen am Strand spazieren und sahen öfters zu den beiden jungen Männern hinüber.
Thomas und Georg beendeten irgendwann ihr Spiel und setzten sich auf ihre Matten. Thomas nahm eine Wasserflasche aus seiner Tasche, trank einen Schluck und reichte sie an Georg weiter.
„Guck mal, die beiden Strandschönheiten da drüben.“ Thomas wies möglichst unauffällig mit dem Kopf zu den beiden jungen Frauen.
„Was ist mit denen?“, fragte Georg.
Thomas grinste. „Die überlegen sicher schon, wer von denen sich wen von uns beiden gerne angeln möchte.“
Georg sah kurz auf. „Ich würde die Brünette nehmen“, entgegnete er ungerührt.
Thomas fuhr zusammen. „Bitte!?“
Georg vermied es, ihn anzusehen. „Klar. Wenn ich die Wahl hätte.“
„Das ist jetzt nicht dein Ernst!“ In Thomas stieg plötzliche Panik hoch.
Georg blieb sachlich. „Ich fand früher brünette Frauen klasse. Ist einfach so.“
„Aha“, machte Thomas und sah auf die See hinaus.
„Thomas?“ Georgs Stimme nahm eine gewisse Schärfe an.
„Was!?“ Thomas sah ihn an, auf seiner Stirn standen Falten.
Georg warf ihm einen Kuss zu. „Nimm es einfach hin. Ich hab nämlich mal echt gedacht, ich sei völlig hetero“, spöttelte er und strich ihm schnell über den Rücken.
Thomas fuhr sich durch die Haare und ließ den Kopf hängen. „Sorry“, sagte er kleinlaut. „Wegen so zwei Schnepfen mach ich hier so einen Aufstand.“
Georg legte sich hin und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Na ja, war auch nicht besonders taktvoll von mir.“
Thomas legte sich neben ihn auf die Seite und schaute ihn an. „Mag sein.“ Er wollte noch etwas über seine Ängste sagen, entschied sich aber dagegen. „Wenn ich dich jetzt küsse, gehen die bestimmt“, witzelte er. „Aber dann kriegst du nen Schreikrampf, fürchte ich.“
Georg blinzelte ihn an. „Könnte sein. Lassen wir das bitte lieber. Was nicht heißt, dass ich nicht Lust hätte, dich zu küssen.“
Thomas formte mit den Lippen einen Kuss und murmelte: „Ich hab dich lieb.“
Georg nahm eine Hand hinter dem Kopf hervor und strich ihm kurz über die Brust. „Ich dich auch“, gab er zurück.
„Mann“, kicherte Thomas. „Die Geste war ja jetzt mal so was von hetero.“
Georg nahm die Hand wieder hinter den Kopf. „Ach halt doch die Klappe!“ Aber er prustete leise vor sich hin.
Die beiden jungen Frauen gingen weiter den Strand entlang und schauten nicht noch einmal zurück.
Thomas legte sich auf den Bauch und sah sich eine Weile die wenigen Menschen am Strand an.
„Irgendwann will ich draußen irgendwo mit dir Sex haben“, sagte er versonnen.
Georg hob den Kopf. „Hä?“
Thomas wandte sich zu ihm. „Welchen Teil von dem Satz soll ich dir denn genauer erläutern?“
Georg hob die Brauen. „Eigentlich nix, es kam grad nur so plötzlich.“ Er grinste frech.
Thomas drehte sich auf die Seite. „Oder wir nehmen ein Boot“, begann er. „Wir fahren damit auf einen der kleinen Binnenseen. Aber erst im Sommer, wenn es richtig heiß ist.“
Georg drehte sich ebenfalls und sah Thomas an. „Und dann?“
„Wir liegen in dem Boot in der Sonne und gehen irgendwann schwimmen.“ Thomas grinste immer breiter.
Georg hörte einfach nur zu.
„Natürlich“, fuhr Thomas fort, „müssen wir danach die nassen Klamotten ausziehen.“
„Klamotten? Was für Klamotten?“, fragte Georg schmunzelnd.
Thomas stützte den Kopf in eine Hand und ignorierte Georgs Bemerkung. Er sah sehr sinnlich aus, als er Georg anschaute. „Ich streichele dich dann ganz lange. Überall. Ich verwöhne dich den ganzen Tag.“
Georg fuhr sich mit der Zunge über seine Lippen. „Klingt gut.“
Thomas beugte sich zu Georg und flüsterte ihm ins Ohr. „Ich blas dir deinen Schwanz, bis du um Gnade flehst.“ Thomas wurde rot.
„Also sag mal!“ Georg schüttelte den Kopf. „Solche Worte aus deinem Mund!“ Er sah Thomas mit einer Mischung aus echter und gespielter Überraschung an.
Thomas senkte den Blick und sah schnell woanders hin. Er wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was oder wie. Ihm war die Situation plötzlich sehr peinlich.
„Du machst dich!“ Georg stupste ihn auf die Brust.
„Hör auf“, sagte Thomas und runzelte die Stirn.
„Was denn?!“ Georg verstand nicht genau, was los war.
Thomas fühlte sich unwohl. „Ich find’s eigentlich total blöd, solche Sachen zu sagen. Das ist doch, wie in nem billigen Porno.“
Georg setzte sich auf und zuckte mit den Schultern. „Ach, passt schon.“
Thomas sah zu ihm hoch. „Ja, kann sein.“ Wirklich überzeugt klang er nicht.
Georg ließ ihm ein paar Augenblicke Zeit. „Magst du ins Wasser gehen?“
Thomas sah sich um. Der Strand war praktisch leer, hier und da schlenderten ein paar Menschen am Wasser entlang, aber es sah aus, als würden sie sich auf den Heimweg machen. Er war außerdem froh, das Thema wechseln zu können.
„Ja, komm.“ Er stand auf.
Georg stemmte sich hoch und sie gingen an die Wasserlinie. Die erste kleine Welle umspülte ihnen kalt die Füße. Bislang trauten sich nur wenige der Strandbesucher ins Meer zu gehen.
„Immer noch scheißkalt!“, kam es von Georg.
„Aber hallo“, hauchte Thomas.
Georg klatschte ihm auf den Bauch. „Los jetzt!“
Sie rannten los und stürmten grölend in das kalte Wasser. Ein paar Minuten tobten sie herum, begleitet vom verständnislosen Kopfschütteln einiger Augenzeugen, die sich das Spektakel aus sicherer Entfernung ansahen. Als die Kälte ihnen doch etwas zu viel wurde, eilten sie zurück zu ihren Sachen. Noch war die Sonne lange nicht warm genug, um sich einfach so von ihr trocknen zu lassen. Georg streifte sich seine Badeshorts ab und rieb sich schnell mit seinem Handtuch trocken. Thomas sah zunächst etwas ungläubig zu, blickte sich um und merkte, dass er nur die Wahl hatte zwischen einer Blasenentzündung und der Tatsache, sich jetzt die nasse, kalte Hose auszuziehen. Er entschied sich gegen die Blasenentzündung und nahm sein Handtuch aus dem Rucksack. Georg hatte sich sein Handtuch um die Hüfte gewickelt und saß wieder auf seiner Matte. Er schaute Thomas zu. Thomas bemerkte es und lächelte verlegen. Er wandte Georg den Rücken zu, als er sich ebenfalls sein Handtuch um die Hüfte band und sich neben ihn setzte.
Georg sah scheinbar unbeteiligt zu ihm, sagte aber nichts, sonder guckte einfach etwas frech.
Thomas sah auf das ruhige Meer hinaus, während ihn Georg mehr oder weniger unauffällig von der Seite weiter anschaute. Irgendwann wurde es Thomas zu blöd und er wandte sich Georg zu.
„Ja, OK! Ich hab ne Latte. Zufrieden?!“ Er versuchte die Beine übereinander zu schlagen, was ihm aber misslang. Schließlich setzte er sich in den Schneidersitz und zog das Badetuch im Schritt zusammen.
„Macht doch nix“, entgegnete Georg. „Peinlich?“
Thomas sah sich um. „Ist ja zum Glück keiner da“, brummte er und wirkte genervt.
„Was ist denn daran jetzt so schlimm?“, wollte Georg wissen.
Thomas zuckte mit den Schultern. „So halt. Muss ja nicht jeder sehen, oder?“
„Aber hier ist doch keiner, und es sieht auch niemand“, gab Georg zurück.
„Ich fühl mich trotzdem nicht wohl damit.“ Thomas vermied es, Georg anzusehen.
Georg schaute ihn an. „Irgendwie finde ich das echt Süß.“
Thomas wusste nicht, ob er sich darüber jetzt ärgern sollte oder nicht.
„Warum?“, fragte er.
Georg legte sich auf die Seite, wobei er sich auf einen Ellenbogen stützte. „Ich will das jetzt wirklich nicht irgendwie ins Lächerliche ziehen oder großartig strapazieren“, begann er. „Ich find’s irgendwie schön, dass du nicht so völlig schamlos bist.“
Thomas erwiderte den Blick und machte relativ verständnislos „Aha“.
„Ich meine das ernst, Thomas“, legte Georg nach. „Ich muss mein Ding auch nicht ständig offen in der Gegend rumtragen, schon gar nicht, wenn ich nen Ständer habe. OK, ich mach gerne FKK, aber da machen das alle, da ist das ne andere Stimmung. Hab ich dir ja schon mal gesagt.“ Georg machte eine kurze Pause, dann fuhr er fort. „Ich hab mal ein Pärchen beim Sex in den Dünen erwischt. Die waren über den Zaun vom Schutzgebiet geklettert und hatten da in den Dünen ihren Spaß. Ich weiß nicht, wem das peinlicher war. Denen oder mir.“
Thomas glaubte, langsam zu verstehen, worum es Georg gerade ging. Er malte irgendwelche Muster in den Sand, während er sprach. „Ich hab manchmal das Gefühl, dass ich total verklemmt bin. Ich meine, du ziehst dich hier einfach so am Strand um, egal, ob jemand da ist oder nicht.“
Georg nickte. „Ich sehe das ziemlich nüchtern, Thomas. Ich hab hier schon total oft Leute nackt ins Wasser rennen sehen, wenn wenig los ist. Hier ist zwar kein offizielles FKK, aber solang sich keiner aufregt, ist es ja OK. Und das mit dir zu machen, ist für mich auch OK. Ich wäre hier in der Öffentlichkeit gar nicht in der Lage, nen Ständer zu kriegen.“
Thomas sah ihn nur kurz an, widmete sich aber wieder seinen Kritzeleien im Sand.
Georg fuhr fort. „Außerdem halte ich dich nicht für verklemmt. Zumindest nicht nach dem letzten Wochenende.“ In seiner Stimme lag kein Sticheln oder Zynismus. Er meinte es völlig ernst und ehrlich.
Thomas konnte zunächst nicht viel damit anfangen. „Ich wäre in mancher Hinsicht gerne lockerer. Vielleicht auch risikofreudiger. Ich meine, ich hab ne große Klappe, von wegen, dass ich Sex mit dir hier draußen haben will und so. Aber ich fürchte, dass ich kneife, wenn es soweit wäre.“ Er wischte die Linien mit einer harschen Bewegung seiner Hand weg und sah wieder zu Georg.
„Das“, entgegnete dieser, „musst du mit dir selber ausmachen. Ich kann dir nur sagen, dass ich es im Grunde gut finde, dass du keinen Hang zum Exhibitionismus hast. Ein gutes Maß an Diskretion und ein Rest Schamgefühl hat noch niemandem geschadet, glaube ich.“
Die Sachlichkeit in Georgs Stimme gefiel Thomas und tat ihm auch gut. Jedoch wusste er nicht, was er darauf erwidern sollte. Zumindest war er mittlerweile in der Lage, sich ebenfalls auf die Seite neben Georg zu postieren, ohne dass er sich genieren musste. Von seiner Erregung war nichts mehr übrig.
Sie schwiegen eine Weile. Georg griff nach seinem Rucksack und förderte zwei Müsliriegel hervor. „Magst du?“
Thomas nickte. „Klar, gerne.“ Georg gab ihm einen Riegel, und sie aßen schweigend.
Die Sonne stand inzwischen schon tiefer. Georg zog sich seine Shorts und den Pullover über. „So langsam wird’s frisch“, bemerkte er.
Thomas tat es ihm gleich. „Stimmt. Wir können uns auch bald auf den Weg machen, glaube ich.“
Georg nickte. „Ja. Da haben wir noch mehr vom Abend.“ Nun konnte er sich ein Grinsen nicht verkneifen. Thomas konnte es nicht richtig erwidern, das Gespräch hatte ihn nachdenklich gemacht. Aber er freute sich auf das Beisammensein mit Georg. Wenig später verließen sie den Strand und fuhren mit den Rädern zu Georgs Wohnung.
Sie bereiteten zusammen ein einfaches Abendessen und aßen gemütlich, machten sich an den kleinen Abwasch und waren froh, als sie alles erledigt hatten.
Thomas zog Georg zu sich heran, in dem er ihm die Hände um die Hüften legte. Sie küssten sich. „Wir schmecken wieder nach Meerwasser“, bemerkte Georg.
„Dann lass uns das doch mal ändern.“ Thomas fuhr ihm unter das Shirt, streifte es hoch über Georgs Kopf und bugsierte ihn in Richtung Bad. Georg begann, Thomas’ Hose zu öffnen. Auf dem kurzen Weg zum Bad hatten sie eine Spur von Kleidungsstücken hinterlassen. Sie mischten sich die Wassertemperatur und stiegen in die Kabine. Genüsslich ließen sie das warme Wasser über sich laufen, wuschen einander die Haare, seiften sich gegenseitig ein, küssten sich immer wieder und liebkosten sich zärtlich und innig. Sie hatten beide keinerlei Scheu mehr, den anderen auch im Intimbereich zu berühren, jedoch wollten sie diesmal beide nicht bereits hier bis zum Letzten gehen. Sie drehten das Wasser ab, trockneten sich gegenseitig sanft mit Duschtüchern und gingen in das Wohnzimmer zurück. Während Georg eine CD aussuchte, setzte sich Thomas auf das Bett. Georg trat noch zu einem Schrank und nahm zwei Kerzen heraus, die er auf den kleinen Tisch stellte und entzündete, bevor er das Deckenlicht löschte.
„Wie romantisch“, bemerkte Thomas lächelnd. Er freute sich wirklich, dass Georg sich offenbar Mühe gab und gute Ideen hatte.
„Ist mal was anderes“, brummte Georg, als er sich zu Thomas auf das Bett setzte. Sie wandten einander zu, schlangen die Arme umeinander und ließen sich auf die Matratze sinken. Ihre Lippen trafen sich, sie küssten sich leidenschaftlich und lange. Dabei streichelten sie einander unablässig am ganzen Körper. Die Unsicherheiten der ersten Begegnungen waren kaum noch spürbar. Vielmehr erkundeten sie den anderen Körper zunehmend forscher aber auch mit viel Achtsamkeit und sehr zärtlich. Mittlerweile lagen sie vollends auf dem Bett und waren genüsslich ineinander verschlungen. Georg fuhr mit der Hand durch Thomas’ Behaarung und suchte den Weg in den Schritt. Dort angekommen glitt er mit der Handfläche den harten Schaft des Gliedes entlang und nahm Thomas’ Hodensack in die Hand.
„Fühlt sich schon anders an, als der Rest. So glatt rasiert, meine ich“, bemerkte er. Er rutschte ein wenig tiefer und besah sich die Region in Ruhe. „Schneidest du dich nicht dauernd?“, wollt er wissen und verzog das Gesicht.
„Nee“, sagte Thomas und kraulte ihn am Kopf. „Das ist aber Übungssache. Geht mit nem guten Nassrasierer ganz gut. Mit nem Einwegteil hätte ich mich bestimmt schon kastriert.“
„Was ich persönlich sehr schade fände“, gab Georg zurück und fuhr mit den Fingerspitzen die Adern am Glied von Thomas nach. Dann zog er die Vorhaut gänzlich zurück und stimulierte vorsichtig die Unterseite der Eichel. Thomas schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken.
„Du tropfst“, kommentierte Georg nüchtern die körperlichen Folgen seiner Berührungen.
„Mmhhmm“, konnte Thomas nur machen, sah dabei auch wieder zu Georg hin.
Dieser strich mit dem Finger den Lusttropfen von der Eichel ab und betrachtete ihn eingehend. Thomas sah ihm zu, sagte aber nichts. Er war einfach nur gespannt, was Georg vorhatte.
Georg sah ihn an und schaute wieder auf die fremde Flüssigkeit auf seinem Finger. Thomas glaubte, einen regelrechten Entscheidungskampf bei Georg zu erkennen, der in dem Augenblick beendet war, als Georg die Augen schloss und sich den Finger in den Mund steckte. Thomas erschrak ein wenig und rechnete jetzt mit so ziemlich allem. Vor seinem inneren Auge sah er Georg aufspringen und zum Bad stürzen, wo er sich übergab oder sich zumindest mit einem Reinigungsmittel den Mund spülte. Doch dergleichen geschah nicht. Georg richtete seinen Blick auf Thomas, der seinerseits einfach nur lächelte und Georg wieder durch die Haare kraulte.
„Und?“, fragte Thomas schließlich vorsichtig.
„Lecker“, entgegnete Georg kühl und musste kichern. „Nee, im Ernst. Geht so. Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt. Schmeckt auch nicht anders, als meins.“ Er sah in Thomas’ Augen, die ihn zwar ernst aber sehr sanft ansahen.
„Ich finde das super schön“, sagte Thomas leise.
„Wieso?“, wollte Georg wissen.
„Weil ich weiß, dass dich das tierische Überwindung kostet.“
Georg strich ihm wieder über den harten Schaft, beugte sich langsam vor und gab einen vorsichtigen Kuss darauf. „Und weist du, was ich echt schön finde?“
„Nein“, sagte Thomas. „Was denn?“
Georg legte seinen Kopf auf Thomas’ Unterleib. „Mir tut es gut, dass ich mit dir einfach so Sachen ausprobieren kann, ohne mir doof vorkommen zu müssen, weil ich dir nicht längst mal eben einen geblasen habe.“ Er machte eine kurze Pause. „Du drängst mich zu nichts. Das ist gut.“ Er hob den Kopf, und ihre Blicke trafen sich.
„Was hätte ich davon, dich zu drängen?“, gab Thomas zurück.
Georg legte seinen Kopf wieder hin. „Vermutlich langfristig nichts“, bemerkte er und kitzelte sanft den Hodensack. Als Nächstes stützte er sich auf die Unterarme und begab sich zwischen Thomas’ Beine. Er küsste die Innenseite der Schenkel und tastete sich langsam höher. Er besah sich den Hodensack aus der Nähe, strich den Übergang vom Rumpf mit den Fingern nach und küsste auch ihn schließlich.
„Kein Wunder, dass du meistens so viel abspritzt“, meinte er.
„Warum?“ Thomas hob den Kopf und sah an sich entlang.
Georg grinste frech zu ihm herauf. „Du hast ziemlich dicke Eier, wenn ich das mal so sagen darf.“
„Achso“, machte Thomas und kicherte nun seinerseits.
Georg stupste den Sack mit der Nase an, dann mit der Zungenspitze. Noch einmal und noch einmal, irgendwann leckte er ihn genüsslich und fuhr mit der Zunge die Umrisse des Hautsacks nach. Allmählich arbeitete er sich nach oben zum Penis vor. Er nahm das harte Glied in die Hand und richtete es von der Bauchdecke weg. Mit der Zunge umspielte er die Wurzel und glitt langsam am Schaft entlang nach oben und wieder zurück. Bis zur Eichel traute er sich noch nicht, aber Thomas spürte, dass Georg regelrecht Anlauf nahm.
„Magst du dich mal anders hinlegen, damit ich hier oben auch was zu tun bekomme?“, schlug Thomas vor, der eine Idee hatte.
Georg hielt inne und schaute zuerst etwas unverständlich. Er ließ von Thomas ab und sagte einfach: „Mach mal.“
Thomas sortierte sie beide solange, bis schließlich jeder die steife Männlichkeit des anderen vor Augen hatte.
„Wie praktisch“, gab Georg zu.
„Eben“, kommentierte Thomas. „Wird ja sonst langweilig.“ Er zwinkerte und griff nach Georgs Glied, während er begann, mit der Zunge am Hodensack herum zu kitzeln. Georg nahm seine Entdeckungsreise wieder auf. Er ließ sich von dem, was Thomas bei ihm vollführte, ein wenig inspirieren, was Thomas seinerseits bemerkte. Ab und zu nahmen sie Blickkontakt auf. Sie glitten mit der Zunge beide am dicken Schaft des anderen entlang. Thomas verlangsamte seine Bewegungen, hielt kurz vor Georgs Eichel inne und glitt wieder zurück zur Wurzel. Georg tat es ihm gleich, wenn auch nicht ganz bis zum unteren Ende zurück. Er blieb auf halber Höhe zunächst stehen und bewegte sich wieder zurück in Richtung Eichel. Thomas ließ wiederum seine Zunge an Georgs Glied hinauf wandern und sah dabei zu, wie sich Georg der Eichel näherte und sie auf der Unterseite küsste. Mit der Zunge spielte er mit Thomas’ Bändchen. Thomas hingegen umfuhr der Rand von Georgs Eichel mit der Zunge. „Hab ich dir eigentlich schon mal gesagt, dass ich beschnittene Schwänze total schön finde?“, fragte Thomas.
„Da hab ich ja Glück“, entgegnete Georg. Dann küsste er Thomas auf die Oberseite der Eichel. Dieser tat bei Georg das Gleiche, küsste ihn auf die Spitze und ließ Georgs Eichel sanft in seinen Mund hinein und wider heraus gleiten. Georg zögerte.
„Du musst nicht“, sagte Thomas leise.
„Ich weiß“, antwortete Georg. Er leckte vorsichtig an der Eichelspitze von Thomas, umschloss sie schließlich mit seinen Lippen und saugte sie vorsichtig in den Mund ein. Genauso langsam ließ er den Penis wieder herausgleiten. Thomas stöhnte leise.
„Wehe, wenn du mir in den Mund spritzt“, brummte Georg.
„Mach ich schon nicht, ich warne dich früh genug.“ Thomas griff kurz herüber und wuschelte durch Georgs Haare. Dann nahm er sich dessen Glied vor und begann es genüsslich mit dem Mund zu bearbeiten, während Georg verhalten aber immer sicherer das Glied von Thomas mit der Zunge verwöhnte. Georg schmeckte den ungewohnten Geschmack des Vortropfens und bemerkte, dass es ihn richtig anspornte, Thomas weitere Lust zu verschaffen. Er spürte aber auch, dass er nicht mehr lange brauchen würde, wenn Thomas ihn seinerseits weiter so bearbeiten würde. Georg bemerkte auch, dass der Penis, den er mit seinen Lippen umschloss, noch härter wurde und zu pumpen begann.
„Vorsicht, es kommt gleich“, ächzte Thomas. Beinahe instinktiv lösten sie ihre Stellung gemeinsam auf, legten sich wieder mit den Gesichtern auf eine Höhe, legten sich einander in einen Arm, während sie mit der freien Hand den Penis des anderen stimulierten. Sie wandten sich einander zu, sahen sich an, küssten sich leidenschaftlich, stöhnten, umschlangen einander mit den Beinen. Sie vergruben den Kopf gegenseitig zwischen Schulter und Hals, ihr Keuchen wurde stärker und lauter, sie küssten sich wieder, rangen nach Atem. Ihre Bewegungen wurden schneller, sie stimulierten sich immer heftiger, während sie den Schweiß des anderen vom Körper küssten, die freie Hand in den Nacken des anderen legten, sich wechselnd aneinander zogen, fast blind und taub vor Erregung und Lust gemeinsam in die Extase taumelten und schließlich beinahe gleichzeitig zum Höhepunkt kamen. Dabei Umarmten sie einander, schwitzend, keuchend, leicht zitternd und außer Atem. Nass von Schweiß und ihrem Saft wälzten sie sich übereinander, versuchten, den anderen mit jedem Millimeter der eigenen Haut zu berühren und zu spüren. Nichts wollten sie vom anderen missen, kein Atom des Duftes sollte verschwinden, ohne aufgenommen worden zu sein. Nicht mehr loslassen wollten sie sich, sondern nur noch fühlen. Fühlen. Fühlen.
„So was hab ich noch nie erlebt“, sagte Thomas irgendwann leise in die Stille hinein, während er sein Gesicht noch immer an Georg vergrub. So ganz allmählich spürte er, dass er wieder sprechen konnte.
Georg atmete tief und gleichmäßig, als ob er schliefe. Aber er versuchte nur, seinen Herzschlag wieder auf ein normales Niveau zu regulieren. Außerdem war er völlig erschöpft. „Ja“, brachte er hervor, „das war neu.“
Ganz vorsichtig lösten sie sich ein wenig voneinander, geradeso als wäre ihre Nähe aus Glas und so zerbrechlich wie ein Insektenflügel. Sie schauten sich an, streichelten sich gegenseitig die Wangen und küssten sich zärtlich.
„Und du warst ganz schön laut, glaube ich“, bemerkte Thomas, wobei er sich ein zufriedenes Grinsen nicht verkneifen konnte.
„Echt?“ Georg runzelte ein wenig die Stirn.
„Ja. Wenn es vorher vielleicht noch keiner im Haus mit bekommen hat, wissen es jetzt zumindest die in der Wohnung unter uns.“ Thomas konnte sich eine kleine Neckerei nicht verkneifen, wobei ihm klar war, dass es nicht völlig aus der Luft gegriffen war; so ganz lautlos war ihre Lust in der Tat nicht geblieben.
Georg zuckte letztlich mit den Schultern. „Was soll’s“, meinte er schließlich. „Ist jetzt eh nicht mehr zu ändern.“
„Stimmt“, schloss Thomas das Thema ab. „Ich hab Durst. Soll ich dir was bringen?“
„Gute Idee“, entgegnete Georg. „Im Kühlschrank ist Apfelsaft. Ich hol mal inzwischen ein Handtuch.“
Sie küssten sich noch einmal innig und standen auf. Während Thomas das Getränk besorgte, holte Georg aus dem Bad mal wieder zwei kleine Handtücher. Sie setzten sich auf die Bettkante und genossen die Erfrischung. Währenddessen begann Thomas, sich die weißen Flocken aus dem Pelz zu zupfen, während Georg sich den Schweiß abwischte und sich hinter ihm wieder auf das Bett legte.
„Na, da bist du jetzt ja erst mal beschäftigt“, kommentierte Georg mit einem neckenden Unterton, während er ihm über den Rücken strich.
„Ich will nur die größten rausmachen. So ein wenig fies ist das ja schon, find ich.“ Thomas piddelte weiter. „Vielleicht sollte ich mir den Pelz mal stutzen.“ Er sah in Georgs fast entsetztes Gesicht.
„Keine Panik, mein Schatz! Nur stutzen, nicht glatt rasieren!“ Thomas hörte er das Echo, seiner Worte in seinem Kopf.
Georg grinste. „Schatz!?“
Thomas wurde knallrot. „Sorry, is mir so rausgerutscht.“ Er wandte sich ab und suchte weiter nach eiweißhaltigen Resten an seinem Körper.
„So hat mich noch kein Mann genannt.“ Georgs Hand glitt wieder über den Rücken von Thomas.
Thomas sackte ein wenig in sich zusammen, hörte mit dem Zupfen auf und sah Georg an.
„Und?“, fragte Thomas.
„Gewöhnungsbedürftig. Aber irgendwie schön“, gab Georg zu.
„Meinst du, du könntest dich daran gewöhnen?“ Thomas ging aufs Ganze, und das wusste er nur zu gut. Er legte Georg eine Hand auf die Brust. „Ich würde mich gerne dran gewöhnen, dich ab und an so zu nennen.“ Er spürte, dass ihm die Augen zu verschwimmen drohten.
Georg biss sich auf die Lippen. „Wenn du es nicht zu sehr übertreibst, könnte ich das vielleicht sogar schaffen“, sagte er leise und ernst.
„Echt?“ Thomas Herz schlug ihm bis zum Hals.
„Ja“, entgegnete Georg schlicht.
Thomas zog die Nase hoch. Er war zunächst unfähig, etwas zu sagen, wandte sich ab und nahm die Hand von Georgs Brust. „Cool“, meinte er schnell, konnte Georg aber nicht anschauen.
Georg richtete sich auf, griff nach Thomas’ Kinn und drehte dessen Gesicht zu sich. „Cool?! Hast du gerade ‚cool’ gesagt? Mehr fällt dir dazu nicht ein?!“ In seiner Stimme mischten sich echte und gespielte Entrüstung.
Er sah die Tränen in Thomas’ Augen. Thomas Unterlippe zitterte. Gefühle und Worte krochen ganz langsam aus dem Herzen in den Hals. Sie konnten nicht mehr dort bleiben, wo Thomas sie so sorgsam verstaut hatte. Es ging nicht mehr. Sie mussten raus, oder würden ihn von innen zerreißen. Die Worte bildeten im Hals einen gewaltigen Klos und kletterten mühsam weiter nach oben, erreichten die Zunge und rutschen beinahe lautlos auf Thomas’ Lippen.
„Ich liebe dich“, flüsterte Thomas und schloss Georg in seine Arme.
Georg erwiderte die Umarmung und hielt Thomas so fest er konnte. Denn eigentlich wollten sie einander wieder nur fühlen. Fühlen. Fühlen.





